nicht mehr ganz momentan

Beim Blick auf den Weg, welcher sich in noch unklarer Länger vor ihr erstreckte, stellte sich ihr eine ganz bestimmte Frage, welche sich, obgleich sie sie nach nur wenigen Augenblicken zu beantworten wusste, in letzter Zeit immer häufiger stellte. Diese eine Frage, welche stets Momente des Zweifels, des Selbstzweifels nach sich zog; ganz gleich zu welchem Zeitpunkt sie sich auftat.

Wann bin ich?

Ohne Poesie lässt sich nichts in der Welt wirken, Poesie aber ist Märchen. (Johann Wolfgang von Goethe)

Liest man solche Eingangszeilen stellt sich automatisch eine ganz andere Frage:

Welchem Genre ist diese Geschichte zu zuordnen? Zumindest ging sie davon aus, dass sich eine solche Frage ergeben sollte und vertrieb sich zuweilen ganz gerne ihre Zeit damit Antworten zu ergründen.

Wäre mein Leben eine Geschichte, in welchem Regal könnte ich sie ablegen und wie würde sie weitergehen?

Fantasie und Science Fiction erschienen ihr eine gute Wahl. Der Protagonist hätte vielleicht den geheimen Zugang zu einem anderen Universum entdeckt, den Schlüssel sich zwischen alternierenden Realitäten zu bewegen oder würde nach Belieben auf der Zeitlinie auf und ab spazieren. Natürlich mit dem nicht zu verachtenden Nebeneffekt zwischendurch etwas verdutzt im, ab einem bestimmten Punkt nur noch zu vermutenden Hier und Jetzt wieder aufzutauchen.

Oder aber sie war in einem Thriller gefangen. Verfolgt und unter Drogen gesetzt versucht der Protagonist den Weg nachhause zu finden, aber leidet unglücklicherweise an leichter anterograder Amnesie. Dieser Gedankengang gefiel ihr nie, denn welchen guten Ausgang könnte eine solche Geschichte schon nehmen?

In das Horrorgenre setzte sie erst gar keinen literarischen Fuß hinein.

Von Historie verstand sie nichts.

Wie das zu einer Komödie werden könnte, erschloss sich ihr nicht ganz.

Was also noch blieb war das Drama…

Weise erdenken neue Gedanken und Narren verbreiten sie. (Heinrich Heine)

Wo bin ich?

„Hi, na wo steckst du?“ „Ich nehme an zuhause.“ „Wie meinst du das?“ „Naja, das Mädel, welches wohl meine Kollegin sein muss, denn sie hat mich von Arbeit mitgenommen, hat mich hier abgesetzt und der Schlüssel hat gepasst. Also werde ich wohl zuhause sein.“ „Okay… und was tust du gerade?“ „Ich warte darauf, dass die Welt aufhört zu vibrieren.“

Ich bin zuhause, zuhause, zuhause. Es ist alles gut. Natürlich war das meine Kollegin; bevor sie die Kapuze aufgesetzt hatte, habe ich sie noch erkannt… und es war dunkel… aber die Stimme gehörte zu ihr; denke ich.

„…!!!“ Was? „Was?“ „Du sollst tief durchatmen!“ Atmen… ein… aus… ein… aus… „Hast du verstanden, was ich dir gerade erklärt habe?“ Er hat was gesagt? „Nein, entschuldige bitte.“ „Schreibe es auf. Schreib alles auf, was dir passiert. Mach dir einen Monatsplan…hm, nein, erst mal einen Wochenplan, ach und vor allem einen Tagesplan!“

***

Wie bin ich?

„…Ja, das war eine tolle Sache. Er hat mich immer an Sumdeau erinnert.“ „An wen?“ „Sumdeau.“ „Entschuldige, ich glaube von dem habe ich noch nie gehört.“ „SUMDEAU“ „…“ Was? „Na Zramtort.“ „Sicher… wenn du meinst.“

***

Was bin ich?

„War da gerade wirklich ein Käfer auf meinem Unterarm?“ „Ich weiß nicht… hab nichts bemerkt“ Nicht schon wieder. „Kannst du mir bitte Bescheid sagen, wenn du irgendwelche Käfer oder dergleichen auf mir siehst? Ich neige in letzter Zeit dazu eingebildete Kleintiere auf mir zu finden. Zumindest hoffe ich, sie sind bloß eingebildet… obwohl… Sag, was fändest du besser: eine eventuelle Insektenplage in der Wohnung oder die eingebildete Variante? Ich kann mich einfach nicht entscheiden.“

Wann bin ich nun schon wieder?

„Lisa mag es gebürstet zu werden!“ „Du bist der einzige Mensch, den ich kenne, der nach nem 10Stunden-Tag noch voller Begeisterung vom Bürsten einer Katze spricht.“ „Was? Wie spät ist es denn?“ „Ich beneide dich. Ich würde das wirklich auch gerne können; nur noch im Augenblick zu leben ohne Empfindung zurück oder Angst nach Vorn. Das ist der perfekte Zustand.“ „Ja,… Nur kommt es auf die Essenz des Momentes an, ob du ihn genießt oder ob du gefangen bist; ohne Hoffnung. Es ist dieser eine Moment, der dein ganzes Gefühlsleben beeinflusst; das Einzige was du kennst. Alles was ist, ist alles was jemals war und sein wird, egal wie rational du zu sein versuchst. „Das bedenken sie nie! „Oh…“

Die Kunst ist, einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird. (W. Churchill)

Ab und an redete sie sich ein, es wäre sinnvoll, den Versuch aufzugeben ihrer näheren Umgebung zu erläutern, wie sie die Welt sah oder vielmehr, wie sich die Welt für sie darstellte. Denn für sie erschienen die meisten Menschen lediglich Darsteller zu sein.

Die Darstellung der Norm.

Es erschien Allen immer sehr wichtig der Norm zu entsprechen oder eben mit Emphase und TamTam das Gegensätzliche auszudrücken. Eine Gegennorm.

Sie allerdings schaffte es nie so recht sich einzusortieren, auch bevor ihre Realität von Zeit zu Zeit nicht ganz dem Erlernten entsprach. Die überzeugende Darstellung misslang ihr ein Leben lang. Ein Danebenstehen, laut und bunt im ersten Moment, aber ganz unscheinbar und direkt vergessen im Zweiten, wie phasenverschoben.

Sie versuchte nichts mehr zu erklären, denn Relativierung war ihr ein ständiger und verhasster Begleiter geworden. Sie versuchte es. Doch das Aufkommen dieser Frage und deren Verwandte warfen sie gemeinhin aus der Bahn; ließen sie entrücken aus der allgemeinen Realität. Alles erschien mit einem Male relativ. Was das Relativieren immer gewaltiger auswuchern ließ und sie umso mehr verstörte.

Die Wahrheit liegt meiste am Rande, nicht in der Mitte. (Henry Miller)

Die Einordnung ihrer Person ins Autismus-Syndrom-Spektrum geschah an einem Tag im April. Sie hatte an diesem eigentlich über die, von vielen Seiten geforderte, abschließende Verarbeitung einer ganz anderen Sache sprechen sollen; ihr war nicht danach gewesen an diesem und den darauffolgenden Tagen.

„Deutliche Züge aus dem Autismus-Spektrum…“, hieß es dann Schlussendlich.

Da ein Spektrum wiederum eine ganze Reihe von Bereichen umfasst, musste eine genaue, eine klar definierte, Zuordnung noch geschehen. Das Spektrum genügte ihr allerdings vorerst, denn in den ersten paar Augenblicken brachte es eine regelrechte Erleichterung; es erklärte ihr die Welt, welche bis dahin nie wirklich Sinn machen wollte.

Die Jahre zuvor gestellte Diagnose und Einpassung in ein andersartiges Spektrum, welches sie nicht minder, und ebenso auf den ersten Blick kaum ersichtlich, heraushob aus  der Allgemeingültigkeit hatte ihr in den ersten paar Augenblicken ein ähnliches Gefühl der Klarheit und des nunmehr einordbaren Umgangs mit dem Leben geben können.

Die ersten paar Augenblicke lagen inzwischen hinter ihr. Was blieb, war das ständige Lernen und Wiedererlernen vom Umgang mit der Welt, mit der Geschichte, welche ihr Leben darstellte. Was blieb, war das Wachsen, das Wiederaufrichten, das Immerwieder – Neuausrichten. Was blieb, war eine Frage.

Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist zu viel Zeit, die wir nicht nutzen.(Lucius Annaeus Seneca)

„Opa fragt, wann du das nächste Mal herkommst.“ „Im März… Ende März…“ „Das ist schön, dann können wir auf der Terrasse sitzen, dann ist es schon wärmer… so, mach noch was heute, dann brauch ich‘s nicht zu tun“ „Ach ich weiß nicht… keine große Lust.“ „Opa meint, du kannst deine Freundin mitbringen.“ „Ui, ehm, ich frag sie mal… allerdings wollte ich lieber für mich wandern.“ „Ja, das machst du richtig… mach heute noch was, dann brauch ich es nicht zu tun.“ „Wir können uns die Arbeit ja teilen, dann brauchen wir beide nicht so viel zu machen.“ „Ja, das stimmt. Gut, mach heute Abend noch was, dann brauch ich es nicht zu tun… ich hab nämlich keine Lust dazu.“  „Da sind wir schon zu zweit… macht‘s gut.“ „Schlaf schön.“ „Ja, ihr auch.“

Oma dreht sich noch stärker geistig im Kreise als ich. Aber ich werde sie noch einholen und dann drehen wir Pirouetten um uns herum.

Ich mag diese Vorstellung nicht.

Und der Gedankengang war wieder einmal gegen eine Wand gelaufen. Sie konnte sich nicht mehr konzentrieren… ein Leben im Moment… und doch verzerrt… nicht der Moment, nur eine Aufnahme dessen, was ist, was war, was kommen mag… Sie konnte es nicht mehr greifen, nicht mehr begreifen. Sich nur in eigenen Kreisen drehen, ohne Hoffnung auf ein Ziel… jedes Gespräch mit ihrer Oma schmerzte, denn sie erkannte diese kaum noch… nur noch ein Schatten ihrer selbst… sich ständig wiederholend… in Phrasen, in Erinnerungsfetzen, in Fragen.
Ihr ging es inzwischen nur allzu oft erschreckend ähnlich.  Wenn Unterhaltungen mit ihrer Großmutter zu Traurigkeit führten, dann brachten Gespräche, Momente mit Anderen Gleichgültigkeit gefolgt von Zweifeln.

Momentaufnahmen, wie eine flackernde Neonröhre… grell, verwirrend und unterbrochen…

Was für ein Tag ist heute? …  Weihnachten …. Warum? Baumschmuck… Was für ein Tag ist heute? … Silvester… Warum? Feuerwerke. Wieso bin ich hier? … Familienfeier….Warum? Ich weiß es nicht mehr.

„Es ist Weihnachten. Es ist Weihnachten. Es ist Weihnachten.“ „Es ist… es ist… es ist…“ „Warum?“

Auch die Stimmen in ihrem Kopf bekamen die Tage nur noch mit Mühe auseinander. Blickte sie in sich hinein so war alles Nebel. Alles war Kreisbewegung. Nichts von Bedeutung. Ein Warten ohne zu wissen worauf.

Es ist Biochemie… Könnte ich ein typisches Leben führen, wäre mein Geist nicht so verklebt? Nein. Weshalb? Auch ohne den Nebel gab es keinerlei Klarheit. Auch ohne das Kreisen war es ein Rennen im Stillstand. Auch mit Zeitwahrnehmung gab es kein Dabeisein… immer nur ein Danebenstehen… ein Versuchen… ein Nichtverstehen. Schon immer war es dieses Leben. Schon immer war es gut. Schon immer war es die Hölle. Noch nie war es „typisch“. Der Nebel macht das Ganze nur klarer. Oma ist lediglich ein Spiegelbild.

„Es ist Silvester. Silvester. Silvester.“

Mach noch was, dann brauche ich es nicht zu tun.  

***

Momentaufnahme

Lebe nur im Augenblick sagen sie…

Blicke nie zurück…
Träume nicht nach vorn…
Alles was Bedeutung hat, ist der Moment!

Doch…

Betrachte ihn nicht von allen Seiten… du verschreckst ihn bloß
Halte dich nicht an ihm fest… er verblasst zwischen den Fingern
Teile den Moment mit anderen… so bleibt er im Gedächtnis

(Jan. 2017)