Auf Umwegen_Kapitel 1

Auf Umwegen

Prolog

Es sollte zwar kein milder Tag werden, doch mit der fast stehenden, schwülen Luft hatte auch niemand im Ort gerechnet.
Seit Tagen war es nun drückend heiß gewesen, obgleich Regen angekündigt war. Doch diese windfreie Schwere, dieser fast schmeckbare Schleier, dieser feuchte Film auf allen Oberflächen zeugte nun endlich von einem nahenden Wetterumschwung.
Natürlich waren die Leute des Dorfes glücklich darüber, ja ersehnten den so dringend notwendigen Regen. Wussten um die betrüblich geneigten Köpfe der hochgeschätzten Blumen, um die fast welke Ernte, um die durstigen Tiere, die verbrannte Haut. Und doch heute… Heute erschien der denkbar ungünstigste Zeitpunkt für dieses so nötige Gewitter; heute fand doch die große Hochzeit des Bürgermeisters statt. Eine Feierlichkeit für Sonnenschein und Vogelgezwitscher nicht für Unbestimmtheit und Unwetter!
Seit Monaten geplant und keine einfache Verbindung zweier Liebender, sondern ein spektakuläres Stadtfest sollte es werden. Nicht nur die Nachbarn, nein die Menschen des gesamten Landkreises waren eingeladen. Jedermann im Sonntagsanzug, in geputzter Kleidung, im besten Abendkleid, im feinsten Zwirn und mit dem breitesten Grinsen im Gesicht. Das Glockenspiel ertönte, kündigte den Auftritt des Paares an und so auch den Beginn der Feierlichkeiten. Voller Spannung und Anspannung sammelten sich die Gäste nun vor den Toren des Rathauses. Jedoch mit dem Blick nicht so sehr auf das Brautpaar als vielmehr gen Himmel gerichtet, welcher sich mit einem Male bedrohlich abgedunkelt hatte.
Donner durchriss die Stille des Tages und das abwartende Schweigen der Leute. Gefolgt vom kurzen Aufschrei der gerade aus dem Schutz des Hauses getretenen Braut begann wie auf Knopfdruck der Regen. Das Wasser stürzte in dicken Tropfen auf die frisch Vermählte hernieder, durchweichte das so sorgsam ausgesuchte Kleid in wenigen Augenblicken und ergoss sich in Fluten über die Stadt, deren Bewohner und Besucher. Aufgescheuchten Hühnern gleich drängten die Hochzeitsgäste in alle Richtungen und suchten verzweifelt nach Schutz. Sie drückten sich ins freistehende Rathaus bis kein Platz mehr blieb, kauerten unter Bänken, umklammerten die umstehenden großen Buchen und rannten zum naheliegenden Parkplatz.

Ein wahres Spektakel also, ein Zirkus, ein bunter Haufen, ein…

Dem jungen Mädchen, welches auf der Hohe saß und das Schauspiel fasziniert beobachtete, gingen die Vergleiche aus. Ihr war es nur zu Recht, dass, wenn schon nicht die Hochzeit selbst, dann doch zumindest das lächerliche Fest danach buchstäblich ins Wasser gefallen war.
Wie konnte ihr Vater nur wieder heiraten? So kurz nachdem…? Wie konnte ihre Mutter dem Theater beiwohnen? Wie nur konnte es beiden so egal sein, dass sie, dass ihre einzige Tochter nicht dabei war? Wie…?

Ein Aufschlag im Hausflur ließ Luise aufschrecken, ließ sie ihre liebste Spielfigur an sich drücken. Das Geschrei im Haus kam näher; Vater und Mutter mussten wohl inzwischen direkt vor ihrer Zimmertür stehen. Wieder ging irgendetwas zu Bruch, erneut polterte etwas anderes die Stufen herunter. Luises schwarze Lockenpracht schüttelt sich mit ihr, als sie mehr und mehr ins Zittern geriet und versuchte sich immer kleiner zu machen. Die Spielfiguren – so sorgsam aufgebaut – lagen längst verstreut um das kleine Mädchen herum und wurden mit jedem lauten Wort vom Hausflur, mit jedem neuen Knall immer feuchter durch dessen Tränen.
Plötzlich das Zuschlagen der Haustür, dann Stille.
Die Tür zu Luises Kinderzimmer öffnete sich langsam und vorsichtig. Beinahe lautlos, wäre da das Quietschen der Klinke nicht gewesen. Eine Hand legte sich sanft auf ihren Rücken, eine andere strich ihr durchs Haar. Minuten vergingen ohne ein Wort, gefüllt nur mit den wimmernden Atemzügen des Kindes.

„Vergiss nicht die Spielsachen wegzuräumen ehe du zu Bett gehst.“, mahnte ihre Mutter schließlich mit leiser Stimme bevor sie aufstand und Luise allein im Zimmer zurückließ. Diese presste die Lippen zusammen und unterdrückte das Schluchzen, denn sie lauschte nun aufmerksam in den Hausflur hinein. Hörte leiser werdende Schritte, gefolgt von einem kurzen Aufschrei, danach ein gezischter Fluch und schließlich erneut das Zuschlagen der Eingangstür.
Im Haus herrschte nun Ruhe, auch das Gewitter über ihrer Spielstadt war vorübergezogen; der Empfang könnte endlich weitergehen…

Die liebste Spielfigur noch immer umklammert, begann Luise langsam und mit Bedacht das Fest aufzulösen, die Stadt abzureißen und mit dem Ärmel ihres tiefblauen Kleides ihr Gesicht abzutrocknen. Ein einzelner Tropfen hing ihr für einen Moment noch am spitzen Kinn bevor dieser auf das kleine Mädchen in ihren Händen tropfte und deren Kleid benetzte – regengleich.

Kapitel 1

-I-

Ein Grollen zerriss die Stille des Waldes und rollte für einige Augenblicke im finsteren Himmel umher. Die wenige Tiere, die sich nach Abklingen des Gewitters schon aus ihren nächtlichen Ruhestätten hervorgewagt hatten, zogen jetzt verunsichert ihre Nase zurück oder schoben den Kopf ins Gefieder und warteten von Neuem auf die ersten Sonnenstrahlen und das Aufreißen der dichten Wolkendecke.

Auch die kleine schwarz-weiße Katze kauerte mit gesträubtem Fell und angelegten Ohren im Geäst; der Blick gebannt, die Muskeln angespannt, die Krallen im Waldboden versenkt. Der plötzliche Starkregen hatte das Kätzchen ebenso überraschend getroffen, wie der Anblick des einzigen Zweibeiners, welcher sich nun in ihr Blickfeld geschoben hatte.
Selbstverständlich erkannte sie die junge Frau sofort, so wie sie jeden Einwohner des kleinen Dörfchens kannte. Eatrich war weder groß noch unüberschaubar. Zudem rühmte sich der Ort mit einem engen Gemeinschaftskreis und damit, dass es sich diesem am Besten und Sichersten lebt.
Somit waren neue Nachbarn zwar immer willkommen geheißen, aber nicht notwendiger wirklich erwünscht. Nein, erst mal hieß es für Zugezogene sich zu beweisen, zu zeigen, dass sie ins Stadtgefüge passten, dass sie sich einbrachten.
Die junge Frau im dunkelblauen Samtmantel, welche mittlerweile am Wegesrand hockte, war so ein neuer Nachbar. Sie war vor gut sechs Monaten gemeinsam mit der Eröffnung der neuen Kurklinik, dem Haus Instenburg, erstmals im Stadtwald aufgetaucht und im Gegensatz zu all den anderen Kurgästen und Patienten in Eatrich verblieben. Nach anfänglicher Verunsicherung war Charlotte Lessner letztlich allerdings recht schnell im Kreise der Nachbarschaft akzeptiert wurden, obgleich einige Dorfbewohner sie nach wie vor sehr aufmerksam beäugten. Es schickte sich aber Charlotte, als Tochter des hochangesehenen Klinikleiters Dr. Hinterseer ausgesprochen höflich und mit gebührendem Respekt zu behandeln und auch Nachsehen zu haben, wenn diese sich nicht immer in alle Stadtgepflogenheiten gleich einzufügen wusste.

Ja, das kleine Kätzchen kannte Charlotte und deren Gewohnheiten gut und so war sie doch ein wenig verwundert auf diese zu so früher Stunde und bei einem solchen Wetter im Stadtwald zu treffen.  Denn normalerweise kreuzten sich ihre Wege erst sobald das Kätzchen für ihre Morgenrunde Eatrich selbst hinter sich ließ, um  das Stadtwald-Dickicht im Norden zu Durchstreifen. Sie gönnte sich danach stets einen kurzen Moment Ruhe auf dem Gelände der Klinik, welches sich inmitten des Waldes befand. Auch der Stadtpark, der die Brücke zwischen Eatrich und der Kurklinik darstellte, wurde vom Wald umschlossen. Denn dieser galt seit einigen Jahren als Naturschutzgebiet und entsprechend nicht mehr bewirtschaftet, was für die kleine Katze und alle anderen Tiere natürlich interessanter war, doch für die Einwohner und Kurgäste eher ein Dorn im Auge beziehungsweise ein Stein im Schuh. Obgleich der eine offizielle Wanderweg durch den Wald Raum für Tourismus bot, bevorzugten diese gepflegtere Wege und Blumenrabatten. Also hatte die Gemeinde den Stadtpark erhalten. Letztlich zog es auch die Katze meist über die kultivierten Wege des Stadtparks gen Süden zurück und schließlich ostwärts wieder in die Stadt. Ja, die Stadt, die doch mehr ein Dorf war, aber in den Augen der Bewohner im Grunde fast schon eine Metropole, da der Mittelpunkt des Lebens eines Jedem im Orte; inklusive der kleinen schwarz-weißen Katze. Welche nun, wenn auch noch ein wenig betrübt um der sicherlich verlorenen Streicheleinheiten, derer sie sonst von Charlottes sanften, wenn auch stets kalten Händen tagtäglich zuteilwurde, blickte nun gespannt auf die Geschehnisse vor sich.

Die junge Frau schien tief in Gedanken versunken, denn die dicken Regentropfen, die vom Wind getragen aus dem Blätterdach rannen, nahm sie scheinbar nicht wahr. Obgleich diese Charlottes Mantel durchdrangen, sich in der hochgeklappten Krempe des roten Hutes sammelten und sich nun vereinzelten einen Weg über ihr Gesicht suchten. Die hohe Stirn herab krochen, längs der Augen zur spitzen Nasen flossen, um dann an dieser kurz zu verweilen, ehe sie zum Erdboden fielen. Unberührt davon blickte Charlotte starr auf den aufgeweichten Waldboden vor sich, als würde sie nach etwas suchen oder auf etwas warten. Mit einem Mal erlosch ihre Erstarrung, sie griff vor sich und strich sanft über die nasse Erde. Dort ließ sie ihre Finger kurz ruhen, bevor sie sich letztendlich erhob und nun wie unter Zeitnot durch den Wald in Richtung Kurklinik lief.

Die schwarz-weiß befellte Katze, welche nahe genug, jedoch gut versteckt, gesessen hatte, um dem gesamten Schauspiel unbemerkt beizuwohnen, machte sich ebenfalls erneut auf den Weg, lief aber in die Gegenrichtung und somit zurück in die Ortschaft und dem Abschluss ihrer frühzeitlichen Tagesroutine entgegen.

***

Die Luft hing verständlicherweise auch über Eatrich selbst noch immer regenschwer und verdunkelte so nicht nur die Morgenstunden, sondern auch die morgendliche Stimmung.
Die Dorfbewohner, welche sich selbst dafür priesen in Gänze nicht lediglich Frühaufsteher zu sein, sondern tüchtig und gutgelaunt zu jeder erdenklichen Zeit, rafften sich an diesem Sommertag nur schwerfällig auf, drehten sich in Teilen nochmal um, überlegten sogar den Morgen ganz sich selbst zu überlassen und nicht in aller Frühe zu ihren Ständen, Büros und Feldern aufzubrechen. Doch nur unmerklichen länger als sonst dauerte es bis die ersten Jalousien hochgerollt, die ersten Fensterläden aufgestoßen wurden. Die kleine Katze schmunzelte in sich hinein – ganz so wie es nur feline können. Denn ihr war, als hörte sie das allgemeine Aufstöhnen der gesamten Nachbarschaft, welche sich schließlich, aber nur unter nicht ganz so stillem Protest dem heutigen Tagesbeginn ergab.
Jeden Augenblick würde das geschäftige Treiben beginnen und das Kätzchen, welches es sich mittlerweile auf einer der Marktplatzbänke gemütlich gemacht hatte, um sich trocken zu putzen wohl fürs Erste vertreiben. Dass nämlich an diesem Tage die richtige Grundstimmung herrschte, die ihr sonst ein paar Leckereien der Marktbetreiber einbrachte, stand noch in Frage. Denn auch ihr Gemüt war von Schwere erfüllt gleich ihrem noch immer feuchten Felles.

Wie jeden Tag hatte sie bereits ihre Großrunde gedreht ehe sie zum Marktplatz und damit zum Zentrum Eatrichs gelangt war. Denn bevor das Kätzchen sich gelegentliche Zwischenmahlzeiten gepaart mit dem Kraulen unterm Kinn gönnen konnte, musste sichergestellt sein, dass es in ihrem Revier keine ungebetenen Gäste gab und dass dieses nach wie vor ausreichend markiert war.
Dafür verließ diese ihre Nachtstätte üblicherweise in südwestlicher Richtung und umrundete den Marktplatz, dem städtischen Kreisverkehr folgend. Sie lief vorbei an Einfamilienhäusern, kleinen Geschäften und großen Vereinsgebäuden, denn für die Jüngeren gab es Spiel- und Sportlätze, so mussten die Älteren auch ihre Räumlichkeiten haben – im Südwesten ein Klub für die Herren und im Südosten einer für die Damen des Ortes. Sie verweilte auch stets für einige Augenblicke nahe dem Stadttor am südlichsten Punkt des Ortes, den Willkommensgruß desselbigen dabei stets im Nacken: „Willkommen in Eatrich, hier bin ich Mensch, hier fühl ich mich wohl!“. Nur damit sie ihren Blick entlang der Bundesstraße schweifen lassen konnte. Schließlich zog es die Katze dann immer über den Nordwesten Eatrichs, durch noch mehr Wohnsiedlungen, rund ums Polizeirevier und der Feuerwache und letztlich entlang des Friedhofs in den Stadtwald.
In welchem sie heute zu ihrem Unmut vom kurzlebigen, aber nicht minder heftigen Gewitter überrascht wurden war.
Der kleinen Katze war das vorherrschende Kreisverkehr- und Einbahnstraßensystem, für welches Eatrich auch über Landkreisgrenzen hinaus berühmt berüchtigt war, nur allzu recht. Die Verkehrs- und Laufwege der Dorfbewohner und deren Vierbeiner waren innerhalb des Ortes starr gesetzt, und so bestand für das Kätzchen nie die Problematik, dass irgendwer oder irgendwas sich frei in ihrem Wirkungskreis bewegte. Es gab lediglich diese eine Zufahrtsstraße am Südpunkt und nur den einen wenig frequentierten Bahnhof im Nordosten, welcher mittlerweile beinahe ausschließlich von den Kurgästen genutzt wurde und der am äußersten Rand des Stadtwaldes lag. Alles war also in sich geschlossen, stark strukturiert und konzentrisch angelegt. Dieser Aufbau und dessen gewollte Abgeschlossenheit entsprachen sowohl der ökonomischen Unabhängigkeit der Stadtwirtschaft als auch dem Zusammengehörigkeitsbedürfnis der Einwohnerschaft.
Veränderung im Stadtbild wie in der Gemeinschaftsstruktur wurden nur schwer ertragen und bedurften stets einer Nachbarschaftsentscheidung.

Wie befürchtet war die allgemeine Morgenstimmung am Marktplatz tatsächlich gedämpft und die kleine schwarz-weiß befellte Katze trabte mit hängendem Schwanz zu Frauchens Haustür zurück.

Die Morgen-Ausgabe der Tagespresse lag bereits aus und bot dem geneigten Leser eine Auswahl an regionalen und als weilen überregionalen Nachrichten, örtlichen Anzeigen, Erfahrungsberichten und geplanten Veranstaltungen, Zusammenfassungen der Stadtversammlungen, Geburtstagsgrüße und Partezettel, zuweilen Reportagen und dem Kätzchen vor allem eines ihrer bevorzugten Sitzplätze.

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„das Unglück der Clara W.”

Ein leichter Windzug durchfuhr das dichte Buchen-Blätterdach, mehr hörbar als spürbar. Denn selbst im Stadtwald war inzwischen die sommerliche Hitze dieser Julitage angekommen und drum hing die Luft schwer und trocken im Geäst. Sicherlich wäre es kühler, ginge man tiefer in den Wald hinein. Würde man sich trauen, sich durch dessen tageszeitunabhängige Dunkelheit schlagen und nicht, wie es nun mal verlangt wird, dem offiziellen Wanderweg folgen. Ein Waldweg breit genug, um diesen bequem auch in Gesellschaft zu gehen. Eine Wegstrecke gesäumt von kleinen Sträuchern, Grasbüscheln, Kräutern und verschiedensten Blumen, die dankbar für das Sonnenlicht farbenprächtig und artenreich zur Geltung kamen. Die miteinander, nebeneinander, übereinander um die sattesten Lichtquellen, den gehaltvollsten Boden konkurrierten. Ein Weg so voller Leben, aber getaucht in solch eine Wärme, dass sie einen jeden Wanderer neidvoll auf die Tiefe, die Kühle, das Dunkel abseits der genehmigten Strecke blicken ließ und so manch Bereitwilligen anlockte, ja zu sich zu ziehen vermochte.

Nicht aber Clara.

Nach einem letzten träumerischen Blick ins Innere des Waldes setze diese ihren Ausflug nach Eatrich fort; umgeben von Grün, von Vogelgezwitscher, von Aroma-geschwängerter Luft.
Natürlich war es ein unnötiger Umweg gewesen einen Bogen aus dem Stadtpark heraus und durch den allesumgebenden Buchenwald zu schlagen. Doch die Neugier, die beinahe unberührte Schönheit dieses so urtümlichen Waldes, dieses Naturschutzgebietes, welche doch bedauerlicherweise in heutiger Zeit allzu selten waren, mit eigenen Augen, mit offenen Sinnen zu erleben, hatte Clara den doch recht abenteuerlichen Abstecher wagen lassen.
Nie lag es sonst in ihrer Natur solchen spontanen Einfälle nachzugeben, sich von ihnen ablenken zu lassen; ihr ganzes Auftreten brachte dies zu Geltung. Und ihre Kleidung somit Abbild der Verlässlichkeit, der Beständigkeit, der Unscheinbarkeit. So schnell zu übersehen, so herausstechend in diesem satten Grün des Dickichts. Die weiße Bluse, der über-knielange, beige Rock, die farblich passenden Sandalen.
Clara war mehr als unpassend für diesen Spaziergang gekleidet und das wusste sie. Schließlich wollte sie ja eigentlich den bestmöglichen Eindruck beim Eatricher Bürgermeister hinterlassen und doch, und doch…

Die neue Anstellung in der Kindertagesstätte, die neue Wohnung in der Nord-West-Siedlung des Ortes, die vielen neuen Möglichkeiten, die sicher auf sie warten würden, erweckten in ihr den Wunsch ausgefallener, lockerer zu werden. So richtete Clara sich in ihrer ganzen Durchschnittshöhe auf und begann sich nun doch etwas herzurichten:
Den Schweiß von ihrer glatten Stirn wischend, der ihr zartes Makeup in Gefahr brachte und dicken Tropfen auf der großrahmigen Brille hinterließ, eine lose Strähne des langen, aschblonden Haars zurück in den Dutt steckend, die schmale Aktentasche aus braunem Leder erneut geschultert, ein betroffenes in Augenschein nehmen der nun doch von Erde verschmutzten Schuhe und Clara ging innerlich erstarkt voran.
Sie wollte sich so bald wie möglich neu einkleiden, ganz im Sinne ihres Neuanfanges und nach Maßgabe ihres nagelneuen Bandelia-Halstuchs, welches innen tiefrot und außen mit einem Muster aus Sonnenblumen und Efeuranken bedruckt war. Sie würde zufrieden sein mit ihrem Leben, würde Fröhlichkeit nicht lediglich symbolisch auf der Kleidung nach außen tragen, sondern tief in ihrem Herzen verankern.

Es war eine Genugtuung endlich angekommen zu sein.
Es war eine Freude in dieser Gemeinschaft ein Zuhause zu finden.
Es war ein Glück, dass sie auf die richtigen Leute getroffen war.

Es war ein Unglück, welches Clara W. (34.) an diesem Juli – Tage aus dem Leben gerissen hatte.

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Elke Unmut kam nicht umhin den Artikel wiederholt zu lesen, zu sehr war sie mit Stolz erfüllt endlich ein volles Mitglied der Tagespresse zu sein, endlich die Gelegenheit zu bekommen nicht nur das Lektorat auszufüllen, sondern eine Journalistin zu sein und echte Beiträge zu schreiben. Berichte über wirklich Wichtiges und nicht bloß solch brühwarmes Gewäsch zu verbreiten, welches normalerweise die Eatricher Tageszeitung füllte.

Ein Leichenfund kam ihr da gerade entgegen…

Sich bewusst, dass sie ihre – rein professionelle – Begeisterung zügeln musste bevor sie ihrer liebsten Freundin unter die Nase trat, schulte Elke ihre Miene und pflasterte ihr rundliches Gesicht mit einem milden Lächeln. Kurz tätschelte sie noch Tilli‘s Köpfchen, denn schließlich hatte die kleine schwarz-weiße Katze an diesem Tage die Zeitung nicht mit Kratzspuren verseht und das gehörte belohnt, ehe sie schließlich, wie beinahe täglich, das Blatt ins Hausinnere brachte.

***

Ohne dass sie auf Ruby getroffen war, welche sicherlich eine helfende Hand oder zwei bei der Frühspeisung der Bewohner der Residenz zum Frieden, dem örtlichen Altersruhesitz, aushalf, machte sich Elke, doch ein wenig enttäuscht nun nicht mit ihrem großen Einstieg ins Presseleben glänzen zu können, zügig auf den Weg zum Stadtwald. Sie wollte dringend weitere Impressionen vom Fundort gewinnen, wollte ein Gefühl für die Stimmung entwickeln und ihren Beitrag über das plötzliche Ende eines noch recht jungen Lebens auf eine ganze Reportage auswalzen; natürlich mit dem nötigen Respekt. Elke wollte nämlich nicht riskieren, dass Ruby ihr später vorwerfen könnte, sie mache all das nur aus Eigennutz.
Dachte sie an Ruberta Löhn, welche ein Jeder nur als Ruby kannte, entsann Elke sich immer auch gleichzeitig ihrer inzwischen verstorbenen Mutter, welche bis zuletzt in der Residenz gelebt hatte und durch deren Kontakte Elke vor gut sechs Monaten mit Ruby bekannt gemacht wurde. Sechs Monate, eigentlich fast schon unheimlich, wie sehr Elke inzwischen an ihr hing. Und wie sie geschafft hatte, dass Ruby sie mehr als nur duldete, war für Elke, die nicht gerade dafür bekannt war besonders einfach im Umgang zu sein, bis heute ein Rätsel. Wenn sie ehrlich war, rechnete sie beinahe täglich damit, dass Ruby, dieses absolute Seelchen von Mensch, wieder zu Verstand kommen würde und den Fehler sich Elke zur Freundin zu machen, erkannte. Doch ganz gleich, was noch kam, sie würde ihr auf ewig zu Dank verpflichtet sein, sich nicht nur ihrer, nicht minder schwierigen Mutter angenommen zu haben, sondern direkt auch Elke in ihr Herz zu schließen und dieser seit dem Tod der Mutter mehr als nur den so bitter nötigen Beistand zu leisten. Ja, dieses zierliche Ding, welches stets in übergroßer, knallbunter Kleidung versank und dass sich hinter Elke verstecken konnte, würde ihre Persönlichkeit sie nicht geradezu in den Himmel heben, war durch und durch eine gute Seele. Immer mit einem ehrlichen, einem weisen Lächeln auf den dünnen Lippen und neugierigen, wachen Augen, die eines Ozeans gleich ständig die Farbe zu wechseln schienen und in denen Elke zuweilen nach Abtauchen zu Mute war.

Ruby lebte mittlerweile zwar nicht mehr auf dem Gelände der Residenz, aber nur unweit davon entfernt in einem extra für sie bereitgestellten kleinen Häuschen. Denn obgleich der Tod ihres Mannes, mit welchem Ruby bis zu dessen, viel zu frühen, Ableben in der Residenz gewohnt hatte nun bald ein Jahr her sein dürfte, unterstützte sie das Personal weiterhin jeden Tag, leistete den älteres Herrschaften Gesellschaft und verbreitete stets eine ruhige, eine respektvolle, ja, eine liebevolle Stimmung. Elke beneidete sie manchmal ein wenig, dass sie Tag ein Tag aus zu solch einem Lebensmut fähig zu sein schien und so viel Energie für sich und alle anderen bereitzustellen. Jedoch mehr noch war Elke dankbar. Denn in Ruby hatte sie endlich den lang ersehnten Sozialkontakt in dieser so eingeigelten Gemeinschaft gefunden. Nicht nur das sie beide mit ihren Anfang 40 fast gleichaltrig waren und somit trotzdem fast noch zur Stadtjugend gehörten, zumindest laut den Damen des örtlichen Frauenvereines. Sie kamen beide von Außerhalb, obgleich Elke eigentlich bloß eine Rückkehrerin war, und hatten deshalb entsprechende Startschwierigkeiten mit den lieben Nachbarn gehabt. Nein, sie teilten auch gemeinsame Interessen und machten sich für einander stark.
Nur aufgrund Ruby‘s guter Zurede hatte Elke es überhaupt erst gewagt die alte Anstellung als Sekretärin auf der Polizeiwache gegen die Vollzeitanstellung bei der Zeitung einzutauschen. Und nur durch sie hatte Elke die Idee zu dem etwas anderen Partezettel zum plötzlichen Tod von Clara Wiltau erhalten und den Mut in ihrem ersten offiziellen Artikel mehr als nur eine einfache Todesanzeige zu schreiben.

Ja, Clara‘s Geschichte versprach mehr.
Mehr als dass Ruby bedrückt gewesen war, da sie Clara, nun nicht kennenlernen würde, nicht mehr konnte.
Nein, Elke wunderte sich vielmehr darüber, dass die Verantwortlichen des Rathauses Clara‘s recht spontanen Zuzug nach Eatrich scheinbar ohne Rückfragen abgenickt hatten. Dass Clara, von der praktisch nichts bekannt war, offenbar schon fest im Stadtbetrieb eingeplant gewesen war und dass sie in wenigen Tagen auf der Stadtversammlung feierlich begrüßt werden sollte.
Ja, Elke war aus diesem Grunde hellhörig geworden. Denn es war mehr als nur ungewöhnlich den Zuzug neuer Stadtbewohner so zügig und ohne vorherige Abstimmung des Gemeinderates zu bewilligen, ganz zu schweigen davon ihnen sofort eine Anstellung zu geben und einen Wohnbereich zu schaffen; es war bisher ungesehen. Nicht, dass Elke ihr das nicht gegönnt hätte, nur wusste sie, dass all diese Formalitäten normalerweise mehr Wartezeit in Anspruch nahmen. Ganz besonders da Clara keine einfache Frau war, die es ganz zufällig nach Eatrich gezogen hatte… Clara Wiltau war ein ehemaliger Kurgast und am Tag ihres Todes direkt aus dem Haus Instenburg gekommen, um einen Neubeginn in dieser ach so dörflichen Stadt zu wagen.
Bestimmt war sie eine nette Frau gewesen. Sicherlich hätte sie wunderbar in Eatrich‘s feine Nachbarschaft gepasst. Doch ohne jeden Zweifel, stachen die genauen Umstände unter denen sie so schnell und mit so offenen Armen in diese sonst so verschlossene Gemeinschaft integriert werden sollte, heraus und erschienen eher unklar; zumindest für Elkes ganz urteilsfreie Meinung.
Deshalb war es für Elke mehr als Wert all diesem nachzugehen.

Und so ergab es sich, dass Elke, unter dem vom Gewitter noch stark verhangenen Himmel, nun Pläne für ihre erste große Reportage entwickelte, während sie leichtfüßig im Geiste und schweren Schrittes dem Stadtwald entgegensteuerte.
Ein Rundumblick über Clara‘s Leben sollte es werden oder zumindest ein angemessener Einblick.
Der Bericht sollte Licht auf das Leben dieser bestimmt so teuren neuen Nachbarin werfen, welche auf so tragische Weise verunfallt war und damit zu früh aus ihrem Leben gerissen; das wenigstens hatte Elke Ruby und den Kollegen vom Blatt erzählt.

***

Die genaue Leichenfundstelle war den Bewohner Eatrich‘s aus Respekt vor dem Vorfall fürs Erste vorenthalten wurden. Ebenfalls war der unglückliche Finder angehalten sich nur den Zuständigen Personen mitzuteilen, um das Verbreiten von Gerüchten oder Schauergeschichten zu unterbinden. Auch war der Waldweg aus Sicherheitsgründen abgesperrt worden und das unbeaufsichtigte Bewandern dieses entsprechend untersagt.
Elke aber – findig wie sie eben war – kannte den Fundort und sah sich auf Grundlage ihrer Pressezugehörigkeit und den Kontakten, die sie noch immer zur Wache pflegte im genehmigten Rahmen diesen näher zu untersuchen und so lief sie nun schnurstracks darauf zu.

Ja, man hatte es nicht weiter verbreitet, wo genau Clara Wiltau ihr Leben ließ.
Ja, man hatte den öffentlichen Zugang zum Wald verwehrt, seit dem Tag des Leichenfundes.
Ja, es schien deutlich ein Unfall gewesen zu sein.
Ja, es gab für die Polizei keinerlei Gründe, dem näher nachzugehen.
Ja…

Wenn all dem tatsächlich so war, wieso lag nun aber eine einzelne Blume, wie sanft auf die satt grünen Grasbüschel gebettet, am Wegesrand?

Ja, wieso lag dort eine weiße Lilie?

***

In den frühen Mittagsstunden hatte die Sommersonne endlich den Kampf gegen die dichte Wolkendecke für sich entschieden. Und mir ihr kam nicht nur eine wohlige Wärme auf, auch erstrahlten die Gemüter von Eatrich’s Einwohnerschaft. Es wurde geplaudert und gelacht, Waren angepriesen und verkauft, sich herzlich gegenseitig auf die Schulter geklopft, ganz so als hätte man sich zu lange nicht gesehen, als wäre die Zeit im Regen, im Gewittertumult schier endlos gewesen und nicht lediglich ein paar morgendliche Stunden.

Das kleine schwarz-weiße Kätzchen, welches dem regen Treiben auf dem Marktplatz gebannt folgte, wunderte sich nur kurz über diese allgemeine Festtagsstimmung im Angesicht der Julisonne, die sicher bald wieder verflucht und fortgewünscht werden würde, denn was anderes erwartete sie eigentlich nicht mehr von der Dorfgemeinde. Tilli wandte schließlich ihren aufmerksamen Blick stattdessen dem Blumenverkaufsstand zu, von dem aus sich gerade Gebrummel und Getuschel bemerkbar machte. Keine einfache Gesprächsrunde, kein bloßes Austauschen von Informationen, vielmehr aufgeladene Worte, zum Haare sträuben, fast giftig schon:

„Hast du Heidrun vorhin gesehen? Da hat die doch ne einzelne rosa Lilie geschenkt bekommen.”

„Ja, aber Meike vom Stand wollte natürlich nicht verraten von wem… Tse, als wär sowas ein Betriebsgeheimnis. ”

„Hat Heidrun die sich nicht vielleicht einfach selbst geschenkt? Bei all dem, was grad los ist… armes Ding.”

„Hm, die Kinder sollen angeblich gerade beim Vater sein. Diesmal ganz offiziell.”

„Ja, ja, sicher ein Sorgerechtsstreit inzwischen, nach dem Chaos, das die Buben letzten Winter verursacht haben.”

„Letzten Winter? Die waren doch schon immer völlig verzogen!“

„Ob die nun nen Neuen hat? Seht doch mal, wie die sich jetzt kleidet! In dem Alter…  und sie ist doch gerade mal seit nem Jahr vom Hartmut getrennt!”

Die Frauengruppe schwieg sich nun aus. Denn allen dachten zurück an den Ärger, den Heidrun‘s Kinder ausgelöst hatten. An die Sorgen, die deren Mutter und alle Nachbarn deswegen hatten ausstehen müssen. Aber auch an den Umstand, dass Verdächtigungen, dass Anschuldigungen nicht ausgeblieben waren und nicht ohne Scham daran, dass sie selbst sich allesamt daran beteiligt, sich mitverantwortlich gemacht hatten.
Das eigene Verhalten gespiegelt in den Augen aller; war man sich augenblicklich schweigend einig, keine Worte mehr über die Zeit vor sechs Monaten zu verlieren. Sanfter tönten deshalb nun ihre Stimmen.

„Im Grunde gönne ich es Heidrun, dass ihr nun endlich jemand schöne Augen macht… das war alles schon schlimm und ihr Hartmut keine Hilfe.”

„Er hat gar kein Recht mehr sich zu beschweren. Schließlich hat er sie mit zwei kleinen Kindern sitzen lassen. Wenn Heidrun nun verliebt ist, umso besser.”

„Und dabei haben sie es so lange versucht. Wie alt war sie bei der Geburt? Bestimmt schon Ende 30… Das muss man sich mal vorstellen!”

„Heidrun gönne ich‘s… nur muss sie sich so kleiden? Die Blumenmuster, und dann der kurze Rock. In ihrem Alter… Sie ist Lehrerin Herr Gott nochmal!”

„Es sind doch Ferien, nun sei nicht so…”

Die Katze wandte sich innerlich ihren Kopf schüttelnd von der Frauenrunde ab, um selbst einen Blick auf Heidrun Rühlich zu werfen – nicht das sie neugierig war, aber wissen wollte Tilli es schon.
Die sonst auch zu Ferienzeiten getragenen Hosenanzüge in gedeckten Farben hatte Heidrun eingetauscht gegen eine fliederfarbene ärmellose Bluse und einen knielangen Rock, der von einem Muster aus rosa Nelken gepaart mit Schleierkraut geziert wurde. Noch auffallender waren allerdings ihre Flip Flops mit weißen Nelken als Schmuck auf dem Riemchen.
Die seit Jahren immerzu müden grau-grünen Augen leuchteten beinahe im Sonnenschein. Die stets, wie zur Ungläubigkeit gewölbten Brauen schienen von innerlicher Ruhe geglättet. Und die krausen Lippen waren mit pinken Lippenstift in eine frohe Stimmung bemalt. Heidrun wirkte sehr zufrieden, sie machte auf das kleine Kätzchen, welches mittlerweile neben ihr auf einer der Marktplatzbänke Platz genommen hatte und sich nun von Heidrun streicheln ließ, einen mehr als entspannten Eindruck. Die rosa Lilie steckte ihr inzwischen im blondgefärbten Lockenkopf und dem Kätzchen fielen unter Heidrun‘s sanften Fingern die Augen zu.

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Glitzernd fiel das Licht der Nachmittagssonne durch die Äste, hob so beinahe jede einzelne Blüte der Parkwiese hervor.
Ob sie hier wohl so eine Blumenbombe gezündet haben, wie es in einige Großstätten stellenweise Gang und Gäbe war? Oder wurde hier in Eatrich selbst innerhalb des Ortes schlicht eine Natur-freundliches Leben geführt? Clara war sich beinahe sicher, dass das der Fall war, obgleich heute gerade mal ihr zweiter Ausflug weg von der schützenden Umzäunung der Kurklinik und in das Stadtgebiet Eatrich’s war.

Der Entschluss war gefasst, dies würde ihr neues Zuhause werden!

 Kinderlachen ertönte, gepaart mit dem Getrappel vieler kleiner Füße. Gleich würde sie nicht mehr allein auf dieser Bank nahe der Kindertagesstätte im Osten Eatrich‘s sein. Denn jeden Moment nun begann das so wichtige Gespräch mit Frau Maurer und Clara konnte sich ihr breites Lächeln, aber auch ihre Aufregung nicht mehr verkneifen.
Die khakifarbenen Hosen erneut glattgestrichen, den Dutt überprüft, das graue T-Shirt nochmals von imaginären Fusseln befreit, die Brille zurechtgerückt, die Hände in den Schoss gelegt, die…

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So hatte Frau Hilda Maurer, die Leiterin des Eatricher Kindergartens, angefangen Elke von ihrer ersten offiziellen Begegnung mit Clara zu erzählen.
Nervös hatte diese wohl gewirkt, unruhig, aber mit einer Leidenschaft, wie man sie sich oft nur wünschen kann, wenn es darum geht geeignete Personen für den wunderbaren, sehr wichtigen, oft auch harten Beruf des Kindergärtners zu finden.

Frau Maurer, welche Elke selbst noch aus Kindertagen kannte und die somit immer „Frau Maurer” für sie sein würde, zählte inzwischen bald mehr als 60 Lenzen und brauchte dringend entsprechend Unterstützung in der Kita, sicher bald auch einen Ersatz für sich. Zumindest gestand diese sich das ein; wenn auch leicht bedrückt. Die drahtige Figur in den blauen Jeans und dem pinken T-Shirt ließ Elke an alte Zeiten denken und trotzdem mit Ehrfurcht auf die ältere Dame vor sich blicken:
Kurzes graues Haar zierte mittlerweile Hilda Maurer‘s Haupt, die klugen braunen Augen inzwischen umspielt von tiefen Falten, der Mund nicht nur von Lachfältchen geziert. Ja, die Zeit ging auch an dieser rüstige Frau nicht länger spurlos vorbei und Elke konnte deren Wunsch Hilfe zu erhalten bei der Betreuung von Eatrich‘s jüngster Generation sehr gut verstehen, obwohl auch ihr der Gedanke daran, dass diese Ikone der Gemeinde sich alsbald zur Ruhe setzen würde einen beachtlichen Kloß im Hals bereitete. Irgendwann musste ein Zepter eben weitergereicht werden – ganz gleich für wie groß oder klein es gehalten wurde.
Es waren nie zu viele Kinder gleichzeitig in der Tagesstätte, zum einen da der Ort, wie schon zu Elkes Zeit, kaum Nachwuchs hatte und zum anderen da einige Mütter ihre Kinder am liebsten zuhause betreuten. Eine beaufsichtigte Spiel- und Lerngruppe wurde aber von allen Bürgern gern gesehen, selbst wenn diese mittlerweile nicht mehr als Ganztagsangebot genutzt werden konnte.

Erstmals war Hilda Maurer der Verstorbenen im Zuge eines Malkurses im Haus Instenburg begegnet. Die Kurklinik, die vorrangig auf Neuro-Psychologische Bedürfnisse ausgerichtet war, bot seit kurzem auch Kreativ- und Entspannungskurse für Jedermann an. Frau Maurer konnte diese nur empfehlen, wie sie Elke mit überschäumender Begeisterung erklärte. Eine „ganz tolle junge Dame” halte die Kurse und diese hatte Frau Maurer auch gleich mit Clara Wiltau bekannt gemacht. Schon in ihrem ersten kurzen Gespräch wusste diese, dass sie mit Clara eine „ganz arme Seele” vor sich hatte, ein „liebevolles Persönchen, welches unbedingt die richtigen Leute um sich brauchte”. Der Kindergärtnerin war offenbar von vornherein klar gewesen, dass sie in Clara jemanden gefunden hatte, die es wirklich verdienen würde Vertrauen und Kraft in ihr Fortkommen zu investieren.
Laut Frau Maurer war Clara „nämlich sehr unglücklich mit ihrer momentanen Arbeits- und Lebenssituation“; sie erzählte weiterhin, dass diese es zwar nicht direkt so gesagt hätte, doch für die Kindergärtnerin stand es außer Frage:
Clara fühlte sich ausgenutzt und überfordert.

„So etwas spürt man schließlich! Dafür braucht es keine großen Worte zu geben!“, betonte Frau Maurer nochmals und stemmte zur Untermalung dieser Weisheit ihrer geballten Fäuste in die schmale Hüfte. Dass Clara zu den Kollegen keinen rechten Anschluss hatte finden können, erwähnte diese dann tatsächlich. Sie hatte bis zu ihrem Entschluss nach Eatrich zu kommen in der Firma des Lebensgefährten als Buchhalterin gearbeitet. Dass so etwas nicht immer ganz einfach sein konnte, erschloss sich auch Elke.

„Er ist irgendwie verändert in letzter Zeit.”, hatte Clara Hilda Maurer gegenüber vorsichtig durchblicken lassen. Auch hätten die beiden mächtig Krach gehabt, nachdem Clara sich mit Burnout krankschreiben lassen wollte, lassen musste, und letztlich im Haus Instenburg Hilfe suchte und fand. Hilda Maurers Stimme nahm mit einem Mal einen bitteren Ton an, als sie von Clara‘s Beziehung sprach und davon, dass diese nicht mal sicher war, ob ihr Lebenspartner seit 15 Jahren, für den sie sich so viele Jahre verbogen hatte, gegen den sie nie etwas sagte, bis sie dann erstmals in der Klinik die Kraft dazu verleihen bekam, sie nicht einfach verlassen würde für ihren Wunsch etwas neues zu wagen.
Sich voll und ganz zurückzunehmen und nur die Träume und Wünsche eines anderen zu erfüllen, schien ihr eine irgendwie triste Vorstellung zu sein. Doch musste sowas gleich dazu führen, das Handtuch zu werfen und sogar nicht nur den Job, sondern die Stadt zu verlassen? Sann Elke in sich hinein.
Direkt im Anschluss des offiziellen Vorstellungsgesprächs, einer Unterhaltung unter guten Bekannten vielmehr, wie Frau Maurer nun wieder mit seichterer Stimmlage berichtete, war Clara Wiltau mit einer Anstellung als Assistentin der Kita-Leitung und lernende Kinderbetreuerin unter Frau Maurer höchstpersönlich zurück in die Kurklinik gekehrt. Hilda Maurer selbst wandte sich umgehend an ihren langzeitigen Vertrauten – dem örtlichen Bürgermeister – um sicher zu stellen, dass Clara‘s Einzug in die Gemeinschaft Eatrich‘s nichts im Wege stehen würde.
Elke hätte noch so viele Fragen an Hilda Maurer gehabt, doch diese schien in ihrem Monolog zum Abschluss gekommen zu sein, trocknete nur noch ihre Tränen und entschuldigte sich.

Bevor auch sie aufbrach, verfolgte Elke noch für ein paar Minuten das gesellige Treiben von Eatrich‘s jüngster Generation. Die Kinder jauchzten, rannten, spielten Verstecken und Gummihopse; ein bunter Haufen Fröhlichkeit auf Blumen, neben Sträuchern unter Bäumen. Und Elke konnte die milde Geduld gepaart mit Stringenz – wenn angebracht – welche Frau Hilda Maurer seit Jahrzehnten den wechselnden Rasselbanden des Ortes widmete einfach nicht begreifen. Natürlich respektierte sie die Person und den Beruf, der ihr gesamtes Leben ausfüllte und erfüllte. Das zumindest lag schlicht in Elkes Natur, auch wenn sie sich selbst nie auf einem solchen Lebensweg sehen würde können. Dass jemand, wie diese Clara Wiltau eine feste Anstellung, auch wenn sie noch so unzufrieden damit war, einfach wegwarf, nur für die Möglichkeit in einer ihr fremden Stadt völlig neu anzufangen, wirkte auf Elke ebenfalls eher befremdlich. „Wer im Glashaus sitzt…”, spürte sie Ruby‘s Worte praktisch im Nacken.

„Aber, das kann man nicht so leicht vergleichen! Ich bin hier aufgewachsen und war nur ein paar Jahre weg. Außerdem musste ich wieder herziehen für Mutter!”, wollte Elke ihrer eingebildeten Gesprächspartnerin entgegen werfen.
Wer wusste schon, was Clara tatsächlich bewogen hatte dieses Risiko – und es war nun mal eins – in Betracht zu ziehen.

Doch obgleich noch einiges ungeklärt war, Elke wusste jetzt, an wen sie sich als nächstes wenden könnte und auch, wie sie ihre Reportage gestalten wollte. Genau wie der Partezettel sollte diese aus Sicht von Clara geschrieben sein. Und mit all den Recherchen, die da hineinfließen würden, fühlte sich Elke in einer guten Position eben genau dieses zu tun.
Das käme sicher gut an und würde dem Leser die Möglichkeit geben sich emotional mit Clara Wiltau zu verbinden und Elke wiederum, so hoffte sie, eine Leserschaft über die Ortsgrenzen hinaus zu verschaffen.

***

Die Dunkelheit der Nacht begann sich langsam über die Häuser Eatrich‘s zu legen. Die Straßen nun wie leergefegt, da es nicht wirklich was zu tun gab im Orte nach 9Uhr. Eine Kneipe gab es nicht und sollte es auch niemals geben, das Gasthaus inzwischen schon geschlossen, die Frauenrunde bereits Heimgekehrt und auch im Whisky-Klub fanden sich um diese Uhrzeit keine Herren mehr ein; der Abend gehörte der Familie und dem Fernsehgerät ging es nach den vielen blau leuchtenden Fenstern.
Tilli aber genoss die Abendstille, die Zeit, wenn die Nacht nicht mehr fern war, wenn die Glocke des Raumklimas Stadt sich erhob und nunmehr sanftere Luftzüge sich durch die Straßen drückten. Ganz besonders an diesen heißen Tagen des Sommers, die seit Wochen schon die Luft, das Wasser und Boden durchdrangen. Selbst stärkere Windzüge im Lichte der Tagesstunden schoben lediglich die beklemmende Luft vor sich her und Wolkenbrüche, wie der heutige, waren doch viel zu kurz, um wirkliche Abkühlung zu bringen. An diesen sich endlos ziehenden Sommertagen konnte ein Jeder die kleine schwarz-weiße Katze durch die Straßen und um die Häuser ziehen sehen, denn sie liebte den Augenblick da die drückende Hitze des Tages der klärenden Kühle der Nacht zu weichen begann, wenn die Ruhe in den Ort einkehrte, sich der gemeinschaftliche Tumult zum privaten wandelte und nur noch vor den flackernden Bildschirmen seinen Ausdruck fand.
Mit gespitzten Ohren und scharfen Blickes bewegte sich das Kätzchen von Tür zu Tür, über Bänke und Tische und kam alsweilen auf Fenstersimsen zum sitzen. Sie sah und hörte so all das, was bei Tage nur vermutet werden konnte. Was niemanden was anging und über das ein jeder sich verlor. Was bei Tage Allgemeingut schien, was bei Nacht einem selbst gehören durfte. Was eigentlich privat sein sollte, doch zu oft in den öffentlichen Raum gezerrt, zerpflückt, wild spekuliert, surreal angehoben, negiert, verachtet und beneidet wurde. Und so saß das Kätzchen auch während dieser Dämmerung mal wieder auf Heidrun Rühlich‘s Fensterbank und stöberte durch das halb geöffnete Fenster ins Innere hinein.
Durchdringender Lavendelduft traf Tilli‘s Sinne, machte ihre Augen fast wässrig und brachte die Katze zum Niesen. Nur kurz noch lauschte sie dem schnell fließenden Monolog, der an scheinbar passenden Stellen von Heidrun‘s rauer Stimme mit „Uhhs” und „Ahhs” punktiert wurde, bevor sie sich vom starken Aroma der Duftkerzen vertrieben sah und mit hängendem Kopf dem Paar seine wohl verdiente Privatsphäre gönnte.

-II-

Neuer Tag, neues Glück.

Nachdem sie gestern niemanden vom Rathaus hatte erreichen können, bat Elke am nächsten Morgen bei der ersten Gelegenheit, um einen Gesprächstermin mit dem Herrn Bürgermeister. Dass sie dafür allerdings Frau Maurer‘s Hilfe benötigte und entsprechend hatte warten müssen, bis diese sich die Zeit dafür nehmen konnte, ging Elke ein wenig gegen den Strich; schließlich war sie doch jetzt Reporterin und müsste das nicht was heißen?
Ruby – immer feinfühlige Ruby – goss  ihr erneut Kaffee auf und beschwor sie zur Geduld. Die Idee für Elkes Reportage sagte ihr natürlich voll zu, denn „ein Leben noch nach dem Tod zu ehren”, sei immer von hoher Wichtigkeit und „wie schön, wie ehrerbietig” es doch war die Geschichte, Clara’s Geschichte aus deren Sicht zu erzählen. Ruby‘s Lobhudelei beruhigte Elke ungemein, denn wenn sie ihre liebste Freundin hatte davon überzeugen können, zog der Rest, der hoffentlich breiten, Leserschaft sicher nach; Emotionen zogen doch fast immer. Und darauf baute Elke.

***

Gegen Mittag war sie nun endlich auf ihrem Weg zum Rathaus; den eigens gekauften Notizblock nebst neuem Kugelschreiber – ein Geschenk von Ruby – im kleinen grauen Rucksack verstaut, fühlte Elke sich gut ausgerüstet für ihren Termin mit Herrn Ballert, dem Bürgermeister Eatrich’s:
Ihre Kleidung formal, das kurze, krause braune Haar auf Seitenscheitel gekämmt, das runde Gesicht frei von Makeup. So schob sie sich nun leichtfüßiger, als ihre Statur vermuten ließ, durch die offene Bürotür. Auf die Tüte Selbstgebackenes „für den guten Freund” von Hilda Maurer hatte sie verzichtet, da sie nicht glaubte so eine Geste sei erwünscht oder angebracht. Zudem befürchtete sie so etwas könnte möglicherweise von ihrem Wunsch einen professionellen Eindruck zu hinterlassen ablenken. Nun da Elke von Angesicht zu Angesicht mit dem ergrauten, vom Alter tief gebeugten Herrn im beigen Strickvestover stand, wünschte sie sich die Kekse zurück.
Zu ihrem Glück und persönlichen Graus hatte Frau Maurer wohl mächtig die Werbetrommel für Elke gerührt und so ergab sich im bescheiden eingerichteten Konferenzraum des Rathauses ein zwar kurzes, aber dennoch recht hilfreiches Gespräch mit Eatrich‘s Bürgermeister. Zumindest konnte Elke für alles, was sie am Vortag hatte lernen können Bestätigung finden in Herr Ballert‘s laut und überdeutlich gesprochenen Worten.
Er selbst war Clara Wiltau zwar nicht persönlich begegnet, vertraute aber „seiner Hilda“ und deren Einschätzung. Und somit natürlich auch ihrem Bitten und Drängen Clara zu unterstützen, da diese eine „bezaubernde Person” sei, ausgestattet mit „einer Fülle von Fähigkeiten, derer sie sich bisher noch nicht ganz gewahr war, gewahr sein konnte”, wie die Kindergärtnerin wohl unter brechender Stimme nachgesetzt hatte. Was genau Frau Maurer damit gemeinte haben mochte, kam Elke nicht in den Sinn und der Bürgermeister wollte es nicht weiter ausführen. Er wusste es bestimmt selbst nicht, brütete Elke in sich hinein und kämpfte nun sehr damit ihre Gesichtszüge neutral zu halten. Besonders da sie sich auch fragte, wie groß eigentlich der Einfluss mancher Leute – sicher doch nicht nur Hilda Maurer’s – auf das Amt des Bürgermeisters und dessen Entscheidungsfindung tatsächlich war. Obgleich dieser sich pflichtgemäß erst noch mit der Klinikleitung in Verbindung gesetzt hatte, von der Herr Ballert ebenfalls nur Positives zu hören bekam, wie er unter Elkes doch leicht entglittenem Gesichtsausdruck versicherte. Eine Ratsversammlung, selbst eine Formale, hätte in seinen Augen unnötig Zeit gekostet und so hatte Herr Ballert seinen Beschluss noch am selbigen Tag dem Stadtrat einfach mitgeteilt. Dieser nickte die Entscheidung letztlich nur noch ab.
Auch diese Erkenntnis erforderte ein Höchstmaß an Zurückhaltung von Elke, da sie sich der Stolpersteine beim eigenen Rückzug in die Heimatstadt erinnerte und nun umso mehr zurückgesetzt fühlte im Angesicht dieser drastischen Unternehmungen für jemand Fremden, jemanden aus der Klinik. Als der Bürgermeister sie allerdings fragte, weshalb sie mit den leicht verfärbten Zähnen knirschte, drückte Elke nur ihre Bestürzung darüber aus, dass ein Leben so ein frühes Ende hatte finden müssen.
Zumindest eine Sache kristallisierte sich heraus. Herr Ballert hatte Clara zwar Tür und Tor geöffnet, ohne ihr jemals begegnet zu sein, brachte es aber auch nicht übers Herz die Leichenfundstelle aufzusuchen. Er sah Elkes Reportage allerdings „mit Freuden entgegen, denn ein jeder, der es fertig brachte Hilda‘s Herz zu stehlen, gehörte wie ein Mitglied der eigenen Familie behandelt.” und er würde Elke bei ihren Recherchen „mit allen Freiheiten ausstatten” und oh, wie sehr erfreute es diese das zu hören.

***

„Warum verrät die nicht, wer ihr Neuer ist?”

„Vielleicht ist es Heidrun einfach unangenehm… ihr wisst schon, es geht ja eigentlich auch niemanden was an.”

„Tse… Wir sind doch alle Freunde und haben ein Recht, nein, die Pflicht uns Gedanken zu machen!”

„Was ist, wenn er ihr peinlich ist?”

„Oh ja, bestimmt so einer aus der Klinik! Da besucht sie ja ständig diese Kurse…”

„Nicht das Heidrun auf einen Patienten reingefallen ist… oder schlimmer bald noch, einer von den Angestellten?!”

„Der Doktor wäre aber schon ne gute Wahl, so als Oberarzt und Chef…”

„Der ist doch ledig, nicht wahr?”

Elke kam nicht umhin den aufgebracht klingenden Gesprächsfetzen des Eatricher Frauenbundes zu lauschen, welcher sich vor den Toren des Rathauses aufgebaut hatte, um die Vorbereitungen der, für den morgigen Tag, anberaumten Stadtversammlung zu unterstützen. Auf dieser sollte nun eine endgültige Entscheidung zum Thema Stadtwald und die mögliche Freigabe oder eben endgültige Schließung des letzten offiziellen Wanderweges innerhalb des Naturschutzgebietes gefällt werden.
Elke war es gleich, Wandern gehörte nun wirklich nicht zu ihren Hobbys. Doch… Hm … Heidrun also unter neuen Armen… Elke müsste das natürlich ebenso gleich sein, wie der vermaledeite Waldweg, doch… Neugierde war nun einmal höllisch ansteckend… und wenn wirklich der Hinterseer von der Klinik sich an Heidrun gehängt hatte oder vielmehr sie an ihn, witterte ihre zwar noch recht neue, aber umso stärkere Reporterspürnase einen lauernden Skandal…

Halt, nicht ablenken lassen jetzt…
Es gab Wichtigeres gerade…
Sie hatte eine Reportage zu schreiben!

Elke war inzwischen so schnell wie die pralle Sonne der Nachmittagszeit es eben zuließ schnurstracks gen Westen gelaufen. Auch wenn sie beinahe schwebte inmitten ihrer Gedankengänge um den großen Traum vom erfolgreichen Journalistentum und all seiner potenziell ausschweifenden Fließrichtungen, die ganz den dicken Schweißperlen auf ihrer Stirn gleich nur so aus Elke herausströmten, wollte sie dennoch vor Dienstschluss zur Wache kommen.

***

Wie wohl nicht anders zu erwarten, konnte Elke nur noch Oberwachmeister Klausner antreffen, welcher sich seinerseits gerade zum Schließen der Wache anschickte – Freitag nach eins und so weiter; nur das heute halt Dienstag war. Nicht, dass Eatrich nun unbedingt für seine Polizei berühmt war oder musste, denn Nachbarschaftsbeteiligung wurde hier noch Groß geschrieben.
Schon während der paar Monate als sie damals noch ihre Halbtagesanstellung als Sekretärin ausgefüllt hatte, kam Elke sich meistens eher wie eine bessere Putz- und Tresenkraft vor. Für ihren jetzigen Job – ihrer wahren Berufung – kamen  ihr die Kontakte auf der Wache allerdings mehr als entgegen. Wie sonst wäre sie an das Photo von Clara‘s Leichnam gekommen, wenn nicht über diese Quellen. Obgleich der gute Klausner etwas schwerer davon zu überzeugen gewesen war, dass es so dringend notwendig erschien, einen solch ausschweifenden Partezettel zu kreieren, denn:

„Eine simple Todesanzeige hätte es sicher auch getan. Was soll der ganze Schnickschnack überhaupt? Muss man denn alles zum Spektakel machen?”… Elke aber blieb stoisch und argumentierte, dass es sich bei Clara Wiltau schließlich nicht um einen der üblichen Tode im Ort handle. So hatte man ihr dann, wenn auch unter knirschenden Zähnen einen kurzen Blick auf eines der Photos gewährt, wenn auch eigentlich nur vom ominösen Halstuch abwärts; um ihre Nerven zu schonen, wie es hieß. Das Haar wurde Elke knapp beschrieben und den Rest von Clara‘s Gesichtszügen, mitsamt dem Stand ihres Makeups fügte Elke in kreativer Eigenarbeit halt erstmal eigens in den Partezettel ein. Wie hätte sie sonst einen nachvollziehbaren Gesamteindruck schaffen sollen, verteidigte Elke die Entscheidung später vor Ruby und sich selbst.
Und auch an diesem Tage blickte der großgewachsene Mann mit dem lichten Haar eher abfällig auf Elke herab, obwohl Klausner es war, der saß. Eine Fähigkeit, die sogar in Elke Respekt auszulösen vermochte, aber ihr jetzt eher im Weg stand.

„Herr Ballart hat mir den Auftrag der Verstorbenen Gerecht zu werden höchst persönlich erteilt.”

„Ach, der alte Zausel nun wieder…”, stöhnte Klausner und ließ das breite Kreuz, wie in Aufgabe zusammensacken.
Das breite Grinsen nicht unterdrückend, tänzelte Elke zu ihrem alten Schreibtisch und wartete nun ungeduldig, aber mit selbstzufriedener Miene, auf die Unterlagen.

Die dünne Akte bestürzt in Händen, blickte Elke bloß noch ungläubig drein.

„Das ist alles, was ihr habt? Die paar Tatortphotos und ihr Name?”

„Sollte es mehr geben? Es war ein Unfall!”, zischte Klausner vom anderen Ende des Büros, rollte die grünen Augen und wandte sich erneut seiner Zeitung zu.

„Es gibt doch sicherlich Unterlagen aus der Klinik! Habt ihr die denn nicht angefordert?”, gab Elke nicht auf.

„Wozu? Ihre Identität konnten wir ihrem Portemonnaie entnehmen.”

Bevor Elke zu Wort kam, setzte Klausner mit betont deutlicher Aussprache nach:

„Das Frau Wiltau bis dato Kurgast im Haus Instenburg gewesen war, bestätigte sich über die Unterlagen, welche in der Aktentasche mit sich führte. Und, ja wir haben das überprüft. Ja, der Leichnam ist identifiziert wurden; Doktor Hinterseer kam extra noch am selben Tag in der Bezirksgerichtsmedizin. Und natürlich haben wir Frau Wiltau‘s Kontaktdaten eingesehen und überprüft. Noch Fragen?”
Die Gesichtszüge des sonst so gelassenen Oberwachmeisters waren mittlerweile wie in Rage. Auch zierten rote Flecken die hohen Wangenknochen, der Schweiß stand ihm auf der Stirn und Elke hätte schwören können den immer schneller werdenden Puls in der Halsschlagader zu sehen. Auch bebte Klausners Stimme zum Ende seines kurzen Monologs hin beinahe bedrohlich, ganz so als duldete er keinen Widerspruch mehr. Und wer mit dem Chef des Eatricher Reviers schon mal aneinandergeraten war, wusste darum seine Geduld nicht zu überreizen. Denn Rudolf Klausner mochte ein ruhiges Gemüt nach außen tragen, sein Geduldsfaden aber war hauchdünn. Der 50 jährige Oberwachmeister rühmte sich jahrzehntelanger Diensterfahrung und seiner ganz eigenen Spürnase, wie Elke wusste und derer sie normalerweise traute, nur…

„Wenn ihr Clara‘s Kontaktdaten überprüft habt, wieso habt ihr euch dann nicht an ihre Angehörigen zur Identifizierung vom Leichnam gewandt? Weshalb also musste der Doktor ran?”

Ein tiefer Atemzug durch die gerötete Nase … Zwei, Drei, Vier … hörbares, betont langsames Ausatmen durch spröden Lippen … Fünf, Sechs, Sieben … ein Geräusch, wie das Knurren eines großen Tieres … Acht, Neun, Zehn … nur noch ein Schnalzen der wuchtigen Zunge und Elke wusste Klausner würde ihr, nun wieder ausdrücklich ruhig, eine Antwort geben:

„Angehörige hat Frau Wiltau keine. Es gibt da nur den Lebensgefährten, ein Herr Anton Nauer. Laut Klinik hat dieser die Vollmacht über Clara Wiltau. Leider konnten wir ihn lediglich telefonisch über das Ableben seiner Partnerin informieren, denn er ist derzeit geschäftlich unterwegs und wünscht nicht gestört zu werden. Seine Firma bestätigte dieses. Da Frau Wiltau den Angaben des Klinikpersonals keine weiteren Vertrauten oder engeren Bekannten zu haben schien, wird ihr Körper bis auf Weiteres im Leichenschauhaus verwahrt.”

Nun war es an Elke langsam bis Zehn zu zählen. Clara‘s Lebensgefährte war auch ihr Bevollmächtigter und ihr Tod nicht Anlass genug eine Dienstreise abzukürzen?!
Ein Gefühl bezwungen worden zu sein, welches nicht ihr eigenes war, übermannte Elke. Mit leiser Stimme bat sie für ihre weitere Recherche nur noch um den Namen von Clara‘s unglücklichen Finders.
Klausner, statt ihren Schock mit Spott zu negieren, gab Elke nun alle Kontaktdaten – „dass sie ein vollständiges Bild zeichne” – und einen wissenden Blick. Ihrer allerdings fiel nichts sehen wollend aus dem Fenster. Wurde geblendet vom Sonnenlicht, und wehrte sich nicht. Schweifte dann über einen vergessenen, nun welken Strauß aus rosa Hortensien am Wegesrand. Und blieb schließlich hängen an der eigenen Reflexion im Computerbildschirm.

***

Wieder brach allmählich die Nacht über Eatrich herein; krauchte vielmehr, ganz üblich solch lauen Sommerabenden, wie diesem. Die Wolkendecke drohend dicht seit den späten Nachmittagsstunden, warnte vor Regengüssen in naher Zukunft und hielt zugleich die Wärme fest. Gönnte keinen Windhauch, keine Abkühlung, kein Aufatmen.
Die Fenster waren trotzdem und vielleicht auch aus purer Hoffnung auf einen nächtlichen Wolkenbruch allesamt weit geöffnet, gewährten so Einblick, schafften ein Hineinhören; zeigten den Spion frei vom Widerschein des eigenen Ichs.
Die kleine schwarz-weiße Katze sich all dessen vollends gewahr, störte sich nicht an den erst erschrockenen, dann fragenden, schließlich amüsierten Blicken, welche man ihr von Zeit zu Zeit und aus offenen Wohnzimmerstuben entgegenwarf. Tilli und ihre allabendlichen Spaziergänge gehörten mit zur Stadtkultur. Denn dieses Kätzchen, was seit Jahren das Revier ‚Eatrich und Umgebung‘ für sich beanspruchte, war inzwischen fast schon, wie das Ortswappen – drei Anemonen umspielt mit Ranunkeln – immer gern gesehen und mit Heimatliebe verknüpft. Somit sah und hörte diese Katze alles, ohne dass es für sie oder die Belauschten Folgen aufwarf. Zuweilen vertrauten sich die Ortsansässigen ihr sogar persönlich an. Fanden in Tilli eine geduldige, nie urteilende Zuhörerin. Entledigten sich manch freudige oder trauriger Belangen, berichteten von Neuigkeiten und Erinnerungen, nutzen sie als Beichtnehmer und Zeuge. Denn wer glaubte heutzutage schon ernsthaft daran, dass Katzen sich eine Meinung bildeten über das, was sie so mitkamen von ihren (Mit)Menschen.
Starker Rosenduft holte Tilli aus den Gedanken und an das Fenster Heidrun Rühlichs. Die Ursache diesmal keine Kerzen, sondern ein prächtiger Strauß roter Rosen, der direkt auf der Fensterbank thronte und somit im Blickfeld neugieriger Augenpaare; nicht aber gespitzter Ohren stand. Und so wurde an diesem Abend die schwarz-weiß befellte Katze ein Zeuge ganz anderer Natürlichkeiten.

Kein Monolog war es, den es zu belauschen gab. Nein . Flüsternde Stimmen … tiefe, schwere Atemzüge, die da schneller wurden … ein Wimmern … ein Flehen … sowas wie Grunzen … ein halb-verschlucktes Stöhnen … ein Seufzen … ein Kichern … ein Prusten … ein Lachen…

Nicht nur vom schier unerträglichen Angriff auf ihre Nase ließ das Kätzchen die beiden sich liebenden, das Fenster und die Szene zügig sich selbst überlassen.

 

-III-

Noch immer fassungslos von ihrem Besuch bei der Dienststelle am Vortag ging Elke ihre Recherche und damit den nächsten Tag weitaus bedachter, ja klangloser an. Selbst Ruby‘s extra süßer Morgenkaffee und die angenehm temperierte Sonne-Wolkenmischung wollte sie nicht recht aufheitern.
Die Photos, die Elke dank der zur kurzen Einsicht ausgehändigten Akte nun in Gänze hatte begutachten können und die sie ja so unbedingt hatte sehen wollen, zeigten all die Details, derer Elke bisher nicht gewahr gewesen war. Zeigten die vollkommen unromantische, mehr noch die brutale Seite eines so tragisch geendeten Lebens. Zeigten das Gesamtbild. Klärten Elke über das ganze Ausmaß von Clara Wiltau‘s betrüblichen Endes auf. Es waren Bilder, von denen sie selbst jetzt noch nicht sicher war, nicht sicher sein konnte, dass sie diese je wieder würde vergessen können.

Clara war laut Befundbericht einem schweren Schädelhirntrauma erlegen. Klausner gab ihr telefonisch noch am Vorabend Auszüge der Obduktion durch, die die Einschätzung der Eatricher Beamten bestätigte und ebenfalls einen Unfalltod als Ursache deklarierten.
Der Körper seltsam gekrümmt, halb auf der Seite liegend, halb in Bauchlage. Ganz so, als hätte dieser sich vor dem Tode noch versucht zu drehen. Die beige Kleidung schmutzverdreckt, mit tiefen Rissen am Rocksaum. Der Kopf gedreht mit Blick gen Eatrich. Die klaffende Kopfwunde noch nicht ganz abgetrocknet. Die Blutlache weit geflossen um den Schädel; das Gras als Schwamm. Das bräunlich-rot durchtränkte Haar, die Schreckgeweiteten Augen, der offene Mund, aus welchem dunkelrot verfärbte Zähne blitzten, die hängende Zunge…
Elke zuckte bei der Erinnerung an die Photos erneut zusammen. Hielt inne auf ihrem Weg zu Herrn Renner, dem Finder des Leichnams, und vollzog jene Atemübungen, die Ruby ihr beigebracht hatte:

Fest verschlossenen Augen, die Körperhaltung bewusst entspannt, die Gedanken fixiert auf etwas Positives – auf die schützende Umarmung, die beruhigenden Worte mit weicher Stimme, die wohlige Wärme – Ruby.

***

Das kleine Wohnzimmer, in dem Elke sich später wiederfand und das dank einer raumfüllenden Eckcouch, deren, durch jahrzehntelangem Gebrauch leicht abgewetzten und verblassten lachsfarbene Polsterung mit einer kräftig dunklen Decke nur halbverhüllt wurde, ließ beinahe keinen Meter Trittfläche zu. Sie versprach aber einen gemütlichen Platz zum Lesen. Was auch, wie die reiche Auswahl an Büchern, deren Flut bereits im Hausflur begann, sich dann auch auf sämtlichen Tischen, in Regalen und unter Sofakissen ergoss und ganz offensichtlich des Hausherrn liebste Beschäftigung war.
Herr Renner‘s offene Art und das geordnete Chaos in seinem Wohnraum wirkten zu Elkes Erstaunen und Begeisterung wahre Wunder auf ihr noch immer leicht angeschlagenes Nervenkostüm und sie empfand unmittelbar tiefen Respekt für diesen kauzigen Herren. Und vielleicht erschien es den meisten Leuten als ungewöhnlich, aber allein die Begegnung gepaart mit der sich zügig anschließende und ausgedehnte Unterhaltung mit Werner Renner, dem alteingesessenen Förster von Eatrich, brachten Elke irgendwie wieder zur Ruhe.
Obgleich Herr Renner hoch in die 70 ging, nahm sich dieser so hagere Mann seiner Aufgaben im örtlichen Forstbetrieb nach wie vor und unter vollem Arbeitseifer an. Natürlich gab es mittlerweile ein jüngeres Team, das die Pflege des Stadtparks und die Aufsicht des Waldes übernahm. Doch Werner Renner blieb bis zum heutigen Tage ein gern gesehener Kamerad, dessen praktische Erfahrung und umfangreiches Wissen zur naturnahen Waldpflege man oft und gern entgegennahm. Auch ließ es sich das rüstige Mannsstück nicht nehmen die alljährliche Wegräumung zu Beginn der Frühlingszeit zu beaufsichtigen. Die eigens für den Baumabtransport eingesetzten Esel kannte der Förster genau wie das momentane Landschaftspflege-Team schon von Kindesbeinen an, berichtete er nun Elke bei einer Tasse Kräutertee und unter lautem Lachen.
Seine Geschichten faszinierten Elke und halfen wohl beiden über das schwierige Erlebnis von vor sechs Tagen hinweg zu kommen; zumindest ein wenig.

Es war ein Freitag gewesen, an dem Herr Renner nun zum unglücklichen Finder von Clara Wiltau geworden war.

„Ja, letzte Woche Freitag ist es passiert, bei schönstem Sonnenschein und noch mitten am Tag. Irgendwie verbinde ich solch grausige Erzählung mit den Stunden zur Dämmerung, bei Nieselregen und eisigem Wind. Im Abendkrimi ist das doch immer so, nicht wahr?”

Elke schluckte, doch wagte es nicht Werner Renner‘s Ausführungen zu unterbrechen.

„Es war so unheimlich still, als ich ihren Körper da liegen sah; selbst die Vögel hielten den Atem an. Keine Seele weit und breit. Nicht einmal ein Rascheln im Geäst… Der Wald wusste, dass etwas Schreckliches passiert war… man kann so etwas fühlen! Ihr To… der Sturz muss erst wenige Minuten her gewesen sein; das Blut konnte ich noch ganz deutlich riechen… Ich hätte doch was hören müssen!”, seine Stimme stockte nun, er kam ins Husten.
Elke, die ihm schnell ein Glas Wasser reichte, hielt Werner Renner, diesen so tapferen alten Herrn, zu einer Atempause an. Sie wollte ihn auf gar keinen Fall weiter aufregen, beschwichtigte ihn, dass es sicher sehr schnell gegangen war, dass er nichts hätte tun können und dass er ihr jetzt schon eine große Hilfe gewesen sei.

***

Nach einer weiteren, wesentlich gesetzteren, Stunde zog Elke schließlich ihres Weges. Sie hatten noch ein wenig über die guten alten Zeiten geplaudert; der letzte Freitag blieb aber unerwähnt. Herr Renner hatte seit diesem Tage auch keinen Fuß mehr in den Wald gesetzt. Was für Elke bedeutete, dass die weiße Lilie auch nicht von ihm stammen konnte.
Klausner versicherte ihr im sich anschließenden Telefongespräch zum wiederholten Male und mit ehrlicher Geduld, dass auch vom Revier niemand mehr zur Unfallstelle zurückgekehrt war und dass sich sämtliche Anwohner an das Verbot, den Waldweg zu begehen, hielten.

Woher kam also die weiße Lilie?

Die Erklärung des Unfalltodes erschien Elke mehr und mehr eine zu einfache Lösung zu sein, zu sehr als Etwas, dass keiner weiteren Fragen bedurfte.
Von den Leuten, mit denen sie bisher gesprochen hatte, war keiner mehr oder noch nie am Fundort gewesen. Der Rest der Stadt kannte die genaue Stelle angeblich nicht. Die platzierte Blume, die bekanntermaßen auch für den Tod eines Menschen stand, widersprach Elkes Meinung nach allerdings der Unfall-These. Auch sprach die Blume dagegen, dass jemand zufällig über diesen speziellen Wegpunkt gestolpert war. Denn wer trug schon weiße Lilien mit sich rum? Ein geplantes Suchen und Finden am Montagmorgen – die Blume war neu gewesen – schien auch mehr als unwahrscheinlich, da der starke Regen sämtliche Spuren verwischt hatte und eigens gelegte Markierungen waren Elke nicht aufgefallen; sie verbrachte einiges an Zeit damit nach solchen Ausschau zu halten.
Jedoch wenn jemand Clara‘s Tod verursacht hätte, und demjenigen das im Nachhinein dann Leid tat, wäre das sicher ein Grund sich die Todesstelle gut zu merken und diese selbst bei Regen erneut zu finden!

Aber was für Gründe könnte es gegeben haben Clara den Tod zu wünschen?
Konnte es sein, dass jemand ihr den Neuanfang in Eatrich nicht vergönnt hatte? Ein neidischer Mitpatient vielleicht?
Der ominöse Lebensgefährte vielleicht? Schließlich hatten sie gestritten. Außerdem war dieser noch immer nicht zu erreichen gewesen. Elke hatte sowohl ihm persönlich, als auch bei seiner Firma inzwischen mehrere Nachrichten hinterlassen – bisher ohne Erfolg.
Oder doch einfach nur ein Mord aus Gelegenheit?

Der Besuch des Hauses Instenburg stand für Elke in jedem Fall als nächstes an.
Denn das Geheimnis um die weiße Lilie ließ Elke nicht mehr los.

***

Die kleine Katze erhaschte gerade noch einen Blick auf Elkes Rücken, als diese sich schweren, aber zügigen Schrittes über den Marktplatz und offenbar in Richtung Stadtwald bewegte – ein Hurrikan aus grau-blauen Längsstreifen und Bestimmtheit. Und eine so ganz andere Stimmung verbreitend, als das Gro der gemächliche Nachbarschaftsmasse, welche sich so allmählich ins Rathaus schob, um der außerordentlichen Stadtversammlung beizuwohnen. Nur die Damen des Frauenbundes verweilten noch vor den Toren des roten Backsteinbaus. Sie traten unruhigen Fußes auf und ab und rauften sich frisch gemachte Frisuren:

„Wo bleibt sie nur?“

„Nicht das was passiert ist.”

„Ach Quatsch… die amüsiert sich sicherlich.”

„Na hoffentlich nicht mit einem unserer Männer!”

„Mach dich nicht lächerlich!”

„Gabi! Nicht so schroff… und es sind ja alle bereits bei der Versammlung…”

„Zumindest die wahren Nachbarn.”

Tilli ließ die rüde Runde ihre konversationellen Kreise drehen und stattete eilig Heidrun’s Fenster einen Besuch ab.
Der Strauß roter Rosen verdeckte noch immer den Einblick, nur war dieser nicht länger prächtig und stark duftend.

„Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt.”, hauchte es der Katze mit Heidruns leiser Stimme.

„Ja, das hast du.”, folgte es dem Bekenntnis nach.

Dem folgte bloß noch ein lautes Schweigen.

***

Der Schweiß hing Elke im Nacken, dass blaugraue T-Shirt inzwischen fast komplett dunkel und klebrig-nass am Leib, der Atem noch immer mehr ein lautes Hecheln. Obwohl die Gänge des Hauses Instenburg angenehm klimatisiert waren, stand ihr der Fußmarsch durch die Mittagshitze noch auf der Stirn.
Die Durchquerung des Stadtparks war Elke nicht nur aufgrund der unnachgiebigen Sommersonne schwer gefallen, auch hatte sie alsbald mit zahlreichen spitzen Steinchen in den Sandalen zu kämpfen, die sich vom sandigen Parkweg immer wieder unter ihre Fußsohlen legten, ganz gleich wie oft sie diese entfernte. Ja, ja… der Park war schön und ganze der Stolz Eatrich’s. Es war hervorragend gepflegt, lud über Tafeln und Schaukästen zum Lernen über das ländliche Ökosystem mit seinen zahlreichen Pflanzen und Tieren ein. Klärte so auch über die Wichtigkeit des Naturschutzes auf und schuf nun einmal den direktesten Weg von Eatrich und der Klinik… aber Herrschaftszeiten, eine aus Asphalt gegossener Wegstrecke hätte es doch auch getan. Elke brütete und grummelte noch bei Erreichen der Kurklinik in sich hinein und rieb sich die geschundenen Füße, nachdem sie vom Marsch und der Hitze erschöpft erstmal auf einer Bank zusammengesunken war.

Das Haus Instenburg thronte regelrecht am äußersten Nordpunkt des Eatricher Stadtparks und glich von außen noch immer dem Hotel, was es einst gewesen war; ein gelber Backsteinbau mit roten Klinkerumrandungen an Fenstern und Eingangspforte. Selbst den Namen hatte die Einrichtung behalten, was Elke schon ein wenig wunderte. Doch im Grunde machte es auch wieder Sinn, den alteingesessenen und überregionalen Status vom Hotel Instenburg, welches in all den Jahren stets für einen Ort der Erholung und innerer Ruhe gestanden hatte, zu nutzen. Dem Bekannten wird ja oft mehr vertraut.
Angeblich lagen hinterm Haus noch extra Gartenanlagen für die Kurgäste und es sollte wohl eine kleine Privatstraße geben, die das Klinikgelände mit der Bundesstraße östlich des Waldes verband; den Spazierweg über Stock und Stein hatte man schon zur damaligen Zeit niemanden aufgezwungen.

Von ihrem Besuch in der Kurklinik versprach sich Elke den Rest ihrer noch offenen Fragen für die geplante Reportage zu klären. Sie wollte mehr über Clara‘s Leben und vor allem ihren Lebensgefährten erfahren, den sie ja mittlerweile schon mehrfach erfolglos versucht hatte zu erreichen. Auch würde Elke mit ihren ehemaligen Mitpatienten sprechen, um zu eruieren, ob es möglicherweise Spannungen unter ihnen gab. Und über Ärzte erhoffte sie sich Auskunft über Clara Wiltau‘s tatsächlichen Gesundheitszustand. Das war ein guter Schlachtplan, wie sie fand. Doktor Hinterseer würde bestimmt mit sich reden lassen und ihr die Erlaubnis und den Zugang zu all dem geben.
Nur finden müsste Elke ihn jetzt noch.
Die Gänge glichen einander bis aufs Staubkorn, die Wegweiser verwirrten leider eher als das sie halfen und die Auskunft, die sie von der Gruppe rauchender Patienten vor dem Haus bekommen hatte, ließ auch zu wünschen übrig.
Auf keine Menschenseele treffend, zog Elke ziellos im Gebäude herum, bis sie plötzlich auf einen Gang stoß, der so gar nicht dem Rest der blass-blauen Korridore entsprach. Ihr war als stünde sie in einer Ausstellung. Die Wände verziert mit Ketten aus kleinen Holzkugeln in Bordeaux, die in komplizierte Muster geknotet zwischen verschiedensten Gemälden hingen. Erst glaubte Elke einem Relikt aus Hotel-Zeiten gegenüber zu stehen, doch dann fielen ihr die Jahreszahlen an den Bildern auf, welche deren Entstehungszeit nannten. Alle, bis auf zwei, datierten sich innerhalb der vergangenen letzten sieben Monate, was Elke nach einer ersten Runde durch den Gang schnell erkannt hatte und was sie dazu bewog sich die Bilder genauer anzusehen. Wer weiß, vielleicht hingen vor ihr ja die Werke des so hoch gelobten Zeichenkurses, vom dem Frau Maurer geschwärmt hatte.

Eine Landschaftsmalerei zeigte sich im ersten Bild. Ein Fluss, der sich durch einen kargen Winterwald schlängelte und… Irgendetwas Rotes schien im Flussbett zu hängen… Signatur abgebröckelt

Einem offenen Bauchraum in strahlenden Ölfarben sah sich Elke auf der gegenüberliegende Seite des Ganges entgegengestellt… die Organe in Originalgröße, wie es schien… ein morbider Pathologe vielleicht… hm… Signatur C.L.H.

Im Bündel folgten als nächstes drei Öl-Portraits… ein blonder Teenager-Lockenkopf, ein verschlissener Typ, ein schwarzhaariges Mädel… es hieß immer, man könne in jedem Portrait das Abbild eines bekannten Menschen finden; Elke fand nichts… Signatur C.L.H.

Ein tiefer Atemzug und die Erkenntnis, dass es sich bei der hier ausgestellten Sammlung wohl nicht um die Ergüsse begeisterter Laien handelte, und Elke stellte sich den letzten Werken.

„Eine Studie verschiedener Blühpflanzen in Acryl auf Seide” hieß es unter dem vor 25 Jahren datierten Bild.

Blumen, das wäre was für Ruby.
Elke fragte sich, ob die Künstlerin wohl auch heute noch aktiv war, dann hätte sie das perfekte Geschenk – nur, dass es für ihre liebste Freundin andere Pflanzen sein müssten.

Kunstfertigkeit und ein Auge für Details wurden durchaus deutlich in der „Reihe von Mohnblumen, Disteln und gelben Rosen“… Signatur K.M.L.

Das Grinsen, welches Elke beim Anblick des nächsten Bildes übers Gesicht zuckte, konnte sie sich nicht verkneifen:

Mohnblumen, Disteln und gelbe Rosen, aber erst drei Jahre später und offenbar von Kinderhänden in Ölkreide geschaffen… Signatur L.C.H.

Vielleicht war es ja, dass Elke vor den Werken einer Künstlerfamilie stand, welcher in diesem Gang die Chance gewährt wurde sich vorzustellen, um Werbung zu machen oder sowas. Die Frage, ob diese Möglichkeit grundsätzlich jedem offenstand, konnte Elke nicht mal mehr komplett durchdenken, denn der Anblick des letzten Bildes raubte ihr den Atem…

„Eine weiße Lilie“ sanft gebetet in feuchtes Gras auf nassem Waldboden… Signatur … nicht mehr lesbar

Die Farbe war noch nicht ganz abgetrocknet und klebte grün-braun-weiß an den Fingerspitzen von Elkes rechter Hand, die linke zur Faust geballt verschloss diese ihren Mund, verbarg den stummen Schrei.

***

„Was haben Sie verloren?!”

Wie lange Elke, wie angewurzelt vor dem Bild mit der weißen Lilie gestanden haben musste, konnte sie nur vermutet.

„Hey! Wer sind Sie?”

Ihre Beine fast steif, die Finger verkrampft, in den Ohren ein Rauschen, kalt war der Schweiß, der ihren Nacken herunterlief.

„Ist alles in Ordnung?”

Eine mächtige Hand legte sich vorsichtig auf Elkes rechte Schulter und drehte sie von der Wand weg und hin unter stechend grüne Augen, welche sie sorgsam, aber auch herausfordernd betrachteten.
Dieses fast schon hypnotische Augenpaar lag hinter einer dicken Hornbrille und unter den Falten einer in Fragen gelegten hohen Stirn. Die weiße Lockenpracht, welche das Haupt des stämmigen Mannes schmückte, stand jedoch im starken Kontrast zu seinem Alter, das irgendwo in den 60er liegen musste. Als Elke noch immer unfähig schien ihm Rede und Antwort zu stehen, hob er seine kräftige Hand von ihrer Schulter, steckte diese ohne sie zur Begrüßung zu reichen in die Tasche seines weißen Arztkittels und nahm ein paar Schritte Abstand von Elke und ihrer überdeutlichen Nervosität.

„Guten Tag.”, bebte seine Stimme in Elkes hochroten Ohren, „mein Name ist Reginald Hinterseer, Doktor Hinterseer. Und Sie sind?”

„E…Elke Unmut…”, brachte sie stammelnd hervor.

„Ah, ich habe sie schon erwartet.”

„J…Ja… tut m…mir leid… Hab …”

Ein schriller Aufschrei im Haus unterband jedes weitere Wort.

Fortsetzung folgt

Schattenseiten sonniger Tage_Teil 2

Teil 2

5

der Name Jany

Sattes grün, sanfte Brise, ein Geruch nach Meer.

Salz liegt in der Luft, kein Wasser in Sicht im strahlenden Sonnenschein; Wiese umgibt sie, Wald am Horizont.

Lachen in den Ohren; ein junges Kind hüpft von dannen. Springt jauchzend von Grasbüschel zu Grasbüschel, gleich wird es im Wald verschwunden sein. Zu sehen nur noch ein rotes Käppi – sie ist allein.

Sie fühlt sich wohl, geborgen, eingehüllt in Licht und Wärme.

Plötzlich ein Knirschen, wie splittendes Glas.

***

Jany erwachte zum Schein der Sonne, welcher unnachgiebig durch die Lücken dicker Vorhänge sickerte.

Wie am ersten Tag ihres Erwachens – gab es einst etwas anderes?

Ein ferner Gedanke, schon vor langer Zeit verdrängt. Die Erinnerung einer Ahnung aus der Ferne des Geistes, aus dem Strom der Zeit ans Ufer gezogen, gehievt, mit Mühe und Not gerettet, wie sie selbst aus den Fängen des Treibsandes.

Sie hatte in Gefahr geschwebt oder nicht?

Für einen kurzen Moment nur, nah unbekannter Tiefe.

Ertrinken im Sand.

Das Erinnern daran voll verdünnter Farbenpracht. Undeutlich, verwirrend, fern, ferner, bald wie durch die Augen eines anderen Menschen verloren in haarstreubenden Worten wilder Erzählungen.

Die spürbare, wenn auch kurzlebige, Unbeweglichkeit ihrer Glieder beim ersten Versuch das Bett zu verlassen, bezeugten das Erlebnis, das eigene Erleben…

Gerettet vom Schatten.

Ein Schatten, der Schatten, immerzu wechselnd und doch gleich.

Ihr fremder Begleiter, welcher stets aus dem Nichts hervortrat, hatte Jany schweigend, doch gleichermaßen soviel sagend, zurück zum Haus begleitet, wie schon am ersten Tag. Wie schon so oft, wenn sie sich im Schein der Sonne verloren glaubte. Immer ungefragt, eilte er ihr zu Hilfe, brachte sie zurück, führte sie in die Sicherheit… ob sie wollte oder nicht.

***

Ein Stöhnen entwich Janys Lippen, als sie sich schließlich aufzurichten begann; die Nachwehen des unfreiwilligen Sonnenbades noch immer deutlich spürbar. Ein Ziehen in den Muskeln, weit mehr als ein Zeichen von Überanstrengung, die Haut gerötet und nach wie vor erhitzt, ihr Blick leicht eingeschränkt durch grell leuchtende Flecken im Sichtfeld.

Genervt von den Schmerzen, von der eigenen Unachtsamkeit, ihrer Schwäche und vom Sonnenschein verließ sie das schmale Bett, blinzelte ein paar mal gegen die hellen Punkte an, warf das lange, weiße Kleid über und suchte das Bad auf, um sich Kühlung zu verschaffen.

Die Tür zu ihrem Zimmer ließ Jany angelehnt, er würde heute nicht noch einmal heraufkommen, obgleich sie den Morgengruß verpasst hatte. Es gab stets nur den einen Hinweis zum Start in den neuen Tag.

Sie tastete sich durch den fahl beleuchteten Hausflur zur gegenüberliegenden Seite. Ein schwaches Ächzen der Dielen unter geschundenen Sohlen, ihr schwerer Atem bei jedem Auftreten; die sechs Schritte bis zum Badezimmer ein langer Weg an solchen Tagen.

Wie jeden Tag lag der Flur unverändert vor ihr. Mit rein weißer Tapete, einem kleinen Wandschrank zum Gegenstoßen, einer verschlossenen Holztüre am Ende des kurzen Wegs. Unverändert lag auch das Bad da, das sich die Zwischenwand mit dem abgeriegelten, offenbar unbewohnten Raum daneben teilte. Ein paar Deckenlichter fluteten sanft, fast kraftlos, das Kühl des dunklen Raumes. Nur eine Reflexion im tiefdunklen Blau übergroßer Fliesen zeigte sich Jany nicht. Nicht das sie noch danach suchte. Vor allem nie nach Sonnentagen, wie dem letzten. Sie war fast schon davon überzeugt, dass alle Reflexion an solchen Tagen zu erschöpft war, um aus dem Schutz des Bettes zu kriechen – schließlich musste es Kraft kosten zu reflektieren, ein Bild zu schaffen, was nicht der eigenen Vorstellung entsprach, sicherlich nicht immer entsprechen konnte, galt es doch alles und jeden wiederzugeben. Janys Gedanken kreiselten mal wieder, erschufen sich Erklärungen für Dinge und Sachverhalte, die es nicht zu verstehen galt in dieser Welt.

Auf leicht wackeligen Beinen sich umsehend, lag dieser kalte, unpersönliche Raum so ganz typisch in der Ausstattung, mit Ausnahme eines milchverglastem Spiegels, der ohne rechten Nutzen die gesamte Seite der Zwischenwand einnahm. Das Zimmer war in Gebrauch, zumindest durch sie, doch wer auch immer das stetig hörbare Chaos im Erdgeschoss beseitigte, schien auch diesen Bereich nach jeglichem Gebrauch in seinen Urzustand zurückzuversetzen; nie sichtbar, immer spurlos. Diese Mainzelmännchen-Aktionen brachten sie nicht mehr aus der Ruhe. Der Un-Spiegel aber sorgte für neuerlichen Schwung in Janys etwas verschrobenen Gedankenkreisel, welcher sich immer zu drehen pflegte, nicht bloß angetrieben durch die Folgen der Sonne und ihrem unfreiwilligen Bad in den unsicheren Gewässern des Sandes. Kein Spiegel! Ein Rätsel? Ein Scherz? Dekoration? Ein simples Kunstwerk? Ein Gegengewicht zum überladenen Wandschmuck des Treppenhauses oder zum Blauton der Fliesen? …

***

Kaltes Wasser tropfte noch aus ihrem Kleid, als Jany einen letzten, inzwischen unbehinderten, Blick über ihr karges Reich gleiten ließ, bevor sie, die schon seit langem aufgeschobene Runde durch das Haus antrat.

Grau in Grau vom Putz die farblosen Wände, braun die samtenen Vorhänge, das Parkett frei von Teppichen. Die durch zu kurze Gardinen nie ganz verdeckten Fenster gegenüber der dünnen Holztür. Ein wackliger Stuhl am, mit Folie überdeckten, Schreibtisch, daneben ein Sessel, ebenfalls in braun, diesmal aus Leder. Auf der anderen Wandseite das schmale Bett bezogen in weißen Leinen. Ein kleiner, runder Tisch rechts vom Kopfende, als Platz für die stetig frisch bereitgestellte Wäsche, rundete die Einrichtung ab.

Der belanglose Raum rief vergrabene Geschichten wach und immer dieses Kinderlachen; Jany träumte von diesem Lachen, kannte dieses Zimmer, das Haus, die Bewohner. Ein Gefühl von verstaubten, weit zurückliegenden Erlebnissen, das sie weder genau zu fassen noch ganz abzuschütteln vermochte. Inzwischen aber wusste sie nicht mehr so recht, ob sie das Erinnern, das Verstehen des Ganzen überhaupt noch wollte.

Zu Beginn hatte Jany sich das Erinnern, wenigstens die Spur einer Ahnung von Klarheit so sehr gewünscht, dass es fast wehtat. Doch nach all der unbestimmbaren Zeit ermüdete sie dieser Wunsch nur noch, war sie Willens fast alles hinzunehmen, ohne Rückfragen zu stellen, auf die sie ja doch nur keine Antwort erhielt. Sie fürchtete sich beinahe vor neuen Erfahrungen, Entdeckungen, welche zu Fragen führen könnten. Fragen, die zu groß wären, um sie zu übersehen, denen sie nicht mit einfacher Ignoranz aus dem Weg gehen können würde. Jany wollte nur noch ihre Ruhe und doch… und doch… die Dunkelheit, die Kühle der Nacht, die andere Seite des Sandflusses ließen sie nicht mehr los. Ganz neue Fragen flackerte in ihr auf, zogen all die alten mit ans Licht – belebend und einschüchternd zugleich.

***

Langsam stieg Jany die Treppe hinab, schenkte den Rehbockschädeln und präparierten Mufflon-Köpfen, die einen Jeden aus hohlen, leeren Augen hinterher zu blicken pflegten, keine Beachtung – Dekoration, Zeichen eines anderen Lebens, Nachweise eines ‚Damals‘ unter Staubschichten eines ‚Heute‘; für Jany nie von Relevanz.

Im Vorflur kam sie zögernd zum Stehen, die schmutzig-weißen Bodenfliesen, die teilweise locker, stellenweise gebrochen, immerzu kalt waren, schenkten ihr weitere Abkühlung, während sie ins Hausinnere hinein lauschte.

Die Stille traf sie laut.

***

Beim ihrem ersten Erkundungsgang durch das kleine Haus war Jany unbedacht und voller Neugierde dessen Räumlichkeiten einfach im Uhrzeigersinn abgelaufen. Hatte zu ihrer Linken eine schmale Küche in beigen Tönen mit zum Vergessen einladender Ausstattung vorgefunden. Der Kühlschrank übervoll, die Schränke halbleer. Eine Eckbank und zwei Stühle drängten sich um einen kleinen Tisch, der gedeckt war für drei Personen und einem leeren Gedeck am freien Platz auf der schmalen, mit abgewetzten Polstern bezogenen Wandseite der Sitzbank; für niemand Bestimmten, für einen Gast, vielleicht für sie.

Jany verspürte weder Hunger noch Durst, verspürte dies auch heute nicht, wollte es aber so gerne spüren; verspürte es nie. Dennoch saß fast täglich, stets für sich, auf dem freien Sitz, roch den Duft gegessener Speisen und zählte die Krummen am Boden.

Eine Schiebetür führte sie in den großen Wohnbereich, dessen Tür vom Treppenhaus aus immer geschlossen war. Einfache Möbel aus altem Holz und abgenutzten Sitzgelegenheiten auf noch belangloserem Läufer in Kaki. Regale ohne Bücher, Schränke ohne Inhalt, ein geordnetes Chaos staubiger Alltäglichkeiten in Zimmerecken, zwischen Sofakissen, hinter Vorhängen als Kontrast. Das zur jeder Unzeit trällernde Gramophon prominent auf dem Couchtisch. Ein Zimmer voll vergessenen Lebens, das Jany damals wie heute auf Zehenspitzen durchschritt, um nicht zu stören, nicht zu verweilen.

Auf der rechten Seite des Wohnbereichs schloss sich ein kleiner Flur an, der drei weitere Türen zu unbekannten Räumlichkeiten barg. Vom Geruch her beherbergte das eine Zimmer, eine weitere Badestube, die anderen waren verschlossen, ließen aber tiefe, raue, vom Alter gebrochene Stimmen vernehmen. Zwei Herren gemeinsam, für sich versunken in unverständlicher Artikulation, in der Etage darüber ein leeres Zimmer und ein blinder Spiegel; nichts zu sehen, nichts zu verstehen.

Die Fenster des Häuschens, gleich dem ihres Zimmers, waren allesamt abgehängt, die Räume so nur sanft beleuchtet, dennoch stickig und warm.

Alles wie am ersten Tag, alles wie immer… nur die Stimmen, das Küchenradio, der Plattenspieler schwiegen sich und Jany an diesem Tage überdeutlich an.

Es gab zu alldem noch ein Kellergeschoss, in dem Jany abermals vor verschlossenen Türen gestanden hatte und auch an diesem Tage stand. Mit Ausnahme eines winzigen Räumchens am Ende eines langen Ganges, auf welches sie nun zusteuerte.

***

Eine alte Dame im rotem Gewand hatte Jany damals lächelnd und mit gemächlichen Kopfnicken willkommen geheißen; drei Bewohner in drei Räumen passend zu drei Gedecken am Tisch. Der Schemel, auf welchem sie ruhte, stand inmitten des kleinen Zimmers, das sonst ohne Einrichtung auskam. Es war halbdunkel, wie der Rest des Hauses, aber angenehm kühl. Dem lächelnden Nicken war ein Monolog aus wild zusammengewürfelten Silben gefolgt, frei von jeglicher untermalender Gestik und Mimik. Jany, sich diesem schweigend ergeben, verließ das alte Weib nach unbestimmter Zeit mit ebenjener Uhr beschenkt, auf dessen Reparatur sie augenblicklich wartete.

Erst nachdem sie dem Wortschwall nachsinnend wieder ihre eigenen Räumlichkeiten betreten hatte, war Jany überhaupt aufgefallen, war ihr klar geworden, dass sie nicht recht wusste, wo sie eigentlich war. Ein wohliges Gefühl in der Magengrube, was von Bekanntheit sprach, hatte sie beim Aufwachen das Befremdliche nicht erkennen, die Situation nicht in Frage stellen lassen. Doch nun… doch nun…

Warum war sie hier und seit wann?

Für wie lange?

Weshalb stellte sie sich diese Fragen überhaupt jetzt erst?

Mit der Erkenntnis, kam das Entsetzen.

Jany erinnerte sich an nichts mehr vor ihrem Erwachen in diesem Zimmer, an diesem Ort, vor dem Knarren, dem Rütteln, dem Knacken, weder an ihr Leben, noch an ihren Namen.

Was war geschehen?

Sie war augenscheinlich unverletzt, hatte sich frei durch das Haus bewegen dürfen, könnte dieses bestimmt auch verlassen… Sie war nicht in Gefahr, nur allein… sie war hier zu Gast…

Das wird es sein, so dachte sie schließlich. Eine Kopfverletzung oder dergleichen und sie war zur Erholung in diesem Haus, das so bekannt und doch so fremd erschien.

Sie würde einfach abwarten.

Alles würde sich entfalten mit der Zeit und nun besaß sie ja sogar eine Uhr.

Ihre wilden Gedanken auf dem Weg zum Rationell ließen sie die ersten Tage im Haus verweilen; lauschend, abwartend.

Als sie letztlich doch loszog, in der Hoffnung, die Welt werde klarer, verständlicher sein und den Sinn zurückbringen, den sie so schmerzlich vermisste, gab sie sich den Namen ‚Jany‘.

Man brauchte schließlich einen Namen, um von der Welt angesprochen und wahrgenommen zu werden. Bestimmt hatte man auch ihr einst einen gegeben.

Sie war kein Kind mehr, dessen war sie sich beim Blick auf ihre Figur sicher.

‚Jany‘ gefiel ihr und war die einzige Silbe im Monolog-Wirrwarr der alten Dame, welche für sie einen Wohlklang besessen hatte.

***

In all der Zeit, welche dem ersten Tag und der Begegnung mit der Dame gefolgt war, hatte Jany das Kellergeschoss nicht mehr betreten. Sie fühlte sich voll Scham ihrem Unverständnis den sicher gutgemeinten Worten gegenüber und hatte die alte Weise erst wieder aufsuchen wollen, wenn sie hinter ihr Geheimnis gekommen wäre.

Diese Entscheidung schien ihr damals so logisch, so klar. Jedoch ihre Begegnung mit der Nacht und den von Neuem entstandenen Fragen, dessen Beantwortung sie nun ersehnte, dessen sich offenbarende Möglichkeiten ihr neue Kraft gaben, neuen Mut, neue Bestimmung, führten Jany zurück in den Keller, durch den Gang, hin zum Räumchen. Hin zur lächelnden Dame, welche ihr sicherlich Ruhe und Verständnis bringen würde, deren Vorhandensein selbst so geheimnisvoll erschien, wie eine Nacht mitten am Tage…

***

Der Raum war leer.

Sie war allein.

Das Zimmer glich vielmehr einer Abstellkammer, fensterlos und gefüllt bis unter die Decke mit Dosen und Kartons; ohne eine Spur von Zauber, erstaunlich normal. Ein vollkommen anderer Raum, surreal nur durch seine Existenz. Lediglich der Schemel, jetzt ganz an den Rand geschoben – unbesetzt – stand noch als stummer Zeuge dieser traumgleichen Begegnung des ersten Tages. Für Jany machte der Keller so sogar mehr Sinn, obgleich sie ihre Enttäuschung nicht verneinen konnte. Doch ein Untergeschoss voller Vorräte und ohne alte, lächelnde Damen war vielleicht der erste richtige Schritt zurück in eine Welt mit Sinn und Verstand, mit Logik, mit Klarheit… Gerade da sie noch immer ein wenig verdrossen kehrtmachen wollte, entdeckte sie ein Medaillon auf dem Kissen des Schemels ruhend. Es erinnerte sie an die seltsame Frau, funkelte farbenfroh und ließ sie gleichzeitig in sich ruhen. Ein Rätsel wie der nächtliche Tag. Kein Sinn und Verstand, schon weil für Jany die Inschrift unverständlich war und doch so seltsam bekannt, genau wie die Worte der alten Weisen damals… irreal… Wer braucht schon Logik und Klarheit?

Das Medaillon fest umklammert und mit neuem Willen nicht länger im Stillstand dieses Lebens zu verweilen und einfach abzuwarten, verließ Jany den Keller, das Haus, das Bekannte.

 

6

Vom Schatten im Licht

Die Sonne würde sie nicht mehr stoppen!

Jany wollte nun endlich Antworten auf Fragen, die sie längst zu stellen verlernt hatte. So ging sie wie immer hinters Haus, kroch im Schatten der Rhododendronbüsche entlang, schlüpfte durch den Tannenhain und schloss die Augen. Sie wusste sich den Weg zurück zur Nacht zu erfühlen, hatte genau aufgepasst, hingefühlt, die Schritte gezählt, die Abzweigungen nachvollzogen, während der Schatten sie nach Hause gebracht hatte.

Was sie vorfand, ließ Jany kurz den Atem stocken.

Ja, es war die Waldgrenze, ja, da war der Sandfluss unter freiem Himmel und ja, dieser durchschnitt den Wald, bot den Blick auf die andere Seite, in eine fremde Welt, jedoch… jedoch…

„Ein Trugbild. Nichts weiter. Es gibt hier kein Dunkel. Ich hatte dich gewarnt. Sei nicht traurig.” Der Schatten legte sich mild über sie, säuselte ihr unaufhörlich beruhigend ins Ohr: „Ein Trugbild. Nichts weiter. Blinde Sehnsucht. Ists gefährlich. Komm mit mir. Bleib bei mir.”

Der Schatten, ihr steter Begleiter, seit dem ersten Ausflug zum Wald.

Immer sanft, stetig sprechend von Sicherheit, vom Grenzen kennen, vom nichts riskieren, von Geborgenheit, von der Unsinnigkeit Antworten zu suchen, auf Fragen, die doch selbst noch unbekannt waren, von der Leere ihrer Träume.

Jany hatte sich damals nur zu gerne einlullen lassen vom Schatten; die Welt um sie herum schien ihr kalt und unverständlich, er bot ihr Rückhalt und ein offenes Ohr, zeigte ihr den Weg, wenn sie sich verloren glaubte.

Gemeinsam kehrten sie nun zur Lichtung zurück. An einen Ort, der so voller Ruhe, so stetig im Moment, so ohne jeden Sinn für Veränderungen einfach nur war und immer sein würde, sie mit offenen Armen empfing, auffing; ihr Schutzraum. Die Erkenntnis traf sie hart und Jany wurde gewahr, dass sie sicher undankbar gegenüber der Güte ihrer Lichtung, der Hilfe des Schattens war in ihrem Sehnen nach etwas anderem, etwas neuen, nach mehr… und doch, die Enttäuschung das Dunkel nicht vorgefunden zu haben, rann lautlos über ihre Wangen. Sitzend auf ihrem Felsen, umgeben von grün, versunken ins ‚sie sollte, sie müsste‘ fiel Janys Blick schließlich, auf das Gesicht in der Quelle. Reflektiert im Wasserspiegel mehr eine Aufforderung als ein Wunschtraum und da ihre Augen sich trafen, blühte in ihr abermals das Bild der Nacht auf; der klare Sternenhimmel und die Dunkelheit. Unter dem steten Gemurmels ihres Begleiters von Zurückhaltung und Vorsicht, beschloss Jany den Fluss aus Sand trotz allem erneut aufzusuchen.

Es konnte kein Trugbild gewesen sein, es durfte einfach nicht!

***

So lief Jany nun täglich zur Stelle der Dunkelheit zurück, ohne diese wiederzusehen und immer kam der Schatten, um sie zu trösten und vor weiterer Enttäuschung zu warnen. Er brachte sie stets zurück zur Lichtung, ihrem vormalst liebsten Platz, den sie nun Stück für Stück zu vergessen schien. Der Krach im Haus, der von Tag zu Tag lauter wurde in seiner Stille verlor sich genauso aus ihrem Gedächtnis, wie das gebrochene, brechende Fensterglas in ihrem Zimmer. Auch die Uhr, noch immer auf Abholung wartend, verblasste vor ihrer Suche nach der Nacht. Alles verlor für Jany an Bedeutung, die Stimme des Schattens aber wuchs mit jedem Fehlversuch. Seine sanften Worte gewannen an Biss, während er selbst allmählich Stück für Stück im Licht versank.

***

Die Zeit, so unmessbar, wie sie auch war, zog unaufhörlich ins Land. Veränderte für Jany alles und doch nichts.

Das Medaillon fest umklammert, stand sie nun zum wiederholten Male am Rand des Sandflusses und blickte hoffnungsvoll zur anderen Seite; noch immer Tag, wie immer Tag!

‚Geduld und Zuversicht‘ verband sie mit ihrem Medaillon, ob dies tatsächlich dessen Inschrift war, stand infrage, blieb für Jany unklar, bisher ungreifbar, wohl auf ewig außer Reichweite. Jedoch hatte sie die Bedeutung für sich festgelegt und sprach diese unablässig in sich hinein.

‚Geduld und Zuversicht‘

Der Schatten machte sich alsbald hinter ihr breit, sammelte Kraft im Halbschatten des Waldrandes, schien sich aufzubäumen, überdeckte sie fast bedrohlich und grollte im Hintergrund, wie der Himmel an Regentagen.

‚Geduld und Zuversicht‘

Unbeirrt blieb Jany stehen, trat einen weiteren Schritt an den Fluss. Es würde passieren.

‚Geduld und Zuversicht‘

Ein Wind kam auf, verwirbelte den Sandfluss, stieß sie bald um.

Jany schloss die Augen zum Schutz, kniff sie zusammen bis ein Knacken sie erschrak und ihr mit einem Male den Blick auf die so herbeigesehnte Dunkelheit freigegeben wurde.

Ihre Freude kaum fassen könnend, jauchzte Jany laut auf und lief noch näher heran, in die Sonne hinein, den nun verschwundenen Schatten nicht vermissend, nicht ahnend, dass der Sand sich ebenfalls langsam auf sie zubewegte und um ihre baren Füße kroch, die Waden empor; ein fester Griff im Entstehen.

***

Plötzlich ein Splittern.

Ein Bersten von Glas.

Ein Schrei durch den Wald.

Jany wusste ohne jeden Zweifel, dass es nur die Fenster in ihrem Zimmer gewesen sein konnten, die da so geräuschgewaltig zu Bruch gingen.

Sie vergaß die Nacht, entfloh dem Sand und eilte zurück zu ihrem Haus.

 

7

Brennende Vorhänge

Barfuß, mit geschlossenen Augen und ausgestreckten Armen rannte es sich schwieriger als erhofft. Jany stolperte unzählige Male, riss sich ihre Hände auf an rauen Stämmen, zerkratze die Haut unbedeckter Beine beim hastigen Streifen niedriger Sträucher. Doch trotz allem widerstand sie dem inneren Drängen die Augen zu öffnen. Denn sie war sich mehr als sicher, dass sie den Weg nie zurück finden würde, nicht ohne die Hilfe des Schattens, welcher verstummt war und verschwunden schien seitdem Jany die Dunkelheit wiedergefunden hatte. Wollte er ihr nur Raum geben – so fragte sie sich – oder hatte sie ihn letztendlich doch vertrieben? Fortgejagt, da sie ihn inzwischen oft zu ignorieren pflegte, da sie seine helfende Hand meist undankbar von sich wies, da sie sich in den Kopf gesetzt hatte ihren Träumen hinterherzujagen ohne Rücksicht auf Verluste?

Der plötzliche Zusammenstoß mit einem Nadelgewächs ließ Jany jeden Gedanken an Reue verdrängen; sie war am Feldrand angelangt. Gleich würde sie zu Hause sein, die Fensterscheibe abdichten, ihre Wunden versorgen, auf ihrem Bett zur Ruhe kommen und zum ersten Mal seit zu langer Zeit wieder ins Hausinnere lauschen.

***

Nur, sie war zu spät…

Die Sonne brannte inzwischen ungehalten durchs Zimmerfenster und Jany konnte nur noch unter Entsetzen dabei zu schauen, wie ein, spontan entzündendes, Feuer begann an ihren Vorhängen zu lecken bis diese lichterloh in Flammen standen. Den Blick nicht abwendend, verließ sie im Rückwärtsgang den Raum, sprang dann in zwei Sätzen auf geschwundenen Füßen die sechs Meter zum Bad, füllte einen verstaubten Putzeimer bis zum Rande mit Wasser und eilte zurück. Auf der Türschwelle kam sie schließlich abrupt zum Stehen; das Feuer erloschen, die Fenster blank, der Raum sonnendurchflutet und heiß.

Ihre spärliche Einrichtung schien unbeschädigt. Sie war wohl selbst für die Flammen zu trostlos, um diese zu schüren. Zur Sicherheit vergoss Jany trotzdem den gesamten Inhalt des Eimers über ihre wenigen Möbel. Schüttete das Wasser dabei in einem weiten Bogen, um weder den nun unbedeckten Fenstern zu nahe zukommen, noch das Parkett zu betreten, welches im gleißenden Licht des ewigen Tages allmählich jenem Sand zu gleichen begann, in den es Jany einst so überraschend gezogen hatte; am Waldrand, vor wenigen Tagen, vor Wochen, vor… letztens, damals.

Wieder ein Knacken, dann ein Knirschen, ein Splittern von Glas.

Ein Geröll von Geräuschen aus der unteren Etage drang an Janys Ohr, holte sie aus ihren Gedanken, ließ sie verdrängen, was sie nicht zu erinnern wusste.

Sie musste den Rest des Hauses sehen!

***

Während sie das Treppenhaus mit dem nun vom neuem befüllten Wassereimer trotz aller Eile langsam und vorsichtig hinabstieg, leuchteten ihr die Tierschädel aus hohlen Augen bedrohlich entgegen. Sie schienen mahnend und zugleich tief enttäuscht, wirkten ganz so als forderten sie Jany auf sich der verlorenen Zeit zu stellen, sich der vergessene Dinge zu entsinnen.

***

Auch im Wohnzimmer brannten die Gardinen mittlerweile lichterloh und ließen die Sonne unnachgiebig hinein; das Verschütten des Wassers ein Tropfen auf den sprichwörtlichen heißen Stein.

Die Fußböden wurden zu Sand, zu Sandseen, welche unaufhörlich, ungehalten wuchsen, anschwollen, auf sie zu rollten.

Jany blieb nur zu fliehen.

So rannte sie um das Haus herum und verkroch sich im Schatten des Rhododendron, um dem Ende ihres einzig bekannten Zuhauses zu bezeugen.

***

Was war nur geschehen? Hatte vielleicht ihre Nachlässigkeit all das ausgelöst? Hätte sie einen solchen Ausgang ahnen müssen? Hätte sie etwas tun können?

Erneut stieg Zweifel in ihr auf. Ihre Gedanken umkreisten sich, umsponnen sie ohne Lösung und bissen sich dabei selbst in den Schwanz.

Aber wie erstaunt war Jany dann, als die Flammen nicht, wie aller Erwartung nach wild um sich griffen und das Gebäude in Schutt und Asche legten, sondern, friedlich von Dannen zogen, wie nach vollbrachter Tat eines einzigen, zielgerichteten Auftrages.

Lediglich die Fenster lagen nun frei, waren ungeschützt, unfähig Schutz zu bieten und derer gab es im Haus viele, zu viele. Sie verblieben, wie offene Wunden und ließen ungehalten das Licht und die Hitze der Sonne hinein; uferlose, hungrige Sandseen bildeten sich im gesamten Haus und machten es so unbewohnbar für sie.

Was würde ihr nun übrig bleiben? Was könnte sie unternehmen? Müsste sie überhaupt etwas tun? Vielleicht war es sowieso Aufgabe ihrer Mitbewohner, so wie schließlich alles deren Aufgabe zu sein schien.

Ihre Mitbewohner?!

Waren sie überhaupt noch da? Jany hatte sie seit langem nicht gehört, auch die Weckrituale schienen ausgeblieben zu sein. Jetzt, da es ihr auffiel, konnte Jany kaum glauben, dass sie so unaufmerksam geworden war. Sie versank in Gedanken, lauschte in sich hinein und versuchte zu rekonstruieren, wie und wann sich die letzten Spuren vom Rest der Hausgemeinschaft bemerkbar gemacht hatten.

Ein Ruck, dann ein hörbares Klicken ließ sie aufblicken und verwundert zur Eingangstür zurückkehren, nur um diese verriegelt vor zu finden.

***

Auch nach der dritten Runde ums frühere, so verhasste und doch geliebte Haus hatte Jany keinen Zugang in dieses entdeckt. Hatte niemanden gefunden, der sie hereinlassen würde und wurde sich der mehr und mehr aufkommenden Müdigkeit bewusst, welche unnachgiebig an ihr zerrte. Sie wurde der Stunden gewahr, welche sie ohne Pause in der Sonne zugebracht hatte und dem Wissen, dass sie wohl nun zu allem Überfluss auch noch ohne Schlafplatz dastand.

Die Erkenntnis über die Gänze ihrer misslichen Lage fiel schwer auf Jany nieder. Denn im Gegensatz zu Nahrung und Wasser war Ruhe, war Schlaf ein absolutes Muss für sie. Der Drang überkam Jany ohne Spielraum für große Gegenwehr. Schließlich war sie ein Lebewesen: Zur Ruhe kommen, Muskelregeneration, Erlebtes verarbeiten, Verknüpfung und Anpassung des Nervensystems, Heilung von Wunden und Infektionen… all das gehörte dazu; gleich der Notwendigkeit Akkus wieder aufzuladen, sobald deren Leistung zu stottern beginnt. Ja, sie war Mensch, schien mehr Mensch als all die Personen, welche um sie herum zu existieren schienen. Sie fühlte die großen und kleinen Emotionen, sie spürte Schmerz, konnte bluten und oh wie sie bluten konnte.

Jany hockte sich wieder neben die Sträucher. Sie würde ausruhen und ihr Glück in ein paar Stunden erneut versuchen. Unbedacht strich sie sich übers linke Handgelenk, an welchem sonst ihre geliebte Uhr zu finden war.

Entsetzt sprang Jany wieder auf, schleppte sich in die Stadt, die Füße wund vom Asphalt der aufgeheizten Straße, die Haut gerötet und die Augen schmerzend vom Licht der Sonne.

Die Häuserreihe stand im Mief der Geruchsinseln, das Stadtgespräch hallte unverstanden in ihren Ohren, der kleine Laden aber war verschlossen und die Uhr nicht am Platz für abzuholende Dinge.

Was hatte sie nur getan? Der Schatten war im Recht gewesen, ihre Suche fanatisch, kindisch, bloß wilde Träumerei. Der Preis dafür zu hoch, sicher wurde sie bestraft, für ihr blindes Hinterherhaschen ohne Sinn und Verstand.

***

Jany brach erschöpft in der Quelle auf der Lichtung zusammen. Das kalte Wasser bat ihr Balsam, die Tiere schienen ihr zu Liebe den Atem anzuhalten und so fand sie in dieser ungewöhnlichen Stille ein wenig Ruhe, pausierte zumindest.

Nach einer Weile wälzte sich Jany aus dem Wasser, nutzte den kleinen Fels, der ihr sonst als Sitzplatz diente, zum Anlehnen. Das Gesicht in der Quelle würde sie aufrichten, ihr Hoffnung spenden, sie mild anlächeln und alles könnte gut werden am Ende.

Jedoch, die Quelle war leer, reflektierte nur verschwommen ein Gesicht, welches zu ihr selbst oder auch jedem anderen gehören mochte.

Heiße Tränen bahnten sich ihren Weg, tropften Jany über die Nasenspitze, verblieben auf ihren Lippen, liefen ihr vom Kinn. Janys Schluchzen hallte ungehört durch den schweigenden Wald, als der Schatten sich über sie legte.

„Ich hatte dich gewarnt. Bleib bei mir. Höre auf mich. Du brauchst weiter Nichts, wenn du mich hast.”

Unter dem steten, nun wieder, sehr sanften Gemurmel des Schattens schlief Jany schließlich ein.

Fortsetzung folgt

verloren auf dem Weg_Kap. 2_ 1 _

Katze4

Artikel 2

„Zwischen Brunft und Rausche Naturschauspiel und Achtsamkeit.“

Endlich war es wieder soweit.

Mit Begeisterung wurde auch diesmal an der Abstimmung zum Tier des kommenden Jahres teilgenommen – der Dachs (Meles meles).

Natürlich gibt es zahlreiche Dinge über dieses durchaus possierliche Tier zu berichten und jedermann kann sich ab heute an den entsprechenden Informationstafeln am Rathaus und innerhalb des städtischen Parks erfreuen.

Besonders hervorzuheben scheint der Dachsbau selbst, denn diese beachtliche Wohneinrichtung, ausgestattet mit Speisekammer, Kinderstube und  extra Schlafbereichen, lädt zuweilen auch andere Waldbewohner ein, welchen dann unter Erschaffung neuer Innenwände eine eigene Stube gewährt wird. Ganz auf nachbarschaftlichen Frieden bedacht, können dadurch Dachs, Fuchs und auch Brandgans eine friedliche Koexistenz führen.  

Dieser faszinierende Umgang mit Hausgästen stellt allerdings  ein Problem für ungebetene Gäste, wie beispielsweise dem Jagdhund, dar. Da diese unter Umständen eingeschlossen werden.    

Die Tagespresse möchte diese Gelegenheit nutzen, um erneut auf das richtige Wanderverhalten hinzuweisen. Wie den neuesten Einwohner unserer schönen Stadt vielleicht noch nicht in voller Gänze bewusst ist, gilt der den Stadtpark umschließende Wald als Naturschutzgebiet. Dementsprechend möchte sich der wackere Wanderfreund bitte an die vorgeschriebenen Wanderrouten halten und natürlich nichts dem Wald entnehmen oder darin zurücklassen! 

Abschließend möchte das Park- und Kulturkomitee an dieser Stelle nochmals Dank an die Mitglieder der Bezirksgruppe vom Naturschutzverband aussprechen für die sehr informative Veranstaltung und die Möglichkeit aus sicherer Entfernung dem Brunftverhalten unseres Rotwildes zu lauschen, denn auch in diesem Jahr wurde die gemeinsame Dämmerungswanderung durch den Eatricher Park reich besucht.

3.

„Mist… jedes Mal!“, Maria konnte über sich nur noch den Kopf schütteln, denn obgleich sie bereits vor Beginn ihrer Tätigkeit mehrfach durch die Räumlichkeiten des Haus Instenburg geführt wurde, fand sie sich nach wie vor kaum zurecht. „Was natürlich auch daran liegen könnte, dass das hier nem Labyrinth gleichkommt!“, zischte sie nicht minder irritiert.

Die Klinik, gepresst in eine Villa, Baujahr 1931 und noch im originalen gelben Backsteinkleid mit roten Klinkerumrandungen an Fenstern und Eingangspforte, so hatte man ihr mit nicht wenig Stolz berichtet, glich von außen immer noch viel eher dem Hotel, dass es ursprünglich gewesen war. Das Gebäude fügte sich mit den dazu gehörigen Parkanlagen, die eingezäunt hinterm Haus lagen und lediglich den Gästen zur Verfügung gestellt waren, problemlos in das Bild des Eatricher Stadtparks ein. Eine Privatstraße, welche entlang des Parkrandes den Zugang zum Gelände per Bring-Dienst ermöglichte, gab dem Haus Instenburg ein fast schon hochherrschaftliches Ambiente.

So recht wusste Maria nicht, weshalb sie gerade in dieser Einrichtung ihr praktisches Jahr absolvierte. Instenburg verfügte zwar über eine internistische Abteilung, war aber auf eine Klientel mit psychosomatischen Störungen und neuropsychologischen Erkrankungen spezialisiert. Obgleich eine Erweiterung des Hauses anstand, vermutlich für die Behandlung von Suchtkranken, zumindest nahm Maria dies an, bot die Klinik nicht unbedingt ideale Bedingungen für ihr berufliches Fortkommen. Auch entsprachen die gebotenen Aufgabenbereiche nicht ihrem momentanen Interessengebiet. Unglücklicherweise gab es derzeit keine offenen Stellen in rein neurologischen Abteilungen; das wurde ihr zumindest von verschiedener Seite wiederholt erklärt. Letztlich blieb Maria nichts anderes übrig als der Empfehlung, dem Wunsch ihres Vaters nachzugeben.

Die Diskussion um ihre berufliche Zukunft dauert bereits Jahre an und so wurde aus den Worten „Solange du unter meinem Dach lebst…“ mit der Zeit „Solange ich für dein Studium aufkomme…“ bis hin zu „Solange du offensichtlich keinen Schritt alleine gehen kannst…“  und Maria, steht’s dankbar für die Unterstützung ihrer Familie, nahm, wenn auch Zähneknirschend, die Stelle im frisch eröffneten Haus Instenburg unter der Leitung von Herrn Dr. med. Hinterseer, einem Studienkollegen ihres Vaters, dem sie selbst bisher nie begegnet war, an.

Die Führung durch die Klinik hatte sie am ersten Tag mit Hinterseers rechter Hand gemacht. Dr. Embrich, ein hagerer Mann undefinierbaren Alters, mit lichter werdendem, graumeliertem Haar, welcher ihr für einen Psychiater doch recht einsilbig erschien. Aber vielleicht rührte sowas auch vom vielen Zuhören her und ergab sich wenn man einen solchen Beruf lange genug ausübte. Ein Gedanke, den Maria zumindest für die Zeit ihrer Anstellung beiseite zu schieben gedachte, da dieser ihr fast schon Angst machte, wenn sie ehrlich war; zuhören, Verständnis aufbringen oder wenigstens so zu tun, lag ihr nicht einmal bedingt. Das hatte sie wohl einfach nie gelernt, griente sie in sich hinein und war erneut falsch abgebogen. Sich ständig in den eigenen Gedanken zu verlieren, führte sie noch immer wortwörtlich über Umwege und in Sackgassen.

Erneut musste Maria an Charlotte Lessner und den vorherigen, den verdammten vorherigen, Tag denken. So war sie zwar wieder einmal nicht ihrem neuen Chef, aber doch einigem Ärger begegnet und zu allem Überfluss erneut der Erkenntnis, dass es wohl keine gute Idee gewesen war gerade in dieser Einrichtung anzufangen. „Ich hätte es wissen müssen!“, erklärte sie dem Flur, „Das Gesinge, ihr merkwürdiges Verhalten, der abwesende Blick… verdammt!“, ein Luftzug ließ kurz verharren und unsicher um sich blicken. Da sie am Vortag ungehaltenes Räuspern aus den verbalisierten Selbstzweifeln gerissen hatte.

„Dr. Embrich, tut mir leid, der Nebel, ich, ähh…“, hatte sie zu stottern begonnen,  aber er unterbrach sie mit einer einzigen unwirschen Geste seiner großen, knöchrigen Hand.  „Frau Walder ich muss Ihnen sicherlich nicht erklären wie viel Wert unser Unternehmen auf Disziplin und Pünktlichkeit legt. Sie können sich glücklich schätzen eine Stelle bei uns bekommen zu haben, und die verdanken Sie weiß Gott sicherlich nicht Ihrem Können.“ Maria konnte darauf nur noch betreten zu Boden schauen. Ihr war bewusst, dass man früher oder später ihren Vater ins Spiel bringen würde, „…später wär mir lieber gewesen…“, murmelte sie gerade noch hörbar in sich hinein. Dr. Embrich schien dies zu ihrer Erleichterung nicht gehört zu haben. Maria wollte der Standpauke sie hätte ihre Anstellung sowie den Studienplatz vorher lediglich ihrem Stammbaum zu verdanken und würde ohne den Einfluss ihres ach so berühmten Vaters eh nie etwas zu Stande bringen, zuvorkommen und klarstellen, dass sie nur durch ihre eigenen Leistungen überzeugen könnte, würde man sie einfach machen lassen! Und so hatte sie ihre Schultern gestrafft, den Blick gehoben und ihrem Gegenüber fest in die Augen geblickt: „Dr. Embrich meine Verspätung tut mir leid aber bei diesem Nebel ist es ja kein Wunder wenn man sich verirrt. Ich kann Ihnen versichern, dass es nie wieder vorkommen wird. Außerdem wäre ich Ihnen dankbar wenn Sie meinen Vater aus dem Spiel lassen würden. Er wird mit meiner Arbeit hier nichts mehr zu tun haben!“

Auch jetzt noch spürte Maria wie ihr beim bloßen Erinnern eine leichte Röte über die Wangen kroch, doch sie hatte seinem Blick standgehalten, was sie noch immer mit Stolz erfüllte. Er hatte Maria dann aufmerksam gemusterte, so als wollte er versuchen in ihr Innerstes zu blicken, eine Erinnerung, welche wiederum ganz andere Rottöne in Marias Gesicht hinterließ.

Sich ein weiteres Mal absichernd, dass sie diesmal niemand beim Selbstgespräche führen gehört hatte, machte Maria entnervt auf dem Absatz kehrt, um sich erneut zielstrebig ohne Orientierungssinn in den nächsten Gang und durch eine weiße Flügeltür zu stürzen; das Schild „Betreten verboten!“ war ihr entgangen.

Noch bevor Maria sich der Tatsache, dass dieser Gang einige signifikante Unterschiede zum Rest der Klinik aufwies, vollkommen bewusst werden konnte, blieb sie wie angewurzelt vor einem Gemälde stehen. Das Portrait eines jüngeren Mädchens… eines Mädchens, was gerade erst in die Pubertät zu kommen schien… eines Mädchens, was jeden, der es anblickte, direkt in die Augen sah… eines Mädchens, welches schüchtern, vielleicht sogar unsicher, lächelte… eines Mädchens, „was aussieht, wie ich!“

Fortsetzung folgt