verloren auf dem Weg _Kap. 2_ 2

Katze4

Noch bevor Maria sich der Tatsache, dass dieser Gang einige signifikante Unterschiede zum Rest der Klinik aufwies, vollkommen bewusst werden konnte, blieb sie wie angewurzelt vor einem Gemälde stehen. Das Portrait eines jüngeren Mädchens… eines Mädchens, was gerade erst in die Pubertät zu kommen schien… eines Mädchens, was jeden, der es anblickte, direkt in die Augen sah… eines Mädchens, welches schüchtern, vielleicht sogar unsicher, lächelte… eines Mädchens, „was aussieht, wie ich!“…

Der Gang ist nur spärlich beleuchtet, versuchte Maria sich zu beruhigen. Doch noch bevor sie nach einer besseren Lichtquelle suchen konnte, blieb sie erneut wie erstarrt stehen. Dieses Mal war es wegen der donnernden Stimme, welche hinter ihr ertönt war:  „Sie haben hier nichts verloren!“ Ein stämmiger Herr mit lockigem, wenn auch weißem Haar blickte Maria herausfordernd über eine dicke Hornbrille hinweg an. Sie erkannte ihn direkt, obgleich Dr. Hinterseer ihr bislang nur aus den schlicht gestalteten Klinik-Broschüren ruhigen Blickes entgegen gelächelt hatte.

Da Maria bisher immer wieder vertröstet wurden war, hatte sie inzwischen fast nicht mehr daran geglaubt, ihm je offiziell vorgestellt zu werden. Und offiziell war dieser Moment nun auch nicht gerade. Nun, da seine stierenden, grünen Augen nicht von ihr wichen, begann sie schweren Herzens ihre Einschätzung, der Chefarzt wäre sicherlich ein freundlicher Kautz, zu überdenken.

Eine Entschuldigung stammelnd, lief sie schnurstracks den Weg zurück, welchen sie gekommen war  und hoffte inständig der Tag würde endlich ein Ende nehmen. Den Gedanken, dass ihre Schicht gerade erst begonnen hatte, verdrängende sie.

***

Der erste Tag im sogenannten ‚neuen Zuhause‘ lag Charlotte noch schwer in den Knochen, obgleich im Grunde nichts von Bedeutung geschehen war.

Der Pfleger, Jack Irgendwas, hatte sie erst zur Rezeption begleitet und im Anschluss auf ihr Zimmer, als wollte man sicherstellen, dass sie nicht einfach wieder verschwand. Natürlich hatte Charlotte es sich nicht nehmen lassen ihren Eindruck der Gefangenenbegleitung bis hin zur Zellentür in durchaus hörbaren Worten zu äußern. Womit sie zum einen erwartungsgemäß einige entrüstete Blicke auf sich gezogen hatte, zum anderen aber auch Jacks peinlich berührten Blick und seine vielmehr in sich hinein gemurmelten, als an ihre Person gerichtete Aussage: „Nein, nein das ist zu Ihrer Sicherheit. Man verläuft sich hier schnell“.

Ein Schmunzeln beim Gedanken daran, konnte sich Charlotte auch jetzt noch nicht verkneifen.

Ein Herr Dr. Embrich hatte die Eingangsuntersuchung durchgeführt; ein kluger, durch alle Fassaden blickender Mensch. Eine Eigenschaft, die Charlotte eigentlich sehr zu schätzten wusste, aber welche im Augenblick, da ihre sonst so standhafte Außendarstellung in Gefahr schien, eher zu ihrer Verunsicherung beitrug.

Sie hatte nach der Episode am Vormittag nur wenig Zeit gehabt ihr glattes und doch augenscheinlich charmantes Selbst zu stabilisieren. Selbstkontrolle war für sie von größter Wichtigkeit und die Vorstellung, dass diese sie zu verlassen drohte, missfiel ihr; gelinde ausgedrückt. Ihr war bewusst, woran sie zu arbeiten und weshalb sie diese spezielle Klinik gewählt hatte, doch sie war nicht daran gewöhnt, um Hilfe zu bitten, beziehungsweise ernsthaft bitten zu müssen. Nein, alles, was nötig sein würde, wäre Zeit, um sich auszuruhen. Zeit, in der niemand etwas von ihr verlangte; zumindest war es das, was Charlotte dem guten Doktor mitteilte, nachdem er ihr etliche Fragen zum allgemeinen Wohlbefinden oder dessen Fehlen gestellt und ihre Reflexe, die Sensorik, Motorik und das Gleichgewicht überprüft hatte.

Für Charlotte war all das reine Routine: die Fragen, die Erstellung eines Zeitplans, die Tatsache, dass in den ersten Tagen, mit Ausnahme der festen Essenszeiten, so gut wie nichts darauf zu finden war, um den Kurgästen die Eingewöhnungsphase so angenehm wie möglich zu gestalten.

Zu oft war sie nun schon in solchen Einrichtungen gewesen; nur eben nie als Patient.

So saß Charlotte schließlich im Dunkeln ihres neuen Zuhauses, starrte aus den vergitterten Fenstern in den gerade anbrechenden Tag hinaus und hing ihren Gedanken nach. Obgleich sie seine Anwesenheit mit jeder Faser ihres Körpers spüren konnte, so wie das schon immer der Fall gewesen war, wenn andere Menschen sie umgaben – ganz gleich wie unauffällig sie sich zu benehmen wussten – reagierte sie nicht auf den Mann, der sie seit ein paar Minuten aufmerksam durch das winzige Fenster in der Tür beobachtete.

„Noch nicht auf den Hund gekommen – Polizei weiterhin auf Spurensuche.“

4

Bei Licht betrachtet, wirkte die Klinik sogar ganz beschaulich so im aufgefrischten Anstrich.

Nur zu gut konnte Bernhard sich an die Zeit erinnern, da das Gebäude im Leerstand Kinder zu allerlei Unsinn einlud. Denn wen fordern Verbots- und Eltern haften-Schilder nicht geradezu auf zumindest einen Blick zu riskieren?

Nun da die Nebelwand des Vortages weitergezogen war, hatte Bernhard sich nochmals aufgemacht, um nach dem Mädel im Hosenanzug Ausschau zu halten. Zu seiner Enttäuschung hatte diese diesmal nicht den Parkweg sondern den Klinik-Bringdienst gewählt und so war ihm nur ein kurzes Aufflackern ihrer Gestalt zwischen Wagen und Eingangstor geblieben. Kein Parfüm um die Nase, kein Hals zum Träumen und ihre Rundungen hinter einer Aktentasche verborgen; Zeitverschwendung!

Zeit war eine Sache, über welche Bernhard im Überfluss verfügte. Zeit war das Einzige, was er hatte. Alle Zeit der Welt, aber keine Idee, was damit anfangen.

Seit ihm seine Arbeit gekündigt wurde, unbefristete Beurlaubung aufgrund von Unpässlichkeit, wie es im genauen Wortlaut hieß, wusste er nicht mehr was Tun den lieben langen Tag. Vom Krankengeld ließ es sich gerade so leben seitdem er das Haus aufgegeben und gegen eine Drei-Raum-Wohnung im Nordosten der Stadt eingetauscht hatte. Dass das alte Mehrfamilienviertel nur spärlich besiedelt war, hatte die Stadtverwaltung nicht davon abgehalten ein weiteres Viertel für die neuen Nachbarn hochzuziehen, was Bernard nur recht sein konnte, denn er benötigte nicht noch mehr Menschen in seiner Umgebung mit denen er nicht reden wollte.

Die Stunden des Tages füllte er einstweilen mit Wanderungen durch den Stadtpark, denn er genoss die Ruhe, die ihm zumindest in den Vormittagsstunden gewährt wurde. Pünktlich nach Schulschluss und mit Beginn der hundeausführenden Spaziergänger erschien ihm der Park oft zu klein und so ließ Bernhard sich zuweilen bis in den Wald vertreiben. Zu seinen Gedanken, aber nicht in seinen Zeitplan passend, rannte ein kleiner Mischlingsrüde auf ihn zu und begann an ihm hochzuspringen. Natürlich kannte er dieses kleine Mistvieh, jeder war dem Köter und seinem nicht lange auf sich wartenden Frauchens schon über den Weg gelaufen. Und wie immer hatte diese eine nicht ernstgemeinte Entschuldigung über „die freiheitsliebende Natur ihres kleines Lieblings“, nebst passenden Grinsen auf den Lippen, gepaart mit einem „doch bestimmt nachvollziehbarem“ Unverständnis für die Leinenpflicht innerhalb der Grünanlagen Eatrichs. Höflich nickend, musste Bernhard an den, in der Presse seit Tagen beweinten, verschwundenen Hund denken und daran, dass sollte dieses spezielle Exemplar irgendwann mal dem gleichen Schicksal zum Opfer fallen, dann vermutlich tatsächlich ein Verbrechen und nicht ein Dachsbau der Grund dafür sein würde. Die Tatsache, dass wohl alle Bürger Eatrichs sich gegenseitig ein Alibi geben würden, da aber auch niemand dem Tier und seiner Misserziehung etwas abgewinnen konnte, brachte ein ehrliches Lächeln auf seine Lippen und ließ ihn pfeifend von Dannen ziehen.

Angezogen fühlte Bernhard sich heutzutage immer öfter vom Teehaus und zu Emily, einer alter Jugendbekanntschaft mit ihren strahlenden, weisen Augen und der schmalen Taille. Wenn er bei ihr einkehrte, konnte er für ein paar Stunden vergessen, weshalb er sich nirgendwo anders in dieser Stadt mehr Willkommen fühlte und zum Teil auch war. Es erschien ihm immer noch eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit, dass er als einziger für das Ersetzen der Frontscheibe des Gastwirts aufzukommen hatte – schließlich war es nicht er gewesen, der hindurch gefallen war. Und überhaupt, er hatte den Krawall nicht losgetreten, sondern sich lediglich verteidigt, wenn auch nicht mit Worten.

Auf der sich anschließenden Stadtversammlung brach dann eine rege Debatte darüber los, ob es ab den Abendstunden einen allgemeinen Ausschankstopp geben sollte oder am besten gleich das Unterbinden vom öffentlichen Alkoholgenuss. Am Ende wollte niemand mögliche Touristen verärgern und so traf es sich, dass für Bernhard ein von der Stadt abgesegnetes Konsums-Kontingent für das Gasthaus festgesetzt wurde; zu seiner eigenen Sicherheit!

Es war nicht das erste Mal gewesen, dass man ihm einen Leitartikel in der Tagespresse gewidmet hatte und auch in dieser Ausgabe waren nur positive, aufrichtende und verständnisvolle Worte zu lesen. Man sollte meinen den öffentlichen Alkoholkonsum eines Einzelnen oder auch der Stadt vorzugeben, sollte ein wenig Aufregung wert sein, aber wie es sich nun mal in Eatrich verhielt, war es weder eine neue noch außergewöhnliche Maßnahme so etwas zu beschließen.

Fortsetzung folgt

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