verloren auf dem Weg _Kap.2_ 3

Katze4…Es war nicht das erste Mal gewesen, dass man ihm einen Leitartikel in der Tagespresse gewidmet hatte und auch in dieser Ausgabe waren nur positive, aufrichtende und verständnisvolle Worte zu lesen. Man sollte meinen den öffentlichen Alkoholkonsum eines Einzelnen oder auch der Stadt vorzugeben, sollte ein wenig Aufregung wert sein, aber wie es sich nun mal in Eatrich verhielt, war es weder eine neue noch außergewöhnliche Maßnahme so etwas zu beschließen.

Einer der Gründe, aus denen Bernhard keinen Fuß mehr in den Gastwirt setzen wollte, war die Photographie von Regina, welche am rechten Außenplatz der Bar thronte.

Er hatte sie natürlich gekannt, so wie jeder in diesem Ort und das Bild, ein Portrait, welches das freundliche, leicht rundliche Gesicht einer rothaarigen Frau mittleren Alters zeigte, ähnelte Regina, zumindest der Frau, welche zuletzt auf ihrem Stammplatz gekauert hatte, nur im Entferntesten. Inzwischen lag ihr Tod drei Jahre zurück und dass sie ihre letzten Lebensjahre wohl nur noch zwischen Barhocker und Couch zugebracht haben konnte, war deutlich im aufgedunsenen Gesicht, dem wirren, dünnen Haar und den glasigen Augen abzulesen. Bernhard erinnerte sich noch gut an sie und wie er so auch alle Anderen. Die Erinnerung machte ihn traurig, denn zuletzt war nichts mehr geblieben, als Regina beim langsamen Sterben zuzuschauen. Man konnte nur noch wohlwollend lächelnd ihren immer wiederkehrenden Geschichten vom verlorenen Reichtum, dem verschwundenen Mann, den Fehltritten und abgebrochenen Therapieversuchen lauschen und sie ab und an nachhause begleiten, da sie betrunkener war als vorgegeben, an Abenden, wenn sie die Barkraft davon überzeugen konnte ihr „doch noch einen kleinen Extraschluck“ zu gönnen.

Das Wissen darum, dass man niemandem helfen kann, der sich nicht selbst helfen will, erschien Bernhard schon immer eine sehr beliebte Ausrede, obgleich er sich der Tatsache gewahr war, dass diese Aussage, diese Redensart, diese verfluchten Ausflüchte nicht von ungefähr kamen.

Nein, Bernhard wollte nicht so enden wie Regina. Wollte keine Photographie aus besseren Tagen werden und so weigerte er sich seit der absurden Stadtversammlung das Gasthaus weiterhin aufzusuchen. Nicht dass ihm der gute Vorsatz davon abgehalten hatte wenige Tage später morgens zusammengesackt auf dem Bürgersteig nahe seiner Wohnung aufzuwachen.

Bis heute war er Emily dankbar dafür war, dass ihr Lächeln ein verschmitztes und kein mitleidiges gewesen war, als sie ihn mit leiser Stimme weckte und darauf hinwies, dass das Stadtleben jeden Augenblick beginnen würde. Er hatte nur nickend und mit einem Grunzen seine Zustimmung äußern können, während sie ihn langsamen Schrittes nachhause begleitete. Damals wie heute war Bernhard davon überzeugt, dass die lieben Nachbarn sicher anders reagiert hätten, als Emily und vor allem als die kleine Katze, welche augenscheinlich geduldige Nachtwache geschoben und deren scheinbar strenger, aber gleichzeitig vorurteilsfreier Blick bis zu nächsten Ecke auf dem ungleichen Paar geruht hatte.

Nun war Bernhard also wieder auf dem Weg zum Teehaus. Eigentlich öffnete Emily ihren Laden erst in den Nachmittagsstunden, doch er hoffte, für ihn würde sie wieder einmal eine Ausnahme machen.

„Bitte bleiben Sie auf den ausgeschriebenen Waldwegen!“

5

Gerade hatte sie ihn ansprechen wollen, doch da war Bernhard schon eingetreten ins Teehaus. Elke blieb nur noch der Anblick von Emily, welche ihr sanft zulächelte, bevor auch sie hinter der lindgrünen Milchglastür, mit dem zum Blatt geformten Knauf und den Blütenranken aus Holz, welche die ganze Abscheulichkeit umrahmten, verschwand.

Was Bernhard in ihr sah und wie es überhaupt dazu gekommen war, dass die beiden plötzlich so dicke waren, entzog sich Elkes Vorstellungskraft. Es war natürlich nicht so, dass sie Emily als Person, als Nachbarin ablehnte, als… ach wem wollte sie was vormachen? Emily und das verdammte Teehaus waren ihr ein Dorn im Auge.

Wie es sich in dieser, wie wohl jeder Kleinstadt, so ergab, kannten sich die drei schon von Kindesbeinen an. Sie waren keine Freunde, nicht einmal Spielkameraden. Allerdings gab es auch keinen Disput zwischen ihnen. Man traf sich halt ab und an zufällig, teilte die gleichen Schulmauern, nur zu verschiedenen Zeiten; sie waren unterschiedlichen Alters. Später zog dann jeder seiner Wege, was wiederum kaum ins Gewicht fiel.

Elke ging fort zum studieren, Emily auf Bildungsreise und Bernhard verblieb in Eatrich, um Polizist zu werden.

Da Elke zwischendurch immer malwieder in der Stadt einkehrte, um ihre Familie zu besuchen, ergab es sich, dass sie eine lockere Freundschaft mit Bernhard und dessen Frau einging. Sie fühlte sich aufgenommen und freute sich jedes Mal mehr auch mit dem Rest seiner Kumpel Zeit totzuschlagen, den aktuellsten Stadtklatsch zu hören und so letztendlich irgendwie doch noch in Eatrich reinzupassen.

Wie erschrocken und enttäuscht war Elke schließlich gewesen, als sie nun zurückkehrte, um ihr Leben in dieser Stadt am Rande der Welt zu führen. Der letzte Besuch lag zwar schon ein paar Jahre zurück und wie das manchmal so halt so war, hatte sie es nicht geschafft den Kontakt zu ihrem Freundeskreis in Eatrich aufrecht zu halten, war aber davon ausgegangen, dass alles beim Alten geblieben war; so wie immer.

Oh, wie falsch konnte man doch manchmal liegen.

Den Freundeskreis gab es nicht mehr. Bernhard war geschieden und was aus seiner Frau und dem Kind geworden war, wollte ihr niemand erklären. Er selbst reagierte frostig auf ihre Nachfragen und hatte es schnell abgelehnt überhaupt noch mit ihr in Kontakt zu treten. Auch seine Arbeit hatte er aufgegeben. Obgleich in Elkes Augen noch Hoffnung bestand, da er lediglich krankheitsbedingt beurlaubt war. Ja und dann war da Emily. Weshalb die nichts Besseres zu tun gehabt hatte ein knappes Jahr vor Elke heimzukehren und Bekanntschaft mit ihrem Freundeskreis, zumindest mit dem einen Freund, zu pflegen, wollte sich Elke einfach nicht erklären. Sie hatte nur gehört, dass Emily irgendwie erkrankt war, aber nun heldenhaft geheilt schien oder zumindest sich nie beschwerte. Sie hatte das alte Café übernommen und daraus diesen Teeladen gemacht; vollgestopft mit Kerzen, Figuren, Symbolik – alles in knallbunten Farben. Elke konnte mit diesem ganzen innere Ruhe-, Meditation- und Seelenfriedenquatsch nichts anfangen. Doch Emily hatte offenbar genug Gäste, um den Laden offen zu halten und zu Elkes Entsetzen war sie sehr beliebt unter den Nachbarn; selbst ihre Mutter lächelte selig beim Gedanken an das verfluchte Teehaus.

***

„Wer war deine neue Bekanntschaft?“, fragte Elke leicht angespannt, da sie versuchte gleichgültig dem Gedanken gegenüber zu wirken, dass die Dame mittleren Alters möglicherweise nur aufgrund ihres Erscheinens so plötzlich gegangen war. „Ach, das ist Ruby. Sie ist nur ein wenig schüchtern.“, erwiderte ihre Mutter vergnügt, während sie die kleine schwarz-weiße Katze scheinbar geistesabwesend streichelte. Kurz wollte Elke auf den Umstand eingehen, dass das Tier ihr irgendwie bekannt vorkam, doch sie verwarf die Frage nach der Herkunft der Katze kurzerhand, denn die Tatsache, dass ihre Mutter, welche sich seit ihrem Einzug in die Residenz sehr zurückgezogen hatte und Gespräche mit jedem außer der eigenen Tochter abzulehnen schien, plötzlich interagierte, verwunderte Elke erheblich. Natürlich erfreute sie es noch mehr, aber insgeheim genoss sie die alleinige Aufmerksamkeit ihrer Mutter ein wenig, auch wenn sie sich darüber fast täglich zu beschweren pflegte.

„Wohnt … Ruby hier? Sie erscheint mir doch ein wenig zu jung.“, den Nachsatz ‚für ein Altersheim‘ verkniff Elke sich gerade noch. „Nein, ehm… eigentlich schon. Sie hatte ihren Vater die letzten Jahre mitversorgt.“ „Ja, aber dafür gibt es doch das Personal hier. Sicher sehen die das nicht gerne, wenn man sich in ihre Arbeit einmischt?“, Elke hatte den Blick abgewendet und in Richtung Hauseingang geblickt, weshalb sie das kurze Aufflackern von Irritierung in den Augen ihrer Mutter nicht wahrnahm. Der Katze allerdings war die angespannte Haltung der alten Dame nicht entgangen und so leckte sie dieser für ein paar Augenblicke die Hand ab, stieß schließlich das Köpfchen hinein und schloss erst wieder die Lider als der Griff von Frau Unmut wieder entspannter wurde. „Es war der Wunsch ihres Vaters gewesen. Auf die Wünsche der Residenzbewohner wird hier im Allgemeinen Rücksicht genommen.“, schnaufte diese nur kurz, bevor ihr Lächeln zurückkehrte und sie sich erneut verträumt im Garten umsah.

„Ja, natürlich tun sie das. Man bezahlt sie schließlich gut genug“, brummte Elke. „Und Ruby ist eine sehr interessante Gesprächspartnerin. Sie hat viel erlebt und zu so unzähligen Dingen eine geschulte Meinung.“, Frau Unmut betonte ‚geschulte Meinung‘, da sie ihre Tochter kannte und setzte, ohne deren Bemerkung abzuwarten, nach: „Auch ist sie lustig, obwohl man merkt, dass ihr der Verlust des Vaters schwer zu schaffen macht… ach, sowas ist immer tragisch… das Verlieren eines geliebten Menschen, ganz gleich wie.“ „Und sie wohnt noch immer hier?“, Elke wirkte ein wenig unsicher; tat sie nicht ausreichend genug für das Wohl der eigenen Mutter? „Ja, sie leistet den älteren Herrschaften Gesellschaft, wie du es ausdrücken würdest, deshalb bekommt sie hier weiterhin Kost und Logis. … Nu guck nicht so! Sie ist nett und außerdem nicht mehr lange da.“ „Will sie doch wegziehen? Das eben klang…“ ‚als könne man sie hier erst im Sarg wiederraustragen…‘, dachte sich Elke und ließ den Satzanfang im Raum hängen. „Nein, aber sie wird bald sterben, hat sie gesagt.“ „Oh, das tut mir leid. Ist sie krank? Wie lange hat sie noch?“, verzweifelt versuchte Elke ihre vorherigen Gedanken zu vertreiben und der Situation entsprechend mit der nötigen Andacht zu reagieren; so wie sie es gelernt hatte. Bis ihre Mutter schließlich nachschob: „Sie ist nicht todkrank, sie wird nur sterben, hat sie gesagt… Da das Leben keinen Sinn ergibt.“, darauf verflog der angestrebte Anstand wieder und Elke fragte nur: „Und wann wäre das soweit?“ „Sobald Ruby das Leben versteht.“

Noch bevor die Unterhaltung einen klärenden Abschluss finden konnte, sprang die Katze kurzerhand auf und rannte davon, entgeistert sahen ihr die Unmuts nach bis das Blaulicht des Streifenwagens ihre Aufmerksamkeit in Richtung der Felder richtete und sie nun ein ganz anderes Thema für eine im Kreise laufende Gesprächsführung bekamen.

***

Bernhard hatte gerade noch Zeit den roten Rucksack fallen zu lassen und einen Schritt zurück zu treten bevor das fahle Licht der Taschenlampe ihn vollends erreichte.

„Oh mein… Bernhard, was zur… Sind sie hier? Hast du sie gefunden?“, als dem Wachtmeister nur ein Knopfschütteln entgegnet wurde, setzte dieser nach mehrmaligen Räuspern mit nun leicht gebrochener Stimme nach: „Bernhard Wagner ich muss Sie bitten mich zur weiteren Befragung aufs Revier zu begleiten.“

Ende Kapitel 2

Fortsetzung folgt

 

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