Schatten_Lichter

es ist schwer zu beschreiben

beinahe unmöglich

denn kaum verständlich

meist nie verstanden

selten gesehen

nur aus dem Augenwinkel

 

ja und die Welt vibriert

oder bin ich es

nein, nur der Verstand

 

ja und die Zeit steht still

nein, sie zerriss

zersprang erst gestern

gerade eben

vor vier Jahren

 

und ich sehe dein Lächeln

lausche den Worten

erkenne dich nicht

doch du bist meine Freundin

 

ja und ich weiß es

nein, ich bin nicht

ich war nie

werde nie mehr

sein so wie einst

 

denn es ist schwer zu beschreiben

und nie zu verstehen

im Schatten versteckt vor dem Winkel der Augen

es gibt da so Tage

es gibt da so Tage

so Momente

nicht viele

zum Glück

 

was?

nein das kann nicht sein

oder doch?

wenn du das sagst, muss ich dir wohl glauben

 

und dann brannte das Zimmer

ja aber nur beinahe

und dann flutete ich die Wohnung

ach, so oft kam das nun auch noch nicht vor

 

woran sollte ich denken?

wie sah es noch gleich aus?

muss ich das wissen?

sollte ich das erinnern?

 

und wer ist diese Frau?

die zerfallene Frau da drüben

da fast ganz nah

da im Spiegel vor mir

 

denn es gibt da so Tage

die gehören dazu

doch sind es nur Tage

nur Momente, nur Ausschnitte – nicht alles, nicht immer – nur so Tage, nur so fast

weiter, weiter

ich dreh‘ mich nicht um

denn ich seh‘ nicht um mich

sonst müsst‘ ich erblicken

was mich würd‘ halten zurück

 

drum geh ich nur vorwärts

und bleib niemals steh’n

denn ich könnte erstarren

und nie mehr weitergehen

 

doch es soll nur nach vorne

und niemals zurück

kein Zweifeln erlaubt

beim Suchen, beim Finden, beim Hoffen, beim Träumen…

 

 

un_Erkannt (1)

Oh bitte erkenne nicht meine Schwächen…

Sieh nur nicht zu genau hin, denn dann wirst du sehen, wie mein Lächeln doch eher einer Grimasse gleicht. Wie ich lauthals lache, um nicht zu weinen unter deinem Blick. Wie ich stolz die Brust herausstrecke, damit du nicht ahnst, dass ich doch lieber zusammengekauert in der Ecke verweilen möchte. Wie ich renne, dass du das Hinken meines Ganges nicht bemerken kannst. Wie ich handle, wie ich stets dem Aktionismus verfallen, stets auf der Suche nach Neuem bin, damit du nicht merkst – damit niemand merkt – wie ich vor Angst fast erstarre, wie sehr mein Sein verklebt, mein Geist verdunkelt ist…

Wie ich hoffe auf Hoffnung. Wie ich mich sehne nach Sehnsucht. Wie ich vermisse das Vermissen.

Oh bitte erkenne nie meine Schwächen, sonst bin ich gezwungen diese selbst zu erkennen.

„Was soll das bedeuten?“, unterbrach ihre zittrige Stimme des Autors Reverie.

„Hm? … Sprach ich laut? Schon wieder laut?“

Des Autors Muse nickt diesem bloß hilflos zu.

„Das…“, so lächelt er sie herausfordernd an, „… ist der Beginn meines neuen Werkes.“

Sie schweigt ihm entgegen.

Der Autor ergreift, sich nun seinerseits hilflos fühlend, ihre linke Hand. Er spürt wie diese eiskalt ist und nur schlaff in der seinen liegt.

Minuten vergehen bis sich die Finger der Muse endlich mit den seinen verschränken. Bis die Kälte verfliegt. Bis sie, seine einzige Liebe, seine Geliebte, seine Muse, ihm letztlich fest in die Augen blickt mit so etwas wie Zuversicht, mit schon fast einem Lächeln.

„Nun gut. Wenn dem so ist. Dann auf zu einem neuen Werk.“, durchbricht sie die Stille, das Schweigen, die Anspannung, „Ein Auftragswerk? Nein. Ein Bedürfnis. Ich sehe es genau… Doch wo ist der Szenenaufbau? Die Regieanweisung, die all deinen Werken innewohnt? … Es muss doch schließlich erkannt werden, dass es Gemacht ist, dass es Fiktion ist im aristotelischen Sinne und dass die Art des Schreibens, des gesamten Textaufbaus auf sich selbst aufmerksam macht, ja machen will – ganz so, wie es heißt, dass man dadurch Literatur, dass man Kunst als solche erkennt…“

„Ich habe dich vermisst.“, entweicht es beinahe unhörbar des Autors spröden Lippen.

Und nun wieder Stille. Schwer. Durchsetzt von all dem Unausgesprochenen. Doch zugleich aufgeladen. Zum Bersten gespannt. Sich selbst im Klaren, dass jeden Moment etwas geschieht.

Zwischen den Szenen. Vor einem überladenen Schreibtisch unter fahlem Licht

Ein Mann mittleren Alters – ein Autor – die zu dünnen Finger verzahnt mit denen seiner Muse, führt diese schweigend zu einem schweren Tisch aus Metall. Einst war dieser aus Holz, doch die Zeit und sein Leben ließen ihn verhärten, erkalten, sich seiner Umgebung anpassen und beinahe die Gesamtheit des Raumes einnehmen.

Dieser Tisch – Sinnbild seines Seins, Platz seiner Arbeit, Fixpunkt seines Tuns – ist inzwischen verstaubt, ja fast klebrig, ist vergraben unter Notizen, unter Essensresten, unter halbgeleerten Gläsern, unter all seiner Verunsicherung.

Zu laut schweigend steht das Paar also da. Vor diesem exorbitanten Tisch mit all seinen übergroßen Erwartungen und überhäuft mit einer Überlast von Möglichkeiten, beinahe übermannt durch eine grellbunte Klarheit vom was sein sollte… könnte… wird.
Und mit einem Gefühl der Sicherheit, an die er selbst kaum mehr geglaubt hatte, lockert der Autor letztlich seinen zu festen Griff um die zarten Finger seiner Muse, seiner Geliebten, seiner Liebe.

Er will sie nicht zwingen bei ihm zu stehen. Denn er wünscht sich, dass sie ihm ungefragt beisteht.

Lange Sekunden und absichtlich tiefe Atemzüge ziehen vorüber und legen sich mit dem Staub über die Kälte des Schreibtischs… bis endlich die Finger seiner Liebe, seiner Geliebten, seiner Muse die seinen fest – nicht zu fest – umklammern.

Nur schwach, jedoch nicht zu schwach, beleuchtet vom Licht des angebrochenen Tages, das den Weg durch ungeputzte Scheiben kaum findet, stellen die beiden – die Muse, der Autor… die Stimme, der Stift – sich schließlich Hand in Hand das Chaos zu ordnen.

Fortsetzung folgt

 

Logo Katze Mathilde GläserDies ist als Fortsetzung von „im Entsehen begriffen“ und „im Selbst_Gespräch“ geplant.

Auf Umwegen_Kapitel 2

Katze4Kapitel 1

Kapitel 2

– IV –

Eine unheimliche Stille, wie sie sonst nur in finsteren, unheilvollen Stunden zu finden ist, lag über diesem so sonnigen Mittwoch-Nachmittag. Das strahlende Hell nur grell und fast schmerzend in tränenbenetzten Augen, auf ungeschützter Haut.

Elke, die vom Chefarzt gebeten wurden war fürs erste die Klinik zu verlassen, stand nun am Rande einer kleine Gruppe von Kurgästen vor dem Haupteingang des Haus Instenburg und wartete, wie alle anderen, gebannt darauf zu erfahren, was passiert war. Das kurze Aufheulen eines Martinshorns gebot die Runde den Weg zu räumen. Elke, welcher gar nicht aufgefallen war, dass sich ein Krankentransport dem Gelände genähert hatte, blickte beinahe mit so was, wie Faszination auf die beiden Sanitäter, welche ohne groß Aufhebens zu veranstalten schweigend das Haus betraten. Die betretene Stimmung, die in dieser Form aus Erfahrung blüht, schaffte es schließlich auch Elke zu erreichen und in Sorge zu versetzten für Menschen die ihr fremd, für Schicksale, die ihr unbekannt waren.
Gemurmelte Worte erreichten Elkes Ohr – Klarheiten umwickelt mit Theorien.
Als die Eingangspforte sich erneut öffnete, eilten die beiden Sanitäter in Begleitung zweier Schwestern und einer Bahre zurück zum Wagen, verließen eiligst das Gelände, den Wald, die bedrückten Gesichter.

Einige Minuten vergingen nun in Schweigen, in Anspannung, in Gedanken.

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„die Gedanken bei Hanna D.”

In wenigen Tagen würde sie also wieder heimkehren.

Nach Acht langen Wochen, die erst so voller Wut, dann Resignation und letztlich fast unbeschreiblicher Freude für Hanna waren.

Nie hätte sie damit gerechnet, wie sehr ihr der Wald, die Ruhe, die anderen Leute ans Herzen wachsen würden. Dass sie, nachdem man sie herzukommen, gezwungen hatte sich inzwischen eigentlich gar nicht mehr vorstellen konnte, abzureisen und all dies, all die Erfahrungen hinter sich zu lassen.
Doch genaue Vorstellungen waren es auch, die Hanna in ihrer Zeit im Haus Instenburg endlich entwickeln gelernt hatte, denen sie folgen wollte und würde. Denn nie mehr mochte sie sich so verloren fühlen, wie zuletzt.

So viele Wünsche und Träume, so klare Ziele und Pläne – die konnte sie glatt schmecken. Keine Fragen mehr, keine Bedenken, kein Aufgeben… Was könnte sie jetzt noch aufhalten, wenn nicht sie sich selbst.

Nein, jetzt konnte sie beginnen: ihre Zukunft!

Was war nur geschehen, dass Hanna D. (17) sich das Leben hatte nehmen wollen?

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Elke war stolz auf ihren Artikel, auch wenn die Frage noch zu klären galt, ob dieser es je in den Druck schaffen würde.
Zu zittrig und aufgeregt, um den recht weiten Weg durch den Park zurück nach Eatrich zu Fuß zu bewältigen, nahm sie nur zu gern Doktor Hinterseer‘s Angebot an, sie mit dem Fahrdienst der Klinik in die Siedlung im Nordwesten der Stadt und somit bis nach Hause zu fahren.
Die Notizen des Erlebten waren schnell ins Reine gebracht, erhoben neue Fragen, neue Ideen, neue Befürchtungen, schafften keinen Schlaf. Elke war müde, wie nie zuvor und zugleich so aufgekratzt, dass ihr der Kopf zu platzen drohte. Obgleich sie eigentlich ganz begeistert davon war, dass der Artikel so viel- und zugleich nichtssagend daherkam, brannten ihr die Fragen über das „Wieso und Warum“ nicht bloß unter den Nägeln, sondern komplette Löcher ins Gemüt.
Und so drehte sie schließlich Kreise durch die kleine Zweiraumwohnung, die sie seit ihrer Rückkehr ins heimatlich Bekannte, ins so oft Verfluchte, jetzt wieder fast liebgewonnene Städtchen mitten im Nirgendwo bewohnte. Stieß sich an grauen Türrahmen, stolperte halb über den alten Ledersessel, der verstaubt den Platz im Wohnzimmer versperrte, verschob alsbald den kleinen Couchtisch, trat bis ans Himmelbett und begann die nächste Runde.
Stunde um Stunde vergingen, ließen die Schatten sich verlagern, zogen an ihr unbemerkt vorbei; noch immer keine Ruhe selbst spät in der Nacht und Elke ging auf und ab.

Unsicher, ob sie lieber für sich sein wollte oder nie wieder, lief Elke letztlich zum krönenden Abschluss dieses so anderen, so einzigartigen, so erschreckenden Tages ein wenig ziellos im Ort umher. Sie merkte nicht einmal, dass ihre Beine sie vor Ruby‘s Haustür getragen hatten und war entsprechend überrascht, als diese verdutzt und verschlafen im mit Bambus bemusterten Hausmantel plötzlich vor ihr stand.
Ein Blick auf Elke genügte allerdings, diese ohne ein Wort der Klage, ohne Fragen zu stellen und ohne Antwort zu verlangen, bei der zu kalten Hand ins Hausinnere zu führen. Diese dann in Decken zu hüllen und ihr das leicht zerzauste Haar zu streicheln, bis sie schließlich endlich schlief.

– V –

Morgengrauen brach, stürzte herab, fiel über die Region, als wäre ein Lichtschalter ohne Vorwarnung betätigt wurden; ganz typisch dem Sommer.
Der geneigte Frühaufsteher würde angeknipst, dem ersten Tageslichte ähnlich, die Lider aufschlagen, sich aus den Decken rollen, die Aufgaben angehen. Dem Rest war nur zu wünschen, dass sie es mit Humor nahmen oder gut verschlossene Jalousien besaßen.
Dem allgemeinen Aufstöhnen und Fluchen in Eatrich‘s Straßen entnahm das kleine schwarz-weiße Kätzchen, dass die meisten Fenster, in der Hoffnung auf nächtliche Frischluft, unbedeckt geblieben sein durften, dass es viel weniger Frühsteher gab, als landläufig behauptet und diesen der nötige Humor zu fehlen schien, den man gegen 4Uhr morgens vor dem ersten Kaffee noch würde brauchen können.

Elke war keine geborene Frühaufsteherin, hatte nicht im eigenen Bett geschlafen und verfügte über Humor erst nach Acht. Jedoch war sie an diesem Donnerstag noch vor dem Hahn bereits erwacht und in ihre Tagesplanung, samt der Notizen und den ungeklärten Fragen vom Vortag gestürzt.
Eifrig blätterte sie mit der rechten Hand in ihren Unterlagen, noch eifriger aber kraulte sie die kleine Katze mit der linken. Das so sorgsam in Form geleckte Fell schon ganz struppig, die schwarzen Öhrchen bereits angelegt, die Miene leicht finster inzwischen und dennoch Tilli hielt still. Sie ließ zu, dass Elke sie als Anti-Stress Ball nutzte, bis alle Anspannung aus deren Fingern geflossen war oder eben Frauchen endlich auch aus ihrem Bette rollen würde.

***

Wie befürchtet, blieb eine Diskussion um ihren neuesten Artikel Elke nicht erspart. Kostbare Stunden vergeudeten sich somit im sinnlosen Streitgespräch. Zeit, die sie damit hätte zu bringen können, einen neuen Termin mit Doktor Hinterseer zu vereinbaren oder vergeblich zu versuchen Clara‘s Lebensgefährten oder zumindest einen ihrer Kollegen zu erreichen… ach, so viele Verben mit zu-Präfix… Lächerlich dieser sture Mann! Warum konnte er die Wichtigkeit ihrer Aufgabe nicht angemessen wertschätzen und ihrem Spürsinn einfach blindes Vertrauen schenken?

Herr Bujahn, der Zeitungsverleger dritter Generation – ein Mann mit lichtem, mausgrauem Haar, einer täglich rotierenden Auswahl an bunt karierten Hemden und schwarzen Anzughosen, die in Elkes Augen alles über seine geradezu übersprudelnde Persönlichkeit und seinen Sinn für Veränderungen aussagten – konnte, hach, wollte sie einfach nicht verstehen. Wollte nicht begreifen, dass die regionale Presse nicht immer nur angefüllt sein sollte mit Ankündigen, Stadtfest-Berichten, Anzeigen und der sporadische Todesanzeige. Dass die Zeitung vor allem auch die wichtige Aufgabe, nein, die Pflicht hatte auch von unangenehmeren Realitäten des Lebens zu berichten und die Leser aufzuklären.

„Das Haus Instenburg ist ein Teil dieser Stadt und damit auch all das Gute und Tragische, was dort geschieht.”, erhob Elke ihre von zu wenigen Stunden Schlaf noch recht kratzige Stimme.

„Man kann sich doch nicht einfach aussuchen, was eine Berichterstattung wert ist oder?”, setzte sie ohne Pause nach.

„Natürlich würde ich nie die Geschichte von Hanna Drubert unnötig ins Rampenlicht ziehen!”, raunte sie jetzt empört vom zweifelnden Gesichtsausdruck des Redakteurs.

„Aber wir als Presse haben die Aufgabe auch bittere Themen zu beleuchten. Wer, wenn nicht wir könnte solch einem Ereignis schon die angemessen Aufmerksamkeit schenken? Wer hat schon die Chance ganz offen unschöne, aber wichtige Fragen zu stellen und auch Antworten darauf zu erhalten? Wer sonst ist dazu in der Lage die breite Masse aufklären?”, schloss sie ihren mittlerweile tosenden Monolog schließlich ab.

Wütende Tränen suchten sich einen Weg über Elkes vor Erregung gerötete Wangen und dem Verleger der Tagespresse blieb nur noch zu nicken und sie ihres Weges zu schicken.

***

Natürlich hatte Elke etwas, gut mehr als etwas, dick aufgetragen in ihrem Vortrag zur Wichtigkeit der Eatricher Tagespresse, doch der Pathos schien das Einzige, was den eingestaubten Redakteur am Ende weichzuklopfen vermochte. Sie konnte ihm ja wohl kaum all das verraten, was sie selbst nur gerüchteweise und aus Halberzählungen wusste.

Ein jeder in der Patientengruppe kannte Hanna Drubert, welche mit ihrem achtwöchigen Klinikaufenthalt mehr Zeit im Haus Instenburg verbracht hatte, als der Rest der kleinen Runde. Sogar jene, die das Mädel erst vor ein paar Tagen das erste Mal trafen, sahen sich offenbar dazu in der Lage sich eine Meinung über den Teenager zu bilden oder wenigstens einzubilden. So recht wollte es sich über die vielen ‚Bekannten‘ allerdings nicht aufklären lassen, was die genauen Gründe für Hanna‘s Aufenthalt in der Klinik gewesen waren. Doch die Formulierung „schlechten Einflüssen entgehen” gepaart mit dem sich anschließende Verhalten betreten zur Seite schauen, kam mehr als nur einmal auf.
Was für „schlechte Einflüsse” gerechtfertigten es also, um jemanden in eine Rehabilitationseinrichtung für neurologisch und psychosomatisch erkrankte Menschen zu schicken? Denn so schlecht es einem auch gehen konnte unter dem Einfluss von Erkrankungen, die mit Hilfe solch einer Einrichtung behandelt werden sollten, als wie auch immer geartete Einflüsse wurde so etwas nicht deklariert; jedenfalls nach Elkes Erkenntnis. Das erschien Elke weitaus interessanter, als dass Hanna anfangs ungehalten, später ruhig und letztlich aufgeblüht gewirkt hatte.
Dies erwartete Elke von dem Ausgang einer erfolgreichen Reha!
Selbst die anfängliche Wut war kein seltener Umstand, besonders wenn Patienten erstmals und im Rahmen einer Heilanschlussbehandlung dort waren. Um das zu wissen, hatte sie nicht einmal Ruby benötigt. Nein, wie so viele gehörte Elke zu der Kategorie Menschen, „die da wen kannten”… tja und das Gefühl der Wut folgte ganz gerne nach dem Erstschock und der Ungläubigkeit. Elke war der Meinung, dass wütend sein, der erste sinnvolle, weil aktive Punkt einer jeden Trauerverarbeitung darstellte. Dem widersprach Ruby natürlich.
Doch unabhängig von den Gründen, welche zu Hanna‘s Einweisung, denn diese war nicht ihre eigene Entscheidung gewesen, geführt haben mochten, ihr war es offenkundig gut gegangen inzwischen. Sie hatte jetzt Pläne. Wollte endlich einen anständigen Schulabschluss, vielleicht ein Studium beginnen.
Was sie von all dem so augenblicklich hatte abkommen lassen, war eine Frage, auf die nicht nur die besorgte Patientenrunde eine Antwort haben wollte.

Die Gruppe war letztlich unter Kopfschütteln, finsteren Blicken und mit Worten, wie „unfassbar”, „traurig” und „sinnlos” ins Gebäude zurückgekehrt.
Elke, der vollkommen bewusst war, wie heikel ein solches Thema wirklich war und wie sehr es immer auch andere treffen wird, trifft jemand so eine schwerwiegende Entscheidung, wandte sich entsprechend nicht an Ruby mit ihren Theorien. Sie wollte niemals den Eindruck erwecken, sie wüsste genau um solche Hintergründe und könne es auch nur im Ansatz beurteilen, was eine Seele letztlich soweit abtreibt.
Und doch kam Elke nicht umhin eigene Überlegungen anzustellen, was in Hanna Drubert‘s speziellen Fall die Ursache für diese so verzweifelte Handlung gewesen zu könnte.
Vielleicht hatte Hanna mit einem mal Angst oder Zweifel bekommen sich zurück ins häusliche Leben zu wagen oder davor dass sie den „schlechten Einflüssen” nicht würde aus dem Weg gehen können, war sie erst einmal wieder daheim.
Vielleicht war es der Schock und die Trauer über Clara Wiltau‘s so überraschendes Ableben.
Oder aber, und nun prickelte es in Elkes Ohren, vielleicht war Hanna an diesem Ableben nicht ganz unschuldig und hatte Panik bekommen, als da unerwarteter Weise jemand begann Fragen zu stellen.

Es gab noch so viel Unklares, so viele Fragen, die Antwort verlangten, bevor Elke auch nur beginnen konnte wirklich brauchbare These aufzustellen und sich nicht lediglich in haarsträubenden Ideen zu verlieren. Sie wollte schnellstmöglich zurück in die Klinik und mehr über Hanna und ihre ominösen Lebensbedingungen in Erfahrung bringen. Auch wünschte sie sich mehr über Clara‘s Zeit im Haus Instenburg und deren Persönlichkeit zu erfahren. Genaueres zu lernen über eine mögliche Bekanntschaft der beiden Frauen, wenn nicht sogar eine Verbindung ihrer beiden Schicksale – auch das war Elkes Ziel. Dass Doktor Hinterseer oder einer seiner Kollegen ihr bei der Suche nach Antworten ernsthaft behilflich sein konnten, wagte Elke stark zu bezweifeln; Informationen über die seltsame Bilderausstellung jedoch erwartete sie, bei allem Arztgeheimnis, dennoch.

Ja, viel Arbeit lag vor ihr.

***

Entgegen der Meinung von so manch einem sind Katzen durchaus dazu in der Lage entnervt in sich hinein zugrummeln oder eher gut hörbar ihren Unmut mitzuteilen.
So saß nun auch Tilli ungehalten schnattern auf ihrem liebsten Aussichtsplatz am Markt. Ein Auge aufs Geschehen, den Rest der Aufmerksamkeit für den zweiten Durchlauf ihrer Morgentoilette. Elke hatte wirklich ganze Arbeit geleistet, brummte das Kätzchen so zynisch, wie es nur Katzen konnten. Selbst Ruby‘s lieb gemeinter Versuch das fast verfilzte Fell zu richten, schaffte nicht im Ansatz den gehobenen Standard, den eine jede Katze gerecht werden sollte. Den Schwall Beschwerden nie unterbrechend – Multitasking ist alles – kratze sie sich hinter den Ohren, kaute die Nägel, und leckte nun auch das weiße Bauchfell glatt.
Das Eintreffen Heidrun‘s bemerkte die kleine Katze natürlich trotzdem. Genau wie die, immer zusammen auftretende, Frauenrunde dies mitbekommen und eilends jede Unterhaltung unterbrochen hatte.
Schließlich spricht man weder schlecht von den Toten noch denen, die in Hörweite stehen.

Heidrun, in ihrem eng anliegenden, langen, perlmutt-farbenen Kleid, welches seitlich ein Muster aus Ginstern zierte, wirkte ein wenig beherrschter, als sie es in der letzten Zeit gewesen war. Nicht auffällig ernst oder bedrückt, nur tief in der Art Gedanken versunken, die man ungern mitteilt, die man aber vermutlich lieber teilen sollte.

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Schrilles Lachen erreichte ihr Ohr und Clara fragte sich, was es wohl diesmal war, dass die halbe Belegschaft so amüsierte; nicht, dass sie es verstanden hätte, selbst wenn man sie darin einweihen würde.
Clara begriff es schließlich nie so ganz. Dessen wurde sie zumindest tagtäglich versichert. Manchmal irritierte sie dieser Umstand dann genug, und sie traute sich direkt zu fragen, worum es denn ginge, sogar zu bitten, dass man sie darüber aufkläre, worin der tolle Scherz lag… und woran es lag, dass sie nie so ganz nachvollziehen konnte, was alle anderen stets erheiterte. Doch dann würde sich immer nur Schweigen über die Runde legen. Bis dann einer laut loslachte und die angespannte Stimmung löste. Bis es schließlich wieder hieß:

„Ach Clara, du bist süß!”

Und dann würde auch sie lachen.

Wenn alle lachten, tuschelten sie wenigstens nicht, tauschten sie keine wissenden Blicke aus…

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Elke schluckte hörbar, rieb sich langsam über die Wangen, kniff in die Halsfalte, denn sie verspürte noch immer den schweren Kloß im Hals, der das Telefongespräch mit Clara‘s Kollegin in ihr ausgelöst hatte. Und obgleich sich ihr Verständnis über Claras Leben und somit ihr Artikel stetig entwickelte, zeichnete sich doch Stück für Stück ein immer bedrückenderes Bild:
Kurz bevor Elke sich aufmachen hatte können den geplanten Ausflug in die Klinik anzutreten, war es ihr Telefon, das klingelte und war es sie, welche verlangt wurde von einer dünnen Stimme am anderen Ende einer recht wackeligen Leitung.
Eine Magda, wie sie meinte, eine Kollegin Clara‘s und sicher die einzige, die bereit war mit ihr zu sprechen. Auch das teilte Magda ihr in einem beinahe zischenden Ton mit.

„Nicht, dass Sie glauben, es gäbe groß was zu erzählen… Clara war nett, sehr schüchtern und immer zuvorkommend… nur… sie passte halt nicht ganz ins Team… was sie sicherlich spürte…”
Elke, die natürlich genauer wissen wollte, was diese Magda damit meinte, bohrte nach. Fragte, ob Clara der Arbeit eventuell nicht gewachsen gewesen oder den Ansprüchen nicht gerecht geworden war.

„Nein, nein… sie war schon sehr gut. Wusste stets was es zu beachten galt… machte hervorragende Zeitpläne und dachte nicht nur mit, sondern voraus… schließlich war sie ja die persönliche Assistentin von Tony… ehm der Geschäftsleitung…”

Die Stimme schwieg, als gäbe es nicht mehr zu sagen dazu. Elke schwieg auch, denn das konnte auf keinen Fall das Ende vom Lied sein.

„… ehm sie war halt nur irgendwie anders. Verstehen Sie? … Natürlich verstehen Sie das!.. Hat irgendwie nie geschnallt, wenn Dinge lustig waren oder eben ernst… sie hatte auch keine Familie und nicht mal Freunde, soweit ich weiß… da war nur Tony und der… na ja… er war sehr geduldig mit ihren Schrullen, hat sie aber nie bevorzugt – macht man ja auch nicht als guter Chef – und… sie wurde in letzter Zeit halt schussliger, langsamer… und das kam nicht so gut an… verständlich, nicht wahr.”

Tief durchatmend, verbat Elke es sich Magda‘s Ausführungen mit ihrer Meinung zu verständlichem Benehmen zu unterbrechen.

„… ja, er war sehr geduldig… es wurde aber nicht besser… sie wurde nur viel ruhiger… fast so, als wolle sie verschwinden; irgendwie tat sie es auch… na und dann hab ich Clara gesagt, sie soll lieber krank machen… sich richtig erholen und so… das Haus Instenburg hat nen guten Namen und Doktor Hinterseer ist renommiert und ich kenne da wen… und nur mir hat sie es zu verdanken gehabt so schnell einen Platz zu kriegen… auch wenn ich es Tony nicht verraten habe… das dürfen Sie bitte auch nicht! …ehm”

Elke sagte demgegenüber sofort zu und Magda war beruhigt fortgefahren in ihrer Erzählung. Sie hatte mit ihrer und der allgemeinen Meinung der Belegschaft zu den Plänen von Clara‘s Wunsch nicht nur den Beruf zu wechseln auch nicht hinterm Berg gehalten. Jeder hätte auch Tony‘s Reaktion vollkommen nachvollziehen können und „Sie sicher auch, wenn Sie ehrlich sind, nicht wahr?”
Die Bitte doch nicht mehr anzurufen, holte sich Magda noch ab, bevor diese ihr alles Gute für ihre „kleine Reportage” aussprach und das Gespräch abrupt beendete.

Elke rieb sich nun die müde Augen, kreiste mit den verspannten Schultern, blickte vor sich ins Leere und an den Notizen vorbei.
Das Telefongespräch hatte sie geschafft und geschafft war sie nun wirklich. Sie fragte sich, wie es passieren konnte, dass Leute so miteinander umgingen. Ein Schnaufen, was kein Lachen war, suchte sich seinen Weg aus Elkes Nase; so ein bisschen, wie im Schulflur diese Art Gruppendynamik. Ihr war es auch unbegreiflich, wieso Clara so lange fähig gewesen war es auszuhalten in solch einer Situation zu existieren – so allein in einem Raum so voller Menschen. Und dann war sie nicht einmal selbst auf die Idee mit der Reha gekommen?! Der Gedanke daran, was wohl noch alles hätte geschehen müssen, damit Clara ohne Anstoß von außen sich hätte helfen lassen, drehte Elke fast den Magen um. Pff, „so geduldig, aber natürlich nichts durchgehen lassend“ als Charakterzug gehörte Elkes Meinung nach immer im Kontext betrachtet. Und in diesem ihr gerade erläuterten, nahmen diese positiven Eigenschaften recht dunkle Züge an.
Nach allem, was Elke gerade gelernt hatte, stand es für sie umso mehr außer Frage auf eine persönliche Begegnung mit Clara‘s ehemaligen Lebensgefährten, diesem „Tony” zu verzichten.

Nein, sie würde keine Ruhe geben!

Nicht das Elke jetzt Zeit zum Ruhe geben hatte oder aber für den geplanten Besuch in der Klinik. Bujahn beorderte sie nämlich mit einem Mal zum Marktplatz raus, um doch über die Entscheidung des Stadtrates zum Thema „Waldweg-Problem” zu berichten. Er duldete keinen Widerspruch, was Elke genug beeindruckte, um Ausnahmsweise mal keinen zu leisten.
So stand sie schließlich, als eine unter allen bereit dem Bürgermeister im schlecht sitzenden grauen Anzug die Geduld und Aufmerksamkeit zu schenken, derer es bei jeder seiner Ansprachen bedurfte. Willens, aber nicht fähig, ob des weiterwachsenden Kloßes im Hals. So stehend mitten unter dem Rest von Eatrich‘s Einwohnerschaft, sah sich Elke um so deutlicher an das Telefongespräch erinnert, je länger sie am Marktplatz auszuharren hatte. Eckard Ballart‘s langsam und überdeutlich gehaltene Rede tröpfelte schwer auf Elke herab, vermischte sich mit dem Schweiß auf ihrer Haut und wollte sich in ihrem Kopf einfach nicht zu sinnvollen Einheiten zusammenfügen.
Elke wäre bestürzt, wusste sie nicht um Ruby, deren Nähe sie inzwischen spüren konnte, welche alles Wichtige für sie bei einem Glas Weißwein wiederholen würde.

***

So schnell, wie das Tageslicht die Stadt getroffen hatte, so langsam zog es sich nun zurück. Diesmal kein Wolkenmeer, noch nicht einmal ein kleines Wölkchen war zu sehen. Der klare Himmel versprach die so beliebte freie Sicht auf die zahllosen Sterne über Eatrich, verhieß aber auch eine kalte Nacht und damit einen noch heißeren nächsten Tag.
Die kleine Katze, die den ausgetauschten Höflichkeiten des Tages gefolgt war, fand nun endlich ersehnte Ehrlichkeit in den ruhigen Abendstunden. Selbst wenn die Menschen hinter den Glasscheiben nur über Irrelevantes zu reden wussten oder eine jede Bemerkung mit Beschönigungen umwickelten. So wagten sie es ohne die Zeugen des Bekanntenkreises wenigstens offen mit einander zu sprechen, sich auch mal uneins zu sein, wahre Gefühle zu zeigen oder eben nichts mehr zu sagen, wenn es eben nun mal nichts Gutes gab.
Die Unverblümtheit hinter verschlossenen Türen und halb geöffneten Fenster zeigte auch ihre wahre, wenn auch nicht so strahlende Natur, als das Kätzchen letztlich zu Heidrun‘s Haus gekommen war.

Der Strauß roter Rosen, zwei Tage und bedeutende Gespräche alt, vertrocknet und fern von opulent, erschwerte trotzdem nach wie vor die Sicht ins Innere. Diese Blumen nun boten keinen Duft, stellten nichts mehr da, doch sagten ganz stumm so vieles aus.
Unerwartet drang Heidrun‘s leicht schwächliche Stimme an Tilli‘s Ohr, als diese fast drauf und dran war weiterzuziehen:

„…okay, was immer du willst …ja, natürlich …sowas kommt vor …ich habe sie erhalten …danke, ist wunderschön …meld dich einfach, wenn dir danach ist …ja?”

Ein kurzes Schniefen, ein tiefer Atemzug, dann ein Räuspern und Heidrun trat ans Fenster. Sie nahm den vertrockneten Rosenstrauß herunter und stellte eine schmale Vase aus tiefblauem Glas mit einer einzelnen weißen Inkalilie hinein. Dem Kätzchen schenkte sie noch ein kurzes Lächeln und schickte es mit einem leichten Stupser auf den Rest ihrer Abendrunde.

– VI –

Das ein neuer Tag neues Glück bringen könnte, fing Elke mit jedem neuen Tag dieser viel zu langen Woche an ernsthaft zu bezeifeln.

Sie war kaum aus der Wohnungstür getreten, da war sie bereits wieder klatschnass vom Schein der bereits brütenden Morgensonne.
Um wirklich genervt zu sein, reichte ihre Kraft schon nicht mehr. Auch brachte es nichts das dünne gelbe T-Shirt mitsamt des knielangen grasgrünen Rockes zu verfluchen – weder in sich hinein gebrummt noch in die Welt posaunt. Elke hatte nun mal einen anständigen Eindruck bei ihrem Termin mit Herrn Doktor Hinterseer hinterlassen wollen und da konnte sie ja wohl kaum in ärmellosen Hemdchen und Minirock erscheinen? Nicht das sie sich jemals in einen solchen Aufzug gewagt hätte. Nein, es war ihr wichtig ernst genommen zu werden und das bedarf eben auch angemessener Kleidung. Also kehrte Elke auf ihren Weg zum Haus Instenburg nochmal bei Ruby ein und folgte deren Vorschlag einen Stoß Wechselkleidung mitzunehmen, um sich dann vor Ort wieder aufhübschen zu können.

Was tat sie nicht alles für den Beruf!

***

Den Umweg über den, wieder freigegeben, Waldweg ließ Elke sich trotz des fiesen Wetters nicht nehmen.
Sie wollte möglichst noch vor allen anderen einen Blick auf die Fundstelle von Clara Leichnam werfen. Denn da diese eigens mit einer Gedenktafel versehen werden sollte, würde es, zumindest in nächster Zeit, einigen Andrang geben auf dem Eatricher Stadtwaldweg.
Die meisten Leute reagierten während der Versammlung am Vortag zwar mit Zuspruch auf die Wegfreigabe und die Idee zum Setzen der Tafel, aber eben auch verständlich verhalten bei der Erinnerung an den tragischen Todesfall. Entsprechend hoffte Elke, dass bisher noch niemand den Gang in den Wald gewagt hatte und sie so erneut nach Spuren des Vorfalls oder einer Störung der Stelle Ausschau halten könnte.

Alles war wie bei ihrem ersten Besuch, nur trocken… nur ohne die weiße Lilie.

***

Doktor Hinterseer‘s Büro im Obergeschoss des Klinikums war so absichtlich unscheinbar, wie der Mann, der es ausfüllte. Ließ einen jeden Besucher glatt vergessen, dass dieser sich gerade in Gesellschaft mit einer renommierten Persönlichkeit befand. Der recht kleine Raum lud aber auch und vielleicht sogar gerade deshalb zur Lockerung mitgebrachter Anspannungen ein:
Sowohl mit dem olivgrünen Farbton an der Wandseite, die dem Chefarzt im Rücken lag und als Blickfang für seine Gäste diente, als auch durch die breite, gitterfreie Fensterfront mit Sicht auf den Klinikgarten. Ein gut gefülltes Bücherregal aus Bambus, eine elegante Stehlampe und der beachtliche, aber bis auf des Doktors Laptop leere, Schreibtisch stellten die einzigen Möbelstücke dar.

Elke überlegte kurz, ob die Patientenakten wohl einen eigenen Raum hatten oder ob diese nur digitalisiert existierten. Ihre Gesprächszeit mit Reginald Hinterseer aber mit derlei Fragen aufzuhalten, kam ihr nun wirklich nicht in den Sinn. Welchen Zweck würde das auch erfüllen? Es war ja nun nicht so, dass Elke auf Akteneinsicht hoffen konnte.
Nach einem kurzen Austausch angemessener Höflichkeiten rollte das Interview zielstrebig voran.
Elkes Frage nach den Gründen, aus denen er und nicht Clara Wiltau‘s Lebensgefährte und Bevollmächtigter ihren Leichnam identifiziert hatte, war knapp mit einem „Er war halt nicht zu erreichen.” geklärt. Genau die gleiche Antwort bekam Elke dann auch, als sie wissen wollte, ob er denn Anton Nauer je getroffen hatte. Seinen Missmut Clara‘s Partner gegenüber zeigte Doktor Hinterseer – professionell wie er nun einmal war – nur in der stark geschulten Mimik und der sich bei jeder Erwähnung von Nauer‘s Namen kurz verkrampfenden linken Hand.
Die Hintergründe von Clara‘s Reha-Aufenthaltes hielt der gute Doktor mit dem Terminus „Lebensumstände” mehr als vage, aber bestätigte dadurch alles, was Elke bis dato hatte in Erfahrung bringen können.
Über ihre Frage nach einer eventuellen Bekanntschaft oder dergleichen mehr zwischen Clara Wiltau und Hanna Drubert hob er nur die Brauen und gab Elkes Frage mit dem Nachsatz „Wie genau erhoffen Sie sich das in Ihrem Artikel einzubinden?” an sie zurück.

„Fräulein Drubert‘s Entscheidung war unbeschreiblich tragisch, aber ich kann Ihnen versichern, dass sie diese ohne tiefere Gedanken an Frau Wiltau getroffen hat und möchte Sie dringlichst bitten keine vorschnellen Urteile und Unterstellungen über Personen und Schicksale in die Welt zu posaunen, von denen Sie nicht das Geringste verstehen!”
Elke schlug beschämt die Augen nieder, entschuldigte sich hastig, beschwor sich nichts bei der Frage gedacht zu haben und versicherte eine respektvolle Reportage schreiben zu wollen über eine Nachbarin, die sie und die meisten im Ort, leider nie kennenlernen durfte.
Doktor Hinterseer ließ sich beschwichtigen und gab ihr die Erlaubnis Gespräche mit dem Personal und Clara Wiltau‘s Mitpatienten zu führen, sollten diese das wünschen – abgesprochen mit den Beteiligten war dies bereits.
Kurz bevor der Termin für beendet erklärt werden konnte, schob Elke doch noch ihr Anliegen über die Gründe der Ausstellung ein und trat so eine ganz neues Rätsel los:

„Ja, ist etwas ungewöhnlich, stimmt…”, ein kurzes Räuspern, „…die Bilder sind schon was Besonderes…”, ein deutlich vernehmbares Schlucken, „…sie sollen ein wenig Werbung machen für unser neues Kunstprogramm.”, schloss der Doktor nach einer merklichen Denkpause ab und schien drauf und dran sich zur Verabschiedung von Elke zu erheben.

„Der Gang ist doch überhaupt nicht für die Öffentlichkeit zugänglich… Das waren Ihre Worte an mich, als ich mich da hinein verirrt hatte!”, polterte Elke entschlossen los. „Wie genau soll die Galerie dann zur Werbefläche dienen?”, setzte sie schnell hinterher.

„Na der Korridor und der geplante Flügel dahinter, wird bald offen stehen…”, zischte Doktor Hinterseer und wirkte in Elkes Augen plötzlich irgendwie ertappt, als er schnell nachreichte „…und soll dann als eine weitere Anzeige für den Kurs dienen.”
Das war dann seine letzte Bemerkung dazu und „müsse ihr genügen, da das nun schließlich auch weit über den gesetzten Rahmen des Artikels hinausgehe.”
Was genau innerhalb des geplanten Flügels kommen werde, würde sie, wie alle anderen auch bei der offiziellen Verlautbarung hören und könne dann darüber berichten.

Ein wenig im Konflikt sich mit Halbantworten und Deflektionen zufrieden geben zu müssen, setzte Elke ein gestähltes Lächeln auf, reichte höflich und in Dankbarkeit ihre Hand zum Abschied und stellte sich schließlich dem Rest ihres Tagesplans.

***

Das Licht der Spätmorgensonne umspielte Heidrun Rühlich‘s leicht müde Züge, glättete die Fältchen von schlaflosen Nächten und gab dem Graugrün ihrer Augen einen besonderen Glanz. Das vollgeblümt gemusterte Sommerkleidchen, was so hervorstehen müsste inmitten der edel und formal gekleideten Eatricher Frauen wurde zur schönsten Form der Camouflage, nun da Heidrun mal wieder vor dem Blumenstand am Marktplatz stand.

Könnten Katzen schmunzeln, Tilli täte es bei diesem Anblick der allgemeinen weiblichen Entrüstung und verschwiegenen Bewunderung, welche ihre Kreise über den Platz vorm Rathaus zog.

***

Die Gesamtzahl an Kurgästen war schon nicht groß und die, welche Clara näher gekannt hatten und selbst noch in Behandlung waren damit umso kleiner.
Dass das Haus Instenburg beabsichtigter Weise nie ganz voll ausgelastet wurde, war von dem noblen Vorhaben geprägt auf möglichst jeden Patienten individuell eingehen zu können und durch die beachtlich gut finanzielle Lage der Kurklinik abgesichert. Denn das Gros der Gäste war privatversichert, gutbetucht und mehr als willig die Klinik auch nach Abschluss der Kurzeit weiter zu unterstützen. Doch auch die Rentenkasse teilte dieser noch recht jungen Klinik, mit dem überragend guten Ruf, inzwischen nur zu gerne Reha-Nehmer zu.

„Und überhaupt, sollte Ihnen mal nach einer Pause zumute sein, sind Sie hier herzlich willkommen und werden sich wohlfühlen!”, rief der strahlende Pfleger Elke noch nach, bevor er in seine Mittagspause eilte.

„Hier bin ich Mensch. Hier fühl ich mich wohl.”

Elke schauerte es ein wenig so sehr an das Eatricher Stadtmotto erinnert zu werden. Sie kniff die Augen zusammen, atmete ein „Ommm” aus und lief anschließend zielstrebig auf die kleine Gruppe Menschen, welche man ihr zum interviewen zugewiesen hatte zu. Dass dies auch zufällig dieselben waren, derer sie zwei Tage zuvor gelauscht hatte, freute Elke natürlich ungemein:

„Ach, Clara war wirklich nett.”

„Ja, immer hilfsbereit.

„Aber schüchtern… so ein leises Stimmchen.”

„Hmm…”

„Machte es jedem recht.”

„Versuchte es…”

„Stimmt, ein wenig seltsam manchmal… aber sehr nett.”

„Hat sich mit allen verstanden…”

„…am Ende…”

Als Elke von den Zwistigkeiten, die es zu geben schien – vor dem Ende – mehr wissen wollte, wurde die gesprächige Runde eher kleinlaut. Elke sah sich schon wieder einer Sackgasse gegenüber, da brach erst einer los, dann alle übereinander her. Es war kein Streit, nicht einmal eine Diskussion, nur ein Übertreffen wollen an Bestätigungen, die Elke besonders nach ihrem Gespräch mit Magda erschaudern ließen. Denn alles, was sie nun hörte, hatte sie bisher zwar vermutet, jedoch im Stillen noch immer gehofft, falsch zu liegen:

„Ja, aber wie blind hätte sie sein müssen, um das nicht gleich zu sehen!”

„So ein Verhalten ist antrainiert… das merkt man nicht mal gleich… oder nie…”

„Wie viele Jahre sie sich das angetan hat?”

„Und nur gute Worte für ihn… pah!”

„Er hat sie nicht misshandelt – nicht für andere sichtbar…”

„…das macht es doch so verwerflich… und sie hat sich nur gefragt, was sie falsch macht.”

„…und dann immer seine Eifersucht… sie sagte ‚Sorgen‘ dazu…”

„…und die Selbstzweifel, die er gesät hat… sie vertraute seiner Meinung voll und ganz…”

„…”

„Kein Wunder, dass Hanna irgendwann der Kragen geplatzt ist. Bei allem, was sie so erlebt hat.”

„Ja, sie hat Clara ordentlich den Kopf gewaschen… die hat tagelang kein Wort mehr gesagt.”

„Konntest du ihr Hochgehalte von dem Typen etwa ertragen?”

Wieder war ein vernehmbares Schweigen über der Runde ausgebrochen.

Was denn Hanna passiert sei, wollte Elke schließlich wissen. Erreichte aber nur ein Auflösen der Gruppe und die Versicherung, dass sich alles zum Guten gewendet hatte für Clara letztendlich. Dass „sie aufgewacht war und nur noch nach vorne blickte…, dass dieser tragische Unfall nicht nur uns eines wirklich guten Menschen beraubt hatte…” und bevor diese selbst genau wusste, wozu sie fähig sei, setzte Elke noch in Gedanken nach.

***

Die Auseinandersetzung zwischen Clara Wiltau und der 17jährigen wurde von den Leuten mächtig aufgebauscht, steckte ihr dann Hinterseer, welcher sich genau diesen Moment ausgesucht hatte, um mal nach den Entwicklungen von Elkes Recherche zu schauen, wie er meinte.
Was dann folgte, war ein Monolog vom guten Doktor. Eine Rede, eine Vorlesung, eine Lektion über die Umgangsformen mit einem Leben, dass Hilfestellung bedarf:

„Es gibt im Grunde nur zwei Wege, wie und warum jemand sich für eine Rehabilitation entscheidet.
Zum einen, es wird darum gebeten. Denn es besteht die Erkenntnis, dass Hilfe benötigt wird und das Verlangen diese anzunehmen. Zum Anderen, die Notwendigkeit kann nicht selbst als solche erkannt werden, ist aber hinreichend dringlich. Dann wird der Betroffene der Bürde enthoben und die Entscheidung wird ihm oder ihr abgenommen.
Nicht immer aber sind die Wege hin zur helfenden Hand so eindeutig zu trennen; Sie können sich diese als die zwei Außenpunkte eines Spektrums vorstellen.
Die Reaktionen auf den angebotenen Hilfsweg sind entsprechend divers und genauso wenig einfach zu trennen. Auch kommt es gut und gerne vor, dass diese fast spiegelverkehrt erscheinen. Nur weil sich jemand diesen Weg ausgesucht hat, heißt es noch nicht, dass dieser sofort mit der nötigen Bereitschaft angenommen werden wird und umgekehrt.
Findet man aber einen angemessenen Umgang, dann wird die Rehabilitation als eine Möglichkeit dienen zu lernen, wie man sich selbst helfen kann. Und, wie man um Hilfe fragt, denn auch das ist eine Fähigkeit, die erlernt gehört, die einem beigebracht werden muss.”

Elke blinzelte bloß wild. Sowohl als Reaktion auf alles Gehörte also auch in Antwort auf die von Herrn Doktor Hinterseer nicht gestellte, dennoch implizierte Frage, ob er ihr denn hatte alles Wichtige erklären können. Nach einigen Schrecksekunden und vermutlich in Bestätigung von Hinterseer‘s Meinung über ihren Charakter, holte Elke dann doch noch eine Folgeerkundigung ein:

„Clara Wiltau hat die Reha also nicht so ohne weiteres als ihr helfend empfunden und Hanna Drubert war das ein Dorn im Auge, da diese hier zwar ursprünglich nicht freiwillig war, aber den Sinn erkannt hatte? Entsprechend gab es Streit zwischen diesen? Nein, warten Sie…
Hanna Drubert hatte im Gegensatz zu Clara Wiltau die Umstände für ihren Reha-Aufenthalt begriffen und das hatte zum Zwist geführt.”, drückte Elke schnell heraus und versuchte doch sehr sich nicht zu dumm dabei zu fühlen.
Doktor Hinterseer, mit dem Blick eines Menschen, welcher sich zu häufig wiederholen muss und dieses von Grund auf verabscheute, nickte bedeutend langsam. Um Elke von dem Missverständnis abzubringen, der kleine Disput hätte sich negativ auf eine von ihnen oder beide ausgewirkt, setzte er noch etwas missmutig nach, dass es letztendlich nur zu „positiven Entwicklungen für beide Damen” gekommen war; ganz gleich der Umstände. Und dass sie dadurch beide hatten „ihre Perspektive” erweitern können.
Bevor er sich letztlich von Elke abwandte, um sich wichtigeren Dingen zu widmen, legte er ihr noch den von der Kurklinik angebotenen Kreativ-Kurs ans Herz. Kurz durchfuhr Elke der Gedanke in einer schäbigen Werbeaktion gelandet zu sein, doch dann erinnerte sie sich wieder an Hilda Maurer und deren Erzählung über deren erste Begegnung mit Clara Wiltau.

Am nächsten Tag sollte der Kurs wieder stattfinden, hatte man Elke vor ihrer Rückkehr nach Eatrich versichert. Und diesem wollte sie dann auch beiwohnen, um noch mehr Informationen zu Clara zu erhalten. Aber auch, da die Bilder – die weiße Lilie – sie einfach nicht mehr losließen.

Im Augenblick wünschte Elke sich allerdings nur noch in Ruby‘s Gesellschaft zur Ruhe kommen zu dürfen und die Erkenntnisse dieses Tages, diese so unangenehmen Realitäten, fürs erste ad acta legen zu können.

***

Ein Grollen ertönte aus der Ferne, wie eine Ankündigung, eine Androhung gar.

Das schwarz-weiße Kätzchen war im Schreck erstarrt; lauschte, fühlte um sich ohne der Gefahrenquelle kundig werden zu können.
Dann aber Ruhe.
Krallen schoben sich zurück, Fell legte sich nieder, Muskeln entspannten und Tilli lief weiter. Durchschritt ihr Revier, beäugte all die blau flackernden Fenster, erkannte das schweigsame Gespräch dahinter. Ging an diesen vorbei und ihres Weges voran.
Dann wieder ein Grollen und nicht aus der Ferne und doch eine Ankündigung und noch mehr Androhung gar.
Ein Splittern von Glas, von schneidenden Worten. Ein Knallen von Türen, von berstender Rede. Ein Schluchzen, ein Wimmern, ein flehender Ausruf. Ganz laut und zu leise, sehr nah und zu fern. Geschützt und verborgen hinter durch gelbe Rosen geschmückten Scheiben.

– VII –

Über Nacht war ein Sturm aufgezogen und schob nun seit Stunden wild die brühwarme Luft hin und her. Es neigten sich die jüngeren Bäume bedrohlich, schwankend, wie Schilfgras im Wind. Auch brach es immer wieder Äste aus vormals so stolzen Kronen. Und Blätter, gerissen aus Sträuchern, aus Blumenbeeten, wirbelten in beachtlichen Windhosen durch den Stadtpark.
Ein Naturschauspiel, was besser hinter verschlossenen Fenstern oder durch Fernsehbildschirme betrachtet gehörte.
Das zumindest dachte sich Elke, als sie zähneknirschend und nur dank eines gut geglückten Ausfallschrittes nach links dem Ast einer Ulme ausgewichen war.
Oder waren das hier Erlen? Befragte sie ihren eigenen Unverstand gegenüber botanischer Genauigkeiten.

Ein großes, oval-förmiges Blatt klatschte an Elkes Stirn, wie um sie zur Aufmerksamkeit zu ermahnen und zügiger weiterzutreiben auf ihrem Weg zum Haus Instenburg. Den sie ja trotz aller gegenteiliger Belehrung von Ruby unbedingt hatte zu Fuß beschreiten wollen.
Was die Eile war, stand außer Frage. Warum sie nicht hätte versuchen können, mithilfe des Fahrdienstes zum Gelände der Klinik zu kommen, stand auf einem anderen Blatt – in einer fremden Sprache, stark verschmiert. Jedoch widersprach Elke innerlich vehement der Bemerkung, sie „hätte sich verrannt und war nun wie immer zu stur, um dies einzugestehen!“ Welche Ruby ihr durch schmunzelnde Lippen unter zu viel verstehenden Augen mit einer lieblich-beißenden Stimme lauthals nachgerufen hatte.

Was jetzt bloß blieb, war Zähne zusammenbeißen, Augen und Ohren aufhalten und einfach stur, ohne sich ablenken zulassen, … „Arghh” … den Schmerz im Arm zu ignorieren und zum Ziel zu gelangen.

***

Der Kurs war trotz der Wetterlage gut besucht mit seinen 15 Mitmachenden, wie die Seminarleiterin freudig bemerkte und was Elke nur erstaunt unterschreiben konnte. Nach einer knappen Erklärung darüber, dass die Gruppe sich heute, angesichts der „stürmischen Zeiten vor allen Fenstern” mit einem „individuellen Erkunden” von der „eigenen Gefühlsnatur” malerisch und in freier Auswahl an Arbeitsmaterialien verewigen würde können, sollte es „ohne große Umschweife“ dann direkt auch losgehen.
Elke unterdrückte ihr kurzes Prusten, ob der blumigen Wortwahl weit weniger, als sicherlich höflich gewesen wäre. Sie lächelte verlegen in die Runde aus leicht entrüsteten Gesichtszügen um sich und murmelte ihnen ein „Bin neu hier.” in Ersatz einer Entschuldigung und Begrüßung entgegen.

Die Leiterin des kleinen Kunstkurses – ein Mädel undefinierbaren Alters mit kurzem schwarzen Haar, einer spindeldürren Figur verpackt in einem tief-violetten, ärmellosen, knielangen Kleid und Flip Flops an den knochigen Füßchen – lachte lauthals los und löste dadurch blitzschnell die verhaltene Stimmung mitsamt der langen Gesichter. Zu Elkes Begeisterung und tatsächlich ohne Umschweife tauchte diese dann wieder in philosophische Erläuterungen über die Auswahl von unterschiedlichen Farben, Tuschen, Kreiden und Bleistifttypen ein. Sinnierte weiter über passende Malgründe und Pinsel. Und lies auch das Erwähnen von allerlei sinnvollen und unsinnigen Werkzeugen nicht aus.

Denn:

„Um sich kreativ auszuleben, gibt es der Wege viel und der Grenzen lediglich im Kopf“, eröffnete Charlotte Lessner fröhlich und im vollen Ernst der begeisterten Kursrunde.

 „Kunst liegt doch immer im Auge des Betrachters. Also scheuen Sie sich nicht auch einfach mal zu experimentieren und sich so richtig fallen zu lassen”, hauchte ihr Stimmchen weiter durch den Raum, während sie mit seitlich von sich gestreckten Armen die Weite des Feldes Kunst in Bedeutung und gebotener Auswahl mimisch darstellte.

Da einer Jeder, wie gebannt ihren Worten gefolgt war und nun scheinbar keines Schrittes mehr fähig, führte sie schließlich jeden einzelnen Teilnehmer persönlich zu einer Staffelei, bevor sie ihre Ausführungen mit einem nicht versteckten Schmunzeln und dem offenbar inoffiziellen Kursmotto „Im Zweifel ist es immer gewollt; ist es immer Kunst” abschloss.
Sie gab das Startsignal, schenkte der Seminargruppe noch ein ermutigendes Nicken und zwinkerte dann Elke direkt zu, ehe sie erneut laut, und ohne jede Spur von Hohn, auflachte.

Elke empfand für Charlotte und ihre verschraubte Sprache eine sofortige Zuneigung.

***

Schnell legte sich geschäftige Stille über den Raum; es wurde gezeichnet und gemalt, sogar mit eigens in Form gerissenen Buntpapier geklebt. Jeder schien genau zu wissen, was er wie und in welcher Form auszudrücken wünschte und Elke wurde das Gefühl nicht los, dass Charlotte Lessner‘s ausgiebige Eingangsrede, die ja an alle gerichtet war, nur für sie – der scheinbar einzigen Neuen im Kurs – gehalten worden war.
Als sich die Arbeitsstimmung irgendwann in ein lockeres Miteinander zu formen begann, nutzte Elke die Gelegenheit dem nachzugehen, weswegen sie eigentlich das Seminar hatte besuchen wollen.
Der erstbesten Dame in Hörweite verriet sie ihre Begeisterung für diesen Kurs und sprach zugleich Clara Wiltau, durch welche sie indirekt den Tipp zur Teilnahme erhalten habe, noch den tiefsten Dank aus.
Wie erhofft, löste schon die Erwähnung von Clara‘s Namen eine rege Unterhaltung unter den Gruppenmitgliedern aus. Da Elke in all der Lobhudelei nichts Neues und für ihre Reportage Brauchbares herauskristallisieren sah, schob sie schließlich blindlings ein „so eine Schande, solch ein Verlust für ihren Partner” ins allgemeine Gespräch hinein. Was erst entsetztes Schweigen und dann eine rege Diskussion über das dramatische Gefühlschaos um Clara Wiltau‘s Beziehung auslöste. Denn eine eigene Meinung über das Für und Wider, dem Selbstschuld und Chancenlos, von Ursache und Wirkung, über Hingabe und Aufgabe…  hatte natürlich jedermann. Nur eins war allen klar, Clara war endlich auf dem richtigen Lebensweg angelangt vor ihrem Unfall und der Mann war alles aber sicher nicht in tiefer Trauer des Verlustes wegen.

Elke, welche auch an diesem Tage wieder ohne Erfolg versucht hatte mit Anton Nauer in Kontakt zu treten, wurde sich unter all den Aussagen über ihn und sein offenbar grobes Verhalten, seine Kontrollsucht und Unnachgiebigkeit in der eigenen Beziehung, immer sicherer, dass dieser an Clara‘s Tod nicht unbeteiligt sein konnte. Schließlich schien sich Clara ihm entgegengestellt zu haben mit ihrem Gang in die Reha und dem darin gewachsenen Vorhaben ein neues Leben fern von ihm zu beginnen. Und ein Mensch, wie Anton Nauer hätte dies sicherlich niemals so einfach zulassen können! Als um sie herum die Flut von „so mutig” und „bewundernswert stark” allmählich abebbte, nahm diese in ihr hingegen weiter zu, türmte sich auf, drohte die Dämme des selbstgesetzten professionellen Abstandes zu brechen und sie zielstrebig in eine Handlungsrichtung zu drücken, die sie rückblickend sicher bereuen würde.

Kalte, dürre Finger legten sich mit erstaunlicher Kraft auf Elkes linke Schulter, drehten sie mit dem Rücken zur Gruppen und heraus dadurch aus den rasenden Gedankenstrudeln.

„Das ist so eine Sache mit der Wahrnehmung – sie hat die Tendenz sich zu wandeln, zu verzerren und Formen anzunehmen, derer man sich vorher nie bewusst war. Die Erinnerungen an und die Einstellung gegenüber einem bestimmten Faktum sind selten so fest und eindeutig, wie man im Allgemeinen gerne glaubt.

Ja, Clara Wiltau‘s Beziehung schien bedenklich, das Benehmen ihres Gefährten verwerflich, der Umstand, dass sie sich diesem ergab unverständlich und ihr Weg aus der Situation heraus bewundernswert… Nur… Clara selbst hat all die so offensichtlichen Probleme innerhalb ihrer Beziehung nie als solche betrachtet; sie hat mit keinem Wort davon gesprochen, dass sie unglücklich wäre. Für sie war Anton stets der Mittelpunkt des Lebens. In ihren Augen hatte er sich immer gekümmert, war stets für sie da und beschützte sie. Und ich bin mir fast sicher, würden Sie ihn fragen, wäre er sich keiner Schuld bewusst.
Clara war bis zuletzt der Meinung, sie nahm eine Reha in Anspruch, da sie mehr als erschöpft war und nicht recht wusste weshalb. Sie hatte letztlich aus ihrer Behandlung für sich mitgenommen, dass ihre Arbeit sie nicht auszufüllen vermochte und wünschte sich entsprechend einen neuen Weg. Sah aber natürlich, wie unbegeistert ihr Tony von alldem war und dachte, wenn sie ihm nur zeigen könnte, wie stark sie geworden ist, würde er sich freuen und sie schließlich unterstützen.
Aber wie?
Nimmt man Clara’s Schilderungen über ihre Beziehung an, dann hat er hat sie unterminiert, kontrolliert und klein gehalten mit jeder seiner Handlungen. Ob sie es so verstand oder nicht. Er sah sich offenbar gerechtfertigt in der Rolle, die sie ihm gegeben hatte irgendwann, in die er seiner Meinung nach gehörte. Und so füllte er diese eben aus. Ganz so, wie er es für angemessen hielt, wie er es selbst irgendwann gelernt hatte; wie es ihm beigebracht wurde vielleicht. Ist nie so einfach herunter zu brechen am Ende und soll auch nichts entschuldigen.
Aber Tony konnte Clara nur als die Person sehen, die er eben kannte, die er mit geformt hatte letztlich.
Doch glauben Sie mir Clara hat bis zuletzt gehofft, er sei mehr als ein jeder hier dachte… Dass er dazu wohl nie in der Lage gewesen wäre und Clara diesen Umstand nun nicht mehr am eigenen Leib erfahren muss, ist das einzig Gute an ihrem Unfall.”

Elke war nach Ohnmacht – vielleicht war sie schon mittendrin und würde kippen jeden Augenblick.

Charlotte Lessner’s ganz eigene Meinung zum Für und Wider, dem Selbstschuld und Chancenlos, von Ursache und Wirkung, über Hingabe und Aufgabe stand so sehr für sich, wie Elke nun erstarrt und allein in diesem Raum so voller Erregung. Denn nach ihrem ausgedehnten Monolog zur Wahrnehmung, der Meinungsbildung und der Notwendigkeit seine Perspektive offen zu halten, hatte Charlotte sich bereits von ihr abgewandt und drehte nun wieder ihre Runden durch den Kursraum. Warf auf jede einzelne Arbeit nicht nur einen Blick, nickte bestimmend, lächelte mild, gab Hinweise und Anregungen, stellte Fragen und bekam diese selbst auch gestellt. Sie ging ihren Aufgaben nach und stockte nicht einmal, als sich eine weitere Teilnehmerin zur Gruppeverspätet hinzu gesellte, sich eigenmächtig vor einer Staffelei positionierte und erst aufhörte mit einem Farbdurchtränkten Schwamm auf das Seidentuch wild einzutupfen, nachdem sie mit dem passenden Pinsel und einem langen Blick versehen worden war.

Dass es Heidrun Rühlich gewesen war, welche sich dem Seminar etwas säumig angeschlossen hatte, fiel Elke zwar auf, aber für sie nicht wirklich ins Gewicht. Schließlich war es kein Geheimnis, dass die „für Jedermann” Kurse auch von der Eatricher Nachbarschaft gerne in Anspruch genommen wurden. Heidrun wirkte müde irgendwie, trug tiefe Augenringe unter zu sanftem Makeup. Wahrscheinlich hatte diese sich auch durch den Stadtpark gekämpft, dessen Wege nach wie vor sicher recht holprig waren, obgleich der Sturm sich inzwischen gelegt hatte. Mit inzwischen mehr als müden Augen betrachtete Elke nun ihre eigenen langen, vormals hellen, jetzt verdreckten Hosen, die aufgekratzten Füße in einst weißen Sandalen, das verschwitzte schwarze T-Shirt und kam nicht umhin Heidrun im Stillen um deren Kleiderwahl zu beneiden. In fliederfarbenen dreiviertel Hosen, einer ärmellosen weißen Bluse mit Brosche in Orchideenform am linken Kragen und grauen Klocks an den Füßen war diese offensichtlich um vieles passender eingekleidet, als sie selbst. Ihr Blick blieb an der Brosche haften, verlor sich ein wenig und schloss sich so ihren Gedanken an.
Erst das laute „Ping” einer eingegangenen Textnachricht riss Elke aus der unschönen Reverie und das „Wir haben keine Milch mehr…” holte zuerst ein Lachen aus ihr heraus, dann eine Entschuldigung an die irritierte Runde und zu guter Letzt ihre Verabschiedung vom Kreativ-Kurs.

Das Bild eines in Kohle gezeichneten großen oval geformten Blattes ließ sie ohne Reue zurück.

***

Im Kopf fühlte sich Elke schon zurück in der Stadt, spürte die Stärke des nie mit Milch verdünnten Kaffees, schmeckte den Bissen Zuckerkuchen praktisch auf der Zunge. Tilli‘s Schnurrhaare kitzelten sie am blanken Bein, Ruby‘s Finger strichen ihr durchs Haar, über den Nacken, den Rücken hinab, kamen dort zur Ruhe; gaben Kraft.
Ein „Bitte, nun warten Sie doch… Ich muss mit Ihnen reden!”, zog Elke wieder ins Hier und Jetzt, auf den Boden der Tatsachen, auf das Gelände der Klinik.

Lilli, eine unscheinbare Frau Mitte Zwanzig, in unauffälligem Beige zerrte sie zu einer der äußeren Bänke, drehte und wendete sich dabei, als hätte sie Sorge belauscht zu werden. Elke erkannte sie sofort, erinnerte sich ihrer leisen Stimme, die meist mehr einem Flüstern gleich kam. Sie gehörte der Gesprächsrunde an, mit der sich Elke tags zuvor unterhalten hatte. Lilli zu fragen, was diese eigentlich wollte, verlor sich in deren gewisperten Schwall.
Sie müsse unbedingt verstehen, worum es in dem Konflikt zwischen Clara Wiltau und Hanna Drubert tatsächlich gegangen war. Nur dann würde sie auch begreifen können, „weshalb dieser für beide so nötige, so heilsame Konsequenzen gehabt hatte und dass Hanna doch niemals…“ Ihre eh schon kaum hörbare Stimme versank in einem noch unmerklicheren Schluchzen.
Elke tätschelte ihr verhalten am Arm und erkannte mit Schrecken, dass ihre Frage nach den Unstimmigkeiten zwischen Clara und Hanna nicht nur beim Doktor die Annahme ausgelöst hatte, sie werfe der einen ein Zutun am Tod der anderen vor. Sicher, Elke war an diesem Gedanken nicht ganz vorbei gekommen, aber dass dieser ihr so offensichtlich auf der Stirn geschrieben stand, ließ sie doch ein wenig um eine Zukunft im investigativen Journalismus bangen – ein Pokerface, ja das brauchte sie ganz dringend.
Lilli wimmerte weiterhin an ihrer Seite und Elke überhäufte diese bald mit Entschuldigungen, Versicherungen und Zustimmung. Wollte natürlich mehr wissen über alles, würde aller Information mit Respekt gegenüberstehen und nichts in die Öffentlichkeit tragen, was dort auch keinen Platz haben sollte.

„Hmpf… wenn es nach Hanna‘s Aussagen ginge, wäre ihr die allgemeine Meinung vollkommen gleich. Sie betrachtete kaum etwas in ihrem eigenen Leben als private Angelegenheit… nahm nie ein Blatt vor den Mund und sprach fast mit Jedem über Alles.”, legte sie auf einmal mit überraschend kräftiger Stimme los und übermannte Elke nun förmlich mit ihrer Rede:

„Ich glaube sie tat das als Reaktion auf die vielen Heimlichkeiten, innerhalb ihrer Familie. Bei ihnen sprach man nie direkt zueinander, nur hinterrücks und dann mit der Maßgabe, aber nichts dem anderen zu verraten. Man redete auch nicht über Gefühle, man warf sie sich vor!
Hanna dagegen war stets offen, immer ehrlich und hinterließ augenblicklich den Eindruck, man würde sie gut kennen und verstehen – dem war aber nicht so. Denn wirklich an sich heran ließ sie die wenigsten Menschen kommen. Und das war die Krux. Das einzige was sie privat, was sie geheim hielt, waren ihre eigenen Ängste, Wünsche, Hoffnungen, ihre reale Emotionen… Hanna war so voll von Gefühl, das sie aber nicht raus zulassen vermochte, da sie nicht wusste wie und Angst hatte davor, was folgen könnte, würde sie es wagen. Es brodelte ständig in ihr und drohte immerzu sie zu überwältigen.”

Bevor Elke sie unterbrechen konnte, um zu erfahren, wie denn Lilli all das wissen konnte, wenn doch „wahre” Gefühle das einzig Geheime von Hanna Drubert war, ratterte diese weiter:

„Sie war so ein herzensguter Mensch und barg so viel Verständnis für die Welt. Aber verachtete Heimlichtuerei, Getratsche, Gemauere. Sie missbilligte es, wenn Leute nicht einmal sich selbst gegenüber ehrlich sein konnten und nur immer nach Ausreden, nach Schuldigen suchten für die eigenen Verfehlungen. Hanna konnte solche Anwandlungen immer erkennen … und es regte sie auf!

Clara Wiltau war genau diese Art Mensch. Sie hielt die Augen so stark verschlossen gegenüber der eigenen Realität, dass diese, wie zugenäht erschienen für Hanna. Und so hielt sie ihr einen Spiegel vor die Nase wortwörtlich und im übertragenen Sinne. Clara begann danach zumindest ein wenig ihren Blick auf sich selbst und um sich herum zu erweitern und zeigte sich dankbar.
Hanna ihrerseits erkannte erst durch Clara, dass auch sie sich das eigene Leben schöner geredet hatte, als es war. Hm… noch nicht mal das. Doch sie dachte ernsthaft, sie könne mit allem leben, könne sogar wachsen an den Problemen, die nicht die eigenen waren und nie hätten sein sollen. Sie glaubte, wenn sie mitredet und nicht dagegen an, wenn sie nur diplomatisch sämtliche Positionen vertreten lernt, für und wider aller Streitigkeiten argumentieren kann, dann würde sie hilfreich sein und nicht bloß hilflos daneben stehen müssen.
Gott, dieses junge Ding war viel zu erwachsen für ihr Alter und doch noch so unerfahren am Ende… sie dachte sich selbst so stark, dass alle geglaubt hatte, sie wäre es… letztlich glaubte sie es selbst und zerbrach beinahe daran…”, Lilli räusperte sich laut, schnappte nach Atem, setzte mehrfach an, bevor sie endlich weitersprach:

„Aber wer rechnet schon mit sowas, wer kann sich angemessen vorbereiten auf einen Platz zwischen sämtlichen Stühlen? Hm?… Und wenn dann der Vater eines Tages seit Zehn Jahren eine Zweitfamilie hat… und wenn er dann deswegen geht, ist das natürlich ein Schock, ist es unbegreiflich, ist ja nichts womit man so rechnen wird, rechnen möchte… ist es ebenfalls weder das Ende der Welt, noch dieser Geschichte letzter Schluss. Denn dann kommt er wieder nach Tagen, einer Woche vielleicht, nach endlosem Flehen der Mutter, nach ihren Geschrei, ihrem Schmerz, ihrer Verzweiflung… Ja und nun spielen sie ein wenig heile Welt, verlangen von Hanna mitzuspielen, es nicht madig zu machen mit ihrem Geschrei, ihrem Schmerz, ihrer Verzweiflung… Nur dass er dann wieder geht, erneut zurückkommt und nochmal von vorn…”

Einatmen, Ausatmen, zählen bis Zehn.

„Hanna war so hilflos wütend, als sie an ihr zerrten, sie hineinzogen und aussaugten im täglichen Streitgespräch und sie dann doch alleine ließen, sie kaum bemerkten bei allem anderen, nicht mitbekamen, wie sie immer weiter abbaute, wie sie sich kleiner und kleiner machte, ganz so, als wolle sie verschwinden…
Ganz im Sinne der Erziehung, ganz verloren im eigenen Konflikt hat Hanna natürlich niemals über die Situation gesprochen. Denn es war halt so und was hätte es schon ändern können, vertraute sie sich jemanden an; das war ihre Meinung bis zuletzt… Auch ich habe all das erst erfahren, nachdem sie sich selbst in Clara erkannt hatte und ich zufällig an ihrer Seite stand, um ihr zur Seite zu stehen.”, ein Schnaufen, ein Hüsteln und weiter ging die Geschichte:

„Ihre Hausärztin zog dann eines Tages die Notbremse und schickte Hanna in die Reha…
Doch erst die Begegnung mit Clara ließ Hanna wirklich erkennen, dass sie schwach sein durfte, manchmal auch einfach sein musste und dass sie nicht allein war.”

Womit Lilli plötzlich verstummte.

Über Elkes trockene Lippen fiel auch kein weiterer Kommentar. Sie sah sich allerdings erneut der Frage, nach dem „Warum, wenn doch alles so gut schien?” gegenüber. Ihre Gesprächspartnerin, saß still und in Tränen aufgelöst neben ihr. Wahrscheinlich stellte sie sich dieselbe Frage.

***

Was Elke am Ende noch erfuhr, bevor sie schließlich den langen Gang nachhause antrat, war, dass Lilli kein echter Kurgast sondern Hanna‘s Freundin gewesen war, und somit die einzige Person, die sich nicht nur einzubilden brauchte, dass sie Hanna kenne und verstehe, sondern es auch tat. Die jungen Frauen kannten sich wohl über eine Laien-Theatergruppe und darum zwar noch nicht zu lange, aber dafür umso besser.
Jedenfalls bis zu den Ereignissen des vergangenen Mittwochs.

Elke bemerkte kaum, wie ihre müden, geschundenen Füße sie Schritt um langsamen Schritt durch den Park trugen, sie in den östlichen Teil Eatrich‘s brachten, über Ruby‘s Türschwelle und in ihre trostspendende Umarmung. Elke wollte nicht reden und wie so oft stellte ihr ihr liebster Mensch auf Erden keine Fragen.

Sie würden gemeinsam schweigen und es wäre genug.

***

Die Abendluft lag windstill und lauwarm über der Stadt.
Alle Straßen und Wege nun wieder gepflegt und geräumt, Umsturzgefährdete Bäume gefällt, Sträucher gerichtet, Rasen geharkt. Kein Hauch von stundenlanger Naturgewalt mehr zu erahnen, nur ein Geruch von feuchtem Wald kündigte Neues an, verkündete zeitnahen Regen.

Ruhe strömte auch aus allen blauflackernden Fensterscheiben; baldiger Schlaf würde folgen. Auch das schwarz-weiße Kätzchen befand sich bereits auf dem Heimweg – nur noch ein Blick durch das eine Fenster, nur noch mal ein kurzes Hineinsinnen nach möglichen Spuren stundenlanger Naturgewalt so ganz anderer Art.

Ein farbenfroher Strauß Tulpen, der sich seinerseits zur nächtlichen Pause anschickte, belegte die freie Sicht. Stand stolz auf dem Fenstersims und zeugte so auch hier von der Bereinigung aller Sturmschäden.

Ein leises Murmeln nur erreichte Tilli‘s gespitzte Ohren, verkündete einen Hauch von Zweisamkeit.

– VIII –

Ob sie nun wollte oder nicht – Irgendwann hatte Elke natürlich wieder das Bett zu verlassen, um sich der Welt zu stellen. Was ihr mehr als missfiel an diesem ach so neuen Tag, der ach so viel Neues, aber nicht notwendigerweise Glückliches in sich barg.
Entsprechend zögerte sie nicht nur das Aufstehen hinaus, solange es ihr gelang.

Erst gegen Mittag traute sie sich zu die Augen aufzuschlagen und diese offen zu halten.

Noch ein wenig später dann, trank sie den für sie übersüßten Kaffee und aß die eine trockene Scheibe Toast, von der sie sich hatte überzeugen lassen. Sie wusch sich dem Sand vom Vortag aus den Haaren, freute sich über das blassblaue Sommerkleid, was bereit lag. Danach putze Elke sämtliche Schuhe, kehrte den Hauseingang und wollte gerade mit der Gartenarbeit beginnen, die es nicht gab, als sie von Ruby stattdessen nicht brüsk, aber freundlich bestimmt ins Büro der Tagespresse geschickt wurde; an die dringend notwendige Aufarbeitung des vorherigen Tages.
Den langen Weg durch die Stadt lief Elke dann allerdings schon beinahe zügig. Was an einer spontan zurückgekehrten Arbeitsmoral liegen mochte oder aber am Dauernieselregen, der unnachgiebig auf sie ihr niederfiel.

Es ging bereits auf den späten Nachmittag zu, als Elke es somit endlich wagte ihre Aufzeichnungen und die Gedankenströme zu sortieren. Die hastig, nebenher bekritzelten Notizbuchseiten lagen nun vor ihr auf dem, vorher extra gründlich aufgeräumten, Schreibtisch und sahen beinahe so traurig aus, wie sie sich fühlte.
Kurz überlegte Elke die geplante Reportage über das Leben einer nie neugewonnenen Nachbarin um die Geschichte von Hanna Drubert zu erweitern, doch könnte man diese so unterschiedlichen Schicksale überhaupt gegenüber- oder nebeneinanderstellen?
Es gab hier schließlich keinen gerechten Vergleich miteinander, keinen Unterschied in der Tragik. Kein, der einen ging‘s schlechter als der anderen. Niemals ein, die eine war stärker, die andere war selbst schuld. Kein das Leben hat nun mal Kurven, es könnte schließlich auch schlimmer sein. Auf alle Fälle hat es das, könnte es, doch niemals sollte es so sein. Und zu keinem Zeitpunkt sollten die Dinge, die ja auch um so vieles tragischer sein könnten, unterminiert oder ignoriert werden, bis sie dann es endlich sind.

Was also konnte Elke mit all der neuen Information, all der Perspektiverweiterung am Ende wirklich tun?

***

Dicken Wolken bedeckten den Himmel und regneten sich unnachgiebig ab – über Stadt und Park und Wald und Flur. Dies war ein Glück für die durstigen Pflanzen und da es Sonntag war, kein Problem für Eatrich‘s Einwohnerschaft. Die sich nicht in der Verpflichtung sahen mehr als das Nötigste außerhalb überdachter Flächen zu tun. Sie saßen gemütlich bei Kaffee und Kuchen, bei Klatsch und bei Tratsch und verteilt über die diversen Kleinvereine der Stadt.

Aber wirklich auch Niemand schien sich in den eigenen vier Wänden aufzuhalten. Das stets neugierige Kätzchen drückte sich leicht enttäuscht vor dunklen Fenstern herum, bis schließlich das eine Fenster versteckt hinter weit geöffneten Tulpenköpfen erreichte hatte. Dort hielt sie angespannt inne, um wie immer mehr zu hören als zu sehen – um zu zuhören:

„Du wusstest, was ich bin und doch wolltest du unbedingt mit mir zusammen sein.”

„Ich weiß, ja, natürlich …”

„Ich habe dir nie etwas vorgemacht”

„… nein, du warst immer nur ehrlich.”

„Das hatte ich ja auch versprochen.”

„…ich weiß und ich danke dir…ich hatte einfach geglaubt … ich hatte halt gehofft…”

***

Staub legte sich Korn für Korn über Elkes Unterlagen, auf die Tastatur, in ihr halbleeres Wasserglas. Die Wanduhr gab den Takt der verfliegenden Sekunden, Minuten, Stunden, die sie nun schon ohne ein Wort zu schreiben, ohne einen Gedankengang zu beenden, ohne den leeren Blick vom Fenster und dem Friedhof dahinter zu nehmen.
Ein Brummen mehr spürend, als hörend, ließ Elke zum Mobiltelefon neben sich schauen. Der Anrufer war ihr nicht bekannt und so zögerte sie einen Augenblick zu lange, um das Gespräch entgegennehmen zu können. Offensichtlich war ihr in den tiefen Gedanken, die sich doch nur im Kreise zu drehen vermochten, so einiges entgangen. Denn Acht Anrufe dieser unbekannten Nummer hatten sie bereits erfolglos versucht zu erreichen während der zu langen Nachmittagsstunden, die inzwischen still und heimlich und vor ihren nichts-sehenden Augen zu Abendstunden geworden waren.
Ein Überlegen, wer sie denn hatte so unbedingt erreichen wollen, und ob Elke zurückrufen sollte oder nicht verlor an Bedeutung, als das Telefon in ihrer Hand erneut zu vibrieren begann.

„Ja, bitte?”, grüßte Elke etwas verhalten ins Fremde.

„Ja, danke.”, brummte es trocken zurück.

Und so begann sie, Elkes Unterhaltung mit einer fast Totgeglaubten.

Hanna Drubert‘s Stimme war etwas schleppend, rau und kratzig vom längeren Nichtgebrauch. Ein Vertagen des Gesprächs lehnte sie allerdings direkt ab, genau wie Elkes mitleidige Worte für sie. Nein, Hanna hielt nichts von leeren Floskeln oder den Dingen, die man halt so sagt. Alles was sie mit ihrem Anruf hatte bezwecken wollen, war ihrer Freundin Lilli die Gewissensbisse zu lindern, die diese sich zufügte, seit ihrer Unterhaltung mit Elke am Vortag. Was sie zudem auch erreichte mit ihrem Anruf war es Elke schließlich den Weg für deren Reportage zu weisen:

„Hmpf, der Witz ist, dass sie sich vor Vaterns Ankündigung nun zu seiner Beifamilie zu ziehen nie gestritten haben. Es gab kein Türenschmeißen, keine überlauten verbalen Angriffe oder Fäuste auf Tischen… Ich erinnere nur diese Stille, die so viel mehr auszusagen schien – im Nachhinein. Am Abend saß man gemeinsam bei Tisch, aß, trank, erzählte vom Tagesgeschehen, besprach Geplantes – immer kurz und knapp, immer unter Zeitdruck irgendwie… Es gab zuviel zu tun, von dem ich nichts verstehen würde; wie sie immer sagten.
Nein, da war nie Streit. Es war ein Nebeneinanderher-leben, ein sich so gut kennen, dass man keine Erwartungen mehr hatte in sich selbst und den anderen… auch von mir wurde im Grunde nichts erwartet, nur stets das Beste verlangt. Denn so gehörte es sich… was sollen sonst die anderen denken?”, lachte Hanna bitter:

„Ja und dann ging er weg, kam zurück, ging wieder weg und nun gab es zumindest endlich die Auseinandersetzung, das Streitgespräch, was es vorher nie gegeben hatte. Und so ging es dann nur noch im Kreis herum mit ‚Du musst das verstehen.‘ … ‚Ich bin doch trotzallem immer für dich.‘ … ‚Ich kann hier nicht bleiben.‘ … ‚Verlass mich nicht!‘…”

Ein Schweigen schlich sich plötzlich in die Leitung und Elke wartete geduldig, aber besorgt auf mehr: Denn mehr würde noch kommen; es kam immer:

„Er ist natürlich wieder weg mittlerweile… und sie hat nu versucht mir die dafür Schuld zu geben. Er übrigens auch! Pff… hat ne Postkarte geschickt aus Madagaskar… Schließlich sei ich ja auch einfach auf Urlaub ohne Rücksicht auf meine Familie, ohne jedweden Gedanken daran, was denn nun alle anderen denken müssen… Sie meinte dann noch, wenn ich nur erst wieder zurück bin, dann wird alles, wie früher… Ich kam darüber nicht hinweg.“

Und wieder Schweigen. Ein hörbares Schlucken. Ein tiefer Atemzug. Dann zwei.

„Na klar, kann ich nicht verlangen, dass sie mich verstehen werden. Dass sie nicht nur sich und ihr Unglück sehen, sondern auch merken, dass alles, was sie tun – auch wenn es nachvollziehbare Gründe hat – – auch immer Konsequenzen nach sich zieht. Denn ihre Gründe, ihr Unglück, ihre Entscheidungen werden dann meine werden letztendlich… Denn all das ruht fast immer auf Generationen von Ballast. Ist der Zeit geschuldet ist, den Umständen und dem: ‚Bist du erwachsen, wirst du es begreifen‘. Und es hat immer Folgen, die sich nicht mit einem ‚Du hast ja recht, aber…‘ mal eben so ausbügeln lassen. So ging es ihnen und denen davor und nun auch mir.
Denn letztlich sind wir alle von unserer Umwelt, von unseren Erfahrungen geprägt und tragen diese weiter, ob mit Absicht oder ohne… egal, ob man sich dessen bewusst ist oder nicht… Man ist nie allein. Auch wenn man sich das noch so wünscht!“, erklärte Hanna mit zu ruhiger Stimme für ein so junges Ding. Elke war beeindruckt und entsetzt zugleich. Aber nicht überrascht von dem was folgte:

„Alles wie früher… tse… nein, ich möchte so gern alles eben nicht wie früher, sondern einfach nur gut! Ein Traum, den ich zu verfolgen gedenke. Ich hatte Pläne und nun werde ich auch den Biss haben diese umzusetzen. Lernen tatsächlich an den Umständen, die eben sind, wie sie sind zu wachsen und einen gesunden Weg zu finden mit ihnen umzugehen!”

Wieder ein Schweigen. Doch es war leicht.

Und die Fragen über Hanna’s Kuraufenthalt und das Verhältnis zu Clara Wiltau fielen so auch Elke einfacher. Das Clara ihr mit dem Verfolgen der eigenen Wünsche Hoffnung gegeben und Mut gemacht hat, dass bestätigte Hanna ohne einen Moment des Zögerns. Und das war es auch, was Elke am Ende in ihre Reportage nehmen würde. Denn auf die eine oder andere Weise… Ob nun mit ihrer ganz eigenen Stärken oder eben der Schwächen, die niemanden wirklich fremd waren letztendlich, hatten sich diese beiden Frauenschicksale berührt, um zu erblühen.

Hanna würde sich auch noch persönlich bei vielen, lieben Menschen der Kurklinik bedanken gehen, da sie natürlich auch denen so viel und noch mehr zu verdanken hatte. Als Elke – nur zum Spaß eigentlich – wissen wollte, ob vielleicht sogar mit Doktor Hinterseer eine Vaterfigur für sie unter dem Klinikpersonal schlummern würde. Brach Hanna zwar in Lachen aus, doch klang dieses zu laut, zu schräg und überzogen in Elkes Ohren, um ehrlich sein zu können.

„Der Hinterseer ein Vorbild als guter Ehemann und Vater?! Wissen Sie denn nicht, dass dem seine Frau vor bald über 25 Jahren spurlos verschwunden ist???”

Fortsetzung folgt

ein Irgend_Jemand

Katze4

Fortsetzung zu ein Jemand_Anderes … geht auch gerne auf die komplette Geschichte

[…] So lag er nun also wie immer da, die stets laufende Nase ins Buch vertieft. Die blutunterlaufenen, grauen Augen flink über Zeilen gleiten lassend. Das vom Schlaf noch kreuz und quer liegende braune Haar ins Kissen gedrückt mit dem Rücken zum Wohnbereich. Als ihn auf einmal ein zu nahes Klappern, ein Türen öffnen und schließen, ein Wasser laufenlassen, ein Stuhl über Laminatboden schieben, ein Knarren im Sessel… erst verwundert aufhorchen, dann erschrocken aufrichten und schließlich entgeistert in Richtung Wohnbereich blicken ließ.

Jemand war in seiner Wohnung, saß auf seinem Stuhl, trank seinen Kaffee und schenkte der morgendlichen Nachrichtensendung seine Aufmerksamkeit…

Jemand, ein Jemand, welcher ihm bis aufs Haar zu gleichen schien.

—-

Er hätte wohl entsetzt sein müssen – sicher war er es auch oder wäre es gewesen, damals als ihn sein Dasein noch interessiert hatte. Vor langer Zeit inzwischen, bevor er sich schließlich abwandte von der Welt, von sich selbst. Bevor er sich eingestehen musste, dass er keinen Platz, kein Dazugehören hatte… es nicht zu verdienen schien.

Davon jedenfalls war er mittlerweile überzeugt. Da er doch so viel erwartete, schulterte für sich und andere, zu viel Zutrauen besaß, immer sich anzupassen versuchte, niemals herausstehen wollte und auch nie könnte, stets den Vortritt lassend, die helfende Hand reichend, den Blick zu Boden richtend – ganz so, wie es gelehrt wurde, wie zumindest er es stets zu verstehen glaubte. Nur um schließlich zu begreifen, dass er nichts verstand, dass er sich zu klein gemacht hat, dass er letztlich beinahe verschwunden war – ein Unsichtbarer, einer unter vielen, ein lebenslänglich Eingefügter und bis zum bitteren Ende ein Außenseiter, ein Zuschauer.

Ja, wenn es einen hätte treffen müssen, dass ein Jemand ihn ersetzt, er konnte es beinahe einsehen.

Er, der sich selbst nur von Innen sah, betrachtete jetzt Ihn, den Anderen, den Jemand, sein Abbild von außen.

Kurzes, gepflegte braunes Haar mit leicht ergrauten Schläfen, die ihn nicht alt sondern reif wirken ließen. Auch seine Augen grau, aber frisch ausgeruht und aufmerksam. Er hatte sich bereits fertig angekleidet – dunkle Hosen und ein kräftig grünes Hemd – schien bereit zum Aufbruch, obgleich er noch beim Frühstück und den Nachrichten saß.

Die morgendliche Nachrichtensendung neigte sich zum Wetterbericht, würde in Kürze einen erfolgreichen Tag wünschen. Der Andere saß noch immer auf dem bequemen Lehnstuhl, rührte mit der Linken den Kaffee, löffelte mit der Rechten sein Müsli – eine Körnermischung, Weizenkleie und frisches Obst.

Er, der da weiterhin im Bett lag, blinzelte einige Male, da er selbst nie über die drei Tassen Kaffee hinauskam, nie morgens zu essen vermochte und sich fragte, ob der Andere tatsächlich sein Doppelgänger sein konnte, wo dieser sich schließlich so eindeutig vom ihm und seinen jahrelang gepflegten Kaffeeritual abhob.

Stille – der Fernsehen nun ausgeschaltet. Ein Stuhlschieben, ein Klirren, ein Rauschen vom laufenden Wasserhahn. Dann Schritte und das Klappen der Haustür.

Ja, der Jemand könnte niemals sein Abbild sein und zugleich so rüstig in den Tag starten. Wo er wohl hinging? Was er wohl so trieb?

Dem Anderen zu folgen fiel ihm nicht ein. Seine Vorstellungen zeigten ihm deutlich genug, dass dieser ein traumhaftes Leben führte. Bestimmt nicht nur unter Menschen sondern mit ihnen. Nicht lediglich toleriert sondern geachtet. Nicht nur gehört vom Rest sondern vernommen.

Oh, wie traf ihn nun der Neid auf sich selbst. Er müsste all das auch haben. Würde es, wenn er nur die Kraft fand sich endlich wieder zu erheben.

Aufstehen. Losziehen. Nicht zurückblicken. Sollte es so einfach sein?

Kurz durchfuhr ihn ein Schauder. Länger noch kamen Fragen auf. Am Ende entschied er es fürs erste zu belassen.

—-

Wie immer war er frühmorgens erwacht, lauschte kurz dem Wind in den Ästen, dem Zwitschern der Vögel vor dem stets halboffenen Fenster. Wie immer machte er dann Frühsport, denn nur so bleibt man auch im Alter fit – so wusste er genau.

Die Tageszeitung zur Hand. Nach dem Aufstehen gleich geholt und natürlich mit einem freundlichen Gruß an die Nachbarn. Den Kaffee frisch aufgebrüht – nur eine Tasse am Morgen, besser es nicht zu übertreiben. Die Nachrichten im Hintergrund, der Eifer voraus, die geliebte Routine der arbeitsreichen Tage im Nacken.

Auf einmal ein Stöhnen, ein Räuspern, eine Bewegung im Bett.

Ihm stockt der Atem, denn Jemand liegt zusammengekauert in seinen Federn, mit seiner Abendlektüre unter seiner Nase, trägt seinen Schlafanzug und die schlaf-zerzausten braunen Haare…

Jemand, ein Irgendjemand, welcher ihm bis aufs Haar zu gleichen schien.

Ende