Auf Umwegen_Kapitel 3

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Kapitel 3

– IX –

Das Surren des mittelgroßen Innenraumventilators – die Sorte ‚still und perfekt für ungestörte Arbeit – ist mehr ein Klappern, ein Kratzen, ein Quietschen, ein … sie kippt das Gerät von dessen Platz, schaltete es so ab oder zerstörte es bei der Gelegenheit; ihr war es gleich. Dem Gute-Nacht-Gruß der Vögel wurde mit einem Schließen der Fenster abgeholfen. Und das impertinente Ticken der Wanduhr ließ Elke auf einen Schreibtischstuhl klettern, bevor ihr Telefon sie zurückholen konnte. Fast wütend, da in ihrem Versuch eine vollendete Geräuschlosigkeit zu erschaffen unterbrochen, stürmte diese zum Tisch zurück und grunzte nur ein „Wer stört?”in den Hörer.

Ein Räuspern die Antwort.

Leicht beschämt, aber mehr als erleichtert vergaß Elke Uhr und Klang augenblicklich. Sie sank in ihren Lehnstuhl, versank beinahe darin; würde im Erdboden versinken, wäre so etwas möglich. Denn Ruby, ein wahrer Engel, ihr Engel und der Mensch, den sie nie verdienen, den sie niemals mehr hergeben würde, hatte kein Wort verloren wegen Elkes harscher Art. Nein, sie atmete nun mit ihr und für sie. Ja, sie brachte Elke wieder zu sich Atemzug für Atemzug.

Hinter ihren sich schließenden Lidern flackerte der Computerbildschirm noch einmal kurz auf, um ein Sich-Abschalten anzukündigen und mit diesem das Standbild eines jüngerer Doktor Reginald Hinterseer‘s. Vor ihm ein Mikro, neben ihm ein kleines schwarzhaariges Mädchen darunter der laufende Nachrichtenticker.

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„der Abschied von Karlotta H.”

Ein Knirschen unter den Sohlen der geliebten Hausschuhe aus grauem Filz mit roter Blume ließ Karlotta gerade noch rechtzeitig nach unten blicken. Oder vielleicht doch schon zu spät – mehr als Scherben um sie herum, blutige Fußabdrücke seit ein paar Schritten.
Ein stechender Schmerz im rechten Ballen; stärker nun da sie die violette Scherbe des vormals langjährig gepflegten und geliebten Familienerbes herausgezogen hatte. Scharf zog Karlotta Luft durch die Nase, kräuselte die Lippen, schüttelte den Kopf.

Alles wie immer im trüben Ritual, im Tagwerk, im damals wie heute.

Ja und wie täglich würde sie zur Kehrschaufel greifen, zu Wischtuch und Putzeimer. Sie würde Tilgen was nicht sollte sein und Glätten was da Wogen zeigte. Dann lächeln und schweigen, um am nächsten Tag wieder die Lippen zu schürzen und die Stimme zu erheben…

Es war kein besonderer Tag als Karlotta H. (29) verschwand.

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Elke saß im aufkommenden Dunkel ihres Büros. Ausgeleuchtet bloß über das Blau des Bildschirmes. Der Cursor blinkte noch immer am Ende des Artikels und verlangte eine Entscheidung von ihr. Kündigte, wenn sie denn so wollte eine Abgeschlossenheit an, die es niemals gegeben hatte und vielleicht nie geben würde.

Die Augen schwer. Die Stimmung gedrückt. Ihr war nach Zittern.

Elke war nicht nach Entscheiden. Denn sie dachte an Gespenster als die Nacht, wenn auch nicht der Schlaf, sich schließlich endgültig über sie legte.

– X –

Grau schob sich noch immer die frühmorgendliche Wolkenwand über das Firmament und mit sich zog diese eine angenehme Kühle, welche sich in dicken Tropfen an Grashalmen, auf Strauch-Blättern und inmitten des gesträubtem Fells der kleinsten, schwarz-weiß gemusterten, Einwohnerin Eatrich‘s sammelten.
Tilli schüttelte sich, wie schon so oft an diesem nicht viel Gutes versprechenden Tag.
Beinah die ganze Nacht war sie, von unbekannter Unruhe gepackt, durch ihr Revier gezogen. Durchstreifte die Park- und Waldwege, den Kreisweg in der Stadt von Süd nach Nord, von Ost nach West und immer wieder vorbei an diesem einen Fenster.

Das Fenster, das nunmehr nach Wochen des beständigen Wechsels verschiedenster blumiger Düfte und Dekorationen erstmals vollkommen geschlossen, aufs gründlichste geputzt und betrüblich blank einfach nur noch einen rechteckigen, verglasten Abschnitt der lindgrün gestrichenen Hauswand darstellte.
Das Kätzchen spürte regelrecht, wie ein zukünftiger, abendlicher, blauer Lichtschein auch aus diesem Glas bald flackern würde; ganz so, wie im Rest der Stadt.

Aber vielleicht war das Ende geschmückter Scheiben lediglich der Anfang von etwas Neuem.

***

Sie würde nicht gleich zum Bujahn rennen mit ihrer neuen Story, nein! Ganz grün hinter den Ohren war sie ja nun wirklich nicht mehr, dachte Elke so bei sich. Nein, sie würde keine 25 Jahre alte Geschichte, die auch bloß ein Gerücht sein könnte, aufrollen – zumindest nicht so ohne weiteres. Ja, nur so ein bisschen nachbohren, nur so leicht den Staub des Damals wegfegen, denn vielleicht, wer weiß…?

Einen vagen Plan gefasst, steuerte sie nun zielstrebig auf Klausner’s Schreibtisch zu, denn ob er wollte oder nicht der örtliche Polizei-Oberwachtmeister war in Elkes Augen fürs Erste die beste Anlaufstelle. Auf gut Glück und ins Blaue hinein durch das Internet zu surfen, lag ihr grundsätzlich nicht und hatte sie bisher auch bloß ohne nennenswerte Informationen zurückgelassen – über Clara Wiltau ließ sich nichts finden, Hanna Drubert besaß noch kein Online-Leben und über Karlotta Hinterseer kaum mehr als Gerüchte.

Elke wollte so ganz alleine einfach keinen neuen alten Geistern nachjagen.

***

Anton Nauer war auch heute wieder nicht zu erreichen gewesen, das Rätsel um die weiße Lilie nicht zu ihrer Zufriedenheit gelöst und Elke somit vom Unfalltod Clara Wiltau‘s noch immer nicht voll überzeugt.
Klausner blickte sie bloß durch müde Montagmorgen-Augen an, nickte ihr zufrieden, aber mit mehr als nur etwas Argwohn zu, als sie ihm einen frisch aufgebrühten Becher Kaffee reichte.

„Was jetzt?”, knurrte Klausner, da Elke ohne ein Wort der Erklärung abgeben zu haben im Besucherstuhl vor seinem Schreibtisch Platz genommen hatte.

„Ach, ich wollte bloß danke sagen für deine Hilfe beim Clara Wiltau Fall.”, zirpte sie voll aufgesetzter Unschuld.

„Kein Ding… schließlich gibt es keinen Fall und wenn wäre dieser kaum dein Problem.”

„Ist denn Anton Nauer inzwischen aufgetaucht?”, gab Elke ihrerseits keinen Meter nach.

„Nein, bisher noch nicht.”, zeigte sich Klausner nun doch leicht resigniert.

Elke kannte ihren ehemaligen Kollegen – ja, das war er für sie, bloß Tippse oder nicht – gut genug, um ihm anzusehen, dass es auch ihn mehr als fuchste, dass der Kerl keinerlei Anstalten zu machen schien sich mit dem Ableben seiner so langjährigen Lebensgefährtin vernünftig auseinander zu setzen. Denn, obgleich die Stadt keinen Fall hinter Clara Wiltau‘s Unfall sah, abschließen ließ dieser Nicht-Fall sich auch nicht ordnungsgemäß, wenn niemand sich des Leichnams annahm, ein Bevollmächtigter dennoch existierte.

„Im Zuge meiner Recherche bin ich über etwas ganz anderes gestolpert dem ich gern noch nachgehen würde.”, legte Elke mit einer Stimme nach, die absolut vor Überzeugung und Sicherheit strotzen sollte. Klausner‘s erhobener Augenbraue zufolge, aber nur tiefe Verunsicherung anzeigte. Und vielleicht ließ er sich auch nur deshalb darauf ein mehr von „dieser Sache” zu hören.
Als ihm allerdings klarwurde, dass Elke einem Vierteljahrhundertalten Geschwätz auf dem Grund gehen wollte, platzte ihm nicht bloß der Kragen, auch der Kaffeebecher überlebte es nicht.

„Nach allem, was letztes Jahr hier gelaufen ist? Nachdem ein Nachbar, ein guter Freund, einer deiner Freunde sogar, sich gezwungen sah die Stadt zu verlassen, weil ein paar Gerüchte, weil dummes Geschwätz ihn vertrieben haben, willst du so etwas lostreten?”, bebend hallte Klausner‘s Stimme durch die Wache, hing sein Vorwurf über ihr. Genau wie sein drohendes Gesicht, denn er war aufgesprungen in seiner Wut.

„Das Gerücht besteht bereits und ich will lediglich verhindern, dass es weiter ins Rollen kommt. Doktor Hinterseer ist schließlich nun einer von uns und hat diese Art Schatten nicht verdient! Er ist ein wichtiger Teil in meiner Reportage, denn selbst wenn nicht er persönlich, so hat doch seine Klinik in Clara Wiltau den Mut geweckt hier unter uns, in dieser unserer Gemeinschaft, einen Platz für sich zu suchen.”, Elke glühte geradezu vor Regionalstolz. Klausner hob dazu beide Augenbrauen und senkte sich zurück in den Stuhl.

„Wäre es nicht schön, ein paar Worte zu der Tragik einer entschwundene Ehefrau zu schreiben, die durch oder besser trotz ihres Verhaltens in Doktor Hinterseer die Stärke hervorgebracht hat sich für den Wunsch und das Hoffen auf neue Lebenswege einzusetzen!”, schloss Elke ihre Rede und den Mund.

Die Weite des Pathos, zu dem sie in der Lage war, überraschte Elke immer wieder aufs Neue. Sie hinterfragte ihre Fähigkeit allerdings nicht, denn durch die Türen, die dieser ihr öffnete, war sie nur allzu bereitwillig zugehen.
Klausner schien ihr zu zustimmen, da er ihr alles an verfügbarer Information zusammenstellte und währenddessen wiederholt seinen Kopf schüttelte; nicht aber aus Skepsis, sondern mit einem schlecht verstecktem Schmunzeln, was ihm ganz eigen war, denn ihre eindringliche Art faszinierte und  amüsierte ihn über die Maßen.

***

„Schon mal an eine Karriere in der Politik gedacht?”, witzelte Klausner, als er Elke letztlich einen kurzen Blick auf den Abschlussbericht zur Sache „Karlotta Hinterseer” werfen ließ. Sie war ihm natürlich dankbar, ignorierte seinen Kommentar mit dem nötigen Respekt, beschenkte seine Mühen mit einem neuen Becher Frischgebrühten vom Marktplatz-Bäcker und zog ihres Weges.

Frau Hinterseer hatte es offensichtlich aus ganz freien Stücken an diesem Tag im Mai vor nunmehr gut 25 Jahren aus dem gemeinsamen Reihenhaus und somit aus der augenscheinlich perfekten Ehe getrieben. Dieser Teil der Gerüchteküche hatte also nach dem richtigen Rezept gekocht. Dass sie nicht wieder zurückgekehrt, ja nicht einmal mehr irgendwo aufgetaucht war, bewahrheitete sich ebenfalls. Doch so rein gar nichts sprach für ein begangenes Verbrechen. Karlotta wollte scheinbar einfach nicht gefunden werden und so wurde sie dann auch nicht mehr gesucht ab einem bestimmten Punkt.
Ob sie weiterhin vermisst wurde von denen, welche sie zurückgelassen hatte, stand allerdings auf einem ganz anderen Blatt.

Als sie die Ehe schlossen, war Karlotta gerade mal 19 gewesen. Die Beziehung selbst erwuchs laut Berichten des damaligen Freundeskreises wohl aus tiefer Freundschaft schon Jahre zuvor. Über die Möglichkeit einer rein platonischen „tiefen Freundschaft“ zwischen einer Teenagerin und einem Mitzwanziger versuchte Elke möglichst nicht zu genau nachzudenken.
Das Eheglück verlief sich trotz gegenteiliger Aussage Hinterseer’s nach Geburt der gemeinsamen Tochter recht schnell im Sande. Obgleich sie beide dies nie öffentlich zum Ausdruck brachten, sprachen ihre Freunde – Elternhäuser gab es nicht mehr – von spürbaren Spannungen zwischen ihnen. Und von Witzeleien über „eine ständig zerbrechende Einrichtung“. Die Art Humor lag weder den Freunden noch der Polizei, doch Spuren körperlicher Übergriffe ließen sich nie finden. Das gemeinsame Kind – Luise-Charlotte – war erst Sechs als die Mutter sie beim Vater zurückließ.

Der Gedanke an so ein Eheleben, an einen Krach solchen Ausmaßes, mit diesen schwerwiegenden Konsequenzen für alle Beteiligten und vor allem allen Unbeteiligten ließ Elke ihren Artikel im Stillen zu Ende schreiben:

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…Nicht nur die Tasse war hin. Nein, vor Karlotta lag ein Scherbenhaufen wörtlich und in jedem anderen Sinne. Sie stand nicht bloß mittendrin, sie watete hindurch. Sie riss sich die Haut auf und stieß sich die Knochen. Tag ein, Tag aus… seit Jahren schon.

Die violette Scherbe vorsichtig zwischen den blutigen Fingern haltend, fasste sie einen Entschluss; vielleicht war es die tiefe Wunde im Fuß, vielleicht entschied sie es weit vorher. Es war nicht wichtig, nicht mehr.
Nur etwas Geld in der Tasche lassend, fanden sich Haustürschlüssel und Papiere auf dem Tischchen im Flur wieder und ganz leise verließ Karlotta nun ihr Haus, ließ ihren Mann, ihr bekanntes Leben hinter sich – ließ zurück ihre Tochter.

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Was ist nötig, damit eine Mutter das eigene Kind einfach zurücklässt?

Oder war es gar nicht so einfach?

Auch das fragte sich Elke Unmut in aller Stille. Sie war keine Mutter, kannte das Eheleben Hinterseer’s nicht und wollte es nicht einmal wagen sich darüber in Aussagen zu verlieren. Ihr blieb, wie so oft, nur zu spekulieren, sich hinein zu versetzen, die Perspektive bei jeglicher Beurteilung nicht vor schnell einzuschränken. Das zumindest hatte Elke in der Kürze ihres Reporterlebens lernen können und war froh darum.
Auch ohne das Ehe-Siegel wusste Elke aus eigener Erfahrung und durch zu vielen Beobachtungen, wie kompliziert eine Beziehung, ein gemeinsames Leben so sein konnte. Das Maß an geteilter Kompromissbereitschaft gab oft genug die Hintergründe für Zwistigkeiten vor. Nicht immer und ausschließlich wohlgemerkt, aber öfter als jedem Einzelnen tatsächlich lieb ist, schaut er tief genug nach innen.
Doch Kinder, selbst wenn unbeteiligt am Streitgespräch, hängen immer dazwischen irgendwie, kriegen viel mehr mit, als ihnen im Allgemeinen vielleicht zugetraut wird und geben sich gewiss zu häufig die Schuld an der Situation. Elke war, besonders im Licht von Hanna Drubert‘s Geschichte, der überzeugten Ansicht, dass es durchaus eine, wenn nicht perfekte, so doch zumindest manchmal die bessere Entscheidung sein kann getrennte Wege zu gehen, wenn es so gar nicht funktionieren will. Um einen Schlussstrich zu ziehen, um zu verhindern, dass das Leid sich weiterträgt und über die eigene Beziehungsblase schwappt. Also ja, Karlotta hatte für sich selbst sicherlich gute Gründe zu gehen, aber das Kind nicht mitzunehmen?
Vielleicht dachte sie, dass der gute Doktor ihr das Sorgerecht sowieso streitig machen würde und wollte der 6jährigen gemeinsamen Tochter einfach ersparen auch noch Spielball in einem Sorgerechtsverfahren zu sein. Oder möglicherweise war ihr Mann wirklich der Geeignetere in Sachen Erziehung und Karlotta erkannte das. Es blieben auch noch Selbstsucht, Unbedarftheit und Gleichgültigkeit, aber über derlei Gründe mochte Elke schlicht keine Gedanken verlieren – nicht heute und hoffentlich auch an keinem anderen Tag.

***

Der Bujahn erhitzte sich natürlich kurz mit Entsetzen über das Ausbuddeln eines Jahrzehntealten Fall und dem Aufreißen entsprechender Wunden, als er Elkes Artikelvorschlag mitbekam. Nach dem Zusammenstoß mit Klausner hatte diese die Bedenken ihres Chefs allerdings erwartet und überzeugte ihn schließlich passenderweise mit derselben Rede.

Ein noch kürzeres eigenes Nachsinnen an den besagten Nachbarn, der gegen Ende des letzten Jahres das Feld geräumt und die Stadt verlassen hatte, konnte Elke nach der wiederholten Erinnerung daran trotzdem nicht vermeiden:
In Bernhard‘s Fall waren es zwei Kinder gewesen, welche spurlos verschwunden waren. Und dieser hatte nicht nur nachvollziehbare Gründe dafür gehabt ein Problem mit ihnen zu haben, sondern stellte sich auch standhaft quer Aussagen zu machen. Die halbe Stadt sah ihn letztlich als verdächtig. Denn schließlich hatte er Frau und Karriere eingebüßt, als die Rühlich-Knaben ein paar Jahre zuvor schon einmal Verstecken mit der ganzen Stadt spielen mussten. Und wer hätte auch ahnen können, dass die diesmal bloß auf einen spontanen Kurzbesuch zum lieben Papa gefahren waren? Die Mutter offensichtlich nicht. Ja und nu waren die Buben inzwischen ganz offiziell in des Vaters Obhut.

Wie die Dinge sich so manchmal drehen können, griente Elke in sich hinein, zuckte mit den Schultern und wandte sich dem aktuelleren, wenn auch länger zurückliegenden Verschwinden einer Person zu.

***

Endlich öffnete es sich wieder; das Fenster.
Nur angekippt zwar, dennoch weit genug geöffnet, um die frische Sommerbrise noch halbwegs angenehm kühler Vormittagsstunden hereinzulassen und die stickige Luft dunkler Stunden in Beklemmung und Schlaf fortzuweisen.

Tilli hockte gebannt gegenüber von Heidrun Rühlich‘s kleinem Haus. Saß auf der anderen Straßenseite unter einem Holunderbusch und hatte diesen Platz – ihren Beobachtungsposten – die ganze Nacht nicht verlassen.
Das Kätzchen, welches als stiller Beobachter Heidrun‘s Beziehung seit den zarten Anfängen beigewohnt hatte, sorgte sich nun ein wenig. Würde sie jetzt Zeuge eines Neuausrichtens werden? Eines Kompromisse Schließens oder Selbstverbiegens? Eines Neubeginns? Eines Abschiednehmens? Eines Wartens auf mehr? Eines…

Die Tür schwang auf, zeigte die Dame des Hauses in bequem wirkenden schwarzen Stoffhosen mit weitem Bein und ihrer ärmellosen weißen Bluse; heute nur ohne Brosche. Das Haar war kunstvoll hochgesteckt, jedoch das Gesicht mit einer klar ablesbaren Stimmung für Tilli nicht erkennbar. Denn Heidrun hielt ihren Kopf gesenkt. Sie hob diesen auch nicht als sie schließlich die Türschwelle übertrat, um zielstrebig in Richtung Stadtmitte zu laufen.

Ungesehen blieb die kleine Katze

Unbeachtet die einzelne gelbe Lilie, welche mitten auf der Türschwelle gelegen hatte.

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„Ach Gott, wieso kannst du nie auf mich warten? Verdammt noch mal… immer dasselbe mit dir!”, bebte seine Stimme durch den Raum.
Clara zuckte nur kurz zusammen, sie kannte es nicht mehr anders. Natürlich hatte sie es mal wieder geschafft Tony Sorgen zu bereiten.
Ihre Haltung gebeugt, der Kopf abgesenkt, die Hände angespannt im Schoß.

„Sitzt doch gerade! Und die Schultern zurück. Kau doch nicht schon wieder an deinen Nägeln, wie soll denn das aussehen? Hm?”, fast ruhig inzwischen wieder seine Stimmlage.

Der Topf war eben zu schwer gewesen, um ihn allein zu heben. Doch Clara wollte ihm eine Freude bereiten. Er tat schließlich alles für sie.

„Nun weine nicht. Hm. Alles gut. Bin dir nicht bös.”, rollte es jetzt beinahe sanft von Tony‘s Zunge.

Ja warten hätte sie sollen.

Nächstes Mal.

Ganz sicher.

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Elke war nach Nägelkauen, war nach Einrollen, war nach Weinen.

Ihr Vorhaben an diesem Tage noch zurück in die Klinik zu gehen, um doch noch ein paar mehr Informationen zum Verschwinden Karlotta Hinderseer‘s und vor allem dessen Folgen einzuholen – selbst wenn ihr noch nicht ganz klar war, wie – wurde je unterbrochen, denn Anton Nauer hatte sich endlich zu Wort gemeldet.

Wenn sie ehrlich mit sich war, Elke hatte nicht mehr damit gerechnet Clara Wiltau‘s offiziellen Noch-Lebensgefährten persönlich zu sprechen. Entsprechend fehlten ihr die Worte, als eine laute, vor Wut bedrohlich tönende Stimme sie aus den Gedanken und gefühlt durch die Telefonleitung riss; obgleich sie es selbst gewesen war, welche den Anruf getätigt hatte:

Warum Elke denn ihn und seine Mitarbeiter seit Tagen belästigt, wollte er als Erstes und im Ersatz einer Begrüßung von ihr wissen. Was es sie überhaupt anging, wie Clara ihr Leben zu führen gepflegt hatte. Wieso sie sich eigentlich einbildete in der Position zu sein eine Reportage darüber schreiben zu können. Und wozu „verdammt nochmal!”

Nur schwer ließ sich Clara‘s Lebenspartner beschwichtigen, als Elke endlich zu Wort kam und ihm all die Gründe darlegte, die sie bereits wiederholt angeführt und mit deren Hilfe sie bisher hatte jeden Zweifler überzeugen können. Anton Nauer war zu Elkes Bedauern allerdings anders. Es interessierte ihn halt nicht und „scheiße nochmal, mach nicht so ne Welle!”

„Was soll der Aufstand, wenn da jemand zu euch zieht? Ach, vergiss es! Ihr Dorfdeppen macht doch aus allem ein riesen Gewese! Sicher kennt da ja auch Jeder Jeden und man kann sich nicht mal in Ruhe den Arsch abwischen ohne Stadtversammlung!”
Elke wollte natürlich nicht zugeben, dass Herr Nauer nicht ganz im Unrecht war mit seiner rüden Einschätzung vom Eatricher Gemeinschaftsverhalten und ließ somit seine Ausfälle still über sich ergehen; irgendwann würde er sich hoffentlich beruhigt haben.

Irgendwann ließ allerdings auf sich warten und so beantwortete er ihre nie gestellten Fragen im ungehaltenen Wortschwall zufälligerweise gleich mit. Denn „verdammt, er war halt seit Wochen auf Geschäftsreise, als die Clara… und Geld muss man schließlich verdienen… und der Bulle wusste doch Bescheid… und was willste mir hier unterstellen… und…”, schluchzte Tony am Ende seiner Tirade wild in den Hörer.

Seine Stimmung war merkbar und urplötzlich umgeschwungen. Sein harscher Ton war verflogen und Anton Nauer zeigte sich schließlich reumütig. Ja bald flehend stammelte er Entschuldigen und Erklärungen über sein Verhalten und die Situation. Jedoch als Elke ihm ihr Verständnis zusprechen wollte, schwang dieser erneut um und schien mit einem Mal beinahe stählern ruhig.
Dass Elke, wenn sie unbedingt will, ihren Bericht schreiben darf, erlaubte er nun. Sie solle nur bedenken, dass Clara ohne ihn verloren gewesen wäre. Ganz gleich was diese für einen Eindruck auf alle anderen gemacht hatte.
Denn letztlich war nur er es, der wirklich hatte wissen können, was für Clara das Beste war. Denn schließlich hatte sie doch so geliebt und alles für sie getan. Nie brauchte sie was vermissen. Jeden Wunsch hatte er ihr zu erfüllen versucht. Und ganz sicher hätte Clara ihren Fehler wegziehen zu wollen schnell eingesehen und er wäre dann dagewesen. Wie immer!

„So funktionierte das zwischen uns! Aber sowas können Sie halt nicht verstehen!“, bebte Tony‘s Stimme wiederum kurz, bevor sie erneut beinahe zusammenzubrechen drohte, „Und überhaupt, Wegziehen, in ne fremde Stadt – so ne Schnapsidee! Selbst der Arzt wusste das… nur sie musste ja… nein, Clara hätte mich nie verlassen… Sie ist immer zurückgekehrt, letztendlich… Wir gehörten zusammen!”, fügte er mit nunmehr zittriger Stimme noch nach, bevor er das Gespräch ohne Abschiedsgruß beendete.

Vor Elkes geistigem Auge entfaltete sich jetzt ein ganz neues Bild und es war weder schön noch unbedingt nachvollziehbar; zumindest sicherlich für die meisten Menschen oder wenigstens jene, welche Clara Wiltau gerade erst kennengelernt hatten. Nach allem, was sie über Clara in den letzten Tagen hatte in Erfahrung bringen können, glaubte Elke nun, dass diese tatsächlich nach nur kurzer Zeit zu ihrem Lebensgefährten und damit ihrem alten Leben zurückgekehrt wäre. Möglicherweise hätte er nicht einmal große Worte verlieren müssen, um Clara davon zu überzeugen.
Und zu Elkes tiefem Bedauern war von dieser Frau, welche erst so erschien, als wollte sie nichts mehr, als etwas ganz Neues wagen, nunmehr ein Schatten übriggeblieben.

Hanna Drubert hatte es gleich erkannt, Charlotte Lessner es bis zuletzt gesehen und Anton Nauer untermauerte es nun:
Clara Wiltau war glücklich in ihrer Beziehung, selbst wenn sie darunter litt. Sie hatte sich selbst oder ihr Partner hatte sie vollkommen davon überzeugt, dass sie ohne ihn verloren wäre, dass sie nur ihm vertrauen konnte, dass er sich immer um sie kümmern würde und dass alles, was falsch lief, was schlicht grausam war, eben dazu gehörte und dass es im Zweifel eh ihre eigenen Schuld war, kam es dazu. Clara floh zurück nach vorn mit ihrem spontanen Vorhaben nach Eatrich zu ziehen und Kindergärtnerin zu werden. Elke betrachtete es nicht ganz so, wie Charlotte, welche meinte, der Tod habe sie vor einer Enttäuschung bewahrt. Nein, so wie es nach Herr Nauer‘s Anruf aussah, hatte ihr plötzliches Ableben, wie von einer unerbittlichen Heimreise abgehalten.

Elke machte dieser Gedanke zu schaffen. So gerne hatte sie in Clara Wiltau jemanden sehen wollen, der einen wirklichen Neustart wagt. Jemanden, der nicht beim Alten bleibt und krampfhaft daran festhält, wie Hanna Drubert‘s Mutter. Sondern eher einen Schlussstrich zieht, wie Karlotta Hinterseer. Andererseits lieferte diese zugleich auch einen sehr guten Grund für Frau Drubert‘s Entscheidung an einer fallenden Ehe festzuhalten. Jedoch gab es sicherlich verständliche Gründe, die es rechtfertigen, zu gehen, um nie wiederzukommen, wenn man in einer Familie doch nie wirklich allein existierte.

Und wie schwer musste all das sein? Das Bleiben ohne Ausweg, der Ausweg ohne Rückblick. Der Stillstand. Das Rennen. Das Drehen im Kreis.

Elke ruhte ihren inzwischen schmerzenden Kopf auf der kühlen Tischplatte aus Zedernholz und fragte sich wie sie nun die vormals so angestrebte Reportage würde weiterschreiben können. Sie zweifelte auch, ob sie dies überhaupt noch tun sollte. Denn mit dieser Geschichte groß rauskommen wollen, dass täten nur jene, welche außer sich selbst nichts und niemanden sahen. Und so jemand wollte Elke nicht sein.

Und obgleich der Tag noch nicht voll gelebt war, sehnte sie sich nur noch nach dessen Ende, nach Ruhe, nach Rubys Finger in ihrem Haar.
Für heute hatte Elke genug, für heute gab sie sich geschlagen, denn die hundert Tage, die auch heute wieder begonnen hatten, ließen sie mutlos zurück.

***

Der Tag verging nicht nur für die schwarz-weiße Stadtkatze wie im Schlaf, das ganze Dorf schien sich heute zurückzuhalten. Kaum einer besuchte den Markt, noch weniger spazierten durch den Stadtpark und wirklich niemand hatte den Wald betreten, obgleich dieser inzwischen wieder zum Bewandern freigegeben war.

Das kleine Kätzchen verschlief die Stunden dieses so trist anmutenden Tages aber nicht, wie es die guten Bürger Eatrich vermutlich taten, sondern es wanderte umher:

Nur scheinbar ziellos, nur augenscheinlich ohne genauen Plan, nur den Außenstehenden nicht nachvollziehbar. Tilli zog ihre Kreise, beschritt ihr Revier und stellte wie immer sicher, dass es ihr niemand streitig zu machen versuchte. Sie tat dies täglich in konzentrierten Morgen- und Abendrunden, jedoch normalerweise ruhte sie während der vielen Stunden dazwischen. Sie ruhte und lauschte. Sie lag und beobachtete. Sie bekam alles mit, ohne aufzufallen. Das war ihre Aufgabe. So betrachtete es das Kätzchen jedenfalls – ihr Revier, ihre Verantwortung, die Menschen darin ihre Familie.
Die Bewohner Eatrichs hatten Tilli in ihrer Mitte willkommen geheißen und die Katze akzeptierte sie in ihrem Revier. So war es immer und so sollte es sein. Nur heute, an diesem Montag, schien etwas anders als sonst. Und so kam Tilli nicht recht zur Ruhe. Sie fühlte sich angetrieben von diesem Störfaktor, der noch so unklar erschien.

Die kleine Katze war sich sicher, alles würde sich regeln, denn das tat es immer irgendwann. Sie müsse nur Geduld haben. Geduld und Ruhe, die ihr heute abgingen. Und so lief und lief sie, Runde um Runde, um doch wieder vor diesem lindgrün gestrichenen Haus zu landen. Vor den geputzten Fenstern, die da dunkel lagen seit den frühen Morgenstunden. Vor der Tür, auf dessen Schwelle eine gelbe Lilie so langsam verdorrte. Vor diesem Domizil, diesem Heim, diesem Zuhause, das da Schauspiel war in den vergangenen Tagen von Glück und Leid, Vergnügen und Streit, Liebe und Gleichgültigkeit. Und Tilli konnte das Gefühl nicht abstreifen, dass das Ende, was im Grunde auch ein Neuanfang hätte sein können, letztlich genau das war – ein Ende.

Nun da die Sonne endlich dem Beispiel der Stadtstimmung folgte und unterging, entschied auch das Kätzchen, dass es an der Zeit war zu ihrem eigenen Haus zurückzukehren. Denn es wollte sich an diesem Tag ja doch nichts neues mehr ergeben.
Wie erstaunt war das schwarz-weiß befellte Tier also, da sich zur gelben Lilie ein Strauß Stern-Narzissen gesellt hatte und somit wieder eine Blume, die so viel mehr aussagte, als man im Allgemeinen anzunehmen pflegte. Natürlich lag der Katze das Nachsinnen über Blumensymbolik genauso fern, wie der Versuch ein Verständnis für das Verhalten ihrer zahlreichen Familienmitglieder zu erlangen. Für Tilli reizten Blüten die Nase, betäubten die Sinne, gaben Raum für Insekten oder waren einfach nur im Weg.

– XI –

Nicht nur die vergangene Nacht war viel zu lang gewesen und brachte nicht im Ansatz die Erholung, die Elke sich so sehnlichst erhofft hatte. Auch die Nachmittags- und Abendstunden vor der vermaledeiten Ruhelosigkeit hatten sich wie Kaugummi gezogen, ließen sich durch absolut nichts mental verkürzen und sogar das verbale Um-sich-beißen hob weder, wie sonst Elkes Stimmung noch vertrieb es ihren Unmut. Selbst Ruby‘s Gesellschaft wollte ihr keine rechte Ruhe bringen, obgleich diese sich nicht von Elkes bedrückter passiv-aggressiver Art beeindrucken hatte lassen, wie all die anderen Menschen, welche unglücklicherweise am vorherigen Tag auf diese getroffen waren. Nein, Ruby blieb stoisch in ihrer Güte, bereitete ihr Essen, ließ ihr ein Bad ein und gab ihr den Raum und die Zeit ganz für sich zu sein. Denn obwohl es Elkes Wunsch war nun gerade nicht allein sein zu müssen, ertrug sie aber auch niemanden um sich. So etwas verstand Ruby – sie verstand es immer – und drum stand sie Elke bei ohne sie zu stören.

Nun im Licht des neuen Tages sah die Welt leider immer noch genauso aus, wie vor dem Umherwälzen und Nicht-Schlafen vorheriger Nachtstunden. Auch jetzt noch wusste Elke nicht, wie sie und ob sie in ihrer geplanten Reportage fortfahren sollte. Sie sah sich im Konflikt zwischen dem was Clara Wiltau als Figur dargestellt hatte für die Menschen, denen sie während ihrer Zeit im Haus Instenburg begegnet war und der Person, die sie offenbar tatsächlich gewesen war. Obgleich Elke ja zu Beginn der ganzen Situation eher skeptisch gegenübergestanden hatte, so wollte sie letztlich doch auch selber mitgerissen und begeistert sein von der Stärke und dem Mut, welchen Clara Wiltau verkörpert hatte.
Doch konnte Elke dies alles jetzt wirklich noch so hinstellen, wenn sie selbst nun ein ganz anderes, wesentlich abgeklärteres Bild von Clara bekommen hatte? Ein Bild, das allerdings wiederum mit Vorsicht gezeichnet gehörte, da es genauso verzerrt und verschoben sein konnte, wie der ursprüngliche, der hochgehobene Eindruck von dieser.
Und war es überhaupt angebracht, dass sie ihre persönliche Meinung mit einbrachte? Sollte es nicht ursprünglich mehr ein Beleuchten, ein Bericht werden? Musste man sich festlegen?

So brütete Elke nun über ihrem kalt gewordenen Kaffee, ballte die Fäuste, verkniff das Gesicht und wurde und wurde sich nicht eins.

„Erinnere dich aus welchen Gründen du diese Reportage unbedingt schreiben wolltest:
Dir war es wichtig gewesen Clara Wiltau nicht nur selbst näher kennenzulernen, sondern der Stadt vorzustellen, da es eine Tragik war, dass diese junge Frau aus ihrem Leben gerissen worden war in einem Moment da sie dieses ganz neu beginnen wollte.“, riss Ruby‘s sanfte Stimme sie aus ihrer dunklen Reverie.

„Ja, sie hatte offenbar kein einfaches Leben gehabt vor ihrem Aufenthalt im Haus Instenburg und vielleicht war sie sich dessen auch tatsächlich nicht so bewusst; zumindest zu Beginn. Dennoch stellte sie sich ihrer Realität letztendlich. Sie fasste den Mut etwas ganz neues, etwas ganz anderes zu versuchen in einer ihr fremden Stadt. Die genauen Gründe dafür werden wir nie erfahren und diese sind schließlich auch die ihren gewesen. Doch Clara wuchs an der Situation und in den Augen aller. Davon waren Frau Maurer und Herr Ballart überzeugt und es wird Eatrich‘s Einwohner sicher beeindrucken. Das solltest du schreiben und auch wie begeistert sie von diesem Ort gewesen war. Was am Ende passiert wäre, kann nur Spekulation sein und ist somit nicht relevant.“, schloss Ruby schließlich ab und knuffte Elke mit der einen Hand in die Schulter während sie ihr mit der anderen einen frisch aufgebrühten Kaffee reichte.

***

Erstarkt und erleichtert zog es Elke kurze Zeit später zurück zum Büro, zu Schreibtisch und Computerbildschirm, zu Arbeit und Entscheidung. Denn Ruby hatte recht und mit genau diesen Gedanken an Hoffnung, an Möglichkeiten, ans Wachsen an Erfahrung wollte sie ihre Reportage nun beenden. Schließlich konnte niemand wirklich wissen, wie es Clara letztlich ergangen wäre.
Jedoch die Geschichte, um ihren Mut und all den helfenden Händen war eine gute, eine erzählenswerte, eine wichtige und eine solche würde sie zu Papier bringen.

Dass Ruby‘s kleine schwarz-weiße Katze auf dem Marktplatz unruhig ihre Kreise zog, bemerkte Elke nur am Rande.

***

„Du hast sie auch nicht gesehen oder?“

„Sie ist doch schon seit Tagen nicht zu unseren Treffen erschienen!“

„Ist bestimmt schwer beschäftigt…“

„Ach lass das. Habt ihr sie nicht am Freitag getroffen?“

„Nur rumscharwenzeln sehen in diesem lächerlich kurzen Sommerkleid…tse… in ihrem Alter!“

„Quatsch mit Soße. Heidrun wollte nur nicht, dass man sieht, wie traurig sie aussieht!“

„Ja, stimmt… Hab mich gar nicht getraut sie anzusprechen… sie wirkte so bedrückt.“

„Die Ärmste…“

„Nee, lass mal. Heiner meinte, sie sei gestern in aller Frühe abgeholt worden. Von wem hat er nicht gesehen.“

„Vielleicht auf nen Kurzurlaub mit dem Liebsten – zur Versöhnung oder sowas.“

„Versöhnung?!“

„Tse, der Typ ist keine gute Wahl! Früher hat sie sich wenigstens an uns gewandt, wenn es nötig gewesen war sich wegen irgendwas zu versöhnen. Vor ihrem Neuen hat unsere Meinung noch gezählt!“

„Ja, jetzt soll se zusehen…!“

„Hm, ich weiß nicht… Sie wird ihre Gründe haben… Ich hoffe nur, alles ist in Ordnung bei ihr.“

Dies hoffte das Kätzchen, welches dem Gespräch des Eatricher Frauenvereins gelauscht hatte, ebenfalls.

***

Ob sie es hätte ahnen müssen, war Elke nicht ganz klar. Jedoch konnte sie auch nicht bestreiten, dass sie hoch erfreut darüber war, wie Hartmut Bujahn letztlich auf ihren Artikel reagiert hatte:

Er war begeistert. Vor allem natürlich von sich und seiner Entscheidung ihr die Festanstellung in der Tagespresse zu gesprochen zu haben. Schließlich habe er ja „ein Händchen für sowas.“ Nie wäre ja solch ein Bericht zustande gekommen, gäbe es nicht seinen „Blick fürs Wesentliche“, sein „unfehlbares Gespür für die wirklich wichtigen Themen“ und seine „professionelle Unnachgiebigkeit!“
Elke hielt sich nur mit Mühe davon ab die Augen zu verdrehen, ob Bujahn’s Selbst-Beweihwässerung, denn für sie zählte nur, dass der Artikel gedruckt wurde und sie auch in Zukunft als Journalistin tätig sein durfte – mit ihrem Händchen, Blick, Gespür und der nötigen Sturheit.

***

Den kurzen Moment des Erfolgs wirklich zu genießen, blieb Elke allerdings nicht vergönnt. Denn dass Anton Nauer den Anspruch auf Claras Leichnam ablehnen würde und damit jedwede Verantwortung für dessen Verbleib abwälzen, hätte Elke wahrscheinlich nicht so schocken dürfen, wie es das letztlich tat, doch ahnen konnte so etwas sicherlich niemand.
Und so fand sie sich, schneller als es ihr je lieb gewesen wäre, im Rathaus wieder, um „alles Nötige zu besprechen.“

Die kleine Runde der Entscheidungstreffenden war ohne Umschweife gefunden worden und Elke, deren Artikel auch in dieser auf großen Eifer traf, kam nun einer ganz neuen Aufgabe zuteil. Ja, für Hilda Maurer, Eckart Ballart und Hartmut Bujahn stand fest, dass Clara Wiltau fraglos Teil der Eatricher Gemeinde gewesen war und somit natürlich auch auf dem städtischen Friedhof beigesetzt gehörte. Dem Klausner schien es gleich zu sein und Elke wollte sich keine Meinung dazu bilden; zu aufgewühlt war sie. Und dass sie nun aufgrund des „so wunderbaren Artikels“ auch gleich die Grabrede halten sollte, empfand Elke eher als Bürde. Sie fühlte sich dem kaum gewachsen, denn so wirklich kannte sie Clara ja nicht. Niemand in dieser Runde, in dieser Stadt konnte sich einbilden sie zu kennen!
Elke ließ die allgemeine Bestürzung mit der gleichen Nicht-Aufmerksamkeit über sich fließen, wie die sich anschließende Planung des Begräbnisses von Eatrich’s „neuester Nachbarin.“ Denn zu sehr kreisten ihre Gedanken, zu tief blickte sie auf die möglichen Folgen ihres Artikels:

Schließlich hatte sie sich mit „ihrem Händchen für sowas“ in Dinge eingemischt, die sich nichts angingen, nur um veröffentlicht zu werden.

Wollte „ihr Blick fürs Wesentliche, ihr unfehlbares Gespür“ Sachen sehen, die im Grunde überhaupt nicht da waren? Da die Dinge für sie doch niemals so simpel sein konnten.

Hatte sie mit „ihrer Unnachgiebigkeit, ihrer Sturheit“ die Menschen in Claras Umfeld, hatte sie Anton Nauer vielleicht zu stark unter Druck gesetzt und sie in die Enge getrieben?

War es mit ihrem Wunsch eine eventuell sogar ihre Schuld, dass Clara Wiltau letztlich unerwünscht war in ihrem alten Leben?

Musste sich Elke dafür verantwortlich fühlen, dass nun Eatrich die Verantwortung trug?

Hilda Maurer und deren Entscheidung zum passenden Blumenarrangement holten Elke letztlich zurück aus den Fängen ihrer Reverie. Denn dass sie weiße Lilien als Gestecke wollte, ließ Elke an den anderen Grund für ihre Recherche denken:

Nämlich das mysteriöse Auftauchen der einzelnen weißen Lilie an der Leichenfundstelle und damit die genauen Umstände von Clara Wiltau’s plötzlichen Ableben.

Diese Blume hatte Elke davon überzeugt einen Unfall als Todesursache überhaupt erst in Frage zu stellen. Und so unangenehm das Telefon mit Anton Nauer auch gewesen sein mochte, so hatte dieses ihr einen neuen Hinweis auf den möglichen Absender der Lilie geliefert. Und dadurch vielleicht sogar denjenigen, der für Claras Tod zu verantworten war.

„…Wegziehen, in ne fremde Stadt – so ne Schnapsidee! Selbst der Arzt wusste das…!“

– XII –

Elkes Spürsinn war erneut entflammt worden, nur die Gelegenheit hatte sich am Vortag nicht mehr ergeben diesem auch nachzugeben. Für Stunden war sie noch eingebunden gewesen in die Planung von Clara Wiltau’s Beerdigung auf dem Eatricher Friedhof. Wobei ‚eingebunden‘ vielmehr schweigend und mit einem milden Lächeln im Gesicht, nach welchem ihr nicht zu Mute war, am Rande der Gesprächsrunde hocken, bedeutete. Und während so nun die kleine Feierlichkeit zu Ehren einer neuen Nachbarin, die es nie mehr geben sollte Stück für Stück zu einem Großereignis – einem Stadtfest – ausuferte, drehten Elkes Gedanken hilflos frei. Sie war bemüht möglichst in sich zu ruhen, nicht zu planen und auf keinen Fall voreilige Schlüsse zu ziehen.

Sie war bemüht.

Es fiel ihr mehr als schwer.

Erst zum Abend hin war es ihr gelungen an ihren Schreibtisch und zu ihren Notizen zurückzukehren. Elke sah sich nun mit einer ganz neuen, einer beinahe verstörenden Frage konfrontiert:

War es vielleicht Doktor Hinterseer gewesen, welcher Clara, um sie von ihrer Entscheidung ihr altes Leben hinter sich zu lassen, abzubringen, ermordet hatte?

Konnte so etwas überhaupt möglich sein? Schließlich sollte ein Arzt doch stets das Beste für seine Patienten im Sinn haben. Selbst wenn er nicht hundertprozentig hinter den Entscheidungen dieser steht, hat er schließlich den Auftrag sie zwar davon zu unterrichten, sie aber dennoch zumindest nicht aktiv davon abzuhalten. Denn letztendlich ist jeder ab einem bestimmten Punkt für sich selbst verantwortlich und das gehört akzeptiert!

***

Elke wollte niemanden als kaltblütigen Mörder sehen. Sicher gab es solche Menschen, doch hoffentlich nicht im Arztberuf… Zumindest doch nicht in ihrer Stadt. Ganz bestimmt nicht! Vielleicht legte sie Nauer’s Worte auch zu sehr auf die Goldwaage. Vor allem im Angesicht seines bisher gezeigten Verhaltens. Es war natürlich durchaus möglich, dass Doktor Hinterseer nicht zu begeistert von Claras Vorhaben gewesen war. Schließlich erschien dieses unbedacht, wenn auch auf dem ersten Blick mutig. Aber sie deswegen töten? Nein. Es musste eine andere Erklärung für all das geben!

Ein Unfall da ein Streitgespräch ausgeartet war?

Oder hatte das Verschwinden seiner Frau doch zu tiefe Spuren in seiner Seele hinterlassen, um einen Zusammenhang mit Claras Tod – so sehr dieser Gedanke Elke auch abschreckte – auszuschließen?

Eine Art Racheakt, da Doktor Hinterseer sich an seine eigene Situation erinnert gefühlt hatte.

Elke war nach Haare raufen.

Elke raufte sich das Haar.

Elkes Gedanken drehten sich im Kreis bis ihr Kopf und diese mit ihm auf die Tischplatte knallten.

***

Die Nacht hatte Elke dann mit starrem Blick und ohne Lösung zu gebracht. Die Augen nun blutunterlaufen, die Kleidung klebrig an der Haut, das Haar abstehend zu allen Seiten und die Stimmung entsprechend gedrückt.

Sie wusste genau, dass sie es mit solchen Gedankengängen gar nicht erst beim Buhjahn zu versuchen brauchte oder sich Hilfe vom Klausner erhoffen durfte. Nicht einmal Ruby wollte sie damit unter die Augen treten; ganz besonders nicht Ruby. Nein, Elke stand allein da mit ihren Ideen, ihren Fragen, ihren Ängsten. Und es war an ihr zu entscheiden, wie sie gedachte weiter zu verfahren:

Zu allererst benötigte sie ein genaueres Bild vom Lebensweg Doktor Hinterseers. Und auch davon, ob es denn den vermuteten Konflikt zwischen ihm und Clara Wiltau überhaupt gegeben hatte. Den guten Doktor direkt darauf anzusprechen, erschien ihr aus vielen Gründen eine furchtbare Idee. Nur wer könnte da noch sein? Mit wem am besten sprechen?

Ein Blick ins Stadtarchiv zeigte Reginald Hinterseers beeindruckende und seit Jahrzehnten blühende Karriere. Auszeichnungen pflasterten seinen Werdegang genauso wie Wissenschaftsbeiträge, deren Titel Elkes Horizont bei weitem überschritten. Klar war in jedem Fall, dass der Weggang seiner Frau vor 25 Jahren Doktor Hinterseer zwar nicht vom steilen Berufsweg abgehalten hatte, jedoch davon sich noch ein weiteres Mal offiziell zu binden. Kurz überlegte Elke, was wohl aus seinem kleinen Mädchen geworden war, als ihr Charlotte Lessner plötzlich entgegenstrahlte. Sie sah jünger aus, was bei ihrem kindlichen Gesicht mit den strengen dunklen Augen kaum möglich erschien. Doch laut Bildunterschrift blickte Elke auf eine 26jährige Charlotte Lessner, die im pastellfarbenen langen Kleid, einer Blütenbrosche im hochgesteckten schwarzen Haar und einem gläsernen Pokal in der Hand neben ihrem stolzen Vater – Doktor Reginald Hinterseer – stand.
Die Ähnlichkeit war frappierend, nur der Blick erschien Elke heutzutage wesentlich kühler – ja geradezu kalt – falls das überhaupt einschätzbar war für sie. Und sicherlich hätte sie nicht so überrascht sein müssen davon, dass Vater und Tochter beide ausgesprochen erfolgreich schienen in ihren gewählten Lebenswegen und nun gemeinsam hier in Eatrich tätig waren, denn dies war bestimmt kein Geheimnis. Und doch …

Zumindest wusste Elke nun mit wem sie sich würde unterhalten können.

***

Zu wissen mit wem sie sich unterhalten wollte, war allerdings bloß die halbe Miete, wie Elke schnell einsehen musste. Drum lief sie auf dem Gelände vom Haus Instenburg fürs Erste Kreise, während sie nicht recht über die geistige Schwelle der Gesprächseröffnung hinauszukommen schien. Ein „Hatte ihr Vater eigentlich Probleme damit, wenn Lebenspartner plötzlich das Weite suchen wollen?“ würde sich das Eis nicht nur brechen, sondern Elke im entstandenen Wasserloch ertrinken lassen. Nur wollte ihr schlicht nichts Brauchbareres in den Sinn kommen; es war zum Verzweifeln!

Unter all ihren ziellosen Gestammel und Gelaufe war Elke nicht aufgefallen, dass sie mit einem Male mehr als nur einen amüsiert dreinblickenden Zuschauer hatte. Erst ein betont lautes Räuspern zu ihrer Linken ließ sie auf die Frau auf einer der Bänke blicken. Elke blieb wie angewurzelt stehen, denn wie um alles in der Welt konnte ihr entgehen, dass Charlotte Lessner nicht nur im Klinikgarten aufgetaucht war, sondern sowohl unbemerkt in ihrem direkten Blickfeld Platzgenommen hatte und eine kleine schwarz-weiße Katze tätschelte – Ruby’s Katze. Wie von fremder Hand geführt, bewegte sich Elke ohne es bewusst entschieden zu haben auf die Parkbank zu, setze sich und begann ihrerseits Tilli’s Köpfchen zu streicheln.

Das Tier ließ sich die Sonderbehandlung von zwei Seiten für ein paar Minuten gefallen, bevor es die Ohren anlegte, die Augen zu Schlitzen öffnete und den beiden Frauen nur noch Sekunden gab, um abzulassen.

Ohne die Katze als Puffer und noch immer unter dem erwartungsvollen Blick Charlottes blieb Elke nun nichts anderes übrig als einfach ohne Präambel in die Unterhaltung zu stürzen…

„Danke.“, erklang Charlottes klare Stimme und riss somit Elke aus ihrem Versuch den Mund zum Gesprächsauftakt aufzutun. Nur ein „Was?“ entwich ihr leicht dümmlich, bevor sie sich hatte fangen können. „Danke.“, wiederholte sich ihr Gegenüber. Noch immer ebenso ruhig wie durchdringend. Und wie schon während ihrer ersten Begegnung mit Charlotte schien diese Elkes Fragen direkt aus deren Kopf zu holen.

„Ihnen hat Clara doch schließlich ihren Einzug in die Eatricher Gemeinde zu verdanken. Wenn auch vielmehr als Ehrenbürger denn als Nachbar.“ Ein hörbares Lächeln in der Stimme. Ein kühles Beäugen von Elkes Gesicht. Und eine kurze Kunstpause der Wirkung zu Liebe später, fuhr Charlotte Lessner schließlich fort:

„Warum so verwundert oder sind Sie lediglich bescheiden? Ich dachte, es wäre eindeutig, dass Ihre Bemühung zumindest ein wenig Licht auf Claras Schicksal zu werfen die Herzen Aller erreichen konnte.“

„Nicht das von Anton Nauer! Der hat sie noch im Tod verstoßen!“, fand Elke ihre Stimme dann doch wieder. „Und… Ohne den verdammten Artikel hätte er sicher niemals so gehandelt. Ich habe ihn in die Enge gedrängt…“ Elke schluckte hörbar. Jedoch wurde sie ihn nicht los. Den Kloß im Hals. „… Dank mir hat Clara Wiltau nun überhaupt kein Zuhause mehr.“

„Im Gegenteil…“, schien Charlotte beinahe zu säuseln, „…er hat einfach eingesehen, dass Clara mit ihm keinen Platz im Leben hatte. Drum ließ er sie ziehen. Und jetzt ist sie angekommen! Lassen Sie sich nichts anderes einreden. Sie sind nicht verantwortlich für das Handeln anderer Leute. Denn auch wenn wir stets im Miteinander existieren, muss am Ende jeder seine eigenen Entscheidungen treffen im Leben.“

„So wie Ihre Mutter es getan hat?“, rutschte es Elke harscher raus, als geplant.

***

Der Blick fiel nach unter, die Augenbrauen zogen in die Höhe.
Die Lippen geschürzt, die Wangen eingesogen.
Dann ein wildes Blinzeln gefolgt von einem humorlosen Lächeln. Ein Neigen des Kopfes – nicht ganz ein Schütteln.

Ein ganzer Gedankenprozess in mehr Herzschlägen nur.

Die Regung war so schnell aufgelöst, wie sie sich gezeigt hatte. Und Elke fing ebenso schnell an zu bezweifeln, dass sie überhaupt eine Reaktion in Charlottes hatte ablesen können. Elke dachte sich nun endlich in der Oberhand dieses Gespräches, da erhob sich ihr Gegenüber ohne ein Wort zu sagen, aber mit vielsagendem Blick und zog in Richtung des Waldweges nach Eatrich.
Elke kurz verdutzt und sich abermals unsicher tatsächlich gesehen zu haben, was ihr nun den Rücken kehrte, sprang auf und folgte der jungen Frau in den Stadtwald. Sie eilte bald blindlinks hinter den roten Sandalen im tiefblauen Samtmantel mit schwarzem Haar hinterher ohne Sinn für die kleinen Sträucher, die Grasbüschel, die Kräuter und die Blütenpracht im Sonnenlicht am Wegesrand und ohne Blick auf das Dunkel im Wald.

„Sie kam übrigens zurück.“ Elke zuckte kurz zusammen, als Charlottes Stimme plötzlich neben ihr erklang. Nicht so sehr, da sie nicht mehr damit gerechnet hatte noch eine Antwort von ihr zu erhalten, sondern da diese mit einem stehen geblieben war und auch gar nicht den Anschein machte weiter gehen zu wollen – das Ziel also erreicht so mitten im Stadtwald. Bevor Elke nach dem Wer fragen konnte, fuhr Charlotte unvermittelt fort. „Sie kam so vor fünf Jahren auf mich zu. Wollte sich auf einen Kaffee treffen und plaudern…“, ein leicht vergessen wirkendes Schmunzeln zuckte über ihr Gesicht, „… nicht über alte Zeiten, denn so etwas hatten wir ja nicht wirklich. Nicht darüber, wie es mir so ergangen war die letzten 20 Jahre, das schien sie zu wissen. Nein…“, ein kurzes Auflachen, „…nur mal so reden – über nichts und alles.“ Elke hielt den Atem an. „Die Unterhaltung dauerte dann auch Stunden und wir sprachen über alles und nichts. Und sie wirkte so entspannt, so locker, so gelöst. So ganz anders als ich sie in Erinnerung hatte… Denn sie ist tatsächlich einfach weg, manchmal tun Menschen das eben, manchmal müssen sie es; das waren zumindest ihre Worte, als sie sich schließlich von mir verabschiedete.“, ein tiefer Atemzug, „Mein Vater ist ein hervorragender Arzt, aber er war kein guter Lebenspartner. Nicht für sie. Nicht am Ende.“, eine Pause, ein Augenaufschlag, „Ich bin mir sicher er hat sie geliebt. Aber letztlich gehört doch noch so viel mehr dazu, wenn dann das Neu und Anders allmählich verblasst – daran sind beide gescheitert.“, ein Befeuchten der Lippen, „Als klar wurde, dass auch sie das so gesehen hatte und nicht wiederkommen würde, hat er Karlotta ziehen lassen und wir haben nicht mehr davon gesprochen.“, ein Blinzeln und dann ein fester Blick in Elkes Augen, „Und um Ihre ungestellte Frage zu beantworten: Er hat Clara nicht in den Tod gestürzt. Niemand hat das! Es war ein Unfall. Das kann ich Ihnen versichern. Denn ich war dabei.“

Jedwede Farbe entwich Elkes Gesicht genau wie die Fähigkeit zu sprechen.

„Clara war ein gutes Stück entfernt, aber gesehen habe ich sie, wie sie voller Staunen durch den Wald lief. Ihr Blick zu allen Seiten, aber nie auf dem Weg. Sie muss gestolpert sein oder ausgerutscht. Denn mit einem Mal lag sie da. Als ich sie schließlich erreicht hatte, war ihr Blick noch immer erstaunt und wie festgefroren darin. Ein Telefon, um Hilfe zu holen, hatte ich nicht dabei und es gab auch nichts mehr, was man noch hätte tun können. Also blieb ich bei ihr bis der alte Förster sich näherte.“

Kalte Finger ergriffen Elkes Hand, zogen sie aus ihrer Reverie und übergaben ihr einen kleinen Kunststoffkasten, in dem sich eine rote Lilie befand.

„Eigentlich wollte ich sie Heidrun schenken. Doch ihr Abschiedsbrief erreichte mich letztendlich schneller als ich sie.“, ihr Gesichtsausdruck verdunkelte sich für einen fliehenden Moment, „Bin meinem Vater wohl ähnlicher als mir lieb ist.“, Charlotte zuckte entschuldigend mit den Achseln und fuhr mit beinahe sanfter Stimme fort: „Beziehungen erfordern Arbeit und leider konnte ich Heidrun nicht das geben, was sie sich gewünscht, was sie sicherlich verdient hatte.“, ein schmunzeln huschte ihr über das Porzellangesicht, als ihr Blick noch ein letztes Mal auf das Kästchen in Elkes Händen fiel, „Ja, Heidrun hätte sie gemocht… Aber bestimmt kennen Sie jemanden, der sich ebenso darüber freuen würde und das Geschenk genauso verdient hätte.“

Und so wandte Charlotte sich ab, wanderte zurück in Richtung Klinik und ließ Elke an der Stelle zurück, an der Clara Wiltau’s Weg nach Eatrich und in ein neues Leben sein abruptes Ende gefunden hatte.

 

Epilog

Ein lauter Knall ließ Luise zusammenzucken.

Dann ein Fluchen.

Ein Aufschrei.

Schließlich ein Auflachen.

Und dann wieder Stille.

Vorsichtig öffnete sie ihre Zimmertür, um in den Hausflur zu spähen. Sie vernahm Gemurmel im Erdgeschoss. Konnte aber nicht hören Wer das Was sagte. Gepackt von Neugierde schlich sie leise die Treppe herunter und sah gerade noch, wie ihre Mutter zur Tür herausging.

Auf dem Absatz entdeckte Luise das Blumenbild, welches sie Tage zuvor für ihre Mutter gemalt hatte und mit diesem ein Versprechen:

Wir sehen uns bald wieder!

Gruß Mutti

 

Ende

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