Auf Umwegen_Kapitel 3

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Kapitel 3

– IX –

Das Surren des mittelgroßen Innenraumventilators – die Sorte ‚still und perfekt für ungestörte Arbeit – ist mehr ein Klappern, ein Kratzen, ein Quietschen, ein … sie kippt das Gerät von dessen Platz, schaltete es so ab oder zerstörte es bei der Gelegenheit; ihr war es gleich. Dem Gute-Nacht-Gruß der Vögel wurde mit einem Schließen der Fenster abgeholfen. Und das impertinente Ticken der Wanduhr ließ Elke auf einen Schreibtischstuhl klettern, bevor ihr Telefon sie zurückholen konnte. Fast wütend, da in ihrem Versuch eine vollendete Geräuschlosigkeit zu erschaffen unterbrochen, stürmte diese zum Tisch zurück und grunzte nur ein „Wer stört?”in den Hörer.

Ein Räuspern die Antwort.

Leicht beschämt, aber mehr als erleichtert vergaß Elke Uhr und Klang augenblicklich. Sie sank in ihren Lehnstuhl, versank beinahe darin; würde im Erdboden versinken, wäre so etwas möglich. Denn Ruby, ein wahrer Engel, ihr Engel und der Mensch, den sie nie verdienen, den sie niemals mehr hergeben würde, hatte kein Wort verloren wegen Elkes harscher Art. Nein, sie atmete nun mit ihr und für sie. Ja, sie brachte Elke wieder zu sich Atemzug für Atemzug.

Hinter ihren sich schließenden Lidern flackerte der Computerbildschirm noch einmal kurz auf, um ein Sich-Abschalten anzukündigen und mit diesem das Standbild eines jüngerer Doktor Reginald Hinterseer‘s. Vor ihm ein Mikro, neben ihm ein kleines schwarzhaariges Mädchen darunter der laufende Nachrichtenticker.

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„der Abschied von Karlotta H.”

Ein Knirschen unter den Sohlen der geliebten Hausschuhe aus grauem Filz mit roter Blume ließ Karlotta gerade noch rechtzeitig nach unten blicken. Oder vielleicht doch schon zu spät – mehr als Scherben um sie herum, blutige Fußabdrücke seit ein paar Schritten.
Ein stechender Schmerz im rechten Ballen; stärker nun da sie die violette Scherbe des vormals langjährig gepflegten und geliebten Familienerbes herausgezogen hatte. Scharf zog Karlotta Luft durch die Nase, kräuselte die Lippen, schüttelte den Kopf.

Alles wie immer im trüben Ritual, im Tagwerk, im damals wie heute.

Ja und wie täglich würde sie zur Kehrschaufel greifen, zu Wischtuch und Putzeimer. Sie würde Tilgen was nicht sollte sein und Glätten was da Wogen zeigte. Dann lächeln und schweigen, um am nächsten Tag wieder die Lippen zu schürzen und die Stimme zu erheben…

Es war kein besonderer Tag als Karlotta H. (29) verschwand.

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Elke saß im aufkommenden Dunkel ihres Büros. Ausgeleuchtet bloß über das Blau des Bildschirmes. Der Cursor blinkte noch immer am Ende des Artikels und verlangte eine Entscheidung von ihr. Kündigte, wenn sie denn so wollte eine Abgeschlossenheit an, die es niemals gegeben hatte und vielleicht nie geben würde.

Die Augen schwer. Die Stimmung gedrückt. Ihr war nach Zittern.

Elke war nicht nach Entscheiden. Denn sie dachte an Gespenster als die Nacht, wenn auch nicht der Schlaf, sich schließlich endgültig über sie legte.

– X –

Grau schob sich noch immer die frühmorgendliche Wolkenwand über das Firmament und mit sich zog diese eine angenehme Kühle, welche sich in dicken Tropfen an Grashalmen, auf Strauch-Blättern und inmitten des gesträubtem Fells der kleinsten, schwarz-weiß gemusterten, Einwohnerin Eatrich‘s sammelten.
Tilli schüttelte sich, wie schon so oft an diesem nicht viel Gutes versprechenden Tag.
Beinah die ganze Nacht war sie, von unbekannter Unruhe gepackt, durch ihr Revier gezogen. Durchstreifte die Park- und Waldwege, den Kreisweg in der Stadt von Süd nach Nord, von Ost nach West und immer wieder vorbei an diesem einen Fenster.

Das Fenster, das nunmehr nach Wochen des beständigen Wechsels verschiedenster blumiger Düfte und Dekorationen erstmals vollkommen geschlossen, aufs gründlichste geputzt und betrüblich blank einfach nur noch einen rechteckigen, verglasten Abschnitt der lindgrün gestrichenen Hauswand darstellte.
Das Kätzchen spürte regelrecht, wie ein zukünftiger, abendlicher, blauer Lichtschein auch aus diesem Glas bald flackern würde; ganz so, wie im Rest der Stadt.

Aber vielleicht war das Ende geschmückter Scheiben lediglich der Anfang von etwas Neuem.

***

Sie würde nicht gleich zum Bujahn rennen mit ihrer neuen Story, nein! Ganz grün hinter den Ohren war sie ja nun wirklich nicht mehr, dachte Elke so bei sich. Nein, sie würde keine 25 Jahre alte Geschichte, die auch bloß ein Gerücht sein könnte, aufrollen – zumindest nicht so ohne weiteres. Ja, nur so ein bisschen nachbohren, nur so leicht den Staub des Damals wegfegen, denn vielleicht, wer weiß…?

Einen vagen Plan gefasst, steuerte sie nun zielstrebig auf Klausner’s Schreibtisch zu, denn ob er wollte oder nicht der örtliche Polizei-Oberwachtmeister war in Elkes Augen fürs Erste die beste Anlaufstelle. Auf gut Glück und ins Blaue hinein durch das Internet zu surfen, lag ihr grundsätzlich nicht und hatte sie bisher auch bloß ohne nennenswerte Informationen zurückgelassen – über Clara Wiltau ließ sich nichts finden, Hanna Drubert besaß noch kein Online-Leben und über Karlotta Hinterseer kaum mehr als Gerüchte.

Elke wollte so ganz alleine einfach keinen neuen alten Geistern nachjagen.

***

Anton Nauer war auch heute wieder nicht zu erreichen gewesen, das Rätsel um die weiße Lilie nicht zu ihrer Zufriedenheit gelöst und Elke somit vom Unfalltod Clara Wiltau‘s noch immer nicht voll überzeugt.
Klausner blickte sie bloß durch müde Montagmorgen-Augen an, nickte ihr zufrieden, aber mit mehr als nur etwas Argwohn zu, als sie ihm einen frisch aufgebrühten Becher Kaffee reichte.

„Was jetzt?”, knurrte Klausner, da Elke ohne ein Wort der Erklärung abgeben zu haben im Besucherstuhl vor seinem Schreibtisch Platz genommen hatte.

„Ach, ich wollte bloß danke sagen für deine Hilfe beim Clara Wiltau Fall.”, zirpte sie voll aufgesetzter Unschuld.

„Kein Ding… schließlich gibt es keinen Fall und wenn wäre dieser kaum dein Problem.”

„Ist denn Anton Nauer inzwischen aufgetaucht?”, gab Elke ihrerseits keinen Meter nach.

„Nein, bisher noch nicht.”, zeigte sich Klausner nun doch leicht resigniert.

Elke kannte ihren ehemaligen Kollegen – ja, das war er für sie, bloß Tippse oder nicht – gut genug, um ihm anzusehen, dass es auch ihn mehr als fuchste, dass der Kerl keinerlei Anstalten zu machen schien sich mit dem Ableben seiner so langjährigen Lebensgefährtin vernünftig auseinander zu setzen. Denn, obgleich die Stadt keinen Fall hinter Clara Wiltau‘s Unfall sah, abschließen ließ dieser Nicht-Fall sich auch nicht ordnungsgemäß, wenn niemand sich des Leichnams annahm, ein Bevollmächtigter dennoch existierte.

„Im Zuge meiner Recherche bin ich über etwas ganz anderes gestolpert dem ich gern noch nachgehen würde.”, legte Elke mit einer Stimme nach, die absolut vor Überzeugung und Sicherheit strotzen sollte. Klausner‘s erhobener Augenbraue zufolge, aber nur tiefe Verunsicherung anzeigte. Und vielleicht ließ er sich auch nur deshalb darauf ein mehr von „dieser Sache” zu hören.
Als ihm allerdings klarwurde, dass Elke einem Vierteljahrhundertalten Geschwätz auf dem Grund gehen wollte, platzte ihm nicht bloß der Kragen, auch der Kaffeebecher überlebte es nicht.

„Nach allem, was letztes Jahr hier gelaufen ist? Nachdem ein Nachbar, ein guter Freund, einer deiner Freunde sogar, sich gezwungen sah die Stadt zu verlassen, weil ein paar Gerüchte, weil dummes Geschwätz ihn vertrieben haben, willst du so etwas lostreten?”, bebend hallte Klausner‘s Stimme durch die Wache, hing sein Vorwurf über ihr. Genau wie sein drohendes Gesicht, denn er war aufgesprungen in seiner Wut.

„Das Gerücht besteht bereits und ich will lediglich verhindern, dass es weiter ins Rollen kommt. Doktor Hinterseer ist schließlich nun einer von uns und hat diese Art Schatten nicht verdient! Er ist ein wichtiger Teil in meiner Reportage, denn selbst wenn nicht er persönlich, so hat doch seine Klinik in Clara Wiltau den Mut geweckt hier unter uns, in dieser unserer Gemeinschaft, einen Platz für sich zu suchen.”, Elke glühte geradezu vor Regionalstolz. Klausner hob dazu beide Augenbrauen und senkte sich zurück in den Stuhl.

„Wäre es nicht schön, ein paar Worte zu der Tragik einer entschwundene Ehefrau zu schreiben, die durch oder besser trotz ihres Verhaltens in Doktor Hinterseer die Stärke hervorgebracht hat sich für den Wunsch und das Hoffen auf neue Lebenswege einzusetzen!”, schloss Elke ihre Rede und den Mund.

Die Weite des Pathos, zu dem sie in der Lage war, überraschte Elke immer wieder aufs Neue. Sie hinterfragte ihre Fähigkeit allerdings nicht, denn durch die Türen, die dieser ihr öffnete, war sie nur allzu bereitwillig zugehen.
Klausner schien ihr zu zustimmen, da er ihr alles an verfügbarer Information zusammenstellte und währenddessen wiederholt seinen Kopf schüttelte; nicht aber aus Skepsis, sondern mit einem schlecht verstecktem Schmunzeln, was ihm ganz eigen war, denn ihre eindringliche Art faszinierte und  amüsierte ihn über die Maßen.

***

„Schon mal an eine Karriere in der Politik gedacht?”, witzelte Klausner, als er Elke letztlich einen kurzen Blick auf den Abschlussbericht zur Sache „Karlotta Hinterseer” werfen ließ. Sie war ihm natürlich dankbar, ignorierte seinen Kommentar mit dem nötigen Respekt, beschenkte seine Mühen mit einem neuen Becher Frischgebrühten vom Marktplatz-Bäcker und zog ihres Weges.

Frau Hinterseer hatte es offensichtlich aus ganz freien Stücken an diesem Tag im Mai vor nunmehr gut 25 Jahren aus dem gemeinsamen Reihenhaus und somit aus der augenscheinlich perfekten Ehe getrieben. Dieser Teil der Gerüchteküche hatte also nach dem richtigen Rezept gekocht. Dass sie nicht wieder zurückgekehrt, ja nicht einmal mehr irgendwo aufgetaucht war, bewahrheitete sich ebenfalls. Doch so rein gar nichts sprach für ein begangenes Verbrechen. Karlotta wollte scheinbar einfach nicht gefunden werden und so wurde sie dann auch nicht mehr gesucht ab einem bestimmten Punkt.
Ob sie weiterhin vermisst wurde von denen, welche sie zurückgelassen hatte, stand allerdings auf einem ganz anderen Blatt.

Als sie die Ehe schlossen, war Karlotta gerade mal 19 gewesen. Die Beziehung selbst erwuchs laut Berichten des damaligen Freundeskreises wohl aus tiefer Freundschaft schon Jahre zuvor. Über die Möglichkeit einer rein platonischen „tiefen Freundschaft“ zwischen einer Teenagerin und einem Mitzwanziger versuchte Elke möglichst nicht zu genau nachzudenken.
Das Eheglück verlief sich trotz gegenteiliger Aussage Hinterseer’s nach Geburt der gemeinsamen Tochter recht schnell im Sande. Obgleich sie beide dies nie öffentlich zum Ausdruck brachten, sprachen ihre Freunde – Elternhäuser gab es nicht mehr – von spürbaren Spannungen zwischen ihnen. Und von Witzeleien über „eine ständig zerbrechende Einrichtung“. Die Art Humor lag weder den Freunden noch der Polizei, doch Spuren körperlicher Übergriffe ließen sich nie finden. Das gemeinsame Kind – Luise-Charlotte – war erst Sechs als die Mutter sie beim Vater zurückließ.

Der Gedanke an so ein Eheleben, an einen Krach solchen Ausmaßes, mit diesen schwerwiegenden Konsequenzen für alle Beteiligten und vor allem allen Unbeteiligten ließ Elke ihren Artikel im Stillen zu Ende schreiben:

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…Nicht nur die Tasse war hin. Nein, vor Karlotta lag ein Scherbenhaufen wörtlich und in jedem anderen Sinne. Sie stand nicht bloß mittendrin, sie watete hindurch. Sie riss sich die Haut auf und stieß sich die Knochen. Tag ein, Tag aus… seit Jahren schon.

Die violette Scherbe vorsichtig zwischen den blutigen Fingern haltend, fasste sie einen Entschluss; vielleicht war es die tiefe Wunde im Fuß, vielleicht entschied sie es weit vorher. Es war nicht wichtig, nicht mehr.
Nur etwas Geld in der Tasche lassend, fanden sich Haustürschlüssel und Papiere auf dem Tischchen im Flur wieder und ganz leise verließ Karlotta nun ihr Haus, ließ ihren Mann, ihr bekanntes Leben hinter sich – ließ zurück ihre Tochter.

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Was ist nötig, damit eine Mutter das eigene Kind einfach zurücklässt?

Oder war es gar nicht so einfach?

Auch das fragte sich Elke Unmut in aller Stille. Sie war keine Mutter, kannte das Eheleben Hinterseer’s nicht und wollte es nicht einmal wagen sich darüber in Aussagen zu verlieren. Ihr blieb, wie so oft, nur zu spekulieren, sich hinein zu versetzen, die Perspektive bei jeglicher Beurteilung nicht vor schnell einzuschränken. Das zumindest hatte Elke in der Kürze ihres Reporterlebens lernen können und war froh darum.
Auch ohne das Ehe-Siegel wusste Elke aus eigener Erfahrung und durch zu vielen Beobachtungen, wie kompliziert eine Beziehung, ein gemeinsames Leben so sein konnte. Das Maß an geteilter Kompromissbereitschaft gab oft genug die Hintergründe für Zwistigkeiten vor. Nicht immer und ausschließlich wohlgemerkt, aber öfter als jedem Einzelnen tatsächlich lieb ist, schaut er tief genug nach innen.
Doch Kinder, selbst wenn unbeteiligt am Streitgespräch, hängen immer dazwischen irgendwie, kriegen viel mehr mit, als ihnen im Allgemeinen vielleicht zugetraut wird und geben sich gewiss zu häufig die Schuld an der Situation. Elke war, besonders im Licht von Hanna Drubert‘s Geschichte, der überzeugten Ansicht, dass es durchaus eine, wenn nicht perfekte, so doch zumindest manchmal die bessere Entscheidung sein kann getrennte Wege zu gehen, wenn es so gar nicht funktionieren will. Um einen Schlussstrich zu ziehen, um zu verhindern, dass das Leid sich weiterträgt und über die eigene Beziehungsblase schwappt. Also ja, Karlotta hatte für sich selbst sicherlich gute Gründe zu gehen, aber das Kind nicht mitzunehmen?
Vielleicht dachte sie, dass der gute Doktor ihr das Sorgerecht sowieso streitig machen würde und wollte der 6jährigen gemeinsamen Tochter einfach ersparen auch noch Spielball in einem Sorgerechtsverfahren zu sein. Oder möglicherweise war ihr Mann wirklich der Geeignetere in Sachen Erziehung und Karlotta erkannte das. Es blieben auch noch Selbstsucht, Unbedarftheit und Gleichgültigkeit, aber über derlei Gründe mochte Elke schlicht keine Gedanken verlieren – nicht heute und hoffentlich auch an keinem anderen Tag.

***

Der Bujahn erhitzte sich natürlich kurz mit Entsetzen über das Ausbuddeln eines Jahrzehntealten Fall und dem Aufreißen entsprechender Wunden, als er Elkes Artikelvorschlag mitbekam. Nach dem Zusammenstoß mit Klausner hatte diese die Bedenken ihres Chefs allerdings erwartet und überzeugte ihn schließlich passenderweise mit derselben Rede.

Ein noch kürzeres eigenes Nachsinnen an den besagten Nachbarn, der gegen Ende des letzten Jahres das Feld geräumt und die Stadt verlassen hatte, konnte Elke nach der wiederholten Erinnerung daran trotzdem nicht vermeiden:
In Bernhard‘s Fall waren es zwei Kinder gewesen, welche spurlos verschwunden waren. Und dieser hatte nicht nur nachvollziehbare Gründe dafür gehabt ein Problem mit ihnen zu haben, sondern stellte sich auch standhaft quer Aussagen zu machen. Die halbe Stadt sah ihn letztlich als verdächtig. Denn schließlich hatte er Frau und Karriere eingebüßt, als die Rühlich-Knaben ein paar Jahre zuvor schon einmal Verstecken mit der ganzen Stadt spielen mussten. Und wer hätte auch ahnen können, dass die diesmal bloß auf einen spontanen Kurzbesuch zum lieben Papa gefahren waren? Die Mutter offensichtlich nicht. Ja und nu waren die Buben inzwischen ganz offiziell in des Vaters Obhut.

Wie die Dinge sich so manchmal drehen können, griente Elke in sich hinein, zuckte mit den Schultern und wandte sich dem aktuelleren, wenn auch länger zurückliegenden Verschwinden einer Person zu.

***

Endlich öffnete es sich wieder; das Fenster.
Nur angekippt zwar, dennoch weit genug geöffnet, um die frische Sommerbrise noch halbwegs angenehm kühler Vormittagsstunden hereinzulassen und die stickige Luft dunkler Stunden in Beklemmung und Schlaf fortzuweisen.

Tilli hockte gebannt gegenüber von Heidrun Rühlich‘s kleinem Haus. Saß auf der anderen Straßenseite unter einem Holunderbusch und hatte diesen Platz – ihren Beobachtungsposten – die ganze Nacht nicht verlassen.
Das Kätzchen, welches als stiller Beobachter Heidrun‘s Beziehung seit den zarten Anfängen beigewohnt hatte, sorgte sich nun ein wenig. Würde sie jetzt Zeuge eines Neuausrichtens werden? Eines Kompromisse Schließens oder Selbstverbiegens? Eines Neubeginns? Eines Abschiednehmens? Eines Wartens auf mehr? Eines…

Die Tür schwang auf, zeigte die Dame des Hauses in bequem wirkenden schwarzen Stoffhosen mit weitem Bein und ihrer ärmellosen weißen Bluse; heute nur ohne Brosche. Das Haar war kunstvoll hochgesteckt, jedoch das Gesicht mit einer klar ablesbaren Stimmung für Tilli nicht erkennbar. Denn Heidrun hielt ihren Kopf gesenkt. Sie hob diesen auch nicht als sie schließlich die Türschwelle übertrat, um zielstrebig in Richtung Stadtmitte zu laufen.

Ungesehen blieb die kleine Katze

Unbeachtet die einzelne gelbe Lilie, welche mitten auf der Türschwelle gelegen hatte.

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„Ach Gott, wieso kannst du nie auf mich warten? Verdammt noch mal… immer dasselbe mit dir!”, bebte seine Stimme durch den Raum.
Clara zuckte nur kurz zusammen, sie kannte es nicht mehr anders. Natürlich hatte sie es mal wieder geschafft Tony Sorgen zu bereiten.
Ihre Haltung gebeugt, der Kopf abgesenkt, die Hände angespannt im Schoß.

„Sitzt doch gerade! Und die Schultern zurück. Kau doch nicht schon wieder an deinen Nägeln, wie soll denn das aussehen? Hm?”, fast ruhig inzwischen wieder seine Stimmlage.

Der Topf war eben zu schwer gewesen, um ihn allein zu heben. Doch Clara wollte ihm eine Freude bereiten. Er tat schließlich alles für sie.

„Nun weine nicht. Hm. Alles gut. Bin dir nicht bös.”, rollte es jetzt beinahe sanft von Tony‘s Zunge.

Ja warten hätte sie sollen.

Nächstes Mal.

Ganz sicher.

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Elke war nach Nägelkauen, war nach Einrollen, war nach Weinen.

Ihr Vorhaben an diesem Tage noch zurück in die Klinik zu gehen, um doch noch ein paar mehr Informationen zum Verschwinden Karlotta Hinderseer‘s und vor allem dessen Folgen einzuholen – selbst wenn ihr noch nicht ganz klar war, wie – wurde je unterbrochen, denn Anton Nauer hatte sich endlich zu Wort gemeldet.

Wenn sie ehrlich mit sich war, Elke hatte nicht mehr damit gerechnet Clara Wiltau‘s offiziellen Noch-Lebensgefährten persönlich zu sprechen. Entsprechend fehlten ihr die Worte, als eine laute, vor Wut bedrohlich tönende Stimme sie aus den Gedanken und gefühlt durch die Telefonleitung riss; obgleich sie es selbst gewesen war, welche den Anruf getätigt hatte:

Warum Elke denn ihn und seine Mitarbeiter seit Tagen belästigt, wollte er als Erstes und im Ersatz einer Begrüßung von ihr wissen. Was es sie überhaupt anging, wie Clara ihr Leben zu führen gepflegt hatte. Wieso sie sich eigentlich einbildete in der Position zu sein eine Reportage darüber schreiben zu können. Und wozu „verdammt nochmal!”

Nur schwer ließ sich Clara‘s Lebenspartner beschwichtigen, als Elke endlich zu Wort kam und ihm all die Gründe darlegte, die sie bereits wiederholt angeführt und mit deren Hilfe sie bisher hatte jeden Zweifler überzeugen können. Anton Nauer war zu Elkes Bedauern allerdings anders. Es interessierte ihn halt nicht und „scheiße nochmal, mach nicht so ne Welle!”

„Was soll der Aufstand, wenn da jemand zu euch zieht? Ach, vergiss es! Ihr Dorfdeppen macht doch aus allem ein riesen Gewese! Sicher kennt da ja auch Jeder Jeden und man kann sich nicht mal in Ruhe den Arsch abwischen ohne Stadtversammlung!”
Elke wollte natürlich nicht zugeben, dass Herr Nauer nicht ganz im Unrecht war mit seiner rüden Einschätzung vom Eatricher Gemeinschaftsverhalten und ließ somit seine Ausfälle still über sich ergehen; irgendwann würde er sich hoffentlich beruhigt haben.

Irgendwann ließ allerdings auf sich warten und so beantwortete er ihre nie gestellten Fragen im ungehaltenen Wortschwall zufälligerweise gleich mit. Denn „verdammt, er war halt seit Wochen auf Geschäftsreise, als die Clara… und Geld muss man schließlich verdienen… und der Bulle wusste doch Bescheid… und was willste mir hier unterstellen… und…”, schluchzte Tony am Ende seiner Tirade wild in den Hörer.

Seine Stimmung war merkbar und urplötzlich umgeschwungen. Sein harscher Ton war verflogen und Anton Nauer zeigte sich schließlich reumütig. Ja bald flehend stammelte er Entschuldigen und Erklärungen über sein Verhalten und die Situation. Jedoch als Elke ihm ihr Verständnis zusprechen wollte, schwang dieser erneut um und schien mit einem Mal beinahe stählern ruhig.
Dass Elke, wenn sie unbedingt will, ihren Bericht schreiben darf, erlaubte er nun. Sie solle nur bedenken, dass Clara ohne ihn verloren gewesen wäre. Ganz gleich was diese für einen Eindruck auf alle anderen gemacht hatte.
Denn letztlich war nur er es, der wirklich hatte wissen können, was für Clara das Beste war. Denn schließlich hatte sie doch so geliebt und alles für sie getan. Nie brauchte sie was vermissen. Jeden Wunsch hatte er ihr zu erfüllen versucht. Und ganz sicher hätte Clara ihren Fehler wegziehen zu wollen schnell eingesehen und er wäre dann dagewesen. Wie immer!

„So funktionierte das zwischen uns! Aber sowas können Sie halt nicht verstehen!“, bebte Tony‘s Stimme wiederum kurz, bevor sie erneut beinahe zusammenzubrechen drohte, „Und überhaupt, Wegziehen, in ne fremde Stadt – so ne Schnapsidee! Selbst der Arzt wusste das… nur sie musste ja… nein, Clara hätte mich nie verlassen… Sie ist immer zurückgekehrt, letztendlich… Wir gehörten zusammen!”, fügte er mit nunmehr zittriger Stimme noch nach, bevor er das Gespräch ohne Abschiedsgruß beendete.

Vor Elkes geistigem Auge entfaltete sich jetzt ein ganz neues Bild und es war weder schön noch unbedingt nachvollziehbar; zumindest sicherlich für die meisten Menschen oder wenigstens jene, welche Clara Wiltau gerade erst kennengelernt hatten. Nach allem, was sie über Clara in den letzten Tagen hatte in Erfahrung bringen können, glaubte Elke nun, dass diese tatsächlich nach nur kurzer Zeit zu ihrem Lebensgefährten und damit ihrem alten Leben zurückgekehrt wäre. Möglicherweise hätte er nicht einmal große Worte verlieren müssen, um Clara davon zu überzeugen.
Und zu Elkes tiefem Bedauern war von dieser Frau, welche erst so erschien, als wollte sie nichts mehr, als etwas ganz Neues wagen, nunmehr ein Schatten übriggeblieben.

Hanna Drubert hatte es gleich erkannt, Charlotte Lessner es bis zuletzt gesehen und Anton Nauer untermauerte es nun:
Clara Wiltau war glücklich in ihrer Beziehung, selbst wenn sie darunter litt. Sie hatte sich selbst oder ihr Partner hatte sie vollkommen davon überzeugt, dass sie ohne ihn verloren wäre, dass sie nur ihm vertrauen konnte, dass er sich immer um sie kümmern würde und dass alles, was falsch lief, was schlicht grausam war, eben dazu gehörte und dass es im Zweifel eh ihre eigenen Schuld war, kam es dazu. Clara floh zurück nach vorn mit ihrem spontanen Vorhaben nach Eatrich zu ziehen und Kindergärtnerin zu werden. Elke betrachtete es nicht ganz so, wie Charlotte, welche meinte, der Tod habe sie vor einer Enttäuschung bewahrt. Nein, so wie es nach Herr Nauer‘s Anruf aussah, hatte ihr plötzliches Ableben, wie von einer unerbittlichen Heimreise abgehalten.

Elke machte dieser Gedanke zu schaffen. So gerne hatte sie in Clara Wiltau jemanden sehen wollen, der einen wirklichen Neustart wagt. Jemanden, der nicht beim Alten bleibt und krampfhaft daran festhält, wie Hanna Drubert‘s Mutter. Sondern eher einen Schlussstrich zieht, wie Karlotta Hinterseer. Andererseits lieferte diese zugleich auch einen sehr guten Grund für Frau Drubert‘s Entscheidung an einer fallenden Ehe festzuhalten. Jedoch gab es sicherlich verständliche Gründe, die es rechtfertigen, zu gehen, um nie wiederzukommen, wenn man in einer Familie doch nie wirklich allein existierte.

Und wie schwer musste all das sein? Das Bleiben ohne Ausweg, der Ausweg ohne Rückblick. Der Stillstand. Das Rennen. Das Drehen im Kreis.

Elke ruhte ihren inzwischen schmerzenden Kopf auf der kühlen Tischplatte aus Zedernholz und fragte sich wie sie nun die vormals so angestrebte Reportage würde weiterschreiben können. Sie zweifelte auch, ob sie dies überhaupt noch tun sollte. Denn mit dieser Geschichte groß rauskommen wollen, dass täten nur jene, welche außer sich selbst nichts und niemanden sahen. Und so jemand wollte Elke nicht sein.

Und obgleich der Tag noch nicht voll gelebt war, sehnte sie sich nur noch nach dessen Ende, nach Ruhe, nach Rubys Finger in ihrem Haar.
Für heute hatte Elke genug, für heute gab sie sich geschlagen, denn die hundert Tage, die auch heute wieder begonnen hatten, ließen sie mutlos zurück.

***

Der Tag verging nicht nur für die schwarz-weiße Stadtkatze wie im Schlaf, das ganze Dorf schien sich heute zurückzuhalten. Kaum einer besuchte den Markt, noch weniger spazierten durch den Stadtpark und wirklich niemand hatte den Wald betreten, obgleich dieser inzwischen wieder zum Bewandern freigegeben war.

Das kleine Kätzchen verschlief die Stunden dieses so trist anmutenden Tages aber nicht, wie es die guten Bürger Eatrich vermutlich taten, sondern es wanderte umher:

Nur scheinbar ziellos, nur augenscheinlich ohne genauen Plan, nur den Außenstehenden nicht nachvollziehbar. Tilli zog ihre Kreise, beschritt ihr Revier und stellte wie immer sicher, dass es ihr niemand streitig zu machen versuchte. Sie tat dies täglich in konzentrierten Morgen- und Abendrunden, jedoch normalerweise ruhte sie während der vielen Stunden dazwischen. Sie ruhte und lauschte. Sie lag und beobachtete. Sie bekam alles mit, ohne aufzufallen. Das war ihre Aufgabe. So betrachtete es das Kätzchen jedenfalls – ihr Revier, ihre Verantwortung, die Menschen darin ihre Familie.
Die Bewohner Eatrichs hatten Tilli in ihrer Mitte willkommen geheißen und die Katze akzeptierte sie in ihrem Revier. So war es immer und so sollte es sein. Nur heute, an diesem Montag, schien etwas anders als sonst. Und so kam Tilli nicht recht zur Ruhe. Sie fühlte sich angetrieben von diesem Störfaktor, der noch so unklar erschien.

Die kleine Katze war sich sicher, alles würde sich regeln, denn das tat es immer irgendwann. Sie müsse nur Geduld haben. Geduld und Ruhe, die ihr heute abgingen. Und so lief und lief sie, Runde um Runde, um doch wieder vor diesem lindgrün gestrichenen Haus zu landen. Vor den geputzten Fenstern, die da dunkel lagen seit den frühen Morgenstunden. Vor der Tür, auf dessen Schwelle eine gelbe Lilie so langsam verdorrte. Vor diesem Domizil, diesem Heim, diesem Zuhause, das da Schauspiel war in den vergangenen Tagen von Glück und Leid, Vergnügen und Streit, Liebe und Gleichgültigkeit. Und Tilli konnte das Gefühl nicht abstreifen, dass das Ende, was im Grunde auch ein Neuanfang hätte sein können, letztlich genau das war – ein Ende.

Nun da die Sonne endlich dem Beispiel der Stadtstimmung folgte und unterging, entschied auch das Kätzchen, dass es an der Zeit war zu ihrem eigenen Haus zurückzukehren. Denn es wollte sich an diesem Tag ja doch nichts neues mehr ergeben.
Wie erstaunt war das schwarz-weiß befellte Tier also, da sich zur gelben Lilie ein Strauß Stern-Narzissen gesellt hatte und somit wieder eine Blume, die so viel mehr aussagte, als man im Allgemeinen anzunehmen pflegte. Natürlich lag der Katze das Nachsinnen über Blumensymbolik genauso fern, wie der Versuch ein Verständnis für das Verhalten ihrer zahlreichen Familienmitglieder zu erlangen. Für Tilli reizten Blüten die Nase, betäubten die Sinne, gaben Raum für Insekten oder waren einfach nur im Weg.

– XI –

Nicht nur die vergangene Nacht war viel zu lang gewesen und brachte nicht im Ansatz die Erholung, die Elke sich so sehnlichst erhofft hatte. Auch die Nachmittags- und Abendstunden vor der vermaledeiten Ruhelosigkeit hatten sich wie Kaugummi gezogen, ließen sich durch absolut nichts mental verkürzen und sogar das verbale Um-sich-beißen hob weder, wie sonst Elkes Stimmung noch vertrieb es ihren Unmut. Selbst Ruby‘s Gesellschaft wollte ihr keine rechte Ruhe bringen, obgleich diese sich nicht von Elkes bedrückter passiv-aggressiver Art beeindrucken hatte lassen, wie all die anderen Menschen, welche unglücklicherweise am vorherigen Tag auf diese getroffen waren. Nein, Ruby blieb stoisch in ihrer Güte, bereitete ihr Essen, ließ ihr ein Bad ein und gab ihr den Raum und die Zeit ganz für sich zu sein. Denn obwohl es Elkes Wunsch war nun gerade nicht allein sein zu müssen, ertrug sie aber auch niemanden um sich. So etwas verstand Ruby – sie verstand es immer – und drum stand sie Elke bei ohne sie zu stören.

Nun im Licht des neuen Tages sah die Welt leider immer noch genauso aus, wie vor dem Umherwälzen und Nicht-Schlafen vorheriger Nachtstunden. Auch jetzt noch wusste Elke nicht, wie sie und ob sie in ihrer geplanten Reportage fortfahren sollte. Sie sah sich im Konflikt zwischen dem was Clara Wiltau als Figur dargestellt hatte für die Menschen, denen sie während ihrer Zeit im Haus Instenburg begegnet war und der Person, die sie offenbar tatsächlich gewesen war. Obgleich Elke ja zu Beginn der ganzen Situation eher skeptisch gegenübergestanden hatte, so wollte sie letztlich doch auch selber mitgerissen und begeistert sein von der Stärke und dem Mut, welchen Clara Wiltau verkörpert hatte.
Doch konnte Elke dies alles jetzt wirklich noch so hinstellen, wenn sie selbst nun ein ganz anderes, wesentlich abgeklärteres Bild von Clara bekommen hatte? Ein Bild, das allerdings wiederum mit Vorsicht gezeichnet gehörte, da es genauso verzerrt und verschoben sein konnte, wie der ursprüngliche, der hochgehobene Eindruck von dieser.
Und war es überhaupt angebracht, dass sie ihre persönliche Meinung mit einbrachte? Sollte es nicht ursprünglich mehr ein Beleuchten, ein Bericht werden? Musste man sich festlegen?

So brütete Elke nun über ihrem kalt gewordenen Kaffee, ballte die Fäuste, verkniff das Gesicht und wurde und wurde sich nicht eins.

„Erinnere dich aus welchen Gründen du diese Reportage unbedingt schreiben wolltest:
Dir war es wichtig gewesen Clara Wiltau nicht nur selbst näher kennenzulernen, sondern der Stadt vorzustellen, da es eine Tragik war, dass diese junge Frau aus ihrem Leben gerissen worden war in einem Moment da sie dieses ganz neu beginnen wollte.“, riss Ruby‘s sanfte Stimme sie aus ihrer dunklen Reverie.

„Ja, sie hatte offenbar kein einfaches Leben gehabt vor ihrem Aufenthalt im Haus Instenburg und vielleicht war sie sich dessen auch tatsächlich nicht so bewusst; zumindest zu Beginn. Dennoch stellte sie sich ihrer Realität letztendlich. Sie fasste den Mut etwas ganz neues, etwas ganz anderes zu versuchen in einer ihr fremden Stadt. Die genauen Gründe dafür werden wir nie erfahren und diese sind schließlich auch die ihren gewesen. Doch Clara wuchs an der Situation und in den Augen aller. Davon waren Frau Maurer und Herr Ballart überzeugt und es wird Eatrich‘s Einwohner sicher beeindrucken. Das solltest du schreiben und auch wie begeistert sie von diesem Ort gewesen war. Was am Ende passiert wäre, kann nur Spekulation sein und ist somit nicht relevant.“, schloss Ruby schließlich ab und knuffte Elke mit der einen Hand in die Schulter während sie ihr mit der anderen einen frisch aufgebrühten Kaffee reichte.

***

Erstarkt und erleichtert zog es Elke kurze Zeit später zurück zum Büro, zu Schreibtisch und Computerbildschirm, zu Arbeit und Entscheidung. Denn Ruby hatte recht und mit genau diesen Gedanken an Hoffnung, an Möglichkeiten, ans Wachsen an Erfahrung wollte sie ihre Reportage nun beenden. Schließlich konnte niemand wirklich wissen, wie es Clara letztlich ergangen wäre.
Jedoch die Geschichte, um ihren Mut und all den helfenden Händen war eine gute, eine erzählenswerte, eine wichtige und eine solche würde sie zu Papier bringen.

Dass Ruby‘s kleine schwarz-weiße Katze auf dem Marktplatz unruhig ihre Kreise zog, bemerkte Elke nur am Rande.

***

„Du hast sie auch nicht gesehen oder?“

„Sie ist doch schon seit Tagen nicht zu unseren Treffen erschienen!“

„Ist bestimmt schwer beschäftigt…“

„Ach lass das. Habt ihr sie nicht am Freitag getroffen?“

„Nur rumscharwenzeln sehen in diesem lächerlich kurzen Sommerkleid…tse… in ihrem Alter!“

„Quatsch mit Soße. Heidrun wollte nur nicht, dass man sieht, wie traurig sie aussieht!“

„Ja, stimmt… Hab mich gar nicht getraut sie anzusprechen… sie wirkte so bedrückt.“

„Die Ärmste…“

„Nee, lass mal. Heiner meinte, sie sei gestern in aller Frühe abgeholt worden. Von wem hat er nicht gesehen.“

„Vielleicht auf nen Kurzurlaub mit dem Liebsten – zur Versöhnung oder sowas.“

„Versöhnung?!“

„Tse, der Typ ist keine gute Wahl! Früher hat sie sich wenigstens an uns gewandt, wenn es nötig gewesen war sich wegen irgendwas zu versöhnen. Vor ihrem Neuen hat unsere Meinung noch gezählt!“

„Ja, jetzt soll se zusehen…!“

„Hm, ich weiß nicht… Sie wird ihre Gründe haben… Ich hoffe nur, alles ist in Ordnung bei ihr.“

Dies hoffte das Kätzchen, welches dem Gespräch des Eatricher Frauenvereins gelauscht hatte, ebenfalls.

***

Ob sie es hätte ahnen müssen, war Elke nicht ganz klar. Jedoch konnte sie auch nicht bestreiten, dass sie hoch erfreut darüber war, wie Hartmut Bujahn letztlich auf ihren Artikel reagiert hatte:

Er war begeistert. Vor allem natürlich von sich und seiner Entscheidung ihr die Festanstellung in der Tagespresse zu gesprochen zu haben. Schließlich habe er ja „ein Händchen für sowas.“ Nie wäre ja solch ein Bericht zustande gekommen, gäbe es nicht seinen „Blick fürs Wesentliche“, sein „unfehlbares Gespür für die wirklich wichtigen Themen“ und seine „professionelle Unnachgiebigkeit!“
Elke hielt sich nur mit Mühe davon ab die Augen zu verdrehen, ob Bujahn’s Selbst-Beweihwässerung, denn für sie zählte nur, dass der Artikel gedruckt wurde und sie auch in Zukunft als Journalistin tätig sein durfte – mit ihrem Händchen, Blick, Gespür und der nötigen Sturheit.

***

Den kurzen Moment des Erfolgs wirklich zu genießen, blieb Elke allerdings nicht vergönnt. Denn dass Anton Nauer den Anspruch auf Claras Leichnam ablehnen würde und damit jedwede Verantwortung für dessen Verbleib abwälzen, hätte Elke wahrscheinlich nicht so schocken dürfen, wie es das letztlich tat, doch ahnen konnte so etwas sicherlich niemand.
Und so fand sie sich, schneller als es ihr je lieb gewesen wäre, im Rathaus wieder, um „alles Nötige zu besprechen.“

Die kleine Runde der Entscheidungstreffenden war ohne Umschweife gefunden worden und Elke, deren Artikel auch in dieser auf großen Eifer traf, kam nun einer ganz neuen Aufgabe zuteil. Ja, für Hilda Maurer, Eckart Ballart und Hartmut Bujahn stand fest, dass Clara Wiltau fraglos Teil der Eatricher Gemeinde gewesen war und somit natürlich auch auf dem städtischen Friedhof beigesetzt gehörte. Dem Klausner schien es gleich zu sein und Elke wollte sich keine Meinung dazu bilden; zu aufgewühlt war sie. Und dass sie nun aufgrund des „so wunderbaren Artikels“ auch gleich die Grabrede halten sollte, empfand Elke eher als Bürde. Sie fühlte sich dem kaum gewachsen, denn so wirklich kannte sie Clara ja nicht. Niemand in dieser Runde, in dieser Stadt konnte sich einbilden sie zu kennen!
Elke ließ die allgemeine Bestürzung mit der gleichen Nicht-Aufmerksamkeit über sich fließen, wie die sich anschließende Planung des Begräbnisses von Eatrich’s „neuester Nachbarin.“ Denn zu sehr kreisten ihre Gedanken, zu tief blickte sie auf die möglichen Folgen ihres Artikels:

Schließlich hatte sie sich mit „ihrem Händchen für sowas“ in Dinge eingemischt, die sich nichts angingen, nur um veröffentlicht zu werden.

Wollte „ihr Blick fürs Wesentliche, ihr unfehlbares Gespür“ Sachen sehen, die im Grunde überhaupt nicht da waren? Da die Dinge für sie doch niemals so simpel sein konnten.

Hatte sie mit „ihrer Unnachgiebigkeit, ihrer Sturheit“ die Menschen in Claras Umfeld, hatte sie Anton Nauer vielleicht zu stark unter Druck gesetzt und sie in die Enge getrieben?

War es mit ihrem Wunsch eine eventuell sogar ihre Schuld, dass Clara Wiltau letztlich unerwünscht war in ihrem alten Leben?

Musste sich Elke dafür verantwortlich fühlen, dass nun Eatrich die Verantwortung trug?

Hilda Maurer und deren Entscheidung zum passenden Blumenarrangement holten Elke letztlich zurück aus den Fängen ihrer Reverie. Denn dass sie weiße Lilien als Gestecke wollte, ließ Elke an den anderen Grund für ihre Recherche denken:

Nämlich das mysteriöse Auftauchen der einzelnen weißen Lilie an der Leichenfundstelle und damit die genauen Umstände von Clara Wiltau’s plötzlichen Ableben.

Diese Blume hatte Elke davon überzeugt einen Unfall als Todesursache überhaupt erst in Frage zu stellen. Und so unangenehm das Telefon mit Anton Nauer auch gewesen sein mochte, so hatte dieses ihr einen neuen Hinweis auf den möglichen Absender der Lilie geliefert. Und dadurch vielleicht sogar denjenigen, der für Claras Tod zu verantworten war.

„…Wegziehen, in ne fremde Stadt – so ne Schnapsidee! Selbst der Arzt wusste das…!“

– XII –

Elkes Spürsinn war erneut entflammt worden, nur die Gelegenheit hatte sich am Vortag nicht mehr ergeben diesem auch nachzugeben. Für Stunden war sie noch eingebunden gewesen in die Planung von Clara Wiltau’s Beerdigung auf dem Eatricher Friedhof. Wobei ‚eingebunden‘ vielmehr schweigend und mit einem milden Lächeln im Gesicht, nach welchem ihr nicht zu Mute war, am Rande der Gesprächsrunde hocken, bedeutete. Und während so nun die kleine Feierlichkeit zu Ehren einer neuen Nachbarin, die es nie mehr geben sollte Stück für Stück zu einem Großereignis – einem Stadtfest – ausuferte, drehten Elkes Gedanken hilflos frei. Sie war bemüht möglichst in sich zu ruhen, nicht zu planen und auf keinen Fall voreilige Schlüsse zu ziehen.

Sie war bemüht.

Es fiel ihr mehr als schwer.

Erst zum Abend hin war es ihr gelungen an ihren Schreibtisch und zu ihren Notizen zurückzukehren. Elke sah sich nun mit einer ganz neuen, einer beinahe verstörenden Frage konfrontiert:

War es vielleicht Doktor Hinterseer gewesen, welcher Clara, um sie von ihrer Entscheidung ihr altes Leben hinter sich zu lassen, abzubringen, ermordet hatte?

Konnte so etwas überhaupt möglich sein? Schließlich sollte ein Arzt doch stets das Beste für seine Patienten im Sinn haben. Selbst wenn er nicht hundertprozentig hinter den Entscheidungen dieser steht, hat er schließlich den Auftrag sie zwar davon zu unterrichten, sie aber dennoch zumindest nicht aktiv davon abzuhalten. Denn letztendlich ist jeder ab einem bestimmten Punkt für sich selbst verantwortlich und das gehört akzeptiert!

***

Elke wollte niemanden als kaltblütigen Mörder sehen. Sicher gab es solche Menschen, doch hoffentlich nicht im Arztberuf… Zumindest doch nicht in ihrer Stadt. Ganz bestimmt nicht! Vielleicht legte sie Nauer’s Worte auch zu sehr auf die Goldwaage. Vor allem im Angesicht seines bisher gezeigten Verhaltens. Es war natürlich durchaus möglich, dass Doktor Hinterseer nicht zu begeistert von Claras Vorhaben gewesen war. Schließlich erschien dieses unbedacht, wenn auch auf dem ersten Blick mutig. Aber sie deswegen töten? Nein. Es musste eine andere Erklärung für all das geben!

Ein Unfall da ein Streitgespräch ausgeartet war?

Oder hatte das Verschwinden seiner Frau doch zu tiefe Spuren in seiner Seele hinterlassen, um einen Zusammenhang mit Claras Tod – so sehr dieser Gedanke Elke auch abschreckte – auszuschließen?

Eine Art Racheakt, da Doktor Hinterseer sich an seine eigene Situation erinnert gefühlt hatte.

Elke war nach Haare raufen.

Elke raufte sich das Haar.

Elkes Gedanken drehten sich im Kreis bis ihr Kopf und diese mit ihm auf die Tischplatte knallten.

***

Die Nacht hatte Elke dann mit starrem Blick und ohne Lösung zu gebracht. Die Augen nun blutunterlaufen, die Kleidung klebrig an der Haut, das Haar abstehend zu allen Seiten und die Stimmung entsprechend gedrückt.

Sie wusste genau, dass sie es mit solchen Gedankengängen gar nicht erst beim Buhjahn zu versuchen brauchte oder sich Hilfe vom Klausner erhoffen durfte. Nicht einmal Ruby wollte sie damit unter die Augen treten; ganz besonders nicht Ruby. Nein, Elke stand allein da mit ihren Ideen, ihren Fragen, ihren Ängsten. Und es war an ihr zu entscheiden, wie sie gedachte weiter zu verfahren:

Zu allererst benötigte sie ein genaueres Bild vom Lebensweg Doktor Hinterseers. Und auch davon, ob es denn den vermuteten Konflikt zwischen ihm und Clara Wiltau überhaupt gegeben hatte. Den guten Doktor direkt darauf anzusprechen, erschien ihr aus vielen Gründen eine furchtbare Idee. Nur wer könnte da noch sein? Mit wem am besten sprechen?

Ein Blick ins Stadtarchiv zeigte Reginald Hinterseers beeindruckende und seit Jahrzehnten blühende Karriere. Auszeichnungen pflasterten seinen Werdegang genauso wie Wissenschaftsbeiträge, deren Titel Elkes Horizont bei weitem überschritten. Klar war in jedem Fall, dass der Weggang seiner Frau vor 25 Jahren Doktor Hinterseer zwar nicht vom steilen Berufsweg abgehalten hatte, jedoch davon sich noch ein weiteres Mal offiziell zu binden. Kurz überlegte Elke, was wohl aus seinem kleinen Mädchen geworden war, als ihr Charlotte Lessner plötzlich entgegenstrahlte. Sie sah jünger aus, was bei ihrem kindlichen Gesicht mit den strengen dunklen Augen kaum möglich erschien. Doch laut Bildunterschrift blickte Elke auf eine 26jährige Charlotte Lessner, die im pastellfarbenen langen Kleid, einer Blütenbrosche im hochgesteckten schwarzen Haar und einem gläsernen Pokal in der Hand neben ihrem stolzen Vater – Doktor Reginald Hinterseer – stand.
Die Ähnlichkeit war frappierend, nur der Blick erschien Elke heutzutage wesentlich kühler – ja geradezu kalt – falls das überhaupt einschätzbar war für sie. Und sicherlich hätte sie nicht so überrascht sein müssen davon, dass Vater und Tochter beide ausgesprochen erfolgreich schienen in ihren gewählten Lebenswegen und nun gemeinsam hier in Eatrich tätig waren, denn dies war bestimmt kein Geheimnis. Und doch …

Zumindest wusste Elke nun mit wem sie sich würde unterhalten können.

***

Zu wissen mit wem sie sich unterhalten wollte, war allerdings bloß die halbe Miete, wie Elke schnell einsehen musste. Drum lief sie auf dem Gelände vom Haus Instenburg fürs Erste Kreise, während sie nicht recht über die geistige Schwelle der Gesprächseröffnung hinauszukommen schien. Ein „Hatte ihr Vater eigentlich Probleme damit, wenn Lebenspartner plötzlich das Weite suchen wollen?“ würde sich das Eis nicht nur brechen, sondern Elke im entstandenen Wasserloch ertrinken lassen. Nur wollte ihr schlicht nichts Brauchbareres in den Sinn kommen; es war zum Verzweifeln!

Unter all ihren ziellosen Gestammel und Gelaufe war Elke nicht aufgefallen, dass sie mit einem Male mehr als nur einen amüsiert dreinblickenden Zuschauer hatte. Erst ein betont lautes Räuspern zu ihrer Linken ließ sie auf die Frau auf einer der Bänke blicken. Elke blieb wie angewurzelt stehen, denn wie um alles in der Welt konnte ihr entgehen, dass Charlotte Lessner nicht nur im Klinikgarten aufgetaucht war, sondern sowohl unbemerkt in ihrem direkten Blickfeld Platzgenommen hatte und eine kleine schwarz-weiße Katze tätschelte – Ruby’s Katze. Wie von fremder Hand geführt, bewegte sich Elke ohne es bewusst entschieden zu haben auf die Parkbank zu, setze sich und begann ihrerseits Tilli’s Köpfchen zu streicheln.

Das Tier ließ sich die Sonderbehandlung von zwei Seiten für ein paar Minuten gefallen, bevor es die Ohren anlegte, die Augen zu Schlitzen öffnete und den beiden Frauen nur noch Sekunden gab, um abzulassen.

Ohne die Katze als Puffer und noch immer unter dem erwartungsvollen Blick Charlottes blieb Elke nun nichts anderes übrig als einfach ohne Präambel in die Unterhaltung zu stürzen…

„Danke.“, erklang Charlottes klare Stimme und riss somit Elke aus ihrem Versuch den Mund zum Gesprächsauftakt aufzutun. Nur ein „Was?“ entwich ihr leicht dümmlich, bevor sie sich hatte fangen können. „Danke.“, wiederholte sich ihr Gegenüber. Noch immer ebenso ruhig wie durchdringend. Und wie schon während ihrer ersten Begegnung mit Charlotte schien diese Elkes Fragen direkt aus deren Kopf zu holen.

„Ihnen hat Clara doch schließlich ihren Einzug in die Eatricher Gemeinde zu verdanken. Wenn auch vielmehr als Ehrenbürger denn als Nachbar.“ Ein hörbares Lächeln in der Stimme. Ein kühles Beäugen von Elkes Gesicht. Und eine kurze Kunstpause der Wirkung zu Liebe später, fuhr Charlotte Lessner schließlich fort:

„Warum so verwundert oder sind Sie lediglich bescheiden? Ich dachte, es wäre eindeutig, dass Ihre Bemühung zumindest ein wenig Licht auf Claras Schicksal zu werfen die Herzen Aller erreichen konnte.“

„Nicht das von Anton Nauer! Der hat sie noch im Tod verstoßen!“, fand Elke ihre Stimme dann doch wieder. „Und… Ohne den verdammten Artikel hätte er sicher niemals so gehandelt. Ich habe ihn in die Enge gedrängt…“ Elke schluckte hörbar. Jedoch wurde sie ihn nicht los. Den Kloß im Hals. „… Dank mir hat Clara Wiltau nun überhaupt kein Zuhause mehr.“

„Im Gegenteil…“, schien Charlotte beinahe zu säuseln, „…er hat einfach eingesehen, dass Clara mit ihm keinen Platz im Leben hatte. Drum ließ er sie ziehen. Und jetzt ist sie angekommen! Lassen Sie sich nichts anderes einreden. Sie sind nicht verantwortlich für das Handeln anderer Leute. Denn auch wenn wir stets im Miteinander existieren, muss am Ende jeder seine eigenen Entscheidungen treffen im Leben.“

„So wie Ihre Mutter es getan hat?“, rutschte es Elke harscher raus, als geplant.

***

Der Blick fiel nach unter, die Augenbrauen zogen in die Höhe.
Die Lippen geschürzt, die Wangen eingesogen.
Dann ein wildes Blinzeln gefolgt von einem humorlosen Lächeln. Ein Neigen des Kopfes – nicht ganz ein Schütteln.

Ein ganzer Gedankenprozess in mehr Herzschlägen nur.

Die Regung war so schnell aufgelöst, wie sie sich gezeigt hatte. Und Elke fing ebenso schnell an zu bezweifeln, dass sie überhaupt eine Reaktion in Charlottes hatte ablesen können. Elke dachte sich nun endlich in der Oberhand dieses Gespräches, da erhob sich ihr Gegenüber ohne ein Wort zu sagen, aber mit vielsagendem Blick und zog in Richtung des Waldweges nach Eatrich.
Elke kurz verdutzt und sich abermals unsicher tatsächlich gesehen zu haben, was ihr nun den Rücken kehrte, sprang auf und folgte der jungen Frau in den Stadtwald. Sie eilte bald blindlinks hinter den roten Sandalen im tiefblauen Samtmantel mit schwarzem Haar hinterher ohne Sinn für die kleinen Sträucher, die Grasbüschel, die Kräuter und die Blütenpracht im Sonnenlicht am Wegesrand und ohne Blick auf das Dunkel im Wald.

„Sie kam übrigens zurück.“ Elke zuckte kurz zusammen, als Charlottes Stimme plötzlich neben ihr erklang. Nicht so sehr, da sie nicht mehr damit gerechnet hatte noch eine Antwort von ihr zu erhalten, sondern da diese mit einem stehen geblieben war und auch gar nicht den Anschein machte weiter gehen zu wollen – das Ziel also erreicht so mitten im Stadtwald. Bevor Elke nach dem Wer fragen konnte, fuhr Charlotte unvermittelt fort. „Sie kam so vor fünf Jahren auf mich zu. Wollte sich auf einen Kaffee treffen und plaudern…“, ein leicht vergessen wirkendes Schmunzeln zuckte über ihr Gesicht, „… nicht über alte Zeiten, denn so etwas hatten wir ja nicht wirklich. Nicht darüber, wie es mir so ergangen war die letzten 20 Jahre, das schien sie zu wissen. Nein…“, ein kurzes Auflachen, „…nur mal so reden – über nichts und alles.“ Elke hielt den Atem an. „Die Unterhaltung dauerte dann auch Stunden und wir sprachen über alles und nichts. Und sie wirkte so entspannt, so locker, so gelöst. So ganz anders als ich sie in Erinnerung hatte… Denn sie ist tatsächlich einfach weg, manchmal tun Menschen das eben, manchmal müssen sie es; das waren zumindest ihre Worte, als sie sich schließlich von mir verabschiedete.“, ein tiefer Atemzug, „Mein Vater ist ein hervorragender Arzt, aber er war kein guter Lebenspartner. Nicht für sie. Nicht am Ende.“, eine Pause, ein Augenaufschlag, „Ich bin mir sicher er hat sie geliebt. Aber letztlich gehört doch noch so viel mehr dazu, wenn dann das Neu und Anders allmählich verblasst – daran sind beide gescheitert.“, ein Befeuchten der Lippen, „Als klar wurde, dass auch sie das so gesehen hatte und nicht wiederkommen würde, hat er Karlotta ziehen lassen und wir haben nicht mehr davon gesprochen.“, ein Blinzeln und dann ein fester Blick in Elkes Augen, „Und um Ihre ungestellte Frage zu beantworten: Er hat Clara nicht in den Tod gestürzt. Niemand hat das! Es war ein Unfall. Das kann ich Ihnen versichern. Denn ich war dabei.“

Jedwede Farbe entwich Elkes Gesicht genau wie die Fähigkeit zu sprechen.

„Clara war ein gutes Stück entfernt, aber gesehen habe ich sie, wie sie voller Staunen durch den Wald lief. Ihr Blick zu allen Seiten, aber nie auf dem Weg. Sie muss gestolpert sein oder ausgerutscht. Denn mit einem Mal lag sie da. Als ich sie schließlich erreicht hatte, war ihr Blick noch immer erstaunt und wie festgefroren darin. Ein Telefon, um Hilfe zu holen, hatte ich nicht dabei und es gab auch nichts mehr, was man noch hätte tun können. Also blieb ich bei ihr bis der alte Förster sich näherte.“

Kalte Finger ergriffen Elkes Hand, zogen sie aus ihrer Reverie und übergaben ihr einen kleinen Kunststoffkasten, in dem sich eine rote Lilie befand.

„Eigentlich wollte ich sie Heidrun schenken. Doch ihr Abschiedsbrief erreichte mich letztendlich schneller als ich sie.“, ihr Gesichtsausdruck verdunkelte sich für einen fliehenden Moment, „Bin meinem Vater wohl ähnlicher als mir lieb ist.“, Charlotte zuckte entschuldigend mit den Achseln und fuhr mit beinahe sanfter Stimme fort: „Beziehungen erfordern Arbeit und leider konnte ich Heidrun nicht das geben, was sie sich gewünscht, was sie sicherlich verdient hatte.“, ein schmunzeln huschte ihr über das Porzellangesicht, als ihr Blick noch ein letztes Mal auf das Kästchen in Elkes Händen fiel, „Ja, Heidrun hätte sie gemocht… Aber bestimmt kennen Sie jemanden, der sich ebenso darüber freuen würde und das Geschenk genauso verdient hätte.“

Und so wandte Charlotte sich ab, wanderte zurück in Richtung Klinik und ließ Elke an der Stelle zurück, an der Clara Wiltau’s Weg nach Eatrich und in ein neues Leben sein abruptes Ende gefunden hatte.

 

Epilog

Ein lauter Knall ließ Luise zusammenzucken.

Dann ein Fluchen.

Ein Aufschrei.

Schließlich ein Auflachen.

Und dann wieder Stille.

Vorsichtig öffnete sie ihre Zimmertür, um in den Hausflur zu spähen. Sie vernahm Gemurmel im Erdgeschoss. Konnte aber nicht hören Wer das Was sagte. Gepackt von Neugierde schlich sie leise die Treppe herunter und sah gerade noch, wie ihre Mutter zur Tür herausging.

Auf dem Absatz entdeckte Luise das Blumenbild, welches sie Tage zuvor für ihre Mutter gemalt hatte und mit diesem ein Versprechen:

Wir sehen uns bald wieder!

Gruß Mutti

 

Ende

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im Selbst_Gespräch… Szene unter dunklen Wolken

Tag 2

Szene unter dunklen Wolken

Dunkle Wolken, im Zug über blauem Himmel, werfen vereinzelt Tropfen auf ihn nieder.

In Gefahr ein Gewitter zu bezeugen?

Der Autor weiß es nicht, will sich dem Wetter nicht ergeben, ignoriert die Möglichkeit seine, nun endlich, beschrieben Heftseiten könnten aufweichen, könnten die so zaghaft verteilte Tinte verwischen… verschmieren… ins Unleserliche, ins Unwiderrufliche treiben.

Er bleibt sitzen.

Bleibt, wo er ist… wo er sich geborgen fühlt, wenn auch durch die Profanität Regen tragender Wolken bedroht.

Bleibt auf der Parkbank, umgeben von Baum und Strauch… von gelb – braun – grünen Tönen… von Vogelgezwitscher, Bach-Gerausche, Ast-Geknacke… von Wind und Sonne.

Er genießt die steife Brise und fühlt sich fast berauscht, nun da die Worte aus ihm fließen, so wie die Tropfen aus dunklen Wolken über ihm.

Fortsetzung folgt

im Selbst_Gespräch…Szene auf belaubten Wegen

Den letzten Schluck seines zweifach aufgebrühten Kaffees hinterschüttend, gönnt sich der Autor noch einen Blick auf den leeren – den verlassenen – Sofaplatz links von sich; atmet er nochmals ihren allmählich verblassenden Duft ein; führt sich zum unzähligen Male ihr Lächeln vor Augen.

Die Sonne steht nun hoch am wolkenverhangenen Himmel – müsste hoch stehen, laut der Wanduhr – und dem Autor ist nach Flucht. Flucht vor der Leere… der Stille… dem Warten. Er würde tätig werden!

Die müden Knochen erhebend – ein Stöhnen nicht unterdrücken könnend – in die viel getragenen, weil geliebten, Hosen steigend, das leicht zerschlissenene, aber sicher wärmende Hemd unter der schon gebraucht gekauften, dennoch neu wirkenden Jacke verhüllend, zieht es ihn nach draußen.

Er flieht in die kühle Herbstluft… in den Nieselregen… zu den mit Laub bedeckten Wegen.

Das Rascheln seiner Schritte übertönt vom Lärm des Verkehrs, unterdrückt von der Feuchte der Luft – ein schmatzendes Geräusch unter den Schuhen nur zu vermuten – kommt der Autor vor einem Laubhaufen zum stehen, kniet sich ächzend nieder und betrachtet den Blätterberg vor sich. Nicht der Anmut, nicht die Farbenpracht eines goldenen Herbstes – kein Rot, weder in Kamin noch Wein, kein sattes Gelb, kein Ocker – braun, in hell und dunkel, ja grau sogar, bald vollständig vertrocknend auf nassem Boden, löchrig, mit schwarzen Flecken besprenkelt, angerissenen, zertreten; Spuren des Vergehens.

Ein Ahornblatt in Händen und vor Augen ertönt seine, von zu wenig Nutzung und zu kurzer Nacht, brüchige Stimme: „Noch bräunlich oder schon grau?“

„Wieso fragst du mich nach deiner Meinung?“, schmunzelt seine Muse hinter ihm.

„Du hast die angenehmere Stimme.“ Der Autor nun stehend, den Blick in ihre Richtung bringend, die Gestalt seiner Liebe, seiner Muse vor Augen – immer vor Augen – obgleich sie fehlt.

„Übersieh nicht das Grün.“, säuselt sie, wie Staub im Wind.

Die Stirn in Falten, eine Frage auf den Lippen, das Blatt schon vergessen – nicht vermissend – verlässt seinen Griff… segelt kaum… fällt gar, vom Regen schwer, zu Boden. Die erlebte Erinnerung schon verweht, noch bevor der Autor seine Sprache wiederfinden kann.

Ihm bleibt die dröhnende Straße in den Ohren… die Nässe auf der Haut… die Leere… das Schweigen… das Warten.

Katze4dies ist/wird Fortsetzung von „im Entsehen begriffen“

im Selbst_Gespräch…Szene im Morgengrauen mit dem Blick zur Fensterscheibe

„Was machst du da?“ Ihr Schmunzeln ist hörbar.

„Warten.“, bricht seine Stimme nach kurzem Zögern hervor.

„Auf was wartest du?“  Ihr Kopfschütteln ist spürbar.

„Auf das Licht.“, betont er ungeduldig. Ihr langgezogenes Ausatmen lässt den Autor nachsetzen: „Sonnenlicht; ich will die Blumen am Fenster betrachten. Ich will sehen, wie der Sonnenschein durch die Scheibe fließt, wie er die Eisblumen durchdringt, zum Glänzen bringt… wie sie glitzern bevor sie vergehen. Ich möchte es genau beschreiben können, das Schauspiel in Worte kleiden, die Gefühle darlegen.“

„Die Gefühle?“ Ihr fragender Blick ist schneidend.

„Meine Gefühle.“, zischt er in den Raum.

Der Autor schaut sich nicht um, hält seinen Blick stur aufs Glas gerichtet. Er braucht sie nicht zu sehen, um ihr Stimme zu hören, ihr gespieltes  Schellten zu spüren, um das so geliebte Prickeln auf seiner Haut fühlen.

Er kennt all das so gut; ihren Atem, ihre Wärme, ihre sanfte Haut.

Er braucht sich nicht umzusehen… er weiß, dass sie nicht da ist; noch nicht wieder da ist.

Der Autor vermisst seine Muse, wie er noch nie etwas vermisst hat in seinem Leben. Er vermisst sie so sehr, dass er sich wünscht, er hätte sie nie getroffen… sich nie verliebt… sich nie auf die Gefühle – seine Gefühle – eingelassen. Fast wünscht er es; beinahe sehnt er sich zurück. Manchmal hätte er gern das Empfinden nie erlernt, nie verstanden, sich nie darin verloren…

Denn kann man Vermissen, was man nie kannte?

„Es ist noch zu zeitig, zu warm für Eisblumen.“, lacht sie mit seiner Stimme.

Den Blick senkend, dreht der Autor sich in den Raum… sucht er die Nähe seiner Liebe… badet er in Erinnerungen an sie… lässt sich durchströmen, wie die morgendlichen Sonnenstrahlen nun das Fenster.

 

Katze4dies ist/wird Fortsetzung von „im Entsehen begriffen“

Szene mit dem Kinn unter der Decke und dem Ohr an der Wand

Er erwacht.

Er will dies nicht; er schreckte hoch.

Nicht die Nase verrät ihm diesmal den Grund des ungeplanten, unerwünschten Erwachens, sondern die Ohren.

Obgleich zugestopft, ein ständiges Lauschen, ein Wachen, ein Warten.

Das Bienenvolk in der Außenwand, die Mücke vom Vorabend, das Ticken der Wanduhr, die Bewegung des Nachbarn, der Verkehr vor dem Haus… nicht wirklich gehört, vielmehr erahnt. Eingebrannt in die Nerven, lebendig in seiner Vorstellung.

Erneut ein Krack, dann ein Rollen über Dielenfußboden; keine Einbildung angespannter Sinne, der Nachbar ist wach und ließ etwas fallen offenbar.

Er spitzt die Ohren… ein Klack Klack von Schuhen, ein Knarksen – Tür öffnet, ein Klappen – Tür schließt, ein Poltern im Treppenhaus, ein letztes Klappen… Ruhe.

Ein tiefer Atemzug, ein Umdrehen, ein Wieder-in-den-Traum-finden-wollen.

Denn im Traum kann er sich einbilden, er wäre nicht allein, er würde sie nicht vermissen, er hätte nicht zu viel Zeit und doch zu wenig irgendwie – er wäre kein Autor ohne Muse.

Das Kissen neben ihm noch immer kalt und voll von ihrem Duft; seine Liebe, seine Geliebte, seine Muse…

Den Nachtschweiß noch auf der Stirn, tropfend von der Nase, klebend am Rücken.

Nicht nur das T-Shirt mehr als feucht; ein Albtraum?

Nein.

Ein Erinnern an Vergangenes, an Vergänglichkeit, an Hoffnung zugleich; auf mehr…

 

Katze4dies ist/wird Fortsetzung von „im Entsehen begriffen“

 

Szene mit dem Kopf auf dem Kissen und dem Geist in den Wolken

Dunkelheit, Wärme, das wohlige Gefühl der Sicherheit augenblicklich durchbohrt, zerbröckelt verflogen durch einen Duft.

Nur den Bruchteil einer Sekunde braucht es, ihn zu wecken, angewidert zu sein, durchflutet zu werden von unangenehmen Erinnerungen.

Was ist es, das diesen speziellen Geruch so unerträglich macht, dass keine Brücke geschlagen wird zwischen Odeur und Mief, dass ihm nichts bleibt als aufzuspringen, das geliebte Nest zu verlassen und die Fenster zu zuschlagen?

…  oder eben selbst nach einer Zigarette zu greifen, um aus passiver Belästigung aktives Kurzweil zu machen?

Nicht mitten in der Nacht, nicht nach milden Träumen, nicht hinter verschlossenen Türen – sie würde es nicht gutheißen, dessen ist er sich sicher!

Wachliegend verliert er sich in einer Faszination für Wahrnehmungsunterschiede, die ausgelöst werden aufgrund unterschiedlicher sensorischer Wege in Verbindung mit Erfahrungswerten…

Acetylcholinrezeptoren lassen sich nur zu gerne besetzen, wie es ihm scheint, überdecken so jede Warnung der olfaktorischen Perzeption… doch niemals losgelöst von der bewussten Konsumierung; lediglich ein Toxikum.

Rücksinnen in Kindheitsmomente verbracht in seltsamer Erregung, ja auf der Suche nach diesem speziellen Aroma auf der Rückbank des Familienwagens. Stets vorgebeugt; so nah wie möglich hin zum Beifahrersitz, zur Mutter, welche rauchend und selbstvergessen den Blick nicht vom Tachometer nahm…

Wann geschah die Neubelegung dieses Geruchs? Wodurch kam die Abneigung, die Abwehr, der Fluchtinstinkt oder eben der persönliche Konsum als Gegenreaktion?

Überwältigende Müdigkeit zieht ihn tiefer in die Federn, weg von den Gedankenströmen, hin zu ihrem Parfüm, das ganz ohne sie noch auf dem Kissen liegt.

Ein eigener Wohlgeruch, schwerwiegend, wie der kalte Gestank einer Zigarette zur Nachtzeit. Gleichbedeutend stets fähig ihn aus seinen Träumen zu rütteln, ihn zu sich zu ziehen, ihn in Erinnerungen an bessere, verlorene Zeiten zu stoßen, ihn zurückzulassen in sonderbarer Wehmut… doch in Kontradiktion niemals abstoßend, abschreckend und keinesfalls in Zweifel an sonst klare Gewissheiten.

Doch geradeeben, in dieser Nacht, auf noch nicht absehbare Zeit bleibt er allein mit ihrem Duft… schlaflos, hellwach, gepeinigt von Monotonie, von Sehnsucht.

Nur er selbst und eine leere Betthälfte, die er nie zu stören wagt.

Katze4dies ist/wird Fortsetzung von „im Entsehen begriffen“

verloren auf dem Weg _Kap.4_

Katze4zum Anfang zurück und zur kompletten Geschichte

Artikel 4

Lasst uns Erinnern an die gemeinsame Zeit.”

Am Ende eines jeden Jahres erinnern wir uns oft und gerne an all die Dinge, welche wir erreichen konnten, an Zeiten, die Neues brachten und uns Abschied nehmen lies vom Alten und natürlich auch an all die Situationen, die zu meistern uns auch weiterhin beschäftigen wird und muss.

Ohne Frage sollte ebenso den Menschen, welche unser Leben bereichert haben und hoffentlich auch künftig werden, Erinnerung gebühren.

Ob diese uns bereits ein Leben lang begleiten oder auch nur ein Stück des Weges, ob es die Familie ist, alte Vertraute, neue Freunde oder prägende Fremde, jede Begegnung kann auf uns Einfluss nehmen. Denn andere Menschen können und werden den Lauf unser aller Lebensgeschichten formen.

Und wir somit auch den Ihrigen!

So sollte sich ein Jeder der Menschen erinnern, welche den eigenen Lebensweg zäunen und wir als Gemeinschaft dürfen auch den Einzelnen nicht vergessen.

9

Es hatte aufgehört zu Regnen und wie um das Unglück derer zu unterstreichen, welche in den plötzlichen Regenguss geraten waren, erstrahlte der Himmel nun erneut unschuldig im schönsten Sonnenschein.

Ein paar Kurgäste trollten sich tropfnass, aber lachend zurück in die Klinik und begrüßten die herausströmenden Mitpatienten, während das Klinikpersonal gutgemeint kopfschüttelnd Handtücher verteilte. Lediglich die kleine schwarz-weiße Katze schien unbeeindruckt vom ganzen Spektakel und begann sich zitternd trocken zu lecken.

Charlotte wurde den Eindruck nicht los, dass der finstere Blick des sonst so possierlichen Kätzchens bedeutete, dass das Tier die Sinnhaftigkeit von Regenwetter schwer infrage stellte. Auch schien sie vom ihr angebotenen Handtuch nur wenig zu halten und wehrte sich merklich gegen den Versuch sie beim abtrocknen zu unterstützen, was Charlotte sehr amüsierte, nicht nur, da die Katze nach gewonnenem Kampf lediglich zwei Meter weiter wieder Platznahm, um, wie über die Störung empört, mit dem Rücken zum handtuchschwingenden Pfleger ihre Morgentoilette fortzusetzen, sondern auch wegen des vom Gefecht gezeichneten Pflegers, welcher nicht minder entrüstet wirkte.

Der Anblick Marias, welche mit eingefallenen Zügen über ihrem aschfahlen Gesicht an Charlotte vorbei zog, diese ansehend offenbar ohne sie wahrzunehmen, ließ Charlotte kurz innehalten. Keine Spur mehr von der Schamesröte und dem verhaltende Lächeln, welches Charlotte noch am vorigen Tag zu einem breiten Grinsen veranlasst hatten, als sie den beinahe lächerlich wirkenden Versuch auf subtile Weise zu flirten, zwischen Maria und Jack aus der Ferne beiwohnen durfte.

Irgendwie süß war sie ja, wenn auch offensichtlich mehr als unsicher in ihrem Auftreten; Irgendetwas verunsicherte Maria Walder augenscheinlich und das nicht erst seit heute. Dass sie unerfahren und aufgeregt war, konnte diese schon während der famose Begegnung im Stadtpark kaum verbergen, doch Charlotte hatte da zumindest den Eindruck gewonnen, Maria wäre selbstsicher in ihrem Auftreten, wenn schon nicht aufgrund von Selbstvertrauen, aber doch wenigstens aus antrainierter Gewohnheit. Nun wirkte sie selbst aus der Entfernung verhuscht, ja beinahe ängstlich.

Bevor Charlotte ihre Analyse fortsetzen konnte, bekam sie Gesellschaft auf ihrer Bank und wurde vom Gesprächswall einer Mitpatienten förmlich überrollt. Diese plapperte so aufgeregt auf Charlotte ein, dass diese ihr nicht hätte folgen können, selbst wenn sie willens dazu gewesen wäre. Und so blendete sie diese aus; nickte freundlich zustimmend und wartete die Zeit ab, bis sie endlich erneut allein war und ihre Aufmerksamkeit wieder auf Maria lenken konnte, welche sich in der Zwischenzeit der kleinen Katze zugewandt hatte.

Wie, um dem leicht lädiertem Pfleger noch eins auszuwischen, ließ sich das Kätzchen von Marias Hand das Abtrocknen sehr wohl gefallen; ja schmiegte sich an sie, was zumindest etwas Farbe auf Marias Wangen zurück zu bringen schien. „Muss doch nen Therapietier sein.”, mutmaßte Charlotte zufrieden in sich hinein, bevor sie erneut in ein Gespräch verwickelte wurde.

Gerade wollte sie sich höflich, aber bestimmt entschuldigen, da winkte ihr Maria Freude strahlend zu, zeigte danach neben sich und zog, in eine animierte Unterhaltung versunken, weiter.

Charlotte spürte wieder mehr als dass sie sah, dass Dr. Hinterseers strenger Blick auf ihr ruhte. Sie spürte das gleiche Gefühl der Beklemmung ihren Rücken emporkriechen, wie das bereits am Tag zuvor unter seiner Beobachtung durch ihr Zimmerfenster geschehen war. Sich selbst zur Ruhe zwingend, warf sie einen direkten Blick auf den Doktor; sie wollte ihm stark in die Augen sehen. Zu ihrer Enttäuschung, aber auch Erleichterung, hatte dieser seiner Aufmerksamkeit mittlerweile auf Maria gelenkt, welche noch immer zutiefst in einer Unterhaltung versunken am Rande des Klinikgartens stand.

Scheinbar verdrossen darüber, sowohl Marias Beachtung als auch streichelnde Hand verloren zu haben, zog die kleine Katze schließlich mit hängendem Kopf an Charlotte in Richtung Stadt vorbei und ließ diese mit ihrer nach wie vor monologisierenden Banknachbarin allein zurück.

Stets von Bestand”

10

Dass Fell war noch immer nicht ganz trocken, da sah sich die kleine Katze in Gefahr in einen weiteren Regenguss zu geraten, als sie den Marktplatz betrat. Als wären ihr die dunklen Wolken gefolgt, thronten diese nun über Eatrichs Stadtmitte und wirkten sicher nicht nur auf das Kätzchen bedrohlich, da dass Gelände vor dem Rathaus mit einem Mal beinahe düster, ja gespenstig geworden war.

Ein plötzliches Bersten trieb das verschreckte Tier unter den Pavillon und inmitten von Schuhwerk, welches, in der Not auszuweichen, aufgeregt um sie herumwirbelte.

„Uh… pass doch auf!”, klapperte es neben ihr.

„Nein, kann Jemand bitte was unternehmen?”, quietschte es von vorn.

„Moment.”, dröhnte es von der anderen Seite, bevor warme Hände sie hochhoben, auf einen weichen Stuhle beförderten und ihr etwas grob über den Kopf streichelten.

„Hab sie heute morgen beim Bäcker gesehen! Keinen Blick hat sie mir gegönnt… arme Frau”, sprach die warme Hand, bevor sie endlich von ihr abließ.

„Ja, aber nutzt ja nichts.”, brummte es an ihr vorbei.

„Er hat sich ja schon verdächtig gemacht.”, raunten die groben Hände erneut.

„Warum hat er auch die Aussage verweigert?!”, stimmten verschiedenen Seiten mit ein.

Das aufgekommene Stimmengewirr unterbrach sich harsch, um den Blick in gemeinsamer Schweigsamkeit auf das Paar zu richten, welches ebenfalls in Schweigen gehüllt den Marktplatz überquerte, um Eatrich nach Norden raus zu verlassen.

„Also früher wäre sowas nicht passiert!”, schoben sich nun ohne Vorwarnung feuchte Finger durchs Fell; gebrauchten es als Handtuch. Um diesem Missbrauch zu entgehen, sprang das schwarz-weiße Kätzchen zur Tafel hinauf und lief unter Gekreische über halbfertige Tischdekorationen, Krepp-Papier und Girlanden aus dem Pavillon hinaus, dem Pärchen hinterher und zurück in die Richtung, aus der es gekommen war.

***

Bernhard hätte wissen müssen, dass Emily und er nicht ohne Aufhebens über den Markt kommen würden. Die Kleidung, unter der sie sich zu verstecken suchten, zog vermutlich sogar mehr Aufmerksamkeit auf sie, als dass sie ihnen Schutz vor den widrigen Wetterbedingen bot.

Aber es nutzte nichts.

Seine Freundin hatte ihm das Versprechen abgenommen, um Hilfe zu bitten und eine Therapie zumindest in Betracht zu ziehen. Dass es die neue Klinik gab, kam ihm gerade recht. Denn keiner der Ärzte, Therapeuten und Pfleger gehörten zur ursprünglichen Nachbarschaft Eatrichs und so versprach er sich zumindest ein gewisses Maß an Anonymität; wenigstens innerhalb des Klinikgeländes.

Also hatten sie sich gemeinsam aufgemacht.

Sie steckten beide in Kleidung, in der sie fast verschwanden, da die vergangenen Jahre – ihre Krankheit, sein Lebenswandel – bei Weitem nicht spurlos an ihnen vorüber gezogen waren. Bestimmt hatte ihr der schwere, dunkelgrüne Mantel nebst passendem Hut einst wunderbar gestanden und auch ihm fehlten ein paar gesunde Kilo, um die früher sehr geschätzte, schwarze Lederjacke auszufüllen.

Bernhard wäre sich schäbig vorgekommen, hätte Emily ihm nicht mit ihren strahlenden Augen und dem leicht verschmitzten Lächeln, was es so mochte, den Schal umgebunden und ihm anschließend einen Kuss verpasst; auch wenn bloß auf die Wange.

Im Wechsel behaftet”

11

Papierdünne Haut. Aufgelöst. Nur harte Augen. Immer auf mich… auf mich gerichtet. Ein Strudel aus Nichts. Aus Kälte. Aus Hitze. Aus Allem. Ich verstehe es nicht!

***

Charlotte war schon wieder leichenblass, Maria machte sich Sorgen.

Ob diese Einrichtung überhaupt dafür geeignet war, Menschen wie Charlotte wirklich helfen zu können? Sie würde Dr. Embrich darauf ansprechen.

Doch zuerst wollte Maria ihr ihre neue Bekannte vorstellen. Bestimmt würden sie sich mögen. Und bedanken musste sie sich bei Charlotte auch noch, denn nur ihrem Ratsschlag hatte Maria es zu verdanken, dass diese sich inzwischen in jeder freien Minute dieses Tages wunderbar unterhalten fühlte und auch hatte.

„Ach verdammt! Was ist das?” Ein unangenehmes Kribbeln lenkte Maria ab. Bestimmt wieder so ein Krabbeltier; den ganzen Tag war sie schon verfolgt wurden. „Das muss am Wetter liegen.” Mit zusammengekniffenen Lippen entfernte sie den kleinen schwarzen Käfer von ihrer Armbeuge und lief weiter auf ihr Gegenüber zu.

„Charlotte! Ich will dir… Was hast du?”

Traurige Augen blickte ihr entgegen und ein Gefühl der Verunsicherung machte sich in Maria breit. Hatte sie was falsch gemacht? Ach, bestimmt kannte Charlotte ihre neue Bekanntschaft schon. So viele Patienten waren es ja auch noch nicht. Aber nein. Warum sollte sie deshalb betrübt sein? War zwischen ihnen was vorgefallen?

***

Zähe Tropfen, glühend durchbohren meine Haut. In Brandblasen geschlagene Eiszapfen regnen auf mich danieder. Und immer nur diese Augen über mir.

***

„Es tut mir leid.” Charlotte hatte einen fast schon zu sanften Tonfall und sie war nun beinahe grau im Gesicht, die Lippen aufgerissen und blutig gekaut. Aus Angst sie könnte erneut zusammenbrechen, wandte sich Maria hilfesuchend an ihre neue Bekannte und bedeutete ihr Dr. Hinterseer zu holen, welcher gerade eben in den Garten getreten war, um ein paar Leuten das Gelände zu zeigen.

„Hilfe ist schon unterwegs!” Maria griff nach Charlottes rechter Schulter, um sie zu stützen, doch schreckte zurück, als sie bemerkte, das wieder so ein schwarzer Käfer in ihrer Armbeuge hockte.

***

Keine Atmen mit durchstoßener Lunge… knochige Finger umgreifen mich.

***

Dr. Hinterseer hatte sich mit samt seiner beiden Begleiter zu ihnen gesellt.

Zu seiner Linke eine Dame mittleren Alters, deren Haar unter einer Mütze versteckt und deren Körper durch einen weiten Mantel verhüllt war. Zu seiner Rechten ein Mann, der sich, wie um sich zu verbergen, ebenfalls tief in eine übergroße Jacke hüllte. Ein hellgrauer Schal verdeckte halb sein Gesicht, doch zog gleichzeitig den Blick auf das selbige und Maria sah genug, um den Herrn wieder zu erkennen.

„Oh, mein… Sie sind der Mann von dem Bild! Das ist ja verrückt. Siehst du, genau so habe ich ihn beschrieben.”, wandte Maria sich zu ihrer Bekannten um, die nun nirgendwo mehr zu sehen war.

„Wo ist sie hin? Haben Sie sie verschreckt? Sie ist empfindlich! Was haben Sie zu ihr gesagt?”, verlangte sie mit nun, mit für ihre Ohren, beinahe schrill klingender Stimme.

Sechs Paar Augen sahen sie verwundert an, nur Charlotte blickte wissend, wenn auch betreten.

„Sie ist nicht real.” Schon wieder dieser sanfte Tonfall.

„Maria, es tut mir leid, aber deine Freundin existiert nicht; zumindest nicht für die Augen aller Anderen.” Charlotte wollte nach ihr greifen, doch Maria stieß sie von sich.

„Was redest du da?! Du hast sie doch gesehen, als sie mit der Katze gespielt hat! Du hast mir erklärt, wie ich mich ihr am besten nähern kann! Du…“

Dr. Hinterseer war inzwischen an Maria herangetreten, seine Haltung offen, sein Blick ruhig.

„Charlotte muss sich irren, bestimmt verwechselt sie was, wo sie doch krank ist. Schauen Sie sie an, ganz sicher ist sie es, die sich Sachen einbildet. Erklären Sie es ihr Doktor!”, flehte Maria mit leiser, zittriger Stimme, während sie versuchte erneut einen schwarzen Käfer aus der Armbeuge zu wischen.

„Es tut mir leid Frau Walder. Alles wird gut. Bitte kommen Sie mit und es wird sich klären.” Dr. Hinterseer reichte Maria seine Hand, welche diese, nun sprachlos, ergriff. Nach einem kurzen Nicken griff er auch nach Charlottes Arm.

„Charlotte bitte begleite meine Gäste hinaus und geh nicht zu weit; wir müssen noch reden!”

„Hatte mich schon gewundert, wann du dich mir endlich persönlich entgegenstellst, Vater.”, stieß Charlotte hervor und die Hände des Doktors davon.

Maria wurde schwarz vor Augen.

***

Und ich liege hier nun wieder… am Boden, im Nassen…. verdorre ertrinkend… beobachtet… allein… hilflos… nutzlos… und bitte nur immer um Verzeihung.

Mit Sonnenschein im Herzen”

12

Der Stuhl auf dem Charlotte saß, war kaum härter als der Blick, unter welchem sie versuchte standhaft zu bleiben.

„Was hast du dir nur dabei gedacht?”, brummte ihr Gegenüber und setze ohne auf eine Antwort zu warten nach: „Hast du überhaupt gedacht, verdammt?” Sie hatte Maria nur helfen wollen, „dafür brauchte ich aber erstmal ihr Vertrauen! Sonst hätte sie mir, einer Patientin, doch nie geglaubt, dass sie ernste Probleme hat!”

Während Marias Aussetzer im Park war Charlotte schnell klar geworden, dass diese unter starken Wahrnehmungsstörungen litt, aber auch dass sie sich derer nicht bewusst war. „Es war ein kalkuliertes Risiko!”, beteuerte Charlotte dem Rücken ihres Vaters, da dieser sich inzwischen kopfschüttelnd abgewandt hatte.

„An deine Risikoweinschätzung erinnere ich mich nur zu gut; glaub mir. Du hättest mich gleich aufsuchen müssen… Was wolltest du beweisen? Hast du denn nichts dazu gelernt oder ist es dir egal?”

Charlotte wollte diese Fragen nicht beantworten, denn ihr war klar, dass nichts, was sie jetzt noch sagen könnte, verhindern würde, dass nicht nur Maria, sondern auch sie selbst auf unbestimmte Zeit nicht mehr aus der Klinik herauskäme.

„Was wird jetzt aus Maria?”, fragte sie schließlich zögernd.

„Frau Walder muss sich jetzt erst einmal erholen. Ich habe eine frühere Kollegin von mir angefordert, welche beurteilen kann, welche Umstände zu ihrem Zusammenbruch geführt haben und ob möglicherweise eine andere Grunderkrankung der Wahrnehmungsstörungen vorausgeht. Sie wird ihr hoffentlich auch dabei helfen können einen guten Weg für sich zu finden und auch mögliche Zukunftsaussichten zu planen. Selbst wenn sich herausstellt, dass eine schizophrene Störung vorliegt, lässt sich diese heutzutage gut behandeln. “

„Ich möchte sie besuchen…“, unterbrach Charlotte ihren Vater, welcher sich ihr mit vor Überraschung erhobenen Brauen wieder zugewandt hatte, „… Ich mag sie!“

„Wenn Frau Walder es wünscht. Sie kann eine echte Freundin jetzt mehr als gebrauchen“ Die Emphase lag auf dem Wort „echte“, was der zustimmend nickenden Charlotte nicht entgangen war. Mit einem Blick, der sie fast zu durchbohren drohte, fuhr er fort:

„Egal, was Frau Walder auch erwarten wird, ein geregelter Ablauf und Unterstützung sind ab jetzt für sie das Wichtigste. Sie muss lernen, dass sich das Unkontrollierbare nun mal nicht kontrollieren lässt und darf weder sich noch andere dafür nicht bestrafen.

Das gleiche gilt auch für dich!”

***

Die kleine schwarze-weiße Katze, welche sich auf einer Fensterbank bis eben gesonnt hatte und von lauten Stimmen aufgeschreckt wurden war, zog sich, nach einer kleinen Abschiedsrunde durch den Privatgarten des Haus Instenburgs, in Richtung Stadt zurück.

Eatrich war mittlerweile vollständig raus-geputzt für das anstehende Stadtfest und erstrahlte so nicht nur im Glanz der Sonne, die nun endlich ungestört am wolkenlosen Himmel ruhte.

Der Regen des Vortages schien vergessen und so hatte man auch den Pavillon wieder abgebaut. Es waren nur kleinere Pfützen geblieben, die das Kätzchen über die gestellten Tische und Tafeln zu umwandern wusste, während es über den, mit Ballons und herbstlichen Gestecken, geschmückten Marktplatz lief.

Wie üblich trieb es sie in den Ostteil der Stadt, vorbei an Einfamilienhäusern, dem Spielplatz, durch die Mehrfamiliensiedlung bis hin zur Residenz zur Ruhe, wo bereits die neueste Ausgabe der Tagespresse auslag.

Der Leitartikel preiste das Fest zur Ehrung Eatrichs im „Gartenfreund-Wettbewerb“ des Landkreises an. Denn „nicht nur wurden die prämierten Kürbisse, Zucchini und Marmeladensorten lobend in den Nachbargemeinden erwähnt, unser heißgeliebter Cidre erreichte sogar den dritten Platz!” Selbst der Bürgermeister würde für das Sonderstadtfest extra aus dem Urlaub zurückkehren, hieß es weiterhin.

In einem kleinen Artikel wurde über das voreilige Fällen von Urteilen gewarnt, schließlich „könnte es jeden treffen und Langzeitschäden dürften nie unterschätzt werden.” Die letzten Zeilen richteten sich an Bernhard Wagner, dem somit eine öffentliche Entschuldigung „für mögliche Umstände” ausgesprochen wurde sowie viel Erfolg weiterhin und einen guten Start im zukünftigen neuen Zuhause. „Eatrichs Nachbarschaft wird dich vermissen!”

Die Ankündigung über einen Eigentümerwechsel im Teehaus schloss sich daran an und im Anzeigenteil suchte das Haus Instenburg nach neuen Mitarbeitern für die internistische Abteilung.

Die abschließenden Seiten widmeten sich den „neuesten Abenteuern der Rühlich-Knaben”, welche von ihrem „Spontanbesuch in der großen Stadt” bei deren Vater berichteten.

Aber all das interessierte die kleine schwarz-weiße Katze nur insofern, dass sich die Zeitung wunderbar zum Schärfen ihrer Krallen eignete.

„Tilli!”, der streng klingende Ausruf ihres Namens ließ das Kätzchen innehalten.

„Na wenigstens du hast einen Nutzen für das sinnfreie Wurschtblatt gefunden.” Der Tonfall war nun deutlich entspannter und untermalt vom amüsierten Zwinkern Rubys, als diese sie auf ihren Schoß beförderte und zu streicheln begann.

Nach einem deutlichen, wenn auch nicht minder belustigten, Räuspern von Elke setzte Ruby gespielt ernst nach: „Sinnfrei mit Ausnahme der gestrigen Ausgabe natürlich.”

„Natürlich!”, unterstrich Elke, während sie für die beiden Frauen Tee aufgoss.

Epilog

Strahlend, ja fast schon blendend, ergoss sich das Sonnenlicht über die gepflegten Straßen Eatrichs; nichts erinnerte mehr an die Verschlafenheit der nebelverhangenen und verregneten letzten paar Tage.

Das groß angekündigte Stadtfest schien bereits im vollen Gange, da Musik, Gelächter und der schwere Duft von Backwaren in der Luft lagen und Charlotte, welche von ihrem Vater begleitet den Marktplatz betrat, begrüßten.

Geschäftiges Treiben, knallbunte Dekoration, kostümierte Menschen; seliges Miteinander.

„Mein Gott, diese Stadt wirkt wie aus einem Roman entsprungen!”, brummte ihr Vater in sich hinein.

„Ja.”, legte Charlotte nach, „Stellt sich nur noch die Frage, in welches Genre einordnen?”

Der kurze Moment der Einigkeit wurde harsch unterbrochen als zwei Jungen auf sie zu stürzten und versuchten Charlotte in ihre Arme zu schließen. „Na ihr Beiden. Hat sich euer Vater über den Besuch gefreut?” Klebrige Finger hielten sich an ihrem Rock, Kinderköpfe nickten ihr aufgeregt zu, durch ihr breites Grinsen lugten Zahnlücken… bis schließlich zwei Hände und ein strenger Blick die Knaben bestimmend davonzog.

Ja, der Augenblick der Einigkeit und Zustimmung ihres Vaters war verflogen und nur noch Dr. Hinterseer, mit seinen allwissenden Gesichtszügen stierte sie kopfschüttelnd an. „Ich war ihnen am Bahnhof begegnet. Konnte ich ahnen, dass sich die Jungs direkt in den nächsten Zug setzen?”, fragte Charlotte niemand bestimmten, denn ihr Vater war schon in der Menge verschwunden.

Die wachsamen Kameraaugen des Marktplatzes und bedeutenden Blicke der unablässig freundlich lächelnden Nachbarn sahen auf Charlotte herab, als diese, wissend, dass die Zeit der unbeaufsichtigten Wanderungen nun vorbei war, ihre Lippen zusammenbiss, um sich nun ebenfalls unter den Menschen zu verlieren; in der Menge aufzulösen, wie einst im Nebel.

Ende

willkommen in Eatrich4_1706_kr

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verloren auf dem Weg _Kap. 3_

Katze4

„Wir atmen wieder auf.“

Eatrich kann endlich wieder zur wohl verdienten Ruhe kommen; die Rühlich Knaben sind in den frühen Morgenstunden wohlauf zuhause eingetroffen.

Laut Oberwachmeister Klausner hatten sich die Buben, welche während eines Schulausflugs am gestrigen Tag in den Stadtwald, verschwunden waren (die Tagespresse hatte darüber in einer Sonderausgabe berichtet), im alten Steinbruch ein Ford geschaffen. Sie hätten beim Spielen die Zeit vergessen und wollten natürlich nicht mitten in der Nacht durch den Wald; hieß es weiterhin.

Um in Zukunft zu verhindern, dass Kinder den Steinbruch mit einem Spielplatz verwechseln könnten, ist dieser bereits weiträumig abgesperrt wurden; über eine Permanentlösung wird in der nächsten Stadtversammlung entschieden.

An dieser Stelle sei erneut ein Dank an alle Nachbarn ausgesprochen, die die Polizei tatkräftig bei der Suche unterstützt haben oder auch mit aufrichtenden Worten zur Seite standen.

Der Schrecken sitzt uns allen natürlich noch im Nacken, doch wie heißt es so schön:

Jungs sind nun mal Jungs, nichtwahr?

6

Dieser verdammte Artikel gepaart mit dem „Reisebericht“ der Rühlich Geschwister (Kinderbilder – Gekrakel in Bernhards Augen) hatte fast zwei Monate öffentlich ausgehangen, bevor die Kollage zum Voranschreiten der Schulgebäudesanierung interessanter erschien und den Artikel mitsamt dem dazugehörigen Stadtgespräch abgelöst hatte.

Zwei Jahre lag das Kleinstadt – Drama nun zurück und allgemeines Vergessen hatte sich über die Gemeinde gelegt; bis heute!

Bernhard selbst konnte sich an diese paar Stunden allerdings noch nur zu gut erinnern. Er verlor halb den Verstand während des ganzen in Tränen aufgelöste Mutter und Lehrerin beruhigen, Kindern Geschichten erzählen, Suchtrupps organisieren, den Wald durchkämmen, die letzte entscheidende Unterhaltung mit seiner Frau führen.

Natürlich war es nötig, dass die Stadt einen Sündenbock vorweisen musste, das konnte Bernhard sogar noch verstehen. Die Absicherung von Baustellen und leer stehenden Werken, wie dem ehemaligen Steinbruch fielen, laut Stadtbeschluss, unter den Aufgabenbereich der Polizei; die Kette vor dem Zugang nebst Hinweisschildern kam aber wohl eher einer Einladung gleich, „und doch sicher nicht nur für die beiden sieben Jährigen Buben“. Dies hatte man im Nachhinein zumindest erklärt.

Dass Bernhard und seine Karriere, sein guter Ruf, letztlich seine Ehe dabei unter die Räder gerieten, entpuppte sich als „unglückliche, unvorhersehbare, kaum entschuldbare Nebenerscheinungen, die niemanden vorzuwerfen waren oder? Und Herr Wagner könne sich doch glücklich schätzen, dass sich die Stadtverwaltung sogar öffentlich dafür ausgesprochen hatte, dass man ihm keine nachweisbare Schuld zusprach, dass lediglich ein zu freimütiger Umgang mit der Geländeabsicherung die Ursache für das Verhalten der Kinder gewesen war, denn schließlich nutzen Kinder alle Freiheiten, die ihnen gegeben werden.“

Dass es diesen speziellen Knaben auch an Erziehung mangeln könnte oder dass das Lehrpersonal (die eigene Mutter) ihre Aufsichtspflicht verletzt hatte, wurde getrost ignoriert. Bernhards entsprechende Anmerkung führte dann noch zum Einzug seiner Mitgliedschaft im Whiskey Klub, denn: „die Rühlichs sind eine angesehene Familie, welche im Stadtverein stets beachtliche Beiträge leistet. Auch soll doch der Brunnen am Marktplatz im kommenden Jahr wieder in Standgesetzt werden, da kannst du doch nicht solche haltlosen Beschuldigungen in die Welt setzen…“  und brachte das Fass seiner eh schon angeknacksten Ehe zum überlaufen, denn Heidrun Rühlich’s „Namen so in den Dreck zu ziehen, ist mal wieder typisch. Als ob du wüsstet, wie schwierig die Erziehung von Kindern ist; du bist schließlich nie hier, um es zu merken!“

Ja, Bernhard hatte jedes Recht wütend zu sein auf die Jungen und deren Familie, sogar auf die Stadt selbst. „Jeder hat Verständnis für deine Situation, aber warum jetzt? Warum nach so langer Zeit? Liegt es daran, dass sie wieder geheiratet hat? Wo hast du sie versteckt? Sprich mit uns, verdammt!“

***

„Hast du schon gehört? Die Rühlich Jungen sind weg… und diesmal wirklich…“, das Stimmengewirr und die Blicke der Stadt lagen nun wieder auf Bernhard, klebten in seinem Nacken, durchbohrten ihn fragend, ja wissend. Denn die Meinung Aller wiegt schwer.

„(K)ein Abenteuerspielplatz“

7

Marias Gesicht war noch immer hochrot vor Scham, obgleich der Zusammenstoß mit Dr. Hinterseer bereits einige Stunden zurücklag, aber da die Röte stets wieder aufzuflammen schien, begegnete sie einem der Ärzte, beschloss Maria, dass der unschöne Schichtbeginn Schuld an ihrem unmissverständlichen Hautton war. Die Tatsache, dass ihr der verfluchte Gang mit diesem seltsamen Gemälde nicht aus dem Kopf gehen wollte, tat ihr Übriges.

Während sie auf die nächste Aufgabenzuteilung wartete, genoss Maria die Sonne im Klinikgarten, welche zu dieser Jahreszeit zwar nicht mehr besonders kraftvoll war, jedoch eine willkommene Abwechslung zu dem nebelverhangenen Vortag darstellte. Nur wenige Menschen befanden sich draußen, da bereits die Mittagsrunden begonnen hatten. Auch wenn es zum Kuralltag beziehungsweise zur Therapiebegleitung gehörte die Patienten an feste Malzeiten nach vorbestimmten Zeitplänen zu gewöhnen, respektive dies vielmehr von ihnen zu verlangen, kam Maria nicht umhin, sich daran zu stören. Sie würde sich im ersten Moment bestimmt gegen solche Zwänge zur Wehr setzen. Schon aus Prinzip! Pünktlichkeit war das Eine, aber jemanden vorzuschreiben, wann dieser was zu essen hatte? Nicht, dass sie das nicht nur zu gut von Zuhause kannte. Aber das erwachsenen Leute abzuverlangen? Ihre Essenszeit selbst einzuteilen, war eine der Freiheiten, die Maria im Studium so sehr genoss, dass sie ganze Gespräche zu diesem Thema führte.

„Öffne lieber deine Augen, wenn du schon auf dem Weg rumstehst, manch einer könnte sich sonst wohlmöglich einen Spaß erlauben.“, riss sie eine leicht belustig klingende Stimme aus den Gedanken. Jack Trevor, in seiner Aufgabe als Oberpfleger, hatte die Verantwortung übernommen Maria bei der Einweisung in Arbeitsabläufe oder für sonstige Fragen zur Seite zu stehen. Das Haus Instenburg war ein recht kleiner Betrieb und das Personal entsprechend überschaubar, somit blieb den diensthabenden Ärzten kaum Zeit für die Einführung neuer Kollegen. Normalerweise hätte Maria es vorgezogen direkt unter den Doktoren der internistischen Abteilung zu lernen, jedoch schien ihr Nervenkostüm dafür nicht bereit; jedenfalls am heutigen Tag. Dass sie an Jack bereits nach ihrer ersten Begegnung Gefallen gefunden hatte, trug zwar nichts dazu bei die Schamesröte zu verlieren, heiterte sie jedoch genug auf, um diese in seiner Gegenwart ignorieren zu können. Zumal Maria davon ausging, dass ihr strahlendes Lächeln und die vom Makeup fein betonten Augen für sich selbst Sprachen, zumindest war das eine Erfahrung aus Universitätsjahren, an welche sie nur zu gern zurück dachte.

„Mist verdammter…!“, ein Sturz über ihre eigenen Füße holte Maria zwar aus den Wolken, aber beförderte sie schnurstracks in Jacks Arme. Er schmunzelte nur, während er sie wieder aufrichtete: „Als ich gerade noch mit mir haderte dich heut Abend auf ein Bierchen einzuladen…“ flüsterte er und zwinkerte Maria unverhohlen zu.

***

Es ist dunkel! Warum? Es sollte Tag sein, nicht wahr? Es war eben noch hell; Sonnenschein, warme Brise, buntes Laub… nun… Kälte, klebrige Finger an meiner Haut… Was willst du!

***

„Hey, alles klar bei dir? … Verzeihung! Sind Sie in Ordnung?“, Charlotte begann sich mühselig aufzurichten, kalter Schweiß rann ihren Rücken hinab, als sie versuchte Marias fragendem Blick standzuhalten.

„Duz mich ruhig und lass die Höflichkeiten! Alles Andere wäre mehr als lächerlich. Meinen Sie nicht auch?“, Charlotte verabscheute solche Situationen! Immer zogen sie Erklärungen nach sich, denen sie selbst seit Jahren aus dem Weg zu gehen versuchte. „Alles gut! Mir ist nur ab und an etwas schummrig. Schau nicht so!“, winkte sie Marias hilfereichende Hand wirsch ab. „Hey! Ich bin Doktor. … Ich werde es zumindest“, schob Maria zügig nach, da Charlotte zum Widerspruch ansetzen wollte, „Willst du dich hinlegen? Ein Glas Wasser? Hast du heute schon genug getrunken? Hast du das öfter? Bekommst du Medikamente? Wieso bist du hier?“, ihr Wortfluss kam abrupt zu Stehen, denn zwei leicht zittrige Hände legten sich an Marias Hüfte und leiteten sie in Richtung Parkbank wo sie schließlich verdutzt Platz nahm. „Nein. Sobald ich im Haus bin. Ja. Ein paar Jahre. Nur bei Bedarf. Hypocobalaminämie.“, als ihr Gegenüber nur blinzelte, setze Charlotte nach: „Als zukünftiger Arzt solltest du dringend deine Anamnese-Technik ausfeilen. Selbst bei polizeilichen Befragungen wird den Leuten Zeit zum antworten eingeräumt“, grinste sie leicht schief und sah der nun recht sprachlosen Frau Dr. Walder in spe herausfordernd in die weit aufgerissenen Augen.

Maria brach in Lachen.

***

Das erste Mal an diesem oder auch den letzten Tagen, wenn sie ehrlich mit sich war, entwich alle Anspannung. Maria verzichtete sogar darauf dem Gedankengang über die Wichtigkeit von professionellem Abstand gegenüber den Patienten zu weit zu folgen.

Sie genoss Charlottes spitze Zunge und ihre Offenheit. Natürlich schien sie etwas seltsam, aber wer war das nicht irgendwie? Maria fühlte sich wohl, wenn auch erkannt. Im Normalfall versuchte sie genau das zu vermeiden, denn sobald die Leute der Meinung waren, sie durchschaut zu haben, zerbrach jede noch so zarte Bande mit ihnen. Meistens da die Einschätzung auf übereilten Urteilen ruhte, welche sie nie korrigierte. Vater hatte ihr immer gepredigt, dass „Wer sich erklärt, der lebt verkehrt!“ schließlich beruht die Notwendigkeit sich zu rechtfertigen auf dem Eingeständnis einer Schuldigkeit oder schlimmer noch Schwäche, und „du machst dich angreifbar, gibst du Anderen die Breitseite preis!“

„Dein Vater ist ein Idiot, wenn er ernsthaft der Meinung ist, solche Plattitüden lösen mehr als allgemeines Misstrauen gegen Jeden und Alles aus. Er hätte dir lieber beibringen sollen, wie man ehrliche Unterhaltungen führt und einschätzt, wem man was erzählen kann und sollte. Sicher sollte man wissen, wann man seine Ausführungen beenden muss, besonders dann wenn es Gründe gibt hinterm Berg zu halten. Aber Alles zu schlucken, ist sicher auch nicht der Weisheit letzter Schluss.“ Ja, Maria mochte ihre neueste Bekanntschaft. Zumal diese die erste war, seit ihrem Umzug nach Eatrich, in deren Gegenwart sie sich nicht wie ausgesetzt und vorgeführt, sondern verstanden und unterstützt fühlte. Vielleicht war sie tatsächlich älter als ihr Äußeres den Eindruck machte; sie würde  bei Gelegenheit Charlottes Akte einsehen.

„Wieso musst du hier Patientin sein?“, stöhnte Maria und legte ihre Stirn in Falten, „Wenn du es dir nur genug wünscht, tauschen sich unsere Rollen vielleicht eines Tages.“, entgegnete Charlotte mit einem Zwinkern und ohne den ironischen Tonfall, der fast jede ihrer Äußerungen zu begleiten schien auch nur im Entferntesten abzumildern. Maria zog kurz die Lippen kraus, bevor diese zu einer verspielten Schnute wurden, welche sich wiederum zu einem breiten Grinsen formte. Gerade da ihr ein passender Konter eingefallen war, ertönte ein lauter Pfiff aus Richtung der Klinik und Dr. Embrich deutete auf sein linkes Handgelenk. Was er damit ausdrücken wollte, konnte sich Maria nur zu gut denken. „Oh Mist! Ist ja nicht so als wäre er begeistert von mir. Verflucht…“, sprang sie auf, fühlte das Rot ihrer Wangen wieder aufflammen und stürzte zurück zum Haus.

„Warte!“, erhob Charlotte die Stimme, um Marias Selbstanklage zu übertönen, „Was genau wolltest du eigentlich von mir?“ „Ach ja, komm mit! Die wollten dir noch ein paar Fragen zu den Blutwerten stellen… Sorry.“ Die beiden Frauen kamen nicht weit. „Was ist los?“, ein wenig Sorge schien in Charlottes Stimme mitzuschwingen, „Ehm, ich wundere mich bloß… Hast du die Katze hier schon mal gesehen?“, fragte Maria und zeigte gen Waldrand. „Nein, aber sie gehört sicher zum Stadtbild. Viel zu gepflegt für ne Freilebende.“ „Glaubst du, dass sie als Therapietier genutzt wird? Darüber hab ich neulich war gelesen. Das soll sehr effektiv sein; beruhigend. Ich meine, geeignet scheint sie ja.“, Maria machte große Gesten und nickte sich selbstbestätigend zu. Als Charlotte sie lediglich verdutzt ansah, setzte sie nach: „Ich meine, schau…“, aus dem fragenden Blick wurde Erstaunen, „… das Mädel im Gras ist vorhin völlig ausgeflippt, als ich sie ansprach und jetzt… wow… die Ruhe in Person.“

Da sie ein lautes Hüsteln vernahmen, zogen sie weiter. „Warst du irgendwie gestresst oder aufgeregt während du dich dem Mädchen genährt hattest?“, Maria blinzelte mehrfach und nickte dann nur, „Vielleicht hast du sie nur verschreckt. Bestimmt ist sie sehr empfindsam. Wir sind hier schließlich nicht einem einfachen Kurhotel. Wenn du ihr das nächste Mal über den Weg läufst, achte auf die Emotionen, die du aussendest.“, auch darauf blieb Maria nur ein Nicken. Sie hatte noch viel zu lernen; vorzugsweise nicht nur von den Patienten.

„… denn als Gemeinschaft sind wir stark!“

8

Bernhard sah müde aus.

Die Kleidung gepflegt, aber zerknittert, denn er kauerte regelrecht auf seinem Platz, als wollte er seine hochgewachsene Statur verbergen. Die Hände im Schoß, zu Fäusten geballt. Die Schultern hängend, der Kopf leicht gesenkt. Sein Gesicht aschfahl und eingefallen. Er kaute angespannt auf seiner Unterlippen, während sein Blick prüfend über jeden Winkel des Raumes flog; aller Anschein von Autorität verflogen.

Elke hatte ihn bisher nur als einen starken, ja stolzen Mann gekannt. Obgleich sie mit Bernhard mittlerweile lediglich eine lose Bekanntschaft unter Nachbarn pflegte, hatte er bis zuletzt eine gewisse Größe ausgestrahlt; immer ein Scherz auf den Lippen, ein Zwinkern im Blick, welcher nie davor zurückschreckte sein Gegenüber herausfordernd anzusehen. Doch alles was nach dem heutigen Tag geblieben war, war dieser Mann, das Häufchen Elend, dessen Blick nie Kontakt mit dem ihren aufnahm, der nur noch darauf zu warten schien, dass man ihn rettete.

Ihn retten… ja, das könnte sie tun! Sie wollte für ihn da sein! Mit ihm gemeinsam gegen dieses Nest und den Tratsch zusammenstehen! Ja, sie würde ihn nicht so fallen lassen, wie alle Anderen! Elke hatte die Blicke der Stadtbewohner gesehen, die Tuschelei gehört als Bernhard für die Aufnahme seiner Aussage vom Steinbruch zum Revier begleitet wurden war. Das Raunen nahm weiter zu, da es anschließend zu seiner Wohnung ging, damit er der Hausdurchsuchung beiwohnen konnte. Für den Rückweg zur Stadion hatten sie schließlich einen Kollegen vorausschicken müssen, der die Stadtbewohner zur Ruhe anhielt.

Dieses verdammte Dorf!

Im Steinbruch fanden sich keine weiteren Spuren und der Rucksack gehörte nachweislich einem ganz anderen Kind – oh der Aufschrei war laut, als es hieß die Rühlich-Buben hätten diesen ein paar Tage zuvor entwendet gehabt und sich lauthals dafür gebrüstet, aber auch geweigert ihn wieder rauszurücken, denn „die dumme Heulsuse hatte es verdient! Was petzte die auch immer.“ Frau Mama und Oberlehrerin glättete wieder einmal die Wogen und wies daraufhin, „dass das noch lange nicht bedeutet Bernhard sei unschuldig!“ Natürlich ging auch die Durchsuchung seiner Wohnung hinweislos aus. Natürlich war es so und Elke würde das jedem sagen, der sie danach fragte!

Gerade wollte sie „ihrem Häufchen Elend“, wie sie ihn in Zukunft schmunzelt bezeichnen würde, genau das mitteilen, da schneite Emily zur Tür herein. Wer hatte die denn nun informiert? Und was ging die das überhaupt an? Elke kaute auf den Innenseiten ihrer Wangen und lächelte verkniffen, als sie Bernhards Entlassungspapiere aushändigte. Sie lächelte nicht mehr da sie nun allein zurück und mit ihren Gedanken allein blieb.

Nein, Bernhard war nicht mehr derselbe Mann. Elke hatte stets geglaubt ihn zu kennen, fühlte sich wohl und aufgenommen in seinem Freundeskreis… fühlte noch viel mehr, obgleich sie es nie wagte diesen Träumereien zu weit zu folgen. Vielleicht war ja doch was dran… wann kam es schon mal vor, dass die gesamte Stadt sich einig war?

***

Ihre Schicht war zu Ende… Maria hatte den Tag überstanden; wie genau war ihr auch nicht recht klar.

Doch sie konnte stolz auf sich sein, zumindest ihrer Meinung nach, denn wenigstens kannte Maria nun alle Wege der Klinik und fand sich ohne Hilfe zurecht. So gut, dass sie nicht dem Zufall die Schuld geben konnte sich erneut vor der Tür des ominösen Ganges wiederzufinden. Es prickelte in ihren Fingern als sie hindurchtrat. Wie am Morgen war die Beleuchtung gedimmt, lediglich ein paar Notleuchten wiesen ihr den Weg.

Schon nach wenigen Schritten musste Maria leicht enttäuscht feststellen, dass das Portrait verschwunden war. An dessen Stelle hing nun eine Landschaftsmalerei. Trotz der spärlichen Beleuchtung wurde deutlich, dass es ein Fluss war, der sich da durch den Winterwald schlängelte. Kahle Bäume zäunten seinen Weg, spitze Steine ragten aus ihm heraus und Irgendetwas schwamm, nein folgte der Strömung… Maria wollte ihren Augen nicht ganz trauen, als sie das Etwas als einen roten Rucksack identifizierte.

Sie schüttelte sich kurz und rieb ihre Augen: „Was für eine morbide Fantasie?“, murmelte Maria als sie tiefer in den Gang trat und nach einigen Metern an der gegenüberliegenden Seite auf ein weiteres Bild stieß; eine Kohlezeichnung. Sie verschluckte ihren Kommentar, als sie ein kleines Mädchen erblickte, welches nur im Leibchen zwischen Gräbern saß mit den Folgen eines Krieges im Hintergrund.

Tief luftholend zog es Maria weiter. „Oh Gott! …“, mit der Hand über den Lippen zwang sie sich zur Ruhe. In strahlenden Farben, welche selbst im Dimmerlicht hervorstachen, eröffnete sich ein Torso mit den Organen in situs inversus. So etwas hatte sie nur einmal in der Pathologie-Vorlesung gesehen, als anatomische Zeichnung und dann auch nicht so detailverliebt. Als würde sie eine Fotographie der inneren Organe, in ihrer spiegelverkehrten Lage betrachten. „Wahnsinn.“

Maria stolperte voller Anspannung weiter, nun wollte sie Alles sehen!

Ein Portrait, nicht das ihres Doppelgängers starrte sie an. Maria wusste nicht recht, ob sie erneut enttäuscht oder erleichtert sein sollte. Schließlich stammten die Bilder alle vom gleichen Künstler mit der abschreckenden Imagination; sie waren mit C.L.H. signiert. Der Mann mittleren Alters, mit tiefen Ringen unter seinen blutunterlaufenden Augen, grimmigen Lippen und kurzen angegrauten braunen Haar, was in alle Richtungen abstand, war nichts, was Maria beruhigte.

Gegenüber des schaurigen Herren schmunzelte sie ein Mädchen im roten Pullover an. Sie hatte halblanges, dunkles Haar, tiefdunkle, alte Augen und ein Blässe, welche Maria bisher nur einmal begegnet war. „Charlotte?“, nein, das konnte nicht sein. Dieses bleiche Kind glich Charlotte vermutlich genauso wie ihre Doppelgängerin ihr oder der Mann irgendjemand anderem. „Sowas kommt vor! Jeder hat einen Zwilling!“, krächzte Maria in keine bestimmte Richtung und entdeckte den Ihrigen direkt neben dem Mädel.

Erstarrt blieb sie wie angewurzelt davor stehen, Schweißperlen rannen ihr den Nacken hinab und klebten auf ihrer Stirn. „Hach! Du siehst mir gar nicht ähnlich! Hach den Lockenkopf trage ich schon seit Jahren nicht mehr!“, Maria setzte ein breites, wenn auch sehr schiefes Grinsen auf und stapfte erneut drauflos.

Sie würde sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, aber eine Zigarette wünschte sie sich nun sehnlichster denn je.

Kurz vor dem Zugang zum nächsten Klinikbereich entdeckte Maria einen Spiegel und drapierte sich davor. „Die wollen wohl, dass man sich noch mal herrichtet nach dem Trip… nicht dumm.“ Ihr stockte der Atem, denn nicht sie sondern eine Fratze mit weitaufgerissenen Augen und verschobenen Gesichtszügen sah sie an. Maria entfuhr ein markerschütternder Schrei.

Ende Kapitel 3

Fortsetzung folgt

verloren auf dem Weg _Kap.2_ 3

Katze4…Es war nicht das erste Mal gewesen, dass man ihm einen Leitartikel in der Tagespresse gewidmet hatte und auch in dieser Ausgabe waren nur positive, aufrichtende und verständnisvolle Worte zu lesen. Man sollte meinen den öffentlichen Alkoholkonsum eines Einzelnen oder auch der Stadt vorzugeben, sollte ein wenig Aufregung wert sein, aber wie es sich nun mal in Eatrich verhielt, war es weder eine neue noch außergewöhnliche Maßnahme so etwas zu beschließen.

Einer der Gründe, aus denen Bernhard keinen Fuß mehr in den Gastwirt setzen wollte, war die Photographie von Regina, welche am rechten Außenplatz der Bar thronte.

Er hatte sie natürlich gekannt, so wie jeder in diesem Ort und das Bild, ein Portrait, welches das freundliche, leicht rundliche Gesicht einer rothaarigen Frau mittleren Alters zeigte, ähnelte Regina, zumindest der Frau, welche zuletzt auf ihrem Stammplatz gekauert hatte, nur im Entferntesten. Inzwischen lag ihr Tod drei Jahre zurück und dass sie ihre letzten Lebensjahre wohl nur noch zwischen Barhocker und Couch zugebracht haben konnte, war deutlich im aufgedunsenen Gesicht, dem wirren, dünnen Haar und den glasigen Augen abzulesen. Bernhard erinnerte sich noch gut an sie und wie er so auch alle Anderen. Die Erinnerung machte ihn traurig, denn zuletzt war nichts mehr geblieben, als Regina beim langsamen Sterben zuzuschauen. Man konnte nur noch wohlwollend lächelnd ihren immer wiederkehrenden Geschichten vom verlorenen Reichtum, dem verschwundenen Mann, den Fehltritten und abgebrochenen Therapieversuchen lauschen und sie ab und an nachhause begleiten, da sie betrunkener war als vorgegeben, an Abenden, wenn sie die Barkraft davon überzeugen konnte ihr „doch noch einen kleinen Extraschluck“ zu gönnen.

Das Wissen darum, dass man niemandem helfen kann, der sich nicht selbst helfen will, erschien Bernhard schon immer eine sehr beliebte Ausrede, obgleich er sich der Tatsache gewahr war, dass diese Aussage, diese Redensart, diese verfluchten Ausflüchte nicht von ungefähr kamen.

Nein, Bernhard wollte nicht so enden wie Regina. Wollte keine Photographie aus besseren Tagen werden und so weigerte er sich seit der absurden Stadtversammlung das Gasthaus weiterhin aufzusuchen. Nicht dass ihm der gute Vorsatz davon abgehalten hatte wenige Tage später morgens zusammengesackt auf dem Bürgersteig nahe seiner Wohnung aufzuwachen.

Bis heute war er Emily dankbar dafür war, dass ihr Lächeln ein verschmitztes und kein mitleidiges gewesen war, als sie ihn mit leiser Stimme weckte und darauf hinwies, dass das Stadtleben jeden Augenblick beginnen würde. Er hatte nur nickend und mit einem Grunzen seine Zustimmung äußern können, während sie ihn langsamen Schrittes nachhause begleitete. Damals wie heute war Bernhard davon überzeugt, dass die lieben Nachbarn sicher anders reagiert hätten, als Emily und vor allem als die kleine Katze, welche augenscheinlich geduldige Nachtwache geschoben und deren scheinbar strenger, aber gleichzeitig vorurteilsfreier Blick bis zu nächsten Ecke auf dem ungleichen Paar geruht hatte.

Nun war Bernhard also wieder auf dem Weg zum Teehaus. Eigentlich öffnete Emily ihren Laden erst in den Nachmittagsstunden, doch er hoffte, für ihn würde sie wieder einmal eine Ausnahme machen.

„Bitte bleiben Sie auf den ausgeschriebenen Waldwegen!“

5

Gerade hatte sie ihn ansprechen wollen, doch da war Bernhard schon eingetreten ins Teehaus. Elke blieb nur noch der Anblick von Emily, welche ihr sanft zulächelte, bevor auch sie hinter der lindgrünen Milchglastür, mit dem zum Blatt geformten Knauf und den Blütenranken aus Holz, welche die ganze Abscheulichkeit umrahmten, verschwand.

Was Bernhard in ihr sah und wie es überhaupt dazu gekommen war, dass die beiden plötzlich so dicke waren, entzog sich Elkes Vorstellungskraft. Es war natürlich nicht so, dass sie Emily als Person, als Nachbarin ablehnte, als… ach wem wollte sie was vormachen? Emily und das verdammte Teehaus waren ihr ein Dorn im Auge.

Wie es sich in dieser, wie wohl jeder Kleinstadt, so ergab, kannten sich die drei schon von Kindesbeinen an. Sie waren keine Freunde, nicht einmal Spielkameraden. Allerdings gab es auch keinen Disput zwischen ihnen. Man traf sich halt ab und an zufällig, teilte die gleichen Schulmauern, nur zu verschiedenen Zeiten; sie waren unterschiedlichen Alters. Später zog dann jeder seiner Wege, was wiederum kaum ins Gewicht fiel.

Elke ging fort zum studieren, Emily auf Bildungsreise und Bernhard verblieb in Eatrich, um Polizist zu werden.

Da Elke zwischendurch immer malwieder in der Stadt einkehrte, um ihre Familie zu besuchen, ergab es sich, dass sie eine lockere Freundschaft mit Bernhard und dessen Frau einging. Sie fühlte sich aufgenommen und freute sich jedes Mal mehr auch mit dem Rest seiner Kumpel Zeit totzuschlagen, den aktuellsten Stadtklatsch zu hören und so letztendlich irgendwie doch noch in Eatrich reinzupassen.

Wie erschrocken und enttäuscht war Elke schließlich gewesen, als sie nun zurückkehrte, um ihr Leben in dieser Stadt am Rande der Welt zu führen. Der letzte Besuch lag zwar schon ein paar Jahre zurück und wie das manchmal so halt so war, hatte sie es nicht geschafft den Kontakt zu ihrem Freundeskreis in Eatrich aufrecht zu halten, war aber davon ausgegangen, dass alles beim Alten geblieben war; so wie immer.

Oh, wie falsch konnte man doch manchmal liegen.

Den Freundeskreis gab es nicht mehr. Bernhard war geschieden und was aus seiner Frau und dem Kind geworden war, wollte ihr niemand erklären. Er selbst reagierte frostig auf ihre Nachfragen und hatte es schnell abgelehnt überhaupt noch mit ihr in Kontakt zu treten. Auch seine Arbeit hatte er aufgegeben. Obgleich in Elkes Augen noch Hoffnung bestand, da er lediglich krankheitsbedingt beurlaubt war. Ja und dann war da Emily. Weshalb die nichts Besseres zu tun gehabt hatte ein knappes Jahr vor Elke heimzukehren und Bekanntschaft mit ihrem Freundeskreis, zumindest mit dem einen Freund, zu pflegen, wollte sich Elke einfach nicht erklären. Sie hatte nur gehört, dass Emily irgendwie erkrankt war, aber nun heldenhaft geheilt schien oder zumindest sich nie beschwerte. Sie hatte das alte Café übernommen und daraus diesen Teeladen gemacht; vollgestopft mit Kerzen, Figuren, Symbolik – alles in knallbunten Farben. Elke konnte mit diesem ganzen innere Ruhe-, Meditation- und Seelenfriedenquatsch nichts anfangen. Doch Emily hatte offenbar genug Gäste, um den Laden offen zu halten und zu Elkes Entsetzen war sie sehr beliebt unter den Nachbarn; selbst ihre Mutter lächelte selig beim Gedanken an das verfluchte Teehaus.

***

„Wer war deine neue Bekanntschaft?“, fragte Elke leicht angespannt, da sie versuchte gleichgültig dem Gedanken gegenüber zu wirken, dass die Dame mittleren Alters möglicherweise nur aufgrund ihres Erscheinens so plötzlich gegangen war. „Ach, das ist Ruby. Sie ist nur ein wenig schüchtern.“, erwiderte ihre Mutter vergnügt, während sie die kleine schwarz-weiße Katze scheinbar geistesabwesend streichelte. Kurz wollte Elke auf den Umstand eingehen, dass das Tier ihr irgendwie bekannt vorkam, doch sie verwarf die Frage nach der Herkunft der Katze kurzerhand, denn die Tatsache, dass ihre Mutter, welche sich seit ihrem Einzug in die Residenz sehr zurückgezogen hatte und Gespräche mit jedem außer der eigenen Tochter abzulehnen schien, plötzlich interagierte, verwunderte Elke erheblich. Natürlich erfreute sie es noch mehr, aber insgeheim genoss sie die alleinige Aufmerksamkeit ihrer Mutter ein wenig, auch wenn sie sich darüber fast täglich zu beschweren pflegte.

„Wohnt … Ruby hier? Sie erscheint mir doch ein wenig zu jung.“, den Nachsatz ‚für ein Altersheim‘ verkniff Elke sich gerade noch. „Nein, ehm… eigentlich schon. Sie hatte ihren Vater die letzten Jahre mitversorgt.“ „Ja, aber dafür gibt es doch das Personal hier. Sicher sehen die das nicht gerne, wenn man sich in ihre Arbeit einmischt?“, Elke hatte den Blick abgewendet und in Richtung Hauseingang geblickt, weshalb sie das kurze Aufflackern von Irritierung in den Augen ihrer Mutter nicht wahrnahm. Der Katze allerdings war die angespannte Haltung der alten Dame nicht entgangen und so leckte sie dieser für ein paar Augenblicke die Hand ab, stieß schließlich das Köpfchen hinein und schloss erst wieder die Lider als der Griff von Frau Unmut wieder entspannter wurde. „Es war der Wunsch ihres Vaters gewesen. Auf die Wünsche der Residenzbewohner wird hier im Allgemeinen Rücksicht genommen.“, schnaufte diese nur kurz, bevor ihr Lächeln zurückkehrte und sie sich erneut verträumt im Garten umsah.

„Ja, natürlich tun sie das. Man bezahlt sie schließlich gut genug“, brummte Elke. „Und Ruby ist eine sehr interessante Gesprächspartnerin. Sie hat viel erlebt und zu so unzähligen Dingen eine geschulte Meinung.“, Frau Unmut betonte ‚geschulte Meinung‘, da sie ihre Tochter kannte und setzte, ohne deren Bemerkung abzuwarten, nach: „Auch ist sie lustig, obwohl man merkt, dass ihr der Verlust des Vaters schwer zu schaffen macht… ach, sowas ist immer tragisch… das Verlieren eines geliebten Menschen, ganz gleich wie.“ „Und sie wohnt noch immer hier?“, Elke wirkte ein wenig unsicher; tat sie nicht ausreichend genug für das Wohl der eigenen Mutter? „Ja, sie leistet den älteren Herrschaften Gesellschaft, wie du es ausdrücken würdest, deshalb bekommt sie hier weiterhin Kost und Logis. … Nu guck nicht so! Sie ist nett und außerdem nicht mehr lange da.“ „Will sie doch wegziehen? Das eben klang…“ ‚als könne man sie hier erst im Sarg wiederraustragen…‘, dachte sich Elke und ließ den Satzanfang im Raum hängen. „Nein, aber sie wird bald sterben, hat sie gesagt.“ „Oh, das tut mir leid. Ist sie krank? Wie lange hat sie noch?“, verzweifelt versuchte Elke ihre vorherigen Gedanken zu vertreiben und der Situation entsprechend mit der nötigen Andacht zu reagieren; so wie sie es gelernt hatte. Bis ihre Mutter schließlich nachschob: „Sie ist nicht todkrank, sie wird nur sterben, hat sie gesagt… Da das Leben keinen Sinn ergibt.“, darauf verflog der angestrebte Anstand wieder und Elke fragte nur: „Und wann wäre das soweit?“ „Sobald Ruby das Leben versteht.“

Noch bevor die Unterhaltung einen klärenden Abschluss finden konnte, sprang die Katze kurzerhand auf und rannte davon, entgeistert sahen ihr die Unmuts nach bis das Blaulicht des Streifenwagens ihre Aufmerksamkeit in Richtung der Felder richtete und sie nun ein ganz anderes Thema für eine im Kreise laufende Gesprächsführung bekamen.

***

Bernhard hatte gerade noch Zeit den roten Rucksack fallen zu lassen und einen Schritt zurück zu treten bevor das fahle Licht der Taschenlampe ihn vollends erreichte.

„Oh mein… Bernhard, was zur… Sind sie hier? Hast du sie gefunden?“, als dem Wachtmeister nur ein Knopfschütteln entgegnet wurde, setzte dieser nach mehrmaligen Räuspern mit nun leicht gebrochener Stimme nach: „Bernhard Wagner ich muss Sie bitten mich zur weiteren Befragung aufs Revier zu begleiten.“

Ende Kapitel 2

Fortsetzung folgt

 

verloren auf dem Weg _Kap. 2_ 2

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Noch bevor Maria sich der Tatsache, dass dieser Gang einige signifikante Unterschiede zum Rest der Klinik aufwies, vollkommen bewusst werden konnte, blieb sie wie angewurzelt vor einem Gemälde stehen. Das Portrait eines jüngeren Mädchens… eines Mädchens, was gerade erst in die Pubertät zu kommen schien… eines Mädchens, was jeden, der es anblickte, direkt in die Augen sah… eines Mädchens, welches schüchtern, vielleicht sogar unsicher, lächelte… eines Mädchens, „was aussieht, wie ich!“…

Der Gang ist nur spärlich beleuchtet, versuchte Maria sich zu beruhigen. Doch noch bevor sie nach einer besseren Lichtquelle suchen konnte, blieb sie erneut wie erstarrt stehen. Dieses Mal war es wegen der donnernden Stimme, welche hinter ihr ertönt war:  „Sie haben hier nichts verloren!“ Ein stämmiger Herr mit lockigem, wenn auch weißem Haar blickte Maria herausfordernd über eine dicke Hornbrille hinweg an. Sie erkannte ihn direkt, obgleich Dr. Hinterseer ihr bislang nur aus den schlicht gestalteten Klinik-Broschüren ruhigen Blickes entgegen gelächelt hatte.

Da Maria bisher immer wieder vertröstet wurden war, hatte sie inzwischen fast nicht mehr daran geglaubt, ihm je offiziell vorgestellt zu werden. Und offiziell war dieser Moment nun auch nicht gerade. Nun, da seine stierenden, grünen Augen nicht von ihr wichen, begann sie schweren Herzens ihre Einschätzung, der Chefarzt wäre sicherlich ein freundlicher Kautz, zu überdenken.

Eine Entschuldigung stammelnd, lief sie schnurstracks den Weg zurück, welchen sie gekommen war  und hoffte inständig der Tag würde endlich ein Ende nehmen. Den Gedanken, dass ihre Schicht gerade erst begonnen hatte, verdrängende sie.

***

Der erste Tag im sogenannten ‚neuen Zuhause‘ lag Charlotte noch schwer in den Knochen, obgleich im Grunde nichts von Bedeutung geschehen war.

Der Pfleger, Jack Irgendwas, hatte sie erst zur Rezeption begleitet und im Anschluss auf ihr Zimmer, als wollte man sicherstellen, dass sie nicht einfach wieder verschwand. Natürlich hatte Charlotte es sich nicht nehmen lassen ihren Eindruck der Gefangenenbegleitung bis hin zur Zellentür in durchaus hörbaren Worten zu äußern. Womit sie zum einen erwartungsgemäß einige entrüstete Blicke auf sich gezogen hatte, zum anderen aber auch Jacks peinlich berührten Blick und seine vielmehr in sich hinein gemurmelten, als an ihre Person gerichtete Aussage: „Nein, nein das ist zu Ihrer Sicherheit. Man verläuft sich hier schnell“.

Ein Schmunzeln beim Gedanken daran, konnte sich Charlotte auch jetzt noch nicht verkneifen.

Ein Herr Dr. Embrich hatte die Eingangsuntersuchung durchgeführt; ein kluger, durch alle Fassaden blickender Mensch. Eine Eigenschaft, die Charlotte eigentlich sehr zu schätzten wusste, aber welche im Augenblick, da ihre sonst so standhafte Außendarstellung in Gefahr schien, eher zu ihrer Verunsicherung beitrug.

Sie hatte nach der Episode am Vormittag nur wenig Zeit gehabt ihr glattes und doch augenscheinlich charmantes Selbst zu stabilisieren. Selbstkontrolle war für sie von größter Wichtigkeit und die Vorstellung, dass diese sie zu verlassen drohte, missfiel ihr; gelinde ausgedrückt. Ihr war bewusst, woran sie zu arbeiten und weshalb sie diese spezielle Klinik gewählt hatte, doch sie war nicht daran gewöhnt, um Hilfe zu bitten, beziehungsweise ernsthaft bitten zu müssen. Nein, alles, was nötig sein würde, wäre Zeit, um sich auszuruhen. Zeit, in der niemand etwas von ihr verlangte; zumindest war es das, was Charlotte dem guten Doktor mitteilte, nachdem er ihr etliche Fragen zum allgemeinen Wohlbefinden oder dessen Fehlen gestellt und ihre Reflexe, die Sensorik, Motorik und das Gleichgewicht überprüft hatte.

Für Charlotte war all das reine Routine: die Fragen, die Erstellung eines Zeitplans, die Tatsache, dass in den ersten Tagen, mit Ausnahme der festen Essenszeiten, so gut wie nichts darauf zu finden war, um den Kurgästen die Eingewöhnungsphase so angenehm wie möglich zu gestalten.

Zu oft war sie nun schon in solchen Einrichtungen gewesen; nur eben nie als Patient.

So saß Charlotte schließlich im Dunkeln ihres neuen Zuhauses, starrte aus den vergitterten Fenstern in den gerade anbrechenden Tag hinaus und hing ihren Gedanken nach. Obgleich sie seine Anwesenheit mit jeder Faser ihres Körpers spüren konnte, so wie das schon immer der Fall gewesen war, wenn andere Menschen sie umgaben – ganz gleich wie unauffällig sie sich zu benehmen wussten – reagierte sie nicht auf den Mann, der sie seit ein paar Minuten aufmerksam durch das winzige Fenster in der Tür beobachtete.

„Noch nicht auf den Hund gekommen – Polizei weiterhin auf Spurensuche.“

4

Bei Licht betrachtet, wirkte die Klinik sogar ganz beschaulich so im aufgefrischten Anstrich.

Nur zu gut konnte Bernhard sich an die Zeit erinnern, da das Gebäude im Leerstand Kinder zu allerlei Unsinn einlud. Denn wen fordern Verbots- und Eltern haften-Schilder nicht geradezu auf zumindest einen Blick zu riskieren?

Nun da die Nebelwand des Vortages weitergezogen war, hatte Bernhard sich nochmals aufgemacht, um nach dem Mädel im Hosenanzug Ausschau zu halten. Zu seiner Enttäuschung hatte diese diesmal nicht den Parkweg sondern den Klinik-Bringdienst gewählt und so war ihm nur ein kurzes Aufflackern ihrer Gestalt zwischen Wagen und Eingangstor geblieben. Kein Parfüm um die Nase, kein Hals zum Träumen und ihre Rundungen hinter einer Aktentasche verborgen; Zeitverschwendung!

Zeit war eine Sache, über welche Bernhard im Überfluss verfügte. Zeit war das Einzige, was er hatte. Alle Zeit der Welt, aber keine Idee, was damit anfangen.

Seit ihm seine Arbeit gekündigt wurde, unbefristete Beurlaubung aufgrund von Unpässlichkeit, wie es im genauen Wortlaut hieß, wusste er nicht mehr was Tun den lieben langen Tag. Vom Krankengeld ließ es sich gerade so leben seitdem er das Haus aufgegeben und gegen eine Drei-Raum-Wohnung im Nordosten der Stadt eingetauscht hatte. Dass das alte Mehrfamilienviertel nur spärlich besiedelt war, hatte die Stadtverwaltung nicht davon abgehalten ein weiteres Viertel für die neuen Nachbarn hochzuziehen, was Bernard nur recht sein konnte, denn er benötigte nicht noch mehr Menschen in seiner Umgebung mit denen er nicht reden wollte.

Die Stunden des Tages füllte er einstweilen mit Wanderungen durch den Stadtpark, denn er genoss die Ruhe, die ihm zumindest in den Vormittagsstunden gewährt wurde. Pünktlich nach Schulschluss und mit Beginn der hundeausführenden Spaziergänger erschien ihm der Park oft zu klein und so ließ Bernhard sich zuweilen bis in den Wald vertreiben. Zu seinen Gedanken, aber nicht in seinen Zeitplan passend, rannte ein kleiner Mischlingsrüde auf ihn zu und begann an ihm hochzuspringen. Natürlich kannte er dieses kleine Mistvieh, jeder war dem Köter und seinem nicht lange auf sich wartenden Frauchens schon über den Weg gelaufen. Und wie immer hatte diese eine nicht ernstgemeinte Entschuldigung über „die freiheitsliebende Natur ihres kleines Lieblings“, nebst passenden Grinsen auf den Lippen, gepaart mit einem „doch bestimmt nachvollziehbarem“ Unverständnis für die Leinenpflicht innerhalb der Grünanlagen Eatrichs. Höflich nickend, musste Bernhard an den, in der Presse seit Tagen beweinten, verschwundenen Hund denken und daran, dass sollte dieses spezielle Exemplar irgendwann mal dem gleichen Schicksal zum Opfer fallen, dann vermutlich tatsächlich ein Verbrechen und nicht ein Dachsbau der Grund dafür sein würde. Die Tatsache, dass wohl alle Bürger Eatrichs sich gegenseitig ein Alibi geben würden, da aber auch niemand dem Tier und seiner Misserziehung etwas abgewinnen konnte, brachte ein ehrliches Lächeln auf seine Lippen und ließ ihn pfeifend von Dannen ziehen.

Angezogen fühlte Bernhard sich heutzutage immer öfter vom Teehaus und zu Emily, einer alter Jugendbekanntschaft mit ihren strahlenden, weisen Augen und der schmalen Taille. Wenn er bei ihr einkehrte, konnte er für ein paar Stunden vergessen, weshalb er sich nirgendwo anders in dieser Stadt mehr Willkommen fühlte und zum Teil auch war. Es erschien ihm immer noch eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit, dass er als einziger für das Ersetzen der Frontscheibe des Gastwirts aufzukommen hatte – schließlich war es nicht er gewesen, der hindurch gefallen war. Und überhaupt, er hatte den Krawall nicht losgetreten, sondern sich lediglich verteidigt, wenn auch nicht mit Worten.

Auf der sich anschließenden Stadtversammlung brach dann eine rege Debatte darüber los, ob es ab den Abendstunden einen allgemeinen Ausschankstopp geben sollte oder am besten gleich das Unterbinden vom öffentlichen Alkoholgenuss. Am Ende wollte niemand mögliche Touristen verärgern und so traf es sich, dass für Bernhard ein von der Stadt abgesegnetes Konsums-Kontingent für das Gasthaus festgesetzt wurde; zu seiner eigenen Sicherheit!

Es war nicht das erste Mal gewesen, dass man ihm einen Leitartikel in der Tagespresse gewidmet hatte und auch in dieser Ausgabe waren nur positive, aufrichtende und verständnisvolle Worte zu lesen. Man sollte meinen den öffentlichen Alkoholkonsum eines Einzelnen oder auch der Stadt vorzugeben, sollte ein wenig Aufregung wert sein, aber wie es sich nun mal in Eatrich verhielt, war es weder eine neue noch außergewöhnliche Maßnahme so etwas zu beschließen.

Fortsetzung folgt

verloren auf dem Weg_Kap. 2_ 1 _

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Artikel 2

„Zwischen Brunft und Rausche Naturschauspiel und Achtsamkeit.“

Endlich war es wieder soweit.

Mit Begeisterung wurde auch diesmal an der Abstimmung zum Tier des kommenden Jahres teilgenommen – der Dachs (Meles meles).

Natürlich gibt es zahlreiche Dinge über dieses durchaus possierliche Tier zu berichten und jedermann kann sich ab heute an den entsprechenden Informationstafeln am Rathaus und innerhalb des städtischen Parks erfreuen.

Besonders hervorzuheben scheint der Dachsbau selbst, denn diese beachtliche Wohneinrichtung, ausgestattet mit Speisekammer, Kinderstube und  extra Schlafbereichen, lädt zuweilen auch andere Waldbewohner ein, welchen dann unter Erschaffung neuer Innenwände eine eigene Stube gewährt wird. Ganz auf nachbarschaftlichen Frieden bedacht, können dadurch Dachs, Fuchs und auch Brandgans eine friedliche Koexistenz führen.  

Dieser faszinierende Umgang mit Hausgästen stellt allerdings  ein Problem für ungebetene Gäste, wie beispielsweise dem Jagdhund, dar. Da diese unter Umständen eingeschlossen werden.    

Die Tagespresse möchte diese Gelegenheit nutzen, um erneut auf das richtige Wanderverhalten hinzuweisen. Wie den neuesten Einwohner unserer schönen Stadt vielleicht noch nicht in voller Gänze bewusst ist, gilt der den Stadtpark umschließende Wald als Naturschutzgebiet. Dementsprechend möchte sich der wackere Wanderfreund bitte an die vorgeschriebenen Wanderrouten halten und natürlich nichts dem Wald entnehmen oder darin zurücklassen! 

Abschließend möchte das Park- und Kulturkomitee an dieser Stelle nochmals Dank an die Mitglieder der Bezirksgruppe vom Naturschutzverband aussprechen für die sehr informative Veranstaltung und die Möglichkeit aus sicherer Entfernung dem Brunftverhalten unseres Rotwildes zu lauschen, denn auch in diesem Jahr wurde die gemeinsame Dämmerungswanderung durch den Eatricher Park reich besucht.

3.

„Mist… jedes Mal!“, Maria konnte über sich nur noch den Kopf schütteln, denn obgleich sie bereits vor Beginn ihrer Tätigkeit mehrfach durch die Räumlichkeiten des Haus Instenburg geführt wurde, fand sie sich nach wie vor kaum zurecht. „Was natürlich auch daran liegen könnte, dass das hier nem Labyrinth gleichkommt!“, zischte sie nicht minder irritiert.

Die Klinik, gepresst in eine Villa, Baujahr 1931 und noch im originalen gelben Backsteinkleid mit roten Klinkerumrandungen an Fenstern und Eingangspforte, so hatte man ihr mit nicht wenig Stolz berichtet, glich von außen immer noch viel eher dem Hotel, dass es ursprünglich gewesen war. Das Gebäude fügte sich mit den dazu gehörigen Parkanlagen, die eingezäunt hinterm Haus lagen und lediglich den Gästen zur Verfügung gestellt waren, problemlos in das Bild des Eatricher Stadtparks ein. Eine Privatstraße, welche entlang des Parkrandes den Zugang zum Gelände per Bring-Dienst ermöglichte, gab dem Haus Instenburg ein fast schon hochherrschaftliches Ambiente.

So recht wusste Maria nicht, weshalb sie gerade in dieser Einrichtung ihr praktisches Jahr absolvierte. Instenburg verfügte zwar über eine internistische Abteilung, war aber auf eine Klientel mit psychosomatischen Störungen und neuropsychologischen Erkrankungen spezialisiert. Obgleich eine Erweiterung des Hauses anstand, vermutlich für die Behandlung von Suchtkranken, zumindest nahm Maria dies an, bot die Klinik nicht unbedingt ideale Bedingungen für ihr berufliches Fortkommen. Auch entsprachen die gebotenen Aufgabenbereiche nicht ihrem momentanen Interessengebiet. Unglücklicherweise gab es derzeit keine offenen Stellen in rein neurologischen Abteilungen; das wurde ihr zumindest von verschiedener Seite wiederholt erklärt. Letztlich blieb Maria nichts anderes übrig als der Empfehlung, dem Wunsch ihres Vaters nachzugeben.

Die Diskussion um ihre berufliche Zukunft dauert bereits Jahre an und so wurde aus den Worten „Solange du unter meinem Dach lebst…“ mit der Zeit „Solange ich für dein Studium aufkomme…“ bis hin zu „Solange du offensichtlich keinen Schritt alleine gehen kannst…“  und Maria, steht’s dankbar für die Unterstützung ihrer Familie, nahm, wenn auch Zähneknirschend, die Stelle im frisch eröffneten Haus Instenburg unter der Leitung von Herrn Dr. med. Hinterseer, einem Studienkollegen ihres Vaters, dem sie selbst bisher nie begegnet war, an.

Die Führung durch die Klinik hatte sie am ersten Tag mit Hinterseers rechter Hand gemacht. Dr. Embrich, ein hagerer Mann undefinierbaren Alters, mit lichter werdendem, graumeliertem Haar, welcher ihr für einen Psychiater doch recht einsilbig erschien. Aber vielleicht rührte sowas auch vom vielen Zuhören her und ergab sich wenn man einen solchen Beruf lange genug ausübte. Ein Gedanke, den Maria zumindest für die Zeit ihrer Anstellung beiseite zu schieben gedachte, da dieser ihr fast schon Angst machte, wenn sie ehrlich war; zuhören, Verständnis aufbringen oder wenigstens so zu tun, lag ihr nicht einmal bedingt. Das hatte sie wohl einfach nie gelernt, griente sie in sich hinein und war erneut falsch abgebogen. Sich ständig in den eigenen Gedanken zu verlieren, führte sie noch immer wortwörtlich über Umwege und in Sackgassen.

Erneut musste Maria an Charlotte Lessner und den vorherigen, den verdammten vorherigen, Tag denken. So war sie zwar wieder einmal nicht ihrem neuen Chef, aber doch einigem Ärger begegnet und zu allem Überfluss erneut der Erkenntnis, dass es wohl keine gute Idee gewesen war gerade in dieser Einrichtung anzufangen. „Ich hätte es wissen müssen!“, erklärte sie dem Flur, „Das Gesinge, ihr merkwürdiges Verhalten, der abwesende Blick… verdammt!“, ein Luftzug ließ kurz verharren und unsicher um sich blicken. Da sie am Vortag ungehaltenes Räuspern aus den verbalisierten Selbstzweifeln gerissen hatte.

„Dr. Embrich, tut mir leid, der Nebel, ich, ähh…“, hatte sie zu stottern begonnen,  aber er unterbrach sie mit einer einzigen unwirschen Geste seiner großen, knöchrigen Hand.  „Frau Walder ich muss Ihnen sicherlich nicht erklären wie viel Wert unser Unternehmen auf Disziplin und Pünktlichkeit legt. Sie können sich glücklich schätzen eine Stelle bei uns bekommen zu haben, und die verdanken Sie weiß Gott sicherlich nicht Ihrem Können.“ Maria konnte darauf nur noch betreten zu Boden schauen. Ihr war bewusst, dass man früher oder später ihren Vater ins Spiel bringen würde, „…später wär mir lieber gewesen…“, murmelte sie gerade noch hörbar in sich hinein. Dr. Embrich schien dies zu ihrer Erleichterung nicht gehört zu haben. Maria wollte der Standpauke sie hätte ihre Anstellung sowie den Studienplatz vorher lediglich ihrem Stammbaum zu verdanken und würde ohne den Einfluss ihres ach so berühmten Vaters eh nie etwas zu Stande bringen, zuvorkommen und klarstellen, dass sie nur durch ihre eigenen Leistungen überzeugen könnte, würde man sie einfach machen lassen! Und so hatte sie ihre Schultern gestrafft, den Blick gehoben und ihrem Gegenüber fest in die Augen geblickt: „Dr. Embrich meine Verspätung tut mir leid aber bei diesem Nebel ist es ja kein Wunder wenn man sich verirrt. Ich kann Ihnen versichern, dass es nie wieder vorkommen wird. Außerdem wäre ich Ihnen dankbar wenn Sie meinen Vater aus dem Spiel lassen würden. Er wird mit meiner Arbeit hier nichts mehr zu tun haben!“

Auch jetzt noch spürte Maria wie ihr beim bloßen Erinnern eine leichte Röte über die Wangen kroch, doch sie hatte seinem Blick standgehalten, was sie noch immer mit Stolz erfüllte. Er hatte Maria dann aufmerksam gemusterte, so als wollte er versuchen in ihr Innerstes zu blicken, eine Erinnerung, welche wiederum ganz andere Rottöne in Marias Gesicht hinterließ.

Sich ein weiteres Mal absichernd, dass sie diesmal niemand beim Selbstgespräche führen gehört hatte, machte Maria entnervt auf dem Absatz kehrt, um sich erneut zielstrebig ohne Orientierungssinn in den nächsten Gang und durch eine weiße Flügeltür zu stürzen; das Schild „Betreten verboten!“ war ihr entgangen.

Noch bevor Maria sich der Tatsache, dass dieser Gang einige signifikante Unterschiede zum Rest der Klinik aufwies, vollkommen bewusst werden konnte, blieb sie wie angewurzelt vor einem Gemälde stehen. Das Portrait eines jüngeren Mädchens… eines Mädchens, was gerade erst in die Pubertät zu kommen schien… eines Mädchens, was jeden, der es anblickte, direkt in die Augen sah… eines Mädchens, welches schüchtern, vielleicht sogar unsicher, lächelte… eines Mädchens, „was aussieht, wie ich!“

Fortsetzung folgt

verloren auf dem Weg

Prolog

Es sollte ein sonniger Tag werden, doch der herrschende Frühnebel ließ davon noch nichts erkennen.

Alles war eingehüllt in Schlaf. Selbst die paar Menschen, die zusammen mit Charlotte in der Bahn saßen, machten nicht den Anschein, dass sie aus freien Stücken hier wären. Nein, vielmehr kuschelten sie sich in die viel zu harten Polster, als würde der gerade anbrechende Tag sie noch lange nichts angehen.

Überall Schlaf und Träume…

Schlaf…

Und eh sie sich versah, stand sie mitten im Nirgendwo; umgeben von Wald, welcher sich im Nebel verlor.

Wann war der Zug eigentlich zum Stehen gekommen?

Nach kurzem Zögern und ohne sich weiter umzuschauen, steuerte Charlotte in den ihr am wenigsten gefährlich anmutenden Weg hinein. Ihre blasse Haut schien sich regelrecht aufzulösen, der dünne Körper mit seiner Umgebung zu verschmelzen, während der Wald im Nebel sie schließlich langsam verschlang.

Der kleine, aber gepflegte Bahnsteig blieb samt der Umgebungskarte zurück und begrüßte niemand bestimmten und doch jeden, der diesem Beachtung schenkte, mit den Worten:

„Willkommen in Eatrich, hier bin ich Mensch, hier fühl ich mich wohl!“

Artikel 1

Sondermeldung: ein starker Nebel hängt über Eatrich – fahren Sie vorsichtig!“

Wieder geht ein Jahr dem Ende zu und wir blicken mit ein wenig Wehmut um uns. Denn eine dicke Nebelwand versperrt den, sonst so atemberaubenden, Blick auf den goldenen Herbst, welcher Eatrich und seine Bewohner in den vergangenen Wochen begleitet hat.

Ja, der nächste Winter kündigt sich an!

Doch mit Dankbarkeit können wir auch vor dem eigentlichen Jahreswechsel mit Stolz auf das bald vergangene Jahr zurückblicken.

Was haben wir nicht alles erreicht:

unser Stadtverein hat die alte Schwimmhalle nun vollständig restauriert,

der Marktbrunnen erstrahlt wieder im alten Glanz,

und vergessen wir nicht die Wiedereröffnung vom Haus Instenburg.

So wollen wir nun auch offiziell Herrn Doktor Hinterseer und alle neuen Mitglieder unserer Gemeinde herzlich willkommen heißen, denn sicherlich werden sie großartige und wichtige Arbeit, nicht nur, im Haus Instenburg leisten.

1

Der Tag hatte eigentlich recht gut angefangen, wenn man bedachte, dass es Montagmorgen war und ihr das Wochenende keinerlei Erholung gebracht hatte. Mit noch schlaftrunkenen Augen, aber erhobenen Hauptes und einem stolzen Lächeln im Gesicht war Maria nun in den frühen Morgenstunden beinahe beschwingt aus der Haustür getreten, nur um schon nach wenigen Schritten mit einer dichten Nebelwand zu kollidieren.

Das Lächeln und die müden Augen wichen einer gestählten Aufmerksamkeit, welche sich dunkel über die Züge der jungen Frau legte. Gerade Heute fühlte sie sich motiviert, wie schon lange nicht mehr und wollte sich dieses Hochgefühl unter keinen Umständen nehmen lassen; schon gar nicht vom Wetter!

So zog es Maria schließlich weiter; hin zur neuen Anstellung und in Richtung des Waldes.

***

Nun da Maria sich vorsichtig durch die weißen Schwaden bewegte, die kalt und feucht an ihrer Haut zu kleben schienen, merkte sie langsam wie ein unheimliches Gefühl der Beklemmung ihren Rücken empor kroch und die feinen Härchen dazu brachte sich zu sträuben.

„Ich bin nicht in Panik! Ich bin nicht…was war das?!“

Ihre Schritte beschleunigten sich merklich, der Nebel wurde immer dichter und Maria verfluchte sich nun dafür, dass sie den Weg durch diesen verdammten Park hatte nehmen müssen. Eigentlich war der Fußweg durch den Stadtpark eine Abkürzung und so bei Sonnenlicht betrachtet, schien dieser auch sehr einladend – gut gepflegte Blumenbeete, ein paar Steinfigurinen hier und da, ein schöner Spielplatz und verschiedenste Strauch- und Baumarten, welche längs der Wanderwege wuchsen. Einige der Gewächse waren mit kleinen, bronzenen Tafeln versehen, auf denen der geneigte Parkbesucher die Namen und das Alter nachlesen konnte, sowie den entsprechenden Baum-Paten.

Vielleicht, so überlegte sie kurz, lag es auch daran, dass der Park selbst wiederum umgeben war von einem beachtlichen Wald, welcher inzwischen seit einigen Jahren größtenteils unbewirtschaftet blieb, um sich ganz dem Willen der Natur entsprechend mit der Zeit in seine Urform zurück zu entwickeln. Ein schöner Gedanke, obgleich das für Maria vielmehr nach Verwilderung und Verlust eines sonst nutzbaren Raumes klang und nun da der Nebel kaum Hinweise zuließ, ob sie noch im Park oder schon im ehemaligen Forst unterwegs war, verspürte sie auch keinerlei Drang sich mit Semantik zu befassen.

In wenigen Metern müsste sie vor dem alten Backsteinbau stehen, der seit kurzem ihre Arbeitsstätte war. Müsste, sollte, hoffte sie zumindest.

„Verdammt, keine Panik! Nur noch um die nächste Kurve und ich bin endlich an einem warmen, gemütlichen Ort, werde mit den Kollegen Kaffee trinken und die erste Zigarette genießen.“

Nur noch ein paar Meter… eigentlich – hätte Maria in ihrer, ihr doch sehr typischen Panik, nicht vollkommen die Orientierung verloren. Wie blind trieb es sie durch den Nebel und so dauerte es nicht lange bis sie mit einem beinahe geister-gleichen Wesen zusammenstieß.

Hätte dieses ihr nicht aufgeholfen, Maria wäre der Überzeugung gewesen, dass es nur ein Windstoß hatte sein können.

Wieder zu Atem gekommen, betrachtete Maria das junge Ding vor sich genauer. Sie konnte nicht sagen, wie alt sie wohl war, denn ihre tief dunklen, dennoch fast kalten Augen verfälschten ihr beinahe kindliches Gesicht, welches von ebenholzfarbenen Haar umrandet wurde. „Schneewittchen in unheimlich.“, entfuhr es Maria; ein wenig geschockt und peinlich berührt, riss sie sich los und rannte davon.

***

Selbstvergessen blieb „Schneewittchen“ zurück – den Blick gen Himmel gerichtet, den Kopf in den Wolken, bis ihr plötzlich der Schreck in die Glieder fuhr… ein markerschütternder Schrei suchte sich seinen Weg zu ihr. Kurz wollte sie diesem folgen, doch mit einem Mal war da so ein Säuseln, ein Summen, welches sie wie magisch zu sich zog.

Blindlings stolperte sie voran, folgte der Melodie und stimmte sogar ein. Erst verhalten, schließlich völlig mitgerissen und außer sich, tänzelte sie singend durch die Gegend. Vergaß alles und jeden und erwachte auch nicht als sie einen, plötzlich vor ihr auftauchenden, Abhang hinunterkullerte.

Und so blieb sie liegen.

Für einen Moment durchfuhr sie der Gedanke, dass dies nun ihr Ende sei, doch letztlich war es ihr es gleich und sie war bereit sich aufzulösen und eins zu werden mit dem Nebel.

***

Es musste wohl am Wetter liegen, denn auch Maria lag, wenn auch bäuchlings auf dem feuchten Parkboden. Mit dem Fuß unter einer Wurzel, fiel nun auch das letzte bisschen ihrer Motivation zur guten Laune von ihr ab. Und wie immer wenn ihre Wut auf dem Höhepunkt war, schossen ihr die Tränen in die Augen und sie begann hysterisch zu schreien.

Lediglich die Notwendigkeit zur Atmung, ließen ihre Schreie versiegen und sie holte keuchend Luft. Mühsam erhob Maria sich, fummelte eine Zigarette aus der Tasche und genoss den ersten Zug, ein furchtbares Laster, doch es brachte ihr kurz so was wie Frieden.

So nach fünf Minuten verqualmter Ruhe, setzte das Zittern ein, Maria hatte sich in die schönste Horrorstimmung gebracht, so wie sie es als Kind schon immer getan hatte, wenn sie sich ängstlich in die Kissen drückte und hinter vorgehaltener Hand den Monstern auf dem Bildschirm folgte.

Dieser Frühnebel zerrte an ihren Nerven und hinter jedem Rascheln vermutete sie ihr baldiges Ende. Es war eine grausige Erkenntnis, als sie sich der völligen Stille um sich herum bewusst wurde. Da war kein Rauschen, kein Luftzug, kein nerviges Vogelgezwitscher, absolute Stille. Der Nebel um sie herum schien alle Geräusche zu verschlucken und hüllte Maria ein, wie klebrige Watte. Fröstelnd rieb sie sich die Arme, nur um vor Kälte und Beklemmung noch mehr zu erstarren. Ihre Glieder fühlten sich steif an und so rappelte sich Maria schließlich auf, hüpfte ein paarmal auf und ab, um locker zu werden und lief schließlich schnurstracks in die Richtung aus der sie gekommen war.

In Gesellschaft ließ sich der richtige Weg bestimmt schneller finden, ob sie ein Lied anstimmen sollte, um die Stille zu übertönen?

Irgendwas Fröhliches, nur nicht so was Dramatisches, Eindringliches wie das, was da nur ein paar hundert Meter weiter laut heraus geschmettert wurde…

„Arbeitszeit schreit die Sirene, ich komme wieder mal etwas zu spät […] Ach, könnte ich mir eine Sonne bau’n […]Eine Sonne, die nur Fröhlichkeit säh‘t, wie ein Clown “

“Moment! … was zur… das darf doch nicht…“ Maria wollte ihren Augen nicht trauen und schon gar nicht ihren Ohren. Fast verschlungen vom Nebel lag „Schneewittchen“ seltsam gekrümmt im Gras einer kleinen Lichtung, die dunklen Augen anfallartig verdreht und trällerte „Sonne, wie ein Clown“. Maria konnte es nicht fassen, wer in ihrem Alter kannte schon noch einen solchen, lang vergessenen Klassiker… langsam näherte sie sich dem Mädchen und rüttelte fest an deren Schulter, nicht ganz sicher, ob sie sie wirklich stören wollte.

„Hey, hallo, hörst du mich?“

***

Und nun bin ich aufgewacht, wachgerüttelt und noch am Leben wie es scheint.

***

„Eh’, danke. Muss mir wohl den Kopf irgendwo angestoßen haben. Mir ist irre schwindelig.“

„Singst du immer, wenn du dir den Schädel einhaust?“

„Oh, war also doch kein Traum… na ja, wird wohl doch ein härterer Zusammenstoß gewesen sein.“, witzelte die blasse Gestalt angesichts des leicht verstörten Blicks ihres Gegenübers, denn sie sang – ständig.

Es sagte ihr mehr zu, als sich zu unterhalten, zu reden um des Redens Willen. Singen schien ihr produktiver und es vertrieb die lästige Stille, die ihr stets Unbehagen bereitete.

„Mein Name ist übrigens Walder. Maria Walder, wenn alles gut geht auch bald Doktor Walder.“, stellte sich ihr ihre neue Begleiterin vor; etwas großspurig, wie ihr schien, denn Maria war sicher kaum älter als 20 und hätte somit doch gerade erst ihr Physikum hinter sich gebracht. Nicht dass Charlotte voreilig urteilen wollte, was sie, wie man ihr oft vorwarf nur allzu gerne tat, aber das Mädel, welches sich mit vor stolz geschwellter Brust und bebend vor Erregung vor ihr aufgebaut hatte, war von einem Doktortitel etwa so weit entfernt, wie im Moment von Ruhe und Gelassenheit. Und wie um sich selbst zu solcher zu zwingen, begann Maria zu erzählen.

Davon wie schwer es war zum lang ersehnten Medizinstudium zu gelassen zu werden und wie enttäuscht sie letztlich so oft war und gleichzeitig wie froh. Es hätte sie viel Kraft gekostet und endlich würde sie auch belohnt für ihre harte Arbeit, denn heute war ihr erster richtiger Arbeitstag im Haus Instenburg, einer sehr renommierten Klinik, wie man Maria versichert hatte.

Charlotte blieb nur zu Nicken und so setzte sie ein freundliches Lächeln auf.

***

Schnell war Maria in höchster Aufregung, beflügelt von der Gelegenheit sich Luft zu machen. Sie berichtete von ihrem Traum mal eine eigene Praxis zu haben, schließlich sah sie ihre Bestimmung darin in die Fußstapfen ihres berühmten Vaters zu treten und anderen zu helfen, ihnen beizustehen in der Not, ihnen zu zuhören… ach ja, zu hören… noch immer wusste Maria nicht, mit wem genau sie da eigentlich durch den Park wanderte.

Exzentrisch musste sie wohl sein, nicht nur wegen der Singerei, auch aufgrund ihres bordeauxfarbenen Samtkleides und der türkisfarbenen Turnschuhe, auf die Maria sich keinen Reim machen konnte. Etwas selbstvergessen betrachtete sie nun ihr eigenes Outfit; ein leichter dunkelblauer Anzug und dazu passende schwarze Slipper – sie hatte es sich schon vor Tagen zu Recht gelegt und wie um ihr edles Erscheinungsbild zu betonen, strich sie nun nochmals den Stoff glatt.

Inzwischen fühlte sie sich auch wieder sicherer und gerade da sie zur entscheidenden Frage ansetzen wollte, packte „Schneewittchen“ sie an den Schultern und krallte ihr die Fingernägel tief genug ins Fleisch, dass es Maria einen kleinen Schmerzensschrei entlockte. Wie erstarrt stand sie nun vor ihr und blickte mit weit aufgerissenen Augen an Maria vorbei, obgleich sich ihre Blicke trafen. Ihr Mund bewegte sich wie im Gespräch und doch erklang kein Laut für diese Geschichte ohne Publikum. Maria schüttelte den Kopf, als könnte sie sich dadurch aus dieser absurden, doch zugleich beeindruckenden, ja erdrückenden Situation befreien, denn für wenige sich surreal in die Länge ziehende Sekunden in dieser unwirklichen Stille des Augenblicks war Maria unsicher, ob das Nichtverstehen nicht vielleicht einfach vom Nichthören ihres Gegenübers kommen könnte.

***

Es umgibt mich die schönste Nacht, ein sternenklarer Himmel und klirrende Kälte, so dass mein Körper vor Anspannung zu zerbersten droht. Weiß zeigt sich mein ruhiger Atem – wie ich die Muster bewundere, die sich malerisch bei jedem Atemzug abzeichnen und mich wie im Reigen umspielen.

Und da ist noch dieses Augenpaar, welches starr auf mich gerichtet zu mir nieder blickt. Vor Angst weit aufgerissen, fast flehend, begleitet von einem stummen Schrei, der in meinem Schädel widerhallt.

***

Charlotte war es als wäre sie auf hoher See, alles drehte sich und schwankte. Tief durchatmend, schloss sie kurz die Augen und fand allmählich in den Nebel zurück, ihren Blick auf die junge Frau vor sich gerichtet, welche sie angsterfüllt anstarrte.

Da hinter ihnen plötzlich einen Ast brach, gefolgt von etwas, was einem leisen Fluch glich, war ihre Aufmerksamkeit zurück.

Ohne sich zu entschuldigen, ließ sie Maria langsam los und setzte zielgerichtet ihren Weg fort, obgleich sie sich seiner Anwesenheit mehr als bewusst war, ja sogar den feinen Geruch von Schweiß in der Nase hatte und spüren konnte, wie er sich nicht weit entfernt eng an einen der älteren Bäume drückte, sah Charlotte sich nicht weiter um.

***

Maria folgte dem seltsamen Mädchen nun schweigend und völlig verdutzt, auch wollte sie mittlerweile gar nicht mehr wissen, an wen sie da geraten war.

Ein paar hundert Meter liefen die beiden jungen Frauen noch neben einander her, die eine augenscheinlich in sich ruhend, die andere ihre Panik versteckend und heilfroh, da sich endlich eine alte Villa majestätisch vor ihnen aufbaute.

Jetzt bloß noch ganz schnell hinein und hoffen, dass ihr Zuspätkommen niemanden wirklich aufgefallen war.

„Lessner, Charlotte!“, brach ihre Begleiterin plötzlich das Schweigen. Völlig entnervt wirbelte Maria zu ihr herum, wie konnte es nur sein, dass diese Irre mit einem Mal ihre Sprache wieder entdeckt hatte?! Doch die Vorstellung galt gar nicht ihr, sondern dem breitschultrigen Mann, der ihnen bereits den Weg verstellt hatte.

„Mensch Maria musstest du dich gerade heute so verspäten?! Dr. Hintenseer erwartet dich bereits.“

„Das ist Charlotte Less…“

„Keine Sorge, ich weiß Bescheid. Wir haben schon alles für Frau Lessners Ankunft vorbereitet. Ich bringe sie auf ihr Zimmer und du machst dass du zum Chef kommst, klar?“

„Sie ist hier Patientin?“, entgeistert blickte sie Charlotte an, welche ihrerseits fast entschuldigend zu lächeln schien. Schließlich zuckte sie noch kurz mit den Schultern und ließ sich vom Pfleger zu ihrem Zimmer führen.

***

Langsam wurde die schwere Eichentür der Klinik geschlossen; langsam genug um dem Mann, der im Schutze des Nebels unweit entfernt nun völlig ohne Deckung stand, noch einen letzten Blick zu gewähren.

***

Kurz durchfuhr Bernhard ein Hauch der Enttäuschung, da er die beiden Mädchen nun aus den Augen verlieren würde.

So lange war er ihnen beinahe unbemerkt durch den Nebel gefolgt, konnte das süßliche Parfum der Einen in sich aufsaugen, ihren fast weißen Hals bewundern, ihre Rundungen nachempfinden, welche sich bei jeder Bewegung auf dem dünnen Stoff ihres Hosenanzuges abzeichneten. Nur die Allüren der Anderen hatten ihn davon abgehalten, sich den beiden persönlich vorzustellen. Aber vielleicht könnte sich eine solche Gelegenheit in der näheren Zukunft ja noch auftun für sie; für ihn.

Nun erst mal zur Ruhe kommen… schnell zündete er sich eine Selbstgedrehte an und lehnte sich gelassen an die von Sträuchern umsäumte Stele, die ihm zuletzt ein Versteck gewährt hatte. Ein kleines Schild wies mit geschwungenen Lettern darauf hin, dass es sich bei dem Gestrüpp um Stechpalmen handelte, welche sich durch die glänzenden, gezähnten Blätter und die roten Beerenfrüchte, welche sie von September bis November ausbildet, auszeichnet. Schräg grinsend kippte Bernhard den Kopf zu Seite.

Einen letzten gedankenverlorenen Blick in Richtung Klinik gewährte er sich noch, dann stahl er sich davon.

 

Ende Kapitel 1

Fortsetzung folgt

 

Zwischen den Szenen. Bei Kerzenlicht und zwei Fingerbreit Wilthener

Träume einer anderen, weniger bedächtigen, aber umso lauteren Stille oder vielmehr deren Störung lassen den Autor mit einem schweren Seufzer auf den Lippen erwachen.

Zum Schreiben scheint es ihm zu spät; das Licht dafür zu schummrig, die Gedanken zu verklebt… noch zu unwirklich… irgendwo zwischen Begehren und Bedürfnis.

Ein Lächeln auf den Lippen, ein Vermissen… ein Griff zum Telefon… kein Durchkommen… Festnetz besetzt, Mobilfunk außer Betrieb…

Die Züge verspannt, ein Sehnen… ein weiterer Griff zur Flasche…

Die Banalität des Ganzen in klaren Zügen vor Augen… Kichern und schüchterne Zurückhaltung zu Beginn… Romantik am Ende… das Zusammenkommen dazwischen und wieder von vorn… bis dass es kein Geheimnis mehr gibt, bis dass er Karten zeichnen, Gemälde malen, Skulpturen formen kann; wie sonst in Worte zu kleiden? Wie darzustellen? Wie auszuleuchten?

Fantasie des Publikums; bestimmt!

Improvisation der Schauspieler; sicherlich!

Entscheidungen des Regisseurs; eindeutig!

Ein wenig Vorstellungsvermögen, Eigeninitiative und Mitarbeit sollte verlangt werden können.

Szene am Ende des Weges

Auflösen missfiel ihm… sich auf die andere Person einzulassen, Partnerschaften einzugehen, kompromissbereit zu sein, erschien ihm wie Selbstaufgabe und führte letztendlich stets zum Unvermeidlichen…

Aber musste eben Dies auch immer etwas Schlechtes sein? War es wirklich nötig Veränderungen, welche der Definition nach unvermeidlich sind, allzeit in Frage zu stellen oder gar direkt abzulehnen? Führte eine solche Lebensart nicht unweigerlich zum Stillstand eines Solchen?

Ist man genügsam mit Allem, fühlt sich sicher und behütet so erschüttert jede Form des Wandels den offenbaren Frieden. Natürlich schafft eine gewisse Anspruchslosigkeit, eine Zurücknahme in den eigenen Wünschen auch ein Wohlfühlen mit sich und der Welt, doch Veränderungen anzunehmen, ihnen mit Mut und Achtsamkeit in gleichen Maßen entgegenzutreten ohne sie beharrlich zu fürchten und sich dadurch zugleich auch möglichen positiven Folgen zu entziehen, ist substanziell.

All das war ihm mehr als klar.

Er lehnte Veränderungen auch nicht per se ab; nicht mehr. Lebenserfahrung  brachte die nötige Einsicht. Doch sein Herz zu öffnen und Beziehungen über die Banalität des buchstäblichen Zusammenkommens hinaus wachsen zu lassen, stand auf einem ganz anderen Blatt… dieses war eingerissen, vergilbt, mit verblassten und kaum mehr lesbaren Versprechungen darauf…

Mit Menschen Verbindungen einzugehen und sich eine Zukunft aus diesen zu erhoffen, war bisher, war vor der Zeit mit ihr, lediglich eine Träumerei gewesen, derer er sich seit langem nicht mehr hinzugeben vermocht hatte. Dafür gab es ausreichend Gründe, welche nicht nur in Worten wie Verunsicherung, Kompromittierung, Vertrauensmissbrauch, Ablehnung und Zweifel in großen Lettern auf glänzendem Papier ihren Ausdruck fanden…

Ein tiefer Atemzug, ein hörbares Schlucken, ein Räuspern…

Standhaft hielt sie noch immer seinen Blick, die Tränen noch nicht rinnend, die Augen strahlend im beginnenden Tageslicht… etwas Schöneres hatte er noch nie gesehen…

Seine Fäuste hatte sie gelöst, die Finger nicht mehr zittrig in ihrer Hand, den gemeinsamen Weg vor Augen hallte ihr beider Lachen noch lange nach.

Szene an der Abzweigung

Akt 5

Das Unvermeidliche

Szene an der Abzweigung

Die metaphorische Weggabelung lag ebenso klar vor ihm wie die sich näherende Straße, welche zu Entscheidungen aufrief… ein Hand in Hand oder ein Rücken – zueinander – gekehrt? Ein Verknüpft oder Zerrissen? Ein Gemeinsam oder Aneinander vorbei? Ein Bleiben oder Gehen? Ein Zusammen oder Getrennt?

Das schweigende Gespräch entbehrte jeder Leichtigkeit, ihr Blick erfüllt von Erwartungshaltung, von Ungeduld… den Tränen nahe…

Er ballte die zittrigen Hände zur Faust; Worte verschluckend.

Denn diese waren seine Stärke und zugleich größte Schwäche… zwei Seiten einer Medaille… immer wieder zwei Seiten und Alles dazwischen… bei jeder Drehung waren da Winkel, Abstufungen, Unebenheiten, Verbindungen, Risse, spitze Kanten, weiche Rundungen, glänzend, abgestumpft und wieder von vorn!

Würde er all Das aussprechen, was schwer auf seiner Zunge lag, sie wäre weg bevor sein Gedankengang sortiert, gelöst und beendet ist. Denn so war es immer!

Ob ihn das beeindruckt oder nicht; die einzige Frage, die es zu beantworten galt vor dem nächsten Wort.

Katze4

Szene unter Sternenhimmeln

Und so begann es!

Beinahe täglich suchte er sie auf. Nicht mit Blumen oder Schokolade, sondern dem Geschenk des Schweigens.

Sie trafen sich sobald das gesellige Treiben auf den Wegen abnahm, zeigten sich gegenseitig die Welt beim Aufsuchen der liebsten oder verhasstesten Orte, beim Wandern durch Wälder über weite Ebenen, enge Gassen, zu stark beleuchteten Straßen und Feldwegen im Licht des Mondes… und fast immer schwiegen sie.

Es herrschte eine Stille, die von Frieden und Einigkeit sprach, ohne Worte ganze Gespräche auszufüllen fähig war, eine Leichtigkeit mitbrachte in ihrer Schwere… er, der immer ein Mann der vielen Worte gewesen war, genoss dieses befremdliche Gefühl, diese Einzigartigkeit ihrer Kommunikation; so voller Verstehen, Verständnis und ohne Chance für Ausflüchte.

Denn die Fähigkeit sich in großen Worten zu äußern, in der Lage zu sein farbenfroh recht wenig Inhalt in sehr viel Text zu packen, auch auf ungestellte Fragen eine Antwort zu finden oder Probleme zu schaffen durch eine übersteuerte Komplexität, ist nicht gleichzusetzen mit Wahrhaftigkeit. Worte besitzen eine ganz eigene Macht, sie lehren, heilen, beschwichtigen, verbinden, trennen, traumatisieren, verletzen, bremsen… Text kann die Welt bewegen, aber auch jedes Inhalts entbehren, er kann Zusammenhalt schaffen und missbraucht werden.

Eine Sprache zu haben, ganz gleich welcher Natur, sich mitteilen und ausdrücken zu können, ist etwas Vitales!

Jemanden zu finden, mit dem man schweigen kann, ohne das Gefühl der permanenten Notwenigkeit sich erklären… sich rechtfertigen zu müssen, ist etwas Kostbares.

Er glaubte sie zu kennen beim ersten Blick in ihre Augen, doch um sie wirklich zu verstehen, musste er lernen auf unbekannten Wegen zu wandeln, musste er seine Faszination in Etwas von Bestand  ummünzen, musste er Zutrauen und Vertrauen entwickeln, musste er herausfinden, ob ihm all Das überhaupt lag.

Katze4

Szene bei Tagesanbruch

Eine angemessene Zeit abzuwarten, um sie wiederzutreffen, um nie begonnene Gespräche zu beenden, um eventuell vorerst lediglich aus der Ferne, aus der schützenden Glocke des Telefongesprächs oder sogar nur durch Kurznachrichten Kontakt zu suchen, aufzubauen, weiterzuführen, zu halten… erschien ihm mehr als unbequem; unmöglich sogar.

Ab wann ist Zeit angemessen? Wie kann dieses abstrakte Konstrukt, welches stets im Verhältnis mit der Wahrnehmung betrachtet gehört, mit der persönlichen Wahrnehmung wohlbemerkt, überhaupt als etwas gemessen werden, das angemessen ist? Fasst eine solche Wortwahl nicht schon die Meinung Vieler mit ein? Sollte nicht ein Jeder für sich selbst passende Zeitparameter stellen? Zumal Zeitfenster immer eine Endlichkeit mit sich bringen, eine Notwendigkeit der Handlung in eben Diesem, um es nicht zu verpassen… so argumentierte er nun da er seine neue Bekannte nachhause begleitete.

Sie trug ein Lächeln im Gesicht, von welchem er überzeugt war, nie genug bekommen zu können… auch das verriet er ihr.

Desweiteren kam er nicht umhin zu erwähnen, wie er es im Normalfall vermied Menschen wiederzutreffen, wie er eigentlich stets das Zusammenkommen vorzog, um das Interesse erst gar nicht verlieren zu können… sie blickte ihn mit strahlenden Augen an.

Strahlend, denn sie reflektierten das Laternenlicht. Ihr Lächeln hatte sich gelöst und da er spürte, dass sie auch die Bekanntschaft lösen würde, ergriff er ihre Hand: „Für dich will ich mich interessieren lernen! Für dich werde ich passende Worte finden! Für dich werde ich angemessene Zeiten ergründen! Für dich …“, sie zog ihn heran, schloss ihn kurz, zu kurz, in ihre Arme, nickte ihm zu und ließ ihn vor verschlossener Türe zurück.

„Für dich werde ich zuhören!“, hinterließ er als Nachricht auf ihrer Schwelle.

Katze4

Szene inmitten von Stühlen

Es fühlt sich an wie Schachtelsätze… er spürt es genau; tief in den Eingeweiden und vor dem inneren Auge.

Die Worte… die ersten, die so über alle Maßen wichtigen, stets unterschätzten,  die eine niedliche Anekdote einführenden, verdammten ersten Worte beim Begegnen… „Für Jemanden, der vom Worte aneinanderreihen lebt, stellst du dich ganz schön an.“, zischte er in sich hinein, während er sich ihr langsamen Schrittes zu nähern versuchte.

Noch tönte die Musik, noch jubelten die Gäste, immer noch blickte sie unbeteiligt drein.

Einen Cocktail in der linken Hand, das Glas fest umklammert; ein Caipirinha dem Anschein nach. Der schwierigste Drink in seinen Augen, obgleich man meinen sollte, es wäre keine Aufgabe diesen zu mixen. Man sollte das meinen, aber oft genug wird das Verhältnis nicht beachtet – zu viel Cachaca, zu wenig brauner Zucker, die Limetten mit irgendeinem Sirup unterdrückt… fast schon eine Bürde die Brühe dann genießen zu wollen; ein Gesprächseinstieg?

Aber nein, er könnte überheblich wirken… er war es natürlich auch, doch wer gibt das schon freiwillig zu. So etwas gehört herausgefunden, nachdem man versucht hat, solche Eigenheiten so lange wie möglich hinter klugen Wortwitzen zu verbergen. Und immer ein Lächeln im Gesicht.

Ein breites Grinsen würde sie sicher ablehnen… ihre Augen erschienen zu alt dafür, älter als sie selbst es war. Sie verrieten ihm ein Leben, das in seiner Kürze gefüllt war von Erfahrungen – Erfahrenes, Erlebtes, Erdachtes, welches tief vergraben lag und unentdeckt bleiben wollte. Damit konnte auch er mehr als dienen… geteiltes Leid und so weiter; als Satzanfang wohl eher ungeeignet.

Platte Sprüche, Klischees und Augenzwinkern waren unter seiner Würde.

Letztlich stand er ihr gegenüber, der Weg war kürzer als geplant, die Bar fast leblos, denn Alles wandte ihnen den Rücken zu… der Augenblick beinahe friedlich in seiner Lautstärke. Er starrte sie an, griff nach dem Getränk – es war zu süß. Einen Schuss Wasser später lächelte sie ihn mild an; er hatte sie kennengelernt.

Katze4

Zwischen den Szenen. Am Fenster

„In deinen Stück gibt es keinerlei Dialog.“, eine Aussage gemacht mit fragender Stimme.

Der Autor zuckt nur scheinbar unbeteiligt mit den Achseln.

„Aber das Publikum braucht Dialoge, benötigt die Möglichkeit in die Gefühlswelt aller Protagonisten hineinzuschauen. Man muss Einsichten gewinnen! Alles was du geschrieben hast, lebt von einseitigen Beobachtungen!“

Der Autor hüllt sich weiter in Schweigen.

„Du kennst die Gefühle der anderen Figur nicht oder?“, Hoffnung auf ein Verneinen der Frage schwingt kaum mit in ihren Worten, Schultern fallen, aber ihr Griff geht zu seiner Hand: „Wenn du es nicht weißt, wie soll dann der Leser dem Ganzen folgen? Wie willst du es schaffen, dass dein Stück nicht bloß eine lose Szenensammlung wird?“, kraftvoll umklammert sie nun die Hand, welche selbst den Griff nicht erwidert.

Sich langsam erhebend, wendet der Autor seinen Blick schließlich ab und sucht sich einen Punkt an der Wand, knapp neben dem Kopf seiner Geliebten: „Die Wahrheit liegt zwischen den Szenen!“

Seine Hand losgelassen, ballt sie ihre zur Faust… ein kurzes Zucken dieser verspricht das Suchen nach einem Ziel, doch kraftlos und entmutigt kommt sie letztlich noch immer geballt auf der Tischplatte zum liegen.

Die Geliebte will nicht aufgeben, sie verlangt eine Antwort, die für jeden Menschen, nicht nur für sie, erkennbar ist… erwartet diese, da es für sie niemals nur um das Stück gegangen war: „Das Publikum kann diese Szenen, diese Zwischenszenen, aber nicht sehen – sie spielen hinter den Kulissen, sind verborgen zwischen den Skriptseiten, vergraben in deinem Kopf. Ein Spannungsbogen sollte eben ein solcher sein; ein Bogen! Er verlangt nach Auflösung; benötigt eine abschließende Lösung oder wenigstens Zwischenlösung für den entwickelten Plot. Der Leser braucht ein Ende. Nur offene Fragen sind nicht befriedigend…“

„Das LEBEN funktioniert so aber nicht!“, der Autor noch immer stehend, stiert erst aus dem Fenster dann auf sie hinab; seine Augen glühend vor kaum mehr unterdrückbarer Anspannung.

Den Blick nicht abwendend, löst sie ihre Fäuste erneut zur flachen Hand; auf dem Tisch ruhend zum einen, an seiner Hüfte zur anderen: „Dies ist nicht das Leben; dies ist Kunst! DU bist der AUTOR. Du  schreibst die Geschichte, deine GESCHICHTE… nur DU kannst etwas erschaffen, das über das Leben und dessen Einschränkungen hinausgeht. Der Autor hat die alleinige Macht… nutze diese Gelegenheit… schaffe dir und damit dem Publikum ein Ende, dass du sonst nur zu träumen wagst… vergiss die Realität… erlaube dir eine Zukunft!“

Der Autor schaut wieder zum Fenster und damit hinaus auf die Straße und in die Welt. Er betrachtet die Menschen, die es nichts angeht. Als er merkt, dass seine Geliebte, seine Liebe?, sich erhebt, um ihn erneut zurück und mit seinen Gedanken allein zu lassen, geht sein Griff zur ihrer Hand auf der Tischplatte… er hält sie fest… will sie nicht loslassen, weglassen, verlieren…

Doch der letzte Akt gehört noch geschrieben, das Unvermeidliche noch ergründet und so löst er schließlich die Verbindung zu ihr, lässt sie abermals ziehen und wartet auf das Ende, welches noch im Halbdunkel lauert.

 

zur Entfaltung des Ganzen Katze4

Zwischen den Szenen. Mit dem Kopf auf der Tischplatte

Entdeckt heißt nicht begegnet!

War das nur ein Prolog oder passt das in den ersten Akt?

Ist es das bloße Anhäufen von Worten? Das Vergrößern der Wortanzahl? Oder vielleicht lediglich eine schwache Wahl derselbigen?

Ist es kurz nach dem Beginn einfach nur der Versuch das Notwendige aufzuschieben, das Eigentliche aufzublasen, um dem Unvermeidlichen zu entgehen?

Steif sein Nacken, schwer die Beine, taub die Finger… vor Anspannung, vor Erwartung bis der Kiefer schmerzt, bis die Zähne zu splittern drohen.

Ich folgte ihr, verfolgte ich sie?

Wollte sie ansprechen, beeindrucken mit aufgesetztem Selbstvertrauen, unterdrückter Erregung, versteckter Verunsicherung… einem bedeutungslos beladenem Wortschatz.

…zu früh, zu viel und doch nie genug; aber sie versprach etwas Neues, Aufregendes… Zerbrechliches?

zur Entfaltung des Ganzen Katze4

Lass doch die Fruchtfliege, Fruchtfliege sein

Viele großartige Bücher beginnen mit einem Zitat.

Wobei dann meist einem angesehenen Menschen mit seinen ebenso ansehenswerten Aussagen gehuldigt wird.

Um also meine Großmutter zu zitieren: „Morgen fangen wieder hundert Tage an.“

die erste Party

Wenn man Fünfzehn ist, gerade erst einem Jugendverein beigetreten – man sollte wohl sagen „wurde“, denn wirklich freiwillig, trat ich dem JugendRotKreuz damals nicht bei – und die erste richtige Party ins Haus steht, so ist man voller Erwartungen.

Erwartungen über das wer und wie und was…und natürlich darüber, ob das nun endlich die alles entscheidende Leben verändernde Erfahrung wird, von der sicher jeder Teenager träumt.

Nein, nicht gleich wilder Sex auf dem Männerklo, sondern natürlich irgendwas spirituelles, etwas Aussagekräftiges, etwas, an das man sich auch Jahre später noch wohlwollend zurückerinnern kann.

Vermutlich ziehen die meisten Jugendlichen in dem Alter doch das mit dem Sex vor.

Ehrlicherweise sollte an dieser Stelle noch erwähnt werden, dass trotz meines stets alles überragenden Anspruchs an mich selbst, etwas Besonderes zu sein, irgendwie anders als alle anderen, vielleicht sogar besser, weil doch immerhin tiefgründig, hätte auch ich die Nummer mit dem Sex allem spirituellem Tiefgang vorgezogen.

Aber das hätte ich damals nie zugegeben, wollte ich doch so unbedingt außergewöhnlich sein.

Was von meiner, doch recht verschwommenen, Erinnerung noch übrig blieb, waren die weniger spirituellen, aber umso schlechteren Horrorfilme, ne ziemlich üble Mischung Alkohol und der Trennungsversuch Mayas von ihrem Verehrer – der Erste von vielen.

So gegen 1Uhr an dieser viel zu warmen Januarnacht des Milleniumjahres kuschelte ich mich schließlich selig betrunken in meinen Schlafsack und ließ die lausige Party, Party sein. Wäre nicht ein hacke dichter, leider nur noch Unterhosen tragender Junge schwungvoll auf mich drauf gesprungen, ich hätte die nachfolgenden neun Jahre vermutlich ganz anders zugebracht…

Wie ich inzwischen aus reichlicher Erfahrung sagen kann, ist es überhaupt nicht hilfreich einem recht angetrunkenen Menschen auf den Bauch zu springen und ihn so aus seinem wohlverdienten Erholungsschlaf zu reißen – nicht dass mir danach noch mal jemand solch einen Weckgruß bereitet hätte, aber ihr wisst, was ich meine.

Auf dem Damenklo ließ ich mir die ganze Party dann noch mal durch den Kopf gehen, zweimal, wenn’s man genau nimmt, nur um dann festzustellen, dass die ganze Bande mittlerweile am pennen war.

Alle, bis auf einen sehr nüchternen, weil zu spät erschienenen, Metaller Mitte zwanzig, der mir nur einen einzigen Blick zuwarf, bevor er sich der anderen, auch noch nüchternen, weil damals Antialkoholikerin, Person zuwandte, auf die er, wie ich später erfuhr, ein Auge geworfen hatte.

Nur ein einziger Blick und ich wusste genau, nur er ist dazu in der Lage meine Welt vollkommen auf den Kopf zu stellen, mich auseinander zunehmen und Stück für Stück neu zusammenzufügen, mich mitzureißen, egal was auch passieren möge und mir das Herz zu brechen, so oft es ihm beliebt.

Nur ein einziger Blick und ich war verloren.

***

[…]

zum Rest der Geschichte

Erster Akt. Die Begegnung. Szene unter Menschen

Ein Tag, nicht wie jeder andere und doch auch nichts Besonderes. Was war es? Ein Freitag? Nein, ein Donnerstag… wie immer zu viel zu tun und kaum Zeit sich über den Sinn oder Unsinn Gedanken zu machen.

Er war gelangweilt.

Die Woche voll beschäftigt, doch es wollte ihn einfach nicht interessieren; nicht genug, um ihn bei Laune zu halten, nicht annähernd genug, um ihn dazu zu bringen emotional beteiligt zu interagieren, noch weniger, um dergleichen zu investieren.

Stand er am Bahnhof oder im Foyer eines Kaufhauses, vielleicht im Wartebereich eines Arztes oder eines Kinosaals?

Wenn er lediglich die Menschen betrachtete, konnte er sich nicht sicher sein… zuerst eine angespannte Ruhe, dann Start gemurmelter Gespräche, später ein Rauschen von Stimmen… bis plötzlich etwas geschieht… eine Durchsage über Lautsprecher, das Aufrufen eines Namens, das sich anbahnende Öffnen von Saaltüren… ein allgemeines Luftanhalten, ein Lauschen in Erwartung, ein Augenbrauenhochziehen, ein Kopf zur Seiteneigen… ein kurzes Räuspern und die Welt dreht sich weiter wie gehabt.

Ein langes Schließen der Augen, kein Blinzeln, ein eindeutiges Dunkler-werden hinter Lidern bevor das Licht und die Kontraste wieder deutlich werden… Langeweile… obwohl weder am Bahnhof, im Kaufhaus, beim Arzt oder im Kino, aber unter Menschen. Nach dem diesmaligen Räuspern hatte eine Band angefangen zu spielen und mit ihr die Aufmerksamkeit Aller auf einmal entgegen der Bühne gerichtet.

Aller, bis auf seiner und ihrer.

Ihr Blick strahlte etwas Bekanntes und doch aufregend Fremdes aus, aus ihrer Haltung sprach seine Langeweile, eine verwandte Gleichgültigkeit, eine erzwungene Beteiligung… sie war mit den Bandmitgliedern befreundet, aber desinteressiert an deren Kunst… anwesend aus Teilhabe, aus Rücksicht auf Gefühle, aus Gründen, die tiefer gingen als alles, was er je verstand, je verstehen würde.

Der Wunsch der einzige Grund ihrer gerichteten Hingabe zu sein, ihre ungeteilte Beachtung zu finden, zu versinken in ihrer Hingabe, ihre volle Geistesgegenwärtig zu spüren, begann sich zu festigen… meißelte sich ein in seinen Verstand, vibrierte in seinen Fingern, pulsierte in seinem Blut… führte zu einer fast lächerlichen Synonymsuche.

Er war ihr begegnet, jetzt wollte er sie kennenlernen.

zur Entfaltung des Ganzen Katze4

 

Szene mit dem Kopf im Nacken

Eine Liebesgeschichte, ein Stück über die Liebe, eine Romanze, ein Drama, eine Realbeschreibung… was könnte das Publikum verlangen?

Der Autor wälzt die Frage zum unzähligen Mal um, lässt sich die Gedanken vermehrt durch den Kopf gehen, über die Lippen wandern, durch die Finger rinnen… nichts Konkretes will entstehen.

Er wird nervös, fühlt sich getrieben, nicht aber angetrieben zu Taten, sondern vielmehr vertrieben. Unsicherheit liegt ihm nicht, Unsicherheit führt für ihn nicht dazu alte, bekannte Wege zu verlassen, um neue auszuprobieren, um ins Unbekannte zu springen und sich in Aufregung, Erwartung, Vorfreude aufzulösen.

Keine Zeit … nicht dafür…

Zurück zum Anfang!

Ein Stück…

Wie viele Akte hat eine Liebe?

Sind es immer fünf?

Immer nach Aristoteles?

Die Begegnung, das Interesseentwickeln, das Zusammenkommen, der Alltag, das Unvermeidliche…

Fünf als Zahl gefällt ihm.

 

zur Entfaltung des Ganzen Katze4

Etwas

Prolog

Wie so oft in diesen Wochen saß T. auf dem Fußboden ihres Einzimmerappartements, im Wohnbereichsteil wohlbemerkt; nicht zu verwechseln mit dem Büro-, dem Flur- oder dem Küchenabteil. Für sie war es von enormer Wichtigkeit dies zu trennen, obgleich es nur im übertragenen Sinne möglich war, da sie sich nie die Mühe gemacht hatte ihre Wohnung tatsächlich zu untergliedern. Wäre das Badezimmer nicht von Bau-wegen her in einem Extraraum untergebracht, sie wusste nicht, ob sie sich daran gestört hätte – die metaphorischen Wände genügten ihr.

Statt eines Esstischs begnügte sich T. mit ihrem Bürostuhl (Kleiderharken, Klavierschemel, Nachttisch) als Ablage für den Kaffee und die Morgenzeitung. Nicht, dass sie keine andere Wahl gehabt oder sich aus einem moralischen Grund, wie der Abneigung unnützem Eigentums gegenüber, für diesen Minimalismus entschieden hätte, sie empfand sich lediglich als sehr pragmatisch und sah keinen nahliegenden Grund darin Möbel zu besitzen, die austauschbar waren in deren Zweckmäßigkeit .

Zum wiederholten Male blickte T. auf die Wanduhr; bereits Zehn nach Sechs. Auch ihr Mobiltelefon bestätigte das und nachdem sie ihre Armbanduhr gestellt hatte, stimmte auch diese zu. Ihr blieb nicht mehr viel Zeit, um sich auf den Unterricht vorzubereiten; sich mental darauf einzustellen unter Menschen zu sein… wäre es nach ihr gegangen, sie hätte auf die Umschulung verzichtet. Was sollte das Alles auch? Für sie machte es keinen Unterschied, welchem Beruf sie nicht nachging. Doch ihre Großmutter hatte ihr das Versprechen abgenommen letztlich doch noch „Etwas“ aus sich zu machen.

Doch was sollte das eigentlich bedeuten? „Etwas“ aus sich machen. Wer würde das beurteilen können? Wie würde die Welt aussehen, wenn alle sechs bis sieben Milliarden Menschen etwas leisten könnten, was für die Welt von Bedeutung ist? Es gäbe nichts mehr von Bedeutung, wäre alles von Bedeutung.

Und das wäre tragisch!

Zu ihrem Unmut stand T. mit ihrer Meinung allein da auf weiter Flur. Sie störte sich nicht daran, nicht ernsthaft, denn sie war davon überzeugt, dass die meisten ihrer Mitmenschen überhaupt nicht dazu in der Lage waren solche Zusammenhänge zu verstehen; zu sehr lebten sie unter dem Einfluss des Erlernten, nach den über Generationen weitergetragenen Lebensregeln, nach dem was im Allgemeinen erwartet wurde. Selbst die Menschen, welche sich lauthals gegen jede Norm aussprachen, konnten das Vorgeprägte doch nie wirklich abschütteln und wenn es sich nur darin ausdrückte, dass jede ihrer Handlungen im direkten Gegensatz dazu stand, was für T. auch nur bewies, dass ein tatsächlicher innerer Abstand wohl fehlte.

Den Kopf an die Sofakante gelehnt, sann T. ihren Gedanken nach, vergessen war der Kaffee und die Zeit. Für einen  kurzen Moment wurde sie gewahr, dass ihr Misstrauen und ihre Ungeduld anderen gegenüber unweigerlich dazu führte, dass es in absehbarer Zeit nicht mehr notwendig sein würde irgendjemandem irgendetwas zu erläutern.

Sie wäre allein – wahrscheinlich war sie es schon längst; ein Gedankengang, dem sie nie allzu weit folgen wollte, sich aber immer häufiger dabei ertappte. Langsam und hörbar ausatmend, mit zusammengekniffenen Augen schob sie das leidige Thema beiseite. T. griff nach ihrem Kaffee und verzog das Gesicht. Lauwarm.

Es wurde Zeit loszuziehen, dass, wenn sie schon nicht „etwas“ aus sich machen konnte, sie doch zumindest irgendetwas tat.

Akt 1

Szene 1

„Wie war dein Tag?“ Ein kurzes Achselzucken war alles was T. ihrer Großmutter als Antwort gab, bevor sie sich eine Tasse Kaffee aufbrühte. „Hast du etwas Interessantes lernen können?“ Darauf entgegnete sie mit einem kurzen Schnauferl durch die Nase, während sie im Schneidersitz auf dem Teppich platznahm. „Ach, jetzt sei nicht so. Du weißt genau, dass ich es nicht gutheißen kann, wenn du dich so zurückziehst!“ „Ich ziehe mich nicht zurück! Es gibt lediglich nichts von Bedeutung zu erzählen.“ „Dann eben etwas ohne Bedeutung.“ Das leichte Schmunzeln unterwanderte den inzwischen recht brüsken Tonfall und T. konnte nur grinsend den Kopf schütteln. Wie gerne würde sie ihrer Großmutter von mitreißenden Unterrichtsstunden und fesselnden Gesprächen berichten, doch alles was T. während der Schulungen zustande brachte, waren zynische Einwürfe, um die Antworten der Anderen, wenn nötig, zu verbessern und Staring Contests mit den Dozenten. „Ich habe meinen leeren Blick verbessern können und mich mit dem Dozierenden übers Wetter unterhalten – es wird wohl wieder wärmer.“ „Das Wetter wird wieder angenehmer?! Na da weißt du zumindest schon mehr als ich.“

[… zum Rest der Geschichte…]

Szene zu Beginn

Der Autor wartet.

Er wartet schon seit längerem.

Er wartet ohne etwas zu erwarten; aus der Erwartung ist er herausgewachsen.

Der Autor sitzt am offenen Fenster seines kleinen Büros, die Schreibtischlampe erlosch vor einigen Minuten; die Glühbirne offenbar durchgebrannt und er wartet.

Er wartet nicht auf den sich nun ankündigenden Sonnenaufgang, obgleich er bereits seit dessen Untergang aus dem Fenster stiert, weshalb seine Augen schon seit Stunden blutunterlaufen und verquollen sind.

Er wartet auf den Beginn des Stückes, das noch geschrieben werden muss… welches er zu schreiben hat… dessen fehlende Worte ihm im Halse stecken, ihm den Magen zum Knoten verbiegen, ihm die Luft zum Atmen nehmen.

Jeden Augenblick wird sie zurück sein und sie wird etwas erwarten, von ihm erwarten… sie wird etwas erwarten, auf das sie selbst seit längerem wartet. Auch ihre Augen werden gerötet sein von zu wenig Schlaf und zu vielen Erwartungen.

Der Autor glaubt nicht, dass sie gemeinsam auf dasselbe warten werden und als die ersten zarten Sonnenstrahlen schließlich seinen Fensterplatz erreichen, schließt er die Augen… verschließt sie vor dem kommenden Moment, der unvermeidlichen Realität und nicht zuletzt vor sich selbst.

zur Entfaltung des Ganzen Katze4

Zwischen den Szenen. Am Ufer

„Wer ist sie?“, ein Fragen mit belegter Stimme.

„Wen meinst du?“

„Sie, welche dir in die Augen blickt… sie bekommt mir bekannt vor… warum?“, ein kurzes Schluchzen mit geballter Faust, linke Hand und zittrigen Fingern, rechte Hand, „…vielleicht habe ich einst ein Bild von ihr gesehen; eins von deinen alten Photos , du weißt schon, die du immer versteckt hältst…“, verschlucken der Worte, die noch fallen wollten, „Wie heißt sie?“

„Sie hat keinen Namen… ich kenne ihn nicht… sie hat ihn mir nie verraten… ich habe nie gefragt…ich verstehe nicht, warum sie dir bekannt vorkommt!

Sie ist sonst nur ein Schatten, eine Stimme, ein Schrei meiner selbst. Ich kann sie normalerweise gut verstecken hinter jedem Scherz, jedem Ratschlag, jedem Moment in Gesellschaft… sie ist eine Schwäche, meine Schwäche, mein Schmerz, den ich nicht zeigen darf, da ich stark zu sein habe… da man dies von mir erwartet. Immer ein Lächeln auf den Lippen… auch wenn es die Augen verlässt, sobald ich mich umdrehe… immer kraftvoll oder wenigstens mit Humor… wenn bissig, dann intellektuell… wenn enttäuscht vom Leben, dann über den Fortgang der Gesellschaften mit deren unerreichbaren Ansprüchen und Ungerechtigkeiten, den Fehlverteilungen, der Ignoranz, dem Rasen ohne Ziel, dem Drehen im Alltag, dem Gefangensein in Tretmühlen…

…niemals über das eigene Leben, über verpasste Chancen, Fehlentscheidungen, Ängstlichkeiten, dem Gefühl zu ertrinken mitten in der Wüste, in der ich im gleichen Moment verdurste…

Und ich bin so wütend und habe kein Anrecht darauf! Keiner ist für meine Wut zu verantworten, niemand trägt Schuld daran, was der Wut keinen Abbruch tut…

…und dann ist da sie, die mich anblickt mit traurigen Augen immer dann, wenn ich den Anderen den Rücken zukehre, da mir das Gesicht schmerzt vom vielen grinsen und die Worte fehlen, nach all dem ganzen Ausgetausche und ich wieder nichts von ihr, die sie mein Leben einnimmt, erzählt habe.

Ja, nun wirfst du mir diesen Blick zu… ich kenne ihn nur zu gut… es ist das Entsetzen, die Verunsicherung, da die richtigen Worte noch nicht geschrieben wurden für diese Art des Gesprächs. Nein, mach dir keine Sorgen… ich bin nicht steif vor Angst vor dem, was da ist, was noch kommen mag, kommen muss, kommen wird… nein, dass Alles sollte lediglich den nächsten Akt einführen.

Was hältst du davon?“

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Szene am Schreibtisch

„Die wollen eine Liebesgeschichte. Sie sagen, das verkauft sich besser. Sie sagen, es ist das Einzige, was ich tun kann, um das Publikum zu halten… das ist jetzt gefragt!“, ein Seufzer gefolgt vom üblichen Kopfschütteln, „ Sicher… aber… hattest du…? Warst du…? Wie willst du ohne Erfahrung…?“, ein hörbares Schlucken der Worte, ein tiefer Atemzug, ein zweiter tiefer Atemzug, „Okay, ich weiß du hattest Geliebte, aber warst du verliebt? Wolltest du dich verlieren, alles geben, alles versprechen, vollkommen vertrauen, beschützen und gehalten werden?“

„Ich… es … ich war wie besessen und wollte besitzen.“

Ein betretender Blick nach unten gerichtet, nach den passenden Worten suchend: „Aber wolltest du bleiben nachdem du ‚Besitz ergriffen‘ hast? Investieren, lernen, verstehen, Kompromisse eingehen, wolltest du geben und nehmen im Gleichgewicht zueinander?“

„Die sagen das Stück benötigt eine Liebesgeschichte, etwas, was die Leute kennen, womit sie sich identifizieren können, etwas, was sie selbst suchen, schon gefunden haben oder ewig vermissen werden. Soviel weiß ich darüber…“

Enttäuschung und Wut, den Wunsch Gewaltvoll zu handeln gerade noch unterdrückend: „Wie, verdammt nochmal, willst du über Gefühle schreiben? Du, der du noch nie geliebt hast!“

„Ich habe versucht dich zu lieben…“

Tränen in den Augen nicht mehr zurückhaltend: „… vielleicht solltest du darüber schreiben… vielleicht findest du dann heraus, warum ich geblieben bin, obgleich ich mich mehr als einmal mit dir unterhalten habe… und bitte… erkläre es mir anschließend.“

Der Autor blieb erneut allein zurück, die Zigarette ohne einen Zug abgebrannt, die Asche in den Tasten versinkend, die müden Augen gen Bildschirm gerichtet. „Die wollen eine Liebesgeschichte; wie schwer kann das sein?“

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Zwischen den Szenen. Auf der Terrasse

„Wie geht es dir?“

Eine Frage, die, beantwortete er diese ehrlich Anschlussfragen nach sich zöge, welche er nicht minder verabscheuen würde; drum schwieg er.

„Wie geht es mit dem Roman voran?“

Ähnlich der Frage nach dem Wohlbefinden- keine klare Antwort in Sichtweite. „Der 2. Akt steht schon.“

Wie oft hatte er diesen Satz inzwischen schon ausgesprochen? Wann käme endlich der Zeitpunkt, da dieser der Realität entspräche?

In Wahrheit kam er einfach nicht voran, obgleich im Grunde alles klar genug erschien – wenigstens im besagten 2. Akt- Lediglich das darauffolgende lag noch stur im Nebel seiner selbst verborgen. Was nicht unbedingt schlimm sein sollte, schließlich benötigt ein kreativer Prozess mitunter Zeit. Nein, es wäre nicht dramatisch gäbe es diesen verfluchten Erwartungsdruck nicht; hätte er keine deadline vor Augen…

Ein Räuspern holte ihn zurück ins Gespräch und große Augen gaben den Hinweis etwas verpasst zu haben. Zumal seine ins Blaue geschossene Bemerkung „Ja, ich bin ganz deiner Meinung.“ wohl nicht angebracht gewesen war, zumindest wenn die die mittlerweile in Falten gezogene Stirn irgendetwas zu bedeutet hatte.

Dass sein Gesprächspartner darauf verzichtete sich zu wiederholen, zeigte ihm ein allgemeines Verständnis für seine durchaus Art sich in den eigenen Gedanken zu verlieren an oder eben ein Aufgeben, ein Drüberstehen, ein Sich-nicht-mehr-dafür-interessieren.

Weitere sich scheinbar endlos ziehende Sekunden gingen ins Land ohne dass ein weiteres Wort verloren wurde.

„In Ordnung, ich werd dann mal wieder…“, ein Blick auf die Armbanduhr, „… hab da noch einen Termin…“, ein fast unmerkliches Kopfschütteln, „…war schön dich zu sehen.“

Nur kurz überlegte er noch eine Floskel des Abschieds nachzuwerfen, jedoch war die Freundin schon um die nächste Ecke gezogen bevor ihm sinnvolle Worte einfielen, wenn es auch reine Plattitüden waren.

So blieb er zurück mit lauwarmen Weinbrand, abgebrannter Zigarette und leeren Blickes – ganz so, wie er sich einen Erfolg suchenden  Schriftsteller immer erdacht hatte.

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Nicht mehr ganz Momentan

Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist zu viel Zeit, die wir nicht nutzen.(Lucius Annaeus Seneca)

Nicht mehr ganz Momentan

„Opa fragt, wann du das nächste Mal herkommst.“ „Im März… Ende März…“ „Das ist schön, dann können wir auf der Terrasse sitzen, dann ist es schon wärmer… so, mach noch was heute, dann brauch ich‘s nicht zu tun“ „Ach ich weiß nicht… keine große Lust.“ „Opa meint, du kannst deine Freundin mitbringen.“ „Ui, ehm, ich frag sie mal… allerdings wollte ich lieber für mich wandern.“ „Ja, das machst du richtig… mach heute noch was, dann brauch ich es nicht zu tun.“ „Wir können uns die Arbeit ja teilen, dann brauchen wir beide nicht so viel zu machen.“ „Ja, das stimmt. Gut, mach heute Abend noch was, dann brauch ich es nicht zu tun… ich hab nämlich keine Lust dazu.“  „Da sind wir schon zu zweit… macht‘s gut.“ „Schlaf schön.“ „Ja, ihr auch.“

Oma dreht sich noch stärker geistig im Kreise als ich. Aber ich werde sie noch einholen und dann drehen wir Pirouetten um uns herum.

Ich mag diese Vorstellung nicht.

Und der Gedankengang war wieder einmal gegen eine Wand gelaufen. Sie konnte sich nicht mehr konzentrieren… ein Leben im Moment… und doch verzerrt… nicht der Moment, nur eine Aufnahme dessen, was ist, was war, was kommen mag… Sie konnte es nicht mehr greifen, nicht mehr begreifen. Sich nur in eigenen Kreisen drehen, ohne Hoffnung auf ein Ziel… jedes Gespräch mit ihrer Oma schmerzte, denn sie erkannte diese kaum noch… nur noch ein Schatten ihrer selbst… sich ständig wiederholend… in Phrasen, in Erinnerungsfetzen, in Fragen.

Ihr ging es inzwischen nur allzu oft erschreckend ähnlich.  Wenn Unterhaltungen mit ihrer Großmutter zu Traurigkeit führten, dann brachten Gespräche, Momente mit Anderen Gleichgültigkeit gefolgt von Zweifeln.

Momentaufnahmen, wie eine flackernde Neonröhre… grell, verwirrend und unterbrochen…

Was für ein Tag ist heute? …  Weihnachten …. Warum? Baumschmuck… Was für ein Tag ist heute? … Silvester… Warum? Feuerwerke. Wieso bin ich hier? … Familienfeier….Warum? Ich weiß es nicht mehr.

„Es ist Weihnachten. Es ist Weihnachten. Es ist Weihnachten.“ „Es ist… es ist… es ist…“ „Warum?“

Auch die Stimmen in ihrem Kopf bekamen die Tage nur noch mit Mühe auseinander. Blickte sie in sich hinein so war alles Nebel. Alles war Kreisbewegung. Nichts von Bedeutung. Ein Warten ohne zu wissen worauf.

Es ist Biochemie… Könnte ich ein typisches Leben führen, wäre mein Geist nicht so verklebt? Nein. Weshalb? Auch ohne den Nebel gab es keinerlei  Klarheit. Auch ohne das Kreisen war es ein Rennen im Stillstand. Auch mit Zeitwahrnehmung gab es kein Dabeisein… immer nur ein Danebenstehen… ein Versuchen… ein Nichtverstehen. Schon immer war es diesen Leben. Schon immer war es gut. Schon immer war es die Hölle. Noch nie war es „typisch“. Der Nebel macht das Ganze nur klarer. Oma ist lediglich ein Spiegelbild.

„Es ist Silvester. Silvester. Silvester.“

Mach noch was, dann brauche ich es nicht zu tun.                                                                         (02.01.2017)