mit dir

Mit dir als Vorbild

 

Bin ich eins mit der Welt

Sehe ich klarer denn je

Habe ich den Mut voranzuschreiten

Durchströmt mich Kraft

Will ich höher hinaus

Werde ich immer ehrlich sein

Kann ich den Lieben, den Bekannten, den Fremden entgegentreten

 

Kann Lachen, darf Weinen

Bleibe stark

Bin schwach ohne Reue

Habe Geduld, nehme mir Zeit

Werde leben im Hier, im Jetzt, nie zurück, stets nach vorn

 

Mit dir als Vorbild könnte ich so vieles…

Wie zahlreich

Wie zahlreich sind doch die Dinge,

 

die ich begehr – deren ich nicht bedarf

die da erscheinen überwältigend interessant – die da werden allzu leicht übersehen

die da sind so klar – die stets bleiben unverstanden

die da gehören übergroß – die sind mehr Schein als Sein

 

 

die leuchtend – die blendend

die notwendig – die nutzlos

die traumhaft – die verzerrt

die Hin – die Her

 

die weder schwarz noch weiß

die da grau in grau

die da alle sind menschlich

und nun endlich

und der Blick stiehlt sich durch noch halbgeschlossene Lider

sucht den Spalt nun zwischen Beistelltisch und Gehhilfe

sehnt sich nach Licht

 

und der Blick findet den Weg über Deckenwellen im Nachbarbett

noch leicht verrückt von Kabeln und Chrom

von Stahlgerüst und Hartplastik

 

und der Blick zieht hinweg über blau-grau gestreifte Bezüge

schwarze Stuhllehnen

weiße Vorhänge

 

und der Blick findet endlich die mächtigen grün-belaubten Bäume

die da säumen den Weg

die da winken mit wilden Ästen

die da wanken unter bunt-betupften Wolken

die da mich schließlich zum neuen Morgen begrüßen

 

 

ein…

ein Leben hat Kurven – nicht immer sanft, nicht immer im Gleichklang mit den Lebensträumen… mit den Wünschen und Vorstellung…

ein Kreisel allzu oft – ein Strudel gar, ein Sog in Unklare, ins „Wer weiß was kommt?“…

ein Hoffen und Bangen – ein Festkrallen ans Gewohnte, ans doch so deutlich Vorbestimmte…

ein Stoßen auf Hindernisse – auf Mauern, Gräben, aufklaffende Mäuler mit scharfen Zähnen und spitzen Zungen…

ein…

ein Leben hat Kurven – die sanft werden, blickt man nicht nur noch zurück, lebt man im Hier und Jetzt, nimmt man sich dem Neuen an…

ein wieder Träumen…

ein neue Wünsche haben…

ein andere Vorstellungen entwickeln…

ein Recht zu Hoffen…

ein sich nicht nur Fügen – ein Kämpfen für sich und was geliebt wird…

ein niemals Aufgeben…

und ich warte

Ich warte aufs Warten

Auf eine Klärung der Gefühle

Auf die Gefühle selbst

Auf den Moment

Den Zeitpunkt

Festgesetzt und unverrückbar

Das Unaufhaltsame

Das… ich weiß nicht recht

Bin eingefroren im Augenblick mit dem Blick zur Uhr

Gehalten im Warten

Ich warte auf die Zeit danach

Auf wenn ich erneut warten werde

Unheilbar Optimistisch

Manchmal, inzwischen öfter als das, ist es hart… in einem Leben zu existieren, welches nur als zu oft Haken schlägt, um schwindelerregende Kurven zieht und einem fast durch die Finger zu rinnen scheint.

Man muss auf fast zu hohe Berge, über beinahe zu knappen Brücke, durch zum Teil zu tiefe Täler und wieder von vorn…

Man hat den Alltag und was das Leben so verlangt stets vor Augen und es erscheint so einfach nicht zu kämpfen… es wäre doch so viel leichter aufzugeben, sich zu ergeben… doch!

Es muss einem egal sein, was manch anderer denkt, zu wissen glaubt, für Erwartungen stellt…

Krank zu sein und sich ständig dafür erklären zu müssen, Angst zu haben immer abhängiger zu werden, sich als weilen hilflos zu fühlen, sollte und darf und wird die Lebensfreude, die Neugier, den Spaß, die Hoffnung, das Lachen, das Träumen… den morgigen Tag nicht nehmen!

Heute ist Welt Multiple Sklerose Tag.

Persönlich – Versöhnlich

Gedankengänge im Selbst

So verwunden diese auch sein mögen

Persönliche Erfahrungen

Im so Etwas wie Schicksal

 

Stets mit Bedacht geäußert

Verpackt, verschnürt, verschüttet in Wortspielerei

Geformt, geschmückt, gegossen in Fragenzeichen, in Wunschvorstellung

Im Hoffen

 

Aus sicherer Entfernung

Im Reden durch die Augen Anderer

Durch anonymisierte Dritte

Wahrheiten erträglich durch Verfremdung, Entpersonalisierung, durch ein Beiseitetreten vom Sein

 

Betrachtungen

Von außen, vom Innen

Spiegelbilder

So fast schon versöhnlich mit dem Sich, der Welt, mit dem was wohl zu Leben heißt

 

nun nach 424 Tagen

das Alles – noch gleich

das Alles – wie es immer war

das Alles – nach altbekannten Rhythmen

all das… es ist nicht mehr

wird nicht mehr

nicht mehr so ganz

 

bloß noch Spuren vom War

schon ausgedünnt, ausgefranst

bald entrückt, verzerrt, verschoben

 

eine neue Realität, ein Schmerz, ein sich-damit-abfinden-müssen

ein vor-antwortlosen-Fragen-stehen

 

eine viel zu laute Stille

eine unerträgliche Leere im voll besetztem Haus

eine unliebsame Veränderung

ein notwendiger Wandel

 

ein nun – immer –  noch

nach 424 Tagen ohne Sie

.

.

.

Katze4

in der Stille

nun

noch zu Gast?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

und es ziehen die Worte

und es ziehen die Tage

vertrieben fast die Dunkelheit

vergangen beinahe die Kälte

 

ein Ahnen von Wärme

ein nahes Summen schon bald

ein Öffnen der Knospen, der Herzen der Welt

 

es ziehen die Tage

es streift die Zeit

es erklimmen Gedanken den Sinn

 

ertastende Worte

ein Sehnen nach Mehr

ein Frühjahrsgefühl

 

im Selbst_Gespräch Tag 3_Szene im Zug auf dem Weg zurück nach Vorn

zum Rest der Geschichte

Katze4im Selbst_Gespräch

Tag 3

Szene im Zug auf dem Weg zurück nach Vorn

Die Ohren verstopft, sitzt er da.

Sitzt zusammengefaltet auf einem Fensterplatz.

Sitzt eingeengt im übervollen Wagon.

Sitzt vor den leeren Seiten seines Notizbuchs.

Im Kopf noch die letzte Nacht, die sich zog wie Hundert Tage. In Erinnerung – ganz klar, ganz deutlich, fast schillernd – die Fähigkeit zu Schreiben… die Kraft gewählte Gedankengänge in kunstvolle Bahnen zu lenken… die Mittel Worte zu Formen, zu Fügen, zu Halten… das Bedürfnis endlich wieder Autor sein zu wollen… der Wunsch den ausgesuchten Weg zu gehen… die Hoffnung… die Hoffnung… die Hoffnung… auf was nochmal?

Den Füllfederhalter im starren Griff bereit, so wie die unbeschriebenen Blätter im Schoß. Bereit die Gedankenstapel, die Gefühlswirren und Wortgedichte aufzunehmen; sie festzuhalten für die Ewigkeit. Nur, der Autor wagt es nicht dem Schreibgerät die Hand zu führen… bald schon zittern die verkrampften Finger… bald schon stößt er laut seinem Atem aus… bald schon flucht er deutlich hörbar durch verkniffene Lippen… bald schon spürt er die Blicke der anderen Fahrgäste.

Leicht peinlich berührt, packt er seine Utensilien zusammen, wendet sich zum Fenster, betrachtet den Fahrtweg, die Natur, sein Spiegelbild… das Gesicht eines Fremden.

Befremdlich die Züge, die alles Infragestellen… die sich zu wundern scheinen… die unberührt den Wundern gegenüber nur noch Zweifeln, nur noch sind. Die Stirn in Falten gezogen, mit sich fast berührenden Brauen, mit halb geschlossenen Augen, mit schmalen Lippen, die das Lächeln vergessen haben.

Denn in dieser Nacht wie vor Hundert Tagen blieb er erstmals für sich. Blieb er ohne Traum an sie… fand keine Spur von ihr… führte die Gespräche bloß noch mit sich selbst… konnte sich nicht vormachen, sie würde stets an seiner Seite sein – seine Geliebte, seine Liebe, seine Muse.

Unter dem bedrückenden Blick seines fremden Selbst rutscht er weiter in sich zusammen, macht sich kleiner, will versinken… sich verstecken… bis der Fahrgast zu seiner Rechten ihn unwirsch anstößt, ihn finster anblickt, ihn unfreiwillig rettet vor sich selbst.

Nein, er will nicht so sein, wie der Fremde, wollte es nie… ein Verschließen der Augen, ein weiterer tiefer Atemzug, ein Erinnern daran, weshalb er in den Zug gestiegen war… er wird sie wiederfinden – seine Muse, seine Geliebte, seine Liebe – und so auch sich selbst.

Fortsetzung folgt

G lück en Fühl ler

Gedanken wie Ton

gepflückt, geschnitten, gebrochen

aus Klumpen, aus Blöcken, aus Brocken

 

Gedanken wie Kunst

geplant, durchdacht, doch im Affekt

geformt, gezogen, gestreckt

 

Gedanken in Worte

gefasst, schwer greifbar, vergänglich

in Schnörkeln, in Fetzen, voll Fragen an Dich

 

Gedanken mit Gefühl

durchströmt, überschäumend, lückenlos

bloß still, bloß künstlich, bloß stumm

Schattenseiten sonniger Tage_ Teil 3

Katze4zur gesamten Geschichte in allen Teilen

 

Teil 3

8

neue Wege auf ausgetretenen Pfaden

Sattes grün, sanfte Brise, ein Geruch nach Meer.

Salz liegt in der Luft, kein Wasser in Sicht im strahlenden Sonnenschein; Wiese in Sicht – fast noch greifbar, Wald am Horizont.

Lachen in den Ohren; ein junges Kind hüpft von dannen. Springt jauchzend von Grasbüschel zu Grasbüschel, gleich wird es im Wald verschwunden sein. Zu sehen nur noch ein rotes Käppi – sie ist allein.

Ein Ring aus Sand umgibt sie. Eine Grenze, eine Begrenzung.

Sie spürt die Kälte der aufgeheizten Luft, Eis auf brennender Haut.

Dann ein Knarren, ein Ruck, ein Windstoß, ein Aufschlag zu nah an ihr.

***

Jany erwachte, spürte den Schrecken in ihren Gliedern, das Prickeln im Nacken.

Schneller Atem, kalter Schweiß, Aufrichten mit zittrigen Händen, hektisches Blinzeln gegen den Schlaf.

Ein schwerer Ast lag im Gras, war nur knapp neben ihrem Fels, nahe ihres Kopfes, aufgekommen. Abgebrochen, der Baumkrone entrissen… vom Wind getragen?

Morsch schien er zu sein, graue, trockene Blätter, Pilzbefall… krankhaft.

Wut, Zweifel und Verzweiflung legten sich über sie, krochen an ihr empor, tropften aus ihren Augen… Ausrufe und Fragen und Fragen und Fragen und Fragen.

Wie passend, dass nun auch noch ihre Lichtung in sich zusammenbrach. Wie passend, dass ihre einstige Zuflucht nun ihr Gefängnis sein sollte. Wie passend, dass sogar ihre Träume kein Gefühl des Wohlseins mehr in sich trugen. Wie passend, dass…

„Du bist hier sicher. Bleib bei mir.”, säuselte der Schatten in ihr Ohr, begleitete ihren Reigen, „Es wird sich schon richten. Warte nur ab. Alles zu seiner Zeit.”

Doch das war es ja!

Jany hatte abgewartet, sich eingefügt in vorbestimmte Bahnen. Nichts in Frage gestellt, hingenommen, wie die Dingen sich ihr boten. Allmählich vergessen, dass es eigentlich anders war, ganz bestimmt, früher. Dass es anders sein sollte, müsste, könnte. Nur dass sie einst ein Leben geführt haben wird, im Kreise lieber und geliebter Menschen, dessen war sie sich sicher. Beinahe gewiss. Fast ohne jeden Zweifel. Sicherlich doch, wohl so und nicht anders. Sicher war es doch niemals nur ein Abbild ihres jetzigen Seins. Oder doch?

Nein, sie war irgendwann aufgewacht in dieser Blase. Verloren im Vergessen. Schwamm lediglich mit, ließ sich treiben, folgte den Spuren dieser Welt in der Hoffnung auf… was eigentlich? Erinnern mit Bestimmtheit? Dass der richtige Weg sich auftat? Dass sie es verstand?

Selbst das Hoffen hatte sie vergessen.

„Du bist nicht allein, wenn du mich hast.”, sanft umkreisten seine Worten ihren stummen Schrei, rannten an gegen den Gedankenstrudel aus Verzweiflung, Zweifel und Wut. So wie sie es immer taten.

Was kann ich tun? – „Warte einfach ab.”

Wo soll ich hin? – „Bleib bei mir.”

Was hab ich falsch gemacht? – „Ich werde dir helfen.”

STOP

schrie Jany in keine bestimmte Richtung. Vertrieb den Schatten und seinen Sanftmut.

Sein Schweigen, ihre Gedanken – ein Strudel. Gleich Blättern in einer Windhose davongetragen.

***

Jany sah sich um.

Sie war noch immer auf der so bekannten Lichtung, gelehnt an ihren Fels, umzäunt von Bäumen, versorgt mit Licht, das nie blendete, mit Wärme, die sie nie verbrannte, mit Geräuschen, die nie unangenehm waren. Vor sich noch die Quelle, die Abkühlung bot.

Alles wie immer… nur…

Nur, die Bäume schienen näher als sonst, das Licht fahler, weil kaum durch das Blätterdach dringend, die Wärme milder, fast schon kühl, ein stetiger Windzug, welcher an Stärke gewonnen hatte. Die Geräusche verstummt, zu einer Stille, die dröhnend um sie herum anwuchs, alles verschluckend. Die Quelle bar jeder Reflexion.

Janys Blick ging ins Leere.

Alles was anders, schien im Wandel.

Veränderungen, wie losgetreten, ins Rollen gebracht schon vom kleinsten Stein, als Jany gestolpert war und die Dunkelheit entdeckt hatte.

Ein Gurgeln holte sie schließlich aus den Gedanken zurück und ließ sie zur Quelle blicken.

Irgendetwas glitzerte, lag im Wasser, lag am Grund, lag da wie schon immer, jedoch nicht dazugehörend. Nie hatte sie es bemerkt. Jetzt wollte sie es haben.

„Hast du schon wieder vergessen, was dein unbedachtes Handeln mit sich bringt? Ihm folgt Zerstörung. Du wirst vertrieben. Du bist allein. Sei nicht leichtsinnig!”

Jany ignorierte den Schatten und Griff in das angenehm kühle Nass, tastete nach dem Objekt und brachte eine goldene Brille hervor: Gelbe Gläser in einem, auch noch im fahlen Licht der Sonne, leuchtendem Gestell. Kein Kratzer, sauber und trocken, ungewöhnlich, fragwürdig. In Frage zu stellen?

Hatte sie schon immer am Grund der Quelle gelegen, lediglich überdeckt vom Gesicht im Wasser? Hatte sie bloß darauf gewartet gefunden zu werden? Gab es einen rechtmäßigen Finder, der ohne sie nun wie blind durchs Leben schritt? Oder war sie vielleicht für sie bestimmt?

Das Medaillon um Janys Hals leuchtete mit einem Male auf, wurde gleichzeitig warm und kalt auf ihrer Haut und schien sich in Richtung der Brille auszurichten. Beide Gegenstände wirkten wie erweckt aus langem Schlaf, fast schon lebendig. Sie funkelten sich an, als gehörten sie zusammen, als wäre sie Teil eines Ganzen..

Die Brille noch immer in Händen zögerte Jany nicht länger, setzte sie auf und sah sich abermals um.

Alles wie immer, wie vor ihrem Stolpern, wie vor ihrer Begegnung mit der Nacht, wie vor ihrer fanatischen Suche nach etwas Neuem, wie vor dem Verlust des Bekannten. Alles wie immer und doch ganz anders. Klarer, weicher, ruhiger. Der Blick zur Quelle ließ Jany vollends aufatmen. Alles… wie… immer!

Das freundliche Gesicht schmunzelte ihr entgegen und zwinkerte kurz durch farbige Gläser. Jany erhob sich, wollte zum Haus zurück. Vielleicht, vielleicht wäre nun alles wie vorher und sie wäre wieder willkommen, beinahe zuhaus – zumindest wieder ein Gast. Ein Schließen der Augen, das Ausstrecken der Arme, ein Innehalten. Vielleicht, vielleicht wäre es nun alles ganz anders. Vielleicht würde sie ihren Weg erkennen, endlich hineinpassen, als Mitbewohner, als Einwohner, als Teil eines Ganzen.

So öffnete Jany schließlich ihre Augen. Sie war herausgetreten aus dem Schutz der Lichtung, stand jetzt mitten im Wald auf unbekannten und ausgetretenen Wegen und lachte frei auf. Alles blieb an Ort und Stelle, da weder sie noch die Bäume sich bewegten, da sie nun ihren Weg von Neuem finden konnte, ja musste.

Sehend, nicht ertastend. Erkundend, nicht beschränkt. Vielleicht, vielleicht…

 

9

zwei Schritte vor und einen zurück

Jany stand reglos da, ihre Umgebung aus neuen Augen betrachtend, erstmals erblickend, im Versuch Gesehenes mit Erahnten zu verknüpfen.

Der Wald lag vor ihr, hinter ihr, weit um sie herum.

Licht und Schatten im Spiel, nicht so düster, wie erwartet. Das Blätterdach geöffnet hier und da. So erreichte die Sonne dann den Boden, versorgte die kleineren Pflanzen mit Leben, winzige grüne Inseln im Dunkel des Waldes. Pink-Rotes Gewächs entlang mancher Äste, ein parasitäres Dasein führend in Farben, wie nur Blüten sie sonst tragen. Löcher von Spechten, verlassene Nester, Baumpilze, befallene Blätter, durchgefressene Strukturen, Vernarbungen im Stamm – Zeichen alter Verletzungen. Abbisse der Rinde bei jungen Bäumen – gefährdete Nachzucht, Kratzspuren als Markierung, gespaltenes Holz, gesplitterte Äste, Totholz am Boden, durchwühltes Erdreich, Schleifspuren, Abdrücke – Pfoten, Klauen, Krallen; Fingerabdrücke des Waldlebens.

Einige Bäume waren von starken Ranken umklammert, andere verwachsen mit Artgenossen, manche verbunden mit artfremden Bäumen. Pilze am Boden in Grüppchen, ihre Früchte vorzeigend, Steine und Steinchen hier und da… ein Wald, wie er sein sollte, in aller Schönheit und im Kampf ums tägliche Sein; Janys Vorstellungen, Erinnerungen vielleicht sogar, getroffen, übertroffen. Nur: Ameisenhügel ohne sichtbare Bewohner, leere Wespennester, Spinnweben zu gewaltigen Netzen verbunden, ließen Vermutungen über die Größe der Erbauer zu, ließen Jany erschaudern beim Gedanken daran, ließen sie sehr genau den Weg um solche Bauten suchen – die Spinnen selbst sah sie nicht.

Wie schon zuvor auf ihrer Lichtung schien Jany lediglich den Spuren des Tierlebens folgen zu können. Ganz so, als würde sie immer zu spät sein, ein paar Augenblicke hinter dem Ereignis oder als stünde sie in einer Kulisse während der Drehpausen, inmitten des Bühnenbilds, nach Fallen des Vorhangs.

Ein tiefer Atemzug, die Luft kurz in den Lungen halten, langsam ausatmen, ein paar mal blinzeln. Die Welt lag weiter wie im Stillstand vor ihr.

Eine starker Windzug im Tunnel der Bäume dann bewegte die satt grünen, grau-brauen, gelb-grünen Blätter, brachte das Astwerk in gefährliche Schwingung. Aus Angst sie könnte womöglich doch noch einem morschen Ast zum Opfer fallen, setze Jany sich schließlich in Bewegung. Langsame Schritte, unterbrochen von Volldrehungen und kurzen Stopps voller Erstaunen. Diese Momentaufnahmen das Beeindruckendste seit langem. Wohin, wohin, was zu erst genau betrachten?

Ein Knacken, ein Bersten, ein Geräusch von brechendem Glas brachte das Haus zurück in Janys Gedankenwelt.

Sie sollte es aufsuchen, nach dem Rechten schauen. Vielleicht gab es ein zurück, ein Bett für sie zum Ruhen, Grammophonmusik zum Lauschen, tägliche Besuche im Flur vor ihrer Tür zum Warten. Sie sollte, sie sollte…

Ein Blitzeinschlag zu ihrer Rechten.

Blau-Weiße Flammen schlugen um sich, schlugen nach ihr, verfehlten nur knapp ihre Haut.

„Ich hatte dich gewarnt. Wieso hörst du nie?”, riss der Schatten sie mit sich, aus ihren Gedanken, zurück auf die Lichtung.

***

Jany, angespannt auf ihrem Fels sitzend, die Brille in Händen haltend, die Unterlippe mit dem Zähnen greifend, die Augen geschlossen haltend, senkte ihren Kopf bei jedem Wort, das der Schatten ihr entgegen warf.

Nicht mehr sanft, nicht mehr sie tröstend, sondern von allen Seiten niederprasselnd, harsch, laut, erschreckend gar.

Ja, sie hätte mehr Vorsicht walten lassen müssen, kannte sie doch die Gefahr des Waldes, zumindest wusste sie, dass es Gefahren gab. Nie zuvor aber hatte sie die Flammen mit eigenen Augen gesehen, nie hatte sie die eiskalten Funken so nah gespürt. Noch immer vibrierte es auf ihrer Haut, wie Elektrizität prickelte es, durchzog den ganzen Körper, ließ den Schädel schmerzen, ließ sie frieren, sich fast nach der Sonne sehnen.

„Du darfst nicht mehr fortgehen!”, traf es Janys Ohr.

Keine Bitte, ein Befehl.

Nie hatte der Schatten bisher Gehorsam eingefordert, stets nur wage Warnungen ausgestoßen, sie dennoch trotz allem, wenn diese ignoriert, mit offenen Armen empfangen, Trost spendend, nachsichtig.

Nie so bitter, nie so kalt, nie so voller … Was? Enttäuschung, Frust, Wut, Aggression…?

Jany sah nun auf, den Blick verhärtet, den Kopf zur Seite geneigt, die Zunge schnalzend, herausfordernd fast. Sie wollte den Schatten direkt ansehen, doch fand nur die Leere der Lichtung. Er war noch da, dass spürte sie genau. Er war nie weit, auch nicht außerhalb des Waldes. Er war nun mal ihr steter Begleiter, in Symbiose mit ihr; ihr Freund? Doch jetzt gerade wandelte er sich vor und in Janys Augen, er formte, überformte, verzerrte sich und gab ihr so in voller Absicht oder ohne eine Solche neue Kraft, stärkte ihren Willen. Sie konnte eine Leichtigkeit in sich spüren, wie schon lange nicht mehr; wie noch nie, wenn sie ehrlich war.

So ergab es sich nun, dass Jany sich zur vollen Höhe ihrer zierlichen Gestalt erhob, die Brille aufsetzte, das Kleid gerade rückte und die Lichtung verließ ohne noch einen Gedanken an den Schatten zu verlieren.

 

10

und wenn dann die Bäume sprechen könnten

Jany steuerte von Neuem und mit neu gewonnener Kraft den Sandfluss an, hatte dafür wieder die Augen geschlossen, vertraute ihrer Ortskenntnis bei Sicht noch nicht genug. Sie wollte vermeiden, sich ablenken zu lassen von all dem, was sie nun endlich sehen konnte.

Zurück an der Stelle, von der aus sie die Dunkelheit das erste Mal erblickt hatte, überlegte Jany, was als nächsten tun. Sie war davon überzeugt, dass die andere Seite, obgleich diese ihr gerade wieder im vollen Licht der Sonne entgegenstrahlte, die Antwort sein würde auf Fragen, die sie mittlerweile vergessen hatte zu stellen, die überhaupt in ersten Linie zu stellen, ihr noch nicht einmal in den Sinn gekommen waren. Dass es gerade in diesem Moment auf Seiten der anderen Welt auch Taghell war, zeigte für Jany nur, dass die andere Seite des Flusses mehr als die bloße Kehrseite all dessen darstellte, was ihr bisher bekannt war.

Ganz eindeutig, es herrschten dort andere Rhythmen, andere Regeln – es war eine andere Welt. Vielleicht war diese sogar bevölkert, gefüllt mit Menschen, welche auch für Jany in mehr als in Form reiner Spuren sichtbar waren, welche Jany einbezogen würden in ihre Gespräche, welche Jany verstehen konnte, welche Jany verstehen könnten, welche sie vor allem auch verstehen wollten.

***

An Ort und Stelle den breiten Fluss zu überwinden, stand außer Frage. Eine Brücke zu errichten, bedurfte Werkzeuge und sicherlich fremde Hilfe, Jany besaß weder ersteres noch konnte sie letzteres auch nur erhoffen. Was also blieb war, dem Verlauf des Sandes zu folgen und schmalere Stellen zu finden, Unterbrechungen gar oder am besten doch noch einen bereits geschaffenen Übergang zu erreichen.

Den jetzigen Standort als Startpunkt wählend, raffte Jany größere, abgeworfene Äste zusammen, verknüpfte diese mithilfe starker Ranken, band alles an einem der stämmigeren Bäume in nächster Nähe fest und legte ihr Werk quer und gut sichtbar zwischen Waldrand und Sandboden ab. Auch Steine sammelte sie zusammen, um ihre Laufrichtung zu markieren.

Flussabwärts erschien Jany sinnvoll, da sie ihre Hoffnung auf dessen baldiges Austrocknen gelegt hatte, obgleich „austrocknen” im Falle eines Flusses aus Sand wohl ein fragwürdiger Ausdruck war oder gewesen wäre, hätte der Sand nicht auch noch eine Fließrichtung aufgewiesen.

Aber ja, der Sand floss, natürlich tat er das, natürlich schlug er auch kleine Wellen, verfügte sogar über Strudel. Warum auch nicht, stöhnte Jany in sich hinein, das deutlich hörbare Kichern und Aufprusten in ihrem Nacken ignorierend.

Jany wusste, sie würde nicht in direkter Nähe zum Sandfluss wandern können – dass auch dieser ein Eigenleben, unabhängig vom Fließen selbst, führte, hatte sich überdeutlich in ihrer Erinnerung festgesetzt. Schon der Gedanke daran, ließ ihre Muskeln krampfen, brennen, versteifen. Was blieb, war ein Weg entlang des Waldrandes, wenn möglich oder aber ein Weg durch den Wald, wenn notwendig; durch einen Wald, so unbekannt, wie er weit war.

Doch vorerst kehrte Jany zu ihrer Lichtung zurück, lief die fremd-bekannte Strecke mit offenen Augen und auf aufmerksamen Sohlen.

Sie wollte, sie musste Ruhen. Sie würde ihre, durch die Ranken, aufgekratzten Händen, die sonnenverbrannte Haut, die geschundenen Füße kühlen. Wollte das Gesicht in der Quelle noch einmal sehen, empfand dessen Lächeln als nötige Bestätigung, als aufbauende Reflexion ihrer Entscheidung, als Balsam für Körper und Geist.

Der Schatten war nicht zu sehen, sie spürte ihn, doch er schwieg. Schien abzuwarten; auf ein Ende, einen Beginn, auf den richtigen Moment, auf einen Fehltritt… auf ein Wort von ihr.

***

Das sie keinen simplen Waldspaziergang vor sich hatte, kein einfach und zügig erreichbares Ziel, stand für Jany nie in Frage, und zeigte sich bereits nach kurzer Zeit.

Es gab keinen Weg, keinen Pfad. Niemand schien je einen Fuß in den Wald, entlang des Waldes gesetzt zu haben oder zumindest seit langem nicht mehr. Unberührte Natur unter ihren Füßen und vor ihren Augen, jedoch ohne Spuren, ohne Rufe, ohne Geraschel und Geknacke; unwirklicher Stillstand in bedrohlicher Stille. Als wagten es die Tiere nicht, sich in der Nähe des Sonnenlichts, zu nah am Sandfluss aufzuhalten. Als schickten sie eine stumme Warnung.

Jany hielt die Augen offen, die blanken Füßen aufmerksam und strich mit angespannten Fingerspitzen entlang der Strukturen um sich herum. Sie wollte sich die gegangenen Wege einprägen, sich nicht verwirren lassen durch die neue, die stumme, die befremdliche, die berauschend schöne Umwelt; wollte sich nicht in ihr verlieren. Oft genug musste sie ihre Schritte zurückverfolgen, um eine andere Strecke zu wählen, da der Pfad entlang des Waldrandes unbegehbar wurde, da sie vor unüberbrückbaren Hindernissen stand. Vor Baumstämmen wie Mauern, die es nicht zu überwinden gelang. Vor Felsen in Klippen, die sich unbesteigbar vor ihr erhoben. Vor dornigen Sträuchern, die zu umwandern waren und sie so tiefer in den Wald zwangen, dass sie sich bald in Gefahr glaubte, zu weit vom Sandfluss abzukommen.

Wenn sich aber die Möglichkeit bot, so hielt sie sich nahe am Fluss, lief sie am Rand des Waldes entlang. Dort standen die Bäume nicht so dicht zusammen, Licht floss beinahe ungehindert, ungebremst durchs Blätterdach. So war es merklich wärmer, wenn auch immer noch nicht heiß. Es war heller, knapp vor blendend und vor allem war der Waldrand artenreicher; Bodendecker, Sträucher, Gräser, Inseln verschiedenster Baumarten, die verwoben ineinander wuchsen, die dicht an dicht standen, die umringt waren von ihren Nachzöglingen. Alles im Kampf um das Licht, die Erde, das Wasser.

Wasser.

Woher kam das Wasser?

Tief in Gedanken versunken, verlor Jany das Gleichgewicht. Ihr linker Fuß in einer Schlinge, die sich braun, brüchig, dornig, nicht ablassend, fester zuzuziehen schien.

In ihrem Nacken kam ein leises Glucksen auf, zu laut im sonst verstummten Wald.

Mit knirschenden Zähnen schluckte Jany jede Bemerkung hinunter, befreite den Fuß und setzte ihren Weg fort.

***

Vorsichtig, stetig, langsamer als es die Bedingungen verlangten, kam Jany nun voran. Die Breite des Flusses nahm nicht ab und der Wald selbst kein Ende. Sie wusste zwar, dass sie schon ein gutes Stück Strecke hinter sich gebracht haben musste, aber auch, dass die Dauer ihrer Wanderung nicht viel über die Länge des beschrittenen Weges aussagte. Jany konnte nicht einschätzen, was noch vor ihr lag und was bereits zurück. Sie wusste nur, dass ihre Kräfte schwanden.

Sie wurde müde.

Bald würde sie nicht mehr umhinkommen mehr als nur eine kurze Pause einzulegen. Der Drang sich hinzulegen, die Augen zu schließen, zu schlafen, war inzwischen kaum mehr zu ignorieren.

Sie war unkonzentriert.

Dem betont unschuldigen Pfeifen zu ihrer Rechten schenkte sie somit mehr Aufmerksamkeit, als ihr lieb gewesen wäre.

Sie musste anhalten! Nur wo?

Betrachtete Jany die Bepflanzung um sich herum zu lange, zu genau, dann zuckten blaue Flämmchen auf und schlugen wild nach allen Seiten. Ganz so als hätte der Wald etwas gegen neugierige Blicke. Ein Knistern lag dann in der Luft, ein unaufhörliches Knacken, als läge etwas einem Stromzaun auf, ein Surren, wie vom Zählerschrank.

Geräusche des Hauses, der Stadt, menschlichen Zutuns.

Führten also Leitungen durch den Wald? Gab es Stromtrassen in nächster Nähe? War alles nur Kunst, nur künstlich, nur ein Schaubild der Natur?

Doch der Geruch war wie Wald, war wie verfliegende Tierspur, wie Regen nicht fern.

Janys Gedankengänge wieder im Kreisel, ihr schmerzte der Kopf, sie musste schlafen; egal wo sie war, ganz gleich wann, unabhängig vom Warum und vor allem der Frage nach dem Wer.

„Komm mit mir. Zurück zur Lichtung. Da bist du sicher. Da kannst du ruhen.”, säuselte es schließlich von allen Seiten, legten sich die Worte des Schattens über sie, deckten sie zu, wie Federbetten – warm, weich, viel zu schwer.

Jany schloss ihre Augen – Ein tiefer Atemzug. Luft in die Lungen, Luft halten bis die Bronchien schreien, bis ein Schwindel sich ausbreitet, bis die Fingerspitzen kribbeln und die Füße kalt werden. Ausatmen.

NEIN sprach Jany laut, verscheuchte den Ruf.

Wenn es eine sichere Lichtung gab, dann gab es bestimmt noch mehr davon und sie würde diese finden. Auch ohne die Hilfe des Schattens!

Sie zog wieder starke Äste zusammen, verknüpfte auch diese, legte das ganze als Kreuz geformt an der Waldgrenze ab und ging in den Wald hinein.

 

11

sich fern der Ruhe betten

Jany war erschöpft.

Alles was sie augenblicklich wollte, wonach sie sich sehnte, worauf ihr Leib sie drängte, war es zu liegen. Nicht mal ein weicher Untergrund wäre nötig, nur musste sie sich hinlegen… jetzt! Doch blitzend blaue Flämmchen säumten ihren Weg, rollten an Baumstämmen auf und ab, sprangen zwischen Ästen hin und her, tänzelten um sie im fröhlichen Reigen, immer wenn sie inne hielt. So stolperte Jany also weiter, die Augen halb geschlossen, die Glieder ächzend und schwer, die Schwerkraft deutlich spürbar auf den Schultern, in den Knien… Fast war ihr, wie nach Schlafwandeln, nach Taumeln, wie von Geisterhand geführt sein. Bald stützte ihre rechte Hand, eines Traumhandelns gleich, Janys Gewicht an einem der stärkeren Baumstämme. Die Rinde zu rau auf ihrer Haut, scharf, einschneiden, schmerzhaft, aber weckend; dann das Quietschen eines Fuchses.

Schnelles Blinzeln, gefolgt vom Strecken der Arme, Ausschütteln der Beine; ein rasches Erwachen, Aufmerksamkeit für den Moment.

Jany konnte sich das erleichtere Auflachen nicht verkneifen, zu froh war sie nun endlich wieder spürbar von Leben umgeben zu sein. Je weiter sie in den Wald vordrang, desto deutlicher ließen sich Spuren von verschiedensten Tieren erkennen, ganz so, wie es sein sollte, wie sie es sich wünschte.

Leise Streitgespräche unter Meisen, Warnsignale und Aufflattern von Eichelhähern, Empörung vom Sperber, welcher wohl vertrieben das Weite suchte. Janys Freude war ein wenig gedämpft, denn noch immer sah sie nichts von all der Aufregung, konnte nur vermuten, nur die Spuren deuten. Erdachte sich die recht bunt befederten Häher dazu, die blitzschnellen Greifvögel, die kleinen Meisen – nein, der Gesang zu verschieden, zu unterschiedlich, mehr als nur die eine Art – was wusste sie schon über Vogelgesang? Leider brauchte es nach wie vor ihr geistiges Auge, um das aufgewühlte Erdreich, die Kratz- und Nagspuren, den strengen Duft in Kategorien zu pressen, um dem Wald Leben einzuhauchen.

Janys Sein wurde letztlich erfüllt von der klebrig-leichten Luft, der kalt-heißen Last, genoss die geräuschgewaltige Stille und wollte sich nur noch auf dem Boden zusammenkauern. Sich vom Piepsen und Trällern, dem Flügelschlagen und Grabgeräusch in den Schlaf wiegen lassen. Nur noch träumen vom Bald, vom Anders und der Nacht. So senkten sich letztlich ihre Lider und sie gab sich der Schwere ihres Seins hin – nur kurz, ganz kurz, dann würde sie weitergehen…

***

Ein Kribbeln in der Armbeuge.

Ein Krabbeln auf dem Bein.

Ein Zucken in den Fingern.

Ein Stechen im Gesicht.

Sie war im Schlaf überrannt wurden von einer Armada aus Ameisen, Käfer, Bremsen… Kleingetier, was lief, was hockte, was stach.

Jany starrte entsetzt auf sich, kniff die Augen zusammen, sprang auf, ruderte wild mit den Armen, strich die Handfläche über Gesicht und Haar, Arm und Bein, Torso und Rücken. Klopfte sich die Schultern ab, die Füße und wieder von vorn. Vertrieb die Insekten, aber wurde das Gefühl auf Haut nicht los. Ein Brennen, ein Vibrieren, kalt und heiß im Wechsel; Schmerzen, nicht bloß ein Echo.

„Du hättest auf mich hören sollen. Ich hätte dich geführt. Was nun? Was glaubst du?”

Die Worte des Schattens ließen Jany aufmerken: Konnte er Recht haben? Wäre sie besser aufgehoben in seiner Obhut? Er hatte sie schließlich noch nie im Stich gelassen. Alles was er verlangte war Gehorsam.

Gehorsam.

Hingabe.

Blindes Vertrauen.

Sie ignorierte ihn und seine Wünsche. Ihr Atem schon entspannter, beruhigte Nerven, nur noch ein Erinnern auf der Haut.

Jany prüfte den korrekten Sitz ihrer Brille, öffnete die Augen noch brennend von zu wenig Schlaf, noch ausgetrocknet von zu viel. Sie strich sich ein abschließendes Mal langsam übers Haar, die Arme, die Beine, das Kleid, schüttelte den Kopf. Dann drehte sie sich, fand das Erdreich ausgegraben an bekannter Stelle, Kratzspuren am Stamm neben sich, Duftmarkierungen vor sich und folgte dem Weg, den zugehen sie unterbrochen hatte.

Mit ihr zogen die Rufe des Waldes, zurückblieb ein Grollen, fast ein Fletschen des Schattens.

***

Die so rüde unterbrochene Pause gab Jany nicht genug Kraft, um zurück zum Sandfluss zu gehen, um ihre Reise fortzusetzen, ohne Gefahr zu laufen erneut an Ort und Stelle zusammenzusacken, an Stellen, wie der gerade eben, an Orten, welche womöglich noch ungeeigneter waren.

Der Schatten folgte ihr nun still, doch spürbar. Er umkreiste sie mit einem Male, zog voran, dann kurz nach links, nach rechts, wieder vor, ward plötzlich ungesehen. Für Minuten, für viele Meter lief Jany ungestört, bis er schließlich geschwind auf sie zu kam.

„Komm mit mir.”, eine Aufforderung.

„Vertrau mir.”, eine Bitte.

„Ich will nur helfen.”, ein Flehen.

Er hatte sie doch noch nie im Stich gelassen, so sagte Jany sich erneut, so überzeugte sie sich schließlich selbst und folgte ihm langsam, angespannt, mit Bedacht auf die Lage der Bäume um sich und dem Weg unter ihren Füßen.

Er hatte ihr immer geholfen. – Er war fast ein Freund. – Er war mit Vorsicht zu genießen. – Er wollte nur ihr Bestes. – Er verlangte zu viel…

Als sich der Wald schließlich vor ihren Augen auftat, entschwand ihr ein schwerer Seufzer, entknotenden sich krampfende Muskelknäuel in ihrem Rücken, rutschten die Schultern ein spürbares Stück tiefer und erhoben sich ihre Lippen zu einem schwachen, aber ehrlichem Lächeln.

***

Die Lichtung war kleiner, als die ihrige. Licht ergoss sich durchs lichtere Blätterdach, dichtes Gras überdeckte den offenen Boden, keine Sträucher diesmal, keine Pilze, drei kleine Felsen entlang eines Baches aus klarem Wasser, der sich ohne sichtbaren Anfang und mit abrupten Ende quer durch die Rasenfläche zog. Starke Bäume bewachten das Kleinod, standen im Kreis dicht beieinander, doch mit ausreichend Abstand, um Besuch zu gewähren.

Janys leuchtende Augen blieben auf dem winzigen Bachlauf hängen, während sie sich zu den Felsen begab, sich ohne Bedenken niederlegte und die Augen schließlich schloss.

Wasser ist Leben.

12

der Stillstand

Ausgeruht, erfrischt, mit Elan, begeistert, ohne Zweifel… all das hätte Jany nur zu gern empfunden, als sie nach unbekannter Zeit aus ihrem traumlosen Schlaf hochschreckte.

Ihr war bloß seltsam kalt, nein, ihr war heiß… die Körpertemperatur im Ungleichgewicht, stellenweise eiskalt – die Finger, die Füße, die Wadenrückseite, eine Handbreit über den Knien, drei Fingerbreit der Innenseite ihrer Unterarme, dann wieder von Innen heraus verbrennend – der Brustkorb, zwei Handbreit der Oberschenkel von der Hüfte aus, die Füße erneut; unlogisch. Ein Wechselspiel von zu kalt und zu warm, ein Spiel, was zu spielen Jany ablehnte.

Die Nachwehen des Insektenangriffs, der Schmerzflut, der sensorischen Überreizung…

Insekten… … Eine jede Art passend zum Reiz.. Insekten?

Unlogisch!

Aber Jany hatte sie gesehen! Warum auf einmal? Noch nie war ihr die Sicht auf das Leben im Augenblick des Geschehens gelungen.

Waren sie das Abbild oder die Abwehr des Waldes?

Hatte ihr Geist sie lediglich erdacht?

„Wasser ist Leben.”, legte sich die sanfte Stimme des Schattens über sie und brach ihren Gedankenkreisel. Mit verquollenen Augen sah Jany sich um, blinzelte einige Male gegen die leicht verschwommene Sicht an, betrachtete das Gras vor sich genauer und entdeckte einen glitzernden Tautropfen. Prominent ruhte dieser auf der Wölbung einer Grashalmspitze, lag wie eine Perle auf – unwirklich statisch. Erst als Jany Abstand nahm und ihr Blickfeld erweitere, erkannte sie die unzähligen Tröpfchen um sich herum. Im Gras ringsherum, auf den kleinen Felsen im Rücken, an Baumstämmen zu allen Seiten…

‚Wasser ist Leben‘

Als Janys Blick schließlich auf den Bachlauf fiel, erkannte sie, dass sie sich diesmal nicht im Wasser abgekühlt hatte, wie sonst immer, wenn zu ihrer Lichtung, zu ihrer Quelle gelangt war. Vielleicht war diese Reizverwirrung ja gar nichts Neues, vielleicht war es ihr bisher einfach nur nicht aufgefallen, denn vielleicht war es das Wasser, was sie immerzu heilte, was ihr Gleichgewicht auszurichten vermochte? …‘Wasser ist Leben‘…

Lebenswasser für sie und für den Wald – unsichtbar außerhalb der Lichtungen, unterirdisch vielleicht; geheimnisumwoben, kraftvoll.

Mit gezwungener Ruhe und Gelassenheit legte Jany sich nun in den kleinen Bachlauf hinein, ließ das Kleid sich vollsaugen, eines verdurstenden Wesens gleich, benetzte das Haar, wusch den Waldschmerz von den Gliedern und ward wie Neugeboren.

***

Die Strecke zurück zum Sandfluss nahm Jany mit ausgesprochener Leichtigkeit, erfühlte den Weg mehr als das sie ihn sah. Sie traute sich einfach nicht zu genau hinzusehen, weder vertraute sie den Bäumen so ganz sich an Ort und Stelle zu halten, noch wollte sie riskieren erneut in blauen Flammen zu stehen.

Der Schatten, sich wohl ihres Zutrauens sicher, hatte sie scheinbar verlassen, ließ sie zumindest allein für den Moment. Wieder am Waldrand angekommen, löste Jany das Kreuz aus Ästen und Ranken auf und verband das Material zu einem breiten Balken, den sie am Wegrand als Streckenposten, als Markierung und Absicherung zum Wiederfinden der Lichtung, zurückließ, obgleich der ungleiche Schmerz, der Temperaturirrsinn, die visuelle Schau, bloß noch entfernte Erinnerung war.

Lichtungen mit Stamm-Umzäunung, kleinen Felsen, dichten Rasen und Wasserkörper sollten es sein; anscheinend, augenscheinlich, offenbar.

Ein spezieller Schutzbereich; wie für alles in dieser Welt, in diesem Leben – ihr Zimmer, die Regentage, die Lichtung im Wald. Rückzugsbereiche: abgeschlossen, eingekapselt, umhüllt… nur für sie… für sie allein.

***

Für eine gute Weile lief Jany ohne auf Hindernisse zu stoßen, aber auch ohne dass der Sandfluss an Breite abnahm. Im Gegenteil er schien zu wachsen und trieb sie so weiter in den Wald, mitten durch die konkurrierenden Bepflanzungen, noch immer unter dieser Grabesstille, die so im Gegensatz zum Artenreichtum um sie herum bestand. Zu Hören nur die eigenen Schritte, der schwere Atem, ein zunehmendes Knirschen zu ihrer Rechten; die Bewegung von Geröll im Fluss – nein, das Grollen des Flusses. Reibungen in den Strudeln des Sandes, Aufschlag der Wellen gegen Barrieren, Anstieg der Lautstärke in gewichtiger Strömung.

Wollte der Fluss womöglich über einen Wasserfall aus Treibsand springen und in einem Sandsee münden?

Hieß das dann ein Abgrund im Wald, ein Riss durch das Land, ein Nicht-Weiterkommen, ein Niemals-Ankommen?

Das Treffen auf einen Wall vor sich, unterbrach Janys Weg mitsamt ihrer aufkommende Schreckensvorstellung.

Ein Felsen, eine Wand aus Stein, türmte sich vor ihr auf, grenzte an den Sandfluss zur einen Seite und zog sich tief in den Wald zur anderen.

Wie tief, das würde Jany nicht erfahren, da sie sich nach einigen Metern durch eine Felsspalte gedrückt hatte und nun inmitten des Felsens, wie zwischen zwei Mauern stand.

***

Blanker Steinboden unter den Füßen; Wärme, beinahe angenehm. Helligkeit ohne sichtbare Lichtquelle; kein Spiel aus Licht und Schatten. Verschluckte Geräusche; kein Grollen, kein hörbares Atmen, kein deutliches Auftreten. Gelb rechts, grün-braun links, grau vor ihr und im Rücken, blau, wenn sie den Kopf in ihren Nacken legte; wie Farbkleckse, nein, sauber abgegrenzte Farbflächen. Ein Malbuch nur mit Hintergründen, nicht sehr detailverliebt.

Nach wenigen Schritten dann eine Formation aus Steinen – kleine Felsen säulenähnlich zu einer Schnecke geformt.

Dahinter dann wieder eine Mauer.

Janys Neugier war geweckt und sie folgte dem Verlauf der Felsen, lief hinein in den bewegungslosen Strudel, der das Sonnenlicht verschluckte und die Temperatur abfallen ließ, in dem es jedoch nach wie vor hell, fast schon grell war. Am Schluss des Schlangengangs stand eine Sonnenuhr, die keine Zeit anzeigte, anzeigen konnte, da beleuchtet durch dieses stete Oberlicht, das nun mehr künstlich wirkte. Drei Säulen auf der Rückseite der zeitlosen Sonnenuhr verziert mit Abbildungen von stehengebliebenen Chronometern; festgefrorene Zeit.

Rotes Graffiti auf Marmorgleichen, milchig-weißem Untergrund. Eine jede Uhr zeigte eine andere Zeit, ohne klares Muster, nur wild durcheinander – so sinnvoll, wie gar keinen Zeitmesser zu besitzen.

Kunst? Ein Code? Nur ihre Idee von Uhrdarstellung? Zufall?

Der Möglichkeiten viele, ließen Jany lediglich mit einem Gefühl der Leere zurück. Hier, umgeben von Leblosigkeit, von schreiend lauter Stille, von Licht ohne Schatten. Die Zeitlosigkeit umgeben von Uhr-Piktogrammen zog den Verlust ihrer eigenen Uhr, ihrer bekannten Routine wieder an die Oberfläche ihrer Gedanken. Es war eine Sache nur grob zu wissen, wie viel Zeit an einem vorbeigezogen ist. Den Tag, das vergehen von Stunden verknüpft über feste Rhythmen, aufgehängt an willkürlichen Orientierungsdaten – Tagesbeginn, wenn das Holz der Treppe knarrt, Nacht, wenn man die Augen schließt im eigenen Bett, die Zeit dazwischen abgemessen durch die Zeiger unterm Klebeband. Jany vermisste es, vermisste nun alles, da es ihr schließlich in den Sinn zurückgekommen war.

Warum war ihr all das entfallen, als sie blindlings nach der Dunkelheit, nach etwas Neuem suchte?

Weshalb hatte ihr die Sicherheit des Hauses und der Lichtung nicht genügt?

Was wollte sie wem beweisen?

Wut, Zweifel und Verzweiflung…Verzweiflung, Zweifel, Wut – ein Windzug kam auf, umwirbelte sie, einer Windhose gleich.

„Ich hatte dich gewarnt.”, fiel es als Antwort auf ihre stillen Fragen von allen Seiten auf sie nieder.

„Du bist hilflos.”, hallte es im Marmorwald.

„Kein Wunder, dass du allein bist.”, legte es sich kalt um ihren Nacken.

Sie wollte sich wehren, dem Schatten sagen, dass er im Unrecht war, dass die Situation nicht ihre Schuld sei, dass sie es sich nie ausgesucht hatte hier und jetzt zu sein, in diesem Vakuum zu leben… zu existieren, denn leben ist doch sicher etwas anderes!

Doch Jany blieb stumm. Erdachte sich nicht einmal die so wichtigen Argumente zur Gegenwehr, zum Auflösens dieses, ihres Gedankenreigens. Der scheinbar schon immer da war, mit ihr wohnte, mit ihr reiste und sie einfach nicht loszulassen schien. Sie musste mehr als bloß Worte finden, um ihn endlich zu durchstoßen, dessen war sie sich bewusst, doch selbst für Worte fehlte ihr nur allzu oft die Kraft.

Ohne den stehenden Uhren noch einen Blick zu schenken, rannte sie los, heraus aus dem Strudel des Stillstands, zu einer Spalte im Felsen auf der anderen Seite der Leere aus Stein.

Jany kam erst zum Stehen, da sie wieder am Waldrand stand, den Sandfluss rechts von sich, nun wieder breit, wie zu Beginn ihrer Reise – kein Sandfall also, kein See, kein Abhang; keine Änderung.

13

und die Stille

Die Wegstrecke verblieb nun ohne weitere Störungen, fast eines simplen Wanderwegs gleich, beinahe schon ein fester Pfad; ausgetreten seit langer Zeit.

Jany mutmaßte kurz sich auf einem Wildwechsel zu befinden, doch das erschien unwirklicher noch, als der Gedanke, dass Reisende vor ihr hier entlang gekommen waren. Wanderer von der anderen Seite des Flusses, deren Weg an der Mauer seinen Abschluss gefunden, die den Felsspalt nicht bemerkt, die sich vielleicht in den Tiefen des Waldes verirrt hatten oder enttäuscht umgedreht waren, zurückgekehrt zum Bekannten, wiedervereint mit den Ihrigen, mit ihrem Zuhause.

Die Stille des Waldrandes kam Jany jetzt noch lauter vor, als vor ihrem Durchtritt durch die Wand aus Stein, vor der Felsformation, vor den absurden Uhrpiktogrammen. Das Tierleben noch immer verschwunden, in Ton und Spur, kein Lüftchen regte sich in den Pflanzen, kein Knarzen im Geäst, auch der Sandfluss blieb ruhig, bewegungslos, wie erstarrt. Selbst ihr Atem, der Herzschlag, die Schritte verstummt. Sie sollte etwas in die Stille rufen, so kam ihr in den Sinn. Sie könnte auch singen oder monologisieren, einfach ihrer eigenen Stimme lauschen und sich und die drückende Stimmung im Selbstgespräch vergessen. Sie sollte, sie wollte… Doch ihr Hals war wie zugeschnürt, drückte sich mehr und mehr zusammen mit jedem Meter, den sie lief. Es war als hätten sich Finger um diesen herumgelegt – fast konnte sie jeden einzelnen von ihnen spüren; lang und knochig, eiskalt und heiß, kraftvoll und gnadenlos; ihre Luft abschnürend. Und so fühlte sie bald das leichte Brennen der Lungen, den beginnenden Schwindel, die Taubheit, welche Stück für Stück durch ihren Körper zog. Doch sie wollte nicht aufgeben, sie wollte nur noch weiter, zum Ende des Weges.

Also schritt sie voran in Geräuschlosigkeit und Stillschweigen auf tonlosen Wegen, versenkt in Grabesstille mit nichts als sich selbst zur Ablenkung. Verständlich, dass Jany den plötzlich heranrollenden Krach im eigenen Kopf beinahe genoss. Ein gewaltiges Rauschen, da sich alle je gehörten Geräusche zu einem Orchester der Erinnerung zusammenfügten und jeder Wimpernschlag eine neue Strophe hinzu schrieb, jedes Ohr eine andere Tonlage wiedergab; lauter, immer lauter, fast betäubend – was ihr schon wieder ironisch erschien, aber auch einen erschreckenden Gedanken mit sich brachte.

Abrupt blieb Jany stehen, sah sich um und suchte einen der solideren Baumstämme auf. Sie klopfte so stark dagegen, wie es in ihrer fliehenden Kraft lag. Denn sie musste sichergehen, dass es hörbar sein würde. Dass es sogar das Grollen des Sandes übertönen könnte, gäbe es dieses noch und dass es vor allem den eigens inszenierten Sturm ihrer Nerven übertraf. Ganz nah hielt Jany ihr Ohr dabei an den Stamm, als stände sie vor verschlossenen Türen und lauschte ins Innere eines Hauses in Erwartung Rütteln an Türgriffen, Schritte auf Treppenstufen, Umdrehen von Schlüsseln zu hören. Jany hielt vor lauter Anspannung auch noch den letzten Rest des Atems an, den sie nicht mehr wahrnahm und schlug dreimal, im Takt von Sekunden, deren Ticken sie noch gut im Ohr hatte, gegen das starke Holz.

‚Tick, Tick, Tick‘, drang es durch Janys Gedanken

‚Tock, Tock, Tock‘, entgegnete ihr dumpf der Baumstamm.

Das Gehör funktionierte also, es musste einfach!

Nicht ganz zufrieden, aber überzeugt genug zog Jany weiter auf diesem ach so leichten, wenn auch zermürbend ruhigen Weg. Auf wackeligen Beinen und mit dröhnendem Schädel, überwand sie ein gutes Stück Strecke ohne dass der Sandfluss ein sichtbares Ende fand oder auch nur ein bisschen schmaler wurde.

Fluss, Wald, Pfad eine einzige Wiederholung, bliebe sie stehen, das Bild wäre das gleiche; eine Szenerie in Endlosschleife; Gleichförmigkeit.

Ihren Unmut herauszuschreien, kam Jany wieder in den Sinn, doch zu deutlich fühlte sie die Umklammerung ihres Halses. Auch wusste sie inzwischen nicht mehr so recht, ob ‚Unmut‘ das passende Wort für ihre Gefühlslage darstellen konnte. Sie empfand mittlerweile eher etwas, wie Resignation und obgleich sie nicht erschöpft war, wollte sie nur noch ruhen, sich zusammenkauern, dem Gesang des Waldes, nicht ihrer Nerven, lauschen und die Zeit abwarten bis dass sie diese wieder würde spüren können.

„Bring mich zur nächsten Lichtung.”, bat Jany schließlich stumm in das Nichts hinein.

Der Schatten trat wortlos hervor, bedeckte sie schützend, griff nach ihrer Hand und so zogen sie gemeinsam, wieder vereint, wie zu Einem verwoben, tiefer in den Wald hinein.

***

Die Lichtung, nun noch winziger als die Vorherige, umzäunt aber mit Bäumen, ausgelegt mit Rasen, bestückt mit kleinen Felsen und einem Wasserkörper, wenn dieser auch mehr einer Pfütze gleichkam, als allem anderen. Diesmal leuchteten ihr wieder ein paar Pilze und Blüten entgegen. Oh und wie froh war Jany, da sie auch endlich das so vermisste Zwitschern, das Flattern, das Rascheln und Kratzen zu hören bekam. Ein kleines Lächeln der Zufriedenheit konnte sie sich nicht verkneifen, obgleich ihr inzwischen eher nach Aufgeben zumute war, lauschte sie über das Tierleben hinweg und in sich hinein.

Als sie sich schließlich niederlegte, neben die Steine mit Blick auf das Nass, fühlte sie sich leicht und schwer zugleich, kniff ihre Augen zusammen, atmete nun hörbar tief, schnell fast, über die Nase ein und aus und erwartete seine schneidende Rede. Wartete auf Worte, die ihre Zweifel untermalen würden, die aber auch stets den Wunsch auszulösen vermochten dem Schatten und sich selbst das Gegenteil zu beweisen, die Kraft gaben der Windhose ihrer Gedankenwelt zu entfliehen.

Jedoch, die Worte, die sie so verachtete, die sie so sehr brauchte, erreichten Jany nie. Der Schatten wachte nur schweigsam über sie, sichtbar zwar, aber sie nicht störend.

Er verblieb auch stumm, da er Jany später zurück in die Stille führte, in welcher sie gleichfalls schweigend ihren Weg fortsetzte bis dieser sich endlich wandelte, sich verschloss und sie zwang in den Wald zurückzukehren und wie schon zu Beginn ihrer Reise die Strecke ganz dem Prinzip ‚Versuch und Irrtum‘ zu finden und sich wieder auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.

Vergessen die Unmusik der Nerven, akzeptiert die Stille ihres Seins; beinahe, fast, ein wenig.

14

rundherum entgegen ziehen

Das Suchen und Finden begehbarer Pfade fand zu schnell wieder ein Ende und so lief Jany erneut, wie schon ewig?, auf geradem Weg ohne Hindernisse, ohne Wandel in Bild und Ton, ohne Zeitgefühl.

Die Bitte eine neue Lichtung aufzusuchen, um zu Ruhen, obgleich sie fit war, um zu Lauschen nach unsichtbarem Leben, um einfach zu Sein, lag Jany bald wieder auf der Zunge. Sogar der Gedanke die Brille abzunehmen, nur um die Bäume springen zu sehen, sich selbst im Wandel zu verlieren, flackerte kurz auf und später würde sie nicht mehr sagen können, ob es ihr tatsächlich ernst gewesen war. Ob sie, um dem drögen Nichts zu entgehen, die Reise, die Suche, ihr Sehnen nach etwas Neuem, etwas Anderem aufgegeben hätte. Denn natürlich hätte der Schatten sie gerettet, hätte sie ungefragt zu einer Lichtung gebracht, da wo die Bäume immer festverwurzelt waren, da wo Jany auch ohne Hilfsmitteln den Platz nur wechselte, wenn sie dies wünschte. Ja, der Schatten würde sie führen und sie würde ihm folgen: in den Schutz einer Lichtung, mit Baumzaun, Felsenkunst, Rasenteppich, Wasserkörper, Tierspur und angenehmer Wärme. Nur, es wäre kein Zwischenstopp, kein einfaches Ausruhen bis der Geist wieder willig ist – sein Ziel wäre ihre Lichtung und damit das Ende ihrer Reise. Sie konnte beim besten Willen nicht sagen, ob es ihr dann gelingen würde je wieder die Kraft aufzubringen und den Weg noch einmal zu gehen.

‚Geduld und Zuversicht‘, kam es Jany mit der Stimme der alten Weisen in den Sinn. Das Medaillon um ihren Hals glühte wie zur Bestätigung auf, erinnerte sie an Worte, an ein Mantra welches sie sich selbst gewählt hatte vor so unbestimmbarer Zeit.

‚Geduld und Zuversicht‘ wünschte sie sich nun als Wegbegleiter.

Mit festem Griff am Medaillon und starrem Blick in die vorausliegende Ferne geheftet, trieb es Jany nun wieder erstarkt voran.

***

Bald schon führte der Pfad, der wie vorgegeben unter ihren Füßen lag nach links, nur um dann wenige Meter später rechtsherum zu schlagen, dann zurück zu führen; in Gänze einen Kreis bildend.

Verdutzt überlegte Jany, ob sie nun in einer Wendeschleife, in einer Sackgasse gelandet war. Doch der Ring hatte nicht zurück zu den Weg geführt, von dem aus sie gestartet war, sondern lief erneut in einer kurzen gerade Strecke weiter, bevor er dann wieder nach links einschlug und den nächsten Kringel zu formen begann.

Ein Verlassen des Pfades kam nicht in Frage, da dornige Sträucher diesen zäunten, welche sich wie von Zauberhand nur beim Einstieg in den Folgekreis öffneten.

Jany drehte ab, lief zum Ausgangspunkt zurück, um zu sehen, ob es günstiger wäre den Drehweg zu umwandern und sich durch den tieferen Wald zu schlagen.

Nur gab es kein Tiefer-in-den-Wald-hinein, denn unweit vom eintönigen Waldrand waren nur noch Stämme zu sehen –  in Reih und Glied sperrten sie den weiteren Zugang zum Rest der Waldfläche ab. Es war Jany bis zu diesem Augenblick nicht aufgefallen, dass zwar der Pfad unter ihren Füßen unverändert lag, sich aber alles andere in solch neue Züge gewandelt hatte; zu sehr war sie in ihre eigene Gedankenwelt versunken gewesen, zu sehr hatte sie auf Veränderung gewartet, um diese zu bemerken.

Was blieb, wäre entweder ganz umdrehen, die eigenen Schritte zurückverfolgen bishin zum Anfang vom Ende oder aber weiter voranzuschreiten, den Kreiselweg zu gehen und das Ziel zum Startpunkt zu finden.

***

Noch ein letztes Mal tief Luft holend, begab sich Jany nun auf den direktesten Weg am Sandfluss entlang und bemühte sich dabei sehr die Ironie dahinter nicht zu bemerken; dieser zumindest nur wenig Beachtung zu schenken. Ein Kopfschütteln konnte sie sich dennoch nicht verkneifen. Auch nicht die Überlegung, dass dieser Pfad, umwachsen von Sträuchern, die dank ihrer Dornen keinerlei Abkürzung zuließen, doch unmöglich dem Zufall entsprungen sein konnte. Ein Weg, wie eine Aufgabe. Erdacht, geschaffen, zu prüfen den Wanderer.

Sollte diese Strecke auf der Suche nach einem Weg zur anderen Seite des Flusses den Reisenden prüfen oder gar abschrecken? Galten die Erschwernisse den Bewohner ihrer Seite des Landes, ein Zusatz zur Grenze des Sandflusses, ein Versuch die Menschen im Land zu halten oder ein Abhalten der Anderen einzudringen?

Janys Gedankengang umschlängelte den Kern ihrer Fragen so unumwunden, wie der Pfad unter ihren müden Füßen sich in die Länge zog.

War ihre Welt ein Gefängnis?

Nie hatte Jany wirklich hinterfragt, wo sie war und warum. Wen hätte sie auch fragen sollen, wo doch niemand mit ihr sprach. Immer war sie davon ausgegangen, dass ihre Erinnerung schon noch zurückkommen würde, dass sich ihr das Wer und Wann erschließen wird im Laufe der Zeit. Nun aber, da sie auf dieser sinnlosesten aller Strecken unterwegs war, im Kreis lief, um doch gleichzeitig den direktesten Weg zu gehen, empfand Jany es beinahe unmöglich die Umstände, in denen sie so etwas wie lebte noch in eine nachvollziehbare Logik zu pressen.

Sie erinnerte irgendwie Einiges, erklärte sich damit die Welt, in der sie wandelte und fragte sich gleichzeitig, ob es nicht besser gewesen wäre, alles und jeden von Neuem zu begegnen, ohne das Hintergrundrauschen eines löchrigen Gedächtnisses. Bestimmt war doch alles, wie es gehörte und nur sie verstand es nicht recht, bezweifelte jetzt sogar jeden Umstand. Das hatte sie vor der Begegnung mit der Dunkelheit nie getan. Damals, vor langer Zeit, obgleich erst Tage her, hatte sie sich einfügen gelernt, hatte sie ihren festen Platz in dieser Welt; einen Platz zumindest.

Jetzt da Jany wortwörtlich Kreise um sich drehte, vermisste sie das Früher, die Routine, ihr tagtägliches Gleich umso mehr.

„Dir bleibt immer umzukehren.”, bemerkte die Stimme des Schattens fast süßlich.

„Ich führe dich zurück.”, schloss er an.

Jany schluckte hörbar, fand keine Worte dagegen und lief schweigend weiter.

***

Die Füße schmerzten, die Beine wurden schwer und schwerer, Blut tropfte aus Schnitten, gewonnen in Zusammenstößen mit der Bepflanzung, Augen schlossen sich im Sekundentakt.

„Ruh dich aus. Es wäre kein Aufgeben. Es wäre ein Einsehen.” Des Schattens Worte, wie Honig. Sie umflossen Jany, klebten an ihr, gaben kurzfristig Kraft, während sie Energie kosteten beim Verdauen.

„Der Weg ist umsonst gelaufen, du wirst sehen. Ein Abenteuer lediglich. Aufzugeben ist keine Schande. Es sollte halt nicht sein.”, hafteten seine Worte, wie Kletten, kitzelten fast angenehm, zerstachen sie zugleich.

Wieder eine Linkskurve, ein paar Meter geradeaus, eine Wende rechtsherum und ein Stück zurück.

„Gibt es überhaupt ein Ziel, wenn Leben heißt laufen auf der Stelle, wie im Rad.”, schlugen die Worte, wie Steinchen auf Jany ein, kleine Löcher in vielen Wunden.

Erneut führte der Pfad nach links, dann geradeaus.

„Ist es das Schinden wert?”, flog ein letzter Brocken in ihre Richtung.

Ihr Medaillon fest umklammernd, den Schatten standhaft ignorierend, stolperte Jany unbeirrt weiter und erreichte schließlich den Ausgang des Dornenweges.

„Bring mich zur nächsten Lichtung!”, brach ihre Stimme nun hervor. Es war kein Flehen diesmal, sondern ein Auftrag, der keinen Widerspruch duldete.

15

steter Tropfen höhlt den Stein

Jany betrachtete die neueste Lichtung kaum genauer. Sie hatte sich unter den kleinen Wasserfall gelegt und genoss nun jeden Lebenstropfen auf ihrer Haut. Der Schatten schwieg. Er brauchte nichts mehr zu sagen, seine Worte hatten sich inzwischen vollkommen eingebrannt, eingeschleppt in ihre Gedankengänge, zogen Bahnen längs ihrer Überzeugung, verwoben sich mit dem Urzweifel, welcher seit ihrem ersten Erwachen auf Aufmerksamkeit drängte, Beachtung einforderte in zu stillen Momenten, nach Träumen vom Gegenteiligen, in wachen Augenblicken umgeben vom bekannt Befremdlichen. Halbparasitären Pflanzen gleich – Halt suchend am Stamm, dem Sonnenlicht entgegen strebend, im Kronendach zuhaus, sich selbstversorgenden durch Fotosynthese, aber Wasser und Nährstoffe dem Wirt entnehmend, ihn schwächend dabei, ihn mehr Hülle werden lassend, das Leben aussaugend; langsam, stetig, unaufhaltsam.

Janys Augenlider flattern auf, ihr Blick starr, der Atem gezwungen ruhig, ein Stechen im Brustkorb. Sie war erschöpft, noch immer erschöpft. Zu laut auf einmal das bedeutende Schweigen des Schattens, dröhnend fast die Stimmen im eigenen Kopf. Sie wollte nicht zum bloßen Hohlkörper nagender Gedankenkreise werden; nicht ohne Gegenwehr. Ihre Lider fest verschließend, zog sie das Wasser, wie eine schützende Decke über sich, sperrte sich vor dem Rest der Welt, den unangenehmen Vermutungen, den überlauten Behauptungen, den bohrenden Möglichkeiten.

Die Lichtung, das Fleckchen Grün, lag diesmal still um Jany herum. Die Tierwelt schlafend, in der Ferne lauernd, aus dieser Ecke des Waldes vertrieben, diese nie erreicht habend… Sie glich einer Kammer in Größe und Form. Zusammengekauert passte Jany genau hinein, unter das Wasser, umringt von Fels, gespickt mit Gras, eins, zwei Pilze als Dekor. Die Wand, das Dach der Bäume angeschmiegt, beinahe bedrückend. Der Wasserfall, die Lebensquelle, regnete sanft auf sie nieder, verlor sich im Untergrund, hinterließ keine Spuren am Boden; versorgte im Geheimen den Wald.

***

Auf wackligen Beinen fand Jany ihren Weg zurück zum Waldrand, sah, wie gewohnt den Fluss aus Sand unter blendendem Himmel, die Konkurrenz der Arten im Halbschatten der Bäume, das Spiegelbild dazu auf der anderen Seite; immer dasselbe.

Nach einer Drehung nach links schritt sie dennoch voran, weiter auf ihrem Weg, auf ihrer Suche nach dem Neuem.

***

Was nun folgte, waren ereignislose Tage des Wanderns unter denen Jany auch den letzten Begriff für Zeit verlor.

‚Tage‘ stand nur noch für ‚die Zeiträume zwischen Zwangspausen‘, welche sich immer schneller und unter größerem Druck einforderten, die sie aber auch nicht zu sehr in die Länge zog, ziehen wollte, denn ohne Zeitgefühl, ohne eindeutige Zeitmesser, stand sie nur noch unter Zeitdruck. In dieser ihrer Welt der Stille, des Stillstands, des Kreiseziehens, der Ziellosigkeit schien die Zeit, so relativ diese auch ist, zu rasen, ihr durch die Finger zu rinnen, zähflüssig, gebremst, gestaucht, gebrochen und wieder von vorn.

Der Schatten schwieg derweil, wenn auch unter hörbar knirschenden Zähnen, dass es ihren Unterkiefer schmerzte. Wie lange sie schon unterwegs war, blieb für Jany nicht mal mehr zu vermuten. Verzerrt in Übererinnerung die Einschätzung seit wann genau es sie unablässig in die unklare Weite zog. Mit jedem Schritt schienen sie drängender, aufdringlicher die Fragen nach dem Wann und Wie weit – zu welchem Zeitpunkt die Unbewohnbarkeit ihres Hauses sie in den Wald vertrieben hatte und ob sie dem Ziel jenen Fluss aus Treibsand zu überwinden tatsächlich ernsthaft näher kam. Ungewiss war inzwischen auch, dass sie überhaupt vorankam und neue Bereiche ihrer Welt erkundete, dass sie nicht bloß mit jedem Eintritt in den Waldrand, mit jedem Blick zum Ufer des schier Unüberwindbaren lediglich erneut an derselben Stelle stand. Dass sie nicht einfach den gleichen Abschnitt im gewechselten Gewand wieder und wieder zu überwinden suchte. Dass ihre ganze Reise nicht mehr war als die Wanderung in einem Laufrad.

Ihren Kopf schüttelnd, wie zum Verneinen des nagenden Zweifels, erinnerte Jany sich abermals daran – versicherte sich selbst – dass doch schließlich der Wald, der sich früher so sprunghaft verhalten hatte, zur Ruhe gekommen war, seitdem sie ihre goldene Brille trug und die Welt durch gelbe Gläser sah.

„Doch kannst du dem Zauber tatsächlich trauen?”, flüstere es, wie aus ihrem Munde.

NICHT

Jany zischte um sich. Widersprach sich selbst, wollte den Schatten ausbremsen, welcher scheinbar nur zu gern ihre zweifelnde Gedankenwelt bestätigen wollte; warm, klebrig, sie einschließend, sich um sie drehend – rundherum und wieder von vorn… Blätter verwirbelt im Wind…

Doch war es das? War genau so das wahre Leben? Hätte ihr das klar sein müssen? Die Normalität einer ständigen Wiederholung des Ganzem, die andauernd neue Bestätigung alter Erfahrungen? Hieß das nun Alltag? Ihre Reise auf der Suche nach etwas Anderem verdichtete sich mit jedem weiteren Meter zu einer Situation, die ihrem Leben vorher auf absurde Weise glich…

Wieder ein Kopfschütteln, dann ein Ausstoßen gehaltener Luft, ein verschlucktes Aufstöhnen und schließlich das Fortsetzen der Wegstrecke.

Ein Ankommen, ein Ziel, ein Ende als Anfang – Jany wollte es so gern! Wollte diese, ihre Reise. Wünschte sich Realität in ihrem Traum von einer neuen Welt. Verlangte etwas anderes, als die Gleichförmigkeit ihres Lebens, dieses Weges, welcher ständig neu und altbekannt unter ihren Füßen wuchs.

Ein Knallen plötzlich, dann ein Pfeifen, ein Aufheulen, Geröll am Himmel der Gegenseite; Gewitterstimmung. Dunkelheit brach ein, im Abstand zweier Herzschläge. Eine pechschwarze Wand, wie ein Vorhang herabgelassen und die beiden Landflächen, die Welten trennend. Der Fluss, noch immer im Sonnenschein, lag diesmal wieder laut und grollte, war aber beachtlich schmaler als sonst. Schlug nun wild um sich – in hohen Wellen, wie Lawinen über das Ufer hinaus in Richtung der Schwärze. Ein Sturm herrschte drüben, ohrenbetäubend der Wind, kein Lüftchen bei ihr.

Jany war mehr beeindruckt als erschrocken und hielt den Blick auf das Schauspiel gerichtet, während sie unbeirrt weiterlief.

„Pass auf!”, durchbrach der Schatten mit dröhnender Stimme den Sturm.

Janys blieb abrupt stehen, die Warnung mehr als deutlich hallte noch in ihren Ohren. Der Treibsand floss direkt vor ihr und spukte eines Geysirs ähnlich Sand aus. Erst hoch in die Luft, ungezielt, dann die Richtung wechselnd, aber nicht einfach zurück… plötzlich wie Hände, flach, gestreckte Finger, gespitzte Nägel, wie Krallen fast. Weit aufgerissenen Augen, Beine unbeweglich, steif, wie angewurzelt, beim nächsten Atemzug, den zu nehmen Jany kaum wagte; pfeilartig schossen die Sandfluten auf sie zu, griffen nach ihr. Ohne nachzudenken, langte Jany nach dem Baumstamm neben sich, krallte sich fest, umklammerte ihn schließlich, den Blick nie vom Sand abwendend, welcher nun an ihren Füßen zog. Sie zu holen, zu verschlingen. Um dann doch abzulassen, sich erneut in die Höhe türmend, gewaltiger werdend.

Jany ließ zügig vom Stamm ab, bevor auch dieser ihr schaden konnte und rannte blindlings einige Meter zurück.

Der Fluss zog sich scheinbar endlos nach links durch den Wald vor ihr, erzeugte eine Grenze, einen Grenzzaun, riegelte einen jeden Wanderer ab, schloss ihn ein. Der tobende Fluss zu ihrer Rechten setzte sich ebenfalls unaufhaltsam weiter fort, schlug seinerseits Wellen, in Richtung Dunkelheit; der Grenzsand vor ihr also nur ein Ausläufer. Ein Kapillargefäß nur, eines Systems unbekannter Größe. Schmal genug es zu überspringen, mit ausreichend Druck die geringe Breite in Höhe wett zu machen.

Was nun?

***

„Dreh um! Du siehst es geht nicht weiter! Ich bringe dich in Sicherheit. Es ist keine Schande!” Doch die Worte des Schattens fielen diesmal auf taube Ohren. Jany wollte nicht umdrehen, nicht aufgeben, nie mehr aufgeben!

Der Schatten hatte sie gehört, er hörte jedes ihrer Worte; ganz besonders wenn sie schwieg.

„Ich werde dir nicht mehr helfen ziehst du weiter!”, drohte er.

Jany ignorierte auch dies. Statt einer Antwort sah sie sich um, betrachtete die Baumstämme genauer, starrte sie an und war befriedigt, als sie schließlich blaue Flammen sah. Die Hände nah der Funkenschlagenden Rinde, den Blick zum Sandfluss vor sich. Drei tiefe Atemzüge später griffen die Flammen eiskalt nach ihrer Haut, breiteten sich aus, übergossen sie frostig und wandelten sich zu Insekten. Krabbelnd, stechend, saugend, beißend – nicht logisch, nie real! Ein Gedanke, an welchem Jany ebenso standhaft festhielt, wie nun am Baumstamm selbst. Die Knie zittrig, der Kiefer steif, ließ sie die Armada über sich rennen, diesmal ohne Gegenwehr. Ließ alles in ihre Knochen fahren: den heiß-kalten Schmerz, das Kribbeln unter der Haut, das Zucken der Muskeln bis es letztlich zu einem Gefühl wurde, bis nur noch Kälte herrschte, bis die Insektenformen sich zurück in Flammen wandelten. Erst dann ließ Jany ab, rannte, wie um ihr Leben, rannte sicherlich für ihr Leben.

Sie übersprang den Fluss, brach auf der anderen Seite zusammen und wurde vom Sand gepackt. Heiß umschloss dieser ihre Beine, zog Jany zu sich. Doch sie schlug ihrerseits, wie wild um sich, schrie wütend auf, trat aus und krabbelte dabei rücklings in Richtung Waldrand. Sie tastete blindlings nach Wurzeln und krallte sich schließlich an diesen fest, bis der Sand seinen Griff nach langem Kampf letztlich lockerte, sich zurück zog, schließlich ruhte; fast schon unschuldig kaum noch floss.

„Zur nächsten Lichtung finde ich selbst!”, japste Jany nach Luft, schlug die letzten blauen Flämmchen aus und schwankte unbeirrt tiefer in den Wald.

16

Träumen am See

Das Wasser lag spiegelblank vor ihr. Es funkelte, glitzerte mit Steinen, wie Diamanten am Ufer. Ein riesiger See im Meer aus Blüten über Rasenuntergrund, bestimmt. Sitzfelsen, wie Wohnzimmer. Sofa aus Stein, Armstützen berankt, Kissen aus Moos. Der Zaun der Bäume weit gezogen; die Lichtung größer noch als das Haus im vergessenen Leben. Stämme mächtig – hoch gewachsen, Kronendach kaum sichtbar. Deko-Pilze im Halbschatten – stolz die Köpfe reckend. Strahlen der Sonne wärmend, alles überdeckend, nicht gleißend, nie blendend. Summen, Zwitschern, Rascheln. Geruch nach Wald im Regen, nach Bergluft und Meer – feuchte Erde, muffig, abgebranntes Holz, auch klar, fast dünn, kühl, energetisch, dann kraftvoll, salzig, spürbar auf der Zunge; keine Duftmischung, kein Überlagern, ein Wechselbad im Zug der Windrichtung.

Unlogisch.

So ganz anders, als ihre Vorstellung von, ihr Erinnern an, den Aufbau, den Ablauf der Natur, des Systems, entgegen dem: ‚so sollte es sein‘.

Wunderschön.

Ein Wiederaufflammen ihrer schmerzende Haut ließ Jany das heilende Bad im See nehmen, ließ sie alles akzeptieren, was sie sah, ließ sie zur Ruhe kommen, wie lange nicht mehr, wie noch nie. Das Sofa dann bequemer, als es erlaubt sein sollte. Ihr Schlaf traumlos und tief.

***

Das Gesicht aus der Quelle begrüßt Jany zum Morgen, zum Aufwachen, zum Abschluss ihrer Nacht.

Sie hatte es vermisst, ihr Lächeln, ihr Zunicken, ihr Zwinkern, ihre offenen, ehrlichen Augen. Jany hatte sie schmerzlich vermisst, dass bemerkte sie erst jetzt so richtig, jetzt da sie es wiedersah nach all Zeit. Augenblicklich kam ihr in den Sinn, dass sie sich damals, in einem anderen Leben, vor ein paar Tagen, stundenlang hatte verlieren können beim Anblick des Quell-Gesichts. Sich hatte einlullen lassen von dessen bezirzender Natur, Stund um Stund ohne Gedanken an die Dinge, die man tun könnte, die noch zu tun wären – umgeben, geschützt, gehalten von einem Kokon; oh, wie sehr sehnte Jany es jetzt danach!

Und so blickte sie nun sich selbst? ins Gesicht, so sah sie nun ihre Reflexion?, so versank sie erneut in den Tiefen dieser, ihrer hoffnungsvollen? surrealen Träume, so sank Jany nieder und ergab sich dem Sog des Wassers, der Lichtung.

***

Das Leben machte endlich Sinn. Sie spürte die Ruhe, die Gelassenheit, die Kraft zum Weiterwandern… Doch vorerst sehnte sie nach dem Pausieren auf der Lichtung, nun ihrer Lichtung, geschützt, in Watte gepackt, abgeschottet von alldem was ihr drohte, vor alldem, was in Frage zu stellen wäre. Allein und für sich in dieser Stätte zum Ruhen.

***

Jany verbrachte ihre Tage mit traumlosen Träumen, in Wärme, in Frieden, ohne Sehnsüchte, ohne Wünsche nach mehr, ohne Gedanken an Vorher, ohne Hoffen auf Zukünftiges.

Sie verlor sich im Anblick der Quelle, verbrachte Stunden damit die Seiten der Diamantsteine zu analysieren, die Blätter der Blüten zu zählen, dem Leben des Waldes zu lauschen, Pläne zu schmieden, wie die Umgebung der Lichtung am besten zu erkunden sei… schon bald, schon bald würde sie weiterziehen und nach dem neuen Leben suchen… schon bald, ganz sicher, bestimmt.

17

Kampf gegen Windmühlen

Ein Grollen, dann ein Knall weckten Jany aus ihrem Schlaf, ließen sie aufblicken, den Himmel absuchen. Ein gleißend weiß-blaues Licht durchschnitt ihr Sichtfeld.

Dunkelheit legte sich über die Lichtung.

Dunkle, regengeschwängerte Wolken hatten sich zusammengezogen, malten die Nacht, wo es sonst keine gab.

Sturmböen, eisiger Hagel.

Wieder ein Grollen, ein Knurren fast – nicht über ihr, aus dem Wald heraus.

Ein Beben der Erde, ein Rütteln, ein Schieben, ein Knirschen, ein Bröckeln… ein Aufklaffen des Bodens.

Plötzlich… eine Erinnerung… ein Kinderlachen… dann Nichts.

***

Jany erwachte in Scheiß gebadet, mit wildem Herzschlag, mit Rauschen im Ohr.

Die Lichtung lag da, im Sonnenschein, in Ruhe, in Wärme, in friedlicher Unschuld.

Ein Traum, der erste seit dem Finden der Lichtung.

Ein Traum, mehr ein Weckruf, mehr eine Warnung, mehr ein Auftauchen.

Sie war aufgesprungen und rannte los ohne auch nur noch einen Blick zum See, zum Wasser, zum Versinken in sich selbst. Sie wollte zurück zum Waldrand, zurück ihrer Suche  – ganz gleich wie lang, wie verwoben, wie hart…

Alles war besser als sich zu verstecken!

Denn das Voranschreiten, wenn auch nur langsam, verzögert, ausgebremst… das Weitergehen, sich dem Unbekannten Stellen, sich Endgegenstämmen, Aufbäumen, größer machen als man ist… mutig sein, um Hilfe bitten, Entscheidungen treffen und daran festhalten, diese verwerfen, wenn angebracht… sich dem Schicksal fügen, es annehmen, sich darin zurechtfinden, es in die eigene Hände nehmen… auf dem gesteckten Pfad verbleiben, neue Abzweigungen suchen… hieß ‚Leben‘.

***

Sie lief und lief, fühlte sich fast beflügelt… bis sie schließlich das Ende des Weges erreicht hatte, am Ziel ihres Anfangs stand, bis es ihr fast den Atem nahm, da sich vor ihr lediglich die Astgrenze erstreckte, welche den Startpunkt, den Beginn ihrer Reise markiert hatte.

„Ich hatte dich gewarnt.”, erklang die mitleidige Stimme des Schattens. Jany hatte diesen lange nicht gehört, hatte ihn nicht vermisst.

Hätte ihr ein solcher Ausgang bewusst sein müssen? Hätte es von Anfang an klar sein sollen, dass es kein Ende gab, kein Ziel, keinen Übergang in eine andere Welt, keine Hoffnung aus ein neues Leben?

Nein!

Gab es also eine Erklärung? Hatte sie die Wegstrecke irgendwann zu weit verlassen und war tatsächlich abgekommen vom Pfad? Beim Pausieren auf den Lichtung vielleicht… ein verquerer Austritt aus dem Wald… aber warte… nein, ihre Markierungen bezeugten ihr jedes mal den richtigen Weg. Was, nur was war passiert?

„Es sollte halt nicht sein.”, umkreiste sie der Schatten mit sanfter Stimme, „Füge dich in dein Schicksal.”, wirbelte er weiter, „Es ist nicht deine Schuld.”, rundherum, rundherum, „Ich bin für dich da!”

Jany war nach Weinen, nach Schreien, nach Um-sich-schlagen. Es dämmerte ihr allmählich, was das Problem der Wegstrecke war, was es demnach immer sein würde; der Schatten führte es ihr gerade vor.

Der Fluss aus Treibsand umschloss den Wald, der wiederum die kreisförmige Stadt, die verdorrten Grasflächen, die Felder und ihr Haus umzäunte: Schicht um Schicht, kein Anfang, kein Ende. Der Weg am Fluss entlang ein Kreis am Rande ihrer Welt, ein Kreislauf, rundherum, rundherum.

Wie angewurzelt stand Jany nun am Waldrand, am Start- und Endpunkt ihrer Reise, umklammerte ihr Medaillon mit festem Griff und starrte zur anderen Uferseite hinüber. Hin zu einer Welt, die ihrerseits Kreise zog, welche in Gänze Janys Welt umschlossen… rundherum, rundherum.

***

„Komm mit mir.”, säuselte der Schatten, weil ihr ein ‚Bring mich nach Hause.‘ auf der Zunge lag.

Bis mit einem Male ein Kinderlachen, ein Jauchzen ihr Ohr erreichte, da ein Geruch nach Meer die Luft schwängerte, da Jany ein kleines Kind mit rotem Käppi in Richtung Wand verschwinden sah. Das Medaillon noch immer umgriffen, wusste Jany jetzt, was zu tun ihr übrig blieb, was das Einzige war, was sie tun konnte und machte sich bereit, den Blick fest nach wie vor zur anderen Seite, zur fremden Welt gerichtet…

„Bist du dir sicher?”, brachte der Schatten ihre Gedanken zum Stillstand.

Ein tiefer Atemzug.

„Du siehst alles durch die Gläser deiner Brille. Erinnere dich, wie sehr sich deine Wahrnehmung dadurch verändert hat.”, rationalisiert er weiter.

Ein Halten der Luft in den Lungen.

„Woher willst du wissen, dass das, was zu siehst nicht viel mehr deiner Vorstellung entspricht, als dem, was wirklich da ist?”

Ein Schließen der Augen.

„Wie kannst du so sicher sein, dass die andere Uferseite dir überhaupt etwas zu bieten hat.”

Ein langsames Ausstoßen des Atems.

„Bleib hier! Denn hier weißt du, was dich erwartet.”

Jany öffnete ihre Augen und rannte los. Sie übersprang den Sandfluss bis zur Mitte, wurde dort von einer glühend heißen Welle erfasst und sank hinab zum Unbekannten, den Blick dabei bis zuletzt fest zum Ufer gerichtet, mit einem Lächeln auf den Lippen. Denn sie wusste für ein Weiter, ein Anders, ein Neu musste sie die Tretmühle, den Kreis durchbrechen, musste sich selbst Zutrauen entgegen bringen, Selbstvertrauen beweisen, nicht mehr fliehen, sondern wagen. Nur so würde sie das Ziel, ihr Ziel erreichen können.

Epilog

Sattes grün, sanfte Brise, ein Geruch nach Meer.

Salz liegt in der Luft, kein Wasser in Sicht im strahlenden Sonnenschein; Wiese umgibt, Wald am Horizont.

Sie fühlt sich wohl, geborgen, eingehüllt in Licht und Wärme.

Lachen in den Ohren; ein junges Kind hüpft auf sie zu. Springt jauchzend von Grasbüschel zu Grasbüschel, gleich wird es sie erreicht haben.

Ende

Schattenseiten sonniger Tage_Teil 2

Teil 2

5

der Name Jany

Sattes grün, sanfte Brise, ein Geruch nach Meer.

Salz liegt in der Luft, kein Wasser in Sicht im strahlenden Sonnenschein; Wiese umgibt sie, Wald am Horizont.

Lachen in den Ohren; ein junges Kind hüpft von dannen. Springt jauchzend von Grasbüschel zu Grasbüschel, gleich wird es im Wald verschwunden sein. Zu sehen nur noch ein rotes Käppi – sie ist allein.

Sie fühlt sich wohl, geborgen, eingehüllt in Licht und Wärme.

Plötzlich ein Knirschen, wie splittendes Glas.

***

Jany erwachte zum Schein der Sonne, welcher unnachgiebig durch die Lücken dicker Vorhänge sickerte.

Wie am ersten Tag ihres Erwachens – gab es einst etwas anderes?

Ein ferner Gedanke, schon vor langer Zeit verdrängt. Die Erinnerung einer Ahnung aus der Ferne des Geistes, aus dem Strom der Zeit ans Ufer gezogen, gehievt, mit Mühe und Not gerettet, wie sie selbst aus den Fängen des Treibsandes.

Sie hatte in Gefahr geschwebt oder nicht?

Für einen kurzen Moment nur, nah unbekannter Tiefe.

Ertrinken im Sand.

Das Erinnern daran voll verdünnter Farbenpracht. Undeutlich, verwirrend, fern, ferner, bald wie durch die Augen eines anderen Menschen verloren in haarstreubenden Worten wilder Erzählungen.

Die spürbare, wenn auch kurzlebige, Unbeweglichkeit ihrer Glieder beim ersten Versuch das Bett zu verlassen, bezeugten das Erlebnis, das eigene Erleben…

Gerettet vom Schatten.

Ein Schatten, der Schatten, immerzu wechselnd und doch gleich.

Ihr fremder Begleiter, welcher stets aus dem Nichts hervortrat, hatte Jany schweigend, doch gleichermaßen soviel sagend, zurück zum Haus begleitet, wie schon am ersten Tag. Wie schon so oft, wenn sie sich im Schein der Sonne verloren glaubte. Immer ungefragt, eilte er ihr zu Hilfe, brachte sie zurück, führte sie in die Sicherheit… ob sie wollte oder nicht.

***

Ein Stöhnen entwich Janys Lippen, als sie sich schließlich aufzurichten begann; die Nachwehen des unfreiwilligen Sonnenbades noch immer deutlich spürbar. Ein Ziehen in den Muskeln, weit mehr als ein Zeichen von Überanstrengung, die Haut gerötet und nach wie vor erhitzt, ihr Blick leicht eingeschränkt durch grell leuchtende Flecken im Sichtfeld.

Genervt von den Schmerzen, von der eigenen Unachtsamkeit, ihrer Schwäche und vom Sonnenschein verließ sie das schmale Bett, blinzelte ein paar mal gegen die hellen Punkte an, warf das lange, weiße Kleid über und suchte das Bad auf, um sich Kühlung zu verschaffen.

Die Tür zu ihrem Zimmer ließ Jany angelehnt, er würde heute nicht noch einmal heraufkommen, obgleich sie den Morgengruß verpasst hatte. Es gab stets nur den einen Hinweis zum Start in den neuen Tag.

Sie tastete sich durch den fahl beleuchteten Hausflur zur gegenüberliegenden Seite. Ein schwaches Ächzen der Dielen unter geschundenen Sohlen, ihr schwerer Atem bei jedem Auftreten; die sechs Schritte bis zum Badezimmer ein langer Weg an solchen Tagen.

Wie jeden Tag lag der Flur unverändert vor ihr. Mit rein weißer Tapete, einem kleinen Wandschrank zum Gegenstoßen, einer verschlossenen Holztüre am Ende des kurzen Wegs. Unverändert lag auch das Bad da, das sich die Zwischenwand mit dem abgeriegelten, offenbar unbewohnten Raum daneben teilte. Ein paar Deckenlichter fluteten sanft, fast kraftlos, das Kühl des dunklen Raumes. Nur eine Reflexion im tiefdunklen Blau übergroßer Fliesen zeigte sich Jany nicht. Nicht das sie noch danach suchte. Vor allem nie nach Sonnentagen, wie dem letzten. Sie war fast schon davon überzeugt, dass alle Reflexion an solchen Tagen zu erschöpft war, um aus dem Schutz des Bettes zu kriechen – schließlich musste es Kraft kosten zu reflektieren, ein Bild zu schaffen, was nicht der eigenen Vorstellung entsprach, sicherlich nicht immer entsprechen konnte, galt es doch alles und jeden wiederzugeben. Janys Gedanken kreiselten mal wieder, erschufen sich Erklärungen für Dinge und Sachverhalte, die es nicht zu verstehen galt in dieser Welt.

Auf leicht wackeligen Beinen sich umsehend, lag dieser kalte, unpersönliche Raum so ganz typisch in der Ausstattung, mit Ausnahme eines milchverglastem Spiegels, der ohne rechten Nutzen die gesamte Seite der Zwischenwand einnahm. Das Zimmer war in Gebrauch, zumindest durch sie, doch wer auch immer das stetig hörbare Chaos im Erdgeschoss beseitigte, schien auch diesen Bereich nach jeglichem Gebrauch in seinen Urzustand zurückzuversetzen; nie sichtbar, immer spurlos. Diese Mainzelmännchen-Aktionen brachten sie nicht mehr aus der Ruhe. Der Un-Spiegel aber sorgte für neuerlichen Schwung in Janys etwas verschrobenen Gedankenkreisel, welcher sich immer zu drehen pflegte, nicht bloß angetrieben durch die Folgen der Sonne und ihrem unfreiwilligen Bad in den unsicheren Gewässern des Sandes. Kein Spiegel! Ein Rätsel? Ein Scherz? Dekoration? Ein simples Kunstwerk? Ein Gegengewicht zum überladenen Wandschmuck des Treppenhauses oder zum Blauton der Fliesen? …

***

Kaltes Wasser tropfte noch aus ihrem Kleid, als Jany einen letzten, inzwischen unbehinderten, Blick über ihr karges Reich gleiten ließ, bevor sie, die schon seit langem aufgeschobene Runde durch das Haus antrat.

Grau in Grau vom Putz die farblosen Wände, braun die samtenen Vorhänge, das Parkett frei von Teppichen. Die durch zu kurze Gardinen nie ganz verdeckten Fenster gegenüber der dünnen Holztür. Ein wackliger Stuhl am, mit Folie überdeckten, Schreibtisch, daneben ein Sessel, ebenfalls in braun, diesmal aus Leder. Auf der anderen Wandseite das schmale Bett bezogen in weißen Leinen. Ein kleiner, runder Tisch rechts vom Kopfende, als Platz für die stetig frisch bereitgestellte Wäsche, rundete die Einrichtung ab.

Der belanglose Raum rief vergrabene Geschichten wach und immer dieses Kinderlachen; Jany träumte von diesem Lachen, kannte dieses Zimmer, das Haus, die Bewohner. Ein Gefühl von verstaubten, weit zurückliegenden Erlebnissen, das sie weder genau zu fassen noch ganz abzuschütteln vermochte. Inzwischen aber wusste sie nicht mehr so recht, ob sie das Erinnern, das Verstehen des Ganzen überhaupt noch wollte.

Zu Beginn hatte Jany sich das Erinnern, wenigstens die Spur einer Ahnung von Klarheit so sehr gewünscht, dass es fast wehtat. Doch nach all der unbestimmbaren Zeit ermüdete sie dieser Wunsch nur noch, war sie Willens fast alles hinzunehmen, ohne Rückfragen zu stellen, auf die sie ja doch nur keine Antwort erhielt. Sie fürchtete sich beinahe vor neuen Erfahrungen, Entdeckungen, welche zu Fragen führen könnten. Fragen, die zu groß wären, um sie zu übersehen, denen sie nicht mit einfacher Ignoranz aus dem Weg gehen können würde. Jany wollte nur noch ihre Ruhe und doch… und doch… die Dunkelheit, die Kühle der Nacht, die andere Seite des Sandflusses ließen sie nicht mehr los. Ganz neue Fragen flackerte in ihr auf, zogen all die alten mit ans Licht – belebend und einschüchternd zugleich.

***

Langsam stieg Jany die Treppe hinab, schenkte den Rehbockschädeln und präparierten Mufflon-Köpfen, die einen Jeden aus hohlen, leeren Augen hinterher zu blicken pflegten, keine Beachtung – Dekoration, Zeichen eines anderen Lebens, Nachweise eines ‚Damals‘ unter Staubschichten eines ‚Heute‘; für Jany nie von Relevanz.

Im Vorflur kam sie zögernd zum Stehen, die schmutzig-weißen Bodenfliesen, die teilweise locker, stellenweise gebrochen, immerzu kalt waren, schenkten ihr weitere Abkühlung, während sie ins Hausinnere hinein lauschte.

Die Stille traf sie laut.

***

Beim ihrem ersten Erkundungsgang durch das kleine Haus war Jany unbedacht und voller Neugierde dessen Räumlichkeiten einfach im Uhrzeigersinn abgelaufen. Hatte zu ihrer Linken eine schmale Küche in beigen Tönen mit zum Vergessen einladender Ausstattung vorgefunden. Der Kühlschrank übervoll, die Schränke halbleer. Eine Eckbank und zwei Stühle drängten sich um einen kleinen Tisch, der gedeckt war für drei Personen und einem leeren Gedeck am freien Platz auf der schmalen, mit abgewetzten Polstern bezogenen Wandseite der Sitzbank; für niemand Bestimmten, für einen Gast, vielleicht für sie.

Jany verspürte weder Hunger noch Durst, verspürte dies auch heute nicht, wollte es aber so gerne spüren; verspürte es nie. Dennoch saß fast täglich, stets für sich, auf dem freien Sitz, roch den Duft gegessener Speisen und zählte die Krummen am Boden.

Eine Schiebetür führte sie in den großen Wohnbereich, dessen Tür vom Treppenhaus aus immer geschlossen war. Einfache Möbel aus altem Holz und abgenutzten Sitzgelegenheiten auf noch belangloserem Läufer in Kaki. Regale ohne Bücher, Schränke ohne Inhalt, ein geordnetes Chaos staubiger Alltäglichkeiten in Zimmerecken, zwischen Sofakissen, hinter Vorhängen als Kontrast. Das zur jeder Unzeit trällernde Gramophon prominent auf dem Couchtisch. Ein Zimmer voll vergessenen Lebens, das Jany damals wie heute auf Zehenspitzen durchschritt, um nicht zu stören, nicht zu verweilen.

Auf der rechten Seite des Wohnbereichs schloss sich ein kleiner Flur an, der drei weitere Türen zu unbekannten Räumlichkeiten barg. Vom Geruch her beherbergte das eine Zimmer, eine weitere Badestube, die anderen waren verschlossen, ließen aber tiefe, raue, vom Alter gebrochene Stimmen vernehmen. Zwei Herren gemeinsam, für sich versunken in unverständlicher Artikulation, in der Etage darüber ein leeres Zimmer und ein blinder Spiegel; nichts zu sehen, nichts zu verstehen.

Die Fenster des Häuschens, gleich dem ihres Zimmers, waren allesamt abgehängt, die Räume so nur sanft beleuchtet, dennoch stickig und warm.

Alles wie am ersten Tag, alles wie immer… nur die Stimmen, das Küchenradio, der Plattenspieler schwiegen sich und Jany an diesem Tage überdeutlich an.

Es gab zu alldem noch ein Kellergeschoss, in dem Jany abermals vor verschlossenen Türen gestanden hatte und auch an diesem Tage stand. Mit Ausnahme eines winzigen Räumchens am Ende eines langen Ganges, auf welches sie nun zusteuerte.

***

Eine alte Dame im rotem Gewand hatte Jany damals lächelnd und mit gemächlichen Kopfnicken willkommen geheißen; drei Bewohner in drei Räumen passend zu drei Gedecken am Tisch. Der Schemel, auf welchem sie ruhte, stand inmitten des kleinen Zimmers, das sonst ohne Einrichtung auskam. Es war halbdunkel, wie der Rest des Hauses, aber angenehm kühl. Dem lächelnden Nicken war ein Monolog aus wild zusammengewürfelten Silben gefolgt, frei von jeglicher untermalender Gestik und Mimik. Jany, sich diesem schweigend ergeben, verließ das alte Weib nach unbestimmter Zeit mit ebenjener Uhr beschenkt, auf dessen Reparatur sie augenblicklich wartete.

Erst nachdem sie dem Wortschwall nachsinnend wieder ihre eigenen Räumlichkeiten betreten hatte, war Jany überhaupt aufgefallen, war ihr klar geworden, dass sie nicht recht wusste, wo sie eigentlich war. Ein wohliges Gefühl in der Magengrube, was von Bekanntheit sprach, hatte sie beim Aufwachen das Befremdliche nicht erkennen, die Situation nicht in Frage stellen lassen. Doch nun… doch nun…

Warum war sie hier und seit wann?

Für wie lange?

Weshalb stellte sie sich diese Fragen überhaupt jetzt erst?

Mit der Erkenntnis, kam das Entsetzen.

Jany erinnerte sich an nichts mehr vor ihrem Erwachen in diesem Zimmer, an diesem Ort, vor dem Knarren, dem Rütteln, dem Knacken, weder an ihr Leben, noch an ihren Namen.

Was war geschehen?

Sie war augenscheinlich unverletzt, hatte sich frei durch das Haus bewegen dürfen, könnte dieses bestimmt auch verlassen… Sie war nicht in Gefahr, nur allein… sie war hier zu Gast…

Das wird es sein, so dachte sie schließlich. Eine Kopfverletzung oder dergleichen und sie war zur Erholung in diesem Haus, das so bekannt und doch so fremd erschien.

Sie würde einfach abwarten.

Alles würde sich entfalten mit der Zeit und nun besaß sie ja sogar eine Uhr.

Ihre wilden Gedanken auf dem Weg zum Rationell ließen sie die ersten Tage im Haus verweilen; lauschend, abwartend.

Als sie letztlich doch loszog, in der Hoffnung, die Welt werde klarer, verständlicher sein und den Sinn zurückbringen, den sie so schmerzlich vermisste, gab sie sich den Namen ‚Jany‘.

Man brauchte schließlich einen Namen, um von der Welt angesprochen und wahrgenommen zu werden. Bestimmt hatte man auch ihr einst einen gegeben.

Sie war kein Kind mehr, dessen war sie sich beim Blick auf ihre Figur sicher.

‚Jany‘ gefiel ihr und war die einzige Silbe im Monolog-Wirrwarr der alten Dame, welche für sie einen Wohlklang besessen hatte.

***

In all der Zeit, welche dem ersten Tag und der Begegnung mit der Dame gefolgt war, hatte Jany das Kellergeschoss nicht mehr betreten. Sie fühlte sich voll Scham ihrem Unverständnis den sicher gutgemeinten Worten gegenüber und hatte die alte Weise erst wieder aufsuchen wollen, wenn sie hinter ihr Geheimnis gekommen wäre.

Diese Entscheidung schien ihr damals so logisch, so klar. Jedoch ihre Begegnung mit der Nacht und den von Neuem entstandenen Fragen, dessen Beantwortung sie nun ersehnte, dessen sich offenbarende Möglichkeiten ihr neue Kraft gaben, neuen Mut, neue Bestimmung, führten Jany zurück in den Keller, durch den Gang, hin zum Räumchen. Hin zur lächelnden Dame, welche ihr sicherlich Ruhe und Verständnis bringen würde, deren Vorhandensein selbst so geheimnisvoll erschien, wie eine Nacht mitten am Tage…

***

Der Raum war leer.

Sie war allein.

Das Zimmer glich vielmehr einer Abstellkammer, fensterlos und gefüllt bis unter die Decke mit Dosen und Kartons; ohne eine Spur von Zauber, erstaunlich normal. Ein vollkommen anderer Raum, surreal nur durch seine Existenz. Lediglich der Schemel, jetzt ganz an den Rand geschoben – unbesetzt – stand noch als stummer Zeuge dieser traumgleichen Begegnung des ersten Tages. Für Jany machte der Keller so sogar mehr Sinn, obgleich sie ihre Enttäuschung nicht verneinen konnte. Doch ein Untergeschoss voller Vorräte und ohne alte, lächelnde Damen war vielleicht der erste richtige Schritt zurück in eine Welt mit Sinn und Verstand, mit Logik, mit Klarheit… Gerade da sie noch immer ein wenig verdrossen kehrtmachen wollte, entdeckte sie ein Medaillon auf dem Kissen des Schemels ruhend. Es erinnerte sie an die seltsame Frau, funkelte farbenfroh und ließ sie gleichzeitig in sich ruhen. Ein Rätsel wie der nächtliche Tag. Kein Sinn und Verstand, schon weil für Jany die Inschrift unverständlich war und doch so seltsam bekannt, genau wie die Worte der alten Weisen damals… irreal… Wer braucht schon Logik und Klarheit?

Das Medaillon fest umklammert und mit neuem Willen nicht länger im Stillstand dieses Lebens zu verweilen und einfach abzuwarten, verließ Jany den Keller, das Haus, das Bekannte.

 

6

Vom Schatten im Licht

Die Sonne würde sie nicht mehr stoppen!

Jany wollte nun endlich Antworten auf Fragen, die sie längst zu stellen verlernt hatte. So ging sie wie immer hinters Haus, kroch im Schatten der Rhododendronbüsche entlang, schlüpfte durch den Tannenhain und schloss die Augen. Sie wusste sich den Weg zurück zur Nacht zu erfühlen, hatte genau aufgepasst, hingefühlt, die Schritte gezählt, die Abzweigungen nachvollzogen, während der Schatten sie nach Hause gebracht hatte.

Was sie vorfand, ließ Jany kurz den Atem stocken.

Ja, es war die Waldgrenze, ja, da war der Sandfluss unter freiem Himmel und ja, dieser durchschnitt den Wald, bot den Blick auf die andere Seite, in eine fremde Welt, jedoch… jedoch…

„Ein Trugbild. Nichts weiter. Es gibt hier kein Dunkel. Ich hatte dich gewarnt. Sei nicht traurig.” Der Schatten legte sich mild über sie, säuselte ihr unaufhörlich beruhigend ins Ohr: „Ein Trugbild. Nichts weiter. Blinde Sehnsucht. Ists gefährlich. Komm mit mir. Bleib bei mir.”

Der Schatten, ihr steter Begleiter, seit dem ersten Ausflug zum Wald.

Immer sanft, stetig sprechend von Sicherheit, vom Grenzen kennen, vom nichts riskieren, von Geborgenheit, von der Unsinnigkeit Antworten zu suchen, auf Fragen, die doch selbst noch unbekannt waren, von der Leere ihrer Träume.

Jany hatte sich damals nur zu gerne einlullen lassen vom Schatten; die Welt um sie herum schien ihr kalt und unverständlich, er bot ihr Rückhalt und ein offenes Ohr, zeigte ihr den Weg, wenn sie sich verloren glaubte.

Gemeinsam kehrten sie nun zur Lichtung zurück. An einen Ort, der so voller Ruhe, so stetig im Moment, so ohne jeden Sinn für Veränderungen einfach nur war und immer sein würde, sie mit offenen Armen empfing, auffing; ihr Schutzraum. Die Erkenntnis traf sie hart und Jany wurde gewahr, dass sie sicher undankbar gegenüber der Güte ihrer Lichtung, der Hilfe des Schattens war in ihrem Sehnen nach etwas anderem, etwas neuen, nach mehr… und doch, die Enttäuschung das Dunkel nicht vorgefunden zu haben, rann lautlos über ihre Wangen. Sitzend auf ihrem Felsen, umgeben von grün, versunken ins ‚sie sollte, sie müsste‘ fiel Janys Blick schließlich, auf das Gesicht in der Quelle. Reflektiert im Wasserspiegel mehr eine Aufforderung als ein Wunschtraum und da ihre Augen sich trafen, blühte in ihr abermals das Bild der Nacht auf; der klare Sternenhimmel und die Dunkelheit. Unter dem steten Gemurmels ihres Begleiters von Zurückhaltung und Vorsicht, beschloss Jany den Fluss aus Sand trotz allem erneut aufzusuchen.

Es konnte kein Trugbild gewesen sein, es durfte einfach nicht!

***

So lief Jany nun täglich zur Stelle der Dunkelheit zurück, ohne diese wiederzusehen und immer kam der Schatten, um sie zu trösten und vor weiterer Enttäuschung zu warnen. Er brachte sie stets zurück zur Lichtung, ihrem vormalst liebsten Platz, den sie nun Stück für Stück zu vergessen schien. Der Krach im Haus, der von Tag zu Tag lauter wurde in seiner Stille verlor sich genauso aus ihrem Gedächtnis, wie das gebrochene, brechende Fensterglas in ihrem Zimmer. Auch die Uhr, noch immer auf Abholung wartend, verblasste vor ihrer Suche nach der Nacht. Alles verlor für Jany an Bedeutung, die Stimme des Schattens aber wuchs mit jedem Fehlversuch. Seine sanften Worte gewannen an Biss, während er selbst allmählich Stück für Stück im Licht versank.

***

Die Zeit, so unmessbar, wie sie auch war, zog unaufhörlich ins Land. Veränderte für Jany alles und doch nichts.

Das Medaillon fest umklammert, stand sie nun zum wiederholten Male am Rand des Sandflusses und blickte hoffnungsvoll zur anderen Seite; noch immer Tag, wie immer Tag!

‚Geduld und Zuversicht‘ verband sie mit ihrem Medaillon, ob dies tatsächlich dessen Inschrift war, stand infrage, blieb für Jany unklar, bisher ungreifbar, wohl auf ewig außer Reichweite. Jedoch hatte sie die Bedeutung für sich festgelegt und sprach diese unablässig in sich hinein.

‚Geduld und Zuversicht‘

Der Schatten machte sich alsbald hinter ihr breit, sammelte Kraft im Halbschatten des Waldrandes, schien sich aufzubäumen, überdeckte sie fast bedrohlich und grollte im Hintergrund, wie der Himmel an Regentagen.

‚Geduld und Zuversicht‘

Unbeirrt blieb Jany stehen, trat einen weiteren Schritt an den Fluss. Es würde passieren.

‚Geduld und Zuversicht‘

Ein Wind kam auf, verwirbelte den Sandfluss, stieß sie bald um.

Jany schloss die Augen zum Schutz, kniff sie zusammen bis ein Knacken sie erschrak und ihr mit einem Male den Blick auf die so herbeigesehnte Dunkelheit freigegeben wurde.

Ihre Freude kaum fassen könnend, jauchzte Jany laut auf und lief noch näher heran, in die Sonne hinein, den nun verschwundenen Schatten nicht vermissend, nicht ahnend, dass der Sand sich ebenfalls langsam auf sie zubewegte und um ihre baren Füße kroch, die Waden empor; ein fester Griff im Entstehen.

***

Plötzlich ein Splittern.

Ein Bersten von Glas.

Ein Schrei durch den Wald.

Jany wusste ohne jeden Zweifel, dass es nur die Fenster in ihrem Zimmer gewesen sein konnten, die da so geräuschgewaltig zu Bruch gingen.

Sie vergaß die Nacht, entfloh dem Sand und eilte zurück zu ihrem Haus.

 

7

Brennende Vorhänge

Barfuß, mit geschlossenen Augen und ausgestreckten Armen rannte es sich schwieriger als erhofft. Jany stolperte unzählige Male, riss sich ihre Hände auf an rauen Stämmen, zerkratze die Haut unbedeckter Beine beim hastigen Streifen niedriger Sträucher. Doch trotz allem widerstand sie dem inneren Drängen die Augen zu öffnen. Denn sie war sich mehr als sicher, dass sie den Weg nie zurück finden würde, nicht ohne die Hilfe des Schattens, welcher verstummt war und verschwunden schien seitdem Jany die Dunkelheit wiedergefunden hatte. Wollte er ihr nur Raum geben – so fragte sie sich – oder hatte sie ihn letztendlich doch vertrieben? Fortgejagt, da sie ihn inzwischen oft zu ignorieren pflegte, da sie seine helfende Hand meist undankbar von sich wies, da sie sich in den Kopf gesetzt hatte ihren Träumen hinterherzujagen ohne Rücksicht auf Verluste?

Der plötzliche Zusammenstoß mit einem Nadelgewächs ließ Jany jeden Gedanken an Reue verdrängen; sie war am Feldrand angelangt. Gleich würde sie zu Hause sein, die Fensterscheibe abdichten, ihre Wunden versorgen, auf ihrem Bett zur Ruhe kommen und zum ersten Mal seit zu langer Zeit wieder ins Hausinnere lauschen.

***

Nur, sie war zu spät…

Die Sonne brannte inzwischen ungehalten durchs Zimmerfenster und Jany konnte nur noch unter Entsetzen dabei zu schauen, wie ein, spontan entzündendes, Feuer begann an ihren Vorhängen zu lecken bis diese lichterloh in Flammen standen. Den Blick nicht abwendend, verließ sie im Rückwärtsgang den Raum, sprang dann in zwei Sätzen auf geschwundenen Füßen die sechs Meter zum Bad, füllte einen verstaubten Putzeimer bis zum Rande mit Wasser und eilte zurück. Auf der Türschwelle kam sie schließlich abrupt zum Stehen; das Feuer erloschen, die Fenster blank, der Raum sonnendurchflutet und heiß.

Ihre spärliche Einrichtung schien unbeschädigt. Sie war wohl selbst für die Flammen zu trostlos, um diese zu schüren. Zur Sicherheit vergoss Jany trotzdem den gesamten Inhalt des Eimers über ihre wenigen Möbel. Schüttete das Wasser dabei in einem weiten Bogen, um weder den nun unbedeckten Fenstern zu nahe zukommen, noch das Parkett zu betreten, welches im gleißenden Licht des ewigen Tages allmählich jenem Sand zu gleichen begann, in den es Jany einst so überraschend gezogen hatte; am Waldrand, vor wenigen Tagen, vor Wochen, vor… letztens, damals.

Wieder ein Knacken, dann ein Knirschen, ein Splittern von Glas.

Ein Geröll von Geräuschen aus der unteren Etage drang an Janys Ohr, holte sie aus ihren Gedanken, ließ sie verdrängen, was sie nicht zu erinnern wusste.

Sie musste den Rest des Hauses sehen!

***

Während sie das Treppenhaus mit dem nun vom neuem befüllten Wassereimer trotz aller Eile langsam und vorsichtig hinabstieg, leuchteten ihr die Tierschädel aus hohlen Augen bedrohlich entgegen. Sie schienen mahnend und zugleich tief enttäuscht, wirkten ganz so als forderten sie Jany auf sich der verlorenen Zeit zu stellen, sich der vergessene Dinge zu entsinnen.

***

Auch im Wohnzimmer brannten die Gardinen mittlerweile lichterloh und ließen die Sonne unnachgiebig hinein; das Verschütten des Wassers ein Tropfen auf den sprichwörtlichen heißen Stein.

Die Fußböden wurden zu Sand, zu Sandseen, welche unaufhörlich, ungehalten wuchsen, anschwollen, auf sie zu rollten.

Jany blieb nur zu fliehen.

So rannte sie um das Haus herum und verkroch sich im Schatten des Rhododendron, um dem Ende ihres einzig bekannten Zuhauses zu bezeugen.

***

Was war nur geschehen? Hatte vielleicht ihre Nachlässigkeit all das ausgelöst? Hätte sie einen solchen Ausgang ahnen müssen? Hätte sie etwas tun können?

Erneut stieg Zweifel in ihr auf. Ihre Gedanken umkreisten sich, umsponnen sie ohne Lösung und bissen sich dabei selbst in den Schwanz.

Aber wie erstaunt war Jany dann, als die Flammen nicht, wie aller Erwartung nach wild um sich griffen und das Gebäude in Schutt und Asche legten, sondern, friedlich von Dannen zogen, wie nach vollbrachter Tat eines einzigen, zielgerichteten Auftrages.

Lediglich die Fenster lagen nun frei, waren ungeschützt, unfähig Schutz zu bieten und derer gab es im Haus viele, zu viele. Sie verblieben, wie offene Wunden und ließen ungehalten das Licht und die Hitze der Sonne hinein; uferlose, hungrige Sandseen bildeten sich im gesamten Haus und machten es so unbewohnbar für sie.

Was würde ihr nun übrig bleiben? Was könnte sie unternehmen? Müsste sie überhaupt etwas tun? Vielleicht war es sowieso Aufgabe ihrer Mitbewohner, so wie schließlich alles deren Aufgabe zu sein schien.

Ihre Mitbewohner?!

Waren sie überhaupt noch da? Jany hatte sie seit langem nicht gehört, auch die Weckrituale schienen ausgeblieben zu sein. Jetzt, da es ihr auffiel, konnte Jany kaum glauben, dass sie so unaufmerksam geworden war. Sie versank in Gedanken, lauschte in sich hinein und versuchte zu rekonstruieren, wie und wann sich die letzten Spuren vom Rest der Hausgemeinschaft bemerkbar gemacht hatten.

Ein Ruck, dann ein hörbares Klicken ließ sie aufblicken und verwundert zur Eingangstür zurückkehren, nur um diese verriegelt vor zu finden.

***

Auch nach der dritten Runde ums frühere, so verhasste und doch geliebte Haus hatte Jany keinen Zugang in dieses entdeckt. Hatte niemanden gefunden, der sie hereinlassen würde und wurde sich der mehr und mehr aufkommenden Müdigkeit bewusst, welche unnachgiebig an ihr zerrte. Sie wurde der Stunden gewahr, welche sie ohne Pause in der Sonne zugebracht hatte und dem Wissen, dass sie wohl nun zu allem Überfluss auch noch ohne Schlafplatz dastand.

Die Erkenntnis über die Gänze ihrer misslichen Lage fiel schwer auf Jany nieder. Denn im Gegensatz zu Nahrung und Wasser war Ruhe, war Schlaf ein absolutes Muss für sie. Der Drang überkam Jany ohne Spielraum für große Gegenwehr. Schließlich war sie ein Lebewesen: Zur Ruhe kommen, Muskelregeneration, Erlebtes verarbeiten, Verknüpfung und Anpassung des Nervensystems, Heilung von Wunden und Infektionen… all das gehörte dazu; gleich der Notwendigkeit Akkus wieder aufzuladen, sobald deren Leistung zu stottern beginnt. Ja, sie war Mensch, schien mehr Mensch als all die Personen, welche um sie herum zu existieren schienen. Sie fühlte die großen und kleinen Emotionen, sie spürte Schmerz, konnte bluten und oh wie sie bluten konnte.

Jany hockte sich wieder neben die Sträucher. Sie würde ausruhen und ihr Glück in ein paar Stunden erneut versuchen. Unbedacht strich sie sich übers linke Handgelenk, an welchem sonst ihre geliebte Uhr zu finden war.

Entsetzt sprang Jany wieder auf, schleppte sich in die Stadt, die Füße wund vom Asphalt der aufgeheizten Straße, die Haut gerötet und die Augen schmerzend vom Licht der Sonne.

Die Häuserreihe stand im Mief der Geruchsinseln, das Stadtgespräch hallte unverstanden in ihren Ohren, der kleine Laden aber war verschlossen und die Uhr nicht am Platz für abzuholende Dinge.

Was hatte sie nur getan? Der Schatten war im Recht gewesen, ihre Suche fanatisch, kindisch, bloß wilde Träumerei. Der Preis dafür zu hoch, sicher wurde sie bestraft, für ihr blindes Hinterherhaschen ohne Sinn und Verstand.

***

Jany brach erschöpft in der Quelle auf der Lichtung zusammen. Das kalte Wasser bat ihr Balsam, die Tiere schienen ihr zu Liebe den Atem anzuhalten und so fand sie in dieser ungewöhnlichen Stille ein wenig Ruhe, pausierte zumindest.

Nach einer Weile wälzte sich Jany aus dem Wasser, nutzte den kleinen Fels, der ihr sonst als Sitzplatz diente, zum Anlehnen. Das Gesicht in der Quelle würde sie aufrichten, ihr Hoffnung spenden, sie mild anlächeln und alles könnte gut werden am Ende.

Jedoch, die Quelle war leer, reflektierte nur verschwommen ein Gesicht, welches zu ihr selbst oder auch jedem anderen gehören mochte.

Heiße Tränen bahnten sich ihren Weg, tropften Jany über die Nasenspitze, verblieben auf ihren Lippen, liefen ihr vom Kinn. Janys Schluchzen hallte ungehört durch den schweigenden Wald, als der Schatten sich über sie legte.

„Ich hatte dich gewarnt. Bleib bei mir. Höre auf mich. Du brauchst weiter Nichts, wenn du mich hast.”

Unter dem steten, nun wieder, sehr sanften Gemurmel des Schattens schlief Jany schließlich ein.

Fortsetzung folgt

Schattenseiten sonniger Tage_Teil 1

Prolog

Sattes grün, sanfte Brise, ein Geruch nach Meer.

Salz liegt in der Luft, kein Wasser in Sicht im strahlenden Sonnenschein; Wiese umgibt sie, Wald am Horizont.

Kinderlachen in den Ohren; es muss vom Wind getragen wurden sein – sie ist allein.

Sie fühlt sich wohl, geborgen, eingehüllt in Licht und Wärme.

Plötzlich ein Knallen gefolgt von einem leiseren Knacken, ein Knirschen fast; gebrochenes Glas, das sich Stück für Stück zu einem undurchsichtigen Netz aufteilt.

Ein Ast muss gegen die Fensterscheibe gekommen sein.

Ein Sturm vielleicht die Ursache.

Sanft ruht das Gras unter ihr, ungestört die Baumwipfel in der Ferne.

Das Glas bricht weiter.

Sie erwacht.

 

Teil 1

1

Geräusche im Treppenhaus

Jany schlug ihre Augen auf.

Sie war nicht aufgeschreckt, nur aufgewacht aus ihrem Traum; ihrem liebsten Traum.

Bald würde sie es sehen, dessen war sie sich sicher. Sie würde das Kind sehen, welches zum Lachen gehörte, vielleicht würde der Traum es letztlich offenbaren, vielleicht könnte sie es wirklich treffen, irgendwann. Sie erhoffte das Zweite, setzte mehr auf das Erste. Doch dieses Aufjauchzen so voller Lebensfreude erschien Jany so seltsam bekannt, dass sie das Kindlein dazu einfach kennen musste! Dessen war sie sich jetzt sicher, wie noch nie zuvor; sie war sich sicher, sie glaubte es zu wissen, sie hoffte es inständig, sie würde es bald, ganz bestimmt…

Ein Knarren drang an Janys Ohr und zog sie zurück in ihr Leben; der Traum nun ganz erloschen, verflogen, aufgelöst, nur noch Staub auf Möbelstücken.

Das durchdringende Knarren – die dritte Treppenstufe der Ursprung, ein schwerer Schritt der Verursacher; alt, brüchig, durchgetretenes Holz. Unmöglich sich durch das Treppenhaus zu schleichen, ohne dass man diese Stufe überstieg; er überstieg sie nie.

Immer ein schleppender, einer grober Gang auf altem Holz. Jede Stufe stöhnte unter seinen Sohlen; die Dritte von unten inzwischen gefährlich. Das zunehmend lauter werdende Rattern, bewirkt durch sein Festhalten am Geländer, ebenfalls Holz, gleichermaßen überbeansprucht, wacklig, kündigte den Fortschritt seines Aufstiegs an, sein baldiges Eintreffen.

Dann ein Knacksen; der Dielenboden vor der Tür. Ihrer Tür.

Jany war mittlerweile aufgestanden. Wartete nun, wie jedesmal gespannt auf ihrer Seite der Zimmertür. Sie wagte es kaum zu Atmen.

Würde er heute eintreten?

Die Fingerspitzen stets an der Klinke; immer zittrig. Sie war wie gebannt, angespannt; lauschte mit wanderndem Blick, als könnte dieser die Tür durchdringen, könnte das Holz zu Glas wandeln, könnte ihr die Sicht in den Flur freigeben; dabei immer konzentriert auf seinen Atem, welcher ob der Anstrengung des Treppensteigens gut hörbar für sie war. Wie immer stellte sie sich vor, wie er, so wie sie, auch unbeweglich lauschen würde, auf ihren Atem konzentriert. Jany fragte sich, nicht zum ersten Mal, ob sie beide mit gleichermaßen zittrigen Fingern über der Klinke lauerten, warteten; er ohne anzuklopfen, sie ohne auszuschließen, sie beide ohne Worte. Manchmal überlegte sie, ob er vielleicht einfach nur darauf hoffte, dass sie ihm ein Signal geben würde, dass sein Eintreten erlaubt, ja sogar erwünscht ist.

Das rechte Ohr nun an der Tür, die Augen geschlossen, in Gedanken versunken.

Könnte es so einfach sein? Sie gäbe ein Zeichen, er träte herein… und dann… was?

Würde sie ihm offen ins Gesicht blicken, ohne Scheu von ihm verlangen, dass er sagte, was er wollte, was er will?

Wollte sie ihn hereinbitten oder wegschicken?

Sie wusste nicht was tun und gab nie ein Signal.

Es war ihr Ritual. Ein tägliches Spiel.

Er würde im Hausflur stehen. Sie würde zitternd im Zimmer bleiben und warten.

Erneut ein Knacksen, ein Stapfen, ein leiser werdendes Rattern, das laute Knarren von der dritten Stufe. Dann ein sich entfernendes Schlurfen; Sohlen schiebend über Fliesen.

Janys Finger nun nicht mehr über der Klinke, die Hände zu Fäusten geballt, die Stirn an der Tür.

Schließlich ein Klappen – das Zeichen für sie ihrerseits in den Flur vorzudringen und vom obersten Treppenabsatz hinunter zu blicken, wieder lauschend, lauernd, wartend.

Nichts.

Wie immer nichts.

So schlich sie zurück ins fahle Licht ihres Zimmers.

Ein neuer Tag war also angebrochen, sein Aufstieg ihr Wecker.

Ein neuer Tag.

Ihr Zimmer, sonst durch den Schein der Sonne erhellt, lag stur grau in grau vor ihr.

Ein Lächeln huschte über ihre bleichen Gesichtszüge. Könnte es sein, dass es geregnet hatte? Dass es vielleicht sogar noch regnete?

Das vorsichtige Raffen des Vorhangs klärte ihren Gedanken und den Blick auf einen wolkenverhangen Himmel; für Jany ein seltener, aber willkommener Anblick.

Hinter vorgehaltener Hand stieß sie die Luft aus ihren Lungen, konnte das kurze Auflachen kaum unterdrücken. Heute würde sie ohne Umstände rausgehen können.

Nach Richten ihres kurzen Haares und überstreifen des langen, weißen Kleides verließ Jany nun langsam und vorsichtig die Geborgenheit ihres kleinen, karg eingerichteten Raumes ohne die Vorhänge voll aufzuziehen, ohne zu überprüfen, ob sie das brechende Glas der Fensterscheibe tatsächlich bloß erträumt hatte.

***

Janys Abstieg war leichtfüßig, fast geräuschlos, denn die dritte Stufe auslassend. Kalte Fliesen unter ihren blanken Füßen hießen sie im Vorflur willkommen. Wie immer waren die Türen zum Rest des Erdgeschosses geschlossen. Ob diese heute auch verschlossen waren, konnte sie nur mutmaßen. Deutlich hingegen war die Musik des Plattenspielers zu vernehmen; knisternd, laut, nur wenig abgedämpft vom dünnen Holz der Wohnzimmertür. Er würde nicht dort sein, denn er war nie im Zimmer.

Zum Schallplattenspieler gesellte sich nun auch das krächzende Küchenradio hinzu; die Geräuschkulisse des Anderen. Aber auch dieser würde nicht zu finden sein; das Gequake aus winzigen Lautsprechern ein Zeichen seiner Abwesenheit. Die Küche würde wie immer bar liegen, nur noch Spuren vom kürzlichen Gebrauch. Die Stühle nicht ganz gerade am Tisch, die Kissen zerdrückt auf der Sitzbank, einige Krümel am Boden. Ein Geruch von Kräutertee in warmer Luft. Immer die Spuren, nie die Verursacher. Nicht wenn Jany dabei war.

Die Geräte plärrten sich an, wie im morgendlichen Streitgespräch; vertrieben die Stille und bezeugten die Leere.

Kurz überlegte Jany mal wieder eine Runde durch das Haus zu drehen, um Ausschau zu halten nach weiteren Spuren ihrer Mitbewohner, doch der Wunsch rauszugehen, war stärker. Sie wollte die Stadt zu besuchen.

2

Stadt unter Wolken

Die Sonne, sonst so kraftvoll und mächtig, blieb noch immer versteckt hinter einem dichten Wolkenmeer und bot an diesem Tag nur fahles Licht, kaum genug, um Janys Weg in die nahe gelegene Stadt zu beleuchten.

Straßenlaternen gab es nicht, brauchte es nicht zu geben.

Jany schritt trotz der spärlichen Beleuchtung sicher voran, kannte den Weg genau; es gab nur diese eine Straße. Rissiger Asphalt, eine dünne Schicht Sand, in Dünen hier und da abgelagert, nicht rau und aufgeheizt heute, lediglich klebrig und kühl unter ihrer Füßen – eine pappige Schicht an ihren Sohlen bildend, fast so als trüge sie Schuhe.

Die Erinnerung an Sturm und Regen lag noch in der Luft, glitzerte an Fensterschreiben, bildete Pfützen auf Wegbänken, tropfte von Dächern – der Ort heute frei von den Spuren städtischen Treibens.

Fast schon geisterhaft standen die wenigen Häuser und Geschäfte da; zäunten die Straße, gaben den Blick aufs Umland nicht preis. Für Jany schien diese Anordnung der Gebäude, dieser Aufbau der Stadt fast schon symbolisch; Abschirmung und Eingeschlossenheit gleichermaßen. Wie eine Mauer, als Landesgrenze, wie eine zu hoch gewachsene Hecke im Garten, wie ständig verschlossenen Türen im eigenen Haus. Man wollte unter sich bleiben, man schloss Anderes aus, man verschloss sich selbst.

So stellte die Stadt, das Dorf, die Ortschaft, die Häuserreihe für Jany nur selten ein geeignetes Ausflugsziel dar. Denn zu eng standen die Gebäude und auch bei vollem Licht bekam sie nicht den Eindruck wirklich draußen zu sein. Alles wirkte befremdlich und beengend, zugleich aber losgelöst und abkapselt. Als versuchten die Einwohner unter sich zu bleiben. Der Grund dafür, erschloss sich ihr nicht.

Janys Haus schien diesem Gedankengang zu folgen. Es stand allein auf weiter Flur; ohne Nachbar, ohne Verkehr, ohne gut ausgebaute Wege; losgelöst und abgeschirmt. Der Pfad zur Stadt allen Wetterbedingungen gegenüber ungeschützt, die in den Wald offen, holprig, gewunden, fast unwägbar, ebenfalls kaum Unterschlupf bietend.

In der Stadt, wie im Haus, blieb die Welt, die Außenwelt, nichts weiter als ein ferner Gedanke, eine Eventualität, kaum mehr als ein Versprechen.

***

Die Einsamkeit der Stadt an Regentagen war Jany nur zu recht, denn ihre Versuche diese unter klarem Himmel zu erkunden, endeten für sie stets im Chaos.

An Sonnentagen schlug der Ort ihr im blendend, gleißenden Licht entgegen, das durch die Fensterscheiben unausweichlich, fast schon bedrohlich reflektiert wurde. Es war dann laut, die Luft stickig und klebrig. Auch entzog es sich Janys Vorstellungskraft, dass eine Ortschaft, wie diese, vor allem bei Sonnenschein grundsätzlich viel Ansprechendes zu bieten hatte, abgeschlossen und zugebaut, wie sie war. Kein Baum, kein Strauch gesellte sich in die Reihen oder auf die freien Flächen davor, lediglich ein paar verdorrte Grasbüschel lugten hier und da durch die Wegritzen. Keine Wiesen, kein Park, nicht einmal Balkonpflanzen; kein Platz für Nichts. Nein, die ganze Stadt glich einem Schlauch, gewunden zu einem Kreis – Wohnhaus an Wohnhaus an Geschäft, gegenüber von Geschäft an Geschäft an Wohnhaus, dazwischen die blanke Straße – in Frage nur der Freiraum in der Mitte des Kreises. Diese Frage zu beantworten, lag sicher nicht in Janys Hand; sie war schließlich keiner der Einwohner, es war nicht ihre Verantwortung, sie war lediglich zu Gast…

An Tagen, da die Sonne brannte, schwoll die Stadt fast über mit Eindrücken, überreizte Janys Sinne, obgleich sie nie wirklich auf Menschen traf. Ab und an dann der Duft eines zu starken Parfüms, an anderen Stellen wiederum ein Geruch von kaltem Zigarettenrauch, manchmal sogar Fett, dann wieder irgendetwas Süßliches. Inseln voller Odeur ohne klaren Ursprung.

Mit dem olfaktorischen Abbild menschlichen Lebens kam es Jany so vor, als würde sie ständig an Leuten vorüberziehen, als ständen diese direkt neben ihr, als würden sie sie jeden Moment über den Haufen rennen. Doch nie sah sie die Verursacher. Lediglich aus dem Augenwinkel erhaschte sie zuweilen eine Bewegung, einen Schatten.

Die Häuser selbst gaben ihr auch keine Zeugnis. Diese waren im Kontrast geruchlos und blieben es, unabhängig von Wind und Wetter. Erstaunt über einen solchen Umstand hatte Jany an ihren ersten Erkundungstagen durch diesen leeren Ort viele Stunden damit zugebracht an ihnen zu riechen, ohne Erfolg.

Auch hatte Jany anfangs noch versucht direkt Kontakt mit den Stadtbewohner aufzunehmen. Hatte dann an Türen und Fenster geklopft, fragend die Straße rauf und runter gerufen und stundenlang auf Antwort gewartet. Nur vereinzelt drangen dann Worte an ihr Ohr, welche für Jany zugleich bekannt und bedeutungslos erschienen. Ein vertrauter Sprachrhythmus verlangte ihr Verständnis ab, folgte zu sehr dem ihren, um fremd zu sein; sie müsste es doch verstehen! Jedoch die Dekodierung misslang. Ein klarer Tonus ohne Zusammenhang war wie ein Danebenstehen, ein Hineinstolpern in Gesprächsfetzen, Fragen, Bitten, Drohungen… sie fühlte sich immer angesprochen, doch nie wahrgenommen; ganz so wie im Haus. Der Sprachfluss für Jany, wie eine Buchstabensuppe, wild verrührt, zur Unkenntlichkeit aufgequollen, aneinandergeklebt, eingerissen, wie ein Strom aus Lauten, übersteuert durch Störgeräusche, wie ein See voller verdrehter Silben. Eine Art Code, gesponnen ausnahmslos für die Einwohner der Stadt, zu denen sie sich nicht zählte; niemals zählen würde.

Jany war zuerst erschrocken, dann neugierig, schließlich verzweifelt und inzwischen resigniert.

Mittlerweile hatte sie sich auch mit dem Umstand abgefunden, abfinden müssen, in dieser Stadt, in diesem Ort, im Kreise dieser ungewöhnlichen Norm, lediglich auf die Spuren von Leben, dem Echo von Lebendigkeit, zu treffen – ganz so, wie in der Küche am morgen.

Jany versuchte den Besuch der Stadt meistens zu meiden oder wenigstens auf die seltenen Regentage zu beschränken, da diese weniger überwältigend waren; der Abdruck des Daseins dann beinahe unmerklich, verwischt, verweht, verdrängt.

Sie unternahm den Weg nicht zum Vergnügen, lediglich für Besorgungen, die nicht in der Hand ihrer Wohngemeinschaft lagen. Lebensmittel, Kleidung und dergleichen waren stets im Haus zu finden, private Dinge, die es zu reparieren galt, gab sie bei Bedarf in der Stadt ab.

So wie heute, da die geliebte Armbanduhr zu flicken war.

Also ignorierte Jany die Rest-Gerüche so gut sie konnte, verstopfte ihre Ohren gegen die unangenehme, wenn auch nur flüsternde Geräuschkulisse und machte erst Halt da sie den entsprechenden Laden erreicht hatte. Ein Antiquariat, ein An- und Verkauf, eine Werkstatt – ein Mehrzwecksgeschäft, das es so wohl nur in solch kleinen Orten zu finden gab.

Die Uhr war ihr das Wichtigste, wenn das Lederarmband auch gebrochen war an unzähligen Stellen, das Uhrenglas inzwischen herausgefallen und die Zeiger nur noch geschützt wurden durch einen Klebstreifen. Jany fand sie charmant und wichtiger noch, es war der einzige Zeitanzeiger, den sie besaß. Ein Einzelstück, im Haus wie in der Stadt.

Sie würde auch heute niemanden im Laden antreffen. Sie würde die Uhr im kleinen Geschäft am Rande der Stadt, dem Kreispunkt gegenüber der Zugangsstelle, abgeben und so schnell wie möglich zurückkehren, um diese wieder abzuholen. Die Bezahlung für solche Leistungen wurde ihr augenscheinlich von den Hausbewohnern abgenommen; sie war ja der Hausgast, so wie es aussah.

Das System funktionierte gut für Jany und sie hinterfragte es nicht.

3

die Lichtung im Wald

Das Knarren, das Stampfen, das Rattern – ein neuer Tag.

Gleißendes Licht versuchte, wie sonst so oft auch, durch die dicken Vorhänge zu fließen, drängte sich durch Lücken im Stoff und übergoss das Zimmer mit hellem Licht; das Abholen der Uhr müsste warten.

Wie immer an Sonnentagen stand Jany etwas verloren in ihrem Zimmer, obgleich sein Auf-und Abstieg schon deutlich zurücklag. Schließlich verließ sie nur ungern den Schutz ihrer vier Wände an Tagen, wie diesen.

An Tagen, da die Sonne hoch am Himmel stand, herunterbrannte, frei von Wolken, heiß und blendend, da kein Lüftchen sich regte, um Abkühlung zu bieten.

Tage, wie diese verbrachte Jany zuweilen im Badezimmer, versunken im kalten Wasser, überdeckt von der Dunkelheit und Ruhe dieses fensterlosen Raumes.

Sie verharrte an der Tür, grübelte, lauschte… und schrak mit einem Mal auf.

Ein lauter Knall, gefolgt von einem lauten Fluch durchschnitten die Stille des Hauses. Im Raum unter dem ihrem, im Wohnzimmer, brach nun Unruhe aus. Es wurde geschoben, gestoßen, geworfen. Es wurde gebrüllt. Etwas zerbrach.

Jany wollte nicht mehr im Haus bleiben. Sie kannte ein solches Durcheinander bereits. Unzählige Male war es an ihr Ohr gedrungen und nie hinterließ es sichtbares Chaos, wenn Jany dann schließlich hinunter ging, um die Lage zu prüfen. Alles war aufgeräumt, nur das übliche leichte Durcheinander in den Ecken, auf dem Schreibtisch, hinterm Bücherregal. Selbst die Staubschicht lag immer unbeeindruckt auf den Möbeln.

Der Krach bot ihr also keinen Grund zur Sorge und das würde sicher auch heute wieder so sein. Aber er konnte sich hinziehen, brachte die Zimmerwände zum wackeln, ließ Jany nicht zur Ruhe kommen und vertrieb sie so stets nach draußen; auch an Tagen, wie dem heutigen.

***

Die innere Debatte über mögliche Ausflugsziele war kurz, war im Grunde nicht vorhanden. Es gab für Jany nur einen Ort, welcher sie zu sich zog und das nicht nur an Sonnentagen.

Jany würde zur Lichtung im Wald gehen, ihrem liebsten Rückzugsort.

Vorfreude glättete ihre durch die plötzliche Störung angespannten Gesichtszüge, ein leichtes Schmunzeln hob die Mundwinkel. Ein tiefer Atemzug, das kurze Schließen der Augen, Entspannung machte sich breit.

Die Lichtung, ihre Lichtung! Jany war überzeugt der Flecken Erde im Wald existierte nur für sie.

Umzäunt von Bäumen war sie, nicht umschlossen, sondern dekoriert vielmehr. Das Licht der Sonne drang noch zwischen den mächtigen Stämmen hindurch, durchbrach das Blätterdach der Laub- und Nadelbäume. Jedoch war es dort beinahe sanft, nie gleißend. Es flutete die satte Wiese, erleuchtete jeden Winkel des Platzes, ließ die Blüten in allen Farben des Regenbogens erstrahlen, hob jeden einzelnen Pilzhut hervor und bot Jany immer wieder ein, im Glanz wechselndes, doch stets beeindruckendes Schauspiel der Natur.

Der Wald selbst war angenehm kühl, auch an windstillen Tagen. Die Blöße, zwar den Strahlen der Sonne zu einem guten Teil geöffnet, schien stets ein Lüftchen in sich zu tragen und barg zudem eine kleine Quelle, dessen Kälte bis hin zum Felsblock reichte, auf welchem Jany sich einen gemütlichen Sitzplatz geschaffen hatte.

So verbrachte Jany dann Stunde um Stunde damit mit einer fast schon kindlichen Freude die stetig neu hervorgebrachten Tierspuren zu betrachten. Zu überlegen, wann welches Tier vorbeigeschlichen war oder womöglich länger verweilte hatte. Welche Vogelart ihre Federn abgeworfen, wessen Fell abgestoßen wurden war. Ob die Ameisen neue Routen, die Bienen neue Bauten zeigten.

Mit vor Begeisterung leuchtenden Augen schaute Jany dann um sich, lauschte in den Wald hinein oder betrachtete das klare Wasser der Quelle, in welchem sie allzeit ihre Reflexion sehen konnte.

Zumindest nahm Jany an, dass es sie selbst war, welche ihr mit blitzendblauen, großen Augen, blasser Haut und einem fast schon zu breiten, aber freundlichen Lächeln aus der Quelle entgegenblickte. Das junge Ding im Wasser schien recht dünn und hatte kurzes, beinahe weißes Haar, welches struppig nach allen Seiten abzustehen pflegte. Der Anblick gefiel ihr und sie konnte sich vollkommen in diesem verlieren.

Das Gesicht im Wasser schien magisch, hypnotisch, Kraft spendend.

Sie wollte so gern, dass diese milden, alterslosen Gesichtszüge die Ihrigen waren. Denn wirklich genau war sich Jani nicht bewusst, wie sie selbst eigentlich aussah.

Sie lebte inzwischen schon eine ganze Weile in dem Haus, die Tage konnte sie mit seinem Auf- und Abstieg im Treppenhaus zählen und es waren derer viele, aber seit wann, war die Frage, die wohl immer unbeantwortet bleiben würde. Jany hatte keine genaue Vorstellung, wie alt sie wohl sein mochte; gefühlt mal unschuldig kindlich, dann in übersprudelnder Jugend, schließlich mit abgeklärter Weisheit, dann aber wieder der erschöpfte Zeuge eines langen Lebens. Auch gab es keine Spiegel in ihrem Haus und die Fensterscheiben warfen lediglich ein verzerrtes Bild zurück. Ab und zu wurde Jani den Eindruck nicht los, dass es sich in den Reflexionen um völlig verschiedene Menschen handelte, so unterschiedlich traten diese ihr gegenüber. Darüber hinaus hatten sie oft unfreundlich, manchmal gar verzweifelt gewirkt; nie so, wie sie sich selbst gern sehen würde.

So vermied Jany es, wenn möglich, zu genau durch Glasscheiben zu sehen, ihr missfielen die Leute auf der anderen Seite. Zersplittert, verworfen, gebrochen, unkenntlich wie die Sprache; Gesichter, wie Spuren ohne klaren Ursprungs… beunruhigend.

Ja, die Lichtung im Wald, die Quelle als Abbild, würde heute ihr Ziel sein.

 

4

Steine unter blanken Füßen

Der schmale Pfad zu ihrer Lichtung, so gewunden dieser auch war, lag deutlich, wie eingebrannt vor Janys geistigem Auge.

Zuerst war sie durch Zufall auf diesen Platz gestoßen, denn der Wald und dessen gewundene Wege schienen sich schier endlos zu erstrecken.

Man könnte sicher Tage und Wochen damit zubringen diesen zu erkunden, doch Jany begnügte sich mit dem einen Platz, ihrem geliebten Fleckchen.

Sie wählte stets den gleichen Weg dahin, lief diesen immer mit Bedacht, kannte jeden Stein, jede Wurzel, jede Stolperkante und hatte gelernt diesen mit Geschick auszuweichen. Nie kam auch nur ihr in den Sinn einen anderen, vielleicht sogar kürzeren, einfacheren Weg zu suchen.

***

Vom Haus aus hatte man mehr als nur eine Möglichkeit das mächtige Dickicht zu betreten, da dieses das Häuschen beinahe umgab, sich bis zur und sogar um die Ortschaft zu ziehen schien.

Lediglich einige Felder trennten Jany auf der Rückseite des Grundstücks vom Wald. Zu den Seiten zog sich verdorrter Rasen bevor die ersten Bäume sich auftürmten und nach vorne führte die Straße zur Stadt, die, zugegebener Maßen den Zugang zur Waldfläche durch dicke, trockene Brombeersträucher erschwerte, welche diese Alleen-gleich säumten.

Janys Steig führte sie durch die Felder, die sie allzeit auf die gleiche Art durchquerte.

Sie begann ihre Wanderung stets damit das Haus zu umrunden, dabei war sie ganz nah an eine der Außenwände gepresst, da zumindest eine von diesen stets einen schmalen Schatten warf, anschließend huschte sie unter den nie tragenden, fast künstlich wirkenden Obstbäumen vorbei und kletterte durch das Loch im Gartenzaun. Um bis zum Wald zu gelangen, musste Jany dann nur noch entlang des Schattenwurfs der hohen, gummiartigen Rhododendron-Sträucher krabbeln, welche sich in einer Reihe mitten durch die Feldflächen zogen, um sich zu guter Letzt an einer Gruppe knochiger Tannen wieder aufzurichten und schließlich in den Wald hinein zu schlüpfen.

Auch an diesem Tag würde Jany die Strecke gehen, um schließlich im Wald angekommen ihre Augen zu schließen und die Arme zur Seite auszustrecken.

Der Wald lebte, wandelte sich stetig und bot kaum gute, standhafte Landmarken so dicht, wie er war. Den Pfad mit Hilfe der Fingerspitzen und über die blanken Fußsohlen zu erspüren, schien Jany eine geeignete, die einzige, Lösung zu sein.

***

So schritt sie auch heute, wie immer barfuß und bedächtig, tastete vorsichtig nach möglichen Barrieren links und rechts von sich und war sich mit ihren rudernden Armen auch der Hindernisse gewahr, die vor ihr liegen mochten.

Entsprechend ihrer Stadtausflüge bemühte sich Jany sehr, die Geräusch- und Geruchskulisse um sich herum auszublenden, sich zwar nicht völlig davor zu verschließen, wie innerhalb des Häuserdonuts, aber auch nicht ständig hinein zu lauschen, zu fühlen, wie in ihrem Haus.

Es umgab sie eine ganz andere Art von ‚Laut‘ im Wald, es gab knackende Äste, raschelnde Gebüsche, kreischende Vögel und aufjaulende Tiere; ein ständiges Hintergrundrauschen der Spuren des Lebens. Die Gerüche hingegen wirkten dünner, keine klaren, vereinzelten Duftinseln, mehr ein Spiel aus moderig und frisch, Blüten- und Tierodeur, Feuchtigkeit und Brand; all das, was Jany mit dem Gedanken ‚Natur‘ verband.

Ihr Gang war sicher, wenn auch mit Vorsicht bedacht. Übermütig sein, unaufmerksam auch dem Bekannten gegenüber, ist fatal. Davon war Jany überzeugt!

Sie war sich ihrer nie vollkommen sicher, zurecht bestimmt; war ihr letzter Gedanke bevor sie stolperte, ins Strudeln geriet, wild mit den Armen fuchtelte, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren und dann doch der Länge nach hinzufallen.

Stöhnend erhob sie sich, blinzelte ein paar Mal und schloss die Augen nicht mehr schnell genug.

***

Ja, der Wald lebte, wandelte sich immer zu, zerstörte jeden Gedanken an Orientierung oder vielleicht war es auch der Wanderer, welcher sich, verrückt um ein paar Meter oder mehr, andernorts wiederfand und sich so verlor.

Jany konnte es nicht sagen, sie wusste nur, dass sie nichts mehr wusste, sobald ihr Blick zu genau auf die Umgebung fiel; ihre Lichtung eine Ausnahme, ihre Zuflucht vor den Wirren des Waldes. Diese bat nicht nur Ruhe, sie schien selbst in sich zu ruhen.

Schon das Denken an diesen Ort erdete Jany, brachte sie dazu wieder tief durchzuatmen.

Ein Blitz in ihrem Rücken aber ließ sie zur Seite springen, erschrocken lossprinten, die Augen stets zu Boden gerichtet. Denn was die Bäume an Schatten boten, an Kühle, an Schutz vor der Sonne kam zu einem hohen Preis, konnte mehr Schaden bringen, als sich nur zu verirren.

Jany rannte und rannte. Blindlinks schob sie sich zwischen mächtigen Baumstämmen durch, übersprang Wurzeln, ließ sich Zweige ins Gesicht schlagen und von dornigen Sträuchern die Beine aufreiben; nichts würde sie aufhalten können.

Nichts!

Außer die freie Sicht auf den Himmel.

Jany kam abrupt zum Stehen, da sie aus dem Wald hervorgebrochen war. Ihre Füße trugen sie dann noch ein paar Schritte weiter in den Schein der Sonne hinein, wo sie nun ungeschützt verblieb; vor der Hitze, der brennenden Luft, dem gleißenden Licht. Sie ignorierte all das, da sich direkt vor ihren, vor Erstaunen weit aufgerissenen Augen, eine neue Welt auftat, welche in Dunkelheit eingehüllt war und sich in unbestimmbarem Ausmaß auffaltete; fast greifbar und doch unerreichbar. Ein breiter Fluss aus Sand zog sich durchs Gelände, bildete die Grenze zwischen den beiden Landschaften.

Ein Fluss aus Sand inmitten des Sonnenscheins kam in Janys Welt einer Mauer umhüllt von Stacheldraht gleich.

Und doch, sie konnte den Blick nicht abwenden. Denn von Dunkelheit, von sichtbaren Sternen, von frischer Luft hatte Jany bisher nur träumen können. Sie wusste, dass es das war, was ihr fehlte. Sie sah es in ihren Träumen während sonnige Nächte.

In Janys Welt folgten auf all diese Tage im Sonnenschein immerzu sonnendurchflutete Nächte. Dass diese den Zeitraum zum Ausruhen, zum Schlafen, zum Träumen absteckten, zeigte sich ihr an einer unbändigen Erschöpfung, welche Jany in die Knie zwang, ob sie wollte oder nicht.

Sie wusste, dass … unbemerkt war die Erde an ihre Knöchel gekrochen, umschloss nun ihre Waden und zog Jany hinab in den Fluss aus weißen, glühendem Sand. Ihre Muskeln, im Klammergriff des Treibsandes, versteiften sich, ergaben sich, ließen sich ins Unbekannte, in den Abgrund ziehen.

Jany versuchte nicht einmal einen rettenden Griff am Ufer zu finden, nahm die Augen nie von der Finsternis, ergab sich der treibenden Kraft des Flusses, als sich ein Schatten schließlich über sie legte.

„Ich hatte dich gewarnt.”

Fortsetzung folgt

 

nur die Worte fehlen mir

Wolkenbilder ziehen Geschichten schreibend am  Firmament entlang, bezeugen das unstete Sein, den Wandel, das Leben.

Überwältigende Schönheit im Atem der Natur, in Kreisläufen, in Systemen, im Entstehen und Vergehen.

Ein Hintergrundrauschen, ein Strömen, eine Tatsache, ein Gefühl – immer da – kraftvoll,  beruhigend, aufwühlend… im Willen dies Feuer, die Intensität, die Hingabe ans Hier und Jetzt, ans Damals und Später in Worte zu kleiden, auszuschmücken, deutlich, faktisch fassbar zu machen.

Nur mir fehlen die Worte…

un_betitelt

unterwegs, weg vom Hier, los vom Sein

auf dem Weg, wagemutig, waghalsig, Wegerich

…wie…

Wegrichtung, Wegunterbrechung, unwegsam

Richtungswechsel, Wegbeschreibung, Ausweg

…immer…

Weggefährte, weg von dir, von mir, von uns

abwegig, ausweglos, Rückweg

…dasselbe…

Umweg, zu Wege bringen

unterwegs, weg von hier, auf dem Weg, zurück zum Wegbeginn

Gedanken_Gang

Das Voranschreiten,

wenn auch nur langsam, verzögert, ausgebremst…

das Weitergehen,

sich dem Unbekannten Stellen, sich Endgegenstämmen, Aufbäumen, Größermachen als man ist…

mutig sein, um Hilfe bitten,

Entscheidungen treffen und daran festhalten, diese verwerfen, wenn angebracht…

sich dem Schicksal fügen, es annehmen, sich darin zurechtfinden, es in die eigene Hand nehmen…

auf dem gesteckten Pfad bleiben, neue Abzweigungen suchen…

Leben.

im Selbst_Gespräch… Szene unter dunklen Wolken

Tag 2

Szene unter dunklen Wolken

Dunkle Wolken, im Zug über blauem Himmel, werfen vereinzelt Tropfen auf ihn nieder.

In Gefahr ein Gewitter zu bezeugen?

Der Autor weiß es nicht, will sich dem Wetter nicht ergeben, ignoriert die Möglichkeit seine, nun endlich, beschrieben Heftseiten könnten aufweichen, könnten die so zaghaft verteilte Tinte verwischen… verschmieren… ins Unleserliche, ins Unwiderrufliche treiben.

Er bleibt sitzen.

Bleibt, wo er ist… wo er sich geborgen fühlt, wenn auch durch die Profanität Regen tragender Wolken bedroht.

Bleibt auf der Parkbank, umgeben von Baum und Strauch… von gelb – braun – grünen Tönen… von Vogelgezwitscher, Bach-Gerausche, Ast-Geknacke… von Wind und Sonne.

Er genießt die steife Brise und fühlt sich fast berauscht, nun da die Worte aus ihm fließen, so wie die Tropfen aus dunklen Wolken über ihm.

Fortsetzung folgt

im Selbst_Gespräch… Szene im Abendrot mit Eichhörnchen

Ein Rascheln lässt ihn aufblicken; ein rotes Eichhörnchen sitzt nicht unweit im Gebüsch. Während sich ihre Blicke treffen, sinnt der Autor über die Seltenheit dieser possierlichen Tierchen nach und fühlt sich geehrt es von so Nahem sehen zu können.

Das Eichhörnchen selbst, so scheint es, ist weniger beeindruckt von der Begegnung mit einem grimmig dreinblickenden Menschen, welcher mit hängenden Schultern und gebeugten Kreuz auf einer Parkbank hockt; blind für die Welt, die ihn sonst umgibt.

Der Autor verschenkt seine Aufmerksamkeit nicht mehr. Er fühlt sich blind für das Schauspiel der Natur, dessen er beiwohnt. Obwohl er diesem beiwohnt… sich bewusst hinein begeben hat.

Er sieht es nicht… das Fallen der bunten Blätter im sanften Wind, das Rot der Sonne bei klarem Himmel, die Früchte des Herbstes an Bäumen und auf Wegen. Hört nicht das Zwitschern der zurückgebliebenen Vögel, das Rauschen des nahen Bachlaufs, das Knacken von Ästen…

„Es tut mir leid.“, senkt sich die Stimme seiner Muse auf ihn nieder.

„Was tut dir leid?“

„Dass es da, wo du bist, so dunkel ist… kalt ist … laut ist… einsam ist. Dass du dir nicht mehr erlaubst, all das Schöne in der Welt, in deinem Leben zu sehen. Dass du das Gefühl hast, den Weg nicht mehr zu finden.“

Das Eichhörnchen, wohl zufrieden mit seiner Beute, ist von Dannen gezogen.

Der Autor hat es nicht gesehen.

„Ich fühle mich verloren.“

„Das bist du nicht!“, versichert ihre liebliche Stimme.

Fortsetzung folgt

im Selbst_Gespräch…Szene auf belaubten Wegen

Den letzten Schluck seines zweifach aufgebrühten Kaffees hinterschüttend, gönnt sich der Autor noch einen Blick auf den leeren – den verlassenen – Sofaplatz links von sich; atmet er nochmals ihren allmählich verblassenden Duft ein; führt sich zum unzähligen Male ihr Lächeln vor Augen.

Die Sonne steht nun hoch am wolkenverhangenen Himmel – müsste hoch stehen, laut der Wanduhr – und dem Autor ist nach Flucht. Flucht vor der Leere… der Stille… dem Warten. Er würde tätig werden!

Die müden Knochen erhebend – ein Stöhnen nicht unterdrücken könnend – in die viel getragenen, weil geliebten, Hosen steigend, das leicht zerschlissenene, aber sicher wärmende Hemd unter der schon gebraucht gekauften, dennoch neu wirkenden Jacke verhüllend, zieht es ihn nach draußen.

Er flieht in die kühle Herbstluft… in den Nieselregen… zu den mit Laub bedeckten Wegen.

Das Rascheln seiner Schritte übertönt vom Lärm des Verkehrs, unterdrückt von der Feuchte der Luft – ein schmatzendes Geräusch unter den Schuhen nur zu vermuten – kommt der Autor vor einem Laubhaufen zum stehen, kniet sich ächzend nieder und betrachtet den Blätterberg vor sich. Nicht der Anmut, nicht die Farbenpracht eines goldenen Herbstes – kein Rot, weder in Kamin noch Wein, kein sattes Gelb, kein Ocker – braun, in hell und dunkel, ja grau sogar, bald vollständig vertrocknend auf nassem Boden, löchrig, mit schwarzen Flecken besprenkelt, angerissenen, zertreten; Spuren des Vergehens.

Ein Ahornblatt in Händen und vor Augen ertönt seine, von zu wenig Nutzung und zu kurzer Nacht, brüchige Stimme: „Noch bräunlich oder schon grau?“

„Wieso fragst du mich nach deiner Meinung?“, schmunzelt seine Muse hinter ihm.

„Du hast die angenehmere Stimme.“ Der Autor nun stehend, den Blick in ihre Richtung bringend, die Gestalt seiner Liebe, seiner Muse vor Augen – immer vor Augen – obgleich sie fehlt.

„Übersieh nicht das Grün.“, säuselt sie, wie Staub im Wind.

Die Stirn in Falten, eine Frage auf den Lippen, das Blatt schon vergessen – nicht vermissend – verlässt seinen Griff… segelt kaum… fällt gar, vom Regen schwer, zu Boden. Die erlebte Erinnerung schon verweht, noch bevor der Autor seine Sprache wiederfinden kann.

Ihm bleibt die dröhnende Straße in den Ohren… die Nässe auf der Haut… die Leere… das Schweigen… das Warten.

Katze4dies ist/wird Fortsetzung von „im Entsehen begriffen“

im Selbst_Gespräch…Szene im Morgengrauen mit dem Blick zur Fensterscheibe

„Was machst du da?“ Ihr Schmunzeln ist hörbar.

„Warten.“, bricht seine Stimme nach kurzem Zögern hervor.

„Auf was wartest du?“  Ihr Kopfschütteln ist spürbar.

„Auf das Licht.“, betont er ungeduldig. Ihr langgezogenes Ausatmen lässt den Autor nachsetzen: „Sonnenlicht; ich will die Blumen am Fenster betrachten. Ich will sehen, wie der Sonnenschein durch die Scheibe fließt, wie er die Eisblumen durchdringt, zum Glänzen bringt… wie sie glitzern bevor sie vergehen. Ich möchte es genau beschreiben können, das Schauspiel in Worte kleiden, die Gefühle darlegen.“

„Die Gefühle?“ Ihr fragender Blick ist schneidend.

„Meine Gefühle.“, zischt er in den Raum.

Der Autor schaut sich nicht um, hält seinen Blick stur aufs Glas gerichtet. Er braucht sie nicht zu sehen, um ihr Stimme zu hören, ihr gespieltes  Schellten zu spüren, um das so geliebte Prickeln auf seiner Haut fühlen.

Er kennt all das so gut; ihren Atem, ihre Wärme, ihre sanfte Haut.

Er braucht sich nicht umzusehen… er weiß, dass sie nicht da ist; noch nicht wieder da ist.

Der Autor vermisst seine Muse, wie er noch nie etwas vermisst hat in seinem Leben. Er vermisst sie so sehr, dass er sich wünscht, er hätte sie nie getroffen… sich nie verliebt… sich nie auf die Gefühle – seine Gefühle – eingelassen. Fast wünscht er es; beinahe sehnt er sich zurück. Manchmal hätte er gern das Empfinden nie erlernt, nie verstanden, sich nie darin verloren…

Denn kann man Vermissen, was man nie kannte?

„Es ist noch zu zeitig, zu warm für Eisblumen.“, lacht sie mit seiner Stimme.

Den Blick senkend, dreht der Autor sich in den Raum… sucht er die Nähe seiner Liebe… badet er in Erinnerungen an sie… lässt sich durchströmen, wie die morgendlichen Sonnenstrahlen nun das Fenster.

 

Katze4dies ist/wird Fortsetzung von „im Entsehen begriffen“

noch zu Gast?

und wieder in diesem Haus

das da unverändert steht seit 20 Jahren

und nichts ist mehr wie früher

und doch ist alles gleich

 

sie fehlt

 

die Zimmer nun im Wandel

ein Umbruch, ein Austausch

für Neues, für andere Menschen

kein Raum mehr für den Gast

 

nur sie fehlt

 

es gilt auszuweichen, klein machen

bloß nicht stören

bloß niemals stören

zumindest das blieb gleich

 

und sie fehlt

 

ihr Platzt ist leer und wird es bleiben

sie fehlt auch mir und darf nicht fehlen

ists unerhört, unerlaubt, unsagbar gar

die Zeit muss es richten

 

doch sie fehlt

 

Teil der „zu Gast“ Reihe

Katze4 in der Stille

Katze4nun

 

 

 

 

 

 

 

denn

Szene mit dem Kinn unter der Decke und dem Ohr an der Wand

Er erwacht.

Er will dies nicht; er schreckte hoch.

Nicht die Nase verrät ihm diesmal den Grund des ungeplanten, unerwünschten Erwachens, sondern die Ohren.

Obgleich zugestopft, ein ständiges Lauschen, ein Wachen, ein Warten.

Das Bienenvolk in der Außenwand, die Mücke vom Vorabend, das Ticken der Wanduhr, die Bewegung des Nachbarn, der Verkehr vor dem Haus… nicht wirklich gehört, vielmehr erahnt. Eingebrannt in die Nerven, lebendig in seiner Vorstellung.

Erneut ein Krack, dann ein Rollen über Dielenfußboden; keine Einbildung angespannter Sinne, der Nachbar ist wach und ließ etwas fallen offenbar.

Er spitzt die Ohren… ein Klack Klack von Schuhen, ein Knarksen – Tür öffnet, ein Klappen – Tür schließt, ein Poltern im Treppenhaus, ein letztes Klappen… Ruhe.

Ein tiefer Atemzug, ein Umdrehen, ein Wieder-in-den-Traum-finden-wollen.

Denn im Traum kann er sich einbilden, er wäre nicht allein, er würde sie nicht vermissen, er hätte nicht zu viel Zeit und doch zu wenig irgendwie – er wäre kein Autor ohne Muse.

Das Kissen neben ihm noch immer kalt und voll von ihrem Duft; seine Liebe, seine Geliebte, seine Muse…

Den Nachtschweiß noch auf der Stirn, tropfend von der Nase, klebend am Rücken.

Nicht nur das T-Shirt mehr als feucht; ein Albtraum?

Nein.

Ein Erinnern an Vergangenes, an Vergänglichkeit, an Hoffnung zugleich; auf mehr…

 

Katze4dies ist/wird Fortsetzung von „im Entsehen begriffen“

 

Szene mit dem Kopf auf dem Kissen und dem Geist in den Wolken

Dunkelheit, Wärme, das wohlige Gefühl der Sicherheit augenblicklich durchbohrt, zerbröckelt verflogen durch einen Duft.

Nur den Bruchteil einer Sekunde braucht es, ihn zu wecken, angewidert zu sein, durchflutet zu werden von unangenehmen Erinnerungen.

Was ist es, das diesen speziellen Geruch so unerträglich macht, dass keine Brücke geschlagen wird zwischen Odeur und Mief, dass ihm nichts bleibt als aufzuspringen, das geliebte Nest zu verlassen und die Fenster zu zuschlagen?

…  oder eben selbst nach einer Zigarette zu greifen, um aus passiver Belästigung aktives Kurzweil zu machen?

Nicht mitten in der Nacht, nicht nach milden Träumen, nicht hinter verschlossenen Türen – sie würde es nicht gutheißen, dessen ist er sich sicher!

Wachliegend verliert er sich in einer Faszination für Wahrnehmungsunterschiede, die ausgelöst werden aufgrund unterschiedlicher sensorischer Wege in Verbindung mit Erfahrungswerten…

Acetylcholinrezeptoren lassen sich nur zu gerne besetzen, wie es ihm scheint, überdecken so jede Warnung der olfaktorischen Perzeption… doch niemals losgelöst von der bewussten Konsumierung; lediglich ein Toxikum.

Rücksinnen in Kindheitsmomente verbracht in seltsamer Erregung, ja auf der Suche nach diesem speziellen Aroma auf der Rückbank des Familienwagens. Stets vorgebeugt; so nah wie möglich hin zum Beifahrersitz, zur Mutter, welche rauchend und selbstvergessen den Blick nicht vom Tachometer nahm…

Wann geschah die Neubelegung dieses Geruchs? Wodurch kam die Abneigung, die Abwehr, der Fluchtinstinkt oder eben der persönliche Konsum als Gegenreaktion?

Überwältigende Müdigkeit zieht ihn tiefer in die Federn, weg von den Gedankenströmen, hin zu ihrem Parfüm, das ganz ohne sie noch auf dem Kissen liegt.

Ein eigener Wohlgeruch, schwerwiegend, wie der kalte Gestank einer Zigarette zur Nachtzeit. Gleichbedeutend stets fähig ihn aus seinen Träumen zu rütteln, ihn zu sich zu ziehen, ihn in Erinnerungen an bessere, verlorene Zeiten zu stoßen, ihn zurückzulassen in sonderbarer Wehmut… doch in Kontradiktion niemals abstoßend, abschreckend und keinesfalls in Zweifel an sonst klare Gewissheiten.

Doch geradeeben, in dieser Nacht, auf noch nicht absehbare Zeit bleibt er allein mit ihrem Duft… schlaflos, hellwach, gepeinigt von Monotonie, von Sehnsucht.

Nur er selbst und eine leere Betthälfte, die er nie zu stören wagt.

Katze4dies ist/wird Fortsetzung von „im Entsehen begriffen“

Wie beschreiben

Ein Wimpernschlag

Ein Atemzug

Ein Umschauen

Ein Nichterkennen

Ein Knacken hinter den Augen

Ein Rauschen im Ohr

Ein Bröckeln der Fassade

Ein Ruck

Ein Sog zum Strudel abwärts, seitwärts, niemals hinauf

Ins Unbekannte… Ins Dunkel… Ins  Selbst

Wo bin ich und wann

Ist es bald „wer“

Sprecht mit mir… Haltet mich im Augenblick… Greift nach mir, wie ich nach Strohhalmen

Am Rande des Abgrunds zum Selbstverlust

Surreale Normalität

Fantastischer Realzustand

Außerhalb der Momente

Mit dem Wissen um die Ungewissheit eines Seins

Eines Daseins im Verschwinden, in sich selbst verlieren, im Hineinkippen, Hinausfallen, Versinken…

Wie beschreiben…

Kannst Du…

Kannst Du mich sehen

in der Dunkelheit umgeben von Licht

 

Kannst Du mich hören

in Frage stellend jede Antwort

 

Kannst Du mich halten

rastlos im Stillstand ohne Ziel

 

und hier sind die Dinge, die ich nicht verstehe

und hier ist die Welt, die mich verschreckt

und dort bist Du

 

Kannst Du

Kannst Du all das

was ich nicht kann

 

zweifel_los

Stetes Drängen der immer gleichen Gedankenkreisel.

Ein Aufreihen… ein aneinander Reiben…

Ein Zusammenwürfeln… ein Verschieben…

Dann ein Knirschen… der Zerfall…

Und wieder von vorn.

 

Von vornherein…

Ein beständiges Fragen, ein Hinterfragen mit Zwischenfragen ohne Halt…

Ein Widerhall… ein Missverstehen…

Dann ein Knacken… der Zerfall

 

zweifelsohne… zweifellos… zweifelsfrei…

…Selbstzweifel…

 

Wie ein Leben mit angezogener Handbremse, wie ein Rollen im Leerlauf, wie das Fahren mit Notbereifung… stets mit Obacht, abhängig, unter permanenter Kontrolle und dem Fuß rechts vom Gaspedal.

 

SehnSUeCHTig

Wartend gehen

auf und ab

ab und auf

 

schweißige Hände

zittrige Finger

knirschende Zähne

Rauschen im Ohr

 

dröhnend

tosend

betäubend

das Herz tobt in der Brust

 

dann DU

 

dein sanftes Lächeln … mein manisches Grinsen

dein strahlender Blick … meine aufgerissenen Augen

deine unterstreichenden Gesten … mein unwirsches Rudern mit den Gliedern

 

kein schweigendes Gespräch

ein Redefluss

mein Redeschwall

ein auf dich niederregnen großer Worte … verschluckt jedes Zweite

 

überschwängliche Nichtigkeiten poltern von den Lippen

ungesagte Notwendigkeit bleibt ausgedörrt auf der Zunge zurück

ein Meer von Gewäsch

 

ein übergroß sein wollen

 

für DICH

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zwischen den Szenen. Bei Kerzenlicht und zwei Fingerbreit Wilthener

Träume einer anderen, weniger bedächtigen, aber umso lauteren Stille oder vielmehr deren Störung lassen den Autor mit einem schweren Seufzer auf den Lippen erwachen.

Zum Schreiben scheint es ihm zu spät; das Licht dafür zu schummrig, die Gedanken zu verklebt… noch zu unwirklich… irgendwo zwischen Begehren und Bedürfnis.

Ein Lächeln auf den Lippen, ein Vermissen… ein Griff zum Telefon… kein Durchkommen… Festnetz besetzt, Mobilfunk außer Betrieb…

Die Züge verspannt, ein Sehnen… ein weiterer Griff zur Flasche…

Die Banalität des Ganzen in klaren Zügen vor Augen… Kichern und schüchterne Zurückhaltung zu Beginn… Romantik am Ende… das Zusammenkommen dazwischen und wieder von vorn… bis dass es kein Geheimnis mehr gibt, bis dass er Karten zeichnen, Gemälde malen, Skulpturen formen kann; wie sonst in Worte zu kleiden? Wie darzustellen? Wie auszuleuchten?

Fantasie des Publikums; bestimmt!

Improvisation der Schauspieler; sicherlich!

Entscheidungen des Regisseurs; eindeutig!

Ein wenig Vorstellungsvermögen, Eigeninitiative und Mitarbeit sollte verlangt werden können.

Szene unter Sternenhimmeln

Und so begann es!

Beinahe täglich suchte er sie auf. Nicht mit Blumen oder Schokolade, sondern dem Geschenk des Schweigens.

Sie trafen sich sobald das gesellige Treiben auf den Wegen abnahm, zeigten sich gegenseitig die Welt beim Aufsuchen der liebsten oder verhasstesten Orte, beim Wandern durch Wälder über weite Ebenen, enge Gassen, zu stark beleuchteten Straßen und Feldwegen im Licht des Mondes… und fast immer schwiegen sie.

Es herrschte eine Stille, die von Frieden und Einigkeit sprach, ohne Worte ganze Gespräche auszufüllen fähig war, eine Leichtigkeit mitbrachte in ihrer Schwere… er, der immer ein Mann der vielen Worte gewesen war, genoss dieses befremdliche Gefühl, diese Einzigartigkeit ihrer Kommunikation; so voller Verstehen, Verständnis und ohne Chance für Ausflüchte.

Denn die Fähigkeit sich in großen Worten zu äußern, in der Lage zu sein farbenfroh recht wenig Inhalt in sehr viel Text zu packen, auch auf ungestellte Fragen eine Antwort zu finden oder Probleme zu schaffen durch eine übersteuerte Komplexität, ist nicht gleichzusetzen mit Wahrhaftigkeit. Worte besitzen eine ganz eigene Macht, sie lehren, heilen, beschwichtigen, verbinden, trennen, traumatisieren, verletzen, bremsen… Text kann die Welt bewegen, aber auch jedes Inhalts entbehren, er kann Zusammenhalt schaffen und missbraucht werden.

Eine Sprache zu haben, ganz gleich welcher Natur, sich mitteilen und ausdrücken zu können, ist etwas Vitales!

Jemanden zu finden, mit dem man schweigen kann, ohne das Gefühl der permanenten Notwenigkeit sich erklären… sich rechtfertigen zu müssen, ist etwas Kostbares.

Er glaubte sie zu kennen beim ersten Blick in ihre Augen, doch um sie wirklich zu verstehen, musste er lernen auf unbekannten Wegen zu wandeln, musste er seine Faszination in Etwas von Bestand  ummünzen, musste er Zutrauen und Vertrauen entwickeln, musste er herausfinden, ob ihm all Das überhaupt lag.

Katze4

Allegorie durch die Seelenfenster

Gedankenströme wie M u s i k

fließend, weich, fliehend, sprudelnd, konzentriert

sich im Kreise drehend

un_endlich

un_wirklich

un_überschaubar

wunder_schön

wunder_lich

Gedankenströme w i e Musik

Abrisse im Loop, im Looping mit sich selbst

Aufschrei im Bandsalat, gelockert, gezwängt, verwickelt bis zur Unkenntlichkeit

Sprünge, geschüttert, ausgesetzt, abgebrochen

Nichts, infiziert, zerstückelt, verloren ohne Backup

G e d a n k e n ströme wie Musik

Texte, Sätze, Worte

Wortteile

Wortfetzen

Laute

Nichts

Gedanken s t r o e m e

Katze4

Szene inmitten von Stühlen

Es fühlt sich an wie Schachtelsätze… er spürt es genau; tief in den Eingeweiden und vor dem inneren Auge.

Die Worte… die ersten, die so über alle Maßen wichtigen, stets unterschätzten,  die eine niedliche Anekdote einführenden, verdammten ersten Worte beim Begegnen… „Für Jemanden, der vom Worte aneinanderreihen lebt, stellst du dich ganz schön an.“, zischte er in sich hinein, während er sich ihr langsamen Schrittes zu nähern versuchte.

Noch tönte die Musik, noch jubelten die Gäste, immer noch blickte sie unbeteiligt drein.

Einen Cocktail in der linken Hand, das Glas fest umklammert; ein Caipirinha dem Anschein nach. Der schwierigste Drink in seinen Augen, obgleich man meinen sollte, es wäre keine Aufgabe diesen zu mixen. Man sollte das meinen, aber oft genug wird das Verhältnis nicht beachtet – zu viel Cachaca, zu wenig brauner Zucker, die Limetten mit irgendeinem Sirup unterdrückt… fast schon eine Bürde die Brühe dann genießen zu wollen; ein Gesprächseinstieg?

Aber nein, er könnte überheblich wirken… er war es natürlich auch, doch wer gibt das schon freiwillig zu. So etwas gehört herausgefunden, nachdem man versucht hat, solche Eigenheiten so lange wie möglich hinter klugen Wortwitzen zu verbergen. Und immer ein Lächeln im Gesicht.

Ein breites Grinsen würde sie sicher ablehnen… ihre Augen erschienen zu alt dafür, älter als sie selbst es war. Sie verrieten ihm ein Leben, das in seiner Kürze gefüllt war von Erfahrungen – Erfahrenes, Erlebtes, Erdachtes, welches tief vergraben lag und unentdeckt bleiben wollte. Damit konnte auch er mehr als dienen… geteiltes Leid und so weiter; als Satzanfang wohl eher ungeeignet.

Platte Sprüche, Klischees und Augenzwinkern waren unter seiner Würde.

Letztlich stand er ihr gegenüber, der Weg war kürzer als geplant, die Bar fast leblos, denn Alles wandte ihnen den Rücken zu… der Augenblick beinahe friedlich in seiner Lautstärke. Er starrte sie an, griff nach dem Getränk – es war zu süß. Einen Schuss Wasser später lächelte sie ihn mild an; er hatte sie kennengelernt.

Katze4

Zwischen den Szenen. Am Fenster

„In deinen Stück gibt es keinerlei Dialog.“, eine Aussage gemacht mit fragender Stimme.

Der Autor zuckt nur scheinbar unbeteiligt mit den Achseln.

„Aber das Publikum braucht Dialoge, benötigt die Möglichkeit in die Gefühlswelt aller Protagonisten hineinzuschauen. Man muss Einsichten gewinnen! Alles was du geschrieben hast, lebt von einseitigen Beobachtungen!“

Der Autor hüllt sich weiter in Schweigen.

„Du kennst die Gefühle der anderen Figur nicht oder?“, Hoffnung auf ein Verneinen der Frage schwingt kaum mit in ihren Worten, Schultern fallen, aber ihr Griff geht zu seiner Hand: „Wenn du es nicht weißt, wie soll dann der Leser dem Ganzen folgen? Wie willst du es schaffen, dass dein Stück nicht bloß eine lose Szenensammlung wird?“, kraftvoll umklammert sie nun die Hand, welche selbst den Griff nicht erwidert.

Sich langsam erhebend, wendet der Autor seinen Blick schließlich ab und sucht sich einen Punkt an der Wand, knapp neben dem Kopf seiner Geliebten: „Die Wahrheit liegt zwischen den Szenen!“

Seine Hand losgelassen, ballt sie ihre zur Faust… ein kurzes Zucken dieser verspricht das Suchen nach einem Ziel, doch kraftlos und entmutigt kommt sie letztlich noch immer geballt auf der Tischplatte zum liegen.

Die Geliebte will nicht aufgeben, sie verlangt eine Antwort, die für jeden Menschen, nicht nur für sie, erkennbar ist… erwartet diese, da es für sie niemals nur um das Stück gegangen war: „Das Publikum kann diese Szenen, diese Zwischenszenen, aber nicht sehen – sie spielen hinter den Kulissen, sind verborgen zwischen den Skriptseiten, vergraben in deinem Kopf. Ein Spannungsbogen sollte eben ein solcher sein; ein Bogen! Er verlangt nach Auflösung; benötigt eine abschließende Lösung oder wenigstens Zwischenlösung für den entwickelten Plot. Der Leser braucht ein Ende. Nur offene Fragen sind nicht befriedigend…“

„Das LEBEN funktioniert so aber nicht!“, der Autor noch immer stehend, stiert erst aus dem Fenster dann auf sie hinab; seine Augen glühend vor kaum mehr unterdrückbarer Anspannung.

Den Blick nicht abwendend, löst sie ihre Fäuste erneut zur flachen Hand; auf dem Tisch ruhend zum einen, an seiner Hüfte zur anderen: „Dies ist nicht das Leben; dies ist Kunst! DU bist der AUTOR. Du  schreibst die Geschichte, deine GESCHICHTE… nur DU kannst etwas erschaffen, das über das Leben und dessen Einschränkungen hinausgeht. Der Autor hat die alleinige Macht… nutze diese Gelegenheit… schaffe dir und damit dem Publikum ein Ende, dass du sonst nur zu träumen wagst… vergiss die Realität… erlaube dir eine Zukunft!“

Der Autor schaut wieder zum Fenster und damit hinaus auf die Straße und in die Welt. Er betrachtet die Menschen, die es nichts angeht. Als er merkt, dass seine Geliebte, seine Liebe?, sich erhebt, um ihn erneut zurück und mit seinen Gedanken allein zu lassen, geht sein Griff zur ihrer Hand auf der Tischplatte… er hält sie fest… will sie nicht loslassen, weglassen, verlieren…

Doch der letzte Akt gehört noch geschrieben, das Unvermeidliche noch ergründet und so löst er schließlich die Verbindung zu ihr, lässt sie abermals ziehen und wartet auf das Ende, welches noch im Halbdunkel lauert.

 

zur Entfaltung des Ganzen Katze4

Zwischen den Szenen. Mit dem Kopf auf der Tischplatte

Entdeckt heißt nicht begegnet!

War das nur ein Prolog oder passt das in den ersten Akt?

Ist es das bloße Anhäufen von Worten? Das Vergrößern der Wortanzahl? Oder vielleicht lediglich eine schwache Wahl derselbigen?

Ist es kurz nach dem Beginn einfach nur der Versuch das Notwendige aufzuschieben, das Eigentliche aufzublasen, um dem Unvermeidlichen zu entgehen?

Steif sein Nacken, schwer die Beine, taub die Finger… vor Anspannung, vor Erwartung bis der Kiefer schmerzt, bis die Zähne zu splittern drohen.

Ich folgte ihr, verfolgte ich sie?

Wollte sie ansprechen, beeindrucken mit aufgesetztem Selbstvertrauen, unterdrückter Erregung, versteckter Verunsicherung… einem bedeutungslos beladenem Wortschatz.

…zu früh, zu viel und doch nie genug; aber sie versprach etwas Neues, Aufregendes… Zerbrechliches?

zur Entfaltung des Ganzen Katze4

Erster Akt. Die Begegnung. Szene unter Menschen

Ein Tag, nicht wie jeder andere und doch auch nichts Besonderes. Was war es? Ein Freitag? Nein, ein Donnerstag… wie immer zu viel zu tun und kaum Zeit sich über den Sinn oder Unsinn Gedanken zu machen.

Er war gelangweilt.

Die Woche voll beschäftigt, doch es wollte ihn einfach nicht interessieren; nicht genug, um ihn bei Laune zu halten, nicht annähernd genug, um ihn dazu zu bringen emotional beteiligt zu interagieren, noch weniger, um dergleichen zu investieren.

Stand er am Bahnhof oder im Foyer eines Kaufhauses, vielleicht im Wartebereich eines Arztes oder eines Kinosaals?

Wenn er lediglich die Menschen betrachtete, konnte er sich nicht sicher sein… zuerst eine angespannte Ruhe, dann Start gemurmelter Gespräche, später ein Rauschen von Stimmen… bis plötzlich etwas geschieht… eine Durchsage über Lautsprecher, das Aufrufen eines Namens, das sich anbahnende Öffnen von Saaltüren… ein allgemeines Luftanhalten, ein Lauschen in Erwartung, ein Augenbrauenhochziehen, ein Kopf zur Seiteneigen… ein kurzes Räuspern und die Welt dreht sich weiter wie gehabt.

Ein langes Schließen der Augen, kein Blinzeln, ein eindeutiges Dunkler-werden hinter Lidern bevor das Licht und die Kontraste wieder deutlich werden… Langeweile… obwohl weder am Bahnhof, im Kaufhaus, beim Arzt oder im Kino, aber unter Menschen. Nach dem diesmaligen Räuspern hatte eine Band angefangen zu spielen und mit ihr die Aufmerksamkeit Aller auf einmal entgegen der Bühne gerichtet.

Aller, bis auf seiner und ihrer.

Ihr Blick strahlte etwas Bekanntes und doch aufregend Fremdes aus, aus ihrer Haltung sprach seine Langeweile, eine verwandte Gleichgültigkeit, eine erzwungene Beteiligung… sie war mit den Bandmitgliedern befreundet, aber desinteressiert an deren Kunst… anwesend aus Teilhabe, aus Rücksicht auf Gefühle, aus Gründen, die tiefer gingen als alles, was er je verstand, je verstehen würde.

Der Wunsch der einzige Grund ihrer gerichteten Hingabe zu sein, ihre ungeteilte Beachtung zu finden, zu versinken in ihrer Hingabe, ihre volle Geistesgegenwärtig zu spüren, begann sich zu festigen… meißelte sich ein in seinen Verstand, vibrierte in seinen Fingern, pulsierte in seinem Blut… führte zu einer fast lächerlichen Synonymsuche.

Er war ihr begegnet, jetzt wollte er sie kennenlernen.

zur Entfaltung des Ganzen Katze4

 

Szene mit dem Kopf im Nacken

Eine Liebesgeschichte, ein Stück über die Liebe, eine Romanze, ein Drama, eine Realbeschreibung… was könnte das Publikum verlangen?

Der Autor wälzt die Frage zum unzähligen Mal um, lässt sich die Gedanken vermehrt durch den Kopf gehen, über die Lippen wandern, durch die Finger rinnen… nichts Konkretes will entstehen.

Er wird nervös, fühlt sich getrieben, nicht aber angetrieben zu Taten, sondern vielmehr vertrieben. Unsicherheit liegt ihm nicht, Unsicherheit führt für ihn nicht dazu alte, bekannte Wege zu verlassen, um neue auszuprobieren, um ins Unbekannte zu springen und sich in Aufregung, Erwartung, Vorfreude aufzulösen.

Keine Zeit … nicht dafür…

Zurück zum Anfang!

Ein Stück…

Wie viele Akte hat eine Liebe?

Sind es immer fünf?

Immer nach Aristoteles?

Die Begegnung, das Interesseentwickeln, das Zusammenkommen, der Alltag, das Unvermeidliche…

Fünf als Zahl gefällt ihm.

 

zur Entfaltung des Ganzen Katze4

ohne Sein

in Momenten da ich kaum noch bin

entleert, entrückt, vertrieben

ohne Sein, kein Dasein

 

der Geist verkleb

die Gedanken im Nebel

 

reduziert

 

verloren die Sprache

alles verlangsamt, lang gezogen, zusammengestaucht

das Sein ohne Sinn

 

die Gedanken ohne Sprachrohr

zerstückelt, verwirbelt, laut und grell

 

am Anfang der Sturm im Kopf

im Anschluss ein Vakuum

 

reduziert

 

die neue Normalität

reine Gewohnheitssache, wenn man die Umwelt befragt

in Fragen gezogene Gespräche

Unverständnis, welches vollkommen verständlich

 

ich denke, also bin ich

was bin ich, wenn ich nicht denken kann?

 

nur Kunst

zur Kunstsammlung Katze4

und wieder

ein dumpfes Pochen

ein Ziehen

ein Brennen

ein sich Ausbreiten

ein Schmerz, dem zu entkommen fast unmöglich scheint

 

ein Auftürmen

ein Dagegenhalten

ein Willensstark-sein-wollen

 

ein Atemzug, dann zwei

 

ein sich Fangen, sich Verfangen, ein Gefangensein

ein Lösen, sich Loslösen, sich Auflösen

 

noch ein Atemzug, dann drei

 

ein sich W i e d e r finden

 

w o l l e n

 

zur Kunstsammlung Katze4

Szene zu Beginn

Der Autor wartet.

Er wartet schon seit längerem.

Er wartet ohne etwas zu erwarten; aus der Erwartung ist er herausgewachsen.

Der Autor sitzt am offenen Fenster seines kleinen Büros, die Schreibtischlampe erlosch vor einigen Minuten; die Glühbirne offenbar durchgebrannt und er wartet.

Er wartet nicht auf den sich nun ankündigenden Sonnenaufgang, obgleich er bereits seit dessen Untergang aus dem Fenster stiert, weshalb seine Augen schon seit Stunden blutunterlaufen und verquollen sind.

Er wartet auf den Beginn des Stückes, das noch geschrieben werden muss… welches er zu schreiben hat… dessen fehlende Worte ihm im Halse stecken, ihm den Magen zum Knoten verbiegen, ihm die Luft zum Atmen nehmen.

Jeden Augenblick wird sie zurück sein und sie wird etwas erwarten, von ihm erwarten… sie wird etwas erwarten, auf das sie selbst seit längerem wartet. Auch ihre Augen werden gerötet sein von zu wenig Schlaf und zu vielen Erwartungen.

Der Autor glaubt nicht, dass sie gemeinsam auf dasselbe warten werden und als die ersten zarten Sonnenstrahlen schließlich seinen Fensterplatz erreichen, schließt er die Augen… verschließt sie vor dem kommenden Moment, der unvermeidlichen Realität und nicht zuletzt vor sich selbst.

zur Entfaltung des Ganzen Katze4

Heute war ein guter Tag

„Heute war ein guter Tag, ich habe einen Satz geschrieben.“

Keinen blassen Dunst von wem dieser kluge, wenn auch nicht unbedingt aufbauende Satz ist. Natürlich könnte ich das nachschlagen; zumal es in der heutigen Zeit keine vertretbare Begründung, also Ausrede, dafür gibt, dies nicht zu tun. Nein heutzutage gilt es bei solchem Unwissen nur ehrlich zu sein und zu zugeben, es im Grunde gar nicht wissen zu wollen, sei es aus Faulheit oder Ignoranz; Faulheit in meinem Fall.

Schreibblockaden gehören natürlich zum kreativen Alltag dazu; schließlich kann einen die Muse nicht immer gleich gut küssen. Ab und an hat sie auch mal schlechten Atem oder beißt einem gar ein Stück Lippe ab. Die Muse scheint ein launisches Biest…

Die Muse ist verschwägert mit der Selbstreflektion, die einem ihrerseits nicht nur zuweilen brauchbare Charaktereinsichten liefert, sondern unter Umständen den gesamten Schreibprozess um ganze Abschnitte, ja sogar Kapitel zurückwirft, da man sich vor lauter Reflektiererei im selbstgebauten Spiegelkabinett verirrt und anstatt neuer Charaktere nur noch Vorwürfe und Verunsicherungen Blüten tragen; ja ganze Wälder entstehen. Buchenwälder, in welche kaum noch Lichteinflüsse und Wasser dringen können, sind sie erstmal dicht genug, so dass jedes neue Samenkorn schon vor dem Aufbrechen verdorren muss oder verpflichtet wird auszuharren bis es einst an einen geeigneteren Ort getragen wird.

Dunkle, kalte, beängstigende Wortschleifen-, Satzfetzen-, Sackgassenwälder…

Um die Familie noch zu vergrößern, gesellt sich nur zu gern auch Großvater „Gefahr des Plagiats“ hinzu oder um es mit den Worten der Literaturwissenschaft auszudrücken: Intertextualität. Schließlich ist es kein Ideenklau, wenn es Nachahmung ist, um einen geliebten Künstler zu ehren. Eine Hommage, eine Verbeugung, ein Kniefall, ein Sich-Davon-Schleichen um aus alten Gedanken neue Kunst zu schaffen… man sollte sich des Ursprungs seiner Einfälle lediglich bewusst bleiben.

Mit dem Drama des sich festgefahrenen Schaffens fließen natürlicherweise gute Ratschläge diesem zu entkommen zusammen und bilden so eine „an den eigenen Haaren aus dem Treibsand ziehen wollen“ Sachlage, deren Ausgang den geneigten Leser vor die schiere Unmöglichkeit der Interpretation des gegebenen Textes stellt… nicht immer wird es so deutlich wie in diesem kleinen Werk, dass man gemeinsam mit dem Künstler nur gegen Wände laufen oder sich im Buchenwald der Verdammnis wiederfinden kann!

Nun fehlt noch ein Ende. Was öfter als selten der Anfang vom Ende ist, also wenn das Ende klar ist, der Anfang schön geworden und der ganze Rest dazwischen hingt, womit wir wieder bei „Heute war ein guter Tag“ sind.

Wenn man das Schlechte weglässt, geht’s mir gut… von einem Leben in Floskeln

Meine Oma hatte für fast jede Lebenssituation eine passende Redensart… und so wurde ich auch geprägt durch ihre Teilhabe an meiner Erziehung und wuchs auf unter ihren wachsamen Augen, mit dem Reglement von Herrn von Knigge, stets gepaart mit einprägsamen Floskeln und dem Hinweis langsam und laut zu sprechen – nicht dass mir dies je gelungen wäre; ich sprach stets zu schnell und zu leise, später oft zu laut, aber immer noch zu schnell…

Zog ich nun eine Schnute, da mir was nicht passte, hieß es also „Da ist die Zuckerpuppe von der Bauchtanztruppe…“

Ein Streit unter Geschwistern wurde mit „Ein Bruder und ’ne Schwester, nichts schön’res auf der Welt…“ kommentiert.

Hatte ich mich verletzt, so war es „bis zur Hochzeit wieder gut“.

Wollte ich einer Sache mit Argumentation entgehen, wurde ich daran erinnert „warum der Teufel seine Großmutter erschlagen hat“.

Geriet man in Zeitnot so sollte man „nur keine Hektik nicht vermeiden“ und außerdem „fangen morgen wieder Hundert Tage an“.

War ich für bestimmte Dinge noch zu jung, so durfte ich zwar „alles essen, aber nicht alles wissen“.

Am Tisch sitzend, wurde stets darauf geachtet, dass man „den Löffel zum Mund und nicht den Mund zum Löffel führt“.

und so weiter und so fort…

Da wir in einer Welt der Redewendungen zu leben scheinen, sog ich diese natürlich nicht nur bei meiner Oma in mich auf.

Noch heute kann ich nicht anders handeln, als mit meinem Gegenüber mein Essen oder dergleichen zu teilen, denn die Schallplatte, die bei uns vermutlich auf Dauerschleife gelaufen sein muss, löste in mir fast schon einen pawlowschen Reflex aus, denn „teilen macht Spaß, wir teilen dies und das.“

Man kann sich natürlich streiten, wie viel Gewicht Floskeln in der eigenen Lebensführung einnehmen sollten und oft genug sind es sicher diese „formelhaften, leeren Redewendungen“, vor denen im Duden gewarnt wird. Doch wenn es darum geht, dass allgemeine Miteinander nach der Prämisse des „behandle andere so, wie auch du behandelt werden willst“ zu gestalten und sich auch durch schwieriger Zeiten nicht unterkriegen zu lassen, denn „am Ende wird alles gut und wenn es noch nicht gut ist, so ist es noch nicht zu ende.“ haben manche klugen Sprüche durchaus ihre Daseinsberechtigung.

Und wenn es nur darum geht unbequemen Fragen, wie die nach dem eigenen Wohlbefinden mit den Worten „wenn man das schlechte weglässt, geht’s mir gut“ zu umwandern, damit man sich auf die schönen Dinge konzentrieren kann, so wie Oma es letztendlich tat oder eben das Gespräch mit einer augenzwinkernden Aufforderung zur Tätigkeit zu beenden durch den Ausspruch „mach heute noch was, dann brauch ich es nicht zu tun.“

Eine Weisheit für jede passende und unpassende Gelegenheit liegt auch mir tagtäglich auf der Zunge und ich werfe ungefragt mit diesen um mich. Denn man sollte ruhig angesehenen Menschen mit ihren ebenso ansehenswerten Aussagen huldigen…

schließlich sagte schon Heine: „Weise erdenken neue Gedanken, und Narren verbreiten sie.“

 

Wort-Spiel-erei

SELBST

Selbstverständnis                     Verstand

Selbstvertrauen                          vertraut

Selbstzweifel                      zweifelsohne

Selbstwertgefühl                        wertvoll

Selbstbewusst                     Bewusstsein

Selbstschutz                             schutzlos

Selbstlos                                     losgelöst

Selbstzweck                               zwecklos

Selbstsicher                            Sicherheit

Selbsthilfe                                      hilflos

Selbstsucht                                   süchtig

Selbstversuch                                 Suche

Selbstkritik                                       Krise

Selbstmord                                   modrig

Selbstständig                           standhaft

Selbstbild                                      Bildnis

Selbsterkenntnis                   Kunstgriff

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