Auf Umwegen_Kapitel 1

Auf Umwegen

Prolog

Es sollte zwar kein milder Tag werden, doch mit der fast stehenden, schwülen Luft hatte auch niemand im Ort gerechnet.
Seit Tagen war es nun drückend heiß gewesen, obgleich Regen angekündigt war. Doch diese windfreie Schwere, dieser fast schmeckbare Schleier, dieser feuchte Film auf allen Oberflächen zeugte nun endlich von einem nahenden Wetterumschwung.
Natürlich waren die Leute des Dorfes glücklich darüber, ja ersehnten den so dringend notwendigen Regen. Wussten um die betrüblich geneigten Köpfe der hochgeschätzten Blumen, um die fast welke Ernte, um die durstigen Tiere, die verbrannte Haut. Und doch heute… Heute erschien der denkbar ungünstigste Zeitpunkt für dieses so nötige Gewitter; heute fand doch die große Hochzeit des Bürgermeisters statt. Eine Feierlichkeit für Sonnenschein und Vogelgezwitscher nicht für Unbestimmtheit und Unwetter!
Seit Monaten geplant und keine einfache Verbindung zweier Liebender, sondern ein spektakuläres Stadtfest sollte es werden. Nicht nur die Nachbarn, nein die Menschen des gesamten Landkreises waren eingeladen. Jedermann im Sonntagsanzug, in geputzter Kleidung, im besten Abendkleid, im feinsten Zwirn und mit dem breitesten Grinsen im Gesicht. Das Glockenspiel ertönte, kündigte den Auftritt des Paares an und so auch den Beginn der Feierlichkeiten. Voller Spannung und Anspannung sammelten sich die Gäste nun vor den Toren des Rathauses. Jedoch mit dem Blick nicht so sehr auf das Brautpaar als vielmehr gen Himmel gerichtet, welcher sich mit einem Male bedrohlich abgedunkelt hatte.
Donner durchriss die Stille des Tages und das abwartende Schweigen der Leute. Gefolgt vom kurzen Aufschrei der gerade aus dem Schutz des Hauses getretenen Braut begann wie auf Knopfdruck der Regen. Das Wasser stürzte in dicken Tropfen auf die frisch Vermählte hernieder, durchweichte das so sorgsam ausgesuchte Kleid in wenigen Augenblicken und ergoss sich in Fluten über die Stadt, deren Bewohner und Besucher. Aufgescheuchten Hühnern gleich drängten die Hochzeitsgäste in alle Richtungen und suchten verzweifelt nach Schutz. Sie drückten sich ins freistehende Rathaus bis kein Platz mehr blieb, kauerten unter Bänken, umklammerten die umstehenden großen Buchen und rannten zum naheliegenden Parkplatz.

Ein wahres Spektakel also, ein Zirkus, ein bunter Haufen, ein…

Dem jungen Mädchen, welches auf der Hohe saß und das Schauspiel fasziniert beobachtete, gingen die Vergleiche aus. Ihr war es nur zu Recht, dass, wenn schon nicht die Hochzeit selbst, dann doch zumindest das lächerliche Fest danach buchstäblich ins Wasser gefallen war.
Wie konnte ihr Vater nur wieder heiraten? So kurz nachdem…? Wie konnte ihre Mutter dem Theater beiwohnen? Wie nur konnte es beiden so egal sein, dass sie, dass ihre einzige Tochter nicht dabei war? Wie…?

Ein Aufschlag im Hausflur ließ Luise aufschrecken, ließ sie ihre liebste Spielfigur an sich drücken. Das Geschrei im Haus kam näher; Vater und Mutter mussten wohl inzwischen direkt vor ihrer Zimmertür stehen. Wieder ging irgendetwas zu Bruch, erneut polterte etwas anderes die Stufen herunter. Luises schwarze Lockenpracht schüttelt sich mit ihr, als sie mehr und mehr ins Zittern geriet und versuchte sich immer kleiner zu machen. Die Spielfiguren – so sorgsam aufgebaut – lagen längst verstreut um das kleine Mädchen herum und wurden mit jedem lauten Wort vom Hausflur, mit jedem neuen Knall immer feuchter durch dessen Tränen.
Plötzlich das Zuschlagen der Haustür, dann Stille.
Die Tür zu Luises Kinderzimmer öffnete sich langsam und vorsichtig. Beinahe lautlos, wäre da das Quietschen der Klinke nicht gewesen. Eine Hand legte sich sanft auf ihren Rücken, eine andere strich ihr durchs Haar. Minuten vergingen ohne ein Wort, gefüllt nur mit den wimmernden Atemzügen des Kindes.

„Vergiss nicht die Spielsachen wegzuräumen ehe du zu Bett gehst.“, mahnte ihre Mutter schließlich mit leiser Stimme bevor sie aufstand und Luise allein im Zimmer zurückließ. Diese presste die Lippen zusammen und unterdrückte das Schluchzen, denn sie lauschte nun aufmerksam in den Hausflur hinein. Hörte leiser werdende Schritte, gefolgt von einem kurzen Aufschrei, danach ein gezischter Fluch und schließlich erneut das Zuschlagen der Eingangstür.
Im Haus herrschte nun Ruhe, auch das Gewitter über ihrer Spielstadt war vorübergezogen; der Empfang könnte endlich weitergehen…

Die liebste Spielfigur noch immer umklammert, begann Luise langsam und mit Bedacht das Fest aufzulösen, die Stadt abzureißen und mit dem Ärmel ihres tiefblauen Kleides ihr Gesicht abzutrocknen. Ein einzelner Tropfen hing ihr für einen Moment noch am spitzen Kinn bevor dieser auf das kleine Mädchen in ihren Händen tropfte und deren Kleid benetzte – regengleich.

Kapitel 1

-I-

Ein Grollen zerriss die Stille des Waldes und rollte für einige Augenblicke im finsteren Himmel umher. Die wenige Tiere, die sich nach Abklingen des Gewitters schon aus ihren nächtlichen Ruhestätten hervorgewagt hatten, zogen jetzt verunsichert ihre Nase zurück oder schoben den Kopf ins Gefieder und warteten von Neuem auf die ersten Sonnenstrahlen und das Aufreißen der dichten Wolkendecke.

Auch die kleine schwarz-weiße Katze kauerte mit gesträubtem Fell und angelegten Ohren im Geäst; der Blick gebannt, die Muskeln angespannt, die Krallen im Waldboden versenkt. Der plötzliche Starkregen hatte das Kätzchen ebenso überraschend getroffen, wie der Anblick des einzigen Zweibeiners, welcher sich nun in ihr Blickfeld geschoben hatte.
Selbstverständlich erkannte sie die junge Frau sofort, so wie sie jeden Einwohner des kleinen Dörfchens kannte. Eatrich war weder groß noch unüberschaubar. Zudem rühmte sich der Ort mit einem engen Gemeinschaftskreis und damit, dass es sich diesem am Besten und Sichersten lebt.
Somit waren neue Nachbarn zwar immer willkommen geheißen, aber nicht notwendiger wirklich erwünscht. Nein, erst mal hieß es für Zugezogene sich zu beweisen, zu zeigen, dass sie ins Stadtgefüge passten, dass sie sich einbrachten.
Die junge Frau im dunkelblauen Samtmantel, welche mittlerweile am Wegesrand hockte, war so ein neuer Nachbar. Sie war vor gut sechs Monaten gemeinsam mit der Eröffnung der neuen Kurklinik, dem Haus Instenburg, erstmals im Stadtwald aufgetaucht und im Gegensatz zu all den anderen Kurgästen und Patienten in Eatrich verblieben. Nach anfänglicher Verunsicherung war Charlotte Lessner letztlich allerdings recht schnell im Kreise der Nachbarschaft akzeptiert wurden, obgleich einige Dorfbewohner sie nach wie vor sehr aufmerksam beäugten. Es schickte sich aber Charlotte, als Tochter des hochangesehenen Klinikleiters Dr. Hinterseer ausgesprochen höflich und mit gebührendem Respekt zu behandeln und auch Nachsehen zu haben, wenn diese sich nicht immer in alle Stadtgepflogenheiten gleich einzufügen wusste.

Ja, das kleine Kätzchen kannte Charlotte und deren Gewohnheiten gut und so war sie doch ein wenig verwundert auf diese zu so früher Stunde und bei einem solchen Wetter im Stadtwald zu treffen.  Denn normalerweise kreuzten sich ihre Wege erst sobald das Kätzchen für ihre Morgenrunde Eatrich selbst hinter sich ließ, um  das Stadtwald-Dickicht im Norden zu Durchstreifen. Sie gönnte sich danach stets einen kurzen Moment Ruhe auf dem Gelände der Klinik, welches sich inmitten des Waldes befand. Auch der Stadtpark, der die Brücke zwischen Eatrich und der Kurklinik darstellte, wurde vom Wald umschlossen. Denn dieser galt seit einigen Jahren als Naturschutzgebiet und entsprechend nicht mehr bewirtschaftet, was für die kleine Katze und alle anderen Tiere natürlich interessanter war, doch für die Einwohner und Kurgäste eher ein Dorn im Auge beziehungsweise ein Stein im Schuh. Obgleich der eine offizielle Wanderweg durch den Wald Raum für Tourismus bot, bevorzugten diese gepflegtere Wege und Blumenrabatten. Also hatte die Gemeinde den Stadtpark erhalten. Letztlich zog es auch die Katze meist über die kultivierten Wege des Stadtparks gen Süden zurück und schließlich ostwärts wieder in die Stadt. Ja, die Stadt, die doch mehr ein Dorf war, aber in den Augen der Bewohner im Grunde fast schon eine Metropole, da der Mittelpunkt des Lebens eines Jedem im Orte; inklusive der kleinen schwarz-weißen Katze. Welche nun, wenn auch noch ein wenig betrübt um der sicherlich verlorenen Streicheleinheiten, derer sie sonst von Charlottes sanften, wenn auch stets kalten Händen tagtäglich zuteilwurde, blickte nun gespannt auf die Geschehnisse vor sich.

Die junge Frau schien tief in Gedanken versunken, denn die dicken Regentropfen, die vom Wind getragen aus dem Blätterdach rannen, nahm sie scheinbar nicht wahr. Obgleich diese Charlottes Mantel durchdrangen, sich in der hochgeklappten Krempe des roten Hutes sammelten und sich nun vereinzelten einen Weg über ihr Gesicht suchten. Die hohe Stirn herab krochen, längs der Augen zur spitzen Nasen flossen, um dann an dieser kurz zu verweilen, ehe sie zum Erdboden fielen. Unberührt davon blickte Charlotte starr auf den aufgeweichten Waldboden vor sich, als würde sie nach etwas suchen oder auf etwas warten. Mit einem Mal erlosch ihre Erstarrung, sie griff vor sich und strich sanft über die nasse Erde. Dort ließ sie ihre Finger kurz ruhen, bevor sie sich letztendlich erhob und nun wie unter Zeitnot durch den Wald in Richtung Kurklinik lief.

Die schwarz-weiß befellte Katze, welche nahe genug, jedoch gut versteckt, gesessen hatte, um dem gesamten Schauspiel unbemerkt beizuwohnen, machte sich ebenfalls erneut auf den Weg, lief aber in die Gegenrichtung und somit zurück in die Ortschaft und dem Abschluss ihrer frühzeitlichen Tagesroutine entgegen.

***

Die Luft hing verständlicherweise auch über Eatrich selbst noch immer regenschwer und verdunkelte so nicht nur die Morgenstunden, sondern auch die morgendliche Stimmung.
Die Dorfbewohner, welche sich selbst dafür priesen in Gänze nicht lediglich Frühaufsteher zu sein, sondern tüchtig und gutgelaunt zu jeder erdenklichen Zeit, rafften sich an diesem Sommertag nur schwerfällig auf, drehten sich in Teilen nochmal um, überlegten sogar den Morgen ganz sich selbst zu überlassen und nicht in aller Frühe zu ihren Ständen, Büros und Feldern aufzubrechen. Doch nur unmerklichen länger als sonst dauerte es bis die ersten Jalousien hochgerollt, die ersten Fensterläden aufgestoßen wurden. Die kleine Katze schmunzelte in sich hinein – ganz so wie es nur feline können. Denn ihr war, als hörte sie das allgemeine Aufstöhnen der gesamten Nachbarschaft, welche sich schließlich, aber nur unter nicht ganz so stillem Protest dem heutigen Tagesbeginn ergab.
Jeden Augenblick würde das geschäftige Treiben beginnen und das Kätzchen, welches es sich mittlerweile auf einer der Marktplatzbänke gemütlich gemacht hatte, um sich trocken zu putzen wohl fürs Erste vertreiben. Dass nämlich an diesem Tage die richtige Grundstimmung herrschte, die ihr sonst ein paar Leckereien der Marktbetreiber einbrachte, stand noch in Frage. Denn auch ihr Gemüt war von Schwere erfüllt gleich ihrem noch immer feuchten Felles.

Wie jeden Tag hatte sie bereits ihre Großrunde gedreht ehe sie zum Marktplatz und damit zum Zentrum Eatrichs gelangt war. Denn bevor das Kätzchen sich gelegentliche Zwischenmahlzeiten gepaart mit dem Kraulen unterm Kinn gönnen konnte, musste sichergestellt sein, dass es in ihrem Revier keine ungebetenen Gäste gab und dass dieses nach wie vor ausreichend markiert war.
Dafür verließ diese ihre Nachtstätte üblicherweise in südwestlicher Richtung und umrundete den Marktplatz, dem städtischen Kreisverkehr folgend. Sie lief vorbei an Einfamilienhäusern, kleinen Geschäften und großen Vereinsgebäuden, denn für die Jüngeren gab es Spiel- und Sportlätze, so mussten die Älteren auch ihre Räumlichkeiten haben – im Südwesten ein Klub für die Herren und im Südosten einer für die Damen des Ortes. Sie verweilte auch stets für einige Augenblicke nahe dem Stadttor am südlichsten Punkt des Ortes, den Willkommensgruß desselbigen dabei stets im Nacken: „Willkommen in Eatrich, hier bin ich Mensch, hier fühl ich mich wohl!“. Nur damit sie ihren Blick entlang der Bundesstraße schweifen lassen konnte. Schließlich zog es die Katze dann immer über den Nordwesten Eatrichs, durch noch mehr Wohnsiedlungen, rund ums Polizeirevier und der Feuerwache und letztlich entlang des Friedhofs in den Stadtwald.
In welchem sie heute zu ihrem Unmut vom kurzlebigen, aber nicht minder heftigen Gewitter überrascht wurden war.
Der kleinen Katze war das vorherrschende Kreisverkehr- und Einbahnstraßensystem, für welches Eatrich auch über Landkreisgrenzen hinaus berühmt berüchtigt war, nur allzu recht. Die Verkehrs- und Laufwege der Dorfbewohner und deren Vierbeiner waren innerhalb des Ortes starr gesetzt, und so bestand für das Kätzchen nie die Problematik, dass irgendwer oder irgendwas sich frei in ihrem Wirkungskreis bewegte. Es gab lediglich diese eine Zufahrtsstraße am Südpunkt und nur den einen wenig frequentierten Bahnhof im Nordosten, welcher mittlerweile beinahe ausschließlich von den Kurgästen genutzt wurde und der am äußersten Rand des Stadtwaldes lag. Alles war also in sich geschlossen, stark strukturiert und konzentrisch angelegt. Dieser Aufbau und dessen gewollte Abgeschlossenheit entsprachen sowohl der ökonomischen Unabhängigkeit der Stadtwirtschaft als auch dem Zusammengehörigkeitsbedürfnis der Einwohnerschaft.
Veränderung im Stadtbild wie in der Gemeinschaftsstruktur wurden nur schwer ertragen und bedurften stets einer Nachbarschaftsentscheidung.

Wie befürchtet war die allgemeine Morgenstimmung am Marktplatz tatsächlich gedämpft und die kleine schwarz-weiß befellte Katze trabte mit hängendem Schwanz zu Frauchens Haustür zurück.

Die Morgen-Ausgabe der Tagespresse lag bereits aus und bot dem geneigten Leser eine Auswahl an regionalen und als weilen überregionalen Nachrichten, örtlichen Anzeigen, Erfahrungsberichten und geplanten Veranstaltungen, Zusammenfassungen der Stadtversammlungen, Geburtstagsgrüße und Partezettel, zuweilen Reportagen und dem Kätzchen vor allem eines ihrer bevorzugten Sitzplätze.

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„das Unglück der Clara W.”

Ein leichter Windzug durchfuhr das dichte Buchen-Blätterdach, mehr hörbar als spürbar. Denn selbst im Stadtwald war inzwischen die sommerliche Hitze dieser Julitage angekommen und drum hing die Luft schwer und trocken im Geäst. Sicherlich wäre es kühler, ginge man tiefer in den Wald hinein. Würde man sich trauen, sich durch dessen tageszeitunabhängige Dunkelheit schlagen und nicht, wie es nun mal verlangt wird, dem offiziellen Wanderweg folgen. Ein Waldweg breit genug, um diesen bequem auch in Gesellschaft zu gehen. Eine Wegstrecke gesäumt von kleinen Sträuchern, Grasbüscheln, Kräutern und verschiedensten Blumen, die dankbar für das Sonnenlicht farbenprächtig und artenreich zur Geltung kamen. Die miteinander, nebeneinander, übereinander um die sattesten Lichtquellen, den gehaltvollsten Boden konkurrierten. Ein Weg so voller Leben, aber getaucht in solch eine Wärme, dass sie einen jeden Wanderer neidvoll auf die Tiefe, die Kühle, das Dunkel abseits der genehmigten Strecke blicken ließ und so manch Bereitwilligen anlockte, ja zu sich zu ziehen vermochte.

Nicht aber Clara.

Nach einem letzten träumerischen Blick ins Innere des Waldes setze diese ihren Ausflug nach Eatrich fort; umgeben von Grün, von Vogelgezwitscher, von Aroma-geschwängerter Luft.
Natürlich war es ein unnötiger Umweg gewesen einen Bogen aus dem Stadtpark heraus und durch den allesumgebenden Buchenwald zu schlagen. Doch die Neugier, die beinahe unberührte Schönheit dieses so urtümlichen Waldes, dieses Naturschutzgebietes, welche doch bedauerlicherweise in heutiger Zeit allzu selten waren, mit eigenen Augen, mit offenen Sinnen zu erleben, hatte Clara den doch recht abenteuerlichen Abstecher wagen lassen.
Nie lag es sonst in ihrer Natur solchen spontanen Einfälle nachzugeben, sich von ihnen ablenken zu lassen; ihr ganzes Auftreten brachte dies zu Geltung. Und ihre Kleidung somit Abbild der Verlässlichkeit, der Beständigkeit, der Unscheinbarkeit. So schnell zu übersehen, so herausstechend in diesem satten Grün des Dickichts. Die weiße Bluse, der über-knielange, beige Rock, die farblich passenden Sandalen.
Clara war mehr als unpassend für diesen Spaziergang gekleidet und das wusste sie. Schließlich wollte sie ja eigentlich den bestmöglichen Eindruck beim Eatricher Bürgermeister hinterlassen und doch, und doch…

Die neue Anstellung in der Kindertagesstätte, die neue Wohnung in der Nord-West-Siedlung des Ortes, die vielen neuen Möglichkeiten, die sicher auf sie warten würden, erweckten in ihr den Wunsch ausgefallener, lockerer zu werden. So richtete Clara sich in ihrer ganzen Durchschnittshöhe auf und begann sich nun doch etwas herzurichten:
Den Schweiß von ihrer glatten Stirn wischend, der ihr zartes Makeup in Gefahr brachte und dicken Tropfen auf der großrahmigen Brille hinterließ, eine lose Strähne des langen, aschblonden Haars zurück in den Dutt steckend, die schmale Aktentasche aus braunem Leder erneut geschultert, ein betroffenes in Augenschein nehmen der nun doch von Erde verschmutzten Schuhe und Clara ging innerlich erstarkt voran.
Sie wollte sich so bald wie möglich neu einkleiden, ganz im Sinne ihres Neuanfanges und nach Maßgabe ihres nagelneuen Bandelia-Halstuchs, welches innen tiefrot und außen mit einem Muster aus Sonnenblumen und Efeuranken bedruckt war. Sie würde zufrieden sein mit ihrem Leben, würde Fröhlichkeit nicht lediglich symbolisch auf der Kleidung nach außen tragen, sondern tief in ihrem Herzen verankern.

Es war eine Genugtuung endlich angekommen zu sein.
Es war eine Freude in dieser Gemeinschaft ein Zuhause zu finden.
Es war ein Glück, dass sie auf die richtigen Leute getroffen war.

Es war ein Unglück, welches Clara W. (34.) an diesem Juli – Tage aus dem Leben gerissen hatte.

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Elke Unmut kam nicht umhin den Artikel wiederholt zu lesen, zu sehr war sie mit Stolz erfüllt endlich ein volles Mitglied der Tagespresse zu sein, endlich die Gelegenheit zu bekommen nicht nur das Lektorat auszufüllen, sondern eine Journalistin zu sein und echte Beiträge zu schreiben. Berichte über wirklich Wichtiges und nicht bloß solch brühwarmes Gewäsch zu verbreiten, welches normalerweise die Eatricher Tageszeitung füllte.

Ein Leichenfund kam ihr da gerade entgegen…

Sich bewusst, dass sie ihre – rein professionelle – Begeisterung zügeln musste bevor sie ihrer liebsten Freundin unter die Nase trat, schulte Elke ihre Miene und pflasterte ihr rundliches Gesicht mit einem milden Lächeln. Kurz tätschelte sie noch Tilli‘s Köpfchen, denn schließlich hatte die kleine schwarz-weiße Katze an diesem Tage die Zeitung nicht mit Kratzspuren verseht und das gehörte belohnt, ehe sie schließlich, wie beinahe täglich, das Blatt ins Hausinnere brachte.

***

Ohne dass sie auf Ruby getroffen war, welche sicherlich eine helfende Hand oder zwei bei der Frühspeisung der Bewohner der Residenz zum Frieden, dem örtlichen Altersruhesitz, aushalf, machte sich Elke, doch ein wenig enttäuscht nun nicht mit ihrem großen Einstieg ins Presseleben glänzen zu können, zügig auf den Weg zum Stadtwald. Sie wollte dringend weitere Impressionen vom Fundort gewinnen, wollte ein Gefühl für die Stimmung entwickeln und ihren Beitrag über das plötzliche Ende eines noch recht jungen Lebens auf eine ganze Reportage auswalzen; natürlich mit dem nötigen Respekt. Elke wollte nämlich nicht riskieren, dass Ruby ihr später vorwerfen könnte, sie mache all das nur aus Eigennutz.
Dachte sie an Ruberta Löhn, welche ein Jeder nur als Ruby kannte, entsann Elke sich immer auch gleichzeitig ihrer inzwischen verstorbenen Mutter, welche bis zuletzt in der Residenz gelebt hatte und durch deren Kontakte Elke vor gut sechs Monaten mit Ruby bekannt gemacht wurde. Sechs Monate, eigentlich fast schon unheimlich, wie sehr Elke inzwischen an ihr hing. Und wie sie geschafft hatte, dass Ruby sie mehr als nur duldete, war für Elke, die nicht gerade dafür bekannt war besonders einfach im Umgang zu sein, bis heute ein Rätsel. Wenn sie ehrlich war, rechnete sie beinahe täglich damit, dass Ruby, dieses absolute Seelchen von Mensch, wieder zu Verstand kommen würde und den Fehler sich Elke zur Freundin zu machen, erkannte. Doch ganz gleich, was noch kam, sie würde ihr auf ewig zu Dank verpflichtet sein, sich nicht nur ihrer, nicht minder schwierigen Mutter angenommen zu haben, sondern direkt auch Elke in ihr Herz zu schließen und dieser seit dem Tod der Mutter mehr als nur den so bitter nötigen Beistand zu leisten. Ja, dieses zierliche Ding, welches stets in übergroßer, knallbunter Kleidung versank und dass sich hinter Elke verstecken konnte, würde ihre Persönlichkeit sie nicht geradezu in den Himmel heben, war durch und durch eine gute Seele. Immer mit einem ehrlichen, einem weisen Lächeln auf den dünnen Lippen und neugierigen, wachen Augen, die eines Ozeans gleich ständig die Farbe zu wechseln schienen und in denen Elke zuweilen nach Abtauchen zu Mute war.

Ruby lebte mittlerweile zwar nicht mehr auf dem Gelände der Residenz, aber nur unweit davon entfernt in einem extra für sie bereitgestellten kleinen Häuschen. Denn obgleich der Tod ihres Mannes, mit welchem Ruby bis zu dessen, viel zu frühen, Ableben in der Residenz gewohnt hatte nun bald ein Jahr her sein dürfte, unterstützte sie das Personal weiterhin jeden Tag, leistete den älteres Herrschaften Gesellschaft und verbreitete stets eine ruhige, eine respektvolle, ja, eine liebevolle Stimmung. Elke beneidete sie manchmal ein wenig, dass sie Tag ein Tag aus zu solch einem Lebensmut fähig zu sein schien und so viel Energie für sich und alle anderen bereitzustellen. Jedoch mehr noch war Elke dankbar. Denn in Ruby hatte sie endlich den lang ersehnten Sozialkontakt in dieser so eingeigelten Gemeinschaft gefunden. Nicht nur das sie beide mit ihren Anfang 40 fast gleichaltrig waren und somit trotzdem fast noch zur Stadtjugend gehörten, zumindest laut den Damen des örtlichen Frauenvereines. Sie kamen beide von Außerhalb, obgleich Elke eigentlich bloß eine Rückkehrerin war, und hatten deshalb entsprechende Startschwierigkeiten mit den lieben Nachbarn gehabt. Nein, sie teilten auch gemeinsame Interessen und machten sich für einander stark.
Nur aufgrund Ruby‘s guter Zurede hatte Elke es überhaupt erst gewagt die alte Anstellung als Sekretärin auf der Polizeiwache gegen die Vollzeitanstellung bei der Zeitung einzutauschen. Und nur durch sie hatte Elke die Idee zu dem etwas anderen Partezettel zum plötzlichen Tod von Clara Wiltau erhalten und den Mut in ihrem ersten offiziellen Artikel mehr als nur eine einfache Todesanzeige zu schreiben.

Ja, Clara‘s Geschichte versprach mehr.
Mehr als dass Ruby bedrückt gewesen war, da sie Clara, nun nicht kennenlernen würde, nicht mehr konnte.
Nein, Elke wunderte sich vielmehr darüber, dass die Verantwortlichen des Rathauses Clara‘s recht spontanen Zuzug nach Eatrich scheinbar ohne Rückfragen abgenickt hatten. Dass Clara, von der praktisch nichts bekannt war, offenbar schon fest im Stadtbetrieb eingeplant gewesen war und dass sie in wenigen Tagen auf der Stadtversammlung feierlich begrüßt werden sollte.
Ja, Elke war aus diesem Grunde hellhörig geworden. Denn es war mehr als nur ungewöhnlich den Zuzug neuer Stadtbewohner so zügig und ohne vorherige Abstimmung des Gemeinderates zu bewilligen, ganz zu schweigen davon ihnen sofort eine Anstellung zu geben und einen Wohnbereich zu schaffen; es war bisher ungesehen. Nicht, dass Elke ihr das nicht gegönnt hätte, nur wusste sie, dass all diese Formalitäten normalerweise mehr Wartezeit in Anspruch nahmen. Ganz besonders da Clara keine einfache Frau war, die es ganz zufällig nach Eatrich gezogen hatte… Clara Wiltau war ein ehemaliger Kurgast und am Tag ihres Todes direkt aus dem Haus Instenburg gekommen, um einen Neubeginn in dieser ach so dörflichen Stadt zu wagen.
Bestimmt war sie eine nette Frau gewesen. Sicherlich hätte sie wunderbar in Eatrich‘s feine Nachbarschaft gepasst. Doch ohne jeden Zweifel, stachen die genauen Umstände unter denen sie so schnell und mit so offenen Armen in diese sonst so verschlossene Gemeinschaft integriert werden sollte, heraus und erschienen eher unklar; zumindest für Elkes ganz urteilsfreie Meinung.
Deshalb war es für Elke mehr als Wert all diesem nachzugehen.

Und so ergab es sich, dass Elke, unter dem vom Gewitter noch stark verhangenen Himmel, nun Pläne für ihre erste große Reportage entwickelte, während sie leichtfüßig im Geiste und schweren Schrittes dem Stadtwald entgegensteuerte.
Ein Rundumblick über Clara‘s Leben sollte es werden oder zumindest ein angemessener Einblick.
Der Bericht sollte Licht auf das Leben dieser bestimmt so teuren neuen Nachbarin werfen, welche auf so tragische Weise verunfallt war und damit zu früh aus ihrem Leben gerissen; das wenigstens hatte Elke Ruby und den Kollegen vom Blatt erzählt.

***

Die genaue Leichenfundstelle war den Bewohner Eatrich‘s aus Respekt vor dem Vorfall fürs Erste vorenthalten wurden. Ebenfalls war der unglückliche Finder angehalten sich nur den Zuständigen Personen mitzuteilen, um das Verbreiten von Gerüchten oder Schauergeschichten zu unterbinden. Auch war der Waldweg aus Sicherheitsgründen abgesperrt worden und das unbeaufsichtigte Bewandern dieses entsprechend untersagt.
Elke aber – findig wie sie eben war – kannte den Fundort und sah sich auf Grundlage ihrer Pressezugehörigkeit und den Kontakten, die sie noch immer zur Wache pflegte im genehmigten Rahmen diesen näher zu untersuchen und so lief sie nun schnurstracks darauf zu.

Ja, man hatte es nicht weiter verbreitet, wo genau Clara Wiltau ihr Leben ließ.
Ja, man hatte den öffentlichen Zugang zum Wald verwehrt, seit dem Tag des Leichenfundes.
Ja, es schien deutlich ein Unfall gewesen zu sein.
Ja, es gab für die Polizei keinerlei Gründe, dem näher nachzugehen.
Ja…

Wenn all dem tatsächlich so war, wieso lag nun aber eine einzelne Blume, wie sanft auf die satt grünen Grasbüschel gebettet, am Wegesrand?

Ja, wieso lag dort eine weiße Lilie?

***

In den frühen Mittagsstunden hatte die Sommersonne endlich den Kampf gegen die dichte Wolkendecke für sich entschieden. Und mir ihr kam nicht nur eine wohlige Wärme auf, auch erstrahlten die Gemüter von Eatrich’s Einwohnerschaft. Es wurde geplaudert und gelacht, Waren angepriesen und verkauft, sich herzlich gegenseitig auf die Schulter geklopft, ganz so als hätte man sich zu lange nicht gesehen, als wäre die Zeit im Regen, im Gewittertumult schier endlos gewesen und nicht lediglich ein paar morgendliche Stunden.

Das kleine schwarz-weiße Kätzchen, welches dem regen Treiben auf dem Marktplatz gebannt folgte, wunderte sich nur kurz über diese allgemeine Festtagsstimmung im Angesicht der Julisonne, die sicher bald wieder verflucht und fortgewünscht werden würde, denn was anderes erwartete sie eigentlich nicht mehr von der Dorfgemeinde. Tilli wandte schließlich ihren aufmerksamen Blick stattdessen dem Blumenverkaufsstand zu, von dem aus sich gerade Gebrummel und Getuschel bemerkbar machte. Keine einfache Gesprächsrunde, kein bloßes Austauschen von Informationen, vielmehr aufgeladene Worte, zum Haare sträuben, fast giftig schon:

„Hast du Heidrun vorhin gesehen? Da hat die doch ne einzelne rosa Lilie geschenkt bekommen.”

„Ja, aber Meike vom Stand wollte natürlich nicht verraten von wem… Tse, als wär sowas ein Betriebsgeheimnis. ”

„Hat Heidrun die sich nicht vielleicht einfach selbst geschenkt? Bei all dem, was grad los ist… armes Ding.”

„Hm, die Kinder sollen angeblich gerade beim Vater sein. Diesmal ganz offiziell.”

„Ja, ja, sicher ein Sorgerechtsstreit inzwischen, nach dem Chaos, das die Buben letzten Winter verursacht haben.”

„Letzten Winter? Die waren doch schon immer völlig verzogen!“

„Ob die nun nen Neuen hat? Seht doch mal, wie die sich jetzt kleidet! In dem Alter…  und sie ist doch gerade mal seit nem Jahr vom Hartmut getrennt!”

Die Frauengruppe schwieg sich nun aus. Denn allen dachten zurück an den Ärger, den Heidrun‘s Kinder ausgelöst hatten. An die Sorgen, die deren Mutter und alle Nachbarn deswegen hatten ausstehen müssen. Aber auch an den Umstand, dass Verdächtigungen, dass Anschuldigungen nicht ausgeblieben waren und nicht ohne Scham daran, dass sie selbst sich allesamt daran beteiligt, sich mitverantwortlich gemacht hatten.
Das eigene Verhalten gespiegelt in den Augen aller; war man sich augenblicklich schweigend einig, keine Worte mehr über die Zeit vor sechs Monaten zu verlieren. Sanfter tönten deshalb nun ihre Stimmen.

„Im Grunde gönne ich es Heidrun, dass ihr nun endlich jemand schöne Augen macht… das war alles schon schlimm und ihr Hartmut keine Hilfe.”

„Er hat gar kein Recht mehr sich zu beschweren. Schließlich hat er sie mit zwei kleinen Kindern sitzen lassen. Wenn Heidrun nun verliebt ist, umso besser.”

„Und dabei haben sie es so lange versucht. Wie alt war sie bei der Geburt? Bestimmt schon Ende 30… Das muss man sich mal vorstellen!”

„Heidrun gönne ich‘s… nur muss sie sich so kleiden? Die Blumenmuster, und dann der kurze Rock. In ihrem Alter… Sie ist Lehrerin Herr Gott nochmal!”

„Es sind doch Ferien, nun sei nicht so…”

Die Katze wandte sich innerlich ihren Kopf schüttelnd von der Frauenrunde ab, um selbst einen Blick auf Heidrun Rühlich zu werfen – nicht das sie neugierig war, aber wissen wollte Tilli es schon.
Die sonst auch zu Ferienzeiten getragenen Hosenanzüge in gedeckten Farben hatte Heidrun eingetauscht gegen eine fliederfarbene ärmellose Bluse und einen knielangen Rock, der von einem Muster aus rosa Nelken gepaart mit Schleierkraut geziert wurde. Noch auffallender waren allerdings ihre Flip Flops mit weißen Nelken als Schmuck auf dem Riemchen.
Die seit Jahren immerzu müden grau-grünen Augen leuchteten beinahe im Sonnenschein. Die stets, wie zur Ungläubigkeit gewölbten Brauen schienen von innerlicher Ruhe geglättet. Und die krausen Lippen waren mit pinken Lippenstift in eine frohe Stimmung bemalt. Heidrun wirkte sehr zufrieden, sie machte auf das kleine Kätzchen, welches mittlerweile neben ihr auf einer der Marktplatzbänke Platz genommen hatte und sich nun von Heidrun streicheln ließ, einen mehr als entspannten Eindruck. Die rosa Lilie steckte ihr inzwischen im blondgefärbten Lockenkopf und dem Kätzchen fielen unter Heidrun‘s sanften Fingern die Augen zu.

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Glitzernd fiel das Licht der Nachmittagssonne durch die Äste, hob so beinahe jede einzelne Blüte der Parkwiese hervor.
Ob sie hier wohl so eine Blumenbombe gezündet haben, wie es in einige Großstätten stellenweise Gang und Gäbe war? Oder wurde hier in Eatrich selbst innerhalb des Ortes schlicht eine Natur-freundliches Leben geführt? Clara war sich beinahe sicher, dass das der Fall war, obgleich heute gerade mal ihr zweiter Ausflug weg von der schützenden Umzäunung der Kurklinik und in das Stadtgebiet Eatrich’s war.

Der Entschluss war gefasst, dies würde ihr neues Zuhause werden!

 Kinderlachen ertönte, gepaart mit dem Getrappel vieler kleiner Füße. Gleich würde sie nicht mehr allein auf dieser Bank nahe der Kindertagesstätte im Osten Eatrich‘s sein. Denn jeden Moment nun begann das so wichtige Gespräch mit Frau Maurer und Clara konnte sich ihr breites Lächeln, aber auch ihre Aufregung nicht mehr verkneifen.
Die khakifarbenen Hosen erneut glattgestrichen, den Dutt überprüft, das graue T-Shirt nochmals von imaginären Fusseln befreit, die Brille zurechtgerückt, die Hände in den Schoss gelegt, die…

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So hatte Frau Hilda Maurer, die Leiterin des Eatricher Kindergartens, angefangen Elke von ihrer ersten offiziellen Begegnung mit Clara zu erzählen.
Nervös hatte diese wohl gewirkt, unruhig, aber mit einer Leidenschaft, wie man sie sich oft nur wünschen kann, wenn es darum geht geeignete Personen für den wunderbaren, sehr wichtigen, oft auch harten Beruf des Kindergärtners zu finden.

Frau Maurer, welche Elke selbst noch aus Kindertagen kannte und die somit immer „Frau Maurer” für sie sein würde, zählte inzwischen bald mehr als 60 Lenzen und brauchte dringend entsprechend Unterstützung in der Kita, sicher bald auch einen Ersatz für sich. Zumindest gestand diese sich das ein; wenn auch leicht bedrückt. Die drahtige Figur in den blauen Jeans und dem pinken T-Shirt ließ Elke an alte Zeiten denken und trotzdem mit Ehrfurcht auf die ältere Dame vor sich blicken:
Kurzes graues Haar zierte mittlerweile Hilda Maurer‘s Haupt, die klugen braunen Augen inzwischen umspielt von tiefen Falten, der Mund nicht nur von Lachfältchen geziert. Ja, die Zeit ging auch an dieser rüstige Frau nicht länger spurlos vorbei und Elke konnte deren Wunsch Hilfe zu erhalten bei der Betreuung von Eatrich‘s jüngster Generation sehr gut verstehen, obwohl auch ihr der Gedanke daran, dass diese Ikone der Gemeinde sich alsbald zur Ruhe setzen würde einen beachtlichen Kloß im Hals bereitete. Irgendwann musste ein Zepter eben weitergereicht werden – ganz gleich für wie groß oder klein es gehalten wurde.
Es waren nie zu viele Kinder gleichzeitig in der Tagesstätte, zum einen da der Ort, wie schon zu Elkes Zeit, kaum Nachwuchs hatte und zum anderen da einige Mütter ihre Kinder am liebsten zuhause betreuten. Eine beaufsichtigte Spiel- und Lerngruppe wurde aber von allen Bürgern gern gesehen, selbst wenn diese mittlerweile nicht mehr als Ganztagsangebot genutzt werden konnte.

Erstmals war Hilda Maurer der Verstorbenen im Zuge eines Malkurses im Haus Instenburg begegnet. Die Kurklinik, die vorrangig auf Neuro-Psychologische Bedürfnisse ausgerichtet war, bot seit kurzem auch Kreativ- und Entspannungskurse für Jedermann an. Frau Maurer konnte diese nur empfehlen, wie sie Elke mit überschäumender Begeisterung erklärte. Eine „ganz tolle junge Dame” halte die Kurse und diese hatte Frau Maurer auch gleich mit Clara Wiltau bekannt gemacht. Schon in ihrem ersten kurzen Gespräch wusste diese, dass sie mit Clara eine „ganz arme Seele” vor sich hatte, ein „liebevolles Persönchen, welches unbedingt die richtigen Leute um sich brauchte”. Der Kindergärtnerin war offenbar von vornherein klar gewesen, dass sie in Clara jemanden gefunden hatte, die es wirklich verdienen würde Vertrauen und Kraft in ihr Fortkommen zu investieren.
Laut Frau Maurer war Clara „nämlich sehr unglücklich mit ihrer momentanen Arbeits- und Lebenssituation“; sie erzählte weiterhin, dass diese es zwar nicht direkt so gesagt hätte, doch für die Kindergärtnerin stand es außer Frage:
Clara fühlte sich ausgenutzt und überfordert.

„So etwas spürt man schließlich! Dafür braucht es keine großen Worte zu geben!“, betonte Frau Maurer nochmals und stemmte zur Untermalung dieser Weisheit ihrer geballten Fäuste in die schmale Hüfte. Dass Clara zu den Kollegen keinen rechten Anschluss hatte finden können, erwähnte diese dann tatsächlich. Sie hatte bis zu ihrem Entschluss nach Eatrich zu kommen in der Firma des Lebensgefährten als Buchhalterin gearbeitet. Dass so etwas nicht immer ganz einfach sein konnte, erschloss sich auch Elke.

„Er ist irgendwie verändert in letzter Zeit.”, hatte Clara Hilda Maurer gegenüber vorsichtig durchblicken lassen. Auch hätten die beiden mächtig Krach gehabt, nachdem Clara sich mit Burnout krankschreiben lassen wollte, lassen musste, und letztlich im Haus Instenburg Hilfe suchte und fand. Hilda Maurers Stimme nahm mit einem Mal einen bitteren Ton an, als sie von Clara‘s Beziehung sprach und davon, dass diese nicht mal sicher war, ob ihr Lebenspartner seit 15 Jahren, für den sie sich so viele Jahre verbogen hatte, gegen den sie nie etwas sagte, bis sie dann erstmals in der Klinik die Kraft dazu verleihen bekam, sie nicht einfach verlassen würde für ihren Wunsch etwas neues zu wagen.
Sich voll und ganz zurückzunehmen und nur die Träume und Wünsche eines anderen zu erfüllen, schien ihr eine irgendwie triste Vorstellung zu sein. Doch musste sowas gleich dazu führen, das Handtuch zu werfen und sogar nicht nur den Job, sondern die Stadt zu verlassen? Sann Elke in sich hinein.
Direkt im Anschluss des offiziellen Vorstellungsgesprächs, einer Unterhaltung unter guten Bekannten vielmehr, wie Frau Maurer nun wieder mit seichterer Stimmlage berichtete, war Clara Wiltau mit einer Anstellung als Assistentin der Kita-Leitung und lernende Kinderbetreuerin unter Frau Maurer höchstpersönlich zurück in die Kurklinik gekehrt. Hilda Maurer selbst wandte sich umgehend an ihren langzeitigen Vertrauten – dem örtlichen Bürgermeister – um sicher zu stellen, dass Clara‘s Einzug in die Gemeinschaft Eatrich‘s nichts im Wege stehen würde.
Elke hätte noch so viele Fragen an Hilda Maurer gehabt, doch diese schien in ihrem Monolog zum Abschluss gekommen zu sein, trocknete nur noch ihre Tränen und entschuldigte sich.

Bevor auch sie aufbrach, verfolgte Elke noch für ein paar Minuten das gesellige Treiben von Eatrich‘s jüngster Generation. Die Kinder jauchzten, rannten, spielten Verstecken und Gummihopse; ein bunter Haufen Fröhlichkeit auf Blumen, neben Sträuchern unter Bäumen. Und Elke konnte die milde Geduld gepaart mit Stringenz – wenn angebracht – welche Frau Hilda Maurer seit Jahrzehnten den wechselnden Rasselbanden des Ortes widmete einfach nicht begreifen. Natürlich respektierte sie die Person und den Beruf, der ihr gesamtes Leben ausfüllte und erfüllte. Das zumindest lag schlicht in Elkes Natur, auch wenn sie sich selbst nie auf einem solchen Lebensweg sehen würde können. Dass jemand, wie diese Clara Wiltau eine feste Anstellung, auch wenn sie noch so unzufrieden damit war, einfach wegwarf, nur für die Möglichkeit in einer ihr fremden Stadt völlig neu anzufangen, wirkte auf Elke ebenfalls eher befremdlich. „Wer im Glashaus sitzt…”, spürte sie Ruby‘s Worte praktisch im Nacken.

„Aber, das kann man nicht so leicht vergleichen! Ich bin hier aufgewachsen und war nur ein paar Jahre weg. Außerdem musste ich wieder herziehen für Mutter!”, wollte Elke ihrer eingebildeten Gesprächspartnerin entgegen werfen.
Wer wusste schon, was Clara tatsächlich bewogen hatte dieses Risiko – und es war nun mal eins – in Betracht zu ziehen.

Doch obgleich noch einiges ungeklärt war, Elke wusste jetzt, an wen sie sich als nächstes wenden könnte und auch, wie sie ihre Reportage gestalten wollte. Genau wie der Partezettel sollte diese aus Sicht von Clara geschrieben sein. Und mit all den Recherchen, die da hineinfließen würden, fühlte sich Elke in einer guten Position eben genau dieses zu tun.
Das käme sicher gut an und würde dem Leser die Möglichkeit geben sich emotional mit Clara Wiltau zu verbinden und Elke wiederum, so hoffte sie, eine Leserschaft über die Ortsgrenzen hinaus zu verschaffen.

***

Die Dunkelheit der Nacht begann sich langsam über die Häuser Eatrich‘s zu legen. Die Straßen nun wie leergefegt, da es nicht wirklich was zu tun gab im Orte nach 9Uhr. Eine Kneipe gab es nicht und sollte es auch niemals geben, das Gasthaus inzwischen schon geschlossen, die Frauenrunde bereits Heimgekehrt und auch im Whisky-Klub fanden sich um diese Uhrzeit keine Herren mehr ein; der Abend gehörte der Familie und dem Fernsehgerät ging es nach den vielen blau leuchtenden Fenstern.
Tilli aber genoss die Abendstille, die Zeit, wenn die Nacht nicht mehr fern war, wenn die Glocke des Raumklimas Stadt sich erhob und nunmehr sanftere Luftzüge sich durch die Straßen drückten. Ganz besonders an diesen heißen Tagen des Sommers, die seit Wochen schon die Luft, das Wasser und Boden durchdrangen. Selbst stärkere Windzüge im Lichte der Tagesstunden schoben lediglich die beklemmende Luft vor sich her und Wolkenbrüche, wie der heutige, waren doch viel zu kurz, um wirkliche Abkühlung zu bringen. An diesen sich endlos ziehenden Sommertagen konnte ein Jeder die kleine schwarz-weiße Katze durch die Straßen und um die Häuser ziehen sehen, denn sie liebte den Augenblick da die drückende Hitze des Tages der klärenden Kühle der Nacht zu weichen begann, wenn die Ruhe in den Ort einkehrte, sich der gemeinschaftliche Tumult zum privaten wandelte und nur noch vor den flackernden Bildschirmen seinen Ausdruck fand.
Mit gespitzten Ohren und scharfen Blickes bewegte sich das Kätzchen von Tür zu Tür, über Bänke und Tische und kam alsweilen auf Fenstersimsen zum sitzen. Sie sah und hörte so all das, was bei Tage nur vermutet werden konnte. Was niemanden was anging und über das ein jeder sich verlor. Was bei Tage Allgemeingut schien, was bei Nacht einem selbst gehören durfte. Was eigentlich privat sein sollte, doch zu oft in den öffentlichen Raum gezerrt, zerpflückt, wild spekuliert, surreal angehoben, negiert, verachtet und beneidet wurde. Und so saß das Kätzchen auch während dieser Dämmerung mal wieder auf Heidrun Rühlich‘s Fensterbank und stöberte durch das halb geöffnete Fenster ins Innere hinein.
Durchdringender Lavendelduft traf Tilli‘s Sinne, machte ihre Augen fast wässrig und brachte die Katze zum Niesen. Nur kurz noch lauschte sie dem schnell fließenden Monolog, der an scheinbar passenden Stellen von Heidrun‘s rauer Stimme mit „Uhhs” und „Ahhs” punktiert wurde, bevor sie sich vom starken Aroma der Duftkerzen vertrieben sah und mit hängendem Kopf dem Paar seine wohl verdiente Privatsphäre gönnte.

-II-

Neuer Tag, neues Glück.

Nachdem sie gestern niemanden vom Rathaus hatte erreichen können, bat Elke am nächsten Morgen bei der ersten Gelegenheit, um einen Gesprächstermin mit dem Herrn Bürgermeister. Dass sie dafür allerdings Frau Maurer‘s Hilfe benötigte und entsprechend hatte warten müssen, bis diese sich die Zeit dafür nehmen konnte, ging Elke ein wenig gegen den Strich; schließlich war sie doch jetzt Reporterin und müsste das nicht was heißen?
Ruby – immer feinfühlige Ruby – goss  ihr erneut Kaffee auf und beschwor sie zur Geduld. Die Idee für Elkes Reportage sagte ihr natürlich voll zu, denn „ein Leben noch nach dem Tod zu ehren”, sei immer von hoher Wichtigkeit und „wie schön, wie ehrerbietig” es doch war die Geschichte, Clara’s Geschichte aus deren Sicht zu erzählen. Ruby‘s Lobhudelei beruhigte Elke ungemein, denn wenn sie ihre liebste Freundin hatte davon überzeugen können, zog der Rest, der hoffentlich breiten, Leserschaft sicher nach; Emotionen zogen doch fast immer. Und darauf baute Elke.

***

Gegen Mittag war sie nun endlich auf ihrem Weg zum Rathaus; den eigens gekauften Notizblock nebst neuem Kugelschreiber – ein Geschenk von Ruby – im kleinen grauen Rucksack verstaut, fühlte Elke sich gut ausgerüstet für ihren Termin mit Herrn Ballert, dem Bürgermeister Eatrich’s:
Ihre Kleidung formal, das kurze, krause braune Haar auf Seitenscheitel gekämmt, das runde Gesicht frei von Makeup. So schob sie sich nun leichtfüßiger, als ihre Statur vermuten ließ, durch die offene Bürotür. Auf die Tüte Selbstgebackenes „für den guten Freund” von Hilda Maurer hatte sie verzichtet, da sie nicht glaubte so eine Geste sei erwünscht oder angebracht. Zudem befürchtete sie so etwas könnte möglicherweise von ihrem Wunsch einen professionellen Eindruck zu hinterlassen ablenken. Nun da Elke von Angesicht zu Angesicht mit dem ergrauten, vom Alter tief gebeugten Herrn im beigen Strickvestover stand, wünschte sie sich die Kekse zurück.
Zu ihrem Glück und persönlichen Graus hatte Frau Maurer wohl mächtig die Werbetrommel für Elke gerührt und so ergab sich im bescheiden eingerichteten Konferenzraum des Rathauses ein zwar kurzes, aber dennoch recht hilfreiches Gespräch mit Eatrich‘s Bürgermeister. Zumindest konnte Elke für alles, was sie am Vortag hatte lernen können Bestätigung finden in Herr Ballert‘s laut und überdeutlich gesprochenen Worten.
Er selbst war Clara Wiltau zwar nicht persönlich begegnet, vertraute aber „seiner Hilda“ und deren Einschätzung. Und somit natürlich auch ihrem Bitten und Drängen Clara zu unterstützen, da diese eine „bezaubernde Person” sei, ausgestattet mit „einer Fülle von Fähigkeiten, derer sie sich bisher noch nicht ganz gewahr war, gewahr sein konnte”, wie die Kindergärtnerin wohl unter brechender Stimme nachgesetzt hatte. Was genau Frau Maurer damit gemeinte haben mochte, kam Elke nicht in den Sinn und der Bürgermeister wollte es nicht weiter ausführen. Er wusste es bestimmt selbst nicht, brütete Elke in sich hinein und kämpfte nun sehr damit ihre Gesichtszüge neutral zu halten. Besonders da sie sich auch fragte, wie groß eigentlich der Einfluss mancher Leute – sicher doch nicht nur Hilda Maurer’s – auf das Amt des Bürgermeisters und dessen Entscheidungsfindung tatsächlich war. Obgleich dieser sich pflichtgemäß erst noch mit der Klinikleitung in Verbindung gesetzt hatte, von der Herr Ballert ebenfalls nur Positives zu hören bekam, wie er unter Elkes doch leicht entglittenem Gesichtsausdruck versicherte. Eine Ratsversammlung, selbst eine Formale, hätte in seinen Augen unnötig Zeit gekostet und so hatte Herr Ballert seinen Beschluss noch am selbigen Tag dem Stadtrat einfach mitgeteilt. Dieser nickte die Entscheidung letztlich nur noch ab.
Auch diese Erkenntnis erforderte ein Höchstmaß an Zurückhaltung von Elke, da sie sich der Stolpersteine beim eigenen Rückzug in die Heimatstadt erinnerte und nun umso mehr zurückgesetzt fühlte im Angesicht dieser drastischen Unternehmungen für jemand Fremden, jemanden aus der Klinik. Als der Bürgermeister sie allerdings fragte, weshalb sie mit den leicht verfärbten Zähnen knirschte, drückte Elke nur ihre Bestürzung darüber aus, dass ein Leben so ein frühes Ende hatte finden müssen.
Zumindest eine Sache kristallisierte sich heraus. Herr Ballert hatte Clara zwar Tür und Tor geöffnet, ohne ihr jemals begegnet zu sein, brachte es aber auch nicht übers Herz die Leichenfundstelle aufzusuchen. Er sah Elkes Reportage allerdings „mit Freuden entgegen, denn ein jeder, der es fertig brachte Hilda‘s Herz zu stehlen, gehörte wie ein Mitglied der eigenen Familie behandelt.” und er würde Elke bei ihren Recherchen „mit allen Freiheiten ausstatten” und oh, wie sehr erfreute es diese das zu hören.

***

„Warum verrät die nicht, wer ihr Neuer ist?”

„Vielleicht ist es Heidrun einfach unangenehm… ihr wisst schon, es geht ja eigentlich auch niemanden was an.”

„Tse… Wir sind doch alle Freunde und haben ein Recht, nein, die Pflicht uns Gedanken zu machen!”

„Was ist, wenn er ihr peinlich ist?”

„Oh ja, bestimmt so einer aus der Klinik! Da besucht sie ja ständig diese Kurse…”

„Nicht das Heidrun auf einen Patienten reingefallen ist… oder schlimmer bald noch, einer von den Angestellten?!”

„Der Doktor wäre aber schon ne gute Wahl, so als Oberarzt und Chef…”

„Der ist doch ledig, nicht wahr?”

Elke kam nicht umhin den aufgebracht klingenden Gesprächsfetzen des Eatricher Frauenbundes zu lauschen, welcher sich vor den Toren des Rathauses aufgebaut hatte, um die Vorbereitungen der, für den morgigen Tag, anberaumten Stadtversammlung zu unterstützen. Auf dieser sollte nun eine endgültige Entscheidung zum Thema Stadtwald und die mögliche Freigabe oder eben endgültige Schließung des letzten offiziellen Wanderweges innerhalb des Naturschutzgebietes gefällt werden.
Elke war es gleich, Wandern gehörte nun wirklich nicht zu ihren Hobbys. Doch… Hm … Heidrun also unter neuen Armen… Elke müsste das natürlich ebenso gleich sein, wie der vermaledeite Waldweg, doch… Neugierde war nun einmal höllisch ansteckend… und wenn wirklich der Hinterseer von der Klinik sich an Heidrun gehängt hatte oder vielmehr sie an ihn, witterte ihre zwar noch recht neue, aber umso stärkere Reporterspürnase einen lauernden Skandal…

Halt, nicht ablenken lassen jetzt…
Es gab Wichtigeres gerade…
Sie hatte eine Reportage zu schreiben!

Elke war inzwischen so schnell wie die pralle Sonne der Nachmittagszeit es eben zuließ schnurstracks gen Westen gelaufen. Auch wenn sie beinahe schwebte inmitten ihrer Gedankengänge um den großen Traum vom erfolgreichen Journalistentum und all seiner potenziell ausschweifenden Fließrichtungen, die ganz den dicken Schweißperlen auf ihrer Stirn gleich nur so aus Elke herausströmten, wollte sie dennoch vor Dienstschluss zur Wache kommen.

***

Wie wohl nicht anders zu erwarten, konnte Elke nur noch Oberwachmeister Klausner antreffen, welcher sich seinerseits gerade zum Schließen der Wache anschickte – Freitag nach eins und so weiter; nur das heute halt Dienstag war. Nicht, dass Eatrich nun unbedingt für seine Polizei berühmt war oder musste, denn Nachbarschaftsbeteiligung wurde hier noch Groß geschrieben.
Schon während der paar Monate als sie damals noch ihre Halbtagesanstellung als Sekretärin ausgefüllt hatte, kam Elke sich meistens eher wie eine bessere Putz- und Tresenkraft vor. Für ihren jetzigen Job – ihrer wahren Berufung – kamen  ihr die Kontakte auf der Wache allerdings mehr als entgegen. Wie sonst wäre sie an das Photo von Clara‘s Leichnam gekommen, wenn nicht über diese Quellen. Obgleich der gute Klausner etwas schwerer davon zu überzeugen gewesen war, dass es so dringend notwendig erschien, einen solch ausschweifenden Partezettel zu kreieren, denn:

„Eine simple Todesanzeige hätte es sicher auch getan. Was soll der ganze Schnickschnack überhaupt? Muss man denn alles zum Spektakel machen?”… Elke aber blieb stoisch und argumentierte, dass es sich bei Clara Wiltau schließlich nicht um einen der üblichen Tode im Ort handle. So hatte man ihr dann, wenn auch unter knirschenden Zähnen einen kurzen Blick auf eines der Photos gewährt, wenn auch eigentlich nur vom ominösen Halstuch abwärts; um ihre Nerven zu schonen, wie es hieß. Das Haar wurde Elke knapp beschrieben und den Rest von Clara‘s Gesichtszügen, mitsamt dem Stand ihres Makeups fügte Elke in kreativer Eigenarbeit halt erstmal eigens in den Partezettel ein. Wie hätte sie sonst einen nachvollziehbaren Gesamteindruck schaffen sollen, verteidigte Elke die Entscheidung später vor Ruby und sich selbst.
Und auch an diesem Tage blickte der großgewachsene Mann mit dem lichten Haar eher abfällig auf Elke herab, obwohl Klausner es war, der saß. Eine Fähigkeit, die sogar in Elke Respekt auszulösen vermochte, aber ihr jetzt eher im Weg stand.

„Herr Ballart hat mir den Auftrag der Verstorbenen Gerecht zu werden höchst persönlich erteilt.”

„Ach, der alte Zausel nun wieder…”, stöhnte Klausner und ließ das breite Kreuz, wie in Aufgabe zusammensacken.
Das breite Grinsen nicht unterdrückend, tänzelte Elke zu ihrem alten Schreibtisch und wartete nun ungeduldig, aber mit selbstzufriedener Miene, auf die Unterlagen.

Die dünne Akte bestürzt in Händen, blickte Elke bloß noch ungläubig drein.

„Das ist alles, was ihr habt? Die paar Tatortphotos und ihr Name?”

„Sollte es mehr geben? Es war ein Unfall!”, zischte Klausner vom anderen Ende des Büros, rollte die grünen Augen und wandte sich erneut seiner Zeitung zu.

„Es gibt doch sicherlich Unterlagen aus der Klinik! Habt ihr die denn nicht angefordert?”, gab Elke nicht auf.

„Wozu? Ihre Identität konnten wir ihrem Portemonnaie entnehmen.”

Bevor Elke zu Wort kam, setzte Klausner mit betont deutlicher Aussprache nach:

„Das Frau Wiltau bis dato Kurgast im Haus Instenburg gewesen war, bestätigte sich über die Unterlagen, welche in der Aktentasche mit sich führte. Und, ja wir haben das überprüft. Ja, der Leichnam ist identifiziert wurden; Doktor Hinterseer kam extra noch am selben Tag in der Bezirksgerichtsmedizin. Und natürlich haben wir Frau Wiltau‘s Kontaktdaten eingesehen und überprüft. Noch Fragen?”
Die Gesichtszüge des sonst so gelassenen Oberwachmeisters waren mittlerweile wie in Rage. Auch zierten rote Flecken die hohen Wangenknochen, der Schweiß stand ihm auf der Stirn und Elke hätte schwören können den immer schneller werdenden Puls in der Halsschlagader zu sehen. Auch bebte Klausners Stimme zum Ende seines kurzen Monologs hin beinahe bedrohlich, ganz so als duldete er keinen Widerspruch mehr. Und wer mit dem Chef des Eatricher Reviers schon mal aneinandergeraten war, wusste darum seine Geduld nicht zu überreizen. Denn Rudolf Klausner mochte ein ruhiges Gemüt nach außen tragen, sein Geduldsfaden aber war hauchdünn. Der 50 jährige Oberwachmeister rühmte sich jahrzehntelanger Diensterfahrung und seiner ganz eigenen Spürnase, wie Elke wusste und derer sie normalerweise traute, nur…

„Wenn ihr Clara‘s Kontaktdaten überprüft habt, wieso habt ihr euch dann nicht an ihre Angehörigen zur Identifizierung vom Leichnam gewandt? Weshalb also musste der Doktor ran?”

Ein tiefer Atemzug durch die gerötete Nase … Zwei, Drei, Vier … hörbares, betont langsames Ausatmen durch spröden Lippen … Fünf, Sechs, Sieben … ein Geräusch, wie das Knurren eines großen Tieres … Acht, Neun, Zehn … nur noch ein Schnalzen der wuchtigen Zunge und Elke wusste Klausner würde ihr, nun wieder ausdrücklich ruhig, eine Antwort geben:

„Angehörige hat Frau Wiltau keine. Es gibt da nur den Lebensgefährten, ein Herr Anton Nauer. Laut Klinik hat dieser die Vollmacht über Clara Wiltau. Leider konnten wir ihn lediglich telefonisch über das Ableben seiner Partnerin informieren, denn er ist derzeit geschäftlich unterwegs und wünscht nicht gestört zu werden. Seine Firma bestätigte dieses. Da Frau Wiltau den Angaben des Klinikpersonals keine weiteren Vertrauten oder engeren Bekannten zu haben schien, wird ihr Körper bis auf Weiteres im Leichenschauhaus verwahrt.”

Nun war es an Elke langsam bis Zehn zu zählen. Clara‘s Lebensgefährte war auch ihr Bevollmächtigter und ihr Tod nicht Anlass genug eine Dienstreise abzukürzen?!
Ein Gefühl bezwungen worden zu sein, welches nicht ihr eigenes war, übermannte Elke. Mit leiser Stimme bat sie für ihre weitere Recherche nur noch um den Namen von Clara‘s unglücklichen Finders.
Klausner, statt ihren Schock mit Spott zu negieren, gab Elke nun alle Kontaktdaten – „dass sie ein vollständiges Bild zeichne” – und einen wissenden Blick. Ihrer allerdings fiel nichts sehen wollend aus dem Fenster. Wurde geblendet vom Sonnenlicht, und wehrte sich nicht. Schweifte dann über einen vergessenen, nun welken Strauß aus rosa Hortensien am Wegesrand. Und blieb schließlich hängen an der eigenen Reflexion im Computerbildschirm.

***

Wieder brach allmählich die Nacht über Eatrich herein; krauchte vielmehr, ganz üblich solch lauen Sommerabenden, wie diesem. Die Wolkendecke drohend dicht seit den späten Nachmittagsstunden, warnte vor Regengüssen in naher Zukunft und hielt zugleich die Wärme fest. Gönnte keinen Windhauch, keine Abkühlung, kein Aufatmen.
Die Fenster waren trotzdem und vielleicht auch aus purer Hoffnung auf einen nächtlichen Wolkenbruch allesamt weit geöffnet, gewährten so Einblick, schafften ein Hineinhören; zeigten den Spion frei vom Widerschein des eigenen Ichs.
Die kleine schwarz-weiße Katze sich all dessen vollends gewahr, störte sich nicht an den erst erschrockenen, dann fragenden, schließlich amüsierten Blicken, welche man ihr von Zeit zu Zeit und aus offenen Wohnzimmerstuben entgegenwarf. Tilli und ihre allabendlichen Spaziergänge gehörten mit zur Stadtkultur. Denn dieses Kätzchen, was seit Jahren das Revier ‚Eatrich und Umgebung‘ für sich beanspruchte, war inzwischen fast schon, wie das Ortswappen – drei Anemonen umspielt mit Ranunkeln – immer gern gesehen und mit Heimatliebe verknüpft. Somit sah und hörte diese Katze alles, ohne dass es für sie oder die Belauschten Folgen aufwarf. Zuweilen vertrauten sich die Ortsansässigen ihr sogar persönlich an. Fanden in Tilli eine geduldige, nie urteilende Zuhörerin. Entledigten sich manch freudige oder trauriger Belangen, berichteten von Neuigkeiten und Erinnerungen, nutzen sie als Beichtnehmer und Zeuge. Denn wer glaubte heutzutage schon ernsthaft daran, dass Katzen sich eine Meinung bildeten über das, was sie so mitkamen von ihren (Mit)Menschen.
Starker Rosenduft holte Tilli aus den Gedanken und an das Fenster Heidrun Rühlichs. Die Ursache diesmal keine Kerzen, sondern ein prächtiger Strauß roter Rosen, der direkt auf der Fensterbank thronte und somit im Blickfeld neugieriger Augenpaare; nicht aber gespitzter Ohren stand. Und so wurde an diesem Abend die schwarz-weiß befellte Katze ein Zeuge ganz anderer Natürlichkeiten.

Kein Monolog war es, den es zu belauschen gab. Nein . Flüsternde Stimmen … tiefe, schwere Atemzüge, die da schneller wurden … ein Wimmern … ein Flehen … sowas wie Grunzen … ein halb-verschlucktes Stöhnen … ein Seufzen … ein Kichern … ein Prusten … ein Lachen…

Nicht nur vom schier unerträglichen Angriff auf ihre Nase ließ das Kätzchen die beiden sich liebenden, das Fenster und die Szene zügig sich selbst überlassen.

 

-III-

Noch immer fassungslos von ihrem Besuch bei der Dienststelle am Vortag ging Elke ihre Recherche und damit den nächsten Tag weitaus bedachter, ja klangloser an. Selbst Ruby‘s extra süßer Morgenkaffee und die angenehm temperierte Sonne-Wolkenmischung wollte sie nicht recht aufheitern.
Die Photos, die Elke dank der zur kurzen Einsicht ausgehändigten Akte nun in Gänze hatte begutachten können und die sie ja so unbedingt hatte sehen wollen, zeigten all die Details, derer Elke bisher nicht gewahr gewesen war. Zeigten die vollkommen unromantische, mehr noch die brutale Seite eines so tragisch geendeten Lebens. Zeigten das Gesamtbild. Klärten Elke über das ganze Ausmaß von Clara Wiltau‘s betrüblichen Endes auf. Es waren Bilder, von denen sie selbst jetzt noch nicht sicher war, nicht sicher sein konnte, dass sie diese je wieder würde vergessen können.

Clara war laut Befundbericht einem schweren Schädelhirntrauma erlegen. Klausner gab ihr telefonisch noch am Vorabend Auszüge der Obduktion durch, die die Einschätzung der Eatricher Beamten bestätigte und ebenfalls einen Unfalltod als Ursache deklarierten.
Der Körper seltsam gekrümmt, halb auf der Seite liegend, halb in Bauchlage. Ganz so, als hätte dieser sich vor dem Tode noch versucht zu drehen. Die beige Kleidung schmutzverdreckt, mit tiefen Rissen am Rocksaum. Der Kopf gedreht mit Blick gen Eatrich. Die klaffende Kopfwunde noch nicht ganz abgetrocknet. Die Blutlache weit geflossen um den Schädel; das Gras als Schwamm. Das bräunlich-rot durchtränkte Haar, die Schreckgeweiteten Augen, der offene Mund, aus welchem dunkelrot verfärbte Zähne blitzten, die hängende Zunge…
Elke zuckte bei der Erinnerung an die Photos erneut zusammen. Hielt inne auf ihrem Weg zu Herrn Renner, dem Finder des Leichnams, und vollzog jene Atemübungen, die Ruby ihr beigebracht hatte:

Fest verschlossenen Augen, die Körperhaltung bewusst entspannt, die Gedanken fixiert auf etwas Positives – auf die schützende Umarmung, die beruhigenden Worte mit weicher Stimme, die wohlige Wärme – Ruby.

***

Das kleine Wohnzimmer, in dem Elke sich später wiederfand und das dank einer raumfüllenden Eckcouch, deren, durch jahrzehntelangem Gebrauch leicht abgewetzten und verblassten lachsfarbene Polsterung mit einer kräftig dunklen Decke nur halbverhüllt wurde, ließ beinahe keinen Meter Trittfläche zu. Sie versprach aber einen gemütlichen Platz zum Lesen. Was auch, wie die reiche Auswahl an Büchern, deren Flut bereits im Hausflur begann, sich dann auch auf sämtlichen Tischen, in Regalen und unter Sofakissen ergoss und ganz offensichtlich des Hausherrn liebste Beschäftigung war.
Herr Renner‘s offene Art und das geordnete Chaos in seinem Wohnraum wirkten zu Elkes Erstaunen und Begeisterung wahre Wunder auf ihr noch immer leicht angeschlagenes Nervenkostüm und sie empfand unmittelbar tiefen Respekt für diesen kauzigen Herren. Und vielleicht erschien es den meisten Leuten als ungewöhnlich, aber allein die Begegnung gepaart mit der sich zügig anschließende und ausgedehnte Unterhaltung mit Werner Renner, dem alteingesessenen Förster von Eatrich, brachten Elke irgendwie wieder zur Ruhe.
Obgleich Herr Renner hoch in die 70 ging, nahm sich dieser so hagere Mann seiner Aufgaben im örtlichen Forstbetrieb nach wie vor und unter vollem Arbeitseifer an. Natürlich gab es mittlerweile ein jüngeres Team, das die Pflege des Stadtparks und die Aufsicht des Waldes übernahm. Doch Werner Renner blieb bis zum heutigen Tage ein gern gesehener Kamerad, dessen praktische Erfahrung und umfangreiches Wissen zur naturnahen Waldpflege man oft und gern entgegennahm. Auch ließ es sich das rüstige Mannsstück nicht nehmen die alljährliche Wegräumung zu Beginn der Frühlingszeit zu beaufsichtigen. Die eigens für den Baumabtransport eingesetzten Esel kannte der Förster genau wie das momentane Landschaftspflege-Team schon von Kindesbeinen an, berichtete er nun Elke bei einer Tasse Kräutertee und unter lautem Lachen.
Seine Geschichten faszinierten Elke und halfen wohl beiden über das schwierige Erlebnis von vor sechs Tagen hinweg zu kommen; zumindest ein wenig.

Es war ein Freitag gewesen, an dem Herr Renner nun zum unglücklichen Finder von Clara Wiltau geworden war.

„Ja, letzte Woche Freitag ist es passiert, bei schönstem Sonnenschein und noch mitten am Tag. Irgendwie verbinde ich solch grausige Erzählung mit den Stunden zur Dämmerung, bei Nieselregen und eisigem Wind. Im Abendkrimi ist das doch immer so, nicht wahr?”

Elke schluckte, doch wagte es nicht Werner Renner‘s Ausführungen zu unterbrechen.

„Es war so unheimlich still, als ich ihren Körper da liegen sah; selbst die Vögel hielten den Atem an. Keine Seele weit und breit. Nicht einmal ein Rascheln im Geäst… Der Wald wusste, dass etwas Schreckliches passiert war… man kann so etwas fühlen! Ihr To… der Sturz muss erst wenige Minuten her gewesen sein; das Blut konnte ich noch ganz deutlich riechen… Ich hätte doch was hören müssen!”, seine Stimme stockte nun, er kam ins Husten.
Elke, die ihm schnell ein Glas Wasser reichte, hielt Werner Renner, diesen so tapferen alten Herrn, zu einer Atempause an. Sie wollte ihn auf gar keinen Fall weiter aufregen, beschwichtigte ihn, dass es sicher sehr schnell gegangen war, dass er nichts hätte tun können und dass er ihr jetzt schon eine große Hilfe gewesen sei.

***

Nach einer weiteren, wesentlich gesetzteren, Stunde zog Elke schließlich ihres Weges. Sie hatten noch ein wenig über die guten alten Zeiten geplaudert; der letzte Freitag blieb aber unerwähnt. Herr Renner hatte seit diesem Tage auch keinen Fuß mehr in den Wald gesetzt. Was für Elke bedeutete, dass die weiße Lilie auch nicht von ihm stammen konnte.
Klausner versicherte ihr im sich anschließenden Telefongespräch zum wiederholten Male und mit ehrlicher Geduld, dass auch vom Revier niemand mehr zur Unfallstelle zurückgekehrt war und dass sich sämtliche Anwohner an das Verbot, den Waldweg zu begehen, hielten.

Woher kam also die weiße Lilie?

Die Erklärung des Unfalltodes erschien Elke mehr und mehr eine zu einfache Lösung zu sein, zu sehr als Etwas, dass keiner weiteren Fragen bedurfte.
Von den Leuten, mit denen sie bisher gesprochen hatte, war keiner mehr oder noch nie am Fundort gewesen. Der Rest der Stadt kannte die genaue Stelle angeblich nicht. Die platzierte Blume, die bekanntermaßen auch für den Tod eines Menschen stand, widersprach Elkes Meinung nach allerdings der Unfall-These. Auch sprach die Blume dagegen, dass jemand zufällig über diesen speziellen Wegpunkt gestolpert war. Denn wer trug schon weiße Lilien mit sich rum? Ein geplantes Suchen und Finden am Montagmorgen – die Blume war neu gewesen – schien auch mehr als unwahrscheinlich, da der starke Regen sämtliche Spuren verwischt hatte und eigens gelegte Markierungen waren Elke nicht aufgefallen; sie verbrachte einiges an Zeit damit nach solchen Ausschau zu halten.
Jedoch wenn jemand Clara‘s Tod verursacht hätte, und demjenigen das im Nachhinein dann Leid tat, wäre das sicher ein Grund sich die Todesstelle gut zu merken und diese selbst bei Regen erneut zu finden!

Aber was für Gründe könnte es gegeben haben Clara den Tod zu wünschen?
Konnte es sein, dass jemand ihr den Neuanfang in Eatrich nicht vergönnt hatte? Ein neidischer Mitpatient vielleicht?
Der ominöse Lebensgefährte vielleicht? Schließlich hatten sie gestritten. Außerdem war dieser noch immer nicht zu erreichen gewesen. Elke hatte sowohl ihm persönlich, als auch bei seiner Firma inzwischen mehrere Nachrichten hinterlassen – bisher ohne Erfolg.
Oder doch einfach nur ein Mord aus Gelegenheit?

Der Besuch des Hauses Instenburg stand für Elke in jedem Fall als nächstes an.
Denn das Geheimnis um die weiße Lilie ließ Elke nicht mehr los.

***

Die kleine Katze erhaschte gerade noch einen Blick auf Elkes Rücken, als diese sich schweren, aber zügigen Schrittes über den Marktplatz und offenbar in Richtung Stadtwald bewegte – ein Hurrikan aus grau-blauen Längsstreifen und Bestimmtheit. Und eine so ganz andere Stimmung verbreitend, als das Gro der gemächliche Nachbarschaftsmasse, welche sich so allmählich ins Rathaus schob, um der außerordentlichen Stadtversammlung beizuwohnen. Nur die Damen des Frauenbundes verweilten noch vor den Toren des roten Backsteinbaus. Sie traten unruhigen Fußes auf und ab und rauften sich frisch gemachte Frisuren:

„Wo bleibt sie nur?“

„Nicht das was passiert ist.”

„Ach Quatsch… die amüsiert sich sicherlich.”

„Na hoffentlich nicht mit einem unserer Männer!”

„Mach dich nicht lächerlich!”

„Gabi! Nicht so schroff… und es sind ja alle bereits bei der Versammlung…”

„Zumindest die wahren Nachbarn.”

Tilli ließ die rüde Runde ihre konversationellen Kreise drehen und stattete eilig Heidrun’s Fenster einen Besuch ab.
Der Strauß roter Rosen verdeckte noch immer den Einblick, nur war dieser nicht länger prächtig und stark duftend.

„Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt.”, hauchte es der Katze mit Heidruns leiser Stimme.

„Ja, das hast du.”, folgte es dem Bekenntnis nach.

Dem folgte bloß noch ein lautes Schweigen.

***

Der Schweiß hing Elke im Nacken, dass blaugraue T-Shirt inzwischen fast komplett dunkel und klebrig-nass am Leib, der Atem noch immer mehr ein lautes Hecheln. Obwohl die Gänge des Hauses Instenburg angenehm klimatisiert waren, stand ihr der Fußmarsch durch die Mittagshitze noch auf der Stirn.
Die Durchquerung des Stadtparks war Elke nicht nur aufgrund der unnachgiebigen Sommersonne schwer gefallen, auch hatte sie alsbald mit zahlreichen spitzen Steinchen in den Sandalen zu kämpfen, die sich vom sandigen Parkweg immer wieder unter ihre Fußsohlen legten, ganz gleich wie oft sie diese entfernte. Ja, ja… der Park war schön und ganze der Stolz Eatrich’s. Es war hervorragend gepflegt, lud über Tafeln und Schaukästen zum Lernen über das ländliche Ökosystem mit seinen zahlreichen Pflanzen und Tieren ein. Klärte so auch über die Wichtigkeit des Naturschutzes auf und schuf nun einmal den direktesten Weg von Eatrich und der Klinik… aber Herrschaftszeiten, eine aus Asphalt gegossener Wegstrecke hätte es doch auch getan. Elke brütete und grummelte noch bei Erreichen der Kurklinik in sich hinein und rieb sich die geschundenen Füße, nachdem sie vom Marsch und der Hitze erschöpft erstmal auf einer Bank zusammengesunken war.

Das Haus Instenburg thronte regelrecht am äußersten Nordpunkt des Eatricher Stadtparks und glich von außen noch immer dem Hotel, was es einst gewesen war; ein gelber Backsteinbau mit roten Klinkerumrandungen an Fenstern und Eingangspforte. Selbst den Namen hatte die Einrichtung behalten, was Elke schon ein wenig wunderte. Doch im Grunde machte es auch wieder Sinn, den alteingesessenen und überregionalen Status vom Hotel Instenburg, welches in all den Jahren stets für einen Ort der Erholung und innerer Ruhe gestanden hatte, zu nutzen. Dem Bekannten wird ja oft mehr vertraut.
Angeblich lagen hinterm Haus noch extra Gartenanlagen für die Kurgäste und es sollte wohl eine kleine Privatstraße geben, die das Klinikgelände mit der Bundesstraße östlich des Waldes verband; den Spazierweg über Stock und Stein hatte man schon zur damaligen Zeit niemanden aufgezwungen.

Von ihrem Besuch in der Kurklinik versprach sich Elke den Rest ihrer noch offenen Fragen für die geplante Reportage zu klären. Sie wollte mehr über Clara‘s Leben und vor allem ihren Lebensgefährten erfahren, den sie ja mittlerweile schon mehrfach erfolglos versucht hatte zu erreichen. Auch würde Elke mit ihren ehemaligen Mitpatienten sprechen, um zu eruieren, ob es möglicherweise Spannungen unter ihnen gab. Und über Ärzte erhoffte sie sich Auskunft über Clara Wiltau‘s tatsächlichen Gesundheitszustand. Das war ein guter Schlachtplan, wie sie fand. Doktor Hinterseer würde bestimmt mit sich reden lassen und ihr die Erlaubnis und den Zugang zu all dem geben.
Nur finden müsste Elke ihn jetzt noch.
Die Gänge glichen einander bis aufs Staubkorn, die Wegweiser verwirrten leider eher als das sie halfen und die Auskunft, die sie von der Gruppe rauchender Patienten vor dem Haus bekommen hatte, ließ auch zu wünschen übrig.
Auf keine Menschenseele treffend, zog Elke ziellos im Gebäude herum, bis sie plötzlich auf einen Gang stoß, der so gar nicht dem Rest der blass-blauen Korridore entsprach. Ihr war als stünde sie in einer Ausstellung. Die Wände verziert mit Ketten aus kleinen Holzkugeln in Bordeaux, die in komplizierte Muster geknotet zwischen verschiedensten Gemälden hingen. Erst glaubte Elke einem Relikt aus Hotel-Zeiten gegenüber zu stehen, doch dann fielen ihr die Jahreszahlen an den Bildern auf, welche deren Entstehungszeit nannten. Alle, bis auf zwei, datierten sich innerhalb der vergangenen letzten sieben Monate, was Elke nach einer ersten Runde durch den Gang schnell erkannt hatte und was sie dazu bewog sich die Bilder genauer anzusehen. Wer weiß, vielleicht hingen vor ihr ja die Werke des so hoch gelobten Zeichenkurses, vom dem Frau Maurer geschwärmt hatte.

Eine Landschaftsmalerei zeigte sich im ersten Bild. Ein Fluss, der sich durch einen kargen Winterwald schlängelte und… Irgendetwas Rotes schien im Flussbett zu hängen… Signatur abgebröckelt

Einem offenen Bauchraum in strahlenden Ölfarben sah sich Elke auf der gegenüberliegende Seite des Ganges entgegengestellt… die Organe in Originalgröße, wie es schien… ein morbider Pathologe vielleicht… hm… Signatur C.L.H.

Im Bündel folgten als nächstes drei Öl-Portraits… ein blonder Teenager-Lockenkopf, ein verschlissener Typ, ein schwarzhaariges Mädel… es hieß immer, man könne in jedem Portrait das Abbild eines bekannten Menschen finden; Elke fand nichts… Signatur C.L.H.

Ein tiefer Atemzug und die Erkenntnis, dass es sich bei der hier ausgestellten Sammlung wohl nicht um die Ergüsse begeisterter Laien handelte, und Elke stellte sich den letzten Werken.

„Eine Studie verschiedener Blühpflanzen in Acryl auf Seide” hieß es unter dem vor 25 Jahren datierten Bild.

Blumen, das wäre was für Ruby.
Elke fragte sich, ob die Künstlerin wohl auch heute noch aktiv war, dann hätte sie das perfekte Geschenk – nur, dass es für ihre liebste Freundin andere Pflanzen sein müssten.

Kunstfertigkeit und ein Auge für Details wurden durchaus deutlich in der „Reihe von Mohnblumen, Disteln und gelben Rosen“… Signatur K.M.L.

Das Grinsen, welches Elke beim Anblick des nächsten Bildes übers Gesicht zuckte, konnte sie sich nicht verkneifen:

Mohnblumen, Disteln und gelbe Rosen, aber erst drei Jahre später und offenbar von Kinderhänden in Ölkreide geschaffen… Signatur L.C.H.

Vielleicht war es ja, dass Elke vor den Werken einer Künstlerfamilie stand, welcher in diesem Gang die Chance gewährt wurde sich vorzustellen, um Werbung zu machen oder sowas. Die Frage, ob diese Möglichkeit grundsätzlich jedem offenstand, konnte Elke nicht mal mehr komplett durchdenken, denn der Anblick des letzten Bildes raubte ihr den Atem…

„Eine weiße Lilie“ sanft gebetet in feuchtes Gras auf nassem Waldboden… Signatur … nicht mehr lesbar

Die Farbe war noch nicht ganz abgetrocknet und klebte grün-braun-weiß an den Fingerspitzen von Elkes rechter Hand, die linke zur Faust geballt verschloss diese ihren Mund, verbarg den stummen Schrei.

***

„Was haben Sie verloren?!”

Wie lange Elke, wie angewurzelt vor dem Bild mit der weißen Lilie gestanden haben musste, konnte sie nur vermutet.

„Hey! Wer sind Sie?”

Ihre Beine fast steif, die Finger verkrampft, in den Ohren ein Rauschen, kalt war der Schweiß, der ihren Nacken herunterlief.

„Ist alles in Ordnung?”

Eine mächtige Hand legte sich vorsichtig auf Elkes rechte Schulter und drehte sie von der Wand weg und hin unter stechend grüne Augen, welche sie sorgsam, aber auch herausfordernd betrachteten.
Dieses fast schon hypnotische Augenpaar lag hinter einer dicken Hornbrille und unter den Falten einer in Fragen gelegten hohen Stirn. Die weiße Lockenpracht, welche das Haupt des stämmigen Mannes schmückte, stand jedoch im starken Kontrast zu seinem Alter, das irgendwo in den 60er liegen musste. Als Elke noch immer unfähig schien ihm Rede und Antwort zu stehen, hob er seine kräftige Hand von ihrer Schulter, steckte diese ohne sie zur Begrüßung zu reichen in die Tasche seines weißen Arztkittels und nahm ein paar Schritte Abstand von Elke und ihrer überdeutlichen Nervosität.

„Guten Tag.”, bebte seine Stimme in Elkes hochroten Ohren, „mein Name ist Reginald Hinterseer, Doktor Hinterseer. Und Sie sind?”

„E…Elke Unmut…”, brachte sie stammelnd hervor.

„Ah, ich habe sie schon erwartet.”

„J…Ja… tut m…mir leid… Hab …”

Ein schriller Aufschrei im Haus unterband jedes weitere Wort.

Fortsetzung folgt

Schattenseiten sonniger Tage_ Teil 3

Katze4zur gesamten Geschichte in allen Teilen

 

Teil 3

8

neue Wege auf ausgetretenen Pfaden

Sattes grün, sanfte Brise, ein Geruch nach Meer.

Salz liegt in der Luft, kein Wasser in Sicht im strahlenden Sonnenschein; Wiese in Sicht – fast noch greifbar, Wald am Horizont.

Lachen in den Ohren; ein junges Kind hüpft von dannen. Springt jauchzend von Grasbüschel zu Grasbüschel, gleich wird es im Wald verschwunden sein. Zu sehen nur noch ein rotes Käppi – sie ist allein.

Ein Ring aus Sand umgibt sie. Eine Grenze, eine Begrenzung.

Sie spürt die Kälte der aufgeheizten Luft, Eis auf brennender Haut.

Dann ein Knarren, ein Ruck, ein Windstoß, ein Aufschlag zu nah an ihr.

***

Jany erwachte, spürte den Schrecken in ihren Gliedern, das Prickeln im Nacken.

Schneller Atem, kalter Schweiß, Aufrichten mit zittrigen Händen, hektisches Blinzeln gegen den Schlaf.

Ein schwerer Ast lag im Gras, war nur knapp neben ihrem Fels, nahe ihres Kopfes, aufgekommen. Abgebrochen, der Baumkrone entrissen… vom Wind getragen?

Morsch schien er zu sein, graue, trockene Blätter, Pilzbefall… krankhaft.

Wut, Zweifel und Verzweiflung legten sich über sie, krochen an ihr empor, tropften aus ihren Augen… Ausrufe und Fragen und Fragen und Fragen und Fragen.

Wie passend, dass nun auch noch ihre Lichtung in sich zusammenbrach. Wie passend, dass ihre einstige Zuflucht nun ihr Gefängnis sein sollte. Wie passend, dass sogar ihre Träume kein Gefühl des Wohlseins mehr in sich trugen. Wie passend, dass…

„Du bist hier sicher. Bleib bei mir.”, säuselte der Schatten in ihr Ohr, begleitete ihren Reigen, „Es wird sich schon richten. Warte nur ab. Alles zu seiner Zeit.”

Doch das war es ja!

Jany hatte abgewartet, sich eingefügt in vorbestimmte Bahnen. Nichts in Frage gestellt, hingenommen, wie die Dingen sich ihr boten. Allmählich vergessen, dass es eigentlich anders war, ganz bestimmt, früher. Dass es anders sein sollte, müsste, könnte. Nur dass sie einst ein Leben geführt haben wird, im Kreise lieber und geliebter Menschen, dessen war sie sich sicher. Beinahe gewiss. Fast ohne jeden Zweifel. Sicherlich doch, wohl so und nicht anders. Sicher war es doch niemals nur ein Abbild ihres jetzigen Seins. Oder doch?

Nein, sie war irgendwann aufgewacht in dieser Blase. Verloren im Vergessen. Schwamm lediglich mit, ließ sich treiben, folgte den Spuren dieser Welt in der Hoffnung auf… was eigentlich? Erinnern mit Bestimmtheit? Dass der richtige Weg sich auftat? Dass sie es verstand?

Selbst das Hoffen hatte sie vergessen.

„Du bist nicht allein, wenn du mich hast.”, sanft umkreisten seine Worten ihren stummen Schrei, rannten an gegen den Gedankenstrudel aus Verzweiflung, Zweifel und Wut. So wie sie es immer taten.

Was kann ich tun? – „Warte einfach ab.”

Wo soll ich hin? – „Bleib bei mir.”

Was hab ich falsch gemacht? – „Ich werde dir helfen.”

STOP

schrie Jany in keine bestimmte Richtung. Vertrieb den Schatten und seinen Sanftmut.

Sein Schweigen, ihre Gedanken – ein Strudel. Gleich Blättern in einer Windhose davongetragen.

***

Jany sah sich um.

Sie war noch immer auf der so bekannten Lichtung, gelehnt an ihren Fels, umzäunt von Bäumen, versorgt mit Licht, das nie blendete, mit Wärme, die sie nie verbrannte, mit Geräuschen, die nie unangenehm waren. Vor sich noch die Quelle, die Abkühlung bot.

Alles wie immer… nur…

Nur, die Bäume schienen näher als sonst, das Licht fahler, weil kaum durch das Blätterdach dringend, die Wärme milder, fast schon kühl, ein stetiger Windzug, welcher an Stärke gewonnen hatte. Die Geräusche verstummt, zu einer Stille, die dröhnend um sie herum anwuchs, alles verschluckend. Die Quelle bar jeder Reflexion.

Janys Blick ging ins Leere.

Alles was anders, schien im Wandel.

Veränderungen, wie losgetreten, ins Rollen gebracht schon vom kleinsten Stein, als Jany gestolpert war und die Dunkelheit entdeckt hatte.

Ein Gurgeln holte sie schließlich aus den Gedanken zurück und ließ sie zur Quelle blicken.

Irgendetwas glitzerte, lag im Wasser, lag am Grund, lag da wie schon immer, jedoch nicht dazugehörend. Nie hatte sie es bemerkt. Jetzt wollte sie es haben.

„Hast du schon wieder vergessen, was dein unbedachtes Handeln mit sich bringt? Ihm folgt Zerstörung. Du wirst vertrieben. Du bist allein. Sei nicht leichtsinnig!”

Jany ignorierte den Schatten und Griff in das angenehm kühle Nass, tastete nach dem Objekt und brachte eine goldene Brille hervor: Gelbe Gläser in einem, auch noch im fahlen Licht der Sonne, leuchtendem Gestell. Kein Kratzer, sauber und trocken, ungewöhnlich, fragwürdig. In Frage zu stellen?

Hatte sie schon immer am Grund der Quelle gelegen, lediglich überdeckt vom Gesicht im Wasser? Hatte sie bloß darauf gewartet gefunden zu werden? Gab es einen rechtmäßigen Finder, der ohne sie nun wie blind durchs Leben schritt? Oder war sie vielleicht für sie bestimmt?

Das Medaillon um Janys Hals leuchtete mit einem Male auf, wurde gleichzeitig warm und kalt auf ihrer Haut und schien sich in Richtung der Brille auszurichten. Beide Gegenstände wirkten wie erweckt aus langem Schlaf, fast schon lebendig. Sie funkelten sich an, als gehörten sie zusammen, als wäre sie Teil eines Ganzen..

Die Brille noch immer in Händen zögerte Jany nicht länger, setzte sie auf und sah sich abermals um.

Alles wie immer, wie vor ihrem Stolpern, wie vor ihrer Begegnung mit der Nacht, wie vor ihrer fanatischen Suche nach etwas Neuem, wie vor dem Verlust des Bekannten. Alles wie immer und doch ganz anders. Klarer, weicher, ruhiger. Der Blick zur Quelle ließ Jany vollends aufatmen. Alles… wie… immer!

Das freundliche Gesicht schmunzelte ihr entgegen und zwinkerte kurz durch farbige Gläser. Jany erhob sich, wollte zum Haus zurück. Vielleicht, vielleicht wäre nun alles wie vorher und sie wäre wieder willkommen, beinahe zuhaus – zumindest wieder ein Gast. Ein Schließen der Augen, das Ausstrecken der Arme, ein Innehalten. Vielleicht, vielleicht wäre es nun alles ganz anders. Vielleicht würde sie ihren Weg erkennen, endlich hineinpassen, als Mitbewohner, als Einwohner, als Teil eines Ganzen.

So öffnete Jany schließlich ihre Augen. Sie war herausgetreten aus dem Schutz der Lichtung, stand jetzt mitten im Wald auf unbekannten und ausgetretenen Wegen und lachte frei auf. Alles blieb an Ort und Stelle, da weder sie noch die Bäume sich bewegten, da sie nun ihren Weg von Neuem finden konnte, ja musste.

Sehend, nicht ertastend. Erkundend, nicht beschränkt. Vielleicht, vielleicht…

 

9

zwei Schritte vor und einen zurück

Jany stand reglos da, ihre Umgebung aus neuen Augen betrachtend, erstmals erblickend, im Versuch Gesehenes mit Erahnten zu verknüpfen.

Der Wald lag vor ihr, hinter ihr, weit um sie herum.

Licht und Schatten im Spiel, nicht so düster, wie erwartet. Das Blätterdach geöffnet hier und da. So erreichte die Sonne dann den Boden, versorgte die kleineren Pflanzen mit Leben, winzige grüne Inseln im Dunkel des Waldes. Pink-Rotes Gewächs entlang mancher Äste, ein parasitäres Dasein führend in Farben, wie nur Blüten sie sonst tragen. Löcher von Spechten, verlassene Nester, Baumpilze, befallene Blätter, durchgefressene Strukturen, Vernarbungen im Stamm – Zeichen alter Verletzungen. Abbisse der Rinde bei jungen Bäumen – gefährdete Nachzucht, Kratzspuren als Markierung, gespaltenes Holz, gesplitterte Äste, Totholz am Boden, durchwühltes Erdreich, Schleifspuren, Abdrücke – Pfoten, Klauen, Krallen; Fingerabdrücke des Waldlebens.

Einige Bäume waren von starken Ranken umklammert, andere verwachsen mit Artgenossen, manche verbunden mit artfremden Bäumen. Pilze am Boden in Grüppchen, ihre Früchte vorzeigend, Steine und Steinchen hier und da… ein Wald, wie er sein sollte, in aller Schönheit und im Kampf ums tägliche Sein; Janys Vorstellungen, Erinnerungen vielleicht sogar, getroffen, übertroffen. Nur: Ameisenhügel ohne sichtbare Bewohner, leere Wespennester, Spinnweben zu gewaltigen Netzen verbunden, ließen Vermutungen über die Größe der Erbauer zu, ließen Jany erschaudern beim Gedanken daran, ließen sie sehr genau den Weg um solche Bauten suchen – die Spinnen selbst sah sie nicht.

Wie schon zuvor auf ihrer Lichtung schien Jany lediglich den Spuren des Tierlebens folgen zu können. Ganz so, als würde sie immer zu spät sein, ein paar Augenblicke hinter dem Ereignis oder als stünde sie in einer Kulisse während der Drehpausen, inmitten des Bühnenbilds, nach Fallen des Vorhangs.

Ein tiefer Atemzug, die Luft kurz in den Lungen halten, langsam ausatmen, ein paar mal blinzeln. Die Welt lag weiter wie im Stillstand vor ihr.

Eine starker Windzug im Tunnel der Bäume dann bewegte die satt grünen, grau-brauen, gelb-grünen Blätter, brachte das Astwerk in gefährliche Schwingung. Aus Angst sie könnte womöglich doch noch einem morschen Ast zum Opfer fallen, setze Jany sich schließlich in Bewegung. Langsame Schritte, unterbrochen von Volldrehungen und kurzen Stopps voller Erstaunen. Diese Momentaufnahmen das Beeindruckendste seit langem. Wohin, wohin, was zu erst genau betrachten?

Ein Knacken, ein Bersten, ein Geräusch von brechendem Glas brachte das Haus zurück in Janys Gedankenwelt.

Sie sollte es aufsuchen, nach dem Rechten schauen. Vielleicht gab es ein zurück, ein Bett für sie zum Ruhen, Grammophonmusik zum Lauschen, tägliche Besuche im Flur vor ihrer Tür zum Warten. Sie sollte, sie sollte…

Ein Blitzeinschlag zu ihrer Rechten.

Blau-Weiße Flammen schlugen um sich, schlugen nach ihr, verfehlten nur knapp ihre Haut.

„Ich hatte dich gewarnt. Wieso hörst du nie?”, riss der Schatten sie mit sich, aus ihren Gedanken, zurück auf die Lichtung.

***

Jany, angespannt auf ihrem Fels sitzend, die Brille in Händen haltend, die Unterlippe mit dem Zähnen greifend, die Augen geschlossen haltend, senkte ihren Kopf bei jedem Wort, das der Schatten ihr entgegen warf.

Nicht mehr sanft, nicht mehr sie tröstend, sondern von allen Seiten niederprasselnd, harsch, laut, erschreckend gar.

Ja, sie hätte mehr Vorsicht walten lassen müssen, kannte sie doch die Gefahr des Waldes, zumindest wusste sie, dass es Gefahren gab. Nie zuvor aber hatte sie die Flammen mit eigenen Augen gesehen, nie hatte sie die eiskalten Funken so nah gespürt. Noch immer vibrierte es auf ihrer Haut, wie Elektrizität prickelte es, durchzog den ganzen Körper, ließ den Schädel schmerzen, ließ sie frieren, sich fast nach der Sonne sehnen.

„Du darfst nicht mehr fortgehen!”, traf es Janys Ohr.

Keine Bitte, ein Befehl.

Nie hatte der Schatten bisher Gehorsam eingefordert, stets nur wage Warnungen ausgestoßen, sie dennoch trotz allem, wenn diese ignoriert, mit offenen Armen empfangen, Trost spendend, nachsichtig.

Nie so bitter, nie so kalt, nie so voller … Was? Enttäuschung, Frust, Wut, Aggression…?

Jany sah nun auf, den Blick verhärtet, den Kopf zur Seite geneigt, die Zunge schnalzend, herausfordernd fast. Sie wollte den Schatten direkt ansehen, doch fand nur die Leere der Lichtung. Er war noch da, dass spürte sie genau. Er war nie weit, auch nicht außerhalb des Waldes. Er war nun mal ihr steter Begleiter, in Symbiose mit ihr; ihr Freund? Doch jetzt gerade wandelte er sich vor und in Janys Augen, er formte, überformte, verzerrte sich und gab ihr so in voller Absicht oder ohne eine Solche neue Kraft, stärkte ihren Willen. Sie konnte eine Leichtigkeit in sich spüren, wie schon lange nicht mehr; wie noch nie, wenn sie ehrlich war.

So ergab es sich nun, dass Jany sich zur vollen Höhe ihrer zierlichen Gestalt erhob, die Brille aufsetzte, das Kleid gerade rückte und die Lichtung verließ ohne noch einen Gedanken an den Schatten zu verlieren.

 

10

und wenn dann die Bäume sprechen könnten

Jany steuerte von Neuem und mit neu gewonnener Kraft den Sandfluss an, hatte dafür wieder die Augen geschlossen, vertraute ihrer Ortskenntnis bei Sicht noch nicht genug. Sie wollte vermeiden, sich ablenken zu lassen von all dem, was sie nun endlich sehen konnte.

Zurück an der Stelle, von der aus sie die Dunkelheit das erste Mal erblickt hatte, überlegte Jany, was als nächsten tun. Sie war davon überzeugt, dass die andere Seite, obgleich diese ihr gerade wieder im vollen Licht der Sonne entgegenstrahlte, die Antwort sein würde auf Fragen, die sie mittlerweile vergessen hatte zu stellen, die überhaupt in ersten Linie zu stellen, ihr noch nicht einmal in den Sinn gekommen waren. Dass es gerade in diesem Moment auf Seiten der anderen Welt auch Taghell war, zeigte für Jany nur, dass die andere Seite des Flusses mehr als die bloße Kehrseite all dessen darstellte, was ihr bisher bekannt war.

Ganz eindeutig, es herrschten dort andere Rhythmen, andere Regeln – es war eine andere Welt. Vielleicht war diese sogar bevölkert, gefüllt mit Menschen, welche auch für Jany in mehr als in Form reiner Spuren sichtbar waren, welche Jany einbezogen würden in ihre Gespräche, welche Jany verstehen konnte, welche Jany verstehen könnten, welche sie vor allem auch verstehen wollten.

***

An Ort und Stelle den breiten Fluss zu überwinden, stand außer Frage. Eine Brücke zu errichten, bedurfte Werkzeuge und sicherlich fremde Hilfe, Jany besaß weder ersteres noch konnte sie letzteres auch nur erhoffen. Was also blieb war, dem Verlauf des Sandes zu folgen und schmalere Stellen zu finden, Unterbrechungen gar oder am besten doch noch einen bereits geschaffenen Übergang zu erreichen.

Den jetzigen Standort als Startpunkt wählend, raffte Jany größere, abgeworfene Äste zusammen, verknüpfte diese mithilfe starker Ranken, band alles an einem der stämmigeren Bäume in nächster Nähe fest und legte ihr Werk quer und gut sichtbar zwischen Waldrand und Sandboden ab. Auch Steine sammelte sie zusammen, um ihre Laufrichtung zu markieren.

Flussabwärts erschien Jany sinnvoll, da sie ihre Hoffnung auf dessen baldiges Austrocknen gelegt hatte, obgleich „austrocknen” im Falle eines Flusses aus Sand wohl ein fragwürdiger Ausdruck war oder gewesen wäre, hätte der Sand nicht auch noch eine Fließrichtung aufgewiesen.

Aber ja, der Sand floss, natürlich tat er das, natürlich schlug er auch kleine Wellen, verfügte sogar über Strudel. Warum auch nicht, stöhnte Jany in sich hinein, das deutlich hörbare Kichern und Aufprusten in ihrem Nacken ignorierend.

Jany wusste, sie würde nicht in direkter Nähe zum Sandfluss wandern können – dass auch dieser ein Eigenleben, unabhängig vom Fließen selbst, führte, hatte sich überdeutlich in ihrer Erinnerung festgesetzt. Schon der Gedanke daran, ließ ihre Muskeln krampfen, brennen, versteifen. Was blieb, war ein Weg entlang des Waldrandes, wenn möglich oder aber ein Weg durch den Wald, wenn notwendig; durch einen Wald, so unbekannt, wie er weit war.

Doch vorerst kehrte Jany zu ihrer Lichtung zurück, lief die fremd-bekannte Strecke mit offenen Augen und auf aufmerksamen Sohlen.

Sie wollte, sie musste Ruhen. Sie würde ihre, durch die Ranken, aufgekratzten Händen, die sonnenverbrannte Haut, die geschundenen Füße kühlen. Wollte das Gesicht in der Quelle noch einmal sehen, empfand dessen Lächeln als nötige Bestätigung, als aufbauende Reflexion ihrer Entscheidung, als Balsam für Körper und Geist.

Der Schatten war nicht zu sehen, sie spürte ihn, doch er schwieg. Schien abzuwarten; auf ein Ende, einen Beginn, auf den richtigen Moment, auf einen Fehltritt… auf ein Wort von ihr.

***

Das sie keinen simplen Waldspaziergang vor sich hatte, kein einfach und zügig erreichbares Ziel, stand für Jany nie in Frage, und zeigte sich bereits nach kurzer Zeit.

Es gab keinen Weg, keinen Pfad. Niemand schien je einen Fuß in den Wald, entlang des Waldes gesetzt zu haben oder zumindest seit langem nicht mehr. Unberührte Natur unter ihren Füßen und vor ihren Augen, jedoch ohne Spuren, ohne Rufe, ohne Geraschel und Geknacke; unwirklicher Stillstand in bedrohlicher Stille. Als wagten es die Tiere nicht, sich in der Nähe des Sonnenlichts, zu nah am Sandfluss aufzuhalten. Als schickten sie eine stumme Warnung.

Jany hielt die Augen offen, die blanken Füßen aufmerksam und strich mit angespannten Fingerspitzen entlang der Strukturen um sich herum. Sie wollte sich die gegangenen Wege einprägen, sich nicht verwirren lassen durch die neue, die stumme, die befremdliche, die berauschend schöne Umwelt; wollte sich nicht in ihr verlieren. Oft genug musste sie ihre Schritte zurückverfolgen, um eine andere Strecke zu wählen, da der Pfad entlang des Waldrandes unbegehbar wurde, da sie vor unüberbrückbaren Hindernissen stand. Vor Baumstämmen wie Mauern, die es nicht zu überwinden gelang. Vor Felsen in Klippen, die sich unbesteigbar vor ihr erhoben. Vor dornigen Sträuchern, die zu umwandern waren und sie so tiefer in den Wald zwangen, dass sie sich bald in Gefahr glaubte, zu weit vom Sandfluss abzukommen.

Wenn sich aber die Möglichkeit bot, so hielt sie sich nahe am Fluss, lief sie am Rand des Waldes entlang. Dort standen die Bäume nicht so dicht zusammen, Licht floss beinahe ungehindert, ungebremst durchs Blätterdach. So war es merklich wärmer, wenn auch immer noch nicht heiß. Es war heller, knapp vor blendend und vor allem war der Waldrand artenreicher; Bodendecker, Sträucher, Gräser, Inseln verschiedenster Baumarten, die verwoben ineinander wuchsen, die dicht an dicht standen, die umringt waren von ihren Nachzöglingen. Alles im Kampf um das Licht, die Erde, das Wasser.

Wasser.

Woher kam das Wasser?

Tief in Gedanken versunken, verlor Jany das Gleichgewicht. Ihr linker Fuß in einer Schlinge, die sich braun, brüchig, dornig, nicht ablassend, fester zuzuziehen schien.

In ihrem Nacken kam ein leises Glucksen auf, zu laut im sonst verstummten Wald.

Mit knirschenden Zähnen schluckte Jany jede Bemerkung hinunter, befreite den Fuß und setzte ihren Weg fort.

***

Vorsichtig, stetig, langsamer als es die Bedingungen verlangten, kam Jany nun voran. Die Breite des Flusses nahm nicht ab und der Wald selbst kein Ende. Sie wusste zwar, dass sie schon ein gutes Stück Strecke hinter sich gebracht haben musste, aber auch, dass die Dauer ihrer Wanderung nicht viel über die Länge des beschrittenen Weges aussagte. Jany konnte nicht einschätzen, was noch vor ihr lag und was bereits zurück. Sie wusste nur, dass ihre Kräfte schwanden.

Sie wurde müde.

Bald würde sie nicht mehr umhinkommen mehr als nur eine kurze Pause einzulegen. Der Drang sich hinzulegen, die Augen zu schließen, zu schlafen, war inzwischen kaum mehr zu ignorieren.

Sie war unkonzentriert.

Dem betont unschuldigen Pfeifen zu ihrer Rechten schenkte sie somit mehr Aufmerksamkeit, als ihr lieb gewesen wäre.

Sie musste anhalten! Nur wo?

Betrachtete Jany die Bepflanzung um sich herum zu lange, zu genau, dann zuckten blaue Flämmchen auf und schlugen wild nach allen Seiten. Ganz so als hätte der Wald etwas gegen neugierige Blicke. Ein Knistern lag dann in der Luft, ein unaufhörliches Knacken, als läge etwas einem Stromzaun auf, ein Surren, wie vom Zählerschrank.

Geräusche des Hauses, der Stadt, menschlichen Zutuns.

Führten also Leitungen durch den Wald? Gab es Stromtrassen in nächster Nähe? War alles nur Kunst, nur künstlich, nur ein Schaubild der Natur?

Doch der Geruch war wie Wald, war wie verfliegende Tierspur, wie Regen nicht fern.

Janys Gedankengänge wieder im Kreisel, ihr schmerzte der Kopf, sie musste schlafen; egal wo sie war, ganz gleich wann, unabhängig vom Warum und vor allem der Frage nach dem Wer.

„Komm mit mir. Zurück zur Lichtung. Da bist du sicher. Da kannst du ruhen.”, säuselte es schließlich von allen Seiten, legten sich die Worte des Schattens über sie, deckten sie zu, wie Federbetten – warm, weich, viel zu schwer.

Jany schloss ihre Augen – Ein tiefer Atemzug. Luft in die Lungen, Luft halten bis die Bronchien schreien, bis ein Schwindel sich ausbreitet, bis die Fingerspitzen kribbeln und die Füße kalt werden. Ausatmen.

NEIN sprach Jany laut, verscheuchte den Ruf.

Wenn es eine sichere Lichtung gab, dann gab es bestimmt noch mehr davon und sie würde diese finden. Auch ohne die Hilfe des Schattens!

Sie zog wieder starke Äste zusammen, verknüpfte auch diese, legte das ganze als Kreuz geformt an der Waldgrenze ab und ging in den Wald hinein.

 

11

sich fern der Ruhe betten

Jany war erschöpft.

Alles was sie augenblicklich wollte, wonach sie sich sehnte, worauf ihr Leib sie drängte, war es zu liegen. Nicht mal ein weicher Untergrund wäre nötig, nur musste sie sich hinlegen… jetzt! Doch blitzend blaue Flämmchen säumten ihren Weg, rollten an Baumstämmen auf und ab, sprangen zwischen Ästen hin und her, tänzelten um sie im fröhlichen Reigen, immer wenn sie inne hielt. So stolperte Jany also weiter, die Augen halb geschlossen, die Glieder ächzend und schwer, die Schwerkraft deutlich spürbar auf den Schultern, in den Knien… Fast war ihr, wie nach Schlafwandeln, nach Taumeln, wie von Geisterhand geführt sein. Bald stützte ihre rechte Hand, eines Traumhandelns gleich, Janys Gewicht an einem der stärkeren Baumstämme. Die Rinde zu rau auf ihrer Haut, scharf, einschneiden, schmerzhaft, aber weckend; dann das Quietschen eines Fuchses.

Schnelles Blinzeln, gefolgt vom Strecken der Arme, Ausschütteln der Beine; ein rasches Erwachen, Aufmerksamkeit für den Moment.

Jany konnte sich das erleichtere Auflachen nicht verkneifen, zu froh war sie nun endlich wieder spürbar von Leben umgeben zu sein. Je weiter sie in den Wald vordrang, desto deutlicher ließen sich Spuren von verschiedensten Tieren erkennen, ganz so, wie es sein sollte, wie sie es sich wünschte.

Leise Streitgespräche unter Meisen, Warnsignale und Aufflattern von Eichelhähern, Empörung vom Sperber, welcher wohl vertrieben das Weite suchte. Janys Freude war ein wenig gedämpft, denn noch immer sah sie nichts von all der Aufregung, konnte nur vermuten, nur die Spuren deuten. Erdachte sich die recht bunt befederten Häher dazu, die blitzschnellen Greifvögel, die kleinen Meisen – nein, der Gesang zu verschieden, zu unterschiedlich, mehr als nur die eine Art – was wusste sie schon über Vogelgesang? Leider brauchte es nach wie vor ihr geistiges Auge, um das aufgewühlte Erdreich, die Kratz- und Nagspuren, den strengen Duft in Kategorien zu pressen, um dem Wald Leben einzuhauchen.

Janys Sein wurde letztlich erfüllt von der klebrig-leichten Luft, der kalt-heißen Last, genoss die geräuschgewaltige Stille und wollte sich nur noch auf dem Boden zusammenkauern. Sich vom Piepsen und Trällern, dem Flügelschlagen und Grabgeräusch in den Schlaf wiegen lassen. Nur noch träumen vom Bald, vom Anders und der Nacht. So senkten sich letztlich ihre Lider und sie gab sich der Schwere ihres Seins hin – nur kurz, ganz kurz, dann würde sie weitergehen…

***

Ein Kribbeln in der Armbeuge.

Ein Krabbeln auf dem Bein.

Ein Zucken in den Fingern.

Ein Stechen im Gesicht.

Sie war im Schlaf überrannt wurden von einer Armada aus Ameisen, Käfer, Bremsen… Kleingetier, was lief, was hockte, was stach.

Jany starrte entsetzt auf sich, kniff die Augen zusammen, sprang auf, ruderte wild mit den Armen, strich die Handfläche über Gesicht und Haar, Arm und Bein, Torso und Rücken. Klopfte sich die Schultern ab, die Füße und wieder von vorn. Vertrieb die Insekten, aber wurde das Gefühl auf Haut nicht los. Ein Brennen, ein Vibrieren, kalt und heiß im Wechsel; Schmerzen, nicht bloß ein Echo.

„Du hättest auf mich hören sollen. Ich hätte dich geführt. Was nun? Was glaubst du?”

Die Worte des Schattens ließen Jany aufmerken: Konnte er Recht haben? Wäre sie besser aufgehoben in seiner Obhut? Er hatte sie schließlich noch nie im Stich gelassen. Alles was er verlangte war Gehorsam.

Gehorsam.

Hingabe.

Blindes Vertrauen.

Sie ignorierte ihn und seine Wünsche. Ihr Atem schon entspannter, beruhigte Nerven, nur noch ein Erinnern auf der Haut.

Jany prüfte den korrekten Sitz ihrer Brille, öffnete die Augen noch brennend von zu wenig Schlaf, noch ausgetrocknet von zu viel. Sie strich sich ein abschließendes Mal langsam übers Haar, die Arme, die Beine, das Kleid, schüttelte den Kopf. Dann drehte sie sich, fand das Erdreich ausgegraben an bekannter Stelle, Kratzspuren am Stamm neben sich, Duftmarkierungen vor sich und folgte dem Weg, den zugehen sie unterbrochen hatte.

Mit ihr zogen die Rufe des Waldes, zurückblieb ein Grollen, fast ein Fletschen des Schattens.

***

Die so rüde unterbrochene Pause gab Jany nicht genug Kraft, um zurück zum Sandfluss zu gehen, um ihre Reise fortzusetzen, ohne Gefahr zu laufen erneut an Ort und Stelle zusammenzusacken, an Stellen, wie der gerade eben, an Orten, welche womöglich noch ungeeigneter waren.

Der Schatten folgte ihr nun still, doch spürbar. Er umkreiste sie mit einem Male, zog voran, dann kurz nach links, nach rechts, wieder vor, ward plötzlich ungesehen. Für Minuten, für viele Meter lief Jany ungestört, bis er schließlich geschwind auf sie zu kam.

„Komm mit mir.”, eine Aufforderung.

„Vertrau mir.”, eine Bitte.

„Ich will nur helfen.”, ein Flehen.

Er hatte sie doch noch nie im Stich gelassen, so sagte Jany sich erneut, so überzeugte sie sich schließlich selbst und folgte ihm langsam, angespannt, mit Bedacht auf die Lage der Bäume um sich und dem Weg unter ihren Füßen.

Er hatte ihr immer geholfen. – Er war fast ein Freund. – Er war mit Vorsicht zu genießen. – Er wollte nur ihr Bestes. – Er verlangte zu viel…

Als sich der Wald schließlich vor ihren Augen auftat, entschwand ihr ein schwerer Seufzer, entknotenden sich krampfende Muskelknäuel in ihrem Rücken, rutschten die Schultern ein spürbares Stück tiefer und erhoben sich ihre Lippen zu einem schwachen, aber ehrlichem Lächeln.

***

Die Lichtung war kleiner, als die ihrige. Licht ergoss sich durchs lichtere Blätterdach, dichtes Gras überdeckte den offenen Boden, keine Sträucher diesmal, keine Pilze, drei kleine Felsen entlang eines Baches aus klarem Wasser, der sich ohne sichtbaren Anfang und mit abrupten Ende quer durch die Rasenfläche zog. Starke Bäume bewachten das Kleinod, standen im Kreis dicht beieinander, doch mit ausreichend Abstand, um Besuch zu gewähren.

Janys leuchtende Augen blieben auf dem winzigen Bachlauf hängen, während sie sich zu den Felsen begab, sich ohne Bedenken niederlegte und die Augen schließlich schloss.

Wasser ist Leben.

12

der Stillstand

Ausgeruht, erfrischt, mit Elan, begeistert, ohne Zweifel… all das hätte Jany nur zu gern empfunden, als sie nach unbekannter Zeit aus ihrem traumlosen Schlaf hochschreckte.

Ihr war bloß seltsam kalt, nein, ihr war heiß… die Körpertemperatur im Ungleichgewicht, stellenweise eiskalt – die Finger, die Füße, die Wadenrückseite, eine Handbreit über den Knien, drei Fingerbreit der Innenseite ihrer Unterarme, dann wieder von Innen heraus verbrennend – der Brustkorb, zwei Handbreit der Oberschenkel von der Hüfte aus, die Füße erneut; unlogisch. Ein Wechselspiel von zu kalt und zu warm, ein Spiel, was zu spielen Jany ablehnte.

Die Nachwehen des Insektenangriffs, der Schmerzflut, der sensorischen Überreizung…

Insekten… … Eine jede Art passend zum Reiz.. Insekten?

Unlogisch!

Aber Jany hatte sie gesehen! Warum auf einmal? Noch nie war ihr die Sicht auf das Leben im Augenblick des Geschehens gelungen.

Waren sie das Abbild oder die Abwehr des Waldes?

Hatte ihr Geist sie lediglich erdacht?

„Wasser ist Leben.”, legte sich die sanfte Stimme des Schattens über sie und brach ihren Gedankenkreisel. Mit verquollenen Augen sah Jany sich um, blinzelte einige Male gegen die leicht verschwommene Sicht an, betrachtete das Gras vor sich genauer und entdeckte einen glitzernden Tautropfen. Prominent ruhte dieser auf der Wölbung einer Grashalmspitze, lag wie eine Perle auf – unwirklich statisch. Erst als Jany Abstand nahm und ihr Blickfeld erweitere, erkannte sie die unzähligen Tröpfchen um sich herum. Im Gras ringsherum, auf den kleinen Felsen im Rücken, an Baumstämmen zu allen Seiten…

‚Wasser ist Leben‘

Als Janys Blick schließlich auf den Bachlauf fiel, erkannte sie, dass sie sich diesmal nicht im Wasser abgekühlt hatte, wie sonst immer, wenn zu ihrer Lichtung, zu ihrer Quelle gelangt war. Vielleicht war diese Reizverwirrung ja gar nichts Neues, vielleicht war es ihr bisher einfach nur nicht aufgefallen, denn vielleicht war es das Wasser, was sie immerzu heilte, was ihr Gleichgewicht auszurichten vermochte? …‘Wasser ist Leben‘…

Lebenswasser für sie und für den Wald – unsichtbar außerhalb der Lichtungen, unterirdisch vielleicht; geheimnisumwoben, kraftvoll.

Mit gezwungener Ruhe und Gelassenheit legte Jany sich nun in den kleinen Bachlauf hinein, ließ das Kleid sich vollsaugen, eines verdurstenden Wesens gleich, benetzte das Haar, wusch den Waldschmerz von den Gliedern und ward wie Neugeboren.

***

Die Strecke zurück zum Sandfluss nahm Jany mit ausgesprochener Leichtigkeit, erfühlte den Weg mehr als das sie ihn sah. Sie traute sich einfach nicht zu genau hinzusehen, weder vertraute sie den Bäumen so ganz sich an Ort und Stelle zu halten, noch wollte sie riskieren erneut in blauen Flammen zu stehen.

Der Schatten, sich wohl ihres Zutrauens sicher, hatte sie scheinbar verlassen, ließ sie zumindest allein für den Moment. Wieder am Waldrand angekommen, löste Jany das Kreuz aus Ästen und Ranken auf und verband das Material zu einem breiten Balken, den sie am Wegrand als Streckenposten, als Markierung und Absicherung zum Wiederfinden der Lichtung, zurückließ, obgleich der ungleiche Schmerz, der Temperaturirrsinn, die visuelle Schau, bloß noch entfernte Erinnerung war.

Lichtungen mit Stamm-Umzäunung, kleinen Felsen, dichten Rasen und Wasserkörper sollten es sein; anscheinend, augenscheinlich, offenbar.

Ein spezieller Schutzbereich; wie für alles in dieser Welt, in diesem Leben – ihr Zimmer, die Regentage, die Lichtung im Wald. Rückzugsbereiche: abgeschlossen, eingekapselt, umhüllt… nur für sie… für sie allein.

***

Für eine gute Weile lief Jany ohne auf Hindernisse zu stoßen, aber auch ohne dass der Sandfluss an Breite abnahm. Im Gegenteil er schien zu wachsen und trieb sie so weiter in den Wald, mitten durch die konkurrierenden Bepflanzungen, noch immer unter dieser Grabesstille, die so im Gegensatz zum Artenreichtum um sie herum bestand. Zu Hören nur die eigenen Schritte, der schwere Atem, ein zunehmendes Knirschen zu ihrer Rechten; die Bewegung von Geröll im Fluss – nein, das Grollen des Flusses. Reibungen in den Strudeln des Sandes, Aufschlag der Wellen gegen Barrieren, Anstieg der Lautstärke in gewichtiger Strömung.

Wollte der Fluss womöglich über einen Wasserfall aus Treibsand springen und in einem Sandsee münden?

Hieß das dann ein Abgrund im Wald, ein Riss durch das Land, ein Nicht-Weiterkommen, ein Niemals-Ankommen?

Das Treffen auf einen Wall vor sich, unterbrach Janys Weg mitsamt ihrer aufkommende Schreckensvorstellung.

Ein Felsen, eine Wand aus Stein, türmte sich vor ihr auf, grenzte an den Sandfluss zur einen Seite und zog sich tief in den Wald zur anderen.

Wie tief, das würde Jany nicht erfahren, da sie sich nach einigen Metern durch eine Felsspalte gedrückt hatte und nun inmitten des Felsens, wie zwischen zwei Mauern stand.

***

Blanker Steinboden unter den Füßen; Wärme, beinahe angenehm. Helligkeit ohne sichtbare Lichtquelle; kein Spiel aus Licht und Schatten. Verschluckte Geräusche; kein Grollen, kein hörbares Atmen, kein deutliches Auftreten. Gelb rechts, grün-braun links, grau vor ihr und im Rücken, blau, wenn sie den Kopf in ihren Nacken legte; wie Farbkleckse, nein, sauber abgegrenzte Farbflächen. Ein Malbuch nur mit Hintergründen, nicht sehr detailverliebt.

Nach wenigen Schritten dann eine Formation aus Steinen – kleine Felsen säulenähnlich zu einer Schnecke geformt.

Dahinter dann wieder eine Mauer.

Janys Neugier war geweckt und sie folgte dem Verlauf der Felsen, lief hinein in den bewegungslosen Strudel, der das Sonnenlicht verschluckte und die Temperatur abfallen ließ, in dem es jedoch nach wie vor hell, fast schon grell war. Am Schluss des Schlangengangs stand eine Sonnenuhr, die keine Zeit anzeigte, anzeigen konnte, da beleuchtet durch dieses stete Oberlicht, das nun mehr künstlich wirkte. Drei Säulen auf der Rückseite der zeitlosen Sonnenuhr verziert mit Abbildungen von stehengebliebenen Chronometern; festgefrorene Zeit.

Rotes Graffiti auf Marmorgleichen, milchig-weißem Untergrund. Eine jede Uhr zeigte eine andere Zeit, ohne klares Muster, nur wild durcheinander – so sinnvoll, wie gar keinen Zeitmesser zu besitzen.

Kunst? Ein Code? Nur ihre Idee von Uhrdarstellung? Zufall?

Der Möglichkeiten viele, ließen Jany lediglich mit einem Gefühl der Leere zurück. Hier, umgeben von Leblosigkeit, von schreiend lauter Stille, von Licht ohne Schatten. Die Zeitlosigkeit umgeben von Uhr-Piktogrammen zog den Verlust ihrer eigenen Uhr, ihrer bekannten Routine wieder an die Oberfläche ihrer Gedanken. Es war eine Sache nur grob zu wissen, wie viel Zeit an einem vorbeigezogen ist. Den Tag, das vergehen von Stunden verknüpft über feste Rhythmen, aufgehängt an willkürlichen Orientierungsdaten – Tagesbeginn, wenn das Holz der Treppe knarrt, Nacht, wenn man die Augen schließt im eigenen Bett, die Zeit dazwischen abgemessen durch die Zeiger unterm Klebeband. Jany vermisste es, vermisste nun alles, da es ihr schließlich in den Sinn zurückgekommen war.

Warum war ihr all das entfallen, als sie blindlings nach der Dunkelheit, nach etwas Neuem suchte?

Weshalb hatte ihr die Sicherheit des Hauses und der Lichtung nicht genügt?

Was wollte sie wem beweisen?

Wut, Zweifel und Verzweiflung…Verzweiflung, Zweifel, Wut – ein Windzug kam auf, umwirbelte sie, einer Windhose gleich.

„Ich hatte dich gewarnt.”, fiel es als Antwort auf ihre stillen Fragen von allen Seiten auf sie nieder.

„Du bist hilflos.”, hallte es im Marmorwald.

„Kein Wunder, dass du allein bist.”, legte es sich kalt um ihren Nacken.

Sie wollte sich wehren, dem Schatten sagen, dass er im Unrecht war, dass die Situation nicht ihre Schuld sei, dass sie es sich nie ausgesucht hatte hier und jetzt zu sein, in diesem Vakuum zu leben… zu existieren, denn leben ist doch sicher etwas anderes!

Doch Jany blieb stumm. Erdachte sich nicht einmal die so wichtigen Argumente zur Gegenwehr, zum Auflösens dieses, ihres Gedankenreigens. Der scheinbar schon immer da war, mit ihr wohnte, mit ihr reiste und sie einfach nicht loszulassen schien. Sie musste mehr als bloß Worte finden, um ihn endlich zu durchstoßen, dessen war sie sich bewusst, doch selbst für Worte fehlte ihr nur allzu oft die Kraft.

Ohne den stehenden Uhren noch einen Blick zu schenken, rannte sie los, heraus aus dem Strudel des Stillstands, zu einer Spalte im Felsen auf der anderen Seite der Leere aus Stein.

Jany kam erst zum Stehen, da sie wieder am Waldrand stand, den Sandfluss rechts von sich, nun wieder breit, wie zu Beginn ihrer Reise – kein Sandfall also, kein See, kein Abhang; keine Änderung.

13

und die Stille

Die Wegstrecke verblieb nun ohne weitere Störungen, fast eines simplen Wanderwegs gleich, beinahe schon ein fester Pfad; ausgetreten seit langer Zeit.

Jany mutmaßte kurz sich auf einem Wildwechsel zu befinden, doch das erschien unwirklicher noch, als der Gedanke, dass Reisende vor ihr hier entlang gekommen waren. Wanderer von der anderen Seite des Flusses, deren Weg an der Mauer seinen Abschluss gefunden, die den Felsspalt nicht bemerkt, die sich vielleicht in den Tiefen des Waldes verirrt hatten oder enttäuscht umgedreht waren, zurückgekehrt zum Bekannten, wiedervereint mit den Ihrigen, mit ihrem Zuhause.

Die Stille des Waldrandes kam Jany jetzt noch lauter vor, als vor ihrem Durchtritt durch die Wand aus Stein, vor der Felsformation, vor den absurden Uhrpiktogrammen. Das Tierleben noch immer verschwunden, in Ton und Spur, kein Lüftchen regte sich in den Pflanzen, kein Knarzen im Geäst, auch der Sandfluss blieb ruhig, bewegungslos, wie erstarrt. Selbst ihr Atem, der Herzschlag, die Schritte verstummt. Sie sollte etwas in die Stille rufen, so kam ihr in den Sinn. Sie könnte auch singen oder monologisieren, einfach ihrer eigenen Stimme lauschen und sich und die drückende Stimmung im Selbstgespräch vergessen. Sie sollte, sie wollte… Doch ihr Hals war wie zugeschnürt, drückte sich mehr und mehr zusammen mit jedem Meter, den sie lief. Es war als hätten sich Finger um diesen herumgelegt – fast konnte sie jeden einzelnen von ihnen spüren; lang und knochig, eiskalt und heiß, kraftvoll und gnadenlos; ihre Luft abschnürend. Und so fühlte sie bald das leichte Brennen der Lungen, den beginnenden Schwindel, die Taubheit, welche Stück für Stück durch ihren Körper zog. Doch sie wollte nicht aufgeben, sie wollte nur noch weiter, zum Ende des Weges.

Also schritt sie voran in Geräuschlosigkeit und Stillschweigen auf tonlosen Wegen, versenkt in Grabesstille mit nichts als sich selbst zur Ablenkung. Verständlich, dass Jany den plötzlich heranrollenden Krach im eigenen Kopf beinahe genoss. Ein gewaltiges Rauschen, da sich alle je gehörten Geräusche zu einem Orchester der Erinnerung zusammenfügten und jeder Wimpernschlag eine neue Strophe hinzu schrieb, jedes Ohr eine andere Tonlage wiedergab; lauter, immer lauter, fast betäubend – was ihr schon wieder ironisch erschien, aber auch einen erschreckenden Gedanken mit sich brachte.

Abrupt blieb Jany stehen, sah sich um und suchte einen der solideren Baumstämme auf. Sie klopfte so stark dagegen, wie es in ihrer fliehenden Kraft lag. Denn sie musste sichergehen, dass es hörbar sein würde. Dass es sogar das Grollen des Sandes übertönen könnte, gäbe es dieses noch und dass es vor allem den eigens inszenierten Sturm ihrer Nerven übertraf. Ganz nah hielt Jany ihr Ohr dabei an den Stamm, als stände sie vor verschlossenen Türen und lauschte ins Innere eines Hauses in Erwartung Rütteln an Türgriffen, Schritte auf Treppenstufen, Umdrehen von Schlüsseln zu hören. Jany hielt vor lauter Anspannung auch noch den letzten Rest des Atems an, den sie nicht mehr wahrnahm und schlug dreimal, im Takt von Sekunden, deren Ticken sie noch gut im Ohr hatte, gegen das starke Holz.

‚Tick, Tick, Tick‘, drang es durch Janys Gedanken

‚Tock, Tock, Tock‘, entgegnete ihr dumpf der Baumstamm.

Das Gehör funktionierte also, es musste einfach!

Nicht ganz zufrieden, aber überzeugt genug zog Jany weiter auf diesem ach so leichten, wenn auch zermürbend ruhigen Weg. Auf wackeligen Beinen und mit dröhnendem Schädel, überwand sie ein gutes Stück Strecke ohne dass der Sandfluss ein sichtbares Ende fand oder auch nur ein bisschen schmaler wurde.

Fluss, Wald, Pfad eine einzige Wiederholung, bliebe sie stehen, das Bild wäre das gleiche; eine Szenerie in Endlosschleife; Gleichförmigkeit.

Ihren Unmut herauszuschreien, kam Jany wieder in den Sinn, doch zu deutlich fühlte sie die Umklammerung ihres Halses. Auch wusste sie inzwischen nicht mehr so recht, ob ‚Unmut‘ das passende Wort für ihre Gefühlslage darstellen konnte. Sie empfand mittlerweile eher etwas, wie Resignation und obgleich sie nicht erschöpft war, wollte sie nur noch ruhen, sich zusammenkauern, dem Gesang des Waldes, nicht ihrer Nerven, lauschen und die Zeit abwarten bis dass sie diese wieder würde spüren können.

„Bring mich zur nächsten Lichtung.”, bat Jany schließlich stumm in das Nichts hinein.

Der Schatten trat wortlos hervor, bedeckte sie schützend, griff nach ihrer Hand und so zogen sie gemeinsam, wieder vereint, wie zu Einem verwoben, tiefer in den Wald hinein.

***

Die Lichtung, nun noch winziger als die Vorherige, umzäunt aber mit Bäumen, ausgelegt mit Rasen, bestückt mit kleinen Felsen und einem Wasserkörper, wenn dieser auch mehr einer Pfütze gleichkam, als allem anderen. Diesmal leuchteten ihr wieder ein paar Pilze und Blüten entgegen. Oh und wie froh war Jany, da sie auch endlich das so vermisste Zwitschern, das Flattern, das Rascheln und Kratzen zu hören bekam. Ein kleines Lächeln der Zufriedenheit konnte sie sich nicht verkneifen, obgleich ihr inzwischen eher nach Aufgeben zumute war, lauschte sie über das Tierleben hinweg und in sich hinein.

Als sie sich schließlich niederlegte, neben die Steine mit Blick auf das Nass, fühlte sie sich leicht und schwer zugleich, kniff ihre Augen zusammen, atmete nun hörbar tief, schnell fast, über die Nase ein und aus und erwartete seine schneidende Rede. Wartete auf Worte, die ihre Zweifel untermalen würden, die aber auch stets den Wunsch auszulösen vermochten dem Schatten und sich selbst das Gegenteil zu beweisen, die Kraft gaben der Windhose ihrer Gedankenwelt zu entfliehen.

Jedoch, die Worte, die sie so verachtete, die sie so sehr brauchte, erreichten Jany nie. Der Schatten wachte nur schweigsam über sie, sichtbar zwar, aber sie nicht störend.

Er verblieb auch stumm, da er Jany später zurück in die Stille führte, in welcher sie gleichfalls schweigend ihren Weg fortsetzte bis dieser sich endlich wandelte, sich verschloss und sie zwang in den Wald zurückzukehren und wie schon zu Beginn ihrer Reise die Strecke ganz dem Prinzip ‚Versuch und Irrtum‘ zu finden und sich wieder auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.

Vergessen die Unmusik der Nerven, akzeptiert die Stille ihres Seins; beinahe, fast, ein wenig.

14

rundherum entgegen ziehen

Das Suchen und Finden begehbarer Pfade fand zu schnell wieder ein Ende und so lief Jany erneut, wie schon ewig?, auf geradem Weg ohne Hindernisse, ohne Wandel in Bild und Ton, ohne Zeitgefühl.

Die Bitte eine neue Lichtung aufzusuchen, um zu Ruhen, obgleich sie fit war, um zu Lauschen nach unsichtbarem Leben, um einfach zu Sein, lag Jany bald wieder auf der Zunge. Sogar der Gedanke die Brille abzunehmen, nur um die Bäume springen zu sehen, sich selbst im Wandel zu verlieren, flackerte kurz auf und später würde sie nicht mehr sagen können, ob es ihr tatsächlich ernst gewesen war. Ob sie, um dem drögen Nichts zu entgehen, die Reise, die Suche, ihr Sehnen nach etwas Neuem, etwas Anderem aufgegeben hätte. Denn natürlich hätte der Schatten sie gerettet, hätte sie ungefragt zu einer Lichtung gebracht, da wo die Bäume immer festverwurzelt waren, da wo Jany auch ohne Hilfsmitteln den Platz nur wechselte, wenn sie dies wünschte. Ja, der Schatten würde sie führen und sie würde ihm folgen: in den Schutz einer Lichtung, mit Baumzaun, Felsenkunst, Rasenteppich, Wasserkörper, Tierspur und angenehmer Wärme. Nur, es wäre kein Zwischenstopp, kein einfaches Ausruhen bis der Geist wieder willig ist – sein Ziel wäre ihre Lichtung und damit das Ende ihrer Reise. Sie konnte beim besten Willen nicht sagen, ob es ihr dann gelingen würde je wieder die Kraft aufzubringen und den Weg noch einmal zu gehen.

‚Geduld und Zuversicht‘, kam es Jany mit der Stimme der alten Weisen in den Sinn. Das Medaillon um ihren Hals glühte wie zur Bestätigung auf, erinnerte sie an Worte, an ein Mantra welches sie sich selbst gewählt hatte vor so unbestimmbarer Zeit.

‚Geduld und Zuversicht‘ wünschte sie sich nun als Wegbegleiter.

Mit festem Griff am Medaillon und starrem Blick in die vorausliegende Ferne geheftet, trieb es Jany nun wieder erstarkt voran.

***

Bald schon führte der Pfad, der wie vorgegeben unter ihren Füßen lag nach links, nur um dann wenige Meter später rechtsherum zu schlagen, dann zurück zu führen; in Gänze einen Kreis bildend.

Verdutzt überlegte Jany, ob sie nun in einer Wendeschleife, in einer Sackgasse gelandet war. Doch der Ring hatte nicht zurück zu den Weg geführt, von dem aus sie gestartet war, sondern lief erneut in einer kurzen gerade Strecke weiter, bevor er dann wieder nach links einschlug und den nächsten Kringel zu formen begann.

Ein Verlassen des Pfades kam nicht in Frage, da dornige Sträucher diesen zäunten, welche sich wie von Zauberhand nur beim Einstieg in den Folgekreis öffneten.

Jany drehte ab, lief zum Ausgangspunkt zurück, um zu sehen, ob es günstiger wäre den Drehweg zu umwandern und sich durch den tieferen Wald zu schlagen.

Nur gab es kein Tiefer-in-den-Wald-hinein, denn unweit vom eintönigen Waldrand waren nur noch Stämme zu sehen –  in Reih und Glied sperrten sie den weiteren Zugang zum Rest der Waldfläche ab. Es war Jany bis zu diesem Augenblick nicht aufgefallen, dass zwar der Pfad unter ihren Füßen unverändert lag, sich aber alles andere in solch neue Züge gewandelt hatte; zu sehr war sie in ihre eigene Gedankenwelt versunken gewesen, zu sehr hatte sie auf Veränderung gewartet, um diese zu bemerken.

Was blieb, wäre entweder ganz umdrehen, die eigenen Schritte zurückverfolgen bishin zum Anfang vom Ende oder aber weiter voranzuschreiten, den Kreiselweg zu gehen und das Ziel zum Startpunkt zu finden.

***

Noch ein letztes Mal tief Luft holend, begab sich Jany nun auf den direktesten Weg am Sandfluss entlang und bemühte sich dabei sehr die Ironie dahinter nicht zu bemerken; dieser zumindest nur wenig Beachtung zu schenken. Ein Kopfschütteln konnte sie sich dennoch nicht verkneifen. Auch nicht die Überlegung, dass dieser Pfad, umwachsen von Sträuchern, die dank ihrer Dornen keinerlei Abkürzung zuließen, doch unmöglich dem Zufall entsprungen sein konnte. Ein Weg, wie eine Aufgabe. Erdacht, geschaffen, zu prüfen den Wanderer.

Sollte diese Strecke auf der Suche nach einem Weg zur anderen Seite des Flusses den Reisenden prüfen oder gar abschrecken? Galten die Erschwernisse den Bewohner ihrer Seite des Landes, ein Zusatz zur Grenze des Sandflusses, ein Versuch die Menschen im Land zu halten oder ein Abhalten der Anderen einzudringen?

Janys Gedankengang umschlängelte den Kern ihrer Fragen so unumwunden, wie der Pfad unter ihren müden Füßen sich in die Länge zog.

War ihre Welt ein Gefängnis?

Nie hatte Jany wirklich hinterfragt, wo sie war und warum. Wen hätte sie auch fragen sollen, wo doch niemand mit ihr sprach. Immer war sie davon ausgegangen, dass ihre Erinnerung schon noch zurückkommen würde, dass sich ihr das Wer und Wann erschließen wird im Laufe der Zeit. Nun aber, da sie auf dieser sinnlosesten aller Strecken unterwegs war, im Kreis lief, um doch gleichzeitig den direktesten Weg zu gehen, empfand Jany es beinahe unmöglich die Umstände, in denen sie so etwas wie lebte noch in eine nachvollziehbare Logik zu pressen.

Sie erinnerte irgendwie Einiges, erklärte sich damit die Welt, in der sie wandelte und fragte sich gleichzeitig, ob es nicht besser gewesen wäre, alles und jeden von Neuem zu begegnen, ohne das Hintergrundrauschen eines löchrigen Gedächtnisses. Bestimmt war doch alles, wie es gehörte und nur sie verstand es nicht recht, bezweifelte jetzt sogar jeden Umstand. Das hatte sie vor der Begegnung mit der Dunkelheit nie getan. Damals, vor langer Zeit, obgleich erst Tage her, hatte sie sich einfügen gelernt, hatte sie ihren festen Platz in dieser Welt; einen Platz zumindest.

Jetzt da Jany wortwörtlich Kreise um sich drehte, vermisste sie das Früher, die Routine, ihr tagtägliches Gleich umso mehr.

„Dir bleibt immer umzukehren.”, bemerkte die Stimme des Schattens fast süßlich.

„Ich führe dich zurück.”, schloss er an.

Jany schluckte hörbar, fand keine Worte dagegen und lief schweigend weiter.

***

Die Füße schmerzten, die Beine wurden schwer und schwerer, Blut tropfte aus Schnitten, gewonnen in Zusammenstößen mit der Bepflanzung, Augen schlossen sich im Sekundentakt.

„Ruh dich aus. Es wäre kein Aufgeben. Es wäre ein Einsehen.” Des Schattens Worte, wie Honig. Sie umflossen Jany, klebten an ihr, gaben kurzfristig Kraft, während sie Energie kosteten beim Verdauen.

„Der Weg ist umsonst gelaufen, du wirst sehen. Ein Abenteuer lediglich. Aufzugeben ist keine Schande. Es sollte halt nicht sein.”, hafteten seine Worte, wie Kletten, kitzelten fast angenehm, zerstachen sie zugleich.

Wieder eine Linkskurve, ein paar Meter geradeaus, eine Wende rechtsherum und ein Stück zurück.

„Gibt es überhaupt ein Ziel, wenn Leben heißt laufen auf der Stelle, wie im Rad.”, schlugen die Worte, wie Steinchen auf Jany ein, kleine Löcher in vielen Wunden.

Erneut führte der Pfad nach links, dann geradeaus.

„Ist es das Schinden wert?”, flog ein letzter Brocken in ihre Richtung.

Ihr Medaillon fest umklammernd, den Schatten standhaft ignorierend, stolperte Jany unbeirrt weiter und erreichte schließlich den Ausgang des Dornenweges.

„Bring mich zur nächsten Lichtung!”, brach ihre Stimme nun hervor. Es war kein Flehen diesmal, sondern ein Auftrag, der keinen Widerspruch duldete.

15

steter Tropfen höhlt den Stein

Jany betrachtete die neueste Lichtung kaum genauer. Sie hatte sich unter den kleinen Wasserfall gelegt und genoss nun jeden Lebenstropfen auf ihrer Haut. Der Schatten schwieg. Er brauchte nichts mehr zu sagen, seine Worte hatten sich inzwischen vollkommen eingebrannt, eingeschleppt in ihre Gedankengänge, zogen Bahnen längs ihrer Überzeugung, verwoben sich mit dem Urzweifel, welcher seit ihrem ersten Erwachen auf Aufmerksamkeit drängte, Beachtung einforderte in zu stillen Momenten, nach Träumen vom Gegenteiligen, in wachen Augenblicken umgeben vom bekannt Befremdlichen. Halbparasitären Pflanzen gleich – Halt suchend am Stamm, dem Sonnenlicht entgegen strebend, im Kronendach zuhaus, sich selbstversorgenden durch Fotosynthese, aber Wasser und Nährstoffe dem Wirt entnehmend, ihn schwächend dabei, ihn mehr Hülle werden lassend, das Leben aussaugend; langsam, stetig, unaufhaltsam.

Janys Augenlider flattern auf, ihr Blick starr, der Atem gezwungen ruhig, ein Stechen im Brustkorb. Sie war erschöpft, noch immer erschöpft. Zu laut auf einmal das bedeutende Schweigen des Schattens, dröhnend fast die Stimmen im eigenen Kopf. Sie wollte nicht zum bloßen Hohlkörper nagender Gedankenkreise werden; nicht ohne Gegenwehr. Ihre Lider fest verschließend, zog sie das Wasser, wie eine schützende Decke über sich, sperrte sich vor dem Rest der Welt, den unangenehmen Vermutungen, den überlauten Behauptungen, den bohrenden Möglichkeiten.

Die Lichtung, das Fleckchen Grün, lag diesmal still um Jany herum. Die Tierwelt schlafend, in der Ferne lauernd, aus dieser Ecke des Waldes vertrieben, diese nie erreicht habend… Sie glich einer Kammer in Größe und Form. Zusammengekauert passte Jany genau hinein, unter das Wasser, umringt von Fels, gespickt mit Gras, eins, zwei Pilze als Dekor. Die Wand, das Dach der Bäume angeschmiegt, beinahe bedrückend. Der Wasserfall, die Lebensquelle, regnete sanft auf sie nieder, verlor sich im Untergrund, hinterließ keine Spuren am Boden; versorgte im Geheimen den Wald.

***

Auf wackligen Beinen fand Jany ihren Weg zurück zum Waldrand, sah, wie gewohnt den Fluss aus Sand unter blendendem Himmel, die Konkurrenz der Arten im Halbschatten der Bäume, das Spiegelbild dazu auf der anderen Seite; immer dasselbe.

Nach einer Drehung nach links schritt sie dennoch voran, weiter auf ihrem Weg, auf ihrer Suche nach dem Neuem.

***

Was nun folgte, waren ereignislose Tage des Wanderns unter denen Jany auch den letzten Begriff für Zeit verlor.

‚Tage‘ stand nur noch für ‚die Zeiträume zwischen Zwangspausen‘, welche sich immer schneller und unter größerem Druck einforderten, die sie aber auch nicht zu sehr in die Länge zog, ziehen wollte, denn ohne Zeitgefühl, ohne eindeutige Zeitmesser, stand sie nur noch unter Zeitdruck. In dieser ihrer Welt der Stille, des Stillstands, des Kreiseziehens, der Ziellosigkeit schien die Zeit, so relativ diese auch ist, zu rasen, ihr durch die Finger zu rinnen, zähflüssig, gebremst, gestaucht, gebrochen und wieder von vorn.

Der Schatten schwieg derweil, wenn auch unter hörbar knirschenden Zähnen, dass es ihren Unterkiefer schmerzte. Wie lange sie schon unterwegs war, blieb für Jany nicht mal mehr zu vermuten. Verzerrt in Übererinnerung die Einschätzung seit wann genau es sie unablässig in die unklare Weite zog. Mit jedem Schritt schienen sie drängender, aufdringlicher die Fragen nach dem Wann und Wie weit – zu welchem Zeitpunkt die Unbewohnbarkeit ihres Hauses sie in den Wald vertrieben hatte und ob sie dem Ziel jenen Fluss aus Treibsand zu überwinden tatsächlich ernsthaft näher kam. Ungewiss war inzwischen auch, dass sie überhaupt vorankam und neue Bereiche ihrer Welt erkundete, dass sie nicht bloß mit jedem Eintritt in den Waldrand, mit jedem Blick zum Ufer des schier Unüberwindbaren lediglich erneut an derselben Stelle stand. Dass sie nicht einfach den gleichen Abschnitt im gewechselten Gewand wieder und wieder zu überwinden suchte. Dass ihre ganze Reise nicht mehr war als die Wanderung in einem Laufrad.

Ihren Kopf schüttelnd, wie zum Verneinen des nagenden Zweifels, erinnerte Jany sich abermals daran – versicherte sich selbst – dass doch schließlich der Wald, der sich früher so sprunghaft verhalten hatte, zur Ruhe gekommen war, seitdem sie ihre goldene Brille trug und die Welt durch gelbe Gläser sah.

„Doch kannst du dem Zauber tatsächlich trauen?”, flüstere es, wie aus ihrem Munde.

NICHT

Jany zischte um sich. Widersprach sich selbst, wollte den Schatten ausbremsen, welcher scheinbar nur zu gern ihre zweifelnde Gedankenwelt bestätigen wollte; warm, klebrig, sie einschließend, sich um sie drehend – rundherum und wieder von vorn… Blätter verwirbelt im Wind…

Doch war es das? War genau so das wahre Leben? Hätte ihr das klar sein müssen? Die Normalität einer ständigen Wiederholung des Ganzem, die andauernd neue Bestätigung alter Erfahrungen? Hieß das nun Alltag? Ihre Reise auf der Suche nach etwas Anderem verdichtete sich mit jedem weiteren Meter zu einer Situation, die ihrem Leben vorher auf absurde Weise glich…

Wieder ein Kopfschütteln, dann ein Ausstoßen gehaltener Luft, ein verschlucktes Aufstöhnen und schließlich das Fortsetzen der Wegstrecke.

Ein Ankommen, ein Ziel, ein Ende als Anfang – Jany wollte es so gern! Wollte diese, ihre Reise. Wünschte sich Realität in ihrem Traum von einer neuen Welt. Verlangte etwas anderes, als die Gleichförmigkeit ihres Lebens, dieses Weges, welcher ständig neu und altbekannt unter ihren Füßen wuchs.

Ein Knallen plötzlich, dann ein Pfeifen, ein Aufheulen, Geröll am Himmel der Gegenseite; Gewitterstimmung. Dunkelheit brach ein, im Abstand zweier Herzschläge. Eine pechschwarze Wand, wie ein Vorhang herabgelassen und die beiden Landflächen, die Welten trennend. Der Fluss, noch immer im Sonnenschein, lag diesmal wieder laut und grollte, war aber beachtlich schmaler als sonst. Schlug nun wild um sich – in hohen Wellen, wie Lawinen über das Ufer hinaus in Richtung der Schwärze. Ein Sturm herrschte drüben, ohrenbetäubend der Wind, kein Lüftchen bei ihr.

Jany war mehr beeindruckt als erschrocken und hielt den Blick auf das Schauspiel gerichtet, während sie unbeirrt weiterlief.

„Pass auf!”, durchbrach der Schatten mit dröhnender Stimme den Sturm.

Janys blieb abrupt stehen, die Warnung mehr als deutlich hallte noch in ihren Ohren. Der Treibsand floss direkt vor ihr und spukte eines Geysirs ähnlich Sand aus. Erst hoch in die Luft, ungezielt, dann die Richtung wechselnd, aber nicht einfach zurück… plötzlich wie Hände, flach, gestreckte Finger, gespitzte Nägel, wie Krallen fast. Weit aufgerissenen Augen, Beine unbeweglich, steif, wie angewurzelt, beim nächsten Atemzug, den zu nehmen Jany kaum wagte; pfeilartig schossen die Sandfluten auf sie zu, griffen nach ihr. Ohne nachzudenken, langte Jany nach dem Baumstamm neben sich, krallte sich fest, umklammerte ihn schließlich, den Blick nie vom Sand abwendend, welcher nun an ihren Füßen zog. Sie zu holen, zu verschlingen. Um dann doch abzulassen, sich erneut in die Höhe türmend, gewaltiger werdend.

Jany ließ zügig vom Stamm ab, bevor auch dieser ihr schaden konnte und rannte blindlings einige Meter zurück.

Der Fluss zog sich scheinbar endlos nach links durch den Wald vor ihr, erzeugte eine Grenze, einen Grenzzaun, riegelte einen jeden Wanderer ab, schloss ihn ein. Der tobende Fluss zu ihrer Rechten setzte sich ebenfalls unaufhaltsam weiter fort, schlug seinerseits Wellen, in Richtung Dunkelheit; der Grenzsand vor ihr also nur ein Ausläufer. Ein Kapillargefäß nur, eines Systems unbekannter Größe. Schmal genug es zu überspringen, mit ausreichend Druck die geringe Breite in Höhe wett zu machen.

Was nun?

***

„Dreh um! Du siehst es geht nicht weiter! Ich bringe dich in Sicherheit. Es ist keine Schande!” Doch die Worte des Schattens fielen diesmal auf taube Ohren. Jany wollte nicht umdrehen, nicht aufgeben, nie mehr aufgeben!

Der Schatten hatte sie gehört, er hörte jedes ihrer Worte; ganz besonders wenn sie schwieg.

„Ich werde dir nicht mehr helfen ziehst du weiter!”, drohte er.

Jany ignorierte auch dies. Statt einer Antwort sah sie sich um, betrachtete die Baumstämme genauer, starrte sie an und war befriedigt, als sie schließlich blaue Flammen sah. Die Hände nah der Funkenschlagenden Rinde, den Blick zum Sandfluss vor sich. Drei tiefe Atemzüge später griffen die Flammen eiskalt nach ihrer Haut, breiteten sich aus, übergossen sie frostig und wandelten sich zu Insekten. Krabbelnd, stechend, saugend, beißend – nicht logisch, nie real! Ein Gedanke, an welchem Jany ebenso standhaft festhielt, wie nun am Baumstamm selbst. Die Knie zittrig, der Kiefer steif, ließ sie die Armada über sich rennen, diesmal ohne Gegenwehr. Ließ alles in ihre Knochen fahren: den heiß-kalten Schmerz, das Kribbeln unter der Haut, das Zucken der Muskeln bis es letztlich zu einem Gefühl wurde, bis nur noch Kälte herrschte, bis die Insektenformen sich zurück in Flammen wandelten. Erst dann ließ Jany ab, rannte, wie um ihr Leben, rannte sicherlich für ihr Leben.

Sie übersprang den Fluss, brach auf der anderen Seite zusammen und wurde vom Sand gepackt. Heiß umschloss dieser ihre Beine, zog Jany zu sich. Doch sie schlug ihrerseits, wie wild um sich, schrie wütend auf, trat aus und krabbelte dabei rücklings in Richtung Waldrand. Sie tastete blindlings nach Wurzeln und krallte sich schließlich an diesen fest, bis der Sand seinen Griff nach langem Kampf letztlich lockerte, sich zurück zog, schließlich ruhte; fast schon unschuldig kaum noch floss.

„Zur nächsten Lichtung finde ich selbst!”, japste Jany nach Luft, schlug die letzten blauen Flämmchen aus und schwankte unbeirrt tiefer in den Wald.

16

Träumen am See

Das Wasser lag spiegelblank vor ihr. Es funkelte, glitzerte mit Steinen, wie Diamanten am Ufer. Ein riesiger See im Meer aus Blüten über Rasenuntergrund, bestimmt. Sitzfelsen, wie Wohnzimmer. Sofa aus Stein, Armstützen berankt, Kissen aus Moos. Der Zaun der Bäume weit gezogen; die Lichtung größer noch als das Haus im vergessenen Leben. Stämme mächtig – hoch gewachsen, Kronendach kaum sichtbar. Deko-Pilze im Halbschatten – stolz die Köpfe reckend. Strahlen der Sonne wärmend, alles überdeckend, nicht gleißend, nie blendend. Summen, Zwitschern, Rascheln. Geruch nach Wald im Regen, nach Bergluft und Meer – feuchte Erde, muffig, abgebranntes Holz, auch klar, fast dünn, kühl, energetisch, dann kraftvoll, salzig, spürbar auf der Zunge; keine Duftmischung, kein Überlagern, ein Wechselbad im Zug der Windrichtung.

Unlogisch.

So ganz anders, als ihre Vorstellung von, ihr Erinnern an, den Aufbau, den Ablauf der Natur, des Systems, entgegen dem: ‚so sollte es sein‘.

Wunderschön.

Ein Wiederaufflammen ihrer schmerzende Haut ließ Jany das heilende Bad im See nehmen, ließ sie alles akzeptieren, was sie sah, ließ sie zur Ruhe kommen, wie lange nicht mehr, wie noch nie. Das Sofa dann bequemer, als es erlaubt sein sollte. Ihr Schlaf traumlos und tief.

***

Das Gesicht aus der Quelle begrüßt Jany zum Morgen, zum Aufwachen, zum Abschluss ihrer Nacht.

Sie hatte es vermisst, ihr Lächeln, ihr Zunicken, ihr Zwinkern, ihre offenen, ehrlichen Augen. Jany hatte sie schmerzlich vermisst, dass bemerkte sie erst jetzt so richtig, jetzt da sie es wiedersah nach all Zeit. Augenblicklich kam ihr in den Sinn, dass sie sich damals, in einem anderen Leben, vor ein paar Tagen, stundenlang hatte verlieren können beim Anblick des Quell-Gesichts. Sich hatte einlullen lassen von dessen bezirzender Natur, Stund um Stund ohne Gedanken an die Dinge, die man tun könnte, die noch zu tun wären – umgeben, geschützt, gehalten von einem Kokon; oh, wie sehr sehnte Jany es jetzt danach!

Und so blickte sie nun sich selbst? ins Gesicht, so sah sie nun ihre Reflexion?, so versank sie erneut in den Tiefen dieser, ihrer hoffnungsvollen? surrealen Träume, so sank Jany nieder und ergab sich dem Sog des Wassers, der Lichtung.

***

Das Leben machte endlich Sinn. Sie spürte die Ruhe, die Gelassenheit, die Kraft zum Weiterwandern… Doch vorerst sehnte sie nach dem Pausieren auf der Lichtung, nun ihrer Lichtung, geschützt, in Watte gepackt, abgeschottet von alldem was ihr drohte, vor alldem, was in Frage zu stellen wäre. Allein und für sich in dieser Stätte zum Ruhen.

***

Jany verbrachte ihre Tage mit traumlosen Träumen, in Wärme, in Frieden, ohne Sehnsüchte, ohne Wünsche nach mehr, ohne Gedanken an Vorher, ohne Hoffen auf Zukünftiges.

Sie verlor sich im Anblick der Quelle, verbrachte Stunden damit die Seiten der Diamantsteine zu analysieren, die Blätter der Blüten zu zählen, dem Leben des Waldes zu lauschen, Pläne zu schmieden, wie die Umgebung der Lichtung am besten zu erkunden sei… schon bald, schon bald würde sie weiterziehen und nach dem neuen Leben suchen… schon bald, ganz sicher, bestimmt.

17

Kampf gegen Windmühlen

Ein Grollen, dann ein Knall weckten Jany aus ihrem Schlaf, ließen sie aufblicken, den Himmel absuchen. Ein gleißend weiß-blaues Licht durchschnitt ihr Sichtfeld.

Dunkelheit legte sich über die Lichtung.

Dunkle, regengeschwängerte Wolken hatten sich zusammengezogen, malten die Nacht, wo es sonst keine gab.

Sturmböen, eisiger Hagel.

Wieder ein Grollen, ein Knurren fast – nicht über ihr, aus dem Wald heraus.

Ein Beben der Erde, ein Rütteln, ein Schieben, ein Knirschen, ein Bröckeln… ein Aufklaffen des Bodens.

Plötzlich… eine Erinnerung… ein Kinderlachen… dann Nichts.

***

Jany erwachte in Scheiß gebadet, mit wildem Herzschlag, mit Rauschen im Ohr.

Die Lichtung lag da, im Sonnenschein, in Ruhe, in Wärme, in friedlicher Unschuld.

Ein Traum, der erste seit dem Finden der Lichtung.

Ein Traum, mehr ein Weckruf, mehr eine Warnung, mehr ein Auftauchen.

Sie war aufgesprungen und rannte los ohne auch nur noch einen Blick zum See, zum Wasser, zum Versinken in sich selbst. Sie wollte zurück zum Waldrand, zurück ihrer Suche  – ganz gleich wie lang, wie verwoben, wie hart…

Alles war besser als sich zu verstecken!

Denn das Voranschreiten, wenn auch nur langsam, verzögert, ausgebremst… das Weitergehen, sich dem Unbekannten Stellen, sich Endgegenstämmen, Aufbäumen, größer machen als man ist… mutig sein, um Hilfe bitten, Entscheidungen treffen und daran festhalten, diese verwerfen, wenn angebracht… sich dem Schicksal fügen, es annehmen, sich darin zurechtfinden, es in die eigene Hände nehmen… auf dem gesteckten Pfad verbleiben, neue Abzweigungen suchen… hieß ‚Leben‘.

***

Sie lief und lief, fühlte sich fast beflügelt… bis sie schließlich das Ende des Weges erreicht hatte, am Ziel ihres Anfangs stand, bis es ihr fast den Atem nahm, da sich vor ihr lediglich die Astgrenze erstreckte, welche den Startpunkt, den Beginn ihrer Reise markiert hatte.

„Ich hatte dich gewarnt.”, erklang die mitleidige Stimme des Schattens. Jany hatte diesen lange nicht gehört, hatte ihn nicht vermisst.

Hätte ihr ein solcher Ausgang bewusst sein müssen? Hätte es von Anfang an klar sein sollen, dass es kein Ende gab, kein Ziel, keinen Übergang in eine andere Welt, keine Hoffnung aus ein neues Leben?

Nein!

Gab es also eine Erklärung? Hatte sie die Wegstrecke irgendwann zu weit verlassen und war tatsächlich abgekommen vom Pfad? Beim Pausieren auf den Lichtung vielleicht… ein verquerer Austritt aus dem Wald… aber warte… nein, ihre Markierungen bezeugten ihr jedes mal den richtigen Weg. Was, nur was war passiert?

„Es sollte halt nicht sein.”, umkreiste sie der Schatten mit sanfter Stimme, „Füge dich in dein Schicksal.”, wirbelte er weiter, „Es ist nicht deine Schuld.”, rundherum, rundherum, „Ich bin für dich da!”

Jany war nach Weinen, nach Schreien, nach Um-sich-schlagen. Es dämmerte ihr allmählich, was das Problem der Wegstrecke war, was es demnach immer sein würde; der Schatten führte es ihr gerade vor.

Der Fluss aus Treibsand umschloss den Wald, der wiederum die kreisförmige Stadt, die verdorrten Grasflächen, die Felder und ihr Haus umzäunte: Schicht um Schicht, kein Anfang, kein Ende. Der Weg am Fluss entlang ein Kreis am Rande ihrer Welt, ein Kreislauf, rundherum, rundherum.

Wie angewurzelt stand Jany nun am Waldrand, am Start- und Endpunkt ihrer Reise, umklammerte ihr Medaillon mit festem Griff und starrte zur anderen Uferseite hinüber. Hin zu einer Welt, die ihrerseits Kreise zog, welche in Gänze Janys Welt umschlossen… rundherum, rundherum.

***

„Komm mit mir.”, säuselte der Schatten, weil ihr ein ‚Bring mich nach Hause.‘ auf der Zunge lag.

Bis mit einem Male ein Kinderlachen, ein Jauchzen ihr Ohr erreichte, da ein Geruch nach Meer die Luft schwängerte, da Jany ein kleines Kind mit rotem Käppi in Richtung Wand verschwinden sah. Das Medaillon noch immer umgriffen, wusste Jany jetzt, was zu tun ihr übrig blieb, was das Einzige war, was sie tun konnte und machte sich bereit, den Blick fest nach wie vor zur anderen Seite, zur fremden Welt gerichtet…

„Bist du dir sicher?”, brachte der Schatten ihre Gedanken zum Stillstand.

Ein tiefer Atemzug.

„Du siehst alles durch die Gläser deiner Brille. Erinnere dich, wie sehr sich deine Wahrnehmung dadurch verändert hat.”, rationalisiert er weiter.

Ein Halten der Luft in den Lungen.

„Woher willst du wissen, dass das, was zu siehst nicht viel mehr deiner Vorstellung entspricht, als dem, was wirklich da ist?”

Ein Schließen der Augen.

„Wie kannst du so sicher sein, dass die andere Uferseite dir überhaupt etwas zu bieten hat.”

Ein langsames Ausstoßen des Atems.

„Bleib hier! Denn hier weißt du, was dich erwartet.”

Jany öffnete ihre Augen und rannte los. Sie übersprang den Sandfluss bis zur Mitte, wurde dort von einer glühend heißen Welle erfasst und sank hinab zum Unbekannten, den Blick dabei bis zuletzt fest zum Ufer gerichtet, mit einem Lächeln auf den Lippen. Denn sie wusste für ein Weiter, ein Anders, ein Neu musste sie die Tretmühle, den Kreis durchbrechen, musste sich selbst Zutrauen entgegen bringen, Selbstvertrauen beweisen, nicht mehr fliehen, sondern wagen. Nur so würde sie das Ziel, ihr Ziel erreichen können.

Epilog

Sattes grün, sanfte Brise, ein Geruch nach Meer.

Salz liegt in der Luft, kein Wasser in Sicht im strahlenden Sonnenschein; Wiese umgibt, Wald am Horizont.

Sie fühlt sich wohl, geborgen, eingehüllt in Licht und Wärme.

Lachen in den Ohren; ein junges Kind hüpft auf sie zu. Springt jauchzend von Grasbüschel zu Grasbüschel, gleich wird es sie erreicht haben.

Ende

Schattenseiten sonniger Tage_Teil 2

Teil 2

5

der Name Jany

Sattes grün, sanfte Brise, ein Geruch nach Meer.

Salz liegt in der Luft, kein Wasser in Sicht im strahlenden Sonnenschein; Wiese umgibt sie, Wald am Horizont.

Lachen in den Ohren; ein junges Kind hüpft von dannen. Springt jauchzend von Grasbüschel zu Grasbüschel, gleich wird es im Wald verschwunden sein. Zu sehen nur noch ein rotes Käppi – sie ist allein.

Sie fühlt sich wohl, geborgen, eingehüllt in Licht und Wärme.

Plötzlich ein Knirschen, wie splittendes Glas.

***

Jany erwachte zum Schein der Sonne, welcher unnachgiebig durch die Lücken dicker Vorhänge sickerte.

Wie am ersten Tag ihres Erwachens – gab es einst etwas anderes?

Ein ferner Gedanke, schon vor langer Zeit verdrängt. Die Erinnerung einer Ahnung aus der Ferne des Geistes, aus dem Strom der Zeit ans Ufer gezogen, gehievt, mit Mühe und Not gerettet, wie sie selbst aus den Fängen des Treibsandes.

Sie hatte in Gefahr geschwebt oder nicht?

Für einen kurzen Moment nur, nah unbekannter Tiefe.

Ertrinken im Sand.

Das Erinnern daran voll verdünnter Farbenpracht. Undeutlich, verwirrend, fern, ferner, bald wie durch die Augen eines anderen Menschen verloren in haarstreubenden Worten wilder Erzählungen.

Die spürbare, wenn auch kurzlebige, Unbeweglichkeit ihrer Glieder beim ersten Versuch das Bett zu verlassen, bezeugten das Erlebnis, das eigene Erleben…

Gerettet vom Schatten.

Ein Schatten, der Schatten, immerzu wechselnd und doch gleich.

Ihr fremder Begleiter, welcher stets aus dem Nichts hervortrat, hatte Jany schweigend, doch gleichermaßen soviel sagend, zurück zum Haus begleitet, wie schon am ersten Tag. Wie schon so oft, wenn sie sich im Schein der Sonne verloren glaubte. Immer ungefragt, eilte er ihr zu Hilfe, brachte sie zurück, führte sie in die Sicherheit… ob sie wollte oder nicht.

***

Ein Stöhnen entwich Janys Lippen, als sie sich schließlich aufzurichten begann; die Nachwehen des unfreiwilligen Sonnenbades noch immer deutlich spürbar. Ein Ziehen in den Muskeln, weit mehr als ein Zeichen von Überanstrengung, die Haut gerötet und nach wie vor erhitzt, ihr Blick leicht eingeschränkt durch grell leuchtende Flecken im Sichtfeld.

Genervt von den Schmerzen, von der eigenen Unachtsamkeit, ihrer Schwäche und vom Sonnenschein verließ sie das schmale Bett, blinzelte ein paar mal gegen die hellen Punkte an, warf das lange, weiße Kleid über und suchte das Bad auf, um sich Kühlung zu verschaffen.

Die Tür zu ihrem Zimmer ließ Jany angelehnt, er würde heute nicht noch einmal heraufkommen, obgleich sie den Morgengruß verpasst hatte. Es gab stets nur den einen Hinweis zum Start in den neuen Tag.

Sie tastete sich durch den fahl beleuchteten Hausflur zur gegenüberliegenden Seite. Ein schwaches Ächzen der Dielen unter geschundenen Sohlen, ihr schwerer Atem bei jedem Auftreten; die sechs Schritte bis zum Badezimmer ein langer Weg an solchen Tagen.

Wie jeden Tag lag der Flur unverändert vor ihr. Mit rein weißer Tapete, einem kleinen Wandschrank zum Gegenstoßen, einer verschlossenen Holztüre am Ende des kurzen Wegs. Unverändert lag auch das Bad da, das sich die Zwischenwand mit dem abgeriegelten, offenbar unbewohnten Raum daneben teilte. Ein paar Deckenlichter fluteten sanft, fast kraftlos, das Kühl des dunklen Raumes. Nur eine Reflexion im tiefdunklen Blau übergroßer Fliesen zeigte sich Jany nicht. Nicht das sie noch danach suchte. Vor allem nie nach Sonnentagen, wie dem letzten. Sie war fast schon davon überzeugt, dass alle Reflexion an solchen Tagen zu erschöpft war, um aus dem Schutz des Bettes zu kriechen – schließlich musste es Kraft kosten zu reflektieren, ein Bild zu schaffen, was nicht der eigenen Vorstellung entsprach, sicherlich nicht immer entsprechen konnte, galt es doch alles und jeden wiederzugeben. Janys Gedanken kreiselten mal wieder, erschufen sich Erklärungen für Dinge und Sachverhalte, die es nicht zu verstehen galt in dieser Welt.

Auf leicht wackeligen Beinen sich umsehend, lag dieser kalte, unpersönliche Raum so ganz typisch in der Ausstattung, mit Ausnahme eines milchverglastem Spiegels, der ohne rechten Nutzen die gesamte Seite der Zwischenwand einnahm. Das Zimmer war in Gebrauch, zumindest durch sie, doch wer auch immer das stetig hörbare Chaos im Erdgeschoss beseitigte, schien auch diesen Bereich nach jeglichem Gebrauch in seinen Urzustand zurückzuversetzen; nie sichtbar, immer spurlos. Diese Mainzelmännchen-Aktionen brachten sie nicht mehr aus der Ruhe. Der Un-Spiegel aber sorgte für neuerlichen Schwung in Janys etwas verschrobenen Gedankenkreisel, welcher sich immer zu drehen pflegte, nicht bloß angetrieben durch die Folgen der Sonne und ihrem unfreiwilligen Bad in den unsicheren Gewässern des Sandes. Kein Spiegel! Ein Rätsel? Ein Scherz? Dekoration? Ein simples Kunstwerk? Ein Gegengewicht zum überladenen Wandschmuck des Treppenhauses oder zum Blauton der Fliesen? …

***

Kaltes Wasser tropfte noch aus ihrem Kleid, als Jany einen letzten, inzwischen unbehinderten, Blick über ihr karges Reich gleiten ließ, bevor sie, die schon seit langem aufgeschobene Runde durch das Haus antrat.

Grau in Grau vom Putz die farblosen Wände, braun die samtenen Vorhänge, das Parkett frei von Teppichen. Die durch zu kurze Gardinen nie ganz verdeckten Fenster gegenüber der dünnen Holztür. Ein wackliger Stuhl am, mit Folie überdeckten, Schreibtisch, daneben ein Sessel, ebenfalls in braun, diesmal aus Leder. Auf der anderen Wandseite das schmale Bett bezogen in weißen Leinen. Ein kleiner, runder Tisch rechts vom Kopfende, als Platz für die stetig frisch bereitgestellte Wäsche, rundete die Einrichtung ab.

Der belanglose Raum rief vergrabene Geschichten wach und immer dieses Kinderlachen; Jany träumte von diesem Lachen, kannte dieses Zimmer, das Haus, die Bewohner. Ein Gefühl von verstaubten, weit zurückliegenden Erlebnissen, das sie weder genau zu fassen noch ganz abzuschütteln vermochte. Inzwischen aber wusste sie nicht mehr so recht, ob sie das Erinnern, das Verstehen des Ganzen überhaupt noch wollte.

Zu Beginn hatte Jany sich das Erinnern, wenigstens die Spur einer Ahnung von Klarheit so sehr gewünscht, dass es fast wehtat. Doch nach all der unbestimmbaren Zeit ermüdete sie dieser Wunsch nur noch, war sie Willens fast alles hinzunehmen, ohne Rückfragen zu stellen, auf die sie ja doch nur keine Antwort erhielt. Sie fürchtete sich beinahe vor neuen Erfahrungen, Entdeckungen, welche zu Fragen führen könnten. Fragen, die zu groß wären, um sie zu übersehen, denen sie nicht mit einfacher Ignoranz aus dem Weg gehen können würde. Jany wollte nur noch ihre Ruhe und doch… und doch… die Dunkelheit, die Kühle der Nacht, die andere Seite des Sandflusses ließen sie nicht mehr los. Ganz neue Fragen flackerte in ihr auf, zogen all die alten mit ans Licht – belebend und einschüchternd zugleich.

***

Langsam stieg Jany die Treppe hinab, schenkte den Rehbockschädeln und präparierten Mufflon-Köpfen, die einen Jeden aus hohlen, leeren Augen hinterher zu blicken pflegten, keine Beachtung – Dekoration, Zeichen eines anderen Lebens, Nachweise eines ‚Damals‘ unter Staubschichten eines ‚Heute‘; für Jany nie von Relevanz.

Im Vorflur kam sie zögernd zum Stehen, die schmutzig-weißen Bodenfliesen, die teilweise locker, stellenweise gebrochen, immerzu kalt waren, schenkten ihr weitere Abkühlung, während sie ins Hausinnere hinein lauschte.

Die Stille traf sie laut.

***

Beim ihrem ersten Erkundungsgang durch das kleine Haus war Jany unbedacht und voller Neugierde dessen Räumlichkeiten einfach im Uhrzeigersinn abgelaufen. Hatte zu ihrer Linken eine schmale Küche in beigen Tönen mit zum Vergessen einladender Ausstattung vorgefunden. Der Kühlschrank übervoll, die Schränke halbleer. Eine Eckbank und zwei Stühle drängten sich um einen kleinen Tisch, der gedeckt war für drei Personen und einem leeren Gedeck am freien Platz auf der schmalen, mit abgewetzten Polstern bezogenen Wandseite der Sitzbank; für niemand Bestimmten, für einen Gast, vielleicht für sie.

Jany verspürte weder Hunger noch Durst, verspürte dies auch heute nicht, wollte es aber so gerne spüren; verspürte es nie. Dennoch saß fast täglich, stets für sich, auf dem freien Sitz, roch den Duft gegessener Speisen und zählte die Krummen am Boden.

Eine Schiebetür führte sie in den großen Wohnbereich, dessen Tür vom Treppenhaus aus immer geschlossen war. Einfache Möbel aus altem Holz und abgenutzten Sitzgelegenheiten auf noch belangloserem Läufer in Kaki. Regale ohne Bücher, Schränke ohne Inhalt, ein geordnetes Chaos staubiger Alltäglichkeiten in Zimmerecken, zwischen Sofakissen, hinter Vorhängen als Kontrast. Das zur jeder Unzeit trällernde Gramophon prominent auf dem Couchtisch. Ein Zimmer voll vergessenen Lebens, das Jany damals wie heute auf Zehenspitzen durchschritt, um nicht zu stören, nicht zu verweilen.

Auf der rechten Seite des Wohnbereichs schloss sich ein kleiner Flur an, der drei weitere Türen zu unbekannten Räumlichkeiten barg. Vom Geruch her beherbergte das eine Zimmer, eine weitere Badestube, die anderen waren verschlossen, ließen aber tiefe, raue, vom Alter gebrochene Stimmen vernehmen. Zwei Herren gemeinsam, für sich versunken in unverständlicher Artikulation, in der Etage darüber ein leeres Zimmer und ein blinder Spiegel; nichts zu sehen, nichts zu verstehen.

Die Fenster des Häuschens, gleich dem ihres Zimmers, waren allesamt abgehängt, die Räume so nur sanft beleuchtet, dennoch stickig und warm.

Alles wie am ersten Tag, alles wie immer… nur die Stimmen, das Küchenradio, der Plattenspieler schwiegen sich und Jany an diesem Tage überdeutlich an.

Es gab zu alldem noch ein Kellergeschoss, in dem Jany abermals vor verschlossenen Türen gestanden hatte und auch an diesem Tage stand. Mit Ausnahme eines winzigen Räumchens am Ende eines langen Ganges, auf welches sie nun zusteuerte.

***

Eine alte Dame im rotem Gewand hatte Jany damals lächelnd und mit gemächlichen Kopfnicken willkommen geheißen; drei Bewohner in drei Räumen passend zu drei Gedecken am Tisch. Der Schemel, auf welchem sie ruhte, stand inmitten des kleinen Zimmers, das sonst ohne Einrichtung auskam. Es war halbdunkel, wie der Rest des Hauses, aber angenehm kühl. Dem lächelnden Nicken war ein Monolog aus wild zusammengewürfelten Silben gefolgt, frei von jeglicher untermalender Gestik und Mimik. Jany, sich diesem schweigend ergeben, verließ das alte Weib nach unbestimmter Zeit mit ebenjener Uhr beschenkt, auf dessen Reparatur sie augenblicklich wartete.

Erst nachdem sie dem Wortschwall nachsinnend wieder ihre eigenen Räumlichkeiten betreten hatte, war Jany überhaupt aufgefallen, war ihr klar geworden, dass sie nicht recht wusste, wo sie eigentlich war. Ein wohliges Gefühl in der Magengrube, was von Bekanntheit sprach, hatte sie beim Aufwachen das Befremdliche nicht erkennen, die Situation nicht in Frage stellen lassen. Doch nun… doch nun…

Warum war sie hier und seit wann?

Für wie lange?

Weshalb stellte sie sich diese Fragen überhaupt jetzt erst?

Mit der Erkenntnis, kam das Entsetzen.

Jany erinnerte sich an nichts mehr vor ihrem Erwachen in diesem Zimmer, an diesem Ort, vor dem Knarren, dem Rütteln, dem Knacken, weder an ihr Leben, noch an ihren Namen.

Was war geschehen?

Sie war augenscheinlich unverletzt, hatte sich frei durch das Haus bewegen dürfen, könnte dieses bestimmt auch verlassen… Sie war nicht in Gefahr, nur allein… sie war hier zu Gast…

Das wird es sein, so dachte sie schließlich. Eine Kopfverletzung oder dergleichen und sie war zur Erholung in diesem Haus, das so bekannt und doch so fremd erschien.

Sie würde einfach abwarten.

Alles würde sich entfalten mit der Zeit und nun besaß sie ja sogar eine Uhr.

Ihre wilden Gedanken auf dem Weg zum Rationell ließen sie die ersten Tage im Haus verweilen; lauschend, abwartend.

Als sie letztlich doch loszog, in der Hoffnung, die Welt werde klarer, verständlicher sein und den Sinn zurückbringen, den sie so schmerzlich vermisste, gab sie sich den Namen ‚Jany‘.

Man brauchte schließlich einen Namen, um von der Welt angesprochen und wahrgenommen zu werden. Bestimmt hatte man auch ihr einst einen gegeben.

Sie war kein Kind mehr, dessen war sie sich beim Blick auf ihre Figur sicher.

‚Jany‘ gefiel ihr und war die einzige Silbe im Monolog-Wirrwarr der alten Dame, welche für sie einen Wohlklang besessen hatte.

***

In all der Zeit, welche dem ersten Tag und der Begegnung mit der Dame gefolgt war, hatte Jany das Kellergeschoss nicht mehr betreten. Sie fühlte sich voll Scham ihrem Unverständnis den sicher gutgemeinten Worten gegenüber und hatte die alte Weise erst wieder aufsuchen wollen, wenn sie hinter ihr Geheimnis gekommen wäre.

Diese Entscheidung schien ihr damals so logisch, so klar. Jedoch ihre Begegnung mit der Nacht und den von Neuem entstandenen Fragen, dessen Beantwortung sie nun ersehnte, dessen sich offenbarende Möglichkeiten ihr neue Kraft gaben, neuen Mut, neue Bestimmung, führten Jany zurück in den Keller, durch den Gang, hin zum Räumchen. Hin zur lächelnden Dame, welche ihr sicherlich Ruhe und Verständnis bringen würde, deren Vorhandensein selbst so geheimnisvoll erschien, wie eine Nacht mitten am Tage…

***

Der Raum war leer.

Sie war allein.

Das Zimmer glich vielmehr einer Abstellkammer, fensterlos und gefüllt bis unter die Decke mit Dosen und Kartons; ohne eine Spur von Zauber, erstaunlich normal. Ein vollkommen anderer Raum, surreal nur durch seine Existenz. Lediglich der Schemel, jetzt ganz an den Rand geschoben – unbesetzt – stand noch als stummer Zeuge dieser traumgleichen Begegnung des ersten Tages. Für Jany machte der Keller so sogar mehr Sinn, obgleich sie ihre Enttäuschung nicht verneinen konnte. Doch ein Untergeschoss voller Vorräte und ohne alte, lächelnde Damen war vielleicht der erste richtige Schritt zurück in eine Welt mit Sinn und Verstand, mit Logik, mit Klarheit… Gerade da sie noch immer ein wenig verdrossen kehrtmachen wollte, entdeckte sie ein Medaillon auf dem Kissen des Schemels ruhend. Es erinnerte sie an die seltsame Frau, funkelte farbenfroh und ließ sie gleichzeitig in sich ruhen. Ein Rätsel wie der nächtliche Tag. Kein Sinn und Verstand, schon weil für Jany die Inschrift unverständlich war und doch so seltsam bekannt, genau wie die Worte der alten Weisen damals… irreal… Wer braucht schon Logik und Klarheit?

Das Medaillon fest umklammert und mit neuem Willen nicht länger im Stillstand dieses Lebens zu verweilen und einfach abzuwarten, verließ Jany den Keller, das Haus, das Bekannte.

 

6

Vom Schatten im Licht

Die Sonne würde sie nicht mehr stoppen!

Jany wollte nun endlich Antworten auf Fragen, die sie längst zu stellen verlernt hatte. So ging sie wie immer hinters Haus, kroch im Schatten der Rhododendronbüsche entlang, schlüpfte durch den Tannenhain und schloss die Augen. Sie wusste sich den Weg zurück zur Nacht zu erfühlen, hatte genau aufgepasst, hingefühlt, die Schritte gezählt, die Abzweigungen nachvollzogen, während der Schatten sie nach Hause gebracht hatte.

Was sie vorfand, ließ Jany kurz den Atem stocken.

Ja, es war die Waldgrenze, ja, da war der Sandfluss unter freiem Himmel und ja, dieser durchschnitt den Wald, bot den Blick auf die andere Seite, in eine fremde Welt, jedoch… jedoch…

„Ein Trugbild. Nichts weiter. Es gibt hier kein Dunkel. Ich hatte dich gewarnt. Sei nicht traurig.” Der Schatten legte sich mild über sie, säuselte ihr unaufhörlich beruhigend ins Ohr: „Ein Trugbild. Nichts weiter. Blinde Sehnsucht. Ists gefährlich. Komm mit mir. Bleib bei mir.”

Der Schatten, ihr steter Begleiter, seit dem ersten Ausflug zum Wald.

Immer sanft, stetig sprechend von Sicherheit, vom Grenzen kennen, vom nichts riskieren, von Geborgenheit, von der Unsinnigkeit Antworten zu suchen, auf Fragen, die doch selbst noch unbekannt waren, von der Leere ihrer Träume.

Jany hatte sich damals nur zu gerne einlullen lassen vom Schatten; die Welt um sie herum schien ihr kalt und unverständlich, er bot ihr Rückhalt und ein offenes Ohr, zeigte ihr den Weg, wenn sie sich verloren glaubte.

Gemeinsam kehrten sie nun zur Lichtung zurück. An einen Ort, der so voller Ruhe, so stetig im Moment, so ohne jeden Sinn für Veränderungen einfach nur war und immer sein würde, sie mit offenen Armen empfing, auffing; ihr Schutzraum. Die Erkenntnis traf sie hart und Jany wurde gewahr, dass sie sicher undankbar gegenüber der Güte ihrer Lichtung, der Hilfe des Schattens war in ihrem Sehnen nach etwas anderem, etwas neuen, nach mehr… und doch, die Enttäuschung das Dunkel nicht vorgefunden zu haben, rann lautlos über ihre Wangen. Sitzend auf ihrem Felsen, umgeben von grün, versunken ins ‚sie sollte, sie müsste‘ fiel Janys Blick schließlich, auf das Gesicht in der Quelle. Reflektiert im Wasserspiegel mehr eine Aufforderung als ein Wunschtraum und da ihre Augen sich trafen, blühte in ihr abermals das Bild der Nacht auf; der klare Sternenhimmel und die Dunkelheit. Unter dem steten Gemurmels ihres Begleiters von Zurückhaltung und Vorsicht, beschloss Jany den Fluss aus Sand trotz allem erneut aufzusuchen.

Es konnte kein Trugbild gewesen sein, es durfte einfach nicht!

***

So lief Jany nun täglich zur Stelle der Dunkelheit zurück, ohne diese wiederzusehen und immer kam der Schatten, um sie zu trösten und vor weiterer Enttäuschung zu warnen. Er brachte sie stets zurück zur Lichtung, ihrem vormalst liebsten Platz, den sie nun Stück für Stück zu vergessen schien. Der Krach im Haus, der von Tag zu Tag lauter wurde in seiner Stille verlor sich genauso aus ihrem Gedächtnis, wie das gebrochene, brechende Fensterglas in ihrem Zimmer. Auch die Uhr, noch immer auf Abholung wartend, verblasste vor ihrer Suche nach der Nacht. Alles verlor für Jany an Bedeutung, die Stimme des Schattens aber wuchs mit jedem Fehlversuch. Seine sanften Worte gewannen an Biss, während er selbst allmählich Stück für Stück im Licht versank.

***

Die Zeit, so unmessbar, wie sie auch war, zog unaufhörlich ins Land. Veränderte für Jany alles und doch nichts.

Das Medaillon fest umklammert, stand sie nun zum wiederholten Male am Rand des Sandflusses und blickte hoffnungsvoll zur anderen Seite; noch immer Tag, wie immer Tag!

‚Geduld und Zuversicht‘ verband sie mit ihrem Medaillon, ob dies tatsächlich dessen Inschrift war, stand infrage, blieb für Jany unklar, bisher ungreifbar, wohl auf ewig außer Reichweite. Jedoch hatte sie die Bedeutung für sich festgelegt und sprach diese unablässig in sich hinein.

‚Geduld und Zuversicht‘

Der Schatten machte sich alsbald hinter ihr breit, sammelte Kraft im Halbschatten des Waldrandes, schien sich aufzubäumen, überdeckte sie fast bedrohlich und grollte im Hintergrund, wie der Himmel an Regentagen.

‚Geduld und Zuversicht‘

Unbeirrt blieb Jany stehen, trat einen weiteren Schritt an den Fluss. Es würde passieren.

‚Geduld und Zuversicht‘

Ein Wind kam auf, verwirbelte den Sandfluss, stieß sie bald um.

Jany schloss die Augen zum Schutz, kniff sie zusammen bis ein Knacken sie erschrak und ihr mit einem Male den Blick auf die so herbeigesehnte Dunkelheit freigegeben wurde.

Ihre Freude kaum fassen könnend, jauchzte Jany laut auf und lief noch näher heran, in die Sonne hinein, den nun verschwundenen Schatten nicht vermissend, nicht ahnend, dass der Sand sich ebenfalls langsam auf sie zubewegte und um ihre baren Füße kroch, die Waden empor; ein fester Griff im Entstehen.

***

Plötzlich ein Splittern.

Ein Bersten von Glas.

Ein Schrei durch den Wald.

Jany wusste ohne jeden Zweifel, dass es nur die Fenster in ihrem Zimmer gewesen sein konnten, die da so geräuschgewaltig zu Bruch gingen.

Sie vergaß die Nacht, entfloh dem Sand und eilte zurück zu ihrem Haus.

 

7

Brennende Vorhänge

Barfuß, mit geschlossenen Augen und ausgestreckten Armen rannte es sich schwieriger als erhofft. Jany stolperte unzählige Male, riss sich ihre Hände auf an rauen Stämmen, zerkratze die Haut unbedeckter Beine beim hastigen Streifen niedriger Sträucher. Doch trotz allem widerstand sie dem inneren Drängen die Augen zu öffnen. Denn sie war sich mehr als sicher, dass sie den Weg nie zurück finden würde, nicht ohne die Hilfe des Schattens, welcher verstummt war und verschwunden schien seitdem Jany die Dunkelheit wiedergefunden hatte. Wollte er ihr nur Raum geben – so fragte sie sich – oder hatte sie ihn letztendlich doch vertrieben? Fortgejagt, da sie ihn inzwischen oft zu ignorieren pflegte, da sie seine helfende Hand meist undankbar von sich wies, da sie sich in den Kopf gesetzt hatte ihren Träumen hinterherzujagen ohne Rücksicht auf Verluste?

Der plötzliche Zusammenstoß mit einem Nadelgewächs ließ Jany jeden Gedanken an Reue verdrängen; sie war am Feldrand angelangt. Gleich würde sie zu Hause sein, die Fensterscheibe abdichten, ihre Wunden versorgen, auf ihrem Bett zur Ruhe kommen und zum ersten Mal seit zu langer Zeit wieder ins Hausinnere lauschen.

***

Nur, sie war zu spät…

Die Sonne brannte inzwischen ungehalten durchs Zimmerfenster und Jany konnte nur noch unter Entsetzen dabei zu schauen, wie ein, spontan entzündendes, Feuer begann an ihren Vorhängen zu lecken bis diese lichterloh in Flammen standen. Den Blick nicht abwendend, verließ sie im Rückwärtsgang den Raum, sprang dann in zwei Sätzen auf geschwundenen Füßen die sechs Meter zum Bad, füllte einen verstaubten Putzeimer bis zum Rande mit Wasser und eilte zurück. Auf der Türschwelle kam sie schließlich abrupt zum Stehen; das Feuer erloschen, die Fenster blank, der Raum sonnendurchflutet und heiß.

Ihre spärliche Einrichtung schien unbeschädigt. Sie war wohl selbst für die Flammen zu trostlos, um diese zu schüren. Zur Sicherheit vergoss Jany trotzdem den gesamten Inhalt des Eimers über ihre wenigen Möbel. Schüttete das Wasser dabei in einem weiten Bogen, um weder den nun unbedeckten Fenstern zu nahe zukommen, noch das Parkett zu betreten, welches im gleißenden Licht des ewigen Tages allmählich jenem Sand zu gleichen begann, in den es Jany einst so überraschend gezogen hatte; am Waldrand, vor wenigen Tagen, vor Wochen, vor… letztens, damals.

Wieder ein Knacken, dann ein Knirschen, ein Splittern von Glas.

Ein Geröll von Geräuschen aus der unteren Etage drang an Janys Ohr, holte sie aus ihren Gedanken, ließ sie verdrängen, was sie nicht zu erinnern wusste.

Sie musste den Rest des Hauses sehen!

***

Während sie das Treppenhaus mit dem nun vom neuem befüllten Wassereimer trotz aller Eile langsam und vorsichtig hinabstieg, leuchteten ihr die Tierschädel aus hohlen Augen bedrohlich entgegen. Sie schienen mahnend und zugleich tief enttäuscht, wirkten ganz so als forderten sie Jany auf sich der verlorenen Zeit zu stellen, sich der vergessene Dinge zu entsinnen.

***

Auch im Wohnzimmer brannten die Gardinen mittlerweile lichterloh und ließen die Sonne unnachgiebig hinein; das Verschütten des Wassers ein Tropfen auf den sprichwörtlichen heißen Stein.

Die Fußböden wurden zu Sand, zu Sandseen, welche unaufhörlich, ungehalten wuchsen, anschwollen, auf sie zu rollten.

Jany blieb nur zu fliehen.

So rannte sie um das Haus herum und verkroch sich im Schatten des Rhododendron, um dem Ende ihres einzig bekannten Zuhauses zu bezeugen.

***

Was war nur geschehen? Hatte vielleicht ihre Nachlässigkeit all das ausgelöst? Hätte sie einen solchen Ausgang ahnen müssen? Hätte sie etwas tun können?

Erneut stieg Zweifel in ihr auf. Ihre Gedanken umkreisten sich, umsponnen sie ohne Lösung und bissen sich dabei selbst in den Schwanz.

Aber wie erstaunt war Jany dann, als die Flammen nicht, wie aller Erwartung nach wild um sich griffen und das Gebäude in Schutt und Asche legten, sondern, friedlich von Dannen zogen, wie nach vollbrachter Tat eines einzigen, zielgerichteten Auftrages.

Lediglich die Fenster lagen nun frei, waren ungeschützt, unfähig Schutz zu bieten und derer gab es im Haus viele, zu viele. Sie verblieben, wie offene Wunden und ließen ungehalten das Licht und die Hitze der Sonne hinein; uferlose, hungrige Sandseen bildeten sich im gesamten Haus und machten es so unbewohnbar für sie.

Was würde ihr nun übrig bleiben? Was könnte sie unternehmen? Müsste sie überhaupt etwas tun? Vielleicht war es sowieso Aufgabe ihrer Mitbewohner, so wie schließlich alles deren Aufgabe zu sein schien.

Ihre Mitbewohner?!

Waren sie überhaupt noch da? Jany hatte sie seit langem nicht gehört, auch die Weckrituale schienen ausgeblieben zu sein. Jetzt, da es ihr auffiel, konnte Jany kaum glauben, dass sie so unaufmerksam geworden war. Sie versank in Gedanken, lauschte in sich hinein und versuchte zu rekonstruieren, wie und wann sich die letzten Spuren vom Rest der Hausgemeinschaft bemerkbar gemacht hatten.

Ein Ruck, dann ein hörbares Klicken ließ sie aufblicken und verwundert zur Eingangstür zurückkehren, nur um diese verriegelt vor zu finden.

***

Auch nach der dritten Runde ums frühere, so verhasste und doch geliebte Haus hatte Jany keinen Zugang in dieses entdeckt. Hatte niemanden gefunden, der sie hereinlassen würde und wurde sich der mehr und mehr aufkommenden Müdigkeit bewusst, welche unnachgiebig an ihr zerrte. Sie wurde der Stunden gewahr, welche sie ohne Pause in der Sonne zugebracht hatte und dem Wissen, dass sie wohl nun zu allem Überfluss auch noch ohne Schlafplatz dastand.

Die Erkenntnis über die Gänze ihrer misslichen Lage fiel schwer auf Jany nieder. Denn im Gegensatz zu Nahrung und Wasser war Ruhe, war Schlaf ein absolutes Muss für sie. Der Drang überkam Jany ohne Spielraum für große Gegenwehr. Schließlich war sie ein Lebewesen: Zur Ruhe kommen, Muskelregeneration, Erlebtes verarbeiten, Verknüpfung und Anpassung des Nervensystems, Heilung von Wunden und Infektionen… all das gehörte dazu; gleich der Notwendigkeit Akkus wieder aufzuladen, sobald deren Leistung zu stottern beginnt. Ja, sie war Mensch, schien mehr Mensch als all die Personen, welche um sie herum zu existieren schienen. Sie fühlte die großen und kleinen Emotionen, sie spürte Schmerz, konnte bluten und oh wie sie bluten konnte.

Jany hockte sich wieder neben die Sträucher. Sie würde ausruhen und ihr Glück in ein paar Stunden erneut versuchen. Unbedacht strich sie sich übers linke Handgelenk, an welchem sonst ihre geliebte Uhr zu finden war.

Entsetzt sprang Jany wieder auf, schleppte sich in die Stadt, die Füße wund vom Asphalt der aufgeheizten Straße, die Haut gerötet und die Augen schmerzend vom Licht der Sonne.

Die Häuserreihe stand im Mief der Geruchsinseln, das Stadtgespräch hallte unverstanden in ihren Ohren, der kleine Laden aber war verschlossen und die Uhr nicht am Platz für abzuholende Dinge.

Was hatte sie nur getan? Der Schatten war im Recht gewesen, ihre Suche fanatisch, kindisch, bloß wilde Träumerei. Der Preis dafür zu hoch, sicher wurde sie bestraft, für ihr blindes Hinterherhaschen ohne Sinn und Verstand.

***

Jany brach erschöpft in der Quelle auf der Lichtung zusammen. Das kalte Wasser bat ihr Balsam, die Tiere schienen ihr zu Liebe den Atem anzuhalten und so fand sie in dieser ungewöhnlichen Stille ein wenig Ruhe, pausierte zumindest.

Nach einer Weile wälzte sich Jany aus dem Wasser, nutzte den kleinen Fels, der ihr sonst als Sitzplatz diente, zum Anlehnen. Das Gesicht in der Quelle würde sie aufrichten, ihr Hoffnung spenden, sie mild anlächeln und alles könnte gut werden am Ende.

Jedoch, die Quelle war leer, reflektierte nur verschwommen ein Gesicht, welches zu ihr selbst oder auch jedem anderen gehören mochte.

Heiße Tränen bahnten sich ihren Weg, tropften Jany über die Nasenspitze, verblieben auf ihren Lippen, liefen ihr vom Kinn. Janys Schluchzen hallte ungehört durch den schweigenden Wald, als der Schatten sich über sie legte.

„Ich hatte dich gewarnt. Bleib bei mir. Höre auf mich. Du brauchst weiter Nichts, wenn du mich hast.”

Unter dem steten, nun wieder, sehr sanften Gemurmel des Schattens schlief Jany schließlich ein.

Fortsetzung folgt

Schattenseiten sonniger Tage_Teil 1

Prolog

Sattes grün, sanfte Brise, ein Geruch nach Meer.

Salz liegt in der Luft, kein Wasser in Sicht im strahlenden Sonnenschein; Wiese umgibt sie, Wald am Horizont.

Kinderlachen in den Ohren; es muss vom Wind getragen wurden sein – sie ist allein.

Sie fühlt sich wohl, geborgen, eingehüllt in Licht und Wärme.

Plötzlich ein Knallen gefolgt von einem leiseren Knacken, ein Knirschen fast; gebrochenes Glas, das sich Stück für Stück zu einem undurchsichtigen Netz aufteilt.

Ein Ast muss gegen die Fensterscheibe gekommen sein.

Ein Sturm vielleicht die Ursache.

Sanft ruht das Gras unter ihr, ungestört die Baumwipfel in der Ferne.

Das Glas bricht weiter.

Sie erwacht.

 

Teil 1

1

Geräusche im Treppenhaus

Jany schlug ihre Augen auf.

Sie war nicht aufgeschreckt, nur aufgewacht aus ihrem Traum; ihrem liebsten Traum.

Bald würde sie es sehen, dessen war sie sich sicher. Sie würde das Kind sehen, welches zum Lachen gehörte, vielleicht würde der Traum es letztlich offenbaren, vielleicht könnte sie es wirklich treffen, irgendwann. Sie erhoffte das Zweite, setzte mehr auf das Erste. Doch dieses Aufjauchzen so voller Lebensfreude erschien Jany so seltsam bekannt, dass sie das Kindlein dazu einfach kennen musste! Dessen war sie sich jetzt sicher, wie noch nie zuvor; sie war sich sicher, sie glaubte es zu wissen, sie hoffte es inständig, sie würde es bald, ganz bestimmt…

Ein Knarren drang an Janys Ohr und zog sie zurück in ihr Leben; der Traum nun ganz erloschen, verflogen, aufgelöst, nur noch Staub auf Möbelstücken.

Das durchdringende Knarren – die dritte Treppenstufe der Ursprung, ein schwerer Schritt der Verursacher; alt, brüchig, durchgetretenes Holz. Unmöglich sich durch das Treppenhaus zu schleichen, ohne dass man diese Stufe überstieg; er überstieg sie nie.

Immer ein schleppender, einer grober Gang auf altem Holz. Jede Stufe stöhnte unter seinen Sohlen; die Dritte von unten inzwischen gefährlich. Das zunehmend lauter werdende Rattern, bewirkt durch sein Festhalten am Geländer, ebenfalls Holz, gleichermaßen überbeansprucht, wacklig, kündigte den Fortschritt seines Aufstiegs an, sein baldiges Eintreffen.

Dann ein Knacksen; der Dielenboden vor der Tür. Ihrer Tür.

Jany war mittlerweile aufgestanden. Wartete nun, wie jedesmal gespannt auf ihrer Seite der Zimmertür. Sie wagte es kaum zu Atmen.

Würde er heute eintreten?

Die Fingerspitzen stets an der Klinke; immer zittrig. Sie war wie gebannt, angespannt; lauschte mit wanderndem Blick, als könnte dieser die Tür durchdringen, könnte das Holz zu Glas wandeln, könnte ihr die Sicht in den Flur freigeben; dabei immer konzentriert auf seinen Atem, welcher ob der Anstrengung des Treppensteigens gut hörbar für sie war. Wie immer stellte sie sich vor, wie er, so wie sie, auch unbeweglich lauschen würde, auf ihren Atem konzentriert. Jany fragte sich, nicht zum ersten Mal, ob sie beide mit gleichermaßen zittrigen Fingern über der Klinke lauerten, warteten; er ohne anzuklopfen, sie ohne auszuschließen, sie beide ohne Worte. Manchmal überlegte sie, ob er vielleicht einfach nur darauf hoffte, dass sie ihm ein Signal geben würde, dass sein Eintreten erlaubt, ja sogar erwünscht ist.

Das rechte Ohr nun an der Tür, die Augen geschlossen, in Gedanken versunken.

Könnte es so einfach sein? Sie gäbe ein Zeichen, er träte herein… und dann… was?

Würde sie ihm offen ins Gesicht blicken, ohne Scheu von ihm verlangen, dass er sagte, was er wollte, was er will?

Wollte sie ihn hereinbitten oder wegschicken?

Sie wusste nicht was tun und gab nie ein Signal.

Es war ihr Ritual. Ein tägliches Spiel.

Er würde im Hausflur stehen. Sie würde zitternd im Zimmer bleiben und warten.

Erneut ein Knacksen, ein Stapfen, ein leiser werdendes Rattern, das laute Knarren von der dritten Stufe. Dann ein sich entfernendes Schlurfen; Sohlen schiebend über Fliesen.

Janys Finger nun nicht mehr über der Klinke, die Hände zu Fäusten geballt, die Stirn an der Tür.

Schließlich ein Klappen – das Zeichen für sie ihrerseits in den Flur vorzudringen und vom obersten Treppenabsatz hinunter zu blicken, wieder lauschend, lauernd, wartend.

Nichts.

Wie immer nichts.

So schlich sie zurück ins fahle Licht ihres Zimmers.

Ein neuer Tag war also angebrochen, sein Aufstieg ihr Wecker.

Ein neuer Tag.

Ihr Zimmer, sonst durch den Schein der Sonne erhellt, lag stur grau in grau vor ihr.

Ein Lächeln huschte über ihre bleichen Gesichtszüge. Könnte es sein, dass es geregnet hatte? Dass es vielleicht sogar noch regnete?

Das vorsichtige Raffen des Vorhangs klärte ihren Gedanken und den Blick auf einen wolkenverhangen Himmel; für Jany ein seltener, aber willkommener Anblick.

Hinter vorgehaltener Hand stieß sie die Luft aus ihren Lungen, konnte das kurze Auflachen kaum unterdrücken. Heute würde sie ohne Umstände rausgehen können.

Nach Richten ihres kurzen Haares und überstreifen des langen, weißen Kleides verließ Jany nun langsam und vorsichtig die Geborgenheit ihres kleinen, karg eingerichteten Raumes ohne die Vorhänge voll aufzuziehen, ohne zu überprüfen, ob sie das brechende Glas der Fensterscheibe tatsächlich bloß erträumt hatte.

***

Janys Abstieg war leichtfüßig, fast geräuschlos, denn die dritte Stufe auslassend. Kalte Fliesen unter ihren blanken Füßen hießen sie im Vorflur willkommen. Wie immer waren die Türen zum Rest des Erdgeschosses geschlossen. Ob diese heute auch verschlossen waren, konnte sie nur mutmaßen. Deutlich hingegen war die Musik des Plattenspielers zu vernehmen; knisternd, laut, nur wenig abgedämpft vom dünnen Holz der Wohnzimmertür. Er würde nicht dort sein, denn er war nie im Zimmer.

Zum Schallplattenspieler gesellte sich nun auch das krächzende Küchenradio hinzu; die Geräuschkulisse des Anderen. Aber auch dieser würde nicht zu finden sein; das Gequake aus winzigen Lautsprechern ein Zeichen seiner Abwesenheit. Die Küche würde wie immer bar liegen, nur noch Spuren vom kürzlichen Gebrauch. Die Stühle nicht ganz gerade am Tisch, die Kissen zerdrückt auf der Sitzbank, einige Krümel am Boden. Ein Geruch von Kräutertee in warmer Luft. Immer die Spuren, nie die Verursacher. Nicht wenn Jany dabei war.

Die Geräte plärrten sich an, wie im morgendlichen Streitgespräch; vertrieben die Stille und bezeugten die Leere.

Kurz überlegte Jany mal wieder eine Runde durch das Haus zu drehen, um Ausschau zu halten nach weiteren Spuren ihrer Mitbewohner, doch der Wunsch rauszugehen, war stärker. Sie wollte die Stadt zu besuchen.

2

Stadt unter Wolken

Die Sonne, sonst so kraftvoll und mächtig, blieb noch immer versteckt hinter einem dichten Wolkenmeer und bot an diesem Tag nur fahles Licht, kaum genug, um Janys Weg in die nahe gelegene Stadt zu beleuchten.

Straßenlaternen gab es nicht, brauchte es nicht zu geben.

Jany schritt trotz der spärlichen Beleuchtung sicher voran, kannte den Weg genau; es gab nur diese eine Straße. Rissiger Asphalt, eine dünne Schicht Sand, in Dünen hier und da abgelagert, nicht rau und aufgeheizt heute, lediglich klebrig und kühl unter ihrer Füßen – eine pappige Schicht an ihren Sohlen bildend, fast so als trüge sie Schuhe.

Die Erinnerung an Sturm und Regen lag noch in der Luft, glitzerte an Fensterschreiben, bildete Pfützen auf Wegbänken, tropfte von Dächern – der Ort heute frei von den Spuren städtischen Treibens.

Fast schon geisterhaft standen die wenigen Häuser und Geschäfte da; zäunten die Straße, gaben den Blick aufs Umland nicht preis. Für Jany schien diese Anordnung der Gebäude, dieser Aufbau der Stadt fast schon symbolisch; Abschirmung und Eingeschlossenheit gleichermaßen. Wie eine Mauer, als Landesgrenze, wie eine zu hoch gewachsene Hecke im Garten, wie ständig verschlossenen Türen im eigenen Haus. Man wollte unter sich bleiben, man schloss Anderes aus, man verschloss sich selbst.

So stellte die Stadt, das Dorf, die Ortschaft, die Häuserreihe für Jany nur selten ein geeignetes Ausflugsziel dar. Denn zu eng standen die Gebäude und auch bei vollem Licht bekam sie nicht den Eindruck wirklich draußen zu sein. Alles wirkte befremdlich und beengend, zugleich aber losgelöst und abkapselt. Als versuchten die Einwohner unter sich zu bleiben. Der Grund dafür, erschloss sich ihr nicht.

Janys Haus schien diesem Gedankengang zu folgen. Es stand allein auf weiter Flur; ohne Nachbar, ohne Verkehr, ohne gut ausgebaute Wege; losgelöst und abgeschirmt. Der Pfad zur Stadt allen Wetterbedingungen gegenüber ungeschützt, die in den Wald offen, holprig, gewunden, fast unwägbar, ebenfalls kaum Unterschlupf bietend.

In der Stadt, wie im Haus, blieb die Welt, die Außenwelt, nichts weiter als ein ferner Gedanke, eine Eventualität, kaum mehr als ein Versprechen.

***

Die Einsamkeit der Stadt an Regentagen war Jany nur zu recht, denn ihre Versuche diese unter klarem Himmel zu erkunden, endeten für sie stets im Chaos.

An Sonnentagen schlug der Ort ihr im blendend, gleißenden Licht entgegen, das durch die Fensterscheiben unausweichlich, fast schon bedrohlich reflektiert wurde. Es war dann laut, die Luft stickig und klebrig. Auch entzog es sich Janys Vorstellungskraft, dass eine Ortschaft, wie diese, vor allem bei Sonnenschein grundsätzlich viel Ansprechendes zu bieten hatte, abgeschlossen und zugebaut, wie sie war. Kein Baum, kein Strauch gesellte sich in die Reihen oder auf die freien Flächen davor, lediglich ein paar verdorrte Grasbüschel lugten hier und da durch die Wegritzen. Keine Wiesen, kein Park, nicht einmal Balkonpflanzen; kein Platz für Nichts. Nein, die ganze Stadt glich einem Schlauch, gewunden zu einem Kreis – Wohnhaus an Wohnhaus an Geschäft, gegenüber von Geschäft an Geschäft an Wohnhaus, dazwischen die blanke Straße – in Frage nur der Freiraum in der Mitte des Kreises. Diese Frage zu beantworten, lag sicher nicht in Janys Hand; sie war schließlich keiner der Einwohner, es war nicht ihre Verantwortung, sie war lediglich zu Gast…

An Tagen, da die Sonne brannte, schwoll die Stadt fast über mit Eindrücken, überreizte Janys Sinne, obgleich sie nie wirklich auf Menschen traf. Ab und an dann der Duft eines zu starken Parfüms, an anderen Stellen wiederum ein Geruch von kaltem Zigarettenrauch, manchmal sogar Fett, dann wieder irgendetwas Süßliches. Inseln voller Odeur ohne klaren Ursprung.

Mit dem olfaktorischen Abbild menschlichen Lebens kam es Jany so vor, als würde sie ständig an Leuten vorüberziehen, als ständen diese direkt neben ihr, als würden sie sie jeden Moment über den Haufen rennen. Doch nie sah sie die Verursacher. Lediglich aus dem Augenwinkel erhaschte sie zuweilen eine Bewegung, einen Schatten.

Die Häuser selbst gaben ihr auch keine Zeugnis. Diese waren im Kontrast geruchlos und blieben es, unabhängig von Wind und Wetter. Erstaunt über einen solchen Umstand hatte Jany an ihren ersten Erkundungstagen durch diesen leeren Ort viele Stunden damit zugebracht an ihnen zu riechen, ohne Erfolg.

Auch hatte Jany anfangs noch versucht direkt Kontakt mit den Stadtbewohner aufzunehmen. Hatte dann an Türen und Fenster geklopft, fragend die Straße rauf und runter gerufen und stundenlang auf Antwort gewartet. Nur vereinzelt drangen dann Worte an ihr Ohr, welche für Jany zugleich bekannt und bedeutungslos erschienen. Ein vertrauter Sprachrhythmus verlangte ihr Verständnis ab, folgte zu sehr dem ihren, um fremd zu sein; sie müsste es doch verstehen! Jedoch die Dekodierung misslang. Ein klarer Tonus ohne Zusammenhang war wie ein Danebenstehen, ein Hineinstolpern in Gesprächsfetzen, Fragen, Bitten, Drohungen… sie fühlte sich immer angesprochen, doch nie wahrgenommen; ganz so wie im Haus. Der Sprachfluss für Jany, wie eine Buchstabensuppe, wild verrührt, zur Unkenntlichkeit aufgequollen, aneinandergeklebt, eingerissen, wie ein Strom aus Lauten, übersteuert durch Störgeräusche, wie ein See voller verdrehter Silben. Eine Art Code, gesponnen ausnahmslos für die Einwohner der Stadt, zu denen sie sich nicht zählte; niemals zählen würde.

Jany war zuerst erschrocken, dann neugierig, schließlich verzweifelt und inzwischen resigniert.

Mittlerweile hatte sie sich auch mit dem Umstand abgefunden, abfinden müssen, in dieser Stadt, in diesem Ort, im Kreise dieser ungewöhnlichen Norm, lediglich auf die Spuren von Leben, dem Echo von Lebendigkeit, zu treffen – ganz so, wie in der Küche am morgen.

Jany versuchte den Besuch der Stadt meistens zu meiden oder wenigstens auf die seltenen Regentage zu beschränken, da diese weniger überwältigend waren; der Abdruck des Daseins dann beinahe unmerklich, verwischt, verweht, verdrängt.

Sie unternahm den Weg nicht zum Vergnügen, lediglich für Besorgungen, die nicht in der Hand ihrer Wohngemeinschaft lagen. Lebensmittel, Kleidung und dergleichen waren stets im Haus zu finden, private Dinge, die es zu reparieren galt, gab sie bei Bedarf in der Stadt ab.

So wie heute, da die geliebte Armbanduhr zu flicken war.

Also ignorierte Jany die Rest-Gerüche so gut sie konnte, verstopfte ihre Ohren gegen die unangenehme, wenn auch nur flüsternde Geräuschkulisse und machte erst Halt da sie den entsprechenden Laden erreicht hatte. Ein Antiquariat, ein An- und Verkauf, eine Werkstatt – ein Mehrzwecksgeschäft, das es so wohl nur in solch kleinen Orten zu finden gab.

Die Uhr war ihr das Wichtigste, wenn das Lederarmband auch gebrochen war an unzähligen Stellen, das Uhrenglas inzwischen herausgefallen und die Zeiger nur noch geschützt wurden durch einen Klebstreifen. Jany fand sie charmant und wichtiger noch, es war der einzige Zeitanzeiger, den sie besaß. Ein Einzelstück, im Haus wie in der Stadt.

Sie würde auch heute niemanden im Laden antreffen. Sie würde die Uhr im kleinen Geschäft am Rande der Stadt, dem Kreispunkt gegenüber der Zugangsstelle, abgeben und so schnell wie möglich zurückkehren, um diese wieder abzuholen. Die Bezahlung für solche Leistungen wurde ihr augenscheinlich von den Hausbewohnern abgenommen; sie war ja der Hausgast, so wie es aussah.

Das System funktionierte gut für Jany und sie hinterfragte es nicht.

3

die Lichtung im Wald

Das Knarren, das Stampfen, das Rattern – ein neuer Tag.

Gleißendes Licht versuchte, wie sonst so oft auch, durch die dicken Vorhänge zu fließen, drängte sich durch Lücken im Stoff und übergoss das Zimmer mit hellem Licht; das Abholen der Uhr müsste warten.

Wie immer an Sonnentagen stand Jany etwas verloren in ihrem Zimmer, obgleich sein Auf-und Abstieg schon deutlich zurücklag. Schließlich verließ sie nur ungern den Schutz ihrer vier Wände an Tagen, wie diesen.

An Tagen, da die Sonne hoch am Himmel stand, herunterbrannte, frei von Wolken, heiß und blendend, da kein Lüftchen sich regte, um Abkühlung zu bieten.

Tage, wie diese verbrachte Jany zuweilen im Badezimmer, versunken im kalten Wasser, überdeckt von der Dunkelheit und Ruhe dieses fensterlosen Raumes.

Sie verharrte an der Tür, grübelte, lauschte… und schrak mit einem Mal auf.

Ein lauter Knall, gefolgt von einem lauten Fluch durchschnitten die Stille des Hauses. Im Raum unter dem ihrem, im Wohnzimmer, brach nun Unruhe aus. Es wurde geschoben, gestoßen, geworfen. Es wurde gebrüllt. Etwas zerbrach.

Jany wollte nicht mehr im Haus bleiben. Sie kannte ein solches Durcheinander bereits. Unzählige Male war es an ihr Ohr gedrungen und nie hinterließ es sichtbares Chaos, wenn Jany dann schließlich hinunter ging, um die Lage zu prüfen. Alles war aufgeräumt, nur das übliche leichte Durcheinander in den Ecken, auf dem Schreibtisch, hinterm Bücherregal. Selbst die Staubschicht lag immer unbeeindruckt auf den Möbeln.

Der Krach bot ihr also keinen Grund zur Sorge und das würde sicher auch heute wieder so sein. Aber er konnte sich hinziehen, brachte die Zimmerwände zum wackeln, ließ Jany nicht zur Ruhe kommen und vertrieb sie so stets nach draußen; auch an Tagen, wie dem heutigen.

***

Die innere Debatte über mögliche Ausflugsziele war kurz, war im Grunde nicht vorhanden. Es gab für Jany nur einen Ort, welcher sie zu sich zog und das nicht nur an Sonnentagen.

Jany würde zur Lichtung im Wald gehen, ihrem liebsten Rückzugsort.

Vorfreude glättete ihre durch die plötzliche Störung angespannten Gesichtszüge, ein leichtes Schmunzeln hob die Mundwinkel. Ein tiefer Atemzug, das kurze Schließen der Augen, Entspannung machte sich breit.

Die Lichtung, ihre Lichtung! Jany war überzeugt der Flecken Erde im Wald existierte nur für sie.

Umzäunt von Bäumen war sie, nicht umschlossen, sondern dekoriert vielmehr. Das Licht der Sonne drang noch zwischen den mächtigen Stämmen hindurch, durchbrach das Blätterdach der Laub- und Nadelbäume. Jedoch war es dort beinahe sanft, nie gleißend. Es flutete die satte Wiese, erleuchtete jeden Winkel des Platzes, ließ die Blüten in allen Farben des Regenbogens erstrahlen, hob jeden einzelnen Pilzhut hervor und bot Jany immer wieder ein, im Glanz wechselndes, doch stets beeindruckendes Schauspiel der Natur.

Der Wald selbst war angenehm kühl, auch an windstillen Tagen. Die Blöße, zwar den Strahlen der Sonne zu einem guten Teil geöffnet, schien stets ein Lüftchen in sich zu tragen und barg zudem eine kleine Quelle, dessen Kälte bis hin zum Felsblock reichte, auf welchem Jany sich einen gemütlichen Sitzplatz geschaffen hatte.

So verbrachte Jany dann Stunde um Stunde damit mit einer fast schon kindlichen Freude die stetig neu hervorgebrachten Tierspuren zu betrachten. Zu überlegen, wann welches Tier vorbeigeschlichen war oder womöglich länger verweilte hatte. Welche Vogelart ihre Federn abgeworfen, wessen Fell abgestoßen wurden war. Ob die Ameisen neue Routen, die Bienen neue Bauten zeigten.

Mit vor Begeisterung leuchtenden Augen schaute Jany dann um sich, lauschte in den Wald hinein oder betrachtete das klare Wasser der Quelle, in welchem sie allzeit ihre Reflexion sehen konnte.

Zumindest nahm Jany an, dass es sie selbst war, welche ihr mit blitzendblauen, großen Augen, blasser Haut und einem fast schon zu breiten, aber freundlichen Lächeln aus der Quelle entgegenblickte. Das junge Ding im Wasser schien recht dünn und hatte kurzes, beinahe weißes Haar, welches struppig nach allen Seiten abzustehen pflegte. Der Anblick gefiel ihr und sie konnte sich vollkommen in diesem verlieren.

Das Gesicht im Wasser schien magisch, hypnotisch, Kraft spendend.

Sie wollte so gern, dass diese milden, alterslosen Gesichtszüge die Ihrigen waren. Denn wirklich genau war sich Jani nicht bewusst, wie sie selbst eigentlich aussah.

Sie lebte inzwischen schon eine ganze Weile in dem Haus, die Tage konnte sie mit seinem Auf- und Abstieg im Treppenhaus zählen und es waren derer viele, aber seit wann, war die Frage, die wohl immer unbeantwortet bleiben würde. Jany hatte keine genaue Vorstellung, wie alt sie wohl sein mochte; gefühlt mal unschuldig kindlich, dann in übersprudelnder Jugend, schließlich mit abgeklärter Weisheit, dann aber wieder der erschöpfte Zeuge eines langen Lebens. Auch gab es keine Spiegel in ihrem Haus und die Fensterscheiben warfen lediglich ein verzerrtes Bild zurück. Ab und zu wurde Jani den Eindruck nicht los, dass es sich in den Reflexionen um völlig verschiedene Menschen handelte, so unterschiedlich traten diese ihr gegenüber. Darüber hinaus hatten sie oft unfreundlich, manchmal gar verzweifelt gewirkt; nie so, wie sie sich selbst gern sehen würde.

So vermied Jany es, wenn möglich, zu genau durch Glasscheiben zu sehen, ihr missfielen die Leute auf der anderen Seite. Zersplittert, verworfen, gebrochen, unkenntlich wie die Sprache; Gesichter, wie Spuren ohne klaren Ursprungs… beunruhigend.

Ja, die Lichtung im Wald, die Quelle als Abbild, würde heute ihr Ziel sein.

 

4

Steine unter blanken Füßen

Der schmale Pfad zu ihrer Lichtung, so gewunden dieser auch war, lag deutlich, wie eingebrannt vor Janys geistigem Auge.

Zuerst war sie durch Zufall auf diesen Platz gestoßen, denn der Wald und dessen gewundene Wege schienen sich schier endlos zu erstrecken.

Man könnte sicher Tage und Wochen damit zubringen diesen zu erkunden, doch Jany begnügte sich mit dem einen Platz, ihrem geliebten Fleckchen.

Sie wählte stets den gleichen Weg dahin, lief diesen immer mit Bedacht, kannte jeden Stein, jede Wurzel, jede Stolperkante und hatte gelernt diesen mit Geschick auszuweichen. Nie kam auch nur ihr in den Sinn einen anderen, vielleicht sogar kürzeren, einfacheren Weg zu suchen.

***

Vom Haus aus hatte man mehr als nur eine Möglichkeit das mächtige Dickicht zu betreten, da dieses das Häuschen beinahe umgab, sich bis zur und sogar um die Ortschaft zu ziehen schien.

Lediglich einige Felder trennten Jany auf der Rückseite des Grundstücks vom Wald. Zu den Seiten zog sich verdorrter Rasen bevor die ersten Bäume sich auftürmten und nach vorne führte die Straße zur Stadt, die, zugegebener Maßen den Zugang zur Waldfläche durch dicke, trockene Brombeersträucher erschwerte, welche diese Alleen-gleich säumten.

Janys Steig führte sie durch die Felder, die sie allzeit auf die gleiche Art durchquerte.

Sie begann ihre Wanderung stets damit das Haus zu umrunden, dabei war sie ganz nah an eine der Außenwände gepresst, da zumindest eine von diesen stets einen schmalen Schatten warf, anschließend huschte sie unter den nie tragenden, fast künstlich wirkenden Obstbäumen vorbei und kletterte durch das Loch im Gartenzaun. Um bis zum Wald zu gelangen, musste Jany dann nur noch entlang des Schattenwurfs der hohen, gummiartigen Rhododendron-Sträucher krabbeln, welche sich in einer Reihe mitten durch die Feldflächen zogen, um sich zu guter Letzt an einer Gruppe knochiger Tannen wieder aufzurichten und schließlich in den Wald hinein zu schlüpfen.

Auch an diesem Tag würde Jany die Strecke gehen, um schließlich im Wald angekommen ihre Augen zu schließen und die Arme zur Seite auszustrecken.

Der Wald lebte, wandelte sich stetig und bot kaum gute, standhafte Landmarken so dicht, wie er war. Den Pfad mit Hilfe der Fingerspitzen und über die blanken Fußsohlen zu erspüren, schien Jany eine geeignete, die einzige, Lösung zu sein.

***

So schritt sie auch heute, wie immer barfuß und bedächtig, tastete vorsichtig nach möglichen Barrieren links und rechts von sich und war sich mit ihren rudernden Armen auch der Hindernisse gewahr, die vor ihr liegen mochten.

Entsprechend ihrer Stadtausflüge bemühte sich Jany sehr, die Geräusch- und Geruchskulisse um sich herum auszublenden, sich zwar nicht völlig davor zu verschließen, wie innerhalb des Häuserdonuts, aber auch nicht ständig hinein zu lauschen, zu fühlen, wie in ihrem Haus.

Es umgab sie eine ganz andere Art von ‚Laut‘ im Wald, es gab knackende Äste, raschelnde Gebüsche, kreischende Vögel und aufjaulende Tiere; ein ständiges Hintergrundrauschen der Spuren des Lebens. Die Gerüche hingegen wirkten dünner, keine klaren, vereinzelten Duftinseln, mehr ein Spiel aus moderig und frisch, Blüten- und Tierodeur, Feuchtigkeit und Brand; all das, was Jany mit dem Gedanken ‚Natur‘ verband.

Ihr Gang war sicher, wenn auch mit Vorsicht bedacht. Übermütig sein, unaufmerksam auch dem Bekannten gegenüber, ist fatal. Davon war Jany überzeugt!

Sie war sich ihrer nie vollkommen sicher, zurecht bestimmt; war ihr letzter Gedanke bevor sie stolperte, ins Strudeln geriet, wild mit den Armen fuchtelte, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren und dann doch der Länge nach hinzufallen.

Stöhnend erhob sie sich, blinzelte ein paar Mal und schloss die Augen nicht mehr schnell genug.

***

Ja, der Wald lebte, wandelte sich immer zu, zerstörte jeden Gedanken an Orientierung oder vielleicht war es auch der Wanderer, welcher sich, verrückt um ein paar Meter oder mehr, andernorts wiederfand und sich so verlor.

Jany konnte es nicht sagen, sie wusste nur, dass sie nichts mehr wusste, sobald ihr Blick zu genau auf die Umgebung fiel; ihre Lichtung eine Ausnahme, ihre Zuflucht vor den Wirren des Waldes. Diese bat nicht nur Ruhe, sie schien selbst in sich zu ruhen.

Schon das Denken an diesen Ort erdete Jany, brachte sie dazu wieder tief durchzuatmen.

Ein Blitz in ihrem Rücken aber ließ sie zur Seite springen, erschrocken lossprinten, die Augen stets zu Boden gerichtet. Denn was die Bäume an Schatten boten, an Kühle, an Schutz vor der Sonne kam zu einem hohen Preis, konnte mehr Schaden bringen, als sich nur zu verirren.

Jany rannte und rannte. Blindlinks schob sie sich zwischen mächtigen Baumstämmen durch, übersprang Wurzeln, ließ sich Zweige ins Gesicht schlagen und von dornigen Sträuchern die Beine aufreiben; nichts würde sie aufhalten können.

Nichts!

Außer die freie Sicht auf den Himmel.

Jany kam abrupt zum Stehen, da sie aus dem Wald hervorgebrochen war. Ihre Füße trugen sie dann noch ein paar Schritte weiter in den Schein der Sonne hinein, wo sie nun ungeschützt verblieb; vor der Hitze, der brennenden Luft, dem gleißenden Licht. Sie ignorierte all das, da sich direkt vor ihren, vor Erstaunen weit aufgerissenen Augen, eine neue Welt auftat, welche in Dunkelheit eingehüllt war und sich in unbestimmbarem Ausmaß auffaltete; fast greifbar und doch unerreichbar. Ein breiter Fluss aus Sand zog sich durchs Gelände, bildete die Grenze zwischen den beiden Landschaften.

Ein Fluss aus Sand inmitten des Sonnenscheins kam in Janys Welt einer Mauer umhüllt von Stacheldraht gleich.

Und doch, sie konnte den Blick nicht abwenden. Denn von Dunkelheit, von sichtbaren Sternen, von frischer Luft hatte Jany bisher nur träumen können. Sie wusste, dass es das war, was ihr fehlte. Sie sah es in ihren Träumen während sonnige Nächte.

In Janys Welt folgten auf all diese Tage im Sonnenschein immerzu sonnendurchflutete Nächte. Dass diese den Zeitraum zum Ausruhen, zum Schlafen, zum Träumen absteckten, zeigte sich ihr an einer unbändigen Erschöpfung, welche Jany in die Knie zwang, ob sie wollte oder nicht.

Sie wusste, dass … unbemerkt war die Erde an ihre Knöchel gekrochen, umschloss nun ihre Waden und zog Jany hinab in den Fluss aus weißen, glühendem Sand. Ihre Muskeln, im Klammergriff des Treibsandes, versteiften sich, ergaben sich, ließen sich ins Unbekannte, in den Abgrund ziehen.

Jany versuchte nicht einmal einen rettenden Griff am Ufer zu finden, nahm die Augen nie von der Finsternis, ergab sich der treibenden Kraft des Flusses, als sich ein Schatten schließlich über sie legte.

„Ich hatte dich gewarnt.”

Fortsetzung folgt

 

eine kleine Veränderung

Die Novelle ‚An Anfang war‘ (der Arbeitstitel bisher) hatte kürzlich ihrem Abschluss und nun auch einen neuen Titel gefunden.

‚Verloren auf dem Weg‘ ziehen die Protagonisten durchs Leben, ziehen sie durch Stadt und Park, begegnen Bekannten, treffen auf Fremde, stolpern über Wurzeln und Gedankengänge…

Katze4 Verloren auf dem Weg

im Selbst_Gespräch…Szene im Morgengrauen mit dem Blick zur Fensterscheibe

„Was machst du da?“ Ihr Schmunzeln ist hörbar.

„Warten.“, bricht seine Stimme nach kurzem Zögern hervor.

„Auf was wartest du?“  Ihr Kopfschütteln ist spürbar.

„Auf das Licht.“, betont er ungeduldig. Ihr langgezogenes Ausatmen lässt den Autor nachsetzen: „Sonnenlicht; ich will die Blumen am Fenster betrachten. Ich will sehen, wie der Sonnenschein durch die Scheibe fließt, wie er die Eisblumen durchdringt, zum Glänzen bringt… wie sie glitzern bevor sie vergehen. Ich möchte es genau beschreiben können, das Schauspiel in Worte kleiden, die Gefühle darlegen.“

„Die Gefühle?“ Ihr fragender Blick ist schneidend.

„Meine Gefühle.“, zischt er in den Raum.

Der Autor schaut sich nicht um, hält seinen Blick stur aufs Glas gerichtet. Er braucht sie nicht zu sehen, um ihr Stimme zu hören, ihr gespieltes  Schellten zu spüren, um das so geliebte Prickeln auf seiner Haut fühlen.

Er kennt all das so gut; ihren Atem, ihre Wärme, ihre sanfte Haut.

Er braucht sich nicht umzusehen… er weiß, dass sie nicht da ist; noch nicht wieder da ist.

Der Autor vermisst seine Muse, wie er noch nie etwas vermisst hat in seinem Leben. Er vermisst sie so sehr, dass er sich wünscht, er hätte sie nie getroffen… sich nie verliebt… sich nie auf die Gefühle – seine Gefühle – eingelassen. Fast wünscht er es; beinahe sehnt er sich zurück. Manchmal hätte er gern das Empfinden nie erlernt, nie verstanden, sich nie darin verloren…

Denn kann man Vermissen, was man nie kannte?

„Es ist noch zu zeitig, zu warm für Eisblumen.“, lacht sie mit seiner Stimme.

Den Blick senkend, dreht der Autor sich in den Raum… sucht er die Nähe seiner Liebe… badet er in Erinnerungen an sie… lässt sich durchströmen, wie die morgendlichen Sonnenstrahlen nun das Fenster.

 

Katze4dies ist/wird Fortsetzung von „im Entsehen begriffen“

verloren auf dem Weg _Kap.4_

Katze4zum Anfang zurück und zur kompletten Geschichte

Artikel 4

Lasst uns Erinnern an die gemeinsame Zeit.”

Am Ende eines jeden Jahres erinnern wir uns oft und gerne an all die Dinge, welche wir erreichen konnten, an Zeiten, die Neues brachten und uns Abschied nehmen lies vom Alten und natürlich auch an all die Situationen, die zu meistern uns auch weiterhin beschäftigen wird und muss.

Ohne Frage sollte ebenso den Menschen, welche unser Leben bereichert haben und hoffentlich auch künftig werden, Erinnerung gebühren.

Ob diese uns bereits ein Leben lang begleiten oder auch nur ein Stück des Weges, ob es die Familie ist, alte Vertraute, neue Freunde oder prägende Fremde, jede Begegnung kann auf uns Einfluss nehmen. Denn andere Menschen können und werden den Lauf unser aller Lebensgeschichten formen.

Und wir somit auch den Ihrigen!

So sollte sich ein Jeder der Menschen erinnern, welche den eigenen Lebensweg zäunen und wir als Gemeinschaft dürfen auch den Einzelnen nicht vergessen.

9

Es hatte aufgehört zu Regnen und wie um das Unglück derer zu unterstreichen, welche in den plötzlichen Regenguss geraten waren, erstrahlte der Himmel nun erneut unschuldig im schönsten Sonnenschein.

Ein paar Kurgäste trollten sich tropfnass, aber lachend zurück in die Klinik und begrüßten die herausströmenden Mitpatienten, während das Klinikpersonal gutgemeint kopfschüttelnd Handtücher verteilte. Lediglich die kleine schwarz-weiße Katze schien unbeeindruckt vom ganzen Spektakel und begann sich zitternd trocken zu lecken.

Charlotte wurde den Eindruck nicht los, dass der finstere Blick des sonst so possierlichen Kätzchens bedeutete, dass das Tier die Sinnhaftigkeit von Regenwetter schwer infrage stellte. Auch schien sie vom ihr angebotenen Handtuch nur wenig zu halten und wehrte sich merklich gegen den Versuch sie beim abtrocknen zu unterstützen, was Charlotte sehr amüsierte, nicht nur, da die Katze nach gewonnenem Kampf lediglich zwei Meter weiter wieder Platznahm, um, wie über die Störung empört, mit dem Rücken zum handtuchschwingenden Pfleger ihre Morgentoilette fortzusetzen, sondern auch wegen des vom Gefecht gezeichneten Pflegers, welcher nicht minder entrüstet wirkte.

Der Anblick Marias, welche mit eingefallenen Zügen über ihrem aschfahlen Gesicht an Charlotte vorbei zog, diese ansehend offenbar ohne sie wahrzunehmen, ließ Charlotte kurz innehalten. Keine Spur mehr von der Schamesröte und dem verhaltende Lächeln, welches Charlotte noch am vorigen Tag zu einem breiten Grinsen veranlasst hatten, als sie den beinahe lächerlich wirkenden Versuch auf subtile Weise zu flirten, zwischen Maria und Jack aus der Ferne beiwohnen durfte.

Irgendwie süß war sie ja, wenn auch offensichtlich mehr als unsicher in ihrem Auftreten; Irgendetwas verunsicherte Maria Walder augenscheinlich und das nicht erst seit heute. Dass sie unerfahren und aufgeregt war, konnte diese schon während der famose Begegnung im Stadtpark kaum verbergen, doch Charlotte hatte da zumindest den Eindruck gewonnen, Maria wäre selbstsicher in ihrem Auftreten, wenn schon nicht aufgrund von Selbstvertrauen, aber doch wenigstens aus antrainierter Gewohnheit. Nun wirkte sie selbst aus der Entfernung verhuscht, ja beinahe ängstlich.

Bevor Charlotte ihre Analyse fortsetzen konnte, bekam sie Gesellschaft auf ihrer Bank und wurde vom Gesprächswall einer Mitpatienten förmlich überrollt. Diese plapperte so aufgeregt auf Charlotte ein, dass diese ihr nicht hätte folgen können, selbst wenn sie willens dazu gewesen wäre. Und so blendete sie diese aus; nickte freundlich zustimmend und wartete die Zeit ab, bis sie endlich erneut allein war und ihre Aufmerksamkeit wieder auf Maria lenken konnte, welche sich in der Zwischenzeit der kleinen Katze zugewandt hatte.

Wie, um dem leicht lädiertem Pfleger noch eins auszuwischen, ließ sich das Kätzchen von Marias Hand das Abtrocknen sehr wohl gefallen; ja schmiegte sich an sie, was zumindest etwas Farbe auf Marias Wangen zurück zu bringen schien. „Muss doch nen Therapietier sein.”, mutmaßte Charlotte zufrieden in sich hinein, bevor sie erneut in ein Gespräch verwickelte wurde.

Gerade wollte sie sich höflich, aber bestimmt entschuldigen, da winkte ihr Maria Freude strahlend zu, zeigte danach neben sich und zog, in eine animierte Unterhaltung versunken, weiter.

Charlotte spürte wieder mehr als dass sie sah, dass Dr. Hinterseers strenger Blick auf ihr ruhte. Sie spürte das gleiche Gefühl der Beklemmung ihren Rücken emporkriechen, wie das bereits am Tag zuvor unter seiner Beobachtung durch ihr Zimmerfenster geschehen war. Sich selbst zur Ruhe zwingend, warf sie einen direkten Blick auf den Doktor; sie wollte ihm stark in die Augen sehen. Zu ihrer Enttäuschung, aber auch Erleichterung, hatte dieser seiner Aufmerksamkeit mittlerweile auf Maria gelenkt, welche noch immer zutiefst in einer Unterhaltung versunken am Rande des Klinikgartens stand.

Scheinbar verdrossen darüber, sowohl Marias Beachtung als auch streichelnde Hand verloren zu haben, zog die kleine Katze schließlich mit hängendem Kopf an Charlotte in Richtung Stadt vorbei und ließ diese mit ihrer nach wie vor monologisierenden Banknachbarin allein zurück.

Stets von Bestand”

10

Dass Fell war noch immer nicht ganz trocken, da sah sich die kleine Katze in Gefahr in einen weiteren Regenguss zu geraten, als sie den Marktplatz betrat. Als wären ihr die dunklen Wolken gefolgt, thronten diese nun über Eatrichs Stadtmitte und wirkten sicher nicht nur auf das Kätzchen bedrohlich, da dass Gelände vor dem Rathaus mit einem Mal beinahe düster, ja gespenstig geworden war.

Ein plötzliches Bersten trieb das verschreckte Tier unter den Pavillon und inmitten von Schuhwerk, welches, in der Not auszuweichen, aufgeregt um sie herumwirbelte.

„Uh… pass doch auf!”, klapperte es neben ihr.

„Nein, kann Jemand bitte was unternehmen?”, quietschte es von vorn.

„Moment.”, dröhnte es von der anderen Seite, bevor warme Hände sie hochhoben, auf einen weichen Stuhle beförderten und ihr etwas grob über den Kopf streichelten.

„Hab sie heute morgen beim Bäcker gesehen! Keinen Blick hat sie mir gegönnt… arme Frau”, sprach die warme Hand, bevor sie endlich von ihr abließ.

„Ja, aber nutzt ja nichts.”, brummte es an ihr vorbei.

„Er hat sich ja schon verdächtig gemacht.”, raunten die groben Hände erneut.

„Warum hat er auch die Aussage verweigert?!”, stimmten verschiedenen Seiten mit ein.

Das aufgekommene Stimmengewirr unterbrach sich harsch, um den Blick in gemeinsamer Schweigsamkeit auf das Paar zu richten, welches ebenfalls in Schweigen gehüllt den Marktplatz überquerte, um Eatrich nach Norden raus zu verlassen.

„Also früher wäre sowas nicht passiert!”, schoben sich nun ohne Vorwarnung feuchte Finger durchs Fell; gebrauchten es als Handtuch. Um diesem Missbrauch zu entgehen, sprang das schwarz-weiße Kätzchen zur Tafel hinauf und lief unter Gekreische über halbfertige Tischdekorationen, Krepp-Papier und Girlanden aus dem Pavillon hinaus, dem Pärchen hinterher und zurück in die Richtung, aus der es gekommen war.

***

Bernhard hätte wissen müssen, dass Emily und er nicht ohne Aufhebens über den Markt kommen würden. Die Kleidung, unter der sie sich zu verstecken suchten, zog vermutlich sogar mehr Aufmerksamkeit auf sie, als dass sie ihnen Schutz vor den widrigen Wetterbedingen bot.

Aber es nutzte nichts.

Seine Freundin hatte ihm das Versprechen abgenommen, um Hilfe zu bitten und eine Therapie zumindest in Betracht zu ziehen. Dass es die neue Klinik gab, kam ihm gerade recht. Denn keiner der Ärzte, Therapeuten und Pfleger gehörten zur ursprünglichen Nachbarschaft Eatrichs und so versprach er sich zumindest ein gewisses Maß an Anonymität; wenigstens innerhalb des Klinikgeländes.

Also hatten sie sich gemeinsam aufgemacht.

Sie steckten beide in Kleidung, in der sie fast verschwanden, da die vergangenen Jahre – ihre Krankheit, sein Lebenswandel – bei Weitem nicht spurlos an ihnen vorüber gezogen waren. Bestimmt hatte ihr der schwere, dunkelgrüne Mantel nebst passendem Hut einst wunderbar gestanden und auch ihm fehlten ein paar gesunde Kilo, um die früher sehr geschätzte, schwarze Lederjacke auszufüllen.

Bernhard wäre sich schäbig vorgekommen, hätte Emily ihm nicht mit ihren strahlenden Augen und dem leicht verschmitzten Lächeln, was es so mochte, den Schal umgebunden und ihm anschließend einen Kuss verpasst; auch wenn bloß auf die Wange.

Im Wechsel behaftet”

11

Papierdünne Haut. Aufgelöst. Nur harte Augen. Immer auf mich… auf mich gerichtet. Ein Strudel aus Nichts. Aus Kälte. Aus Hitze. Aus Allem. Ich verstehe es nicht!

***

Charlotte war schon wieder leichenblass, Maria machte sich Sorgen.

Ob diese Einrichtung überhaupt dafür geeignet war, Menschen wie Charlotte wirklich helfen zu können? Sie würde Dr. Embrich darauf ansprechen.

Doch zuerst wollte Maria ihr ihre neue Bekannte vorstellen. Bestimmt würden sie sich mögen. Und bedanken musste sie sich bei Charlotte auch noch, denn nur ihrem Ratsschlag hatte Maria es zu verdanken, dass diese sich inzwischen in jeder freien Minute dieses Tages wunderbar unterhalten fühlte und auch hatte.

„Ach verdammt! Was ist das?” Ein unangenehmes Kribbeln lenkte Maria ab. Bestimmt wieder so ein Krabbeltier; den ganzen Tag war sie schon verfolgt wurden. „Das muss am Wetter liegen.” Mit zusammengekniffenen Lippen entfernte sie den kleinen schwarzen Käfer von ihrer Armbeuge und lief weiter auf ihr Gegenüber zu.

„Charlotte! Ich will dir… Was hast du?”

Traurige Augen blickte ihr entgegen und ein Gefühl der Verunsicherung machte sich in Maria breit. Hatte sie was falsch gemacht? Ach, bestimmt kannte Charlotte ihre neue Bekanntschaft schon. So viele Patienten waren es ja auch noch nicht. Aber nein. Warum sollte sie deshalb betrübt sein? War zwischen ihnen was vorgefallen?

***

Zähe Tropfen, glühend durchbohren meine Haut. In Brandblasen geschlagene Eiszapfen regnen auf mich danieder. Und immer nur diese Augen über mir.

***

„Es tut mir leid.” Charlotte hatte einen fast schon zu sanften Tonfall und sie war nun beinahe grau im Gesicht, die Lippen aufgerissen und blutig gekaut. Aus Angst sie könnte erneut zusammenbrechen, wandte sich Maria hilfesuchend an ihre neue Bekannte und bedeutete ihr Dr. Hinterseer zu holen, welcher gerade eben in den Garten getreten war, um ein paar Leuten das Gelände zu zeigen.

„Hilfe ist schon unterwegs!” Maria griff nach Charlottes rechter Schulter, um sie zu stützen, doch schreckte zurück, als sie bemerkte, das wieder so ein schwarzer Käfer in ihrer Armbeuge hockte.

***

Keine Atmen mit durchstoßener Lunge… knochige Finger umgreifen mich.

***

Dr. Hinterseer hatte sich mit samt seiner beiden Begleiter zu ihnen gesellt.

Zu seiner Linke eine Dame mittleren Alters, deren Haar unter einer Mütze versteckt und deren Körper durch einen weiten Mantel verhüllt war. Zu seiner Rechten ein Mann, der sich, wie um sich zu verbergen, ebenfalls tief in eine übergroße Jacke hüllte. Ein hellgrauer Schal verdeckte halb sein Gesicht, doch zog gleichzeitig den Blick auf das selbige und Maria sah genug, um den Herrn wieder zu erkennen.

„Oh, mein… Sie sind der Mann von dem Bild! Das ist ja verrückt. Siehst du, genau so habe ich ihn beschrieben.”, wandte Maria sich zu ihrer Bekannten um, die nun nirgendwo mehr zu sehen war.

„Wo ist sie hin? Haben Sie sie verschreckt? Sie ist empfindlich! Was haben Sie zu ihr gesagt?”, verlangte sie mit nun, mit für ihre Ohren, beinahe schrill klingender Stimme.

Sechs Paar Augen sahen sie verwundert an, nur Charlotte blickte wissend, wenn auch betreten.

„Sie ist nicht real.” Schon wieder dieser sanfte Tonfall.

„Maria, es tut mir leid, aber deine Freundin existiert nicht; zumindest nicht für die Augen aller Anderen.” Charlotte wollte nach ihr greifen, doch Maria stieß sie von sich.

„Was redest du da?! Du hast sie doch gesehen, als sie mit der Katze gespielt hat! Du hast mir erklärt, wie ich mich ihr am besten nähern kann! Du…“

Dr. Hinterseer war inzwischen an Maria herangetreten, seine Haltung offen, sein Blick ruhig.

„Charlotte muss sich irren, bestimmt verwechselt sie was, wo sie doch krank ist. Schauen Sie sie an, ganz sicher ist sie es, die sich Sachen einbildet. Erklären Sie es ihr Doktor!”, flehte Maria mit leiser, zittriger Stimme, während sie versuchte erneut einen schwarzen Käfer aus der Armbeuge zu wischen.

„Es tut mir leid Frau Walder. Alles wird gut. Bitte kommen Sie mit und es wird sich klären.” Dr. Hinterseer reichte Maria seine Hand, welche diese, nun sprachlos, ergriff. Nach einem kurzen Nicken griff er auch nach Charlottes Arm.

„Charlotte bitte begleite meine Gäste hinaus und geh nicht zu weit; wir müssen noch reden!”

„Hatte mich schon gewundert, wann du dich mir endlich persönlich entgegenstellst, Vater.”, stieß Charlotte hervor und die Hände des Doktors davon.

Maria wurde schwarz vor Augen.

***

Und ich liege hier nun wieder… am Boden, im Nassen…. verdorre ertrinkend… beobachtet… allein… hilflos… nutzlos… und bitte nur immer um Verzeihung.

Mit Sonnenschein im Herzen”

12

Der Stuhl auf dem Charlotte saß, war kaum härter als der Blick, unter welchem sie versuchte standhaft zu bleiben.

„Was hast du dir nur dabei gedacht?”, brummte ihr Gegenüber und setze ohne auf eine Antwort zu warten nach: „Hast du überhaupt gedacht, verdammt?” Sie hatte Maria nur helfen wollen, „dafür brauchte ich aber erstmal ihr Vertrauen! Sonst hätte sie mir, einer Patientin, doch nie geglaubt, dass sie ernste Probleme hat!”

Während Marias Aussetzer im Park war Charlotte schnell klar geworden, dass diese unter starken Wahrnehmungsstörungen litt, aber auch dass sie sich derer nicht bewusst war. „Es war ein kalkuliertes Risiko!”, beteuerte Charlotte dem Rücken ihres Vaters, da dieser sich inzwischen kopfschüttelnd abgewandt hatte.

„An deine Risikoweinschätzung erinnere ich mich nur zu gut; glaub mir. Du hättest mich gleich aufsuchen müssen… Was wolltest du beweisen? Hast du denn nichts dazu gelernt oder ist es dir egal?”

Charlotte wollte diese Fragen nicht beantworten, denn ihr war klar, dass nichts, was sie jetzt noch sagen könnte, verhindern würde, dass nicht nur Maria, sondern auch sie selbst auf unbestimmte Zeit nicht mehr aus der Klinik herauskäme.

„Was wird jetzt aus Maria?”, fragte sie schließlich zögernd.

„Frau Walder muss sich jetzt erst einmal erholen. Ich habe eine frühere Kollegin von mir angefordert, welche beurteilen kann, welche Umstände zu ihrem Zusammenbruch geführt haben und ob möglicherweise eine andere Grunderkrankung der Wahrnehmungsstörungen vorausgeht. Sie wird ihr hoffentlich auch dabei helfen können einen guten Weg für sich zu finden und auch mögliche Zukunftsaussichten zu planen. Selbst wenn sich herausstellt, dass eine schizophrene Störung vorliegt, lässt sich diese heutzutage gut behandeln. “

„Ich möchte sie besuchen…“, unterbrach Charlotte ihren Vater, welcher sich ihr mit vor Überraschung erhobenen Brauen wieder zugewandt hatte, „… Ich mag sie!“

„Wenn Frau Walder es wünscht. Sie kann eine echte Freundin jetzt mehr als gebrauchen“ Die Emphase lag auf dem Wort „echte“, was der zustimmend nickenden Charlotte nicht entgangen war. Mit einem Blick, der sie fast zu durchbohren drohte, fuhr er fort:

„Egal, was Frau Walder auch erwarten wird, ein geregelter Ablauf und Unterstützung sind ab jetzt für sie das Wichtigste. Sie muss lernen, dass sich das Unkontrollierbare nun mal nicht kontrollieren lässt und darf weder sich noch andere dafür nicht bestrafen.

Das gleiche gilt auch für dich!”

***

Die kleine schwarze-weiße Katze, welche sich auf einer Fensterbank bis eben gesonnt hatte und von lauten Stimmen aufgeschreckt wurden war, zog sich, nach einer kleinen Abschiedsrunde durch den Privatgarten des Haus Instenburgs, in Richtung Stadt zurück.

Eatrich war mittlerweile vollständig raus-geputzt für das anstehende Stadtfest und erstrahlte so nicht nur im Glanz der Sonne, die nun endlich ungestört am wolkenlosen Himmel ruhte.

Der Regen des Vortages schien vergessen und so hatte man auch den Pavillon wieder abgebaut. Es waren nur kleinere Pfützen geblieben, die das Kätzchen über die gestellten Tische und Tafeln zu umwandern wusste, während es über den, mit Ballons und herbstlichen Gestecken, geschmückten Marktplatz lief.

Wie üblich trieb es sie in den Ostteil der Stadt, vorbei an Einfamilienhäusern, dem Spielplatz, durch die Mehrfamiliensiedlung bis hin zur Residenz zur Ruhe, wo bereits die neueste Ausgabe der Tagespresse auslag.

Der Leitartikel preiste das Fest zur Ehrung Eatrichs im „Gartenfreund-Wettbewerb“ des Landkreises an. Denn „nicht nur wurden die prämierten Kürbisse, Zucchini und Marmeladensorten lobend in den Nachbargemeinden erwähnt, unser heißgeliebter Cidre erreichte sogar den dritten Platz!” Selbst der Bürgermeister würde für das Sonderstadtfest extra aus dem Urlaub zurückkehren, hieß es weiterhin.

In einem kleinen Artikel wurde über das voreilige Fällen von Urteilen gewarnt, schließlich „könnte es jeden treffen und Langzeitschäden dürften nie unterschätzt werden.” Die letzten Zeilen richteten sich an Bernhard Wagner, dem somit eine öffentliche Entschuldigung „für mögliche Umstände” ausgesprochen wurde sowie viel Erfolg weiterhin und einen guten Start im zukünftigen neuen Zuhause. „Eatrichs Nachbarschaft wird dich vermissen!”

Die Ankündigung über einen Eigentümerwechsel im Teehaus schloss sich daran an und im Anzeigenteil suchte das Haus Instenburg nach neuen Mitarbeitern für die internistische Abteilung.

Die abschließenden Seiten widmeten sich den „neuesten Abenteuern der Rühlich-Knaben”, welche von ihrem „Spontanbesuch in der großen Stadt” bei deren Vater berichteten.

Aber all das interessierte die kleine schwarz-weiße Katze nur insofern, dass sich die Zeitung wunderbar zum Schärfen ihrer Krallen eignete.

„Tilli!”, der streng klingende Ausruf ihres Namens ließ das Kätzchen innehalten.

„Na wenigstens du hast einen Nutzen für das sinnfreie Wurschtblatt gefunden.” Der Tonfall war nun deutlich entspannter und untermalt vom amüsierten Zwinkern Rubys, als diese sie auf ihren Schoß beförderte und zu streicheln begann.

Nach einem deutlichen, wenn auch nicht minder belustigten, Räuspern von Elke setzte Ruby gespielt ernst nach: „Sinnfrei mit Ausnahme der gestrigen Ausgabe natürlich.”

„Natürlich!”, unterstrich Elke, während sie für die beiden Frauen Tee aufgoss.

Epilog

Strahlend, ja fast schon blendend, ergoss sich das Sonnenlicht über die gepflegten Straßen Eatrichs; nichts erinnerte mehr an die Verschlafenheit der nebelverhangenen und verregneten letzten paar Tage.

Das groß angekündigte Stadtfest schien bereits im vollen Gange, da Musik, Gelächter und der schwere Duft von Backwaren in der Luft lagen und Charlotte, welche von ihrem Vater begleitet den Marktplatz betrat, begrüßten.

Geschäftiges Treiben, knallbunte Dekoration, kostümierte Menschen; seliges Miteinander.

„Mein Gott, diese Stadt wirkt wie aus einem Roman entsprungen!”, brummte ihr Vater in sich hinein.

„Ja.”, legte Charlotte nach, „Stellt sich nur noch die Frage, in welches Genre einordnen?”

Der kurze Moment der Einigkeit wurde harsch unterbrochen als zwei Jungen auf sie zu stürzten und versuchten Charlotte in ihre Arme zu schließen. „Na ihr Beiden. Hat sich euer Vater über den Besuch gefreut?” Klebrige Finger hielten sich an ihrem Rock, Kinderköpfe nickten ihr aufgeregt zu, durch ihr breites Grinsen lugten Zahnlücken… bis schließlich zwei Hände und ein strenger Blick die Knaben bestimmend davonzog.

Ja, der Augenblick der Einigkeit und Zustimmung ihres Vaters war verflogen und nur noch Dr. Hinterseer, mit seinen allwissenden Gesichtszügen stierte sie kopfschüttelnd an. „Ich war ihnen am Bahnhof begegnet. Konnte ich ahnen, dass sich die Jungs direkt in den nächsten Zug setzen?”, fragte Charlotte niemand bestimmten, denn ihr Vater war schon in der Menge verschwunden.

Die wachsamen Kameraaugen des Marktplatzes und bedeutenden Blicke der unablässig freundlich lächelnden Nachbarn sahen auf Charlotte herab, als diese, wissend, dass die Zeit der unbeaufsichtigten Wanderungen nun vorbei war, ihre Lippen zusammenbiss, um sich nun ebenfalls unter den Menschen zu verlieren; in der Menge aufzulösen, wie einst im Nebel.

Ende

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Katze4

„Wir atmen wieder auf.“

Eatrich kann endlich wieder zur wohl verdienten Ruhe kommen; die Rühlich Knaben sind in den frühen Morgenstunden wohlauf zuhause eingetroffen.

Laut Oberwachmeister Klausner hatten sich die Buben, welche während eines Schulausflugs am gestrigen Tag in den Stadtwald, verschwunden waren (die Tagespresse hatte darüber in einer Sonderausgabe berichtet), im alten Steinbruch ein Ford geschaffen. Sie hätten beim Spielen die Zeit vergessen und wollten natürlich nicht mitten in der Nacht durch den Wald; hieß es weiterhin.

Um in Zukunft zu verhindern, dass Kinder den Steinbruch mit einem Spielplatz verwechseln könnten, ist dieser bereits weiträumig abgesperrt wurden; über eine Permanentlösung wird in der nächsten Stadtversammlung entschieden.

An dieser Stelle sei erneut ein Dank an alle Nachbarn ausgesprochen, die die Polizei tatkräftig bei der Suche unterstützt haben oder auch mit aufrichtenden Worten zur Seite standen.

Der Schrecken sitzt uns allen natürlich noch im Nacken, doch wie heißt es so schön:

Jungs sind nun mal Jungs, nichtwahr?

6

Dieser verdammte Artikel gepaart mit dem „Reisebericht“ der Rühlich Geschwister (Kinderbilder – Gekrakel in Bernhards Augen) hatte fast zwei Monate öffentlich ausgehangen, bevor die Kollage zum Voranschreiten der Schulgebäudesanierung interessanter erschien und den Artikel mitsamt dem dazugehörigen Stadtgespräch abgelöst hatte.

Zwei Jahre lag das Kleinstadt – Drama nun zurück und allgemeines Vergessen hatte sich über die Gemeinde gelegt; bis heute!

Bernhard selbst konnte sich an diese paar Stunden allerdings noch nur zu gut erinnern. Er verlor halb den Verstand während des ganzen in Tränen aufgelöste Mutter und Lehrerin beruhigen, Kindern Geschichten erzählen, Suchtrupps organisieren, den Wald durchkämmen, die letzte entscheidende Unterhaltung mit seiner Frau führen.

Natürlich war es nötig, dass die Stadt einen Sündenbock vorweisen musste, das konnte Bernhard sogar noch verstehen. Die Absicherung von Baustellen und leer stehenden Werken, wie dem ehemaligen Steinbruch fielen, laut Stadtbeschluss, unter den Aufgabenbereich der Polizei; die Kette vor dem Zugang nebst Hinweisschildern kam aber wohl eher einer Einladung gleich, „und doch sicher nicht nur für die beiden sieben Jährigen Buben“. Dies hatte man im Nachhinein zumindest erklärt.

Dass Bernhard und seine Karriere, sein guter Ruf, letztlich seine Ehe dabei unter die Räder gerieten, entpuppte sich als „unglückliche, unvorhersehbare, kaum entschuldbare Nebenerscheinungen, die niemanden vorzuwerfen waren oder? Und Herr Wagner könne sich doch glücklich schätzen, dass sich die Stadtverwaltung sogar öffentlich dafür ausgesprochen hatte, dass man ihm keine nachweisbare Schuld zusprach, dass lediglich ein zu freimütiger Umgang mit der Geländeabsicherung die Ursache für das Verhalten der Kinder gewesen war, denn schließlich nutzen Kinder alle Freiheiten, die ihnen gegeben werden.“

Dass es diesen speziellen Knaben auch an Erziehung mangeln könnte oder dass das Lehrpersonal (die eigene Mutter) ihre Aufsichtspflicht verletzt hatte, wurde getrost ignoriert. Bernhards entsprechende Anmerkung führte dann noch zum Einzug seiner Mitgliedschaft im Whiskey Klub, denn: „die Rühlichs sind eine angesehene Familie, welche im Stadtverein stets beachtliche Beiträge leistet. Auch soll doch der Brunnen am Marktplatz im kommenden Jahr wieder in Standgesetzt werden, da kannst du doch nicht solche haltlosen Beschuldigungen in die Welt setzen…“  und brachte das Fass seiner eh schon angeknacksten Ehe zum überlaufen, denn Heidrun Rühlich’s „Namen so in den Dreck zu ziehen, ist mal wieder typisch. Als ob du wüsstet, wie schwierig die Erziehung von Kindern ist; du bist schließlich nie hier, um es zu merken!“

Ja, Bernhard hatte jedes Recht wütend zu sein auf die Jungen und deren Familie, sogar auf die Stadt selbst. „Jeder hat Verständnis für deine Situation, aber warum jetzt? Warum nach so langer Zeit? Liegt es daran, dass sie wieder geheiratet hat? Wo hast du sie versteckt? Sprich mit uns, verdammt!“

***

„Hast du schon gehört? Die Rühlich Jungen sind weg… und diesmal wirklich…“, das Stimmengewirr und die Blicke der Stadt lagen nun wieder auf Bernhard, klebten in seinem Nacken, durchbohrten ihn fragend, ja wissend. Denn die Meinung Aller wiegt schwer.

„(K)ein Abenteuerspielplatz“

7

Marias Gesicht war noch immer hochrot vor Scham, obgleich der Zusammenstoß mit Dr. Hinterseer bereits einige Stunden zurücklag, aber da die Röte stets wieder aufzuflammen schien, begegnete sie einem der Ärzte, beschloss Maria, dass der unschöne Schichtbeginn Schuld an ihrem unmissverständlichen Hautton war. Die Tatsache, dass ihr der verfluchte Gang mit diesem seltsamen Gemälde nicht aus dem Kopf gehen wollte, tat ihr Übriges.

Während sie auf die nächste Aufgabenzuteilung wartete, genoss Maria die Sonne im Klinikgarten, welche zu dieser Jahreszeit zwar nicht mehr besonders kraftvoll war, jedoch eine willkommene Abwechslung zu dem nebelverhangenen Vortag darstellte. Nur wenige Menschen befanden sich draußen, da bereits die Mittagsrunden begonnen hatten. Auch wenn es zum Kuralltag beziehungsweise zur Therapiebegleitung gehörte die Patienten an feste Malzeiten nach vorbestimmten Zeitplänen zu gewöhnen, respektive dies vielmehr von ihnen zu verlangen, kam Maria nicht umhin, sich daran zu stören. Sie würde sich im ersten Moment bestimmt gegen solche Zwänge zur Wehr setzen. Schon aus Prinzip! Pünktlichkeit war das Eine, aber jemanden vorzuschreiben, wann dieser was zu essen hatte? Nicht, dass sie das nicht nur zu gut von Zuhause kannte. Aber das erwachsenen Leute abzuverlangen? Ihre Essenszeit selbst einzuteilen, war eine der Freiheiten, die Maria im Studium so sehr genoss, dass sie ganze Gespräche zu diesem Thema führte.

„Öffne lieber deine Augen, wenn du schon auf dem Weg rumstehst, manch einer könnte sich sonst wohlmöglich einen Spaß erlauben.“, riss sie eine leicht belustig klingende Stimme aus den Gedanken. Jack Trevor, in seiner Aufgabe als Oberpfleger, hatte die Verantwortung übernommen Maria bei der Einweisung in Arbeitsabläufe oder für sonstige Fragen zur Seite zu stehen. Das Haus Instenburg war ein recht kleiner Betrieb und das Personal entsprechend überschaubar, somit blieb den diensthabenden Ärzten kaum Zeit für die Einführung neuer Kollegen. Normalerweise hätte Maria es vorgezogen direkt unter den Doktoren der internistischen Abteilung zu lernen, jedoch schien ihr Nervenkostüm dafür nicht bereit; jedenfalls am heutigen Tag. Dass sie an Jack bereits nach ihrer ersten Begegnung Gefallen gefunden hatte, trug zwar nichts dazu bei die Schamesröte zu verlieren, heiterte sie jedoch genug auf, um diese in seiner Gegenwart ignorieren zu können. Zumal Maria davon ausging, dass ihr strahlendes Lächeln und die vom Makeup fein betonten Augen für sich selbst Sprachen, zumindest war das eine Erfahrung aus Universitätsjahren, an welche sie nur zu gern zurück dachte.

„Mist verdammter…!“, ein Sturz über ihre eigenen Füße holte Maria zwar aus den Wolken, aber beförderte sie schnurstracks in Jacks Arme. Er schmunzelte nur, während er sie wieder aufrichtete: „Als ich gerade noch mit mir haderte dich heut Abend auf ein Bierchen einzuladen…“ flüsterte er und zwinkerte Maria unverhohlen zu.

***

Es ist dunkel! Warum? Es sollte Tag sein, nicht wahr? Es war eben noch hell; Sonnenschein, warme Brise, buntes Laub… nun… Kälte, klebrige Finger an meiner Haut… Was willst du!

***

„Hey, alles klar bei dir? … Verzeihung! Sind Sie in Ordnung?“, Charlotte begann sich mühselig aufzurichten, kalter Schweiß rann ihren Rücken hinab, als sie versuchte Marias fragendem Blick standzuhalten.

„Duz mich ruhig und lass die Höflichkeiten! Alles Andere wäre mehr als lächerlich. Meinen Sie nicht auch?“, Charlotte verabscheute solche Situationen! Immer zogen sie Erklärungen nach sich, denen sie selbst seit Jahren aus dem Weg zu gehen versuchte. „Alles gut! Mir ist nur ab und an etwas schummrig. Schau nicht so!“, winkte sie Marias hilfereichende Hand wirsch ab. „Hey! Ich bin Doktor. … Ich werde es zumindest“, schob Maria zügig nach, da Charlotte zum Widerspruch ansetzen wollte, „Willst du dich hinlegen? Ein Glas Wasser? Hast du heute schon genug getrunken? Hast du das öfter? Bekommst du Medikamente? Wieso bist du hier?“, ihr Wortfluss kam abrupt zu Stehen, denn zwei leicht zittrige Hände legten sich an Marias Hüfte und leiteten sie in Richtung Parkbank wo sie schließlich verdutzt Platz nahm. „Nein. Sobald ich im Haus bin. Ja. Ein paar Jahre. Nur bei Bedarf. Hypocobalaminämie.“, als ihr Gegenüber nur blinzelte, setze Charlotte nach: „Als zukünftiger Arzt solltest du dringend deine Anamnese-Technik ausfeilen. Selbst bei polizeilichen Befragungen wird den Leuten Zeit zum antworten eingeräumt“, grinste sie leicht schief und sah der nun recht sprachlosen Frau Dr. Walder in spe herausfordernd in die weit aufgerissenen Augen.

Maria brach in Lachen.

***

Das erste Mal an diesem oder auch den letzten Tagen, wenn sie ehrlich mit sich war, entwich alle Anspannung. Maria verzichtete sogar darauf dem Gedankengang über die Wichtigkeit von professionellem Abstand gegenüber den Patienten zu weit zu folgen.

Sie genoss Charlottes spitze Zunge und ihre Offenheit. Natürlich schien sie etwas seltsam, aber wer war das nicht irgendwie? Maria fühlte sich wohl, wenn auch erkannt. Im Normalfall versuchte sie genau das zu vermeiden, denn sobald die Leute der Meinung waren, sie durchschaut zu haben, zerbrach jede noch so zarte Bande mit ihnen. Meistens da die Einschätzung auf übereilten Urteilen ruhte, welche sie nie korrigierte. Vater hatte ihr immer gepredigt, dass „Wer sich erklärt, der lebt verkehrt!“ schließlich beruht die Notwendigkeit sich zu rechtfertigen auf dem Eingeständnis einer Schuldigkeit oder schlimmer noch Schwäche, und „du machst dich angreifbar, gibst du Anderen die Breitseite preis!“

„Dein Vater ist ein Idiot, wenn er ernsthaft der Meinung ist, solche Plattitüden lösen mehr als allgemeines Misstrauen gegen Jeden und Alles aus. Er hätte dir lieber beibringen sollen, wie man ehrliche Unterhaltungen führt und einschätzt, wem man was erzählen kann und sollte. Sicher sollte man wissen, wann man seine Ausführungen beenden muss, besonders dann wenn es Gründe gibt hinterm Berg zu halten. Aber Alles zu schlucken, ist sicher auch nicht der Weisheit letzter Schluss.“ Ja, Maria mochte ihre neueste Bekanntschaft. Zumal diese die erste war, seit ihrem Umzug nach Eatrich, in deren Gegenwart sie sich nicht wie ausgesetzt und vorgeführt, sondern verstanden und unterstützt fühlte. Vielleicht war sie tatsächlich älter als ihr Äußeres den Eindruck machte; sie würde  bei Gelegenheit Charlottes Akte einsehen.

„Wieso musst du hier Patientin sein?“, stöhnte Maria und legte ihre Stirn in Falten, „Wenn du es dir nur genug wünscht, tauschen sich unsere Rollen vielleicht eines Tages.“, entgegnete Charlotte mit einem Zwinkern und ohne den ironischen Tonfall, der fast jede ihrer Äußerungen zu begleiten schien auch nur im Entferntesten abzumildern. Maria zog kurz die Lippen kraus, bevor diese zu einer verspielten Schnute wurden, welche sich wiederum zu einem breiten Grinsen formte. Gerade da ihr ein passender Konter eingefallen war, ertönte ein lauter Pfiff aus Richtung der Klinik und Dr. Embrich deutete auf sein linkes Handgelenk. Was er damit ausdrücken wollte, konnte sich Maria nur zu gut denken. „Oh Mist! Ist ja nicht so als wäre er begeistert von mir. Verflucht…“, sprang sie auf, fühlte das Rot ihrer Wangen wieder aufflammen und stürzte zurück zum Haus.

„Warte!“, erhob Charlotte die Stimme, um Marias Selbstanklage zu übertönen, „Was genau wolltest du eigentlich von mir?“ „Ach ja, komm mit! Die wollten dir noch ein paar Fragen zu den Blutwerten stellen… Sorry.“ Die beiden Frauen kamen nicht weit. „Was ist los?“, ein wenig Sorge schien in Charlottes Stimme mitzuschwingen, „Ehm, ich wundere mich bloß… Hast du die Katze hier schon mal gesehen?“, fragte Maria und zeigte gen Waldrand. „Nein, aber sie gehört sicher zum Stadtbild. Viel zu gepflegt für ne Freilebende.“ „Glaubst du, dass sie als Therapietier genutzt wird? Darüber hab ich neulich war gelesen. Das soll sehr effektiv sein; beruhigend. Ich meine, geeignet scheint sie ja.“, Maria machte große Gesten und nickte sich selbstbestätigend zu. Als Charlotte sie lediglich verdutzt ansah, setzte sie nach: „Ich meine, schau…“, aus dem fragenden Blick wurde Erstaunen, „… das Mädel im Gras ist vorhin völlig ausgeflippt, als ich sie ansprach und jetzt… wow… die Ruhe in Person.“

Da sie ein lautes Hüsteln vernahmen, zogen sie weiter. „Warst du irgendwie gestresst oder aufgeregt während du dich dem Mädchen genährt hattest?“, Maria blinzelte mehrfach und nickte dann nur, „Vielleicht hast du sie nur verschreckt. Bestimmt ist sie sehr empfindsam. Wir sind hier schließlich nicht einem einfachen Kurhotel. Wenn du ihr das nächste Mal über den Weg läufst, achte auf die Emotionen, die du aussendest.“, auch darauf blieb Maria nur ein Nicken. Sie hatte noch viel zu lernen; vorzugsweise nicht nur von den Patienten.

„… denn als Gemeinschaft sind wir stark!“

8

Bernhard sah müde aus.

Die Kleidung gepflegt, aber zerknittert, denn er kauerte regelrecht auf seinem Platz, als wollte er seine hochgewachsene Statur verbergen. Die Hände im Schoß, zu Fäusten geballt. Die Schultern hängend, der Kopf leicht gesenkt. Sein Gesicht aschfahl und eingefallen. Er kaute angespannt auf seiner Unterlippen, während sein Blick prüfend über jeden Winkel des Raumes flog; aller Anschein von Autorität verflogen.

Elke hatte ihn bisher nur als einen starken, ja stolzen Mann gekannt. Obgleich sie mit Bernhard mittlerweile lediglich eine lose Bekanntschaft unter Nachbarn pflegte, hatte er bis zuletzt eine gewisse Größe ausgestrahlt; immer ein Scherz auf den Lippen, ein Zwinkern im Blick, welcher nie davor zurückschreckte sein Gegenüber herausfordernd anzusehen. Doch alles was nach dem heutigen Tag geblieben war, war dieser Mann, das Häufchen Elend, dessen Blick nie Kontakt mit dem ihren aufnahm, der nur noch darauf zu warten schien, dass man ihn rettete.

Ihn retten… ja, das könnte sie tun! Sie wollte für ihn da sein! Mit ihm gemeinsam gegen dieses Nest und den Tratsch zusammenstehen! Ja, sie würde ihn nicht so fallen lassen, wie alle Anderen! Elke hatte die Blicke der Stadtbewohner gesehen, die Tuschelei gehört als Bernhard für die Aufnahme seiner Aussage vom Steinbruch zum Revier begleitet wurden war. Das Raunen nahm weiter zu, da es anschließend zu seiner Wohnung ging, damit er der Hausdurchsuchung beiwohnen konnte. Für den Rückweg zur Stadion hatten sie schließlich einen Kollegen vorausschicken müssen, der die Stadtbewohner zur Ruhe anhielt.

Dieses verdammte Dorf!

Im Steinbruch fanden sich keine weiteren Spuren und der Rucksack gehörte nachweislich einem ganz anderen Kind – oh der Aufschrei war laut, als es hieß die Rühlich-Buben hätten diesen ein paar Tage zuvor entwendet gehabt und sich lauthals dafür gebrüstet, aber auch geweigert ihn wieder rauszurücken, denn „die dumme Heulsuse hatte es verdient! Was petzte die auch immer.“ Frau Mama und Oberlehrerin glättete wieder einmal die Wogen und wies daraufhin, „dass das noch lange nicht bedeutet Bernhard sei unschuldig!“ Natürlich ging auch die Durchsuchung seiner Wohnung hinweislos aus. Natürlich war es so und Elke würde das jedem sagen, der sie danach fragte!

Gerade wollte sie „ihrem Häufchen Elend“, wie sie ihn in Zukunft schmunzelt bezeichnen würde, genau das mitteilen, da schneite Emily zur Tür herein. Wer hatte die denn nun informiert? Und was ging die das überhaupt an? Elke kaute auf den Innenseiten ihrer Wangen und lächelte verkniffen, als sie Bernhards Entlassungspapiere aushändigte. Sie lächelte nicht mehr da sie nun allein zurück und mit ihren Gedanken allein blieb.

Nein, Bernhard war nicht mehr derselbe Mann. Elke hatte stets geglaubt ihn zu kennen, fühlte sich wohl und aufgenommen in seinem Freundeskreis… fühlte noch viel mehr, obgleich sie es nie wagte diesen Träumereien zu weit zu folgen. Vielleicht war ja doch was dran… wann kam es schon mal vor, dass die gesamte Stadt sich einig war?

***

Ihre Schicht war zu Ende… Maria hatte den Tag überstanden; wie genau war ihr auch nicht recht klar.

Doch sie konnte stolz auf sich sein, zumindest ihrer Meinung nach, denn wenigstens kannte Maria nun alle Wege der Klinik und fand sich ohne Hilfe zurecht. So gut, dass sie nicht dem Zufall die Schuld geben konnte sich erneut vor der Tür des ominösen Ganges wiederzufinden. Es prickelte in ihren Fingern als sie hindurchtrat. Wie am Morgen war die Beleuchtung gedimmt, lediglich ein paar Notleuchten wiesen ihr den Weg.

Schon nach wenigen Schritten musste Maria leicht enttäuscht feststellen, dass das Portrait verschwunden war. An dessen Stelle hing nun eine Landschaftsmalerei. Trotz der spärlichen Beleuchtung wurde deutlich, dass es ein Fluss war, der sich da durch den Winterwald schlängelte. Kahle Bäume zäunten seinen Weg, spitze Steine ragten aus ihm heraus und Irgendetwas schwamm, nein folgte der Strömung… Maria wollte ihren Augen nicht ganz trauen, als sie das Etwas als einen roten Rucksack identifizierte.

Sie schüttelte sich kurz und rieb ihre Augen: „Was für eine morbide Fantasie?“, murmelte Maria als sie tiefer in den Gang trat und nach einigen Metern an der gegenüberliegenden Seite auf ein weiteres Bild stieß; eine Kohlezeichnung. Sie verschluckte ihren Kommentar, als sie ein kleines Mädchen erblickte, welches nur im Leibchen zwischen Gräbern saß mit den Folgen eines Krieges im Hintergrund.

Tief luftholend zog es Maria weiter. „Oh Gott! …“, mit der Hand über den Lippen zwang sie sich zur Ruhe. In strahlenden Farben, welche selbst im Dimmerlicht hervorstachen, eröffnete sich ein Torso mit den Organen in situs inversus. So etwas hatte sie nur einmal in der Pathologie-Vorlesung gesehen, als anatomische Zeichnung und dann auch nicht so detailverliebt. Als würde sie eine Fotographie der inneren Organe, in ihrer spiegelverkehrten Lage betrachten. „Wahnsinn.“

Maria stolperte voller Anspannung weiter, nun wollte sie Alles sehen!

Ein Portrait, nicht das ihres Doppelgängers starrte sie an. Maria wusste nicht recht, ob sie erneut enttäuscht oder erleichtert sein sollte. Schließlich stammten die Bilder alle vom gleichen Künstler mit der abschreckenden Imagination; sie waren mit C.L.H. signiert. Der Mann mittleren Alters, mit tiefen Ringen unter seinen blutunterlaufenden Augen, grimmigen Lippen und kurzen angegrauten braunen Haar, was in alle Richtungen abstand, war nichts, was Maria beruhigte.

Gegenüber des schaurigen Herren schmunzelte sie ein Mädchen im roten Pullover an. Sie hatte halblanges, dunkles Haar, tiefdunkle, alte Augen und ein Blässe, welche Maria bisher nur einmal begegnet war. „Charlotte?“, nein, das konnte nicht sein. Dieses bleiche Kind glich Charlotte vermutlich genauso wie ihre Doppelgängerin ihr oder der Mann irgendjemand anderem. „Sowas kommt vor! Jeder hat einen Zwilling!“, krächzte Maria in keine bestimmte Richtung und entdeckte den Ihrigen direkt neben dem Mädel.

Erstarrt blieb sie wie angewurzelt davor stehen, Schweißperlen rannen ihr den Nacken hinab und klebten auf ihrer Stirn. „Hach! Du siehst mir gar nicht ähnlich! Hach den Lockenkopf trage ich schon seit Jahren nicht mehr!“, Maria setzte ein breites, wenn auch sehr schiefes Grinsen auf und stapfte erneut drauflos.

Sie würde sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, aber eine Zigarette wünschte sie sich nun sehnlichster denn je.

Kurz vor dem Zugang zum nächsten Klinikbereich entdeckte Maria einen Spiegel und drapierte sich davor. „Die wollen wohl, dass man sich noch mal herrichtet nach dem Trip… nicht dumm.“ Ihr stockte der Atem, denn nicht sie sondern eine Fratze mit weitaufgerissenen Augen und verschobenen Gesichtszügen sah sie an. Maria entfuhr ein markerschütternder Schrei.

Ende Kapitel 3

Fortsetzung folgt

verloren auf dem Weg _Kap.2_ 3

Katze4…Es war nicht das erste Mal gewesen, dass man ihm einen Leitartikel in der Tagespresse gewidmet hatte und auch in dieser Ausgabe waren nur positive, aufrichtende und verständnisvolle Worte zu lesen. Man sollte meinen den öffentlichen Alkoholkonsum eines Einzelnen oder auch der Stadt vorzugeben, sollte ein wenig Aufregung wert sein, aber wie es sich nun mal in Eatrich verhielt, war es weder eine neue noch außergewöhnliche Maßnahme so etwas zu beschließen.

Einer der Gründe, aus denen Bernhard keinen Fuß mehr in den Gastwirt setzen wollte, war die Photographie von Regina, welche am rechten Außenplatz der Bar thronte.

Er hatte sie natürlich gekannt, so wie jeder in diesem Ort und das Bild, ein Portrait, welches das freundliche, leicht rundliche Gesicht einer rothaarigen Frau mittleren Alters zeigte, ähnelte Regina, zumindest der Frau, welche zuletzt auf ihrem Stammplatz gekauert hatte, nur im Entferntesten. Inzwischen lag ihr Tod drei Jahre zurück und dass sie ihre letzten Lebensjahre wohl nur noch zwischen Barhocker und Couch zugebracht haben konnte, war deutlich im aufgedunsenen Gesicht, dem wirren, dünnen Haar und den glasigen Augen abzulesen. Bernhard erinnerte sich noch gut an sie und wie er so auch alle Anderen. Die Erinnerung machte ihn traurig, denn zuletzt war nichts mehr geblieben, als Regina beim langsamen Sterben zuzuschauen. Man konnte nur noch wohlwollend lächelnd ihren immer wiederkehrenden Geschichten vom verlorenen Reichtum, dem verschwundenen Mann, den Fehltritten und abgebrochenen Therapieversuchen lauschen und sie ab und an nachhause begleiten, da sie betrunkener war als vorgegeben, an Abenden, wenn sie die Barkraft davon überzeugen konnte ihr „doch noch einen kleinen Extraschluck“ zu gönnen.

Das Wissen darum, dass man niemandem helfen kann, der sich nicht selbst helfen will, erschien Bernhard schon immer eine sehr beliebte Ausrede, obgleich er sich der Tatsache gewahr war, dass diese Aussage, diese Redensart, diese verfluchten Ausflüchte nicht von ungefähr kamen.

Nein, Bernhard wollte nicht so enden wie Regina. Wollte keine Photographie aus besseren Tagen werden und so weigerte er sich seit der absurden Stadtversammlung das Gasthaus weiterhin aufzusuchen. Nicht dass ihm der gute Vorsatz davon abgehalten hatte wenige Tage später morgens zusammengesackt auf dem Bürgersteig nahe seiner Wohnung aufzuwachen.

Bis heute war er Emily dankbar dafür war, dass ihr Lächeln ein verschmitztes und kein mitleidiges gewesen war, als sie ihn mit leiser Stimme weckte und darauf hinwies, dass das Stadtleben jeden Augenblick beginnen würde. Er hatte nur nickend und mit einem Grunzen seine Zustimmung äußern können, während sie ihn langsamen Schrittes nachhause begleitete. Damals wie heute war Bernhard davon überzeugt, dass die lieben Nachbarn sicher anders reagiert hätten, als Emily und vor allem als die kleine Katze, welche augenscheinlich geduldige Nachtwache geschoben und deren scheinbar strenger, aber gleichzeitig vorurteilsfreier Blick bis zu nächsten Ecke auf dem ungleichen Paar geruht hatte.

Nun war Bernhard also wieder auf dem Weg zum Teehaus. Eigentlich öffnete Emily ihren Laden erst in den Nachmittagsstunden, doch er hoffte, für ihn würde sie wieder einmal eine Ausnahme machen.

„Bitte bleiben Sie auf den ausgeschriebenen Waldwegen!“

5

Gerade hatte sie ihn ansprechen wollen, doch da war Bernhard schon eingetreten ins Teehaus. Elke blieb nur noch der Anblick von Emily, welche ihr sanft zulächelte, bevor auch sie hinter der lindgrünen Milchglastür, mit dem zum Blatt geformten Knauf und den Blütenranken aus Holz, welche die ganze Abscheulichkeit umrahmten, verschwand.

Was Bernhard in ihr sah und wie es überhaupt dazu gekommen war, dass die beiden plötzlich so dicke waren, entzog sich Elkes Vorstellungskraft. Es war natürlich nicht so, dass sie Emily als Person, als Nachbarin ablehnte, als… ach wem wollte sie was vormachen? Emily und das verdammte Teehaus waren ihr ein Dorn im Auge.

Wie es sich in dieser, wie wohl jeder Kleinstadt, so ergab, kannten sich die drei schon von Kindesbeinen an. Sie waren keine Freunde, nicht einmal Spielkameraden. Allerdings gab es auch keinen Disput zwischen ihnen. Man traf sich halt ab und an zufällig, teilte die gleichen Schulmauern, nur zu verschiedenen Zeiten; sie waren unterschiedlichen Alters. Später zog dann jeder seiner Wege, was wiederum kaum ins Gewicht fiel.

Elke ging fort zum studieren, Emily auf Bildungsreise und Bernhard verblieb in Eatrich, um Polizist zu werden.

Da Elke zwischendurch immer malwieder in der Stadt einkehrte, um ihre Familie zu besuchen, ergab es sich, dass sie eine lockere Freundschaft mit Bernhard und dessen Frau einging. Sie fühlte sich aufgenommen und freute sich jedes Mal mehr auch mit dem Rest seiner Kumpel Zeit totzuschlagen, den aktuellsten Stadtklatsch zu hören und so letztendlich irgendwie doch noch in Eatrich reinzupassen.

Wie erschrocken und enttäuscht war Elke schließlich gewesen, als sie nun zurückkehrte, um ihr Leben in dieser Stadt am Rande der Welt zu führen. Der letzte Besuch lag zwar schon ein paar Jahre zurück und wie das manchmal so halt so war, hatte sie es nicht geschafft den Kontakt zu ihrem Freundeskreis in Eatrich aufrecht zu halten, war aber davon ausgegangen, dass alles beim Alten geblieben war; so wie immer.

Oh, wie falsch konnte man doch manchmal liegen.

Den Freundeskreis gab es nicht mehr. Bernhard war geschieden und was aus seiner Frau und dem Kind geworden war, wollte ihr niemand erklären. Er selbst reagierte frostig auf ihre Nachfragen und hatte es schnell abgelehnt überhaupt noch mit ihr in Kontakt zu treten. Auch seine Arbeit hatte er aufgegeben. Obgleich in Elkes Augen noch Hoffnung bestand, da er lediglich krankheitsbedingt beurlaubt war. Ja und dann war da Emily. Weshalb die nichts Besseres zu tun gehabt hatte ein knappes Jahr vor Elke heimzukehren und Bekanntschaft mit ihrem Freundeskreis, zumindest mit dem einen Freund, zu pflegen, wollte sich Elke einfach nicht erklären. Sie hatte nur gehört, dass Emily irgendwie erkrankt war, aber nun heldenhaft geheilt schien oder zumindest sich nie beschwerte. Sie hatte das alte Café übernommen und daraus diesen Teeladen gemacht; vollgestopft mit Kerzen, Figuren, Symbolik – alles in knallbunten Farben. Elke konnte mit diesem ganzen innere Ruhe-, Meditation- und Seelenfriedenquatsch nichts anfangen. Doch Emily hatte offenbar genug Gäste, um den Laden offen zu halten und zu Elkes Entsetzen war sie sehr beliebt unter den Nachbarn; selbst ihre Mutter lächelte selig beim Gedanken an das verfluchte Teehaus.

***

„Wer war deine neue Bekanntschaft?“, fragte Elke leicht angespannt, da sie versuchte gleichgültig dem Gedanken gegenüber zu wirken, dass die Dame mittleren Alters möglicherweise nur aufgrund ihres Erscheinens so plötzlich gegangen war. „Ach, das ist Ruby. Sie ist nur ein wenig schüchtern.“, erwiderte ihre Mutter vergnügt, während sie die kleine schwarz-weiße Katze scheinbar geistesabwesend streichelte. Kurz wollte Elke auf den Umstand eingehen, dass das Tier ihr irgendwie bekannt vorkam, doch sie verwarf die Frage nach der Herkunft der Katze kurzerhand, denn die Tatsache, dass ihre Mutter, welche sich seit ihrem Einzug in die Residenz sehr zurückgezogen hatte und Gespräche mit jedem außer der eigenen Tochter abzulehnen schien, plötzlich interagierte, verwunderte Elke erheblich. Natürlich erfreute sie es noch mehr, aber insgeheim genoss sie die alleinige Aufmerksamkeit ihrer Mutter ein wenig, auch wenn sie sich darüber fast täglich zu beschweren pflegte.

„Wohnt … Ruby hier? Sie erscheint mir doch ein wenig zu jung.“, den Nachsatz ‚für ein Altersheim‘ verkniff Elke sich gerade noch. „Nein, ehm… eigentlich schon. Sie hatte ihren Vater die letzten Jahre mitversorgt.“ „Ja, aber dafür gibt es doch das Personal hier. Sicher sehen die das nicht gerne, wenn man sich in ihre Arbeit einmischt?“, Elke hatte den Blick abgewendet und in Richtung Hauseingang geblickt, weshalb sie das kurze Aufflackern von Irritierung in den Augen ihrer Mutter nicht wahrnahm. Der Katze allerdings war die angespannte Haltung der alten Dame nicht entgangen und so leckte sie dieser für ein paar Augenblicke die Hand ab, stieß schließlich das Köpfchen hinein und schloss erst wieder die Lider als der Griff von Frau Unmut wieder entspannter wurde. „Es war der Wunsch ihres Vaters gewesen. Auf die Wünsche der Residenzbewohner wird hier im Allgemeinen Rücksicht genommen.“, schnaufte diese nur kurz, bevor ihr Lächeln zurückkehrte und sie sich erneut verträumt im Garten umsah.

„Ja, natürlich tun sie das. Man bezahlt sie schließlich gut genug“, brummte Elke. „Und Ruby ist eine sehr interessante Gesprächspartnerin. Sie hat viel erlebt und zu so unzähligen Dingen eine geschulte Meinung.“, Frau Unmut betonte ‚geschulte Meinung‘, da sie ihre Tochter kannte und setzte, ohne deren Bemerkung abzuwarten, nach: „Auch ist sie lustig, obwohl man merkt, dass ihr der Verlust des Vaters schwer zu schaffen macht… ach, sowas ist immer tragisch… das Verlieren eines geliebten Menschen, ganz gleich wie.“ „Und sie wohnt noch immer hier?“, Elke wirkte ein wenig unsicher; tat sie nicht ausreichend genug für das Wohl der eigenen Mutter? „Ja, sie leistet den älteren Herrschaften Gesellschaft, wie du es ausdrücken würdest, deshalb bekommt sie hier weiterhin Kost und Logis. … Nu guck nicht so! Sie ist nett und außerdem nicht mehr lange da.“ „Will sie doch wegziehen? Das eben klang…“ ‚als könne man sie hier erst im Sarg wiederraustragen…‘, dachte sich Elke und ließ den Satzanfang im Raum hängen. „Nein, aber sie wird bald sterben, hat sie gesagt.“ „Oh, das tut mir leid. Ist sie krank? Wie lange hat sie noch?“, verzweifelt versuchte Elke ihre vorherigen Gedanken zu vertreiben und der Situation entsprechend mit der nötigen Andacht zu reagieren; so wie sie es gelernt hatte. Bis ihre Mutter schließlich nachschob: „Sie ist nicht todkrank, sie wird nur sterben, hat sie gesagt… Da das Leben keinen Sinn ergibt.“, darauf verflog der angestrebte Anstand wieder und Elke fragte nur: „Und wann wäre das soweit?“ „Sobald Ruby das Leben versteht.“

Noch bevor die Unterhaltung einen klärenden Abschluss finden konnte, sprang die Katze kurzerhand auf und rannte davon, entgeistert sahen ihr die Unmuts nach bis das Blaulicht des Streifenwagens ihre Aufmerksamkeit in Richtung der Felder richtete und sie nun ein ganz anderes Thema für eine im Kreise laufende Gesprächsführung bekamen.

***

Bernhard hatte gerade noch Zeit den roten Rucksack fallen zu lassen und einen Schritt zurück zu treten bevor das fahle Licht der Taschenlampe ihn vollends erreichte.

„Oh mein… Bernhard, was zur… Sind sie hier? Hast du sie gefunden?“, als dem Wachtmeister nur ein Knopfschütteln entgegnet wurde, setzte dieser nach mehrmaligen Räuspern mit nun leicht gebrochener Stimme nach: „Bernhard Wagner ich muss Sie bitten mich zur weiteren Befragung aufs Revier zu begleiten.“

Ende Kapitel 2

Fortsetzung folgt

 

verloren auf dem Weg _Kap. 2_ 2

Katze4

Noch bevor Maria sich der Tatsache, dass dieser Gang einige signifikante Unterschiede zum Rest der Klinik aufwies, vollkommen bewusst werden konnte, blieb sie wie angewurzelt vor einem Gemälde stehen. Das Portrait eines jüngeren Mädchens… eines Mädchens, was gerade erst in die Pubertät zu kommen schien… eines Mädchens, was jeden, der es anblickte, direkt in die Augen sah… eines Mädchens, welches schüchtern, vielleicht sogar unsicher, lächelte… eines Mädchens, „was aussieht, wie ich!“…

Der Gang ist nur spärlich beleuchtet, versuchte Maria sich zu beruhigen. Doch noch bevor sie nach einer besseren Lichtquelle suchen konnte, blieb sie erneut wie erstarrt stehen. Dieses Mal war es wegen der donnernden Stimme, welche hinter ihr ertönt war:  „Sie haben hier nichts verloren!“ Ein stämmiger Herr mit lockigem, wenn auch weißem Haar blickte Maria herausfordernd über eine dicke Hornbrille hinweg an. Sie erkannte ihn direkt, obgleich Dr. Hinterseer ihr bislang nur aus den schlicht gestalteten Klinik-Broschüren ruhigen Blickes entgegen gelächelt hatte.

Da Maria bisher immer wieder vertröstet wurden war, hatte sie inzwischen fast nicht mehr daran geglaubt, ihm je offiziell vorgestellt zu werden. Und offiziell war dieser Moment nun auch nicht gerade. Nun, da seine stierenden, grünen Augen nicht von ihr wichen, begann sie schweren Herzens ihre Einschätzung, der Chefarzt wäre sicherlich ein freundlicher Kautz, zu überdenken.

Eine Entschuldigung stammelnd, lief sie schnurstracks den Weg zurück, welchen sie gekommen war  und hoffte inständig der Tag würde endlich ein Ende nehmen. Den Gedanken, dass ihre Schicht gerade erst begonnen hatte, verdrängende sie.

***

Der erste Tag im sogenannten ‚neuen Zuhause‘ lag Charlotte noch schwer in den Knochen, obgleich im Grunde nichts von Bedeutung geschehen war.

Der Pfleger, Jack Irgendwas, hatte sie erst zur Rezeption begleitet und im Anschluss auf ihr Zimmer, als wollte man sicherstellen, dass sie nicht einfach wieder verschwand. Natürlich hatte Charlotte es sich nicht nehmen lassen ihren Eindruck der Gefangenenbegleitung bis hin zur Zellentür in durchaus hörbaren Worten zu äußern. Womit sie zum einen erwartungsgemäß einige entrüstete Blicke auf sich gezogen hatte, zum anderen aber auch Jacks peinlich berührten Blick und seine vielmehr in sich hinein gemurmelten, als an ihre Person gerichtete Aussage: „Nein, nein das ist zu Ihrer Sicherheit. Man verläuft sich hier schnell“.

Ein Schmunzeln beim Gedanken daran, konnte sich Charlotte auch jetzt noch nicht verkneifen.

Ein Herr Dr. Embrich hatte die Eingangsuntersuchung durchgeführt; ein kluger, durch alle Fassaden blickender Mensch. Eine Eigenschaft, die Charlotte eigentlich sehr zu schätzten wusste, aber welche im Augenblick, da ihre sonst so standhafte Außendarstellung in Gefahr schien, eher zu ihrer Verunsicherung beitrug.

Sie hatte nach der Episode am Vormittag nur wenig Zeit gehabt ihr glattes und doch augenscheinlich charmantes Selbst zu stabilisieren. Selbstkontrolle war für sie von größter Wichtigkeit und die Vorstellung, dass diese sie zu verlassen drohte, missfiel ihr; gelinde ausgedrückt. Ihr war bewusst, woran sie zu arbeiten und weshalb sie diese spezielle Klinik gewählt hatte, doch sie war nicht daran gewöhnt, um Hilfe zu bitten, beziehungsweise ernsthaft bitten zu müssen. Nein, alles, was nötig sein würde, wäre Zeit, um sich auszuruhen. Zeit, in der niemand etwas von ihr verlangte; zumindest war es das, was Charlotte dem guten Doktor mitteilte, nachdem er ihr etliche Fragen zum allgemeinen Wohlbefinden oder dessen Fehlen gestellt und ihre Reflexe, die Sensorik, Motorik und das Gleichgewicht überprüft hatte.

Für Charlotte war all das reine Routine: die Fragen, die Erstellung eines Zeitplans, die Tatsache, dass in den ersten Tagen, mit Ausnahme der festen Essenszeiten, so gut wie nichts darauf zu finden war, um den Kurgästen die Eingewöhnungsphase so angenehm wie möglich zu gestalten.

Zu oft war sie nun schon in solchen Einrichtungen gewesen; nur eben nie als Patient.

So saß Charlotte schließlich im Dunkeln ihres neuen Zuhauses, starrte aus den vergitterten Fenstern in den gerade anbrechenden Tag hinaus und hing ihren Gedanken nach. Obgleich sie seine Anwesenheit mit jeder Faser ihres Körpers spüren konnte, so wie das schon immer der Fall gewesen war, wenn andere Menschen sie umgaben – ganz gleich wie unauffällig sie sich zu benehmen wussten – reagierte sie nicht auf den Mann, der sie seit ein paar Minuten aufmerksam durch das winzige Fenster in der Tür beobachtete.

„Noch nicht auf den Hund gekommen – Polizei weiterhin auf Spurensuche.“

4

Bei Licht betrachtet, wirkte die Klinik sogar ganz beschaulich so im aufgefrischten Anstrich.

Nur zu gut konnte Bernhard sich an die Zeit erinnern, da das Gebäude im Leerstand Kinder zu allerlei Unsinn einlud. Denn wen fordern Verbots- und Eltern haften-Schilder nicht geradezu auf zumindest einen Blick zu riskieren?

Nun da die Nebelwand des Vortages weitergezogen war, hatte Bernhard sich nochmals aufgemacht, um nach dem Mädel im Hosenanzug Ausschau zu halten. Zu seiner Enttäuschung hatte diese diesmal nicht den Parkweg sondern den Klinik-Bringdienst gewählt und so war ihm nur ein kurzes Aufflackern ihrer Gestalt zwischen Wagen und Eingangstor geblieben. Kein Parfüm um die Nase, kein Hals zum Träumen und ihre Rundungen hinter einer Aktentasche verborgen; Zeitverschwendung!

Zeit war eine Sache, über welche Bernhard im Überfluss verfügte. Zeit war das Einzige, was er hatte. Alle Zeit der Welt, aber keine Idee, was damit anfangen.

Seit ihm seine Arbeit gekündigt wurde, unbefristete Beurlaubung aufgrund von Unpässlichkeit, wie es im genauen Wortlaut hieß, wusste er nicht mehr was Tun den lieben langen Tag. Vom Krankengeld ließ es sich gerade so leben seitdem er das Haus aufgegeben und gegen eine Drei-Raum-Wohnung im Nordosten der Stadt eingetauscht hatte. Dass das alte Mehrfamilienviertel nur spärlich besiedelt war, hatte die Stadtverwaltung nicht davon abgehalten ein weiteres Viertel für die neuen Nachbarn hochzuziehen, was Bernard nur recht sein konnte, denn er benötigte nicht noch mehr Menschen in seiner Umgebung mit denen er nicht reden wollte.

Die Stunden des Tages füllte er einstweilen mit Wanderungen durch den Stadtpark, denn er genoss die Ruhe, die ihm zumindest in den Vormittagsstunden gewährt wurde. Pünktlich nach Schulschluss und mit Beginn der hundeausführenden Spaziergänger erschien ihm der Park oft zu klein und so ließ Bernhard sich zuweilen bis in den Wald vertreiben. Zu seinen Gedanken, aber nicht in seinen Zeitplan passend, rannte ein kleiner Mischlingsrüde auf ihn zu und begann an ihm hochzuspringen. Natürlich kannte er dieses kleine Mistvieh, jeder war dem Köter und seinem nicht lange auf sich wartenden Frauchens schon über den Weg gelaufen. Und wie immer hatte diese eine nicht ernstgemeinte Entschuldigung über „die freiheitsliebende Natur ihres kleines Lieblings“, nebst passenden Grinsen auf den Lippen, gepaart mit einem „doch bestimmt nachvollziehbarem“ Unverständnis für die Leinenpflicht innerhalb der Grünanlagen Eatrichs. Höflich nickend, musste Bernhard an den, in der Presse seit Tagen beweinten, verschwundenen Hund denken und daran, dass sollte dieses spezielle Exemplar irgendwann mal dem gleichen Schicksal zum Opfer fallen, dann vermutlich tatsächlich ein Verbrechen und nicht ein Dachsbau der Grund dafür sein würde. Die Tatsache, dass wohl alle Bürger Eatrichs sich gegenseitig ein Alibi geben würden, da aber auch niemand dem Tier und seiner Misserziehung etwas abgewinnen konnte, brachte ein ehrliches Lächeln auf seine Lippen und ließ ihn pfeifend von Dannen ziehen.

Angezogen fühlte Bernhard sich heutzutage immer öfter vom Teehaus und zu Emily, einer alter Jugendbekanntschaft mit ihren strahlenden, weisen Augen und der schmalen Taille. Wenn er bei ihr einkehrte, konnte er für ein paar Stunden vergessen, weshalb er sich nirgendwo anders in dieser Stadt mehr Willkommen fühlte und zum Teil auch war. Es erschien ihm immer noch eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit, dass er als einziger für das Ersetzen der Frontscheibe des Gastwirts aufzukommen hatte – schließlich war es nicht er gewesen, der hindurch gefallen war. Und überhaupt, er hatte den Krawall nicht losgetreten, sondern sich lediglich verteidigt, wenn auch nicht mit Worten.

Auf der sich anschließenden Stadtversammlung brach dann eine rege Debatte darüber los, ob es ab den Abendstunden einen allgemeinen Ausschankstopp geben sollte oder am besten gleich das Unterbinden vom öffentlichen Alkoholgenuss. Am Ende wollte niemand mögliche Touristen verärgern und so traf es sich, dass für Bernhard ein von der Stadt abgesegnetes Konsums-Kontingent für das Gasthaus festgesetzt wurde; zu seiner eigenen Sicherheit!

Es war nicht das erste Mal gewesen, dass man ihm einen Leitartikel in der Tagespresse gewidmet hatte und auch in dieser Ausgabe waren nur positive, aufrichtende und verständnisvolle Worte zu lesen. Man sollte meinen den öffentlichen Alkoholkonsum eines Einzelnen oder auch der Stadt vorzugeben, sollte ein wenig Aufregung wert sein, aber wie es sich nun mal in Eatrich verhielt, war es weder eine neue noch außergewöhnliche Maßnahme so etwas zu beschließen.

Fortsetzung folgt

verloren auf dem Weg

Prolog

Es sollte ein sonniger Tag werden, doch der herrschende Frühnebel ließ davon noch nichts erkennen.

Alles war eingehüllt in Schlaf. Selbst die paar Menschen, die zusammen mit Charlotte in der Bahn saßen, machten nicht den Anschein, dass sie aus freien Stücken hier wären. Nein, vielmehr kuschelten sie sich in die viel zu harten Polster, als würde der gerade anbrechende Tag sie noch lange nichts angehen.

Überall Schlaf und Träume…

Schlaf…

Und eh sie sich versah, stand sie mitten im Nirgendwo; umgeben von Wald, welcher sich im Nebel verlor.

Wann war der Zug eigentlich zum Stehen gekommen?

Nach kurzem Zögern und ohne sich weiter umzuschauen, steuerte Charlotte in den ihr am wenigsten gefährlich anmutenden Weg hinein. Ihre blasse Haut schien sich regelrecht aufzulösen, der dünne Körper mit seiner Umgebung zu verschmelzen, während der Wald im Nebel sie schließlich langsam verschlang.

Der kleine, aber gepflegte Bahnsteig blieb samt der Umgebungskarte zurück und begrüßte niemand bestimmten und doch jeden, der diesem Beachtung schenkte, mit den Worten:

„Willkommen in Eatrich, hier bin ich Mensch, hier fühl ich mich wohl!“

Artikel 1

Sondermeldung: ein starker Nebel hängt über Eatrich – fahren Sie vorsichtig!“

Wieder geht ein Jahr dem Ende zu und wir blicken mit ein wenig Wehmut um uns. Denn eine dicke Nebelwand versperrt den, sonst so atemberaubenden, Blick auf den goldenen Herbst, welcher Eatrich und seine Bewohner in den vergangenen Wochen begleitet hat.

Ja, der nächste Winter kündigt sich an!

Doch mit Dankbarkeit können wir auch vor dem eigentlichen Jahreswechsel mit Stolz auf das bald vergangene Jahr zurückblicken.

Was haben wir nicht alles erreicht:

unser Stadtverein hat die alte Schwimmhalle nun vollständig restauriert,

der Marktbrunnen erstrahlt wieder im alten Glanz,

und vergessen wir nicht die Wiedereröffnung vom Haus Instenburg.

So wollen wir nun auch offiziell Herrn Doktor Hinterseer und alle neuen Mitglieder unserer Gemeinde herzlich willkommen heißen, denn sicherlich werden sie großartige und wichtige Arbeit, nicht nur, im Haus Instenburg leisten.

1

Der Tag hatte eigentlich recht gut angefangen, wenn man bedachte, dass es Montagmorgen war und ihr das Wochenende keinerlei Erholung gebracht hatte. Mit noch schlaftrunkenen Augen, aber erhobenen Hauptes und einem stolzen Lächeln im Gesicht war Maria nun in den frühen Morgenstunden beinahe beschwingt aus der Haustür getreten, nur um schon nach wenigen Schritten mit einer dichten Nebelwand zu kollidieren.

Das Lächeln und die müden Augen wichen einer gestählten Aufmerksamkeit, welche sich dunkel über die Züge der jungen Frau legte. Gerade Heute fühlte sie sich motiviert, wie schon lange nicht mehr und wollte sich dieses Hochgefühl unter keinen Umständen nehmen lassen; schon gar nicht vom Wetter!

So zog es Maria schließlich weiter; hin zur neuen Anstellung und in Richtung des Waldes.

***

Nun da Maria sich vorsichtig durch die weißen Schwaden bewegte, die kalt und feucht an ihrer Haut zu kleben schienen, merkte sie langsam wie ein unheimliches Gefühl der Beklemmung ihren Rücken empor kroch und die feinen Härchen dazu brachte sich zu sträuben.

„Ich bin nicht in Panik! Ich bin nicht…was war das?!“

Ihre Schritte beschleunigten sich merklich, der Nebel wurde immer dichter und Maria verfluchte sich nun dafür, dass sie den Weg durch diesen verdammten Park hatte nehmen müssen. Eigentlich war der Fußweg durch den Stadtpark eine Abkürzung und so bei Sonnenlicht betrachtet, schien dieser auch sehr einladend – gut gepflegte Blumenbeete, ein paar Steinfigurinen hier und da, ein schöner Spielplatz und verschiedenste Strauch- und Baumarten, welche längs der Wanderwege wuchsen. Einige der Gewächse waren mit kleinen, bronzenen Tafeln versehen, auf denen der geneigte Parkbesucher die Namen und das Alter nachlesen konnte, sowie den entsprechenden Baum-Paten.

Vielleicht, so überlegte sie kurz, lag es auch daran, dass der Park selbst wiederum umgeben war von einem beachtlichen Wald, welcher inzwischen seit einigen Jahren größtenteils unbewirtschaftet blieb, um sich ganz dem Willen der Natur entsprechend mit der Zeit in seine Urform zurück zu entwickeln. Ein schöner Gedanke, obgleich das für Maria vielmehr nach Verwilderung und Verlust eines sonst nutzbaren Raumes klang und nun da der Nebel kaum Hinweise zuließ, ob sie noch im Park oder schon im ehemaligen Forst unterwegs war, verspürte sie auch keinerlei Drang sich mit Semantik zu befassen.

In wenigen Metern müsste sie vor dem alten Backsteinbau stehen, der seit kurzem ihre Arbeitsstätte war. Müsste, sollte, hoffte sie zumindest.

„Verdammt, keine Panik! Nur noch um die nächste Kurve und ich bin endlich an einem warmen, gemütlichen Ort, werde mit den Kollegen Kaffee trinken und die erste Zigarette genießen.“

Nur noch ein paar Meter… eigentlich – hätte Maria in ihrer, ihr doch sehr typischen Panik, nicht vollkommen die Orientierung verloren. Wie blind trieb es sie durch den Nebel und so dauerte es nicht lange bis sie mit einem beinahe geister-gleichen Wesen zusammenstieß.

Hätte dieses ihr nicht aufgeholfen, Maria wäre der Überzeugung gewesen, dass es nur ein Windstoß hatte sein können.

Wieder zu Atem gekommen, betrachtete Maria das junge Ding vor sich genauer. Sie konnte nicht sagen, wie alt sie wohl war, denn ihre tief dunklen, dennoch fast kalten Augen verfälschten ihr beinahe kindliches Gesicht, welches von ebenholzfarbenen Haar umrandet wurde. „Schneewittchen in unheimlich.“, entfuhr es Maria; ein wenig geschockt und peinlich berührt, riss sie sich los und rannte davon.

***

Selbstvergessen blieb „Schneewittchen“ zurück – den Blick gen Himmel gerichtet, den Kopf in den Wolken, bis ihr plötzlich der Schreck in die Glieder fuhr… ein markerschütternder Schrei suchte sich seinen Weg zu ihr. Kurz wollte sie diesem folgen, doch mit einem Mal war da so ein Säuseln, ein Summen, welches sie wie magisch zu sich zog.

Blindlings stolperte sie voran, folgte der Melodie und stimmte sogar ein. Erst verhalten, schließlich völlig mitgerissen und außer sich, tänzelte sie singend durch die Gegend. Vergaß alles und jeden und erwachte auch nicht als sie einen, plötzlich vor ihr auftauchenden, Abhang hinunterkullerte.

Und so blieb sie liegen.

Für einen Moment durchfuhr sie der Gedanke, dass dies nun ihr Ende sei, doch letztlich war es ihr es gleich und sie war bereit sich aufzulösen und eins zu werden mit dem Nebel.

***

Es musste wohl am Wetter liegen, denn auch Maria lag, wenn auch bäuchlings auf dem feuchten Parkboden. Mit dem Fuß unter einer Wurzel, fiel nun auch das letzte bisschen ihrer Motivation zur guten Laune von ihr ab. Und wie immer wenn ihre Wut auf dem Höhepunkt war, schossen ihr die Tränen in die Augen und sie begann hysterisch zu schreien.

Lediglich die Notwendigkeit zur Atmung, ließen ihre Schreie versiegen und sie holte keuchend Luft. Mühsam erhob Maria sich, fummelte eine Zigarette aus der Tasche und genoss den ersten Zug, ein furchtbares Laster, doch es brachte ihr kurz so was wie Frieden.

So nach fünf Minuten verqualmter Ruhe, setzte das Zittern ein, Maria hatte sich in die schönste Horrorstimmung gebracht, so wie sie es als Kind schon immer getan hatte, wenn sie sich ängstlich in die Kissen drückte und hinter vorgehaltener Hand den Monstern auf dem Bildschirm folgte.

Dieser Frühnebel zerrte an ihren Nerven und hinter jedem Rascheln vermutete sie ihr baldiges Ende. Es war eine grausige Erkenntnis, als sie sich der völligen Stille um sich herum bewusst wurde. Da war kein Rauschen, kein Luftzug, kein nerviges Vogelgezwitscher, absolute Stille. Der Nebel um sie herum schien alle Geräusche zu verschlucken und hüllte Maria ein, wie klebrige Watte. Fröstelnd rieb sie sich die Arme, nur um vor Kälte und Beklemmung noch mehr zu erstarren. Ihre Glieder fühlten sich steif an und so rappelte sich Maria schließlich auf, hüpfte ein paarmal auf und ab, um locker zu werden und lief schließlich schnurstracks in die Richtung aus der sie gekommen war.

In Gesellschaft ließ sich der richtige Weg bestimmt schneller finden, ob sie ein Lied anstimmen sollte, um die Stille zu übertönen?

Irgendwas Fröhliches, nur nicht so was Dramatisches, Eindringliches wie das, was da nur ein paar hundert Meter weiter laut heraus geschmettert wurde…

„Arbeitszeit schreit die Sirene, ich komme wieder mal etwas zu spät […] Ach, könnte ich mir eine Sonne bau’n […]Eine Sonne, die nur Fröhlichkeit säh‘t, wie ein Clown “

“Moment! … was zur… das darf doch nicht…“ Maria wollte ihren Augen nicht trauen und schon gar nicht ihren Ohren. Fast verschlungen vom Nebel lag „Schneewittchen“ seltsam gekrümmt im Gras einer kleinen Lichtung, die dunklen Augen anfallartig verdreht und trällerte „Sonne, wie ein Clown“. Maria konnte es nicht fassen, wer in ihrem Alter kannte schon noch einen solchen, lang vergessenen Klassiker… langsam näherte sie sich dem Mädchen und rüttelte fest an deren Schulter, nicht ganz sicher, ob sie sie wirklich stören wollte.

„Hey, hallo, hörst du mich?“

***

Und nun bin ich aufgewacht, wachgerüttelt und noch am Leben wie es scheint.

***

„Eh’, danke. Muss mir wohl den Kopf irgendwo angestoßen haben. Mir ist irre schwindelig.“

„Singst du immer, wenn du dir den Schädel einhaust?“

„Oh, war also doch kein Traum… na ja, wird wohl doch ein härterer Zusammenstoß gewesen sein.“, witzelte die blasse Gestalt angesichts des leicht verstörten Blicks ihres Gegenübers, denn sie sang – ständig.

Es sagte ihr mehr zu, als sich zu unterhalten, zu reden um des Redens Willen. Singen schien ihr produktiver und es vertrieb die lästige Stille, die ihr stets Unbehagen bereitete.

„Mein Name ist übrigens Walder. Maria Walder, wenn alles gut geht auch bald Doktor Walder.“, stellte sich ihr ihre neue Begleiterin vor; etwas großspurig, wie ihr schien, denn Maria war sicher kaum älter als 20 und hätte somit doch gerade erst ihr Physikum hinter sich gebracht. Nicht dass Charlotte voreilig urteilen wollte, was sie, wie man ihr oft vorwarf nur allzu gerne tat, aber das Mädel, welches sich mit vor stolz geschwellter Brust und bebend vor Erregung vor ihr aufgebaut hatte, war von einem Doktortitel etwa so weit entfernt, wie im Moment von Ruhe und Gelassenheit. Und wie um sich selbst zu solcher zu zwingen, begann Maria zu erzählen.

Davon wie schwer es war zum lang ersehnten Medizinstudium zu gelassen zu werden und wie enttäuscht sie letztlich so oft war und gleichzeitig wie froh. Es hätte sie viel Kraft gekostet und endlich würde sie auch belohnt für ihre harte Arbeit, denn heute war ihr erster richtiger Arbeitstag im Haus Instenburg, einer sehr renommierten Klinik, wie man Maria versichert hatte.

Charlotte blieb nur zu Nicken und so setzte sie ein freundliches Lächeln auf.

***

Schnell war Maria in höchster Aufregung, beflügelt von der Gelegenheit sich Luft zu machen. Sie berichtete von ihrem Traum mal eine eigene Praxis zu haben, schließlich sah sie ihre Bestimmung darin in die Fußstapfen ihres berühmten Vaters zu treten und anderen zu helfen, ihnen beizustehen in der Not, ihnen zu zuhören… ach ja, zu hören… noch immer wusste Maria nicht, mit wem genau sie da eigentlich durch den Park wanderte.

Exzentrisch musste sie wohl sein, nicht nur wegen der Singerei, auch aufgrund ihres bordeauxfarbenen Samtkleides und der türkisfarbenen Turnschuhe, auf die Maria sich keinen Reim machen konnte. Etwas selbstvergessen betrachtete sie nun ihr eigenes Outfit; ein leichter dunkelblauer Anzug und dazu passende schwarze Slipper – sie hatte es sich schon vor Tagen zu Recht gelegt und wie um ihr edles Erscheinungsbild zu betonen, strich sie nun nochmals den Stoff glatt.

Inzwischen fühlte sie sich auch wieder sicherer und gerade da sie zur entscheidenden Frage ansetzen wollte, packte „Schneewittchen“ sie an den Schultern und krallte ihr die Fingernägel tief genug ins Fleisch, dass es Maria einen kleinen Schmerzensschrei entlockte. Wie erstarrt stand sie nun vor ihr und blickte mit weit aufgerissenen Augen an Maria vorbei, obgleich sich ihre Blicke trafen. Ihr Mund bewegte sich wie im Gespräch und doch erklang kein Laut für diese Geschichte ohne Publikum. Maria schüttelte den Kopf, als könnte sie sich dadurch aus dieser absurden, doch zugleich beeindruckenden, ja erdrückenden Situation befreien, denn für wenige sich surreal in die Länge ziehende Sekunden in dieser unwirklichen Stille des Augenblicks war Maria unsicher, ob das Nichtverstehen nicht vielleicht einfach vom Nichthören ihres Gegenübers kommen könnte.

***

Es umgibt mich die schönste Nacht, ein sternenklarer Himmel und klirrende Kälte, so dass mein Körper vor Anspannung zu zerbersten droht. Weiß zeigt sich mein ruhiger Atem – wie ich die Muster bewundere, die sich malerisch bei jedem Atemzug abzeichnen und mich wie im Reigen umspielen.

Und da ist noch dieses Augenpaar, welches starr auf mich gerichtet zu mir nieder blickt. Vor Angst weit aufgerissen, fast flehend, begleitet von einem stummen Schrei, der in meinem Schädel widerhallt.

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Charlotte war es als wäre sie auf hoher See, alles drehte sich und schwankte. Tief durchatmend, schloss sie kurz die Augen und fand allmählich in den Nebel zurück, ihren Blick auf die junge Frau vor sich gerichtet, welche sie angsterfüllt anstarrte.

Da hinter ihnen plötzlich einen Ast brach, gefolgt von etwas, was einem leisen Fluch glich, war ihre Aufmerksamkeit zurück.

Ohne sich zu entschuldigen, ließ sie Maria langsam los und setzte zielgerichtet ihren Weg fort, obgleich sie sich seiner Anwesenheit mehr als bewusst war, ja sogar den feinen Geruch von Schweiß in der Nase hatte und spüren konnte, wie er sich nicht weit entfernt eng an einen der älteren Bäume drückte, sah Charlotte sich nicht weiter um.

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Maria folgte dem seltsamen Mädchen nun schweigend und völlig verdutzt, auch wollte sie mittlerweile gar nicht mehr wissen, an wen sie da geraten war.

Ein paar hundert Meter liefen die beiden jungen Frauen noch neben einander her, die eine augenscheinlich in sich ruhend, die andere ihre Panik versteckend und heilfroh, da sich endlich eine alte Villa majestätisch vor ihnen aufbaute.

Jetzt bloß noch ganz schnell hinein und hoffen, dass ihr Zuspätkommen niemanden wirklich aufgefallen war.

„Lessner, Charlotte!“, brach ihre Begleiterin plötzlich das Schweigen. Völlig entnervt wirbelte Maria zu ihr herum, wie konnte es nur sein, dass diese Irre mit einem Mal ihre Sprache wieder entdeckt hatte?! Doch die Vorstellung galt gar nicht ihr, sondern dem breitschultrigen Mann, der ihnen bereits den Weg verstellt hatte.

„Mensch Maria musstest du dich gerade heute so verspäten?! Dr. Hintenseer erwartet dich bereits.“

„Das ist Charlotte Less…“

„Keine Sorge, ich weiß Bescheid. Wir haben schon alles für Frau Lessners Ankunft vorbereitet. Ich bringe sie auf ihr Zimmer und du machst dass du zum Chef kommst, klar?“

„Sie ist hier Patientin?“, entgeistert blickte sie Charlotte an, welche ihrerseits fast entschuldigend zu lächeln schien. Schließlich zuckte sie noch kurz mit den Schultern und ließ sich vom Pfleger zu ihrem Zimmer führen.

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Langsam wurde die schwere Eichentür der Klinik geschlossen; langsam genug um dem Mann, der im Schutze des Nebels unweit entfernt nun völlig ohne Deckung stand, noch einen letzten Blick zu gewähren.

***

Kurz durchfuhr Bernhard ein Hauch der Enttäuschung, da er die beiden Mädchen nun aus den Augen verlieren würde.

So lange war er ihnen beinahe unbemerkt durch den Nebel gefolgt, konnte das süßliche Parfum der Einen in sich aufsaugen, ihren fast weißen Hals bewundern, ihre Rundungen nachempfinden, welche sich bei jeder Bewegung auf dem dünnen Stoff ihres Hosenanzuges abzeichneten. Nur die Allüren der Anderen hatten ihn davon abgehalten, sich den beiden persönlich vorzustellen. Aber vielleicht könnte sich eine solche Gelegenheit in der näheren Zukunft ja noch auftun für sie; für ihn.

Nun erst mal zur Ruhe kommen… schnell zündete er sich eine Selbstgedrehte an und lehnte sich gelassen an die von Sträuchern umsäumte Stele, die ihm zuletzt ein Versteck gewährt hatte. Ein kleines Schild wies mit geschwungenen Lettern darauf hin, dass es sich bei dem Gestrüpp um Stechpalmen handelte, welche sich durch die glänzenden, gezähnten Blätter und die roten Beerenfrüchte, welche sie von September bis November ausbildet, auszeichnet. Schräg grinsend kippte Bernhard den Kopf zu Seite.

Einen letzten gedankenverlorenen Blick in Richtung Klinik gewährte er sich noch, dann stahl er sich davon.

 

Ende Kapitel 1

Fortsetzung folgt

 

Szene am Ende des Weges

Auflösen missfiel ihm… sich auf die andere Person einzulassen, Partnerschaften einzugehen, kompromissbereit zu sein, erschien ihm wie Selbstaufgabe und führte letztendlich stets zum Unvermeidlichen…

Aber musste eben Dies auch immer etwas Schlechtes sein? War es wirklich nötig Veränderungen, welche der Definition nach unvermeidlich sind, allzeit in Frage zu stellen oder gar direkt abzulehnen? Führte eine solche Lebensart nicht unweigerlich zum Stillstand eines Solchen?

Ist man genügsam mit Allem, fühlt sich sicher und behütet so erschüttert jede Form des Wandels den offenbaren Frieden. Natürlich schafft eine gewisse Anspruchslosigkeit, eine Zurücknahme in den eigenen Wünschen auch ein Wohlfühlen mit sich und der Welt, doch Veränderungen anzunehmen, ihnen mit Mut und Achtsamkeit in gleichen Maßen entgegenzutreten ohne sie beharrlich zu fürchten und sich dadurch zugleich auch möglichen positiven Folgen zu entziehen, ist substanziell.

All das war ihm mehr als klar.

Er lehnte Veränderungen auch nicht per se ab; nicht mehr. Lebenserfahrung  brachte die nötige Einsicht. Doch sein Herz zu öffnen und Beziehungen über die Banalität des buchstäblichen Zusammenkommens hinaus wachsen zu lassen, stand auf einem ganz anderen Blatt… dieses war eingerissen, vergilbt, mit verblassten und kaum mehr lesbaren Versprechungen darauf…

Mit Menschen Verbindungen einzugehen und sich eine Zukunft aus diesen zu erhoffen, war bisher, war vor der Zeit mit ihr, lediglich eine Träumerei gewesen, derer er sich seit langem nicht mehr hinzugeben vermocht hatte. Dafür gab es ausreichend Gründe, welche nicht nur in Worten wie Verunsicherung, Kompromittierung, Vertrauensmissbrauch, Ablehnung und Zweifel in großen Lettern auf glänzendem Papier ihren Ausdruck fanden…

Ein tiefer Atemzug, ein hörbares Schlucken, ein Räuspern…

Standhaft hielt sie noch immer seinen Blick, die Tränen noch nicht rinnend, die Augen strahlend im beginnenden Tageslicht… etwas Schöneres hatte er noch nie gesehen…

Seine Fäuste hatte sie gelöst, die Finger nicht mehr zittrig in ihrer Hand, den gemeinsamen Weg vor Augen hallte ihr beider Lachen noch lange nach.