unsere letzten Worte

und nun bald nach zwei Jahren ohne Dich kann ich es nicht vergessen unser letztes Gespräch…

„Opa fragt, wann du das nächste Mal herkommst.“ „Im März… Ende März…“ „Das ist schön, dann können wir auf der Terrasse sitzen, dann ist es schon wärmer… so, mach noch was heute, dann brauch ich‘s nicht zu tun“ „Ach ich weiß nicht… keine große Lust.“ „Opa meint, du kannst deine Freundin mitbringen.“ „Ui, ehm, ich frag sie mal… allerdings wollte ich lieber für mich wandern.“ „Ja, das machst du richtig… mach heute noch was, dann brauch ich es nicht zu tun.“ „Wir können uns die Arbeit ja teilen, dann brauchen wir beide nicht so viel zu machen.“ „Ja, das stimmt. Gut, mach heute Abend noch was, dann brauch ich es nicht zu tun… ich hab nämlich keine Lust dazu.“ „Da sind wir schon zu zweit… macht‘s gut.“ „Schlaf schön.“ „Ja, ihr auch.“

…vielleicht sollte ich mich fragen, ob ich es hätte ahnen sollen, dass wir es nicht mehr schaffen würden noch einmal zusammen auf der Terrasse zu sitzen – Kaffee zu trinken, Halma zu spielen oder Karten, über Nichts zu reden und über Alles, gemeinsam zu lachen und zu schweigen…

…ich brauche mich nicht zu fragen, ob ich es hätte ahnen sollen – ich wusste es genau! und unser Gesprächskreisel drehte sich aus Verzweiflung – aus Deiner, da Du nicht mehr recht wusstest was Ist und was Wird und aus meiner, da ich nicht loslassen wollte…

…es ist so merkwürdig ohne Dich, denn ich kann Deine Nähe stets spüren. Du begleitest mich und ich erzähle Dir noch immer Alles und Nichts – ich kann Dich nicht vermissen, denn ich will Dich nicht vergessen…

…nur wenn ich zurückkehre zu diesem nun so leeren und doch nie unbewohnten Haus, zu dem Zuhause, in dem ich immer Zugast war und es nun nicht mehr sein will und doch muss.
Das Haus mit den Zurückgelassenen, den ohne Dich verlorenen Seelen.
Das Haus, das immer gleich war und nun nicht mehr zu erkennen ist.
Das Haus, in dem ich Dich nie spüren kann, in dem mir auffällt, dass Du fehlst… wenn ich mich dann erinnere… wenn ich Dich vermisse… wenn ich mir dann doch für einen Moment wünsche, ich hätte mehr aus unserem letzten Gespräch gemacht.

 

 

 

mit dir

Mit dir als Vorbild

 

Bin ich eins mit der Welt

Sehe ich klarer denn je

Habe ich den Mut voranzuschreiten

Durchströmt mich Kraft

Will ich höher hinaus

Werde ich immer ehrlich sein

Kann ich den Lieben, den Bekannten, den Fremden entgegentreten

 

Kann Lachen, darf Weinen

Bleibe stark

Bin schwach ohne Reue

Habe Geduld, nehme mir Zeit

Werde leben im Hier, im Jetzt, nie zurück, stets nach vorn

 

Mit dir als Vorbild könnte ich so vieles…

Wie zahlreich

Wie zahlreich sind doch die Dinge,

 

die ich begehr – deren ich nicht bedarf

die da erscheinen überwältigend interessant – die da werden allzu leicht übersehen

die da sind so klar – die stets bleiben unverstanden

die da gehören übergroß – die sind mehr Schein als Sein

 

 

die leuchtend – die blendend

die notwendig – die nutzlos

die traumhaft – die verzerrt

die Hin – die Her

 

die weder schwarz noch weiß

die da grau in grau

die da alle sind menschlich

und nun endlich

und der Blick stiehlt sich durch noch halbgeschlossene Lider

sucht den Spalt nun zwischen Beistelltisch und Gehhilfe

sehnt sich nach Licht

 

und der Blick findet den Weg über Deckenwellen im Nachbarbett

noch leicht verrückt von Kabeln und Chrom

von Stahlgerüst und Hartplastik

 

und der Blick zieht hinweg über blau-grau gestreifte Bezüge

schwarze Stuhllehnen

weiße Vorhänge

 

und der Blick findet endlich die mächtigen grün-belaubten Bäume

die da säumen den Weg

die da winken mit wilden Ästen

die da wanken unter bunt-betupften Wolken

die da mich schließlich zum neuen Morgen begrüßen

 

 

ein Irgend_Jemand

Katze4

Fortsetzung zu ein Jemand_Anderes … geht auch gerne auf die komplette Geschichte

[…] So lag er nun also wie immer da, die stets laufende Nase ins Buch vertieft. Die blutunterlaufenen, grauen Augen flink über Zeilen gleiten lassend. Das vom Schlaf noch kreuz und quer liegende braune Haar ins Kissen gedrückt mit dem Rücken zum Wohnbereich. Als ihn auf einmal ein zu nahes Klappern, ein Türen öffnen und schließen, ein Wasser laufenlassen, ein Stuhl über Laminatboden schieben, ein Knarren im Sessel… erst verwundert aufhorchen, dann erschrocken aufrichten und schließlich entgeistert in Richtung Wohnbereich blicken ließ.

Jemand war in seiner Wohnung, saß auf seinem Stuhl, trank seinen Kaffee und schenkte der morgendlichen Nachrichtensendung seine Aufmerksamkeit…

Jemand, ein Jemand, welcher ihm bis aufs Haar zu gleichen schien.

—-

Er hätte wohl entsetzt sein müssen – sicher war er es auch oder wäre es gewesen, damals als ihn sein Dasein noch interessiert hatte. Vor langer Zeit inzwischen, bevor er sich schließlich abwandte von der Welt, von sich selbst. Bevor er sich eingestehen musste, dass er keinen Platz, kein Dazugehören hatte… es nicht zu verdienen schien.

Davon jedenfalls war er mittlerweile überzeugt. Da er doch so viel erwartete, schulterte für sich und andere, zu viel Zutrauen besaß, immer sich anzupassen versuchte, niemals herausstehen wollte und auch nie könnte, stets den Vortritt lassend, die helfende Hand reichend, den Blick zu Boden richtend – ganz so, wie es gelehrt wurde, wie zumindest er es stets zu verstehen glaubte. Nur um schließlich zu begreifen, dass er nichts verstand, dass er sich zu klein gemacht hat, dass er letztlich beinahe verschwunden war – ein Unsichtbarer, einer unter vielen, ein lebenslänglich Eingefügter und bis zum bitteren Ende ein Außenseiter, ein Zuschauer.

Ja, wenn es einen hätte treffen müssen, dass ein Jemand ihn ersetzt, er konnte es beinahe einsehen.

Er, der sich selbst nur von Innen sah, betrachtete jetzt Ihn, den Anderen, den Jemand, sein Abbild von außen.

Kurzes, gepflegte braunes Haar mit leicht ergrauten Schläfen, die ihn nicht alt sondern reif wirken ließen. Auch seine Augen grau, aber frisch ausgeruht und aufmerksam. Er hatte sich bereits fertig angekleidet – dunkle Hosen und ein kräftig grünes Hemd – schien bereit zum Aufbruch, obgleich er noch beim Frühstück und den Nachrichten saß.

Die morgendliche Nachrichtensendung neigte sich zum Wetterbericht, würde in Kürze einen erfolgreichen Tag wünschen. Der Andere saß noch immer auf dem bequemen Lehnstuhl, rührte mit der Linken den Kaffee, löffelte mit der Rechten sein Müsli – eine Körnermischung, Weizenkleie und frisches Obst.

Er, der da weiterhin im Bett lag, blinzelte einige Male, da er selbst nie über die drei Tassen Kaffee hinauskam, nie morgens zu essen vermochte und sich fragte, ob der Andere tatsächlich sein Doppelgänger sein konnte, wo dieser sich schließlich so eindeutig vom ihm und seinen jahrelang gepflegten Kaffeeritual abhob.

Stille – der Fernsehen nun ausgeschaltet. Ein Stuhlschieben, ein Klirren, ein Rauschen vom laufenden Wasserhahn. Dann Schritte und das Klappen der Haustür.

Ja, der Jemand könnte niemals sein Abbild sein und zugleich so rüstig in den Tag starten. Wo er wohl hinging? Was er wohl so trieb?

Dem Anderen zu folgen fiel ihm nicht ein. Seine Vorstellungen zeigten ihm deutlich genug, dass dieser ein traumhaftes Leben führte. Bestimmt nicht nur unter Menschen sondern mit ihnen. Nicht lediglich toleriert sondern geachtet. Nicht nur gehört vom Rest sondern vernommen.

Oh, wie traf ihn nun der Neid auf sich selbst. Er müsste all das auch haben. Würde es, wenn er nur die Kraft fand sich endlich wieder zu erheben.

Aufstehen. Losziehen. Nicht zurückblicken. Sollte es so einfach sein?

Kurz durchfuhr ihn ein Schauder. Länger noch kamen Fragen auf. Am Ende entschied er es fürs erste zu belassen.

—-

Wie immer war er frühmorgens erwacht, lauschte kurz dem Wind in den Ästen, dem Zwitschern der Vögel vor dem stets halboffenen Fenster. Wie immer machte er dann Frühsport, denn nur so bleibt man auch im Alter fit – so wusste er genau.

Die Tageszeitung zur Hand. Nach dem Aufstehen gleich geholt und natürlich mit einem freundlichen Gruß an die Nachbarn. Den Kaffee frisch aufgebrüht – nur eine Tasse am Morgen, besser es nicht zu übertreiben. Die Nachrichten im Hintergrund, der Eifer voraus, die geliebte Routine der arbeitsreichen Tage im Nacken.

Auf einmal ein Stöhnen, ein Räuspern, eine Bewegung im Bett.

Ihm stockt der Atem, denn Jemand liegt zusammengekauert in seinen Federn, mit seiner Abendlektüre unter seiner Nase, trägt seinen Schlafanzug und die schlaf-zerzausten braunen Haare…

Jemand, ein Irgendjemand, welcher ihm bis aufs Haar zu gleichen schien.

Ende

 

ein…

ein Leben hat Kurven – nicht immer sanft, nicht immer im Gleichklang mit den Lebensträumen… mit den Wünschen und Vorstellung…

ein Kreisel allzu oft – ein Strudel gar, ein Sog in Unklare, ins „Wer weiß was kommt?“…

ein Hoffen und Bangen – ein Festkrallen ans Gewohnte, ans doch so deutlich Vorbestimmte…

ein Stoßen auf Hindernisse – auf Mauern, Gräben, aufklaffende Mäuler mit scharfen Zähnen und spitzen Zungen…

ein…

ein Leben hat Kurven – die sanft werden, blickt man nicht nur noch zurück, lebt man im Hier und Jetzt, nimmt man sich dem Neuen an…

ein wieder Träumen…

ein neue Wünsche haben…

ein andere Vorstellungen entwickeln…

ein Recht zu Hoffen…

ein sich nicht nur Fügen – ein Kämpfen für sich und was geliebt wird…

ein niemals Aufgeben…

und ich warte

Ich warte aufs Warten

Auf eine Klärung der Gefühle

Auf die Gefühle selbst

Auf den Moment

Den Zeitpunkt

Festgesetzt und unverrückbar

Das Unaufhaltsame

Das… ich weiß nicht recht

Bin eingefroren im Augenblick mit dem Blick zur Uhr

Gehalten im Warten

Ich warte auf die Zeit danach

Auf wenn ich erneut warten werde

Unheilbar Optimistisch

Manchmal, inzwischen öfter als das, ist es hart… in einem Leben zu existieren, welches nur als zu oft Haken schlägt, um schwindelerregende Kurven zieht und einem fast durch die Finger zu rinnen scheint.

Man muss auf fast zu hohe Berge, über beinahe zu knappen Brücke, durch zum Teil zu tiefe Täler und wieder von vorn…

Man hat den Alltag und was das Leben so verlangt stets vor Augen und es erscheint so einfach nicht zu kämpfen… es wäre doch so viel leichter aufzugeben, sich zu ergeben… doch!

Es muss einem egal sein, was manch anderer denkt, zu wissen glaubt, für Erwartungen stellt…

Krank zu sein und sich ständig dafür erklären zu müssen, Angst zu haben immer abhängiger zu werden, sich als weilen hilflos zu fühlen, sollte und darf und wird die Lebensfreude, die Neugier, den Spaß, die Hoffnung, das Lachen, das Träumen… den morgigen Tag nicht nehmen!

Heute ist Welt Multiple Sklerose Tag.

ein Jemand_anderes

Der Tag, an dem er aus seinem Leben fiel, fing eigentlich ganz harmlos an…

Wie so oft erwachte er kurz vor 5Uhr morgens und versuchte gar nicht erst weiter nach Schlaf zu suchen. Wie immer an solchen Tagen stolperte er direkt ins Badezimmer, wie zu oft erfolglos; schon lange nicht mehr enttäuscht, dass seine Blase ihn zwar mit Gewalt geweckt hatte, aber sich schließlich weigerte ihm Erleichterung zu verschaffen; das Alter vermutlich.

Tief durchatmend zog es ihn zurück ins Bett, zog es ihn zur zu schwach leuchtenden Lampe und zum aktuellen Buch. Bewusst nicht auf die Nachbarn lauschend, lag er nun da und las – las einige Stunden, da es im Grunde nichts zu tun gab außer sich die Zeit zu vertreiben und aktiv nicht darüber nachzudenken, dass es im Grunde nichts gab in seinem Leben, das seine Aufmerksamkeit verlangte.

Es war kein Kampf mehr; das Nichts-zu-tun-haben. Es war eine einfache Tatsache, die es zu akzeptieren galt oder wenigstens zu ignorieren… und das tat er nun – Tag ein, Tag aus.

In Herrgottsfrühe erwachen, nicht auf die Nachbarn lauschen, stundenlang lesen, Kaffee zum Frühstück, Nachrichten auf leerem Magen, Löcher in die Luft starren, Lesen, zu wenig essen, ein paar Schritte an der frischen Luft… nicht lauschen, ein Glas Weinbrand zum Abend und von vorn.

Ein Leben im mittleren Alter ohne Aussicht auf Verbesserung, ohne Kraft schon wieder von Null anzufangen, ohne Muße irgendjemanden noch irgendetwas erklären zu müssen.

So lag er nun also wie immer da, die stets laufende Nase ins Buch vertieft. Die blutunterlaufenen, grauen Augen flink über Zeilen gleiten lassend. Das vom Schlaf noch kreuz und quer liegende braune Haar ins Kissen gedrückt mit dem Rücken zum Wohnbereich. Als ihn auf einmal ein zu nahes Klappern, ein Türen öffnen und schließen, ein Wasser laufenlassen, ein Stuhl über Laminatboden schieben, ein Knarren im Sessel… erst verwundert aufhorchen, dann erschrocken aufrichten und schließlich entgeistert in Richtung Wohnbereich blicken ließ.

Jemand war in seiner Wohnung, saß auf seinem Stuhl, trank seinen Kaffee und schenkte der morgendlichen Nachrichtensendung seine Aufmerksamkeit…

Jemand, ein Jemand, welcher ihm bis aufs Haar zu gleichen schien.

Fortsetzung folgt

in Szene gesetzt

„Warum schreibst du nicht?“, fragt die geliebte Muse, die Liebe, sein Anfang, sein Ende.

Seine Antwort ist Schweigen… ist lauthals schreiend alles zu sagen ohne ein Wort… ist Nichts, was sich zu Papier bringen lässt.

„Wieso nimmst du nicht einfach die Feder zu Hand und lässt dies Werkzeug dein Tun lenken? Es muss nicht sinnvoll sein. Es muss nicht zur großen Kunst evolvieren. … Nur schreib!“, zischt sie nun beinahe.

Der Autor sieht nicht mehr in ihre Richtung… hat sich abgewandt… untermauert sein Schweigen mit Körpersprache, mit deutlicher Unteilhabe am Gespräch.

„Du wirst es sehen! Federstriche werden zu Buchstaben… Buchstaben zu Silben… Silben zu Worte… Worte zu Sinn… Sinn zu allem Anderen… Alles was für dich zählt… ein Ausdruck deiner Selbst unter gewähltem Pseudonym… Wahrheit im Verborgenen… gewundene Ehrlichkeit in verzerrter Sprache…!“

Sein Gesicht fällt als er sie schließlich anblickt. Als er ihr leer in die so wachen Augen schaut und bezeugt, wie ihr Glanz abzustumpfen scheint. Wie sie immer müder wird… wie sie es leid ist gegen seine Wände anzureden… wie sie die gut gemeinten Ratschläge nur noch versinken sieht im Sumpf seiner Selbst… im Zweifel … wie sie es bald aufgeben wird lediglich sich selbst zu lauschen im einseitigen Gespräch.

„…“

Ein tiefer Atemzug und der Autor ist sich sicher, sie wird ihn verlassen und das zu recht…

Wie erstaunt wird er sein, wenn sie sein ergrautes Haar streichelt, wenn sie ihm Tee bringt, wenn sie sich zu ihm setzt und sein Schweigen teilt, wenn sie mit ihm gemeinsam aufs Erwachen wartet.

Persönlich – Versöhnlich

Gedankengänge im Selbst

So verwunden diese auch sein mögen

Persönliche Erfahrungen

Im so Etwas wie Schicksal

 

Stets mit Bedacht geäußert

Verpackt, verschnürt, verschüttet in Wortspielerei

Geformt, geschmückt, gegossen in Fragenzeichen, in Wunschvorstellung

Im Hoffen

 

Aus sicherer Entfernung

Im Reden durch die Augen Anderer

Durch anonymisierte Dritte

Wahrheiten erträglich durch Verfremdung, Entpersonalisierung, durch ein Beiseitetreten vom Sein

 

Betrachtungen

Von außen, vom Innen

Spiegelbilder

So fast schon versöhnlich mit dem Sich, der Welt, mit dem was wohl zu Leben heißt

 

nun nach 424 Tagen

das Alles – noch gleich

das Alles – wie es immer war

das Alles – nach altbekannten Rhythmen

all das… es ist nicht mehr

wird nicht mehr

nicht mehr so ganz

 

bloß noch Spuren vom War

schon ausgedünnt, ausgefranst

bald entrückt, verzerrt, verschoben

 

eine neue Realität, ein Schmerz, ein sich-damit-abfinden-müssen

ein vor-antwortlosen-Fragen-stehen

 

eine viel zu laute Stille

eine unerträgliche Leere im voll besetztem Haus

eine unliebsame Veränderung

ein notwendiger Wandel

 

ein nun – immer –  noch

nach 424 Tagen ohne Sie

.

.

.

Katze4

in der Stille

nun

noch zu Gast?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

und es ziehen die Worte

und es ziehen die Tage

vertrieben fast die Dunkelheit

vergangen beinahe die Kälte

 

ein Ahnen von Wärme

ein nahes Summen schon bald

ein Öffnen der Knospen, der Herzen der Welt

 

es ziehen die Tage

es streift die Zeit

es erklimmen Gedanken den Sinn

 

ertastende Worte

ein Sehnen nach Mehr

ein Frühjahrsgefühl

 

im Selbst_Gespräch Tag 3_Szene im Zug auf dem Weg zurück nach Vorn

zum Rest der Geschichte

Katze4im Selbst_Gespräch

Tag 3

Szene im Zug auf dem Weg zurück nach Vorn

Die Ohren verstopft, sitzt er da.

Sitzt zusammengefaltet auf einem Fensterplatz.

Sitzt eingeengt im übervollen Wagon.

Sitzt vor den leeren Seiten seines Notizbuchs.

Im Kopf noch die letzte Nacht, die sich zog wie Hundert Tage. In Erinnerung – ganz klar, ganz deutlich, fast schillernd – die Fähigkeit zu Schreiben… die Kraft gewählte Gedankengänge in kunstvolle Bahnen zu lenken… die Mittel Worte zu Formen, zu Fügen, zu Halten… das Bedürfnis endlich wieder Autor sein zu wollen… der Wunsch den ausgesuchten Weg zu gehen… die Hoffnung… die Hoffnung… die Hoffnung… auf was nochmal?

Den Füllfederhalter im starren Griff bereit, so wie die unbeschriebenen Blätter im Schoß. Bereit die Gedankenstapel, die Gefühlswirren und Wortgedichte aufzunehmen; sie festzuhalten für die Ewigkeit. Nur, der Autor wagt es nicht dem Schreibgerät die Hand zu führen… bald schon zittern die verkrampften Finger… bald schon stößt er laut seinem Atem aus… bald schon flucht er deutlich hörbar durch verkniffene Lippen… bald schon spürt er die Blicke der anderen Fahrgäste.

Leicht peinlich berührt, packt er seine Utensilien zusammen, wendet sich zum Fenster, betrachtet den Fahrtweg, die Natur, sein Spiegelbild… das Gesicht eines Fremden.

Befremdlich die Züge, die alles Infragestellen… die sich zu wundern scheinen… die unberührt den Wundern gegenüber nur noch Zweifeln, nur noch sind. Die Stirn in Falten gezogen, mit sich fast berührenden Brauen, mit halb geschlossenen Augen, mit schmalen Lippen, die das Lächeln vergessen haben.

Denn in dieser Nacht wie vor Hundert Tagen blieb er erstmals für sich. Blieb er ohne Traum an sie… fand keine Spur von ihr… führte die Gespräche bloß noch mit sich selbst… konnte sich nicht vormachen, sie würde stets an seiner Seite sein – seine Geliebte, seine Liebe, seine Muse.

Unter dem bedrückenden Blick seines fremden Selbst rutscht er weiter in sich zusammen, macht sich kleiner, will versinken… sich verstecken… bis der Fahrgast zu seiner Rechten ihn unwirsch anstößt, ihn finster anblickt, ihn unfreiwillig rettet vor sich selbst.

Nein, er will nicht so sein, wie der Fremde, wollte es nie… ein Verschließen der Augen, ein weiterer tiefer Atemzug, ein Erinnern daran, weshalb er in den Zug gestiegen war… er wird sie wiederfinden – seine Muse, seine Geliebte, seine Liebe – und so auch sich selbst.

Fortsetzung folgt

G lück en Fühl ler

Gedanken wie Ton

gepflückt, geschnitten, gebrochen

aus Klumpen, aus Blöcken, aus Brocken

 

Gedanken wie Kunst

geplant, durchdacht, doch im Affekt

geformt, gezogen, gestreckt

 

Gedanken in Worte

gefasst, schwer greifbar, vergänglich

in Schnörkeln, in Fetzen, voll Fragen an Dich

 

Gedanken mit Gefühl

durchströmt, überschäumend, lückenlos

bloß still, bloß künstlich, bloß stumm

nur die Worte fehlen mir

Wolkenbilder ziehen Geschichten schreibend am  Firmament entlang, bezeugen das unstete Sein, den Wandel, das Leben.

Überwältigende Schönheit im Atem der Natur, in Kreisläufen, in Systemen, im Entstehen und Vergehen.

Ein Hintergrundrauschen, ein Strömen, eine Tatsache, ein Gefühl – immer da – kraftvoll,  beruhigend, aufwühlend… im Willen dies Feuer, die Intensität, die Hingabe ans Hier und Jetzt, ans Damals und Später in Worte zu kleiden, auszuschmücken, deutlich, faktisch fassbar zu machen.

Nur mir fehlen die Worte…

Gedanken_Gang

Das Voranschreiten,

wenn auch nur langsam, verzögert, ausgebremst…

das Weitergehen,

sich dem Unbekannten Stellen, sich Endgegenstämmen, Aufbäumen, Größermachen als man ist…

mutig sein, um Hilfe bitten,

Entscheidungen treffen und daran festhalten, diese verwerfen, wenn angebracht…

sich dem Schicksal fügen, es annehmen, sich darin zurechtfinden, es in die eigene Hand nehmen…

auf dem gesteckten Pfad bleiben, neue Abzweigungen suchen…

Leben.

im Selbst_Gespräch…Szene im Morgengrauen mit dem Blick zur Fensterscheibe

„Was machst du da?“ Ihr Schmunzeln ist hörbar.

„Warten.“, bricht seine Stimme nach kurzem Zögern hervor.

„Auf was wartest du?“  Ihr Kopfschütteln ist spürbar.

„Auf das Licht.“, betont er ungeduldig. Ihr langgezogenes Ausatmen lässt den Autor nachsetzen: „Sonnenlicht; ich will die Blumen am Fenster betrachten. Ich will sehen, wie der Sonnenschein durch die Scheibe fließt, wie er die Eisblumen durchdringt, zum Glänzen bringt… wie sie glitzern bevor sie vergehen. Ich möchte es genau beschreiben können, das Schauspiel in Worte kleiden, die Gefühle darlegen.“

„Die Gefühle?“ Ihr fragender Blick ist schneidend.

„Meine Gefühle.“, zischt er in den Raum.

Der Autor schaut sich nicht um, hält seinen Blick stur aufs Glas gerichtet. Er braucht sie nicht zu sehen, um ihr Stimme zu hören, ihr gespieltes  Schellten zu spüren, um das so geliebte Prickeln auf seiner Haut fühlen.

Er kennt all das so gut; ihren Atem, ihre Wärme, ihre sanfte Haut.

Er braucht sich nicht umzusehen… er weiß, dass sie nicht da ist; noch nicht wieder da ist.

Der Autor vermisst seine Muse, wie er noch nie etwas vermisst hat in seinem Leben. Er vermisst sie so sehr, dass er sich wünscht, er hätte sie nie getroffen… sich nie verliebt… sich nie auf die Gefühle – seine Gefühle – eingelassen. Fast wünscht er es; beinahe sehnt er sich zurück. Manchmal hätte er gern das Empfinden nie erlernt, nie verstanden, sich nie darin verloren…

Denn kann man Vermissen, was man nie kannte?

„Es ist noch zu zeitig, zu warm für Eisblumen.“, lacht sie mit seiner Stimme.

Den Blick senkend, dreht der Autor sich in den Raum… sucht er die Nähe seiner Liebe… badet er in Erinnerungen an sie… lässt sich durchströmen, wie die morgendlichen Sonnenstrahlen nun das Fenster.

 

Katze4dies ist/wird Fortsetzung von „im Entsehen begriffen“

noch zu Gast?

und wieder in diesem Haus

das da unverändert steht seit 20 Jahren

und nichts ist mehr wie früher

und doch ist alles gleich

 

sie fehlt

 

die Zimmer nun im Wandel

ein Umbruch, ein Austausch

für Neues, für andere Menschen

kein Raum mehr für den Gast

 

nur sie fehlt

 

es gilt auszuweichen, klein machen

bloß nicht stören

bloß niemals stören

zumindest das blieb gleich

 

und sie fehlt

 

ihr Platzt ist leer und wird es bleiben

sie fehlt auch mir und darf nicht fehlen

ists unerhört, unerlaubt, unsagbar gar

die Zeit muss es richten

 

doch sie fehlt

 

Teil der „zu Gast“ Reihe

Katze4 in der Stille

Katze4nun

 

 

 

 

 

 

 

denn

Szene mit dem Kinn unter der Decke und dem Ohr an der Wand

Er erwacht.

Er will dies nicht; er schreckte hoch.

Nicht die Nase verrät ihm diesmal den Grund des ungeplanten, unerwünschten Erwachens, sondern die Ohren.

Obgleich zugestopft, ein ständiges Lauschen, ein Wachen, ein Warten.

Das Bienenvolk in der Außenwand, die Mücke vom Vorabend, das Ticken der Wanduhr, die Bewegung des Nachbarn, der Verkehr vor dem Haus… nicht wirklich gehört, vielmehr erahnt. Eingebrannt in die Nerven, lebendig in seiner Vorstellung.

Erneut ein Krack, dann ein Rollen über Dielenfußboden; keine Einbildung angespannter Sinne, der Nachbar ist wach und ließ etwas fallen offenbar.

Er spitzt die Ohren… ein Klack Klack von Schuhen, ein Knarksen – Tür öffnet, ein Klappen – Tür schließt, ein Poltern im Treppenhaus, ein letztes Klappen… Ruhe.

Ein tiefer Atemzug, ein Umdrehen, ein Wieder-in-den-Traum-finden-wollen.

Denn im Traum kann er sich einbilden, er wäre nicht allein, er würde sie nicht vermissen, er hätte nicht zu viel Zeit und doch zu wenig irgendwie – er wäre kein Autor ohne Muse.

Das Kissen neben ihm noch immer kalt und voll von ihrem Duft; seine Liebe, seine Geliebte, seine Muse…

Den Nachtschweiß noch auf der Stirn, tropfend von der Nase, klebend am Rücken.

Nicht nur das T-Shirt mehr als feucht; ein Albtraum?

Nein.

Ein Erinnern an Vergangenes, an Vergänglichkeit, an Hoffnung zugleich; auf mehr…

 

Katze4dies ist/wird Fortsetzung von „im Entsehen begriffen“

 

Szene mit dem Kopf auf dem Kissen und dem Geist in den Wolken

Dunkelheit, Wärme, das wohlige Gefühl der Sicherheit augenblicklich durchbohrt, zerbröckelt verflogen durch einen Duft.

Nur den Bruchteil einer Sekunde braucht es, ihn zu wecken, angewidert zu sein, durchflutet zu werden von unangenehmen Erinnerungen.

Was ist es, das diesen speziellen Geruch so unerträglich macht, dass keine Brücke geschlagen wird zwischen Odeur und Mief, dass ihm nichts bleibt als aufzuspringen, das geliebte Nest zu verlassen und die Fenster zu zuschlagen?

…  oder eben selbst nach einer Zigarette zu greifen, um aus passiver Belästigung aktives Kurzweil zu machen?

Nicht mitten in der Nacht, nicht nach milden Träumen, nicht hinter verschlossenen Türen – sie würde es nicht gutheißen, dessen ist er sich sicher!

Wachliegend verliert er sich in einer Faszination für Wahrnehmungsunterschiede, die ausgelöst werden aufgrund unterschiedlicher sensorischer Wege in Verbindung mit Erfahrungswerten…

Acetylcholinrezeptoren lassen sich nur zu gerne besetzen, wie es ihm scheint, überdecken so jede Warnung der olfaktorischen Perzeption… doch niemals losgelöst von der bewussten Konsumierung; lediglich ein Toxikum.

Rücksinnen in Kindheitsmomente verbracht in seltsamer Erregung, ja auf der Suche nach diesem speziellen Aroma auf der Rückbank des Familienwagens. Stets vorgebeugt; so nah wie möglich hin zum Beifahrersitz, zur Mutter, welche rauchend und selbstvergessen den Blick nicht vom Tachometer nahm…

Wann geschah die Neubelegung dieses Geruchs? Wodurch kam die Abneigung, die Abwehr, der Fluchtinstinkt oder eben der persönliche Konsum als Gegenreaktion?

Überwältigende Müdigkeit zieht ihn tiefer in die Federn, weg von den Gedankenströmen, hin zu ihrem Parfüm, das ganz ohne sie noch auf dem Kissen liegt.

Ein eigener Wohlgeruch, schwerwiegend, wie der kalte Gestank einer Zigarette zur Nachtzeit. Gleichbedeutend stets fähig ihn aus seinen Träumen zu rütteln, ihn zu sich zu ziehen, ihn in Erinnerungen an bessere, verlorene Zeiten zu stoßen, ihn zurückzulassen in sonderbarer Wehmut… doch in Kontradiktion niemals abstoßend, abschreckend und keinesfalls in Zweifel an sonst klare Gewissheiten.

Doch geradeeben, in dieser Nacht, auf noch nicht absehbare Zeit bleibt er allein mit ihrem Duft… schlaflos, hellwach, gepeinigt von Monotonie, von Sehnsucht.

Nur er selbst und eine leere Betthälfte, die er nie zu stören wagt.

Katze4dies ist/wird Fortsetzung von „im Entsehen begriffen“

Wie beschreiben

Ein Wimpernschlag

Ein Atemzug

Ein Umschauen

Ein Nichterkennen

Ein Knacken hinter den Augen

Ein Rauschen im Ohr

Ein Bröckeln der Fassade

Ein Ruck

Ein Sog zum Strudel abwärts, seitwärts, niemals hinauf

Ins Unbekannte… Ins Dunkel… Ins  Selbst

Wo bin ich und wann

Ist es bald „wer“

Sprecht mit mir… Haltet mich im Augenblick… Greift nach mir, wie ich nach Strohhalmen

Am Rande des Abgrunds zum Selbstverlust

Surreale Normalität

Fantastischer Realzustand

Außerhalb der Momente

Mit dem Wissen um die Ungewissheit eines Seins

Eines Daseins im Verschwinden, in sich selbst verlieren, im Hineinkippen, Hinausfallen, Versinken…

Wie beschreiben…

Kannst Du…

Kannst Du mich sehen

in der Dunkelheit umgeben von Licht

 

Kannst Du mich hören

in Frage stellend jede Antwort

 

Kannst Du mich halten

rastlos im Stillstand ohne Ziel

 

und hier sind die Dinge, die ich nicht verstehe

und hier ist die Welt, die mich verschreckt

und dort bist Du

 

Kannst Du

Kannst Du all das

was ich nicht kann

 

zweifel_los

Stetes Drängen der immer gleichen Gedankenkreisel.

Ein Aufreihen… ein aneinander Reiben…

Ein Zusammenwürfeln… ein Verschieben…

Dann ein Knirschen… der Zerfall…

Und wieder von vorn.

 

Von vornherein…

Ein beständiges Fragen, ein Hinterfragen mit Zwischenfragen ohne Halt…

Ein Widerhall… ein Missverstehen…

Dann ein Knacken… der Zerfall

 

zweifelsohne… zweifellos… zweifelsfrei…

…Selbstzweifel…

 

Wie ein Leben mit angezogener Handbremse, wie ein Rollen im Leerlauf, wie das Fahren mit Notbereifung… stets mit Obacht, abhängig, unter permanenter Kontrolle und dem Fuß rechts vom Gaspedal.

 

SehnSUeCHTig

Wartend gehen

auf und ab

ab und auf

 

schweißige Hände

zittrige Finger

knirschende Zähne

Rauschen im Ohr

 

dröhnend

tosend

betäubend

das Herz tobt in der Brust

 

dann DU

 

dein sanftes Lächeln … mein manisches Grinsen

dein strahlender Blick … meine aufgerissenen Augen

deine unterstreichenden Gesten … mein unwirsches Rudern mit den Gliedern

 

kein schweigendes Gespräch

ein Redefluss

mein Redeschwall

ein auf dich niederregnen großer Worte … verschluckt jedes Zweite

 

überschwängliche Nichtigkeiten poltern von den Lippen

ungesagte Notwendigkeit bleibt ausgedörrt auf der Zunge zurück

ein Meer von Gewäsch

 

ein übergroß sein wollen

 

für DICH

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nun

in diesem Haus des Zeit s t i l l standes

mit Allem stets am festen Platz

mit dem gleichen Gefühl seit 20 Jahren

ist n u n eine seltsame Ruhe ohne Heimatgefühl

 

noch immer als Gast

noch immer auf ein Zimmer beschränkt

eine D a s e i n s Blase

keine Frage nach damals, heute, morgen

 

geschützte Gefühlswelt

da h i e r ohne Erinnerung an Empfindungen,

die doch sein sollten,

doch fehlen müssten,

die doch zu erwarten wären

 

im A u g e n b l i c k in diesem Haus, diesem Zimmer

bin ich nicht verloren, obgleich stets allein

Allegorie durch die Seelenfenster

Gedankenströme wie M u s i k

fließend, weich, fliehend, sprudelnd, konzentriert

sich im Kreise drehend

un_endlich

un_wirklich

un_überschaubar

wunder_schön

wunder_lich

Gedankenströme w i e Musik

Abrisse im Loop, im Looping mit sich selbst

Aufschrei im Bandsalat, gelockert, gezwängt, verwickelt bis zur Unkenntlichkeit

Sprünge, geschüttert, ausgesetzt, abgebrochen

Nichts, infiziert, zerstückelt, verloren ohne Backup

G e d a n k e n ströme wie Musik

Texte, Sätze, Worte

Wortteile

Wortfetzen

Laute

Nichts

Gedanken s t r o e m e

Katze4

Bei Kerzenlicht betrachet

Die Tage, an denen ich das Gegenüber im Spiegel nicht erkenne,

sind gefüllt mit Fragen.

Und immer dasselbe Gespräch.

Du kennst sie, auch wenn du sie nicht erkennst!

„Warum schweigt sie mich an?“

Sie hat keine Sprache. Die hatte sie nie. Die brauchte sie nie.

„Verstehen wir uns an anderen Tagen? An den Tagen, da ich sie erkenne?“

Nein.

„Ich möchte sie aber verstehen. Ich will, dass wir uns verstehen. Ich möchte sie fragen, ob es ihr bald besser geht, ob sie bei mir bleibt, ob sie bei mir bleiben will.“

 

Vor dem Fenster tobt der erste Frühjahrssturm.

Ich sitze im Halbdunkel.

„Wieso erkenne ich sie nicht?“

Es ist ja nur manchmal.

„Das ist keine Antwort.“

Du stellst die falschen Fragen.

 

Als ich mich wegdrehe, blitzt es.

Ein Schauspiel im Nacken.

unerreichbar, fliehend, kraftvoll, wunderschön, einzigartig, vergänglich

und immer nur aus dem Augenwinkel, immer nur ein Bruchteil, immer wie leben

„Wie lautet die Frage?“

Willst du es? Willst du dich umdrehen? Willst du es wagen? Wirst du dich trauen?

„Morgen bestimmt…“

m o m e m t mal

erstarrt … verklebt im Fluss der Zeit w a h r n e h m u n g… den Blick stets auf der Uhr

Bewegungen nur noch g e z o g e n… erschwert, verklumpt, versunken… in einem Rennen ohne Pause, ohne Ziel, ohne Sinn

Sinn, Unsinn, Besinnung, SINNLOSigkeit, Sinnbilder

was wollte ich sagen? wo wollte ich hin?

jedes Wort zu viel… und immer im Gespräch

zur Kunst…Sammlung Katze4

Lass doch die Fruchtfliege, Fruchtfliege sein

Viele großartige Bücher beginnen mit einem Zitat.

Wobei dann meist einem angesehenen Menschen mit seinen ebenso ansehenswerten Aussagen gehuldigt wird.

Um also meine Großmutter zu zitieren: „Morgen fangen wieder hundert Tage an.“

die erste Party

Wenn man Fünfzehn ist, gerade erst einem Jugendverein beigetreten – man sollte wohl sagen „wurde“, denn wirklich freiwillig, trat ich dem JugendRotKreuz damals nicht bei – und die erste richtige Party ins Haus steht, so ist man voller Erwartungen.

Erwartungen über das wer und wie und was…und natürlich darüber, ob das nun endlich die alles entscheidende Leben verändernde Erfahrung wird, von der sicher jeder Teenager träumt.

Nein, nicht gleich wilder Sex auf dem Männerklo, sondern natürlich irgendwas spirituelles, etwas Aussagekräftiges, etwas, an das man sich auch Jahre später noch wohlwollend zurückerinnern kann.

Vermutlich ziehen die meisten Jugendlichen in dem Alter doch das mit dem Sex vor.

Ehrlicherweise sollte an dieser Stelle noch erwähnt werden, dass trotz meines stets alles überragenden Anspruchs an mich selbst, etwas Besonderes zu sein, irgendwie anders als alle anderen, vielleicht sogar besser, weil doch immerhin tiefgründig, hätte auch ich die Nummer mit dem Sex allem spirituellem Tiefgang vorgezogen.

Aber das hätte ich damals nie zugegeben, wollte ich doch so unbedingt außergewöhnlich sein.

Was von meiner, doch recht verschwommenen, Erinnerung noch übrig blieb, waren die weniger spirituellen, aber umso schlechteren Horrorfilme, ne ziemlich üble Mischung Alkohol und der Trennungsversuch Mayas von ihrem Verehrer – der Erste von vielen.

So gegen 1Uhr an dieser viel zu warmen Januarnacht des Milleniumjahres kuschelte ich mich schließlich selig betrunken in meinen Schlafsack und ließ die lausige Party, Party sein. Wäre nicht ein hacke dichter, leider nur noch Unterhosen tragender Junge schwungvoll auf mich drauf gesprungen, ich hätte die nachfolgenden neun Jahre vermutlich ganz anders zugebracht…

Wie ich inzwischen aus reichlicher Erfahrung sagen kann, ist es überhaupt nicht hilfreich einem recht angetrunkenen Menschen auf den Bauch zu springen und ihn so aus seinem wohlverdienten Erholungsschlaf zu reißen – nicht dass mir danach noch mal jemand solch einen Weckgruß bereitet hätte, aber ihr wisst, was ich meine.

Auf dem Damenklo ließ ich mir die ganze Party dann noch mal durch den Kopf gehen, zweimal, wenn’s man genau nimmt, nur um dann festzustellen, dass die ganze Bande mittlerweile am pennen war.

Alle, bis auf einen sehr nüchternen, weil zu spät erschienenen, Metaller Mitte zwanzig, der mir nur einen einzigen Blick zuwarf, bevor er sich der anderen, auch noch nüchternen, weil damals Antialkoholikerin, Person zuwandte, auf die er, wie ich später erfuhr, ein Auge geworfen hatte.

Nur ein einziger Blick und ich wusste genau, nur er ist dazu in der Lage meine Welt vollkommen auf den Kopf zu stellen, mich auseinander zunehmen und Stück für Stück neu zusammenzufügen, mich mitzureißen, egal was auch passieren möge und mir das Herz zu brechen, so oft es ihm beliebt.

Nur ein einziger Blick und ich war verloren.

***

[…]

zum Rest der Geschichte

Erster Akt. Die Begegnung. Szene unter Menschen

Ein Tag, nicht wie jeder andere und doch auch nichts Besonderes. Was war es? Ein Freitag? Nein, ein Donnerstag… wie immer zu viel zu tun und kaum Zeit sich über den Sinn oder Unsinn Gedanken zu machen.

Er war gelangweilt.

Die Woche voll beschäftigt, doch es wollte ihn einfach nicht interessieren; nicht genug, um ihn bei Laune zu halten, nicht annähernd genug, um ihn dazu zu bringen emotional beteiligt zu interagieren, noch weniger, um dergleichen zu investieren.

Stand er am Bahnhof oder im Foyer eines Kaufhauses, vielleicht im Wartebereich eines Arztes oder eines Kinosaals?

Wenn er lediglich die Menschen betrachtete, konnte er sich nicht sicher sein… zuerst eine angespannte Ruhe, dann Start gemurmelter Gespräche, später ein Rauschen von Stimmen… bis plötzlich etwas geschieht… eine Durchsage über Lautsprecher, das Aufrufen eines Namens, das sich anbahnende Öffnen von Saaltüren… ein allgemeines Luftanhalten, ein Lauschen in Erwartung, ein Augenbrauenhochziehen, ein Kopf zur Seiteneigen… ein kurzes Räuspern und die Welt dreht sich weiter wie gehabt.

Ein langes Schließen der Augen, kein Blinzeln, ein eindeutiges Dunkler-werden hinter Lidern bevor das Licht und die Kontraste wieder deutlich werden… Langeweile… obwohl weder am Bahnhof, im Kaufhaus, beim Arzt oder im Kino, aber unter Menschen. Nach dem diesmaligen Räuspern hatte eine Band angefangen zu spielen und mit ihr die Aufmerksamkeit Aller auf einmal entgegen der Bühne gerichtet.

Aller, bis auf seiner und ihrer.

Ihr Blick strahlte etwas Bekanntes und doch aufregend Fremdes aus, aus ihrer Haltung sprach seine Langeweile, eine verwandte Gleichgültigkeit, eine erzwungene Beteiligung… sie war mit den Bandmitgliedern befreundet, aber desinteressiert an deren Kunst… anwesend aus Teilhabe, aus Rücksicht auf Gefühle, aus Gründen, die tiefer gingen als alles, was er je verstand, je verstehen würde.

Der Wunsch der einzige Grund ihrer gerichteten Hingabe zu sein, ihre ungeteilte Beachtung zu finden, zu versinken in ihrer Hingabe, ihre volle Geistesgegenwärtig zu spüren, begann sich zu festigen… meißelte sich ein in seinen Verstand, vibrierte in seinen Fingern, pulsierte in seinem Blut… führte zu einer fast lächerlichen Synonymsuche.

Er war ihr begegnet, jetzt wollte er sie kennenlernen.

zur Entfaltung des Ganzen Katze4

 

Etwas

Prolog

Wie so oft in diesen Wochen saß T. auf dem Fußboden ihres Einzimmerappartements, im Wohnbereichsteil wohlbemerkt; nicht zu verwechseln mit dem Büro-, dem Flur- oder dem Küchenabteil. Für sie war es von enormer Wichtigkeit dies zu trennen, obgleich es nur im übertragenen Sinne möglich war, da sie sich nie die Mühe gemacht hatte ihre Wohnung tatsächlich zu untergliedern. Wäre das Badezimmer nicht von Bau-wegen her in einem Extraraum untergebracht, sie wusste nicht, ob sie sich daran gestört hätte – die metaphorischen Wände genügten ihr.

Statt eines Esstischs begnügte sich T. mit ihrem Bürostuhl (Kleiderharken, Klavierschemel, Nachttisch) als Ablage für den Kaffee und die Morgenzeitung. Nicht, dass sie keine andere Wahl gehabt oder sich aus einem moralischen Grund, wie der Abneigung unnützem Eigentums gegenüber, für diesen Minimalismus entschieden hätte, sie empfand sich lediglich als sehr pragmatisch und sah keinen nahliegenden Grund darin Möbel zu besitzen, die austauschbar waren in deren Zweckmäßigkeit .

Zum wiederholten Male blickte T. auf die Wanduhr; bereits Zehn nach Sechs. Auch ihr Mobiltelefon bestätigte das und nachdem sie ihre Armbanduhr gestellt hatte, stimmte auch diese zu. Ihr blieb nicht mehr viel Zeit, um sich auf den Unterricht vorzubereiten; sich mental darauf einzustellen unter Menschen zu sein… wäre es nach ihr gegangen, sie hätte auf die Umschulung verzichtet. Was sollte das Alles auch? Für sie machte es keinen Unterschied, welchem Beruf sie nicht nachging. Doch ihre Großmutter hatte ihr das Versprechen abgenommen letztlich doch noch „Etwas“ aus sich zu machen.

Doch was sollte das eigentlich bedeuten? „Etwas“ aus sich machen. Wer würde das beurteilen können? Wie würde die Welt aussehen, wenn alle sechs bis sieben Milliarden Menschen etwas leisten könnten, was für die Welt von Bedeutung ist? Es gäbe nichts mehr von Bedeutung, wäre alles von Bedeutung.

Und das wäre tragisch!

Zu ihrem Unmut stand T. mit ihrer Meinung allein da auf weiter Flur. Sie störte sich nicht daran, nicht ernsthaft, denn sie war davon überzeugt, dass die meisten ihrer Mitmenschen überhaupt nicht dazu in der Lage waren solche Zusammenhänge zu verstehen; zu sehr lebten sie unter dem Einfluss des Erlernten, nach den über Generationen weitergetragenen Lebensregeln, nach dem was im Allgemeinen erwartet wurde. Selbst die Menschen, welche sich lauthals gegen jede Norm aussprachen, konnten das Vorgeprägte doch nie wirklich abschütteln und wenn es sich nur darin ausdrückte, dass jede ihrer Handlungen im direkten Gegensatz dazu stand, was für T. auch nur bewies, dass ein tatsächlicher innerer Abstand wohl fehlte.

Den Kopf an die Sofakante gelehnt, sann T. ihren Gedanken nach, vergessen war der Kaffee und die Zeit. Für einen  kurzen Moment wurde sie gewahr, dass ihr Misstrauen und ihre Ungeduld anderen gegenüber unweigerlich dazu führte, dass es in absehbarer Zeit nicht mehr notwendig sein würde irgendjemandem irgendetwas zu erläutern.

Sie wäre allein – wahrscheinlich war sie es schon längst; ein Gedankengang, dem sie nie allzu weit folgen wollte, sich aber immer häufiger dabei ertappte. Langsam und hörbar ausatmend, mit zusammengekniffenen Augen schob sie das leidige Thema beiseite. T. griff nach ihrem Kaffee und verzog das Gesicht. Lauwarm.

Es wurde Zeit loszuziehen, dass, wenn sie schon nicht „etwas“ aus sich machen konnte, sie doch zumindest irgendetwas tat.

Akt 1

Szene 1

„Wie war dein Tag?“ Ein kurzes Achselzucken war alles was T. ihrer Großmutter als Antwort gab, bevor sie sich eine Tasse Kaffee aufbrühte. „Hast du etwas Interessantes lernen können?“ Darauf entgegnete sie mit einem kurzen Schnauferl durch die Nase, während sie im Schneidersitz auf dem Teppich platznahm. „Ach, jetzt sei nicht so. Du weißt genau, dass ich es nicht gutheißen kann, wenn du dich so zurückziehst!“ „Ich ziehe mich nicht zurück! Es gibt lediglich nichts von Bedeutung zu erzählen.“ „Dann eben etwas ohne Bedeutung.“ Das leichte Schmunzeln unterwanderte den inzwischen recht brüsken Tonfall und T. konnte nur grinsend den Kopf schütteln. Wie gerne würde sie ihrer Großmutter von mitreißenden Unterrichtsstunden und fesselnden Gesprächen berichten, doch alles was T. während der Schulungen zustande brachte, waren zynische Einwürfe, um die Antworten der Anderen, wenn nötig, zu verbessern und Staring Contests mit den Dozenten. „Ich habe meinen leeren Blick verbessern können und mich mit dem Dozierenden übers Wetter unterhalten – es wird wohl wieder wärmer.“ „Das Wetter wird wieder angenehmer?! Na da weißt du zumindest schon mehr als ich.“

[… zum Rest der Geschichte…]

ohne Sein

in Momenten da ich kaum noch bin

entleert, entrückt, vertrieben

ohne Sein, kein Dasein

 

der Geist verkleb

die Gedanken im Nebel

 

reduziert

 

verloren die Sprache

alles verlangsamt, lang gezogen, zusammengestaucht

das Sein ohne Sinn

 

die Gedanken ohne Sprachrohr

zerstückelt, verwirbelt, laut und grell

 

am Anfang der Sturm im Kopf

im Anschluss ein Vakuum

 

reduziert

 

die neue Normalität

reine Gewohnheitssache, wenn man die Umwelt befragt

in Fragen gezogene Gespräche

Unverständnis, welches vollkommen verständlich

 

ich denke, also bin ich

was bin ich, wenn ich nicht denken kann?

 

nur Kunst

zur Kunstsammlung Katze4

und wieder

ein dumpfes Pochen

ein Ziehen

ein Brennen

ein sich Ausbreiten

ein Schmerz, dem zu entkommen fast unmöglich scheint

 

ein Auftürmen

ein Dagegenhalten

ein Willensstark-sein-wollen

 

ein Atemzug, dann zwei

 

ein sich Fangen, sich Verfangen, ein Gefangensein

ein Lösen, sich Loslösen, sich Auflösen

 

noch ein Atemzug, dann drei

 

ein sich W i e d e r finden

 

w o l l e n

 

zur Kunstsammlung Katze4

Zwischen den Szenen. Am Ufer

„Wer ist sie?“, ein Fragen mit belegter Stimme.

„Wen meinst du?“

„Sie, welche dir in die Augen blickt… sie bekommt mir bekannt vor… warum?“, ein kurzes Schluchzen mit geballter Faust, linke Hand und zittrigen Fingern, rechte Hand, „…vielleicht habe ich einst ein Bild von ihr gesehen; eins von deinen alten Photos , du weißt schon, die du immer versteckt hältst…“, verschlucken der Worte, die noch fallen wollten, „Wie heißt sie?“

„Sie hat keinen Namen… ich kenne ihn nicht… sie hat ihn mir nie verraten… ich habe nie gefragt…ich verstehe nicht, warum sie dir bekannt vorkommt!

Sie ist sonst nur ein Schatten, eine Stimme, ein Schrei meiner selbst. Ich kann sie normalerweise gut verstecken hinter jedem Scherz, jedem Ratschlag, jedem Moment in Gesellschaft… sie ist eine Schwäche, meine Schwäche, mein Schmerz, den ich nicht zeigen darf, da ich stark zu sein habe… da man dies von mir erwartet. Immer ein Lächeln auf den Lippen… auch wenn es die Augen verlässt, sobald ich mich umdrehe… immer kraftvoll oder wenigstens mit Humor… wenn bissig, dann intellektuell… wenn enttäuscht vom Leben, dann über den Fortgang der Gesellschaften mit deren unerreichbaren Ansprüchen und Ungerechtigkeiten, den Fehlverteilungen, der Ignoranz, dem Rasen ohne Ziel, dem Drehen im Alltag, dem Gefangensein in Tretmühlen…

…niemals über das eigene Leben, über verpasste Chancen, Fehlentscheidungen, Ängstlichkeiten, dem Gefühl zu ertrinken mitten in der Wüste, in der ich im gleichen Moment verdurste…

Und ich bin so wütend und habe kein Anrecht darauf! Keiner ist für meine Wut zu verantworten, niemand trägt Schuld daran, was der Wut keinen Abbruch tut…

…und dann ist da sie, die mich anblickt mit traurigen Augen immer dann, wenn ich den Anderen den Rücken zukehre, da mir das Gesicht schmerzt vom vielen grinsen und die Worte fehlen, nach all dem ganzen Ausgetausche und ich wieder nichts von ihr, die sie mein Leben einnimmt, erzählt habe.

Ja, nun wirfst du mir diesen Blick zu… ich kenne ihn nur zu gut… es ist das Entsetzen, die Verunsicherung, da die richtigen Worte noch nicht geschrieben wurden für diese Art des Gesprächs. Nein, mach dir keine Sorgen… ich bin nicht steif vor Angst vor dem, was da ist, was noch kommen mag, kommen muss, kommen wird… nein, dass Alles sollte lediglich den nächsten Akt einführen.

Was hältst du davon?“

zur Entfaltung des Ganzen Katze4

Szene am Schreibtisch

„Die wollen eine Liebesgeschichte. Sie sagen, das verkauft sich besser. Sie sagen, es ist das Einzige, was ich tun kann, um das Publikum zu halten… das ist jetzt gefragt!“, ein Seufzer gefolgt vom üblichen Kopfschütteln, „ Sicher… aber… hattest du…? Warst du…? Wie willst du ohne Erfahrung…?“, ein hörbares Schlucken der Worte, ein tiefer Atemzug, ein zweiter tiefer Atemzug, „Okay, ich weiß du hattest Geliebte, aber warst du verliebt? Wolltest du dich verlieren, alles geben, alles versprechen, vollkommen vertrauen, beschützen und gehalten werden?“

„Ich… es … ich war wie besessen und wollte besitzen.“

Ein betretender Blick nach unten gerichtet, nach den passenden Worten suchend: „Aber wolltest du bleiben nachdem du ‚Besitz ergriffen‘ hast? Investieren, lernen, verstehen, Kompromisse eingehen, wolltest du geben und nehmen im Gleichgewicht zueinander?“

„Die sagen das Stück benötigt eine Liebesgeschichte, etwas, was die Leute kennen, womit sie sich identifizieren können, etwas, was sie selbst suchen, schon gefunden haben oder ewig vermissen werden. Soviel weiß ich darüber…“

Enttäuschung und Wut, den Wunsch Gewaltvoll zu handeln gerade noch unterdrückend: „Wie, verdammt nochmal, willst du über Gefühle schreiben? Du, der du noch nie geliebt hast!“

„Ich habe versucht dich zu lieben…“

Tränen in den Augen nicht mehr zurückhaltend: „… vielleicht solltest du darüber schreiben… vielleicht findest du dann heraus, warum ich geblieben bin, obgleich ich mich mehr als einmal mit dir unterhalten habe… und bitte… erkläre es mir anschließend.“

Der Autor blieb erneut allein zurück, die Zigarette ohne einen Zug abgebrannt, die Asche in den Tasten versinkend, die müden Augen gen Bildschirm gerichtet. „Die wollen eine Liebesgeschichte; wie schwer kann das sein?“

zur Entfaltung des Ganzen Katze4

In der Stille

In der Küche sitzend auf ihrem Platz
Im Haus, welches gleich geblieben seit Zwanzig Jahren
Alles an Ort und Stelle
Blind könnte man hier agieren
Unverändert jedes Stück
Fest sind noch immer alle Zeiten

Frühstück 8uhr – die ganze Familie
Mittag 12.30uhr – die ganze Familie
Kaffeepause 15uhr – die ganze Familie
Abendbrot 18uhr – „wer nicht da ist, der nicht mitisst“

Wie fast immer isst er im Wohnzimmer
Wie so oft poltert der Andere noch durch die Stadt
Wie bisher noch nie, wird sie nicht mehr zu Tisch kommen

Der Fernseher dröhnt zu laut im Hintergrund
Der Kühlschrank gurgelt leise
Die Wanduhr geht Fünf Minuten vor
Im Schneidersitz belege ich ihren Platz
Umgeben von lächelnden Gesichtern hinter verstaubtem Glas

Die Realität hat mich nun endlich erreicht

Die Stille ist zu laut

(23.03.2017)

Wenn man das Schlechte weglässt, geht’s mir gut… von einem Leben in Floskeln

Meine Oma hatte für fast jede Lebenssituation eine passende Redensart… und so wurde ich auch geprägt durch ihre Teilhabe an meiner Erziehung und wuchs auf unter ihren wachsamen Augen, mit dem Reglement von Herrn von Knigge, stets gepaart mit einprägsamen Floskeln und dem Hinweis langsam und laut zu sprechen – nicht dass mir dies je gelungen wäre; ich sprach stets zu schnell und zu leise, später oft zu laut, aber immer noch zu schnell…

Zog ich nun eine Schnute, da mir was nicht passte, hieß es also „Da ist die Zuckerpuppe von der Bauchtanztruppe…“

Ein Streit unter Geschwistern wurde mit „Ein Bruder und ’ne Schwester, nichts schön’res auf der Welt…“ kommentiert.

Hatte ich mich verletzt, so war es „bis zur Hochzeit wieder gut“.

Wollte ich einer Sache mit Argumentation entgehen, wurde ich daran erinnert „warum der Teufel seine Großmutter erschlagen hat“.

Geriet man in Zeitnot so sollte man „nur keine Hektik nicht vermeiden“ und außerdem „fangen morgen wieder Hundert Tage an“.

War ich für bestimmte Dinge noch zu jung, so durfte ich zwar „alles essen, aber nicht alles wissen“.

Am Tisch sitzend, wurde stets darauf geachtet, dass man „den Löffel zum Mund und nicht den Mund zum Löffel führt“.

und so weiter und so fort…

Da wir in einer Welt der Redewendungen zu leben scheinen, sog ich diese natürlich nicht nur bei meiner Oma in mich auf.

Noch heute kann ich nicht anders handeln, als mit meinem Gegenüber mein Essen oder dergleichen zu teilen, denn die Schallplatte, die bei uns vermutlich auf Dauerschleife gelaufen sein muss, löste in mir fast schon einen pawlowschen Reflex aus, denn „teilen macht Spaß, wir teilen dies und das.“

Man kann sich natürlich streiten, wie viel Gewicht Floskeln in der eigenen Lebensführung einnehmen sollten und oft genug sind es sicher diese „formelhaften, leeren Redewendungen“, vor denen im Duden gewarnt wird. Doch wenn es darum geht, dass allgemeine Miteinander nach der Prämisse des „behandle andere so, wie auch du behandelt werden willst“ zu gestalten und sich auch durch schwieriger Zeiten nicht unterkriegen zu lassen, denn „am Ende wird alles gut und wenn es noch nicht gut ist, so ist es noch nicht zu ende.“ haben manche klugen Sprüche durchaus ihre Daseinsberechtigung.

Und wenn es nur darum geht unbequemen Fragen, wie die nach dem eigenen Wohlbefinden mit den Worten „wenn man das schlechte weglässt, geht’s mir gut“ zu umwandern, damit man sich auf die schönen Dinge konzentrieren kann, so wie Oma es letztendlich tat oder eben das Gespräch mit einer augenzwinkernden Aufforderung zur Tätigkeit zu beenden durch den Ausspruch „mach heute noch was, dann brauch ich es nicht zu tun.“

Eine Weisheit für jede passende und unpassende Gelegenheit liegt auch mir tagtäglich auf der Zunge und ich werfe ungefragt mit diesen um mich. Denn man sollte ruhig angesehenen Menschen mit ihren ebenso ansehenswerten Aussagen huldigen…

schließlich sagte schon Heine: „Weise erdenken neue Gedanken, und Narren verbreiten sie.“

 

vom Wandern, Warten und Davonlaufen

„Es gibt zwei Sorten von Ratten:/ Die hungrigen und die satten./ Die satten bleiben vergnügt zu Haus,/ Die hungrigen aber wandern aus.“ (H. Heine)

Für mich ist Wandern eine Form von Therapie… das stete Fortbewegen hat etwas Beruhigendes an sich; zumindest für mich.

Seit wann die Wanderung mehr als nur der bloße Wechsel der Position im weiten Raum, das Ergründen der näheren und weiteren Umgebung, das Betrachten – zuweilen sogar Bewundern – der Umwelt… der Welt um mich herum… bedeutet, kann ich nicht mehr sagen.

Die Frage nach dem wann stellt sich mir in diesem Zusammenhang auch nicht.

Was aber klar ist und besonders in letzter Zeit immer deutlicher wird… ich wandere, wenn ich warten muss.

Warten ohne Zutun, ohne Einfluss… ohne Ende.

Ein Gefühl von Abhängigkeit, Hilflosigkeit, Nutzlosigkeit… warten ist wie sich im Kreise drehen…

In diesem Zusammenhang stelle ich mir die Frage nach dem wann, dem seit wann und dem bis wann.

Zu oft weiß ich kaum mehr, worauf ich eigentlich warte… noch warte.

Doch in der ständigen Bewegung, dem Gefühl des Vorankommens, des Ankommens lässt sich die Warterei nicht nur ertragen, sondern ergründen… ich muss nur weit genug laufen und hoffen, nicht lediglich davon zu laufen.

ver-Abschied-en

Abschied ist etwas Unschönes; ganz gleich, wie alt man ist oder wie viel „Erfahrung“ man damit zu haben glaubt.

Erreicht man aber erstmal dieses Alter, welches nach den Kindheitstagen mit deren Unbeschwertheit und nach der Jugend samt ihrer Ruhelosigkeit folgt, merkt man (merke ich), dass Abschied, dass das Ende von Dingen, Erinnerungen, Menschen, Liebgewonnenen eine Notwendigkeit des Lebens darstellt und dass man den Abschied, das Verabschieden, das Abschiednehmen sogar verkraften lernt; mit der Zeit.

Das macht es kaum leichter, lediglich klarer!

Abschied kommt, wenn die Kraft fehlt, weiterhin festzuhalten.

Abschied bringt Veränderungen; das Entwinden verknüpfter Lebenswege.

Abschied tut weh!

Abschied sollte wehtun, sonst würde man sich selbst mit verlieren beim Abschiednehmen.

Am Abschied kann man wachsen.

Es tut trotzdem weh!

Wenn man lange genug lebt, erkennt man (versuche ich zu erkennen), dass Abschied auch etwas Befreiendes haben kann. Wenn nicht für einen selbst, so doch zuweilen für den sich Verabschiedenden. Denn manchmal muss man sich lösen, um weiterzugehen, um zu wachsen.

Und versteht man das, wächst man auch als Zurückgelassener.

Das Photo

Tage waren bereits vergangen seit ihrem Fortgang; ihrem Antritt des letztmöglichen Weges. Tage hatte ich mit warten verbracht.

Zu warten war keine neue Erfahrung, aber dieses spezielle Warten… wie bestellt und nicht abgeholt… Tage voller Beschäftigung und doch konnte ich mich nicht bewegen. Ein Stillstand, dem Warten gleich in dessen Unbekanntheit.

Stille in aller Unruhe… vollkommene Ruhe im geschäftigen Treiben um mich herum… und nur dieses Warten.

Das Auswählen der Kleidung ein Kampf. Was ist angebracht? Nie hatte ich ernsthaft darüber nachgedacht; immer gehofft es niemals zu müssen. Vermutlich war es schließlich zu viel des Guten; alles in schwarz bis herunter zur Wäsche… doch ich wusste nicht was tun.

Quälende Fragen nach den richtigen Worten. Welche sind angebracht? In den Tagen voll des Wartens hatte ich nicht daran gedacht, dass auch Worte wohl dazu gehören. Letztlich hüllte ich mich in Schweigen… ich schwieg und blieb scheinbar regungslos… ein Warten ohne zu wissen worauf bis ich das Photo sah, welches auf dem Sargdeckel thronte und mir mit einem verschmitzten Lächeln entgegenblickte.

Ich hatte dieses Bild vorher nie gesehen, es muss einige Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte alt gewesen sein… auf dem ersten Blick wirkte sie fast zu ernst; ein wenig verklärt sogar… maskenhaft… doch dann diesen feine Lächeln; der rechte Mundwinkel leicht erhoben… und mit einem Male konnte ich es auch in ihren Augen sehen, welche so unbekannt klar erschienen… so klar, fast prüfend und doch amüsiert; ganz wie ich sie in ferner Erinnerung hatte.

Erinnerungen lösten die Stille und das Warten ab… gefolgt von der Gewissheit, dass die Stille und das Warten nun meine Begleiter sein werden bis ich sie einst wiedertreffe…

Vom Be-Schreiben

Ich war früher nie ein großer Freund von Beschreibungen; weder im Text noch im Leben.

Zu genaue Beschreibungen im Text haben mich schnell abgelenkt und im Leben war ich selten dazu in der Lage diese abzuliefern. Für mich ist alles Gefühl und es fällt mir auch schwer dessen Ursprung mit, für alle anderen, verständlichen Worten auszukleiden.Gefühl ist Überwältigung, Sachinformation lässt sich mit Abstand betrachten; das fällt mir leicht.

Doch was ist nun die Wichtigkeit hinter detaillierten Ausführungen, wenn sie keinen reinen Selbstzweck haben sollen? Was macht sie so wichtig für das Verständnis von Texten und von Unterhaltungen?

Eine Frage, der ich mich mittlerweile gestellt habe oder vielmehr versuche zu stellen, denn sind wir mal ganz ehrlich: sie liegt mir nicht.

Die Welt als solches wird stets gefiltert durch unsere Erinnerungen, Erfahrungen, Erwartungen, unser Verstehen vom Großen Ganzen unseres kleinen eigenen Universums. Somit erscheinen die Dinge und Menschen, welche einem beschreibswert erscheinen, wandelbar und immer auch abhängig von den Augen des Betrachters. Jeder lebt in seiner ganz eigenen Version der Realität und solange diese relativ deckungsgleich zueinander sind, kommen wir alle zurecht.

In Texten muss die genaue Beschreibung zweckdienlich sein, ansonsten läuft der Autor Gefahr den Leser auf halber Strecke zu verlieren. Alles was beschrieben wird, erhält eine ganz eigene Wichtigkeit und der aufmerksame Leser erkennt durch diese schließlich die Subtexte hinter dem Hauptaugenmerk; andere Lesarten, ja ganz neue Geschichten tun sich auf…

Beschreibungen sollten immer dem Zweck dienen den Gegenüber in die eigene emotionale Welt zu führen; zumindest meiner Meinung nach. Denn man beschreibt, was einen bewegt – den Rest nimmt man nicht oder nur nebenher wahr.

Es wird also beschrieben, was bewegen soll, wenn nicht, bleibt nur die Blümchenkante und diese unterscheidet auch das Belanglose aneinanderreihen von Worten vom Text und den Smalltalk von der Unterhaltung.

Es war einmal…

Ohne Poesie läßt sich nichts in der Welt wirken. Poesie aber ist Märchen. (J.W. Goethe)

Ich mochte unseren Familien-Weihnachtsbaum.

Wenn ich angestrengt nachdenke, erinnere ich mich sogar an die Zeit, da dieser nicht künstlich war. Da er echte Nadeln abwurf nach den Feiertagen und da es richtige Kerzen waren, die mein Kinderherz erwärmten. … An einen natürlichen Geruch nach Wald, fast modrig und doch einladend, kann ich mich nicht entsinnen, aber sicher gab es diesen.

Der Baum war geschmückt mit Glaskugeln, ob die Holzfiguren und das Lametta noch zur Zeit des echten Baumes gehörten, weiß ich nicht, aber die Kugeln aus Glas, welche zu leicht zerbrachen, erinnere ich…

Als die Zeit ins Land zog und uns die Moderne erreichte, veränderte sich nicht nur das Fernsehprogramm sondern auch der Baum wurde künstlich und überladen; mit eben jenen Glaskugeln, Holzfiguren, silberner Lametta und einer Lichterkette, die keine Brandgefahr mehr darstellte. Der Standfuß wurde zusammengesteckt genau wie die zwei Hälften des Baumes und nach Ausrichten der Äste wurde dieser kleine, aber haltbare Baum stets am Heiligen Abend geschmückt und am Neujahrstag wieder in den Karton getan.

Ich mochte auch diesen Baum. Er stellte ein Sinnbild für das Vergehen dar, für die Veränderung um uns herum… so wurde ja schließlich aus den Glaskugeln mit der Zeit Plastik, aus Lametten eine Perlenkette und aus echten Kerzen Kunstlicht. Denn Plastik erschien nicht so zerbrechlich wie das Glas und die Familie, die nicht immer gemeinsam um den Baum herum sitzen konnte. Die Perlenkette hielt zusammen wie die Menschen, welche trotz der Realität, die auch zu Weihnachten einzug hielt, immer wieder zueinander fanden. Und das künstliche Licht, ähnlich der Feiernden, konnte nicht wie die Kerzen von einem stärkeren Windstoß erloschen werden oder gar den Baum und das Zuhause entzünden.

Zwangig Jahre hielt der Baum; auch wenn die Nadeln letztlich abzufallen begannen. Stets zeigte er sich unverändert und doch immer der Familienstimmung angepasst in einem anderen Kleid. Immer von Heiligabend bis zum Neujahrtag.

vom Grübeln

Das Denken ist das Selbstgespräch der Seele. (Plato)

Dumm nur, wenn sie ständig Widerworte gibt und du dich einem steten Streichgespräch mit dir selbst ausgesetzt siehst.

Oft sind es nicht einmal die eigenen Zweifel sondern vielmehr Wiederholungen dessen, was Andere einem einzureden versuchen – man erkennt das an den unterschiedlichen Stimmfärbungen… oder sollte ich mir Sorgen machen?

Wir sind geprägt von unseren Mitmenschen, ob wir wollen oder nicht. Tragischerweise reicht dieser Umwelteinfluss auch ins Erwachsenenleben hinein. Nur dass sich dies keiner mehr eingestehen möchte. Schließlich sollte man als Erwachsener doch über den Dingen und vor allem den Kindereien stehen… Kindereien – Kindheitstrauma… wer sollte das schon unterscheiden wollen?

Für mich ist es immer wieder erstaunlich, wenn ich auf Personen treffe, die dem Dilemma der aus Kindertagen mitgenommenen Selbstzweifel oder schlicht eingeprägten Handlungsmustern mit komplettem Unverständnis gegenüberstehen und sich selbst natürlich vollständig von solch Absurditäten verbal abgrenzen, wenn es doch mehr als offensichtlich ist, dass es ihnen eben nicht besser geht. Und das ist auch vollkommen in Ordnung, egal was man/ihr euch einredet!

Selbstzweifel sind dazu da überwunden zu werden. Doch niemand sollte und kann erwarten, dass das mit dem Eintritt ins sogeannte Erwachsensein getan ist. Das verlangt Arbeit, Selbst-Gespräche und in erster Linie das Wissen darüber, dass sie existieren und verarbeitet gehören.