Etwas

Prolog

Wie so oft in diesen Wochen saß T. auf dem Fußboden ihres Einzimmerappartements, im Wohnbereichsteil wohlbemerkt; nicht zu verwechseln mit dem Büro-, dem Flur- oder dem Küchenabteil. Für sie war es von enormer Wichtigkeit dies zu trennen, obgleich es nur im übertragenen Sinne möglich war, da sie sich nie die Mühe gemacht hatte ihre Wohnung tatsächlich zu untergliedern. Wäre das Badezimmer nicht von Bau-wegen her in einem Extraraum untergebracht, sie wusste nicht, ob sie sich daran gestört hätte – die metaphorischen Wände genügten ihr.

Statt eines Esstischs begnügte sich T. mit ihrem Bürostuhl (Kleiderhaken, Klavierschemel, Nachttisch) als Ablage für den Kaffee und die Morgenzeitung. Nicht, dass sie keine andere Wahl gehabt oder sich aus einem moralischen Grund, wie der Abneigung unnützem Eigentums gegenüber, für diesen Minimalismus entschieden hätte, sie empfand sich lediglich als sehr pragmatisch und sah keinen nahliegenden Grund darin Möbel zu besitzen, die austauschbar waren in deren Zweckmäßigkeit .

Zum wiederholten Male blickte T. auf die Wanduhr; bereits Zehn nach Sechs. Auch ihr Mobiltelefon bestätigte das und nachdem sie ihre Armbanduhr gestellt hatte, stimmte auch diese zu. Ihr blieb nicht mehr viel Zeit, um sich auf den Unterricht vorzubereiten; sich mental darauf einzustellen unter Menschen zu sein… wäre es nach ihr gegangen, sie hätte auf die Umschulung verzichtet. Was sollte das Alles auch? Für sie machte es keinen Unterschied, welchem Beruf sie nicht nachging. Doch ihre Großmutter hatte ihr das Versprechen abgenommen letztlich doch noch „Etwas“ aus sich zu machen.

Doch was sollte das eigentlich bedeuten? „Etwas“ aus sich machen. Wer würde das beurteilen können? Wie würde die Welt aussehen, wenn alle sechs bis sieben Milliarden Menschen etwas leisten könnten, was für die Welt von Bedeutung ist? Es gäbe nichts mehr von Bedeutung, wäre alles von Bedeutung.

Und das wäre tragisch!

Zu ihrem Unmut stand T. mit ihrer Meinung allein da auf weiter Flur. Sie störte sich nicht daran, nicht ernsthaft, denn sie war davon überzeugt, dass die meisten ihrer Mitmenschen überhaupt nicht dazu in der Lage waren solche Zusammenhänge zu verstehen; zu sehr lebten sie unter dem Einfluss des Erlernten, nach den über Generationen weitergetragenen Lebensregeln, nach dem was im Allgemeinen erwartet wurde. Selbst die Menschen, welche sich lauthals gegen jede Norm aussprachen, konnten das Vorgeprägte doch nie wirklich abschütteln und wenn es sich nur darin ausdrückte, dass jede ihrer Handlungen im direkten Gegensatz dazu stand, was für T. auch nur bewies, dass ein tatsächlicher innerer Abstand wohl fehlte.

Den Kopf an die Sofakante gelehnt, sann T. ihren Gedanken nach, vergessen war der Kaffee und die Zeit. Für einen  kurzen Moment wurde sie gewahr, dass ihr Misstrauen und ihre Ungeduld anderen gegenüber unweigerlich dazu führte, dass es in absehbarer Zeit nicht mehr notwendig sein würde irgendjemandem irgendetwas zu erläutern.

Sie wäre allein – wahrscheinlich war sie es schon längst; ein Gedankengang, dem sie nie allzu weit folgen wollte, sich aber immer häufiger dabei ertappte. Langsam und hörbar ausatmend, mit zusammengekniffenen Augen schob sie das leidige Thema beiseite. T. griff nach ihrem Kaffee und verzog das Gesicht. Lauwarm.

Es wurde Zeit loszuziehen, dass, wenn sie schon nicht „etwas“ aus sich machen konnte, sie doch zumindest irgendetwas tat.

 

Akt 1

Szene 1

„Wie war dein Tag?“

Ein kurzes Achselzucken war alles was T. ihrer Großmutter als Antwort gab, bevor sie sich eine Tasse Kaffee aufbrühte.

„Hast du etwas Interessantes lernen können?“

Darauf entgegnete sie mit einem kurzen Schnauferl durch die Nase, während sie im Schneidersitz auf dem Teppich platznahm.

„Ach, jetzt sei nicht so. Du weißt genau, dass ich es nicht gutheißen kann, wenn du dich so zurückziehst!“

„Ich ziehe mich nicht zurück! Es gibt lediglich nichts von Bedeutung zu erzählen.“

„Dann eben etwas ohne Bedeutung.“

Das leichte Schmunzeln unterwanderte den inzwischen recht brüsken Tonfall und T. konnte nur grinsend den Kopf schütteln. Wie gerne würde sie ihrer Großmutter von mitreißenden Unterrichtsstunden und fesselnden Gesprächen berichten, doch alles was T. während der Schulungen zustande brachte, waren zynische Einwürfe, um die Antworten der Anderen, wenn nötig, zu verbessern und Staring Contests mit den Dozenten.

„Ich habe meinen leeren Blick verbessern können und mich mit dem Dozierenden übers Wetter unterhalten – es wird wohl wieder wärmer.“

„Das Wetter wird wieder angenehmer?! Na da weißt du zumindest schon mehr als ich.“

Es war nicht so, dass T. Weiterbildung per se ablehnte, sie konnte schlicht keine Begeisterung für diese spezielle Umschulung aufbauen. Schon das Wort  Um-Schulung versetze sie in eine ausgesprochen schlechte Stimmung; dass es nötig war, umgeschult zu werden, war für sie der Beweis des Versagens im ursprünglich angedachten Lebensweg. Aber auch die gutgemeinten Ratschläge einfach ganz darauf zu verzichten und „nur noch das zu machen, was einem Spaß bringt“, erschienen ihr wie ein Aufgeben auf halber Strecke. Es machte sie allmählich mürbe! Natürlich war sie davon überzeugt, dass es nicht von großer Wichtigkeit respektive überhaupt im Bereich des Normal-Menschenmöglichen lag dieses verfluchte „Etwas“ zu erreichen und doch kam sie nicht umhin das „nicht erreichen“ als persönliche Niederlage zu betrachten.

„Du bist nun mal auch bloß ein Kind deiner Erziehung und das ist keine Schande! Nur weil dir bewusst ist, dass das erwachsen sein nicht notwendigerweise mit Erkenntnisgewinn und dem Lostreten von erlernten Kindheitsmustern verknüpft ist, bedeutet das noch lange nicht, dass du dadurch über diesen Dingen stehst“, riss ihre Großmutter sie aus den Gedanken und brachte T. zurück zu ihrem, wieder einmal, lauwarmen Kaffee.

„Offenbar nicht“, konnte sie nur mit hängendem Kopf entgegnen.

„Hast du eigentlich mal wieder mit ihr gesprochen?“

T.s einzige Reaktion war ein sich verfinsternder Blick, bevor sie den Kaffee und die Unterhaltung zurückließ.

Szene 2

„Du siehst verwirrt aus.“

Wie um die Feststellung ihrer Großmutter zu untermauern, legte T. ihre Stirn in Falten und blinzelte einige Male, bevor sie sich ranmachte Wasser aufzusetzen.

„Ich zweifle lediglich allmählich die Fähigkeiten meiner Mitmenschen bezüglich dem Führen einer funktionsfähigen Kommunikation an“, sagte sie schließlich, während sie ihre Lieblingstasse, ihre einzige Tasse, abspülte, nur um sie anschließend mit einem gehäuften Esslöffel gemahlenen Kaffees zu bestücken.

„Du weißt, dass Text auch immer Subtext hat?“

„Ich weiß das, ich denke nur nicht, dass alle Anderen sich dessen bewusst sind“, gab T. leicht verschnupft zurück.

„Ich möchte jetzt gar nicht schon wieder in unsere Debatte über das sinnvolle und mehrsinnige Verstehen zurückfallen. Inzwischen achte ich sehr darauf mit allen Ohren zu hören, wenn möglich.“

Sie neigte kurz den Kopf zur Seite, um vergangene Gespräche darauf zu überprüfen; „wenn möglich“, so musste sie sich selbst eingestehen, hing sehr von ihrer Stimmung ab.

Als fühlte sie sich von sich selbst ertappt, zog T. ihre Lippen kraus und produzierte ein gequältes Halblächeln. Ihre Großmutter grinste breit und bedachte sie derweil mit einem gewichtigen, abwartenden Schweigen. Ihren Kaffee frisch aufgebrüht, fuhr T. fort:

„Ich glaube, ich sollte es aufgeben mit anderen Leuten Gespräche führen zu wollen. Die nehmen alles viel zu ernst oder auch wieder nicht ernst genug und meistens verstehe ich nicht worauf sie hinauswollen; zumindest enden meine Unterhaltungsversuche öfter als selten in einem allgemeinen betretenden Schweigen.“ Frustriert atmete sie nun hörbar aus.

Nur ihrer Großmutter zuliebe hatte sie inzwischen angefangen, wenn schon nicht den Unterricht, dann doch wenigstens das soziale Drumherum ernster zu nehmen und war bemüht offener anderen Menschen gegenüberzutreten. Leider begriff sie nie wirklich, an welchem Punkt einer Ausführung ein Stoppen dieser angebracht war. Nicht dass das für T. eine Neuigkeit darstellte, sie war nur erstmals in ihrem Leben tatsächlich bemüht einer gewissen Norm zu entsprechen. Einer Norm, für die ihr jedes Verständnis fehlte, die aber offenbar sobald man ein gewisses Alter erreicht hat, von enormer Wichtigkeit zu sein schien, um nicht im allgemeinem sozialen Miteinander unterzugehen und sich vor allem gekonnt Gehör zu verschaffen.

„Auch diese Unart immer davon auszugehen, ich spreche von mir, obgleich ich eine allgemeine Aussage machen wollte, die sich zum Teil natürlich auch auf eigene Erfahrungswerte stützt, was aber noch lange nicht bedeutet, dass es um mich ging!“

Wie um ihrer Emphase Ausdruck zu verleihen, sprang sie kurzerhand auf und begann in ihrem Wohnbereich auf- und abzulaufen, was aufgrund der Enge ihrer Wohnung mehr einer Kreisbewegung glich.

„Versuche zu lernen, dass die Meisten stets von sich auf andere schließen und dass sie praktisch alles persönlich nehmen. Also Informationen nicht nur mit dem eigenen Wissenstand, sondern den eigenen Erfahrungen, Neigungen, Wünschen, Ängsten, Unsicherheiten…“

„Ich denke, ich hab das Prinzip begriffen. Danke“, warf T. grummelnd dazwischen.

„…abgleichen. Das ist die schnellste und simpelste Herangehensweise“, schloss ihre Großmutter den Gedanken kurzerhand ab.

Leider nicht schnell genug, wie der inzwischen abgekühlte Kaffee anzeigte. Kurz überlegte T. diesen trotzdem zu trinken, besann sich aber eines Besseren und wandte sich erneut dem Küchenabteil zu, um sich eine weitere Tasse aufzubrühen.

Der plötzlich im Raum hängenden Satz: „Du könntest ihr auch einfach schreiben, weißt du“, hielt sie davon ab.

Szene 3

„Bevor du fragst,…“ T. hielt kurz inne in ihrem Unternehmen Wasser für den Nachmittagskaffee zu erhitzen, „…der Unterricht verlor sich heute in Schweigen und ja, es war meine Schulde und nein, es lag nicht wieder daran, dass ich versucht habe witzig zu sein.“

Der festen Überzeugung, dass das alles an interessanter und doch deutlich bedeutungsloser Information über ihrem Tag war, schaltete T. den Wasserkocher an und machte sich daran ihr heißgeliebtes Heißgetränk zu zubereiten. Kurz überlegte sie noch, die Thermoskanne aus dem Schrank zu kramen, welche sie sich hatte schenken lassen, um dem „Dauer-Lauwarmkaffee-Problem“ ein Ende zu bereiten. Doch der „Und warum habt ihr euch nun gemeinschaftlich angeschwiegen?“ Einwurf ihrer Großmutter hielt sie davon ab.

„Es ging mal wieder um die Schwierigkeiten, die beim kommunizieren aufkommen können und dass es manchmal, ob der vielen Uneinigkeiten beim Dekodieren von Texten, sinnvoll sein kann, gar nichts zu sagen.“ Das schweigende Schmunzeln im Sinne von „Was hast du jetzt schon wieder angestellt?“ bewog T. ein aufkommendes Grinsen ihrerseits unterdrückend, fortzufahren. „Naja, mir gefiel dieser Gedanke und so initiierte ich eventuell ein kleines Gruppenschweigen, um herauszufinden, ob der Dozent, der ja stets von der Notwendigkeit der praktischen Anwendung spricht, dessen Wert auch in der Lösung von Kommunikationsschwierigkeiten sieht.“ Nun vollends grinsend, goss sie sich ihren Kaffee auf und beendete den Exkurs mit den Worten. „War er nicht.“ Zufrieden damit, dass wenigstens ihre Großmutter ausnahmsweise allgemeines Schweigen als einen funktionierenden Gesprächsverlauf anerkannte, nahm sie schließlich auf ihrem angestammten Teppicheckchen platz.

„Bist du mittlerweile endlich mal zu ihr gegangen?“

Zu lange schloss T. darauf ihre Augen und biss sich auf die Lippen, um eine mögliche Antwort auf die nicht enden wollende Frage zu verhindern. Dass sich nun breitmachende Schweigen war von einer ganz neuen Natur. Als sie ihre Augen schließlich wieder aufzuschlagen wagte, war T. allein und Kaffee erneut lauwarm.

 

Akt 2

Szene 1

„Du bist nicht hingegangen“, stellte T.s Großmutter resigniert fest. „Warum?“ „Mir war heute einfach nicht nach Bedeutungslosigkeit.“ Den Kaffee, noch zu heiß zum genießen, hatte T. kurzerhand auf dem Allzweckstuhl abgestellt, bevor sie sich selbst auf ihrem Teppichplatz niederließ und den Kopf an die Sofakante lehnte.

„Gibt es denn gar nichts, was du für dich mitnehmen kannst? Ich meine, es werden so viele unterschiedliche Dinge besprochen und du lernst verschiedenste Leute kennen – da muss doch etwas für dich dabei sein.“

„Etwas.“ T. spuckte dieses verfluchte Wort regelrecht aus.

‚Etwas’…Es stand für alles und doch nichts. Sie konnte es nicht mehr hören. Nach einem tiefen Atemzug und sich dem erneuten Scheitern ihren Kaffee heiß zu trinken, bewusst, fuhr sie fort:

„Jeder ist doch selbst in der Verpflichtung dieses „Etwas“ mit Bedeutung zu füllen! Es hat keinen Wert, findet man keinen eigenen Sinn darin! Stets ist man bemüht sich in diese Welt zu integrieren, Erkenntnisse zu gewinnen im korrekten Umgang mit den Menschen und den Situationen, in die man täglich geworfen wird. Man muss handeln, darf nicht hadern, muss dazu im Stande sein sich anzupassen, um richtig zu reagieren. Man soll wissen, was man will und wie man es erreicht. Nie aber sollte man aus dem Rahmen kippen und doch muss man gleichzeitig voranschreiten ohne zurückzublicken und immer mit Rücksichtnahme im Gepäck. Man lernt sich zu verhalten wie ein Erwachsener, ob es einem passt oder nicht, denn es ist das was erwartet wird; auch wenn es einem oft genug das Herz zu brechen droht. Das Leben des Einzelnen sollte nicht einem einfachen Funktionskreislauf gleichen und doch dreht man sich ständig im Kreis. Nach jedem Erkenntnisgewinn folgt die nächste Wand in die man rennt, also muss man wieder einen Haken schlagen, gewonnene Erfahrungen überdenken und neu einbetten in der Hoffnung die Erkenntnisse bleiben anwendbar.“

T. sprang auf, raufte sich die Haare und drehte Kreise in ihrer Wohnung während sie angespannt fortfuhr:

„Woran liegt es, dass der Umgang mit der Welt so schwierig ist? Wie erkennt man, was richtig zu leben bedeutet? Denn ist muss ja ein „richtig“ geben, sonst hätten sich die Normen nicht etabliert über die man dann wieder stolpern kann, bewegt man sich außerhalb des eigenen Kulturkreises. Sind Bücher und Filme  vielleicht ein Richtungsanzeiger?“

T.s Gedankengänge überschlugen sich:

„Denn Literatur ist ja dem Leben entnommen, soll es darstellen… Wunschvorstellungen, Ängste… dieses Begehren, dass alles zusammenhängt und unweigerlich auf eine Lösung zusteuert; eine Erklärung, ein klares Ende, egal, ob unbedingt ein Glückliches. Geschichten, welche offen enden, lassen das Publikum immer mit einem faden Gefühl – mich sich selbst zurück. Doch das ist das Leben… kein ausgeklügelter Plot, wenn auch Text und Subtext stets um einen herum existieren, niemals aber das Wissen, dass das Ende einem das Gefühl der Abgeschlossenheit vermitteln wird. Nein, wenn ich schon beim Literaturvergleich bleiben will, dann erscheint mir das Leben eher nach dem klassischen Dramenaufbau nach Aristoteles gestrickt zu sein; einer kurzen Einführung des Helden folgt der Handlungsaufbau, um anschließend wieder in einem scheinbar unüberbrückbaren Spannungsfeld zu zerfallen, dann eine kurze Atempause, um letztlich in der Katerstrophe zu enden, welche man laut dem Publikum hätte voraussehen müssen. An guten Tagen fließt natürlich noch die Komödie mit ein, was die ganze Sache ertragbar gestalten soll. Nur endet das Leben, die Suche nach dem „Etwas“ nicht mit dem Applaus des Zuschauers, sondern erst mit Verlassen der eigenen Bühne. Also dreht man sich und dreht sich bis einem ganz schwindlig ist von den vielen Kurven des Lebens und dem Suchen nach der richtigen Einstellung dazu. Und wehe du kannst dein „Etwas“ nicht finden oder schlimmer noch es entspricht nicht den Erwartungen anderer. Und da wir alle geprägt sind von der Welt in der wir aufwachsen, entspricht man dann auch nicht den eigenen Erwartungen; was das ausgesuchte „Etwas“ letztlich wertlos macht.“

Traurig blickte nun ihre Großmutter drein.

„Glaubst du das wirklich?“

„Heute schon.“

 

Akt 3

Szene 1

„Warum erwähnst du nie Namen?“

„Weil ich sie mir nicht merken kann.“ Merken möchte, schob T. in Gedanken nach.

„Ich sehe in ihnen keinen Sinn. Sie sind komplett willkürlich gewählt und selbst wenn die Namensgeber viele Gedanken in deren Wahl gesteckt haben, macht die Tatsache, dass sie eine erschreckende Redundanz besitzen und sich dadurch verschiedenste Personen ein und denselben Namen teilen die Sache wieder arbiträr. Namen für bestimmte Dinge folgen zumindest noch einer gewissen Logik; nimm die Bezeichnung „Tasse“: sie kann im unterschiedlichsten Design auftreten, sobald sie in ihrer Funktion und dem Erscheinungsbild ansatzweise zur Kategorie „Tasse“ zu zählen ist, macht dieser Name Sinn.“

Dass sie ihre Lieblingstasse, ein mittelgroßes, tiefblaues, bauchiges Exemplar mit ausladendem Henkel während ihrer Ausführungen fast zärtlich in Händen hielt, sollte diese noch unterstreichen.

„Doch beispielsweise „Nicola“ hingegen“, fuhr sie abfällig fort, „ist in keine allgemeine Kategorie einordbar… man kann nicht mal mit Sicherheit sagen, welchem Geschlecht diese Person zugehörig ist oder auch ob sich eventuell ein Haustier dahinter verbirgt.“

Ihre blaue Kaffeetasse, mit dem kleinen Sprung am Rand in den Wohnbereich tragend, setze T. nach:

„Ich frage aus Prinzip nicht mehr nach Namen. Die Meisten fühlen sich sowieso immer angesprochen, wenn man eine Bemerkung macht. Auch hat es fast schon was Unterhaltsames Wege zu finden eine bestimmte Person anzusprechen ohne sie persönlich anzusprechen.“

„Na, wenn du sonst nichts zu tun hast“, schüttelte ihre Großmutter nur den Kopf.

„Aber…“, setze sie T.s Ausflüchte als solche erkennend nach “… glaubst du nicht, dass es in deinem Leben Menschen geben sollte, die deine volle Aufmerksamkeit wert sind; die du also mit ihrem Namen und nicht lediglich mit einer unnötig komplizierten Umschreibung ansprichst?“

Den Kaffee wie immer vergessen, erwiderte T. das Einzige, was sie in ihren Augen bisher wirklich vom Umgang mit Anderen gelernt hatte:

„Was soll ich mir Namen von Menschen merken, die den meinigen ab einen bestimmten Punkt doch selbst nie wieder erinnern werden?!“

Szene 2

„Ist das dein Kaffee von gestern?“

„Jupp.“

„Warum genau willst du dir das antun?“

„Ach, ich bin davon ausgegangen, dass ich eh nicht dazu kommen werden heißen Kaffee zu trinken, jetzt da du hier bist. Lauwarm… ist eine Farce, nichts Halbes und nichts Ganzes.“

T . schüttelte sich sichtbar bei dem Gedanken an lauwarmen Kaffee. Zu ihrer Verwunderung gelang es ihr auch nicht einmal den Zeitpunkt abzupassen, da ihr Kaffee wenigstens noch warm war; nein irgendwie schien dieser immer ohne Umschweife von zu heiß auf lauwarm zu wechseln und die Nuancen dazwischen zu überspringen.

„Ja, aber der Kaffee vom Vortag als Ersatz erscheint mir eher nach einem Rückschritt.“

Wie um die Worte ihrer Großmutter zu unterstreichen, verzog T. das Gesicht direkt nach ihrem ersten Schluck des traurigen Versuchs einer Alternative.

„Na, welchen gewichtigen Fragen über die  Bedeutungslosigkeit unserer aller Existenz möchtest du heute mit mir nachgehen?“, fragte T. schließlich. Nicht dass sie besonders Interesse daran hatte mal wieder in die Abgründe ihrer scheinbaren Lebensunfähigkeit zu blicken, doch ihr war fast alles recht, nur um ihr scheußliches Getränk ignorieren zu können ohne es offen zugeben zu müssen.

„Hm… okay, dann heute mal eine simple Frage“, setzte ihre Großmutter an, „Wie geht es dir?“ 

„Wenn man das Schlechte weg lässt, geht’s mir gut.“ Eine Antwort, die im Grunde nichts sagte und doch alles verrät; die Einzige, welche T. auf solch eine schwierige Frage in den Sinn kam.

„Na gut… was hältst du dann von… wann gedenkst du endlich wieder Kontakt zu ihr aufzunehmen?“

T. rieb sich die Augen. Sie ertrug diese spezielle Frage noch weniger als die Suche nach dem entscheidenden „Etwas“ in ihrem Leben und doch antwortete sie erstmals mit Worten darauf, obgleich sie keine hatte; nicht einmal vor sich selber.

„Wann hörst du endlich auf mir diese verfluchten ach so „simplen“ Fragen zu stellen, welche doch mehr Bedeutung in sich tragen als ich fassen kann?“

Die Großmutter sah sie verständnislos an. „Sobald du mir ein für allemal eine klare Antwort gibst, ohne in einen endlosen Monolog voller Ausflüchte zu verfallen!“

T. rollte mit den Augen und wandte den Kopf zur Seite. Sie versuchte genervt zu wirken, doch war nur noch verschämt. Ihr war nur allzu deutlich bewusst was ihr fehlte und weshalb es ihr so schwer fiel gewisse Fragen zu beantworten. Sie fühlte sich verloren und nicht nur ihr Leben war aus dem Gleichgewicht geraten. In ihren Augen musste man zumindest mit sich selbst im Gleichgewicht sein, nicht nur um in der Lage zu sein mit dem Kreisel des Lebens umzugehen, sondern auch um wenigstens vor sich selbst eingestehen zu können, wenn es einem nicht gut geht und dass man eben bestimmte Dinge, sogar Gedanken aufschiebt, da sie einen ängstigen und man ihnen nicht ohne Lösung entgegentreten möchte, obgleich es genau das ist, was es zu lernen gilt beim Erwachsensein.

Wie um sich zu strafen, trank sie schweigsam den Kaffee vom Vortag aus… mit einem Mal erschien ihr ein lauwarmer Kaffee nicht mehr als so schrecklich große Bürde.

Szene 3

„Zwangssozialisation!“, platzte T. aus sich heraus. „Eine perfekte Gelegenheit um Kommunikation einzuüben.“

Den leicht fragend wirkenden Blick ihrer Großmutter entgegnend, sprach sie weiter:

„Nicht im Sinne von Blinddates oder Partys mit Gästen, die man vorher noch nie getroffen hat und auch eigentlich und entsprechend aus gutem Grund nie hatte treffen wollen. Nein, ich meine steckengebliebene Fahrstühle, mitten auf der Strecke zum Stillstand gekommene Züge, eine sich lächerlich lange verzögernde Filmvorführung… Situationen, welche einen wirklich ohne vorbereitete Gesprächsfloskeln überrumpeln, wenn man auf sich allein gestellt ist und somit die perfekte Gelegenheit den Menschen hinter der Fassade kennenzulernen“, ihre mit Leitungswasser gefüllte Kaffeetasse schwingend, fügte T. mit vor Stolz schwellender Brust hinzu: „Und ich bin ein Meister auf diesem Gebiet!“

Nach jahrelangem Training mit dem Servicepersonal von Bäckereien, Blumengeschäften, besseren Restaurants und schlechteren Kneipen war T. mittlerweile dazu übergegangen bei sich fast jeder bietenden Gelegenheit Unterhaltungen mit wildfremden Menschen anzufangen, um aufkommendes bedrückendes Schweigen zu vermeiden und die so oft in unliebsamen, weil den geplanten Tagesablauf störenden, Situationen aufzulockern. Sie war sich bewusst, dass sie das wohl eher für sich selbst tat, hatte aber häufig feststellen können, dass sich aus solchen Momenten heraus die interessantesten Einsichten ins menschliche Verhalten ergeben konnten, auch verabscheute T. diese spezielle Form der Stille… sie war schlicht zu laut.

„Ja, darin bin ich gut…“, bestärkte sie sich nochmals, „und im Gegensatz zu der Normal-Kommunikation endet diese Form der Unterhaltung meist mit allgemeiner Zufriedenheit, einem freiwilligen Wiedererkennen mit „Hallo“ und Kopfgenicke, ja sogar einem ehrlichen Lächeln, was bis in die Augen reicht.“

Zufrieden und genüsslich an ihrem Wasser nippend, beendete T. ihren zusammenhangslosen Ausbruch so abrupt, wie sie ihn begonnen hatte.

„Dein letzter Versuch ein Gespräch zu führen, lief mal wieder aus dem Ruder nehme ich an.“

„Nein, im Grunde nicht… ach, ich weiß es ehrlich gesagt nicht so genau… vielleicht war es sogar gut… ich weiß nur nicht, ob ich es ernst nehmen sollte… ob ich ihren Worten, ihrem Lächeln vertrauen kann…“

Nach jedem ausgesprochenen Gedanken pausierte sie, fast aus Angst beim Hören ihrer eigenen Worte schließlich festzustellen, dass sie wieder einmal eine Situation falsch eingeschätzt hatte und mehr hinein interpretierte als tatsächlich dahintersteckte.

„Was ist los?“, stutzte ihre Großmutter, „Überanalysiere es nicht. Hab Vertrauen.“

„Ja… es ist nur so seltsam… man sollte es nicht als Einladung betrachten, wenn sich jemand mit dem Ausspruch ‚Menschen sind komisch, ich verabscheue es sie kennenzulernen!‘ zu einem gesellt und doch…“

T. hatte sich stundenlang mit diesem ungewöhnlichen Mädchen unterhalten. Über das Für und Wider des täglichen Lebens, den Kampf ums Verstehen des großen Ganzen, die unausweichliche Bürde des Abschiednehmens, über Eigenverantwortlichkeit und darüber, dass es ja im Grunde nur gesund sein kann nach dem persönlichen „Etwas“ zu streben, selbst wenn man es lediglich tut, damit die Langeweile der Alltagsroutine einen nicht verrückt werden lässt. Die beiden führten eine Unterhaltung fast einem Selbstgespräch gleich.

„Hast du sie nach ihrem Namen gefragt?“

Ein zufriedenes Lächeln war T.s einzige Antwort.

 

Epilog

T. holte noch ein letztes Mal tief Luft; hielt sie in ihren Lungen, bis diese fast brannten und mit geschlossenen Augen atmete sie schließlich langsam, sich innerlich dem unausweichlich kommenden wappnend, wieder aus

Die vergangenen Stunden lebten in ihrer Erinnerung noch einmal auf.

‚Sie hatte auf dem Sofa ihres Einzimmerapartments gesessen und ihren angenehm heißen Kaffee genossen.  Gebannt  lauschte Sie den Ausführungen ihrer neu gefundenen Freundin, während sie den Blick über den kleinen Couchtisch schweifen ließ, welcher vollbepackt war mit den Resten eines ausgiebigen Frühstücks und einer halbgefüllten tiefblauen Thermoskanne, welche in der Mitte thronte.

„Du hattest doch geplant loszugehen, vergiss die Zeit nicht!“, riss ihre Großmutter sie aus dem Moment.

„Ja, ja… keine Sorge… lass mich nur dieses eine Mal meinen Kaffee austrinken bevor er wieder zu einer lauwarmen, untrinkbaren Brühe verkommt“, zischte T. und blickte nach Überprüfen der Wanduhr, dem Handy und der Armbanduhr erneut in das Gesicht ihres Gegenüber

Menschen sind komisch, ich verabscheue es sie kennenzulernen!’… die Worte kamen ihr wieder in den Sinn und ließen sie schmunzeln.

Eine Einladung, wie für sie gemacht.

So unglaublich es auch erscheinen mochte, sie kannte diesen Satz bereits nur allzu gut.

Sie hatte ihn schon Jahre zuvor gehört, mit der gleichen Emphase und mit einem ähnlich verschmitzten Gesichtsausdruck gepaart… Ebenfalls gefolgt von einem Stunden umfassenden Gedankenaustausch, welcher T. hatte verblüfft und zugleich begeistert zurückgelassen.

Um der Parallelität dieser scheinbaren Lebenswiederholung keinen Abbruch zutun, war T. auch diesmal in die sich unweigerlich bildende Freundschaft gestürzt, welche bald wieder vergehen würde. Denn auch diese Freundin trug, im Gegensatz zu T., die Fähigkeit in sich herauszuwachsen aus der Verbindung, würde erwachsen werden. Doch sie war nicht traurig über diese Erkenntnis, denn sie wusste sie würde so lange an ihrer Seite stehen, wie sie erwünscht wäre und jeden Augenblick genießen.

„Ehm…“, ein Räuspern rief sie erneut zurück zum Hier und Jetzt, „Ist dir bewusst, dass du Selbstgespräche führst?“

„Ja, entschuldige… ich war kurz abgelenkt. Das ist meine Art meine Gedankengänge zu sortieren.“

„Und funktioniert das gut?“

„Meistens; ich bin sogar manchmal meiner Meinung.“

„Okay…“, die Freundin zuckte nur die Achseln, grinste kurz und goss sich Kaffee ein.‘

Das Gespräch mit der Freundin noch im Ohr lächelte T. in sich hinein, machte sich Mut und betrat schließlich mit leicht unsicherem Gang das Zimmer.

„Hi Oma.“

„Hallo“

Den fragenden Augen entgegnete T. mit dem strahlendsten Lächeln, was sie aufbringen konnte.

„Bleibst du zum Kaffee, es müsste gleich Zeit sein?“

T. nickte und nahm in einem der Plastikstühle neben dem schmalen Bett platz.

„Schön… das freut mich… Wie ist denn dein Name?“

in Erinnerung an Dich

(Dez. 2016)

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