Wie beschreiben

Ein Wimpernschlag

Ein Atemzug

Ein Umschauen

Ein Nichterkennen

Ein Knacken hinter den Augen

Ein Rauschen im Ohr

Ein Bröckeln der Fassade

Ein Ruck

Ein Sog zum Strudel abwärts, seitwärts, niemals hinauf

Ins Unbekannte… Ins Dunkel… Ins  Selbst

Wo bin ich und wann

Ist es bald „wer“

Sprecht mit mir… Haltet mich im Augenblick… Greift nach mir, wie ich nach Strohhalmen

Am Rande des Abgrunds zum Selbstverlust

Surreale Normalität

Fantastischer Realzustand

Außerhalb der Momente

Mit dem Wissen um die Ungewissheit eines Seins

Eines Daseins im Verschwinden, in sich selbst verlieren, im Hineinkippen, Hinausfallen, Versinken…

Wie beschreiben…

verloren auf dem Weg _Kap. 3_

Katze4

„Wir atmen wieder auf.“

Eatrich kann endlich wieder zur wohl verdienten Ruhe kommen; die Rühlich Knaben sind in den frühen Morgenstunden wohlauf zuhause eingetroffen.

Laut Oberwachmeister Klausner hatten sich die Buben, welche während eines Schulausflugs am gestrigen Tag in den Stadtwald, verschwunden waren (die Tagespresse hatte darüber in einer Sonderausgabe berichtet), im alten Steinbruch ein Ford geschaffen. Sie hätten beim Spielen die Zeit vergessen und wollten natürlich nicht mitten in der Nacht durch den Wald; hieß es weiterhin.

Um in Zukunft zu verhindern, dass Kinder den Steinbruch mit einem Spielplatz verwechseln könnten, ist dieser bereits weiträumig abgesperrt wurden; über eine Permanentlösung wird in der nächsten Stadtversammlung entschieden.

An dieser Stelle sei erneut ein Dank an alle Nachbarn ausgesprochen, die die Polizei tatkräftig bei der Suche unterstützt haben oder auch mit aufrichtenden Worten zur Seite standen.

Der Schrecken sitzt uns allen natürlich noch im Nacken, doch wie heißt es so schön:

Jungs sind nun mal Jungs, nichtwahr?

6

Dieser verdammte Artikel gepaart mit dem „Reisebericht“ der Rühlich Geschwister (Kinderbilder – Gekrakel in Bernhards Augen) hatte fast zwei Monate öffentlich ausgehangen, bevor die Kollage zum Voranschreiten der Schulgebäudesanierung interessanter erschien und den Artikel mitsamt dem dazugehörigen Stadtgespräch abgelöst hatte.

Zwei Jahre lag das Kleinstadt – Drama nun zurück und allgemeines Vergessen hatte sich über die Gemeinde gelegt; bis heute!

Bernhard selbst konnte sich an diese paar Stunden allerdings noch nur zu gut erinnern. Er verlor halb den Verstand während des ganzen in Tränen aufgelöste Mutter und Lehrerin beruhigen, Kindern Geschichten erzählen, Suchtrupps organisieren, den Wald durchkämmen, die letzte entscheidende Unterhaltung mit seiner Frau führen.

Natürlich war es nötig, dass die Stadt einen Sündenbock vorweisen musste, das konnte Bernhard sogar noch verstehen. Die Absicherung von Baustellen und leer stehenden Werken, wie dem ehemaligen Steinbruch fielen, laut Stadtbeschluss, unter den Aufgabenbereich der Polizei; die Kette vor dem Zugang nebst Hinweisschildern kam aber wohl eher einer Einladung gleich, „und doch sicher nicht nur für die beiden sieben Jährigen Buben“. Dies hatte man im Nachhinein zumindest erklärt.

Dass Bernhard und seine Karriere, sein guter Ruf, letztlich seine Ehe dabei unter die Räder gerieten, entpuppte sich als „unglückliche, unvorhersehbare, kaum entschuldbare Nebenerscheinungen, die niemanden vorzuwerfen waren oder? Und Herr Wagner könne sich doch glücklich schätzen, dass sich die Stadtverwaltung sogar öffentlich dafür ausgesprochen hatte, dass man ihm keine nachweisbare Schuld zusprach, dass lediglich ein zu freimütiger Umgang mit der Geländeabsicherung die Ursache für das Verhalten der Kinder gewesen war, denn schließlich nutzen Kinder alle Freiheiten, die ihnen gegeben werden.“

Dass es diesen speziellen Knaben auch an Erziehung mangeln könnte oder dass das Lehrpersonal (die eigene Mutter) ihre Aufsichtspflicht verletzt hatte, wurde getrost ignoriert. Bernhards entsprechende Anmerkung führte dann noch zum Einzug seiner Mitgliedschaft im Whiskey Klub, denn: „die Rühlichs sind eine angesehene Familie, welche im Stadtverein stets beachtliche Beiträge leistet. Auch soll doch der Brunnen am Marktplatz im kommenden Jahr wieder in Standgesetzt werden, da kannst du doch nicht solche haltlosen Beschuldigungen in die Welt setzen…“  und brachte das Fass seiner eh schon angeknacksten Ehe zum überlaufen, denn Heidrun Rühlich’s „Namen so in den Dreck zu ziehen, ist mal wieder typisch. Als ob du wüsstet, wie schwierig die Erziehung von Kindern ist; du bist schließlich nie hier, um es zu merken!“

Ja, Bernhard hatte jedes Recht wütend zu sein auf die Jungen und deren Familie, sogar auf die Stadt selbst. „Jeder hat Verständnis für deine Situation, aber warum jetzt? Warum nach so langer Zeit? Liegt es daran, dass sie wieder geheiratet hat? Wo hast du sie versteckt? Sprich mit uns, verdammt!“

***

„Hast du schon gehört? Die Rühlich Jungen sind weg… und diesmal wirklich…“, das Stimmengewirr und die Blicke der Stadt lagen nun wieder auf Bernhard, klebten in seinem Nacken, durchbohrten ihn fragend, ja wissend. Denn die Meinung Aller wiegt schwer.

„(K)ein Abenteuerspielplatz“

7

Marias Gesicht war noch immer hochrot vor Scham, obgleich der Zusammenstoß mit Dr. Hinterseer bereits einige Stunden zurücklag, aber da die Röte stets wieder aufzuflammen schien, begegnete sie einem der Ärzte, beschloss Maria, dass der unschöne Schichtbeginn Schuld an ihrem unmissverständlichen Hautton war. Die Tatsache, dass ihr der verfluchte Gang mit diesem seltsamen Gemälde nicht aus dem Kopf gehen wollte, tat ihr Übriges.

Während sie auf die nächste Aufgabenzuteilung wartete, genoss Maria die Sonne im Klinikgarten, welche zu dieser Jahreszeit zwar nicht mehr besonders kraftvoll war, jedoch eine willkommene Abwechslung zu dem nebelverhangenen Vortag darstellte. Nur wenige Menschen befanden sich draußen, da bereits die Mittagsrunden begonnen hatten. Auch wenn es zum Kuralltag beziehungsweise zur Therapiebegleitung gehörte die Patienten an feste Malzeiten nach vorbestimmten Zeitplänen zu gewöhnen, respektive dies vielmehr von ihnen zu verlangen, kam Maria nicht umhin, sich daran zu stören. Sie würde sich im ersten Moment bestimmt gegen solche Zwänge zur Wehr setzen. Schon aus Prinzip! Pünktlichkeit war das Eine, aber jemanden vorzuschreiben, wann dieser was zu essen hatte? Nicht, dass sie das nicht nur zu gut von Zuhause kannte. Aber das erwachsenen Leute abzuverlangen? Ihre Essenszeit selbst einzuteilen, war eine der Freiheiten, die Maria im Studium so sehr genoss, dass sie ganze Gespräche zu diesem Thema führte.

„Öffne lieber deine Augen, wenn du schon auf dem Weg rumstehst, manch einer könnte sich sonst wohlmöglich einen Spaß erlauben.“, riss sie eine leicht belustig klingende Stimme aus den Gedanken. Jack Trevor, in seiner Aufgabe als Oberpfleger, hatte die Verantwortung übernommen Maria bei der Einweisung in Arbeitsabläufe oder für sonstige Fragen zur Seite zu stehen. Das Haus Instenburg war ein recht kleiner Betrieb und das Personal entsprechend überschaubar, somit blieb den diensthabenden Ärzten kaum Zeit für die Einführung neuer Kollegen. Normalerweise hätte Maria es vorgezogen direkt unter den Doktoren der internistischen Abteilung zu lernen, jedoch schien ihr Nervenkostüm dafür nicht bereit; jedenfalls am heutigen Tag. Dass sie an Jack bereits nach ihrer ersten Begegnung Gefallen gefunden hatte, trug zwar nichts dazu bei die Schamesröte zu verlieren, heiterte sie jedoch genug auf, um diese in seiner Gegenwart ignorieren zu können. Zumal Maria davon ausging, dass ihr strahlendes Lächeln und die vom Makeup fein betonten Augen für sich selbst Sprachen, zumindest war das eine Erfahrung aus Universitätsjahren, an welche sie nur zu gern zurück dachte.

„Mist verdammter…!“, ein Sturz über ihre eigenen Füße holte Maria zwar aus den Wolken, aber beförderte sie schnurstracks in Jacks Arme. Er schmunzelte nur, während er sie wieder aufrichtete: „Als ich gerade noch mit mir haderte dich heut Abend auf ein Bierchen einzuladen…“ flüsterte er und zwinkerte Maria unverhohlen zu.

***

Es ist dunkel! Warum? Es sollte Tag sein, nicht wahr? Es war eben noch hell; Sonnenschein, warme Brise, buntes Laub… nun… Kälte, klebrige Finger an meiner Haut… Was willst du!

***

„Hey, alles klar bei dir? … Verzeihung! Sind Sie in Ordnung?“, Charlotte begann sich mühselig aufzurichten, kalter Schweiß rann ihren Rücken hinab, als sie versuchte Marias fragendem Blick standzuhalten.

„Duz mich ruhig und lass die Höflichkeiten! Alles Andere wäre mehr als lächerlich. Meinen Sie nicht auch?“, Charlotte verabscheute solche Situationen! Immer zogen sie Erklärungen nach sich, denen sie selbst seit Jahren aus dem Weg zu gehen versuchte. „Alles gut! Mir ist nur ab und an etwas schummrig. Schau nicht so!“, winkte sie Marias hilfereichende Hand wirsch ab. „Hey! Ich bin Doktor. … Ich werde es zumindest“, schob Maria zügig nach, da Charlotte zum Widerspruch ansetzen wollte, „Willst du dich hinlegen? Ein Glas Wasser? Hast du heute schon genug getrunken? Hast du das öfter? Bekommst du Medikamente? Wieso bist du hier?“, ihr Wortfluss kam abrupt zu Stehen, denn zwei leicht zittrige Hände legten sich an Marias Hüfte und leiteten sie in Richtung Parkbank wo sie schließlich verdutzt Platz nahm. „Nein. Sobald ich im Haus bin. Ja. Ein paar Jahre. Nur bei Bedarf. Hypocobalaminämie.“, als ihr Gegenüber nur blinzelte, setze Charlotte nach: „Als zukünftiger Arzt solltest du dringend deine Anamnese-Technik ausfeilen. Selbst bei polizeilichen Befragungen wird den Leuten Zeit zum antworten eingeräumt“, grinste sie leicht schief und sah der nun recht sprachlosen Frau Dr. Walder in spe herausfordernd in die weit aufgerissenen Augen.

Maria brach in Lachen.

***

Das erste Mal an diesem oder auch den letzten Tagen, wenn sie ehrlich mit sich war, entwich alle Anspannung. Maria verzichtete sogar darauf dem Gedankengang über die Wichtigkeit von professionellem Abstand gegenüber den Patienten zu weit zu folgen.

Sie genoss Charlottes spitze Zunge und ihre Offenheit. Natürlich schien sie etwas seltsam, aber wer war das nicht irgendwie? Maria fühlte sich wohl, wenn auch erkannt. Im Normalfall versuchte sie genau das zu vermeiden, denn sobald die Leute der Meinung waren, sie durchschaut zu haben, zerbrach jede noch so zarte Bande mit ihnen. Meistens da die Einschätzung auf übereilten Urteilen ruhte, welche sie nie korrigierte. Vater hatte ihr immer gepredigt, dass „Wer sich erklärt, der lebt verkehrt!“ schließlich beruht die Notwendigkeit sich zu rechtfertigen auf dem Eingeständnis einer Schuldigkeit oder schlimmer noch Schwäche, und „du machst dich angreifbar, gibst du Anderen die Breitseite preis!“

„Dein Vater ist ein Idiot, wenn er ernsthaft der Meinung ist, solche Plattitüden lösen mehr als allgemeines Misstrauen gegen Jeden und Alles aus. Er hätte dir lieber beibringen sollen, wie man ehrliche Unterhaltungen führt und einschätzt, wem man was erzählen kann und sollte. Sicher sollte man wissen, wann man seine Ausführungen beenden muss, besonders dann wenn es Gründe gibt hinterm Berg zu halten. Aber Alles zu schlucken, ist sicher auch nicht der Weisheit letzter Schluss.“ Ja, Maria mochte ihre neueste Bekanntschaft. Zumal diese die erste war, seit ihrem Umzug nach Eatrich, in deren Gegenwart sie sich nicht wie ausgesetzt und vorgeführt, sondern verstanden und unterstützt fühlte. Vielleicht war sie tatsächlich älter als ihr Äußeres den Eindruck machte; sie würde  bei Gelegenheit Charlottes Akte einsehen.

„Wieso musst du hier Patientin sein?“, stöhnte Maria und legte ihre Stirn in Falten, „Wenn du es dir nur genug wünscht, tauschen sich unsere Rollen vielleicht eines Tages.“, entgegnete Charlotte mit einem Zwinkern und ohne den ironischen Tonfall, der fast jede ihrer Äußerungen zu begleiten schien auch nur im Entferntesten abzumildern. Maria zog kurz die Lippen kraus, bevor diese zu einer verspielten Schnute wurden, welche sich wiederum zu einem breiten Grinsen formte. Gerade da ihr ein passender Konter eingefallen war, ertönte ein lauter Pfiff aus Richtung der Klinik und Dr. Embrich deutete auf sein linkes Handgelenk. Was er damit ausdrücken wollte, konnte sich Maria nur zu gut denken. „Oh Mist! Ist ja nicht so als wäre er begeistert von mir. Verflucht…“, sprang sie auf, fühlte das Rot ihrer Wangen wieder aufflammen und stürzte zurück zum Haus.

„Warte!“, erhob Charlotte die Stimme, um Marias Selbstanklage zu übertönen, „Was genau wolltest du eigentlich von mir?“ „Ach ja, komm mit! Die wollten dir noch ein paar Fragen zu den Blutwerten stellen… Sorry.“ Die beiden Frauen kamen nicht weit. „Was ist los?“, ein wenig Sorge schien in Charlottes Stimme mitzuschwingen, „Ehm, ich wundere mich bloß… Hast du die Katze hier schon mal gesehen?“, fragte Maria und zeigte gen Waldrand. „Nein, aber sie gehört sicher zum Stadtbild. Viel zu gepflegt für ne Freilebende.“ „Glaubst du, dass sie als Therapietier genutzt wird? Darüber hab ich neulich war gelesen. Das soll sehr effektiv sein; beruhigend. Ich meine, geeignet scheint sie ja.“, Maria machte große Gesten und nickte sich selbstbestätigend zu. Als Charlotte sie lediglich verdutzt ansah, setzte sie nach: „Ich meine, schau…“, aus dem fragenden Blick wurde Erstaunen, „… das Mädel im Gras ist vorhin völlig ausgeflippt, als ich sie ansprach und jetzt… wow… die Ruhe in Person.“

Da sie ein lautes Hüsteln vernahmen, zogen sie weiter. „Warst du irgendwie gestresst oder aufgeregt während du dich dem Mädchen genährt hattest?“, Maria blinzelte mehrfach und nickte dann nur, „Vielleicht hast du sie nur verschreckt. Bestimmt ist sie sehr empfindsam. Wir sind hier schließlich nicht einem einfachen Kurhotel. Wenn du ihr das nächste Mal über den Weg läufst, achte auf die Emotionen, die du aussendest.“, auch darauf blieb Maria nur ein Nicken. Sie hatte noch viel zu lernen; vorzugsweise nicht nur von den Patienten.

„… denn als Gemeinschaft sind wir stark!“

8

Bernhard sah müde aus.

Die Kleidung gepflegt, aber zerknittert, denn er kauerte regelrecht auf seinem Platz, als wollte er seine hochgewachsene Statur verbergen. Die Hände im Schoß, zu Fäusten geballt. Die Schultern hängend, der Kopf leicht gesenkt. Sein Gesicht aschfahl und eingefallen. Er kaute angespannt auf seiner Unterlippen, während sein Blick prüfend über jeden Winkel des Raumes flog; aller Anschein von Autorität verflogen.

Elke hatte ihn bisher nur als einen starken, ja stolzen Mann gekannt. Obgleich sie mit Bernhard mittlerweile lediglich eine lose Bekanntschaft unter Nachbarn pflegte, hatte er bis zuletzt eine gewisse Größe ausgestrahlt; immer ein Scherz auf den Lippen, ein Zwinkern im Blick, welcher nie davor zurückschreckte sein Gegenüber herausfordernd anzusehen. Doch alles was nach dem heutigen Tag geblieben war, war dieser Mann, das Häufchen Elend, dessen Blick nie Kontakt mit dem ihren aufnahm, der nur noch darauf zu warten schien, dass man ihn rettete.

Ihn retten… ja, das könnte sie tun! Sie wollte für ihn da sein! Mit ihm gemeinsam gegen dieses Nest und den Tratsch zusammenstehen! Ja, sie würde ihn nicht so fallen lassen, wie alle Anderen! Elke hatte die Blicke der Stadtbewohner gesehen, die Tuschelei gehört als Bernhard für die Aufnahme seiner Aussage vom Steinbruch zum Revier begleitet wurden war. Das Raunen nahm weiter zu, da es anschließend zu seiner Wohnung ging, damit er der Hausdurchsuchung beiwohnen konnte. Für den Rückweg zur Stadion hatten sie schließlich einen Kollegen vorausschicken müssen, der die Stadtbewohner zur Ruhe anhielt.

Dieses verdammte Dorf!

Im Steinbruch fanden sich keine weiteren Spuren und der Rucksack gehörte nachweislich einem ganz anderen Kind – oh der Aufschrei war laut, als es hieß die Rühlich-Buben hätten diesen ein paar Tage zuvor entwendet gehabt und sich lauthals dafür gebrüstet, aber auch geweigert ihn wieder rauszurücken, denn „die dumme Heulsuse hatte es verdient! Was petzte die auch immer.“ Frau Mama und Oberlehrerin glättete wieder einmal die Wogen und wies daraufhin, „dass das noch lange nicht bedeutet Bernhard sei unschuldig!“ Natürlich ging auch die Durchsuchung seiner Wohnung hinweislos aus. Natürlich war es so und Elke würde das jedem sagen, der sie danach fragte!

Gerade wollte sie „ihrem Häufchen Elend“, wie sie ihn in Zukunft schmunzelt bezeichnen würde, genau das mitteilen, da schneite Emily zur Tür herein. Wer hatte die denn nun informiert? Und was ging die das überhaupt an? Elke kaute auf den Innenseiten ihrer Wangen und lächelte verkniffen, als sie Bernhards Entlassungspapiere aushändigte. Sie lächelte nicht mehr da sie nun allein zurück und mit ihren Gedanken allein blieb.

Nein, Bernhard war nicht mehr derselbe Mann. Elke hatte stets geglaubt ihn zu kennen, fühlte sich wohl und aufgenommen in seinem Freundeskreis… fühlte noch viel mehr, obgleich sie es nie wagte diesen Träumereien zu weit zu folgen. Vielleicht war ja doch was dran… wann kam es schon mal vor, dass die gesamte Stadt sich einig war?

***

Ihre Schicht war zu Ende… Maria hatte den Tag überstanden; wie genau war ihr auch nicht recht klar.

Doch sie konnte stolz auf sich sein, zumindest ihrer Meinung nach, denn wenigstens kannte Maria nun alle Wege der Klinik und fand sich ohne Hilfe zurecht. So gut, dass sie nicht dem Zufall die Schuld geben konnte sich erneut vor der Tür des ominösen Ganges wiederzufinden. Es prickelte in ihren Fingern als sie hindurchtrat. Wie am Morgen war die Beleuchtung gedimmt, lediglich ein paar Notleuchten wiesen ihr den Weg.

Schon nach wenigen Schritten musste Maria leicht enttäuscht feststellen, dass das Portrait verschwunden war. An dessen Stelle hing nun eine Landschaftsmalerei. Trotz der spärlichen Beleuchtung wurde deutlich, dass es ein Fluss war, der sich da durch den Winterwald schlängelte. Kahle Bäume zäunten seinen Weg, spitze Steine ragten aus ihm heraus und Irgendetwas schwamm, nein folgte der Strömung… Maria wollte ihren Augen nicht ganz trauen, als sie das Etwas als einen roten Rucksack identifizierte.

Sie schüttelte sich kurz und rieb ihre Augen: „Was für eine morbide Fantasie?“, murmelte Maria als sie tiefer in den Gang trat und nach einigen Metern an der gegenüberliegenden Seite auf ein weiteres Bild stieß; eine Kohlezeichnung. Sie verschluckte ihren Kommentar, als sie ein kleines Mädchen erblickte, welches nur im Leibchen zwischen Gräbern saß mit den Folgen eines Krieges im Hintergrund.

Tief luftholend zog es Maria weiter. „Oh Gott! …“, mit der Hand über den Lippen zwang sie sich zur Ruhe. In strahlenden Farben, welche selbst im Dimmerlicht hervorstachen, eröffnete sich ein Torso mit den Organen in situs inversus. So etwas hatte sie nur einmal in der Pathologie-Vorlesung gesehen, als anatomische Zeichnung und dann auch nicht so detailverliebt. Als würde sie eine Fotographie der inneren Organe, in ihrer spiegelverkehrten Lage betrachten. „Wahnsinn.“

Maria stolperte voller Anspannung weiter, nun wollte sie Alles sehen!

Ein Portrait, nicht das ihres Doppelgängers starrte sie an. Maria wusste nicht recht, ob sie erneut enttäuscht oder erleichtert sein sollte. Schließlich stammten die Bilder alle vom gleichen Künstler mit der abschreckenden Imagination; sie waren mit C.L.H. signiert. Der Mann mittleren Alters, mit tiefen Ringen unter seinen blutunterlaufenden Augen, grimmigen Lippen und kurzen angegrauten braunen Haar, was in alle Richtungen abstand, war nichts, was Maria beruhigte.

Gegenüber des schaurigen Herren schmunzelte sie ein Mädchen im roten Pullover an. Sie hatte halblanges, dunkles Haar, tiefdunkle, alte Augen und ein Blässe, welche Maria bisher nur einmal begegnet war. „Charlotte?“, nein, das konnte nicht sein. Dieses bleiche Kind glich Charlotte vermutlich genauso wie ihre Doppelgängerin ihr oder der Mann irgendjemand anderem. „Sowas kommt vor! Jeder hat einen Zwilling!“, krächzte Maria in keine bestimmte Richtung und entdeckte den Ihrigen direkt neben dem Mädel.

Erstarrt blieb sie wie angewurzelt davor stehen, Schweißperlen rannen ihr den Nacken hinab und klebten auf ihrer Stirn. „Hach! Du siehst mir gar nicht ähnlich! Hach den Lockenkopf trage ich schon seit Jahren nicht mehr!“, Maria setzte ein breites, wenn auch sehr schiefes Grinsen auf und stapfte erneut drauflos.

Sie würde sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, aber eine Zigarette wünschte sie sich nun sehnlichster denn je.

Kurz vor dem Zugang zum nächsten Klinikbereich entdeckte Maria einen Spiegel und drapierte sich davor. „Die wollen wohl, dass man sich noch mal herrichtet nach dem Trip… nicht dumm.“ Ihr stockte der Atem, denn nicht sie sondern eine Fratze mit weitaufgerissenen Augen und verschobenen Gesichtszügen sah sie an. Maria entfuhr ein markerschütternder Schrei.

Ende Kapitel 3

Fortsetzung folgt

verloren auf dem Weg _Kap.2_ 3

Katze4…Es war nicht das erste Mal gewesen, dass man ihm einen Leitartikel in der Tagespresse gewidmet hatte und auch in dieser Ausgabe waren nur positive, aufrichtende und verständnisvolle Worte zu lesen. Man sollte meinen den öffentlichen Alkoholkonsum eines Einzelnen oder auch der Stadt vorzugeben, sollte ein wenig Aufregung wert sein, aber wie es sich nun mal in Eatrich verhielt, war es weder eine neue noch außergewöhnliche Maßnahme so etwas zu beschließen.

Einer der Gründe, aus denen Bernhard keinen Fuß mehr in den Gastwirt setzen wollte, war die Photographie von Regina, welche am rechten Außenplatz der Bar thronte.

Er hatte sie natürlich gekannt, so wie jeder in diesem Ort und das Bild, ein Portrait, welches das freundliche, leicht rundliche Gesicht einer rothaarigen Frau mittleren Alters zeigte, ähnelte Regina, zumindest der Frau, welche zuletzt auf ihrem Stammplatz gekauert hatte, nur im Entferntesten. Inzwischen lag ihr Tod drei Jahre zurück und dass sie ihre letzten Lebensjahre wohl nur noch zwischen Barhocker und Couch zugebracht haben konnte, war deutlich im aufgedunsenen Gesicht, dem wirren, dünnen Haar und den glasigen Augen abzulesen. Bernhard erinnerte sich noch gut an sie und wie er so auch alle Anderen. Die Erinnerung machte ihn traurig, denn zuletzt war nichts mehr geblieben, als Regina beim langsamen Sterben zuzuschauen. Man konnte nur noch wohlwollend lächelnd ihren immer wiederkehrenden Geschichten vom verlorenen Reichtum, dem verschwundenen Mann, den Fehltritten und abgebrochenen Therapieversuchen lauschen und sie ab und an nachhause begleiten, da sie betrunkener war als vorgegeben, an Abenden, wenn sie die Barkraft davon überzeugen konnte ihr „doch noch einen kleinen Extraschluck“ zu gönnen.

Das Wissen darum, dass man niemandem helfen kann, der sich nicht selbst helfen will, erschien Bernhard schon immer eine sehr beliebte Ausrede, obgleich er sich der Tatsache gewahr war, dass diese Aussage, diese Redensart, diese verfluchten Ausflüchte nicht von ungefähr kamen.

Nein, Bernhard wollte nicht so enden wie Regina. Wollte keine Photographie aus besseren Tagen werden und so weigerte er sich seit der absurden Stadtversammlung das Gasthaus weiterhin aufzusuchen. Nicht dass ihm der gute Vorsatz davon abgehalten hatte wenige Tage später morgens zusammengesackt auf dem Bürgersteig nahe seiner Wohnung aufzuwachen.

Bis heute war er Emily dankbar dafür war, dass ihr Lächeln ein verschmitztes und kein mitleidiges gewesen war, als sie ihn mit leiser Stimme weckte und darauf hinwies, dass das Stadtleben jeden Augenblick beginnen würde. Er hatte nur nickend und mit einem Grunzen seine Zustimmung äußern können, während sie ihn langsamen Schrittes nachhause begleitete. Damals wie heute war Bernhard davon überzeugt, dass die lieben Nachbarn sicher anders reagiert hätten, als Emily und vor allem als die kleine Katze, welche augenscheinlich geduldige Nachtwache geschoben und deren scheinbar strenger, aber gleichzeitig vorurteilsfreier Blick bis zu nächsten Ecke auf dem ungleichen Paar geruht hatte.

Nun war Bernhard also wieder auf dem Weg zum Teehaus. Eigentlich öffnete Emily ihren Laden erst in den Nachmittagsstunden, doch er hoffte, für ihn würde sie wieder einmal eine Ausnahme machen.

„Bitte bleiben Sie auf den ausgeschriebenen Waldwegen!“

5

Gerade hatte sie ihn ansprechen wollen, doch da war Bernhard schon eingetreten ins Teehaus. Elke blieb nur noch der Anblick von Emily, welche ihr sanft zulächelte, bevor auch sie hinter der lindgrünen Milchglastür, mit dem zum Blatt geformten Knauf und den Blütenranken aus Holz, welche die ganze Abscheulichkeit umrahmten, verschwand.

Was Bernhard in ihr sah und wie es überhaupt dazu gekommen war, dass die beiden plötzlich so dicke waren, entzog sich Elkes Vorstellungskraft. Es war natürlich nicht so, dass sie Emily als Person, als Nachbarin ablehnte, als… ach wem wollte sie was vormachen? Emily und das verdammte Teehaus waren ihr ein Dorn im Auge.

Wie es sich in dieser, wie wohl jeder Kleinstadt, so ergab, kannten sich die drei schon von Kindesbeinen an. Sie waren keine Freunde, nicht einmal Spielkameraden. Allerdings gab es auch keinen Disput zwischen ihnen. Man traf sich halt ab und an zufällig, teilte die gleichen Schulmauern, nur zu verschiedenen Zeiten; sie waren unterschiedlichen Alters. Später zog dann jeder seiner Wege, was wiederum kaum ins Gewicht fiel.

Elke ging fort zum studieren, Emily auf Bildungsreise und Bernhard verblieb in Eatrich, um Polizist zu werden.

Da Elke zwischendurch immer malwieder in der Stadt einkehrte, um ihre Familie zu besuchen, ergab es sich, dass sie eine lockere Freundschaft mit Bernhard und dessen Frau einging. Sie fühlte sich aufgenommen und freute sich jedes Mal mehr auch mit dem Rest seiner Kumpel Zeit totzuschlagen, den aktuellsten Stadtklatsch zu hören und so letztendlich irgendwie doch noch in Eatrich reinzupassen.

Wie erschrocken und enttäuscht war Elke schließlich gewesen, als sie nun zurückkehrte, um ihr Leben in dieser Stadt am Rande der Welt zu führen. Der letzte Besuch lag zwar schon ein paar Jahre zurück und wie das manchmal so halt so war, hatte sie es nicht geschafft den Kontakt zu ihrem Freundeskreis in Eatrich aufrecht zu halten, war aber davon ausgegangen, dass alles beim Alten geblieben war; so wie immer.

Oh, wie falsch konnte man doch manchmal liegen.

Den Freundeskreis gab es nicht mehr. Bernhard war geschieden und was aus seiner Frau und dem Kind geworden war, wollte ihr niemand erklären. Er selbst reagierte frostig auf ihre Nachfragen und hatte es schnell abgelehnt überhaupt noch mit ihr in Kontakt zu treten. Auch seine Arbeit hatte er aufgegeben. Obgleich in Elkes Augen noch Hoffnung bestand, da er lediglich krankheitsbedingt beurlaubt war. Ja und dann war da Emily. Weshalb die nichts Besseres zu tun gehabt hatte ein knappes Jahr vor Elke heimzukehren und Bekanntschaft mit ihrem Freundeskreis, zumindest mit dem einen Freund, zu pflegen, wollte sich Elke einfach nicht erklären. Sie hatte nur gehört, dass Emily irgendwie erkrankt war, aber nun heldenhaft geheilt schien oder zumindest sich nie beschwerte. Sie hatte das alte Café übernommen und daraus diesen Teeladen gemacht; vollgestopft mit Kerzen, Figuren, Symbolik – alles in knallbunten Farben. Elke konnte mit diesem ganzen innere Ruhe-, Meditation- und Seelenfriedenquatsch nichts anfangen. Doch Emily hatte offenbar genug Gäste, um den Laden offen zu halten und zu Elkes Entsetzen war sie sehr beliebt unter den Nachbarn; selbst ihre Mutter lächelte selig beim Gedanken an das verfluchte Teehaus.

***

„Wer war deine neue Bekanntschaft?“, fragte Elke leicht angespannt, da sie versuchte gleichgültig dem Gedanken gegenüber zu wirken, dass die Dame mittleren Alters möglicherweise nur aufgrund ihres Erscheinens so plötzlich gegangen war. „Ach, das ist Ruby. Sie ist nur ein wenig schüchtern.“, erwiderte ihre Mutter vergnügt, während sie die kleine schwarz-weiße Katze scheinbar geistesabwesend streichelte. Kurz wollte Elke auf den Umstand eingehen, dass das Tier ihr irgendwie bekannt vorkam, doch sie verwarf die Frage nach der Herkunft der Katze kurzerhand, denn die Tatsache, dass ihre Mutter, welche sich seit ihrem Einzug in die Residenz sehr zurückgezogen hatte und Gespräche mit jedem außer der eigenen Tochter abzulehnen schien, plötzlich interagierte, verwunderte Elke erheblich. Natürlich erfreute sie es noch mehr, aber insgeheim genoss sie die alleinige Aufmerksamkeit ihrer Mutter ein wenig, auch wenn sie sich darüber fast täglich zu beschweren pflegte.

„Wohnt … Ruby hier? Sie erscheint mir doch ein wenig zu jung.“, den Nachsatz ‚für ein Altersheim‘ verkniff Elke sich gerade noch. „Nein, ehm… eigentlich schon. Sie hatte ihren Vater die letzten Jahre mitversorgt.“ „Ja, aber dafür gibt es doch das Personal hier. Sicher sehen die das nicht gerne, wenn man sich in ihre Arbeit einmischt?“, Elke hatte den Blick abgewendet und in Richtung Hauseingang geblickt, weshalb sie das kurze Aufflackern von Irritierung in den Augen ihrer Mutter nicht wahrnahm. Der Katze allerdings war die angespannte Haltung der alten Dame nicht entgangen und so leckte sie dieser für ein paar Augenblicke die Hand ab, stieß schließlich das Köpfchen hinein und schloss erst wieder die Lider als der Griff von Frau Unmut wieder entspannter wurde. „Es war der Wunsch ihres Vaters gewesen. Auf die Wünsche der Residenzbewohner wird hier im Allgemeinen Rücksicht genommen.“, schnaufte diese nur kurz, bevor ihr Lächeln zurückkehrte und sie sich erneut verträumt im Garten umsah.

„Ja, natürlich tun sie das. Man bezahlt sie schließlich gut genug“, brummte Elke. „Und Ruby ist eine sehr interessante Gesprächspartnerin. Sie hat viel erlebt und zu so unzähligen Dingen eine geschulte Meinung.“, Frau Unmut betonte ‚geschulte Meinung‘, da sie ihre Tochter kannte und setzte, ohne deren Bemerkung abzuwarten, nach: „Auch ist sie lustig, obwohl man merkt, dass ihr der Verlust des Vaters schwer zu schaffen macht… ach, sowas ist immer tragisch… das Verlieren eines geliebten Menschen, ganz gleich wie.“ „Und sie wohnt noch immer hier?“, Elke wirkte ein wenig unsicher; tat sie nicht ausreichend genug für das Wohl der eigenen Mutter? „Ja, sie leistet den älteren Herrschaften Gesellschaft, wie du es ausdrücken würdest, deshalb bekommt sie hier weiterhin Kost und Logis. … Nu guck nicht so! Sie ist nett und außerdem nicht mehr lange da.“ „Will sie doch wegziehen? Das eben klang…“ ‚als könne man sie hier erst im Sarg wiederraustragen…‘, dachte sich Elke und ließ den Satzanfang im Raum hängen. „Nein, aber sie wird bald sterben, hat sie gesagt.“ „Oh, das tut mir leid. Ist sie krank? Wie lange hat sie noch?“, verzweifelt versuchte Elke ihre vorherigen Gedanken zu vertreiben und der Situation entsprechend mit der nötigen Andacht zu reagieren; so wie sie es gelernt hatte. Bis ihre Mutter schließlich nachschob: „Sie ist nicht todkrank, sie wird nur sterben, hat sie gesagt… Da das Leben keinen Sinn ergibt.“, darauf verflog der angestrebte Anstand wieder und Elke fragte nur: „Und wann wäre das soweit?“ „Sobald Ruby das Leben versteht.“

Noch bevor die Unterhaltung einen klärenden Abschluss finden konnte, sprang die Katze kurzerhand auf und rannte davon, entgeistert sahen ihr die Unmuts nach bis das Blaulicht des Streifenwagens ihre Aufmerksamkeit in Richtung der Felder richtete und sie nun ein ganz anderes Thema für eine im Kreise laufende Gesprächsführung bekamen.

***

Bernhard hatte gerade noch Zeit den roten Rucksack fallen zu lassen und einen Schritt zurück zu treten bevor das fahle Licht der Taschenlampe ihn vollends erreichte.

„Oh mein… Bernhard, was zur… Sind sie hier? Hast du sie gefunden?“, als dem Wachtmeister nur ein Knopfschütteln entgegnet wurde, setzte dieser nach mehrmaligen Räuspern mit nun leicht gebrochener Stimme nach: „Bernhard Wagner ich muss Sie bitten mich zur weiteren Befragung aufs Revier zu begleiten.“

Ende Kapitel 2

Fortsetzung folgt

 

Kannst Du…

Kannst Du mich sehen

in der Dunkelheit umgeben von Licht

 

Kannst Du mich hören

in Frage stellend jede Antwort

 

Kannst Du mich halten

rastlos im Stillstand ohne Ziel

 

und hier sind die Dinge, die ich nicht verstehe

und hier ist die Welt, die mich verschreckt

und dort bist Du

 

Kannst Du

Kannst Du all das

was ich nicht kann

 

verloren auf dem Weg _Kap. 2_ 2

Katze4

Noch bevor Maria sich der Tatsache, dass dieser Gang einige signifikante Unterschiede zum Rest der Klinik aufwies, vollkommen bewusst werden konnte, blieb sie wie angewurzelt vor einem Gemälde stehen. Das Portrait eines jüngeren Mädchens… eines Mädchens, was gerade erst in die Pubertät zu kommen schien… eines Mädchens, was jeden, der es anblickte, direkt in die Augen sah… eines Mädchens, welches schüchtern, vielleicht sogar unsicher, lächelte… eines Mädchens, „was aussieht, wie ich!“…

Der Gang ist nur spärlich beleuchtet, versuchte Maria sich zu beruhigen. Doch noch bevor sie nach einer besseren Lichtquelle suchen konnte, blieb sie erneut wie erstarrt stehen. Dieses Mal war es wegen der donnernden Stimme, welche hinter ihr ertönt war:  „Sie haben hier nichts verloren!“ Ein stämmiger Herr mit lockigem, wenn auch weißem Haar blickte Maria herausfordernd über eine dicke Hornbrille hinweg an. Sie erkannte ihn direkt, obgleich Dr. Hinterseer ihr bislang nur aus den schlicht gestalteten Klinik-Broschüren ruhigen Blickes entgegen gelächelt hatte.

Da Maria bisher immer wieder vertröstet wurden war, hatte sie inzwischen fast nicht mehr daran geglaubt, ihm je offiziell vorgestellt zu werden. Und offiziell war dieser Moment nun auch nicht gerade. Nun, da seine stierenden, grünen Augen nicht von ihr wichen, begann sie schweren Herzens ihre Einschätzung, der Chefarzt wäre sicherlich ein freundlicher Kautz, zu überdenken.

Eine Entschuldigung stammelnd, lief sie schnurstracks den Weg zurück, welchen sie gekommen war  und hoffte inständig der Tag würde endlich ein Ende nehmen. Den Gedanken, dass ihre Schicht gerade erst begonnen hatte, verdrängende sie.

***

Der erste Tag im sogenannten ‚neuen Zuhause‘ lag Charlotte noch schwer in den Knochen, obgleich im Grunde nichts von Bedeutung geschehen war.

Der Pfleger, Jack Irgendwas, hatte sie erst zur Rezeption begleitet und im Anschluss auf ihr Zimmer, als wollte man sicherstellen, dass sie nicht einfach wieder verschwand. Natürlich hatte Charlotte es sich nicht nehmen lassen ihren Eindruck der Gefangenenbegleitung bis hin zur Zellentür in durchaus hörbaren Worten zu äußern. Womit sie zum einen erwartungsgemäß einige entrüstete Blicke auf sich gezogen hatte, zum anderen aber auch Jacks peinlich berührten Blick und seine vielmehr in sich hinein gemurmelten, als an ihre Person gerichtete Aussage: „Nein, nein das ist zu Ihrer Sicherheit. Man verläuft sich hier schnell“.

Ein Schmunzeln beim Gedanken daran, konnte sich Charlotte auch jetzt noch nicht verkneifen.

Ein Herr Dr. Embrich hatte die Eingangsuntersuchung durchgeführt; ein kluger, durch alle Fassaden blickender Mensch. Eine Eigenschaft, die Charlotte eigentlich sehr zu schätzten wusste, aber welche im Augenblick, da ihre sonst so standhafte Außendarstellung in Gefahr schien, eher zu ihrer Verunsicherung beitrug.

Sie hatte nach der Episode am Vormittag nur wenig Zeit gehabt ihr glattes und doch augenscheinlich charmantes Selbst zu stabilisieren. Selbstkontrolle war für sie von größter Wichtigkeit und die Vorstellung, dass diese sie zu verlassen drohte, missfiel ihr; gelinde ausgedrückt. Ihr war bewusst, woran sie zu arbeiten und weshalb sie diese spezielle Klinik gewählt hatte, doch sie war nicht daran gewöhnt, um Hilfe zu bitten, beziehungsweise ernsthaft bitten zu müssen. Nein, alles, was nötig sein würde, wäre Zeit, um sich auszuruhen. Zeit, in der niemand etwas von ihr verlangte; zumindest war es das, was Charlotte dem guten Doktor mitteilte, nachdem er ihr etliche Fragen zum allgemeinen Wohlbefinden oder dessen Fehlen gestellt und ihre Reflexe, die Sensorik, Motorik und das Gleichgewicht überprüft hatte.

Für Charlotte war all das reine Routine: die Fragen, die Erstellung eines Zeitplans, die Tatsache, dass in den ersten Tagen, mit Ausnahme der festen Essenszeiten, so gut wie nichts darauf zu finden war, um den Kurgästen die Eingewöhnungsphase so angenehm wie möglich zu gestalten.

Zu oft war sie nun schon in solchen Einrichtungen gewesen; nur eben nie als Patient.

So saß Charlotte schließlich im Dunkeln ihres neuen Zuhauses, starrte aus den vergitterten Fenstern in den gerade anbrechenden Tag hinaus und hing ihren Gedanken nach. Obgleich sie seine Anwesenheit mit jeder Faser ihres Körpers spüren konnte, so wie das schon immer der Fall gewesen war, wenn andere Menschen sie umgaben – ganz gleich wie unauffällig sie sich zu benehmen wussten – reagierte sie nicht auf den Mann, der sie seit ein paar Minuten aufmerksam durch das winzige Fenster in der Tür beobachtete.

„Noch nicht auf den Hund gekommen – Polizei weiterhin auf Spurensuche.“

4

Bei Licht betrachtet, wirkte die Klinik sogar ganz beschaulich so im aufgefrischten Anstrich.

Nur zu gut konnte Bernhard sich an die Zeit erinnern, da das Gebäude im Leerstand Kinder zu allerlei Unsinn einlud. Denn wen fordern Verbots- und Eltern haften-Schilder nicht geradezu auf zumindest einen Blick zu riskieren?

Nun da die Nebelwand des Vortages weitergezogen war, hatte Bernhard sich nochmals aufgemacht, um nach dem Mädel im Hosenanzug Ausschau zu halten. Zu seiner Enttäuschung hatte diese diesmal nicht den Parkweg sondern den Klinik-Bringdienst gewählt und so war ihm nur ein kurzes Aufflackern ihrer Gestalt zwischen Wagen und Eingangstor geblieben. Kein Parfüm um die Nase, kein Hals zum Träumen und ihre Rundungen hinter einer Aktentasche verborgen; Zeitverschwendung!

Zeit war eine Sache, über welche Bernhard im Überfluss verfügte. Zeit war das Einzige, was er hatte. Alle Zeit der Welt, aber keine Idee, was damit anfangen.

Seit ihm seine Arbeit gekündigt wurde, unbefristete Beurlaubung aufgrund von Unpässlichkeit, wie es im genauen Wortlaut hieß, wusste er nicht mehr was Tun den lieben langen Tag. Vom Krankengeld ließ es sich gerade so leben seitdem er das Haus aufgegeben und gegen eine Drei-Raum-Wohnung im Nordosten der Stadt eingetauscht hatte. Dass das alte Mehrfamilienviertel nur spärlich besiedelt war, hatte die Stadtverwaltung nicht davon abgehalten ein weiteres Viertel für die neuen Nachbarn hochzuziehen, was Bernard nur recht sein konnte, denn er benötigte nicht noch mehr Menschen in seiner Umgebung mit denen er nicht reden wollte.

Die Stunden des Tages füllte er einstweilen mit Wanderungen durch den Stadtpark, denn er genoss die Ruhe, die ihm zumindest in den Vormittagsstunden gewährt wurde. Pünktlich nach Schulschluss und mit Beginn der hundeausführenden Spaziergänger erschien ihm der Park oft zu klein und so ließ Bernhard sich zuweilen bis in den Wald vertreiben. Zu seinen Gedanken, aber nicht in seinen Zeitplan passend, rannte ein kleiner Mischlingsrüde auf ihn zu und begann an ihm hochzuspringen. Natürlich kannte er dieses kleine Mistvieh, jeder war dem Köter und seinem nicht lange auf sich wartenden Frauchens schon über den Weg gelaufen. Und wie immer hatte diese eine nicht ernstgemeinte Entschuldigung über „die freiheitsliebende Natur ihres kleines Lieblings“, nebst passenden Grinsen auf den Lippen, gepaart mit einem „doch bestimmt nachvollziehbarem“ Unverständnis für die Leinenpflicht innerhalb der Grünanlagen Eatrichs. Höflich nickend, musste Bernhard an den, in der Presse seit Tagen beweinten, verschwundenen Hund denken und daran, dass sollte dieses spezielle Exemplar irgendwann mal dem gleichen Schicksal zum Opfer fallen, dann vermutlich tatsächlich ein Verbrechen und nicht ein Dachsbau der Grund dafür sein würde. Die Tatsache, dass wohl alle Bürger Eatrichs sich gegenseitig ein Alibi geben würden, da aber auch niemand dem Tier und seiner Misserziehung etwas abgewinnen konnte, brachte ein ehrliches Lächeln auf seine Lippen und ließ ihn pfeifend von Dannen ziehen.

Angezogen fühlte Bernhard sich heutzutage immer öfter vom Teehaus und zu Emily, einer alter Jugendbekanntschaft mit ihren strahlenden, weisen Augen und der schmalen Taille. Wenn er bei ihr einkehrte, konnte er für ein paar Stunden vergessen, weshalb er sich nirgendwo anders in dieser Stadt mehr Willkommen fühlte und zum Teil auch war. Es erschien ihm immer noch eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit, dass er als einziger für das Ersetzen der Frontscheibe des Gastwirts aufzukommen hatte – schließlich war es nicht er gewesen, der hindurch gefallen war. Und überhaupt, er hatte den Krawall nicht losgetreten, sondern sich lediglich verteidigt, wenn auch nicht mit Worten.

Auf der sich anschließenden Stadtversammlung brach dann eine rege Debatte darüber los, ob es ab den Abendstunden einen allgemeinen Ausschankstopp geben sollte oder am besten gleich das Unterbinden vom öffentlichen Alkoholgenuss. Am Ende wollte niemand mögliche Touristen verärgern und so traf es sich, dass für Bernhard ein von der Stadt abgesegnetes Konsums-Kontingent für das Gasthaus festgesetzt wurde; zu seiner eigenen Sicherheit!

Es war nicht das erste Mal gewesen, dass man ihm einen Leitartikel in der Tagespresse gewidmet hatte und auch in dieser Ausgabe waren nur positive, aufrichtende und verständnisvolle Worte zu lesen. Man sollte meinen den öffentlichen Alkoholkonsum eines Einzelnen oder auch der Stadt vorzugeben, sollte ein wenig Aufregung wert sein, aber wie es sich nun mal in Eatrich verhielt, war es weder eine neue noch außergewöhnliche Maßnahme so etwas zu beschließen.

Fortsetzung folgt

zweifel_los

Stetes Drängen der immer gleichen Gedankenkreisel.

Ein Aufreihen… ein aneinander Reiben…

Ein Zusammenwürfeln… ein Verschieben…

Dann ein Knirschen… der Zerfall…

Und wieder von vorn.

 

Von vornherein…

Ein beständiges Fragen, ein Hinterfragen mit Zwischenfragen ohne Halt…

Ein Widerhall… ein Missverstehen…

Dann ein Knacken… der Zerfall

 

zweifelsohne… zweifellos… zweifelsfrei…

…Selbstzweifel…

 

Wie ein Leben mit angezogener Handbremse, wie ein Rollen im Leerlauf, wie das Fahren mit Notbereifung… stets mit Obacht, abhängig, unter permanenter Kontrolle und dem Fuß rechts vom Gaspedal.

 

verloren auf dem Weg_Kap. 2_ 1 _

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Artikel 2

„Zwischen Brunft und Rausche Naturschauspiel und Achtsamkeit.“

Endlich war es wieder soweit.

Mit Begeisterung wurde auch diesmal an der Abstimmung zum Tier des kommenden Jahres teilgenommen – der Dachs (Meles meles).

Natürlich gibt es zahlreiche Dinge über dieses durchaus possierliche Tier zu berichten und jedermann kann sich ab heute an den entsprechenden Informationstafeln am Rathaus und innerhalb des städtischen Parks erfreuen.

Besonders hervorzuheben scheint der Dachsbau selbst, denn diese beachtliche Wohneinrichtung, ausgestattet mit Speisekammer, Kinderstube und  extra Schlafbereichen, lädt zuweilen auch andere Waldbewohner ein, welchen dann unter Erschaffung neuer Innenwände eine eigene Stube gewährt wird. Ganz auf nachbarschaftlichen Frieden bedacht, können dadurch Dachs, Fuchs und auch Brandgans eine friedliche Koexistenz führen.  

Dieser faszinierende Umgang mit Hausgästen stellt allerdings  ein Problem für ungebetene Gäste, wie beispielsweise dem Jagdhund, dar. Da diese unter Umständen eingeschlossen werden.    

Die Tagespresse möchte diese Gelegenheit nutzen, um erneut auf das richtige Wanderverhalten hinzuweisen. Wie den neuesten Einwohner unserer schönen Stadt vielleicht noch nicht in voller Gänze bewusst ist, gilt der den Stadtpark umschließende Wald als Naturschutzgebiet. Dementsprechend möchte sich der wackere Wanderfreund bitte an die vorgeschriebenen Wanderrouten halten und natürlich nichts dem Wald entnehmen oder darin zurücklassen! 

Abschließend möchte das Park- und Kulturkomitee an dieser Stelle nochmals Dank an die Mitglieder der Bezirksgruppe vom Naturschutzverband aussprechen für die sehr informative Veranstaltung und die Möglichkeit aus sicherer Entfernung dem Brunftverhalten unseres Rotwildes zu lauschen, denn auch in diesem Jahr wurde die gemeinsame Dämmerungswanderung durch den Eatricher Park reich besucht.

3.

„Mist… jedes Mal!“, Maria konnte über sich nur noch den Kopf schütteln, denn obgleich sie bereits vor Beginn ihrer Tätigkeit mehrfach durch die Räumlichkeiten des Haus Instenburg geführt wurde, fand sie sich nach wie vor kaum zurecht. „Was natürlich auch daran liegen könnte, dass das hier nem Labyrinth gleichkommt!“, zischte sie nicht minder irritiert.

Die Klinik, gepresst in eine Villa, Baujahr 1931 und noch im originalen gelben Backsteinkleid mit roten Klinkerumrandungen an Fenstern und Eingangspforte, so hatte man ihr mit nicht wenig Stolz berichtet, glich von außen immer noch viel eher dem Hotel, dass es ursprünglich gewesen war. Das Gebäude fügte sich mit den dazu gehörigen Parkanlagen, die eingezäunt hinterm Haus lagen und lediglich den Gästen zur Verfügung gestellt waren, problemlos in das Bild des Eatricher Stadtparks ein. Eine Privatstraße, welche entlang des Parkrandes den Zugang zum Gelände per Bring-Dienst ermöglichte, gab dem Haus Instenburg ein fast schon hochherrschaftliches Ambiente.

So recht wusste Maria nicht, weshalb sie gerade in dieser Einrichtung ihr praktisches Jahr absolvierte. Instenburg verfügte zwar über eine internistische Abteilung, war aber auf eine Klientel mit psychosomatischen Störungen und neuropsychologischen Erkrankungen spezialisiert. Obgleich eine Erweiterung des Hauses anstand, vermutlich für die Behandlung von Suchtkranken, zumindest nahm Maria dies an, bot die Klinik nicht unbedingt ideale Bedingungen für ihr berufliches Fortkommen. Auch entsprachen die gebotenen Aufgabenbereiche nicht ihrem momentanen Interessengebiet. Unglücklicherweise gab es derzeit keine offenen Stellen in rein neurologischen Abteilungen; das wurde ihr zumindest von verschiedener Seite wiederholt erklärt. Letztlich blieb Maria nichts anderes übrig als der Empfehlung, dem Wunsch ihres Vaters nachzugeben.

Die Diskussion um ihre berufliche Zukunft dauert bereits Jahre an und so wurde aus den Worten „Solange du unter meinem Dach lebst…“ mit der Zeit „Solange ich für dein Studium aufkomme…“ bis hin zu „Solange du offensichtlich keinen Schritt alleine gehen kannst…“  und Maria, steht’s dankbar für die Unterstützung ihrer Familie, nahm, wenn auch Zähneknirschend, die Stelle im frisch eröffneten Haus Instenburg unter der Leitung von Herrn Dr. med. Hinterseer, einem Studienkollegen ihres Vaters, dem sie selbst bisher nie begegnet war, an.

Die Führung durch die Klinik hatte sie am ersten Tag mit Hinterseers rechter Hand gemacht. Dr. Embrich, ein hagerer Mann undefinierbaren Alters, mit lichter werdendem, graumeliertem Haar, welcher ihr für einen Psychiater doch recht einsilbig erschien. Aber vielleicht rührte sowas auch vom vielen Zuhören her und ergab sich wenn man einen solchen Beruf lange genug ausübte. Ein Gedanke, den Maria zumindest für die Zeit ihrer Anstellung beiseite zu schieben gedachte, da dieser ihr fast schon Angst machte, wenn sie ehrlich war; zuhören, Verständnis aufbringen oder wenigstens so zu tun, lag ihr nicht einmal bedingt. Das hatte sie wohl einfach nie gelernt, griente sie in sich hinein und war erneut falsch abgebogen. Sich ständig in den eigenen Gedanken zu verlieren, führte sie noch immer wortwörtlich über Umwege und in Sackgassen.

Erneut musste Maria an Charlotte Lessner und den vorherigen, den verdammten vorherigen, Tag denken. So war sie zwar wieder einmal nicht ihrem neuen Chef, aber doch einigem Ärger begegnet und zu allem Überfluss erneut der Erkenntnis, dass es wohl keine gute Idee gewesen war gerade in dieser Einrichtung anzufangen. „Ich hätte es wissen müssen!“, erklärte sie dem Flur, „Das Gesinge, ihr merkwürdiges Verhalten, der abwesende Blick… verdammt!“, ein Luftzug ließ kurz verharren und unsicher um sich blicken. Da sie am Vortag ungehaltenes Räuspern aus den verbalisierten Selbstzweifeln gerissen hatte.

„Dr. Embrich, tut mir leid, der Nebel, ich, ähh…“, hatte sie zu stottern begonnen,  aber er unterbrach sie mit einer einzigen unwirschen Geste seiner großen, knöchrigen Hand.  „Frau Walder ich muss Ihnen sicherlich nicht erklären wie viel Wert unser Unternehmen auf Disziplin und Pünktlichkeit legt. Sie können sich glücklich schätzen eine Stelle bei uns bekommen zu haben, und die verdanken Sie weiß Gott sicherlich nicht Ihrem Können.“ Maria konnte darauf nur noch betreten zu Boden schauen. Ihr war bewusst, dass man früher oder später ihren Vater ins Spiel bringen würde, „…später wär mir lieber gewesen…“, murmelte sie gerade noch hörbar in sich hinein. Dr. Embrich schien dies zu ihrer Erleichterung nicht gehört zu haben. Maria wollte der Standpauke sie hätte ihre Anstellung sowie den Studienplatz vorher lediglich ihrem Stammbaum zu verdanken und würde ohne den Einfluss ihres ach so berühmten Vaters eh nie etwas zu Stande bringen, zuvorkommen und klarstellen, dass sie nur durch ihre eigenen Leistungen überzeugen könnte, würde man sie einfach machen lassen! Und so hatte sie ihre Schultern gestrafft, den Blick gehoben und ihrem Gegenüber fest in die Augen geblickt: „Dr. Embrich meine Verspätung tut mir leid aber bei diesem Nebel ist es ja kein Wunder wenn man sich verirrt. Ich kann Ihnen versichern, dass es nie wieder vorkommen wird. Außerdem wäre ich Ihnen dankbar wenn Sie meinen Vater aus dem Spiel lassen würden. Er wird mit meiner Arbeit hier nichts mehr zu tun haben!“

Auch jetzt noch spürte Maria wie ihr beim bloßen Erinnern eine leichte Röte über die Wangen kroch, doch sie hatte seinem Blick standgehalten, was sie noch immer mit Stolz erfüllte. Er hatte Maria dann aufmerksam gemusterte, so als wollte er versuchen in ihr Innerstes zu blicken, eine Erinnerung, welche wiederum ganz andere Rottöne in Marias Gesicht hinterließ.

Sich ein weiteres Mal absichernd, dass sie diesmal niemand beim Selbstgespräche führen gehört hatte, machte Maria entnervt auf dem Absatz kehrt, um sich erneut zielstrebig ohne Orientierungssinn in den nächsten Gang und durch eine weiße Flügeltür zu stürzen; das Schild „Betreten verboten!“ war ihr entgangen.

Noch bevor Maria sich der Tatsache, dass dieser Gang einige signifikante Unterschiede zum Rest der Klinik aufwies, vollkommen bewusst werden konnte, blieb sie wie angewurzelt vor einem Gemälde stehen. Das Portrait eines jüngeren Mädchens… eines Mädchens, was gerade erst in die Pubertät zu kommen schien… eines Mädchens, was jeden, der es anblickte, direkt in die Augen sah… eines Mädchens, welches schüchtern, vielleicht sogar unsicher, lächelte… eines Mädchens, „was aussieht, wie ich!“

Fortsetzung folgt